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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-10-19 · 42 (19.10.1928) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
42 (19.10.1928)
Date
1928-10-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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« nur ein tiefes und weites gesellschaftlichen! Dasein, dchs aus fWj, heraus immer andere Probleme und Lösungen gebiert, die besonderen Formen und ebenso die besonderen Gedanlen der Rettgron stets aufs neue bestim-mett und umschmelzen mutz. Besätzen wir die Kraft, Propaganda großen Stils zu treiben, -Hunderttausende und Mllionett unszü amalgamierm, so ein« Gemeinschaft von gewaltiger Breite und Dichte unS anzugttedern, daß echt volchafle Existenz sich unsrer Religion darböte, so wäre daS gewiß ein Weg, das hier beschriebene Ziel zu erreichen. Es ist bekannt, daß das Judentum schon einmal — zur Zeit der Entstehung und Ausbreitung des ThristervlumS — diesen Weg gegangen rjk. Ob er heute noch möglich rst, bleibe dahingestmt. Aber wie anders ernstlich von einer Mrsiion des Judentums gesprochen werdest kann, ,st nicht vorzustellen. Uns interessiert in diesem Zusammenhang nicht das Moment deS praktischen religiösen Universalismus, da sich Menschen im Besitz, der höchsten Wahrheit von Gott per verpflichtet fühlen, sie anderen mitzuteilen, diese der eigenen Glückseligkeit teilhastig zu machen, als vielmchr der Gesichtspunkt, daß rede Religion — und gar die jüdische mit ausgeprägtem Gekneinschaftscharatter — verkümmern und schließlich versiegen muß, wenn sie nicht auf menschliche Volk- Hastigkeit trifft und eine Gemeinschaft, die aus diesem ihrem Eharatter heraus sich die wichtigsten Fragen des Lebens stellt, durchseelt. In dieser Zeitung ist letzthin mehrfach mit Recht der Verwunderung Ausdruck gegeben worden, wo denn das Judentum heute bei der Propagierung des Weltfriedensgedantens bleibe. Es ist em ganz richtiges Gefühl, daß unsere Aufgabe sich nicht darin erschöpfen könne, wenn wir nicht wemge der pazifistischen Führer aus unfern Reihen stellen, nebenbei zumeist solche, die von ihrem Zusammenhang mit dem Judentum nur noch nnen geringen Gebrauch machen. Wohl sind wir m der Lage, den Friedensruf der Propheten deklamatorisch zu wiederholen, wohl könnten wir uns als die am meisten seit 2000 Jahren geplagten und gemarterten Kriegsopfer hinstellen. Aber die Hauptsache vermögen wir nicht, in einer großen jüdischen Gesellschaft eine Massenbewegung zu erzeugen, die wenigstens den Anfang für die Verwirklichung solcher hehrer Ideale darstellt; aus dem. einfachen Grunde, weil wir uns gegen diese jüdische Gesellschaft, die große Gemeinde, in der dieser wie andre Gedanken Wurzel schlagen müssen, um Wirklichkeit zu werden, sträuben. Wir kommen zu unserm Ausgang zurück. Wie ist jüdischer Liberalismus möglich? — Gerade weil ihm der Gehalt des Religiösen nicht in der objektiven Satzung des Schulchan aruch aufgeht, die bis ins Einzelnste auf jede Frage von vornherein eine Antwort kennt, weil er vielmehr ferne Aufgabe darin sicht, das Gesamtleben in seinem ewigen Wandel und seiner unvorherschbaren Entfaltung mit Religion zu durchdringen, gerade darum muß er, wenn er überhaupt eine Bedeutung gewinnen will, ein breites Feld von Menschen tn natürlicher volkhafter Schichtung voraussetzen, um an ihnen fern Werk auch nur beginnen zu können. Auch die feinsten Blüten des religiösen Individualismus sind bedingt von diesem trefen und