Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 42 (19.10.1928)
- Date
- 1928-10-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2613947-2613989--2900-2620425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
bändig im Applaus und Bukettswerfen an Signor Attot und de Ruda. Meistens der Berliner Jude so lächerlich!" Unzweifelhaft haben sich auch unbeherrschte Naturen anderer Bekenntnisse durck ihre übertriebene Begeisterung für die Ausländer lächerlich gemacht! Daß dem Prinzen die Beteiligung wohlhabender Berliner Juden an der ersten Korsofahrt im Tiergarten auffällt, darf nicht wundernehmen; bedeutet aber ferne Feststellung „Leider die Juden am zahlreichsten mit guten Equipagen" nicht eher einen Tadel für den mangelnden Geschmack ihrer Mitbürger —? Bekanntlich nehmen selbst fanatische Judengegner gern die Hilfe jüdischer Aerzte in Anspruch. Auch der Kronprinz berief einen jüdischen Arzt, als noch die Möglichkeit bestand, den Arm des damals vierjährigen Prinzen Wilhelm zu hellen. Der Kronprinz kennzeichnet jenen: „Dr. Meyer aus Berlin kam an, ihn gleich gesehen; er ist familiär wie alle Berliner Juden, macht aber Eindruck, in seinem Fach gewandt zu sein und prinzipiell keine unnützen Hoffnungen durch übergroße Versprechen zu erwecken. Er verheißt, daß Wilhelms Arm um vieles besser werden wird. Wachsen werde er im Verhältnis, aber nie die verlorene Länge nachholen, so daß ein Urrterschiü» in der Länge zwischen beiden bleiben würde." Die Folgezeit hat Dr. Meyer recht gegeben. Mehr den Stempel eines humorvollen Erlebnisses trägt des Kronprinzen Eintragung vom 27. Juni 1863 (vom Manöver): „In Samter Füsilierbataillon vom 1. Westpr. Oren.-Regt. Nr. 6 auf Perron, wo eine fabelhafte jüdische Damengruppe mich bMumte." Ucher Einzelpersonen finden sich außer über Dr. Meyer nur noch zwei Eintragungen. Unterm 18. Januar 1863 schreibt er: „Jüdischer Kaufmann Katt bringt mir 200 Taler Beitrag für Nationaldank; hat mir gefallen." Bei einem Tee am königlichen Familienttsche hat B e r t h o l d Auerbach aus seinen „Schwarzwälder Dorfgeschichten" vorgelesen: „mäßig", schreibt der Prinz. Ein paar Monate später, Baden-Baden, 29. September 1861: „Nach Diner B. Auerbach da, eingebildet, eitel." Auch dies Urteil hat die Folgezeit für richtig befunden Was aber bedeuten diese — im Grunde belanglosen — Aeußerungen des Thronfolgers gegenüber den gleichfalls in den Tagäüchern niedergelegten politischen Anschauungen! Seine Urteile über Bismarck werden Auffehen erregen. Hier sei nur seiner Einstellung den preußischen Juden gegen- Wer gedacht, als es sich darum handelte, diese zu richterlichen Aemtern zuzulassen. Mittels königlichen Reskripts vom 9. Oktober 1851 waren jüdische Anwärter von der richterlichen Laufbahn ausgeschlossen. Zehn Jahre später nimmt Minister von B e r - nuth die Verhandlungen über diese verfassungswidrige Behandlung von Staatsbürgern wieder auf, indem er in einer Sitzung des Staatsministeriums (25. Januar 1862), die bei Auerswald stattfindet, den Antrag stellt, Juden als Kreisrichter zuzulassen. Kultusminister von Mühler, der „das exklusive, konfessionalistische Kirchentum in kalter, juristischer Form verkörpett", hat soeben die Anstellung eines jüdischen Oberlehrers (Dr. Jutrosinski) in Posen abgelehnt. Der Minister des Innern hat gegen die Verwendung von jüdischen Beamten im Staatsdienst keine Bedenken — angestellt aber hat er noch keinen! Bismarcks Freund vonKleist-Retzow wittert hinter dem Regierungsanttage den ersten Schritt zur völligen Gleichstellung der Juden mit den andersgläubigen Staatsbürgern; er behauptet pachetisch: „Einen Staat, der die Gleichberechtigung der Juden anerkennt, muß ich als von Gott verlassen ansehen." Trotz des liberalen Einschlages seiner politischen Weltanschauung ist der Kronprinz den preußischen Junkern zu sehr geistesverwandt, als daß er sich rückhaltslos für die Anstellung jüdischer Richter aussprechen kann; er schreibt über diese Sitzung des Staatsministeriums: „Judenzulassung als Kreisrichter, leider schwer zu verneinen." Vier Wochen später beschäftigt dieselbe Frage abermals den Ministerrat, im Handelsministerium tagend. Friedrich WUhelm ist noch nicht zu klarer Stellungnahme gelangt: „Anstellung der Juden als Richter, wo natürlich Seine Majestät entgegen ist, ich auch meinem ganzen Gefühl nach, aber ich kann nicht mehr recht faßliche, triftige Gründe finden, um sie dem Andrängen der Zeit entgegenzustellen Schwierigkeit namentlich wegen der Handelsgerichte." In bezug auf die Handelsgerichte wurde das Staatsministerium bald durch die Preffe belehrt, daß Juden auch in dieser Körperschaft verständnisvoll und unparteilich ihre .Pflicht tun, wie in Kopenhagen, wo damals unter 20 Mitgliedern des Handelsgerichts drei Juden wirken; ebenso leidet die dottige Universität keinen Schaden, weil an ihr 5 jüdische Professoren amtieren l4 Mediziner, 1 Kunsthistoriker). Bei der Regierung sind 2 Etatsräte angestellt. Noch einmal kommt die Anstellung jüdischer Richter im Ministerrat bei v. d. Heydt zur Verhandlung. Der Kronprinz hat vorher eine „Besprechung mit Bernuth wegen Zulassung der Juden kommissarisch zu Richterämtern". Seine eigene Stellungnahme erwähnt er nicht; es scheint, als habe er diesem weiteren Schritt zur Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger nunmehr rückhaltslos — also nicht bloß nolens volens — zugeftimmt. Der Konflikt der Regierung mit dem Abgeordnetenhaus^ die schleswig-holsteinische Frage, die bald danach das Schwert entscheidet, Bismarcks Eingreifen und die Auseinandersetzung mit Oesterreich drängen die gesetzliche Festlegung der Gleichberechtigung der Juden mit allen übrigen Staatsbürgern in den Hintergrund. Sie erfolgt erst unterm 3. Juli 1869. In den Tagebüchern — soweit sie jetzt veröffentlicht werden — erwähnt der Kronprinz Juden und Judentum nur noch zweimal, zunächst als er nämlich nach dem erfolgreichen Kriege von 1866 an der Seite seines königlichen Vaters „in dem herrlichen Prag, das an Nürnberg erinnert", seinen Einzug hält. Die Straßen waren „so dicht Kopf an Kopf besetzt, als gälte es dem eingeborenen und nicht dem fremden, siegreichen Herrscher. Beinahe alle grüßten.... Eben war ich in der uralten Synagoge, deren Mauern