weiten Grunde volkhasten Mlebens, in das auch der Höchststchende — und der am meisten — seine Wurzelfafern tief hinabsentt. Darum darf der Liberale gerade aus religiösen Mottven noch weniger als der Traditionalist sich gegen das Streben verschließen oder gar chm entgegenarbeiten, etn jüdisches Gefamileben zu schaffen, in dem allein die Dolle Kraft der jüdischen Religion sich bewähren, und aus dem sie stets neue Anregungen fortschreitender Selbstformung gewinnen kann. Wie weit andere nicht religiöse Interessen fich dem entgegenstellen, das steht auf einem andern Blatt. Wir sehen 'auch die ungeheuren Schwierigkeiten, die außerhalb unsres Willens liegen, sehr deutlich,, die sich in der Gegenwart der Schaffung einer jüdischen Gesellschaft als der Grundlage religiösen Lebens entgegenstellen. Wogegen wir uns aber mtt allen Kräften auflehnen, das ist die schlimme Gewohnheit, die nun schon seit 100 Jahren besteht, aus der Not eine Tugend zu machen, sich die Augen dagegen zu verschließen, daß unsre allgemeine Asiimilierung auch die Wurzeln unserer religiösen Lebendigkeit schließlich verdorren lassen muß. Wenn der religiöse Liberalismus im Judentum wirklich eine religiöse Bewegung sein will, so muß er die Klarheit des Auges und den Mut des Willens besitzen, sich nicht von äußeren Motiven — sie mögen noch! so stark und noch so verständlich fern — das Urteil trüben zu lassen. Bor zwei Generationen war es noch möglich zu glauben, daß die Reform des Gottesdienstes oder ein Mehr oder Weniger von Riten und Zeremonien unsere Krankheiten heiler: kann. Heute steht es anders. Es nutzt uns wenig oder gar nichts, auf die großen Gedanken urid Leistungen der jüdischen Religion tu der Vergangenheit uns zu berufen, die Propheten oder die alten Weisen zu beschwören. Es handelt sich vielmehr darum, einzusehen, daß eine Religion und zwar eine bestimmte, konkrete, auf die Tauer nicht von religiösen Individuen getragen und bewahrt werden kann, sondern daß eine eigenständige Gesamtttrltur notwendig ist, um dem religiösen Bewußtsein fest umrissenen Inhalt, Kraft und Bestand zu geben. Es wäre denkbar, daß die Macht der Gemeinschastsreligion überhaupt erschüttert ist, daß die fromme Schnsucht des Menschen in der Zukunst, wie es schon in der Gegenwart fraglos der Zahllosen der Fall ist, nicht mehr in irgend einem kirchlichen Verband ferne Befriedigung findet. Kann sein, daß vann der Beitrag des Judentums in den subjektiven Stimmungen und Gefühlen da und dort recht bedeutend sein wird; denn schließlich rst der jüdische Geist durch unzählige sichtbare und unsichtbare Kanäle in das Menschheitsleben 'hineingeflossen. Glauben wir aber auch für die Zukunft an eine klare und sichere Wirküng der jüdischen Religiosität zuallererst innerhalb eines besonderen Kreises von Menschen, dann müssen wir einfehen, daß diese Wirksamkeit, wie in der Vergangenheit so auch in kommenden Zeiten, nur möglich ft innerhalb einer Gesellschaft, die erst durch andre, durch mchtreligiöse Kulturgüter geeint sein mu& damit die Religion ein einiges Betätigungsfeld findet. So war es zu allen Zetten beim Christentum, das in {ebem Volke auf besondere „nationales Eigentümlichkeiten streß und diese mit seinem Geist durchtränkte, so daß es faktisch verschiedenste Chrrstentümer und sogar zehr manigfaltige Katholizismen gibt. Und so liegt eS im Wesen der soziologischen Verknüpfung der Religion mit dem Gefamtgehalt menschlichen Geisteslebens. Ich kann verstehen, daß viele die Schwierigkeit dieser Lage für das Judentum so stark empfinden, daß sie rn dem Gedanken einer jüdischen Kultur als Voraussetzung des Lebens und der Kräftigung jüdischer Religiosität eine Utopie sehen. Das darf aber diejenrgen, die sich mit ihrem ganzen Sein für Erhaltung und Erhöhung jüdischen Geistes einschen, nicht davon abhalten, ihre Pflicht zu tun. Nachwort Bon Bruno Woyda. „Der nächste Weltkongreß des liberalen Judentums muß das Judentum aus der Vereinsamung löse», muß es wieder alseinen der allgemeinen Kultur förderlichen Faktor zeigen. Bis dahin aber gilt es, die Gemeinsamkeit der geistigen Gruud-i läge zu schaffen oder aufzuzeigen und zu vertiefen — oder, wenn das nicht möglich ist, die erforderliche Scheidung zu vollziehend" So schloß ich den „Kritischen Epilog", dm ich im Anschluß an die liberale Weltkonferenz in dieser Zeitung*) veröffentlichte. Da mein Artikel sich in wesentlichen Tellen (in ablehnendem Sinne) mtt den Gedankengängen befaßte, die Herr Rabbiner Dr. Wiener auf der liberalen Weltkvnferenz vertrat, und mir an einer Klärung lag, schrieb ich chm: „Ich würde es begrüßen, wenn Sch zu dem Jnhatt mein« Artikels „Kritischer Epilog" in unserer Zeitung Stellung nehmen würden." Herr Dr. Weener antwortete mir umgehend: „Bon Ihrer Einladung, in der Jüdisch-liberalen Zertung zu Ihren Ansführungen Stellung zu nehmm, werde ich gern Gebrauch, machen. Es wird sich dann auch Herausstellen, wie die von Ihnen nicht mit Unrecht beobachtete Lücke meiner Darlegungen in der Diskussion wesentlich auf Rechnung der Unterbrechung zu setzen ist, die ich mrr seitens des Herrn Berhandlungslerters gefallen lassen mußte. Ich bitte Sie nur, mrr Zeit zu lassen, bis die hohen Feiertage vorüber sind; dann werde ich mich gern über meine Auffassung von „liberalem Judmtum" äußern." Der Aufsatz des Herrn Dr. Wiener ist vorstehend zum Abdruck gebracht. Es muß festgestellt werden, daß sein Beitrag die aufgeworfenen Fragen nicht beantwortet, ja nicht einmal behandelt, daß er meinen Ausführungen ausweicht nftt einem Artikel, der mit seiner Rede auf der liberalen WeLtkonferenz und mit meinem „kritischen Epilog" in keinerlei innerem Zusammenhang steht. Trotzdem ist sein Beitrag loyalerwerse abgedruckt worden, wenngleich er nur die aus zionistischem Munde bekannten Gedankengänge wiederholt. Eine Klärung kann durch solches Aneinander-Borbeireden natürlich nicht herbeigeführt ^werden. Der Einfachheit halber seren hier die Absätze meines „kritischen Epilogs", die sich mit der Anschauung des Herrn Dr. Wiener befaßten, wiederholt, zumal in ihnen auch die Wrenersche Diskussionsrede im wesentlichen enthalten ist. Da hieß es: „Tr. Wiener — er beschäftigt uns hier selbstverständlich nicht als Einzelpersönlich,kett, sondern als Repräsentant eines Teils des heutigen liberalen Judentums — hat in einer Diskussionsrede seinen Standpunkt klargelegt, der ja auch aus seinem sonstigen Wirken, insbesondere aus der Schrift „Indische Frömmigkeit und religiöses Dogma", bekannt ist. Mit einer Ehrlichkeit und Klarheit, die sich wohltuend von den so oft nach vielen Seiten schön-schillernden Reden Anderer unterscheidet. Sein Gedankengang sei möglichst mit seinen eigenen Worten wiedergegeben: Das religiöse Prinzip des Liberalismus besteht nicht darin, irgendetwas mit der wissenschaftlichen Wahrheit in Uebereinstimmung zu bringen. Was mit wissenschaftlicher Wahrheit übereinstimmt, gehört in die Wissenschaft. Der Satz von dem einzig-ernen Gott wird ein Satz der Wissenschaft wie irgendein Satz vom Atomgewicht, wenn wir Nachweisen, daß Gott einzig-einig und nicht drei-einig ist. Die Wissenschaft ist atheistisch Wir haben es in der Religion mit ganz anderen Dingen zu tun, mit dem ungcheuerlichen Glauben, daß wir in einem permanenten Wunder doch etwas anderes erleben als die zu konstatierenden und in Regeln zu bringenden Tatsachen der Wirklichkeit. Wir haben uns zunächst einmal tief darin einzufühlen, daß es ein Weltüberlegenes, ein absolut Anderes gibt, demgegenüber Kultur, Wissenschaft^ Leben, ja sogar Ethik und Moral etwas Dresseisiges Md, ein Religiös- Göttliches, von dem wir überhaupt nur wissen, daß es das absolut Wertvolle ist, das, sobald wir es irgendwie zu gestalten suchen, immer unseren Händen entschwindet. Das ist das religiöse Prinzip. Der Sinn des Liberalismus ist kein Inhalt, er ist eine Methode. Wir müssen in jedem Augenblick sagen: als etwas anderes, als irgendeine welthaste Größe, als irgendetwas Kosmisches, als etwas wissenschaftlich Kontrollierbares, spricht Gott zu mir in einer offenbarungshaften. Weise. Indem ich religiös bin, bin ich zunächst völlig herausgestellt aus dem Leben, aus allem, was Leben und Kultur ist. Es kann keine'Religron geben, ohne im Innersten der Kultur gegenüber indifferenten Wert. Hat Dr. Wiener so die Prinzipien des religiösen Liberalismus, wie er sie sieht, klargelegt, so geht er nun an die Frage nach dem Wesen des jüdischen Liberalismus. Zwischen diesem Teil seiner Ausführungen und dem allgemeinen Teil scheint mir ein gewaltiger Sprung zu liegen; doch darauf will ich, hier nicht erngehen. Nur der Vollstän-, digkert halber sei gesagt, daß er nun „eine außerhalb des Religiösen stehende jüdrsche Kulturgemeinschaft in ihrer konkreten Erdhastigkeit und Umgrenzung" annimmt, aus der sich der Inhalt der jüdischen Religion bestimmt. Der Auffassung Wieners steht die religiöse Anschauung der Mehrheit im liberalen Judentum völlig konträr gegenüber, und ich sehe nicht die gemeinsame religiöse Plattform der beiden Richtungen. Die Wiener gegenüberstehende Meinung wurde auf der Konferenz wohl am klarsten von Dr. Lehmann vertreten und kam noch besonders deutlich zum Ausdruck in dem Begrüßungsschreiben der Union of American Hebrew Congregations. Es ist die Auffassung, die ihre bisher bedeutendsten Repräsentanten in Hermann Cohen und Benzron Kellermann gehabt haben dürfte. Zur Kontrastierung von der Wrenerschen Anschauung sei sie so wiedergegeben: Die Souveränität der Vernunft gebietet die Einheit der Kultur, gebietet, dem Begriff der Religion im System der Philosophie einen Platz anzuweisen. Nur ein Judentum ist exrstenzberechtigt, das mit den Grundgedanken der reinen Vernunft auss innigste verwoben ist. Es gibt keine zwiefache Wahrheit, eine für das Göttliche, eine andere für das Menschliche.**) „Was wäre, was würde die Religion, wenn sie von anderen Quellen sich wollte entspringen, sich wollte auch nur speffen lassen als von denen, die den Born der Wahrheit bilden? Was wäre, was würde die Religion, wenn sie nicht mehr Wahrheit sein sollte, sein wollte? Und wie könnte sie anders ihren Anteil an der Wahrheit gewinnen unb behaupten als durch den Anteil an der Philosophie?" „Wenn die Intuition dem Denken der Erkenntnis entgegmgestellt wird, so hat darauf schon Mephisto geantwortet: verachte nur Vernunft und Wissenschaft. Die Vernunft ist die *) Nr/36 vom 7. Sevt. 1928 **) Die folgenden Zitate sind der Schrift von Hermann Cohrn: „Ter Begriff der Religion im System der Philosophie" entnommen Vernunft der Wissenschaft. Und »venn anders bi* Religion auf Vernunft beruhen soll, so kann es für sie keine cküoere Unterlage geben als die Wffsenschast, und keki aildsvÄ Uff, lrument und Organ als die Erkenntnis. Die Previflyt der Intuition braucht man nicht erst an ihren FMHttn zu erkennen; sie enthüllen sich genugsam in ihrer Aussaat, bei der sie die Pflugschar der Erkenntnis nicht sowohl verschmähen, als vielmehr mißbrauchen. Die Verächter der Wissenschaft sind die schlimmsten Feinde der Religion" „Der Gottesbegriff entsteht für die Religion im natürlichen psimitiven Zusammenhänge mit dem Denken. Und seine geWchtliche Entwicklung vollzicht sich in der Lebendigkeit dießs Zusammenhanges, der sich immer genauer zu dem mit der Logik, wie sie in der vereinigten inneren Geschichte von Wissenschaft und Philosophie entsteht, entwickelt. Ohne Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Lostik gibt es keine Religion von geschichtlichem Charakter. Die Mystik bildet nur Seitenwege der Religion. Und ohne den Idealismus der Hypothesis gibt es keine Wissenschaft und reine wissenschaftliche Logik; daher dürfte ohne sie auch keine Religion zu erwarten sein! Die Intuition jedoch vermag keine Logik zu schaffen. Sie ist nicht nur ein Settenweg. sie ist ein Abweg des wissenschaftlichen Denkens." Hier ist also für das religiöse Erlebnis, wie es Dr. Wiener als Wesen der Religion empfindet, gar kein Platz, hier kann von der Anerkennung eines „göttlichen Prinzips, welches mit irgendeiner Wissenschaft gar nicht zu vereinbaren ist", keine Rede mehr sein. Gott ist nun nicht mchr ein Undenkbares, er ist der Garant der Verwirklichung 'des Sittengesetzes. Nun besteht nicht mehr das Religiös-Göttliche ohne Verbindung mtt der Ethik. Ethik und Gottes^ gedanke stehen in einem unauflöslichen Wechselverhältnis zueinander. „Gott lieben, heißt in der Tat nichts anderes^ als bis zur Innigkeit sich bewußt machen der Verbindung, die zwischen Ethik und Religion in den Begriffen Gott und Mensch besteht." Man glaube doch nicht, daß es sich hier nur um theoretische Divergenzen handelt, die für die Tätigkeit des Welt-, Verbandes ohne Belang sind. Die Fundamente sind verschie-, den, und die Fundamente bestimmen »vesentlich die Bauten, die auf ihnen errichtet werden können. Tie Folgerungen, die sich für die Praxis aus den Anschauungen ergeben, hindern gemeinsames Wirken, verdammen zur Unfruchtbarkett. Wiener rettet sich vor dem Verlieren im Mystizismus, indem er — nicht ganz logisch nach meinem Empfinden, doch das steht aus einem anderen Blatt — seiner Religion, damit sie eine jüdische werde, einen durch, das jüdische Volkstum bestimmten Inhalt gibt. Es ist durchaus folgerichtig, wenn er von „der nie vom Stammesgefühl abtrennbaren Religiosi-, tat" spricht, wenn er etwas Wesentliches darin sieht, „daß die jüdische Religion sich, gewollt mtt einer bestimmten Minderheit bescheidet, und zwar mtt einem fest umgrenzten Stück Menschheit, das durch, Stammesverwandtschaft sich geeint weiß" Es ist ganz selbstverständlich, daß er die traditionelle Form für verbindlich hält, daß er auf die Parole der Toleranz, die Dr. Dienemann geprägt hatte, antwortete: „Das geht nicht. Wir stehen auf dem Boden einer jahrtausendealten Tradition" Noch deutlicher sagt er es in der Schrift „Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma": „Das Zeremonialgesetz spricht es fast ausnahmslos selber aus, daß es als symbolische Hindeutung auf religiöse Wahrheiten und auf entscheidende Momente in der Geschichte des Gottesvolkes verstanden sein will. Gleichwohl gestattet es keine Abschwächung und keinen Ersatz." Und weiter: „Wenn aber tav» sächlich für Thora und Talmud und für das an ihnen orientierte religiöse Bewußtsein praktisch die Unverbrüchlichkeit des ganzen Gesetzes, trotz der theoretischen Erwägung seiner einstmaligen Ueberwindung im indianischen Zeitalter, gleich einem Axiom gilt — so drückt sich darin nur der eminent aktive, auf Wirksamkeit urrd Bewährung ausgehende Charakter der jüdischen Frömmigkeit aus. Wie eine Verabsolutierung der Forderung gottgewollten Wesens erscheint dieser Gedanke von der wandellosen Gültigkeit des Gesetzes; denn man darf nie vergessen, daß jedwede rituelle und zeremo^ nielle Vorschrift nur als Glied eines Lebenssystems verstärken werden kann, das in seiner Totalität die Bersittlrchung, die Heiligung des jüdischen Menschen zum Ziele hat. Hier heißt es wirklich: Am Anfang war die Tat. Aber auch das Ziel geht nur auf Bewährung." Und wie hier das Gebäude — abgesehen von dem Sprung, der nach meinem Empfinden zwischen Wieners Auffassung von allgemeiner und jüdischer Religiosität besteht — durch-, aus folgerichtig aufgebaut ist, so daß eine Kritik nur die Prämissen zu überprüfen hat, so ist auch durchaus folgerichtig das Gebäude, das sich aus der rationalen, etwa Cohenschen Auffassung der Religion ergibt. Nicht ob am Sonnabend oder Sonntag gebetet wird, ist von Belang. Wesentlich ist hier, daß nichts Gegenstand des Glaubens sein kann, was den Grundgesetzen der Wissenschaft widerspricht; daß keine rituelle Satzung als Gesetz in dem religiösen Bewußtsein Platz findet, daß keine rituellen Gebote den Forderungen des Moralgesetzesj als ebenbürtig an die Sette gestellt werden können; daß der Gottesdienst nach Form und Inhalt den Grundforderungen modernen Denkens entspricht, daß in ihm nicht un-> serem Verhältnis zur Logik, Ethik und Aesthetik widersprochen wird; daß als die bedeutungsvollste Form der Religion, die allein Gegenstand der allgemeinen Pflicht sein kann, de«, trachtet werden muß: die sittliche Tat." * Der Leser wird nun selbst urteilen können, ob Herr Dr. Wiener entsprechend meiner Bitte und seiner Zusage zu meinen Ausführungen Stellung genommen hat. Eins aber zeigt der jetzige Arttkel von Herrn Dr. Wiener in voller Klarheit: Daß es ein gänzlich sinnloses Bemühen ist, die Richtung Wiener mit der herrschenden Richtung im lrberalen Judentum zu gemeinsamer Arbeit verbinden zu wollen. Die Richtung Wiener gehört in den Zionismus und nicht in das liberale Judent u m. Ihr ist die Emanzipation unheilvolle Atomisierung, ihr Fortschrttt besteht darin, zunächst die letzten 100 Jahre End- Wicklung im jüdischen Denken rückgängig zu machen. WW» rend das offizielle liberale Judentum immer ttarer seine Aufgabe erkennt, die Totalität des Lübens überall Mtt jüdische religiösem Geist zu durchdringen, Wechselbeziehungen zwischen jüdischer Religiosität, modernem Leben und Menschheit überall herzustellen, ist Herr Dr. Wierrer der Auffassung, daß die jüdische Religion „verkümmern und schließlich versiegen muß, wenn sie nicht auf menschliche Bolkhastigkeit trifft und eine Gemeinschaft, die aus diesem ihrem Charakter heraus sich die wichtigsten Fragen des Levens stellt, durchseelt. Er hält eine Wirksamkeit der jüdischen Religion nur möglich „innerhalb einer Gesellschaft, die erst durch andre, durch nicht-

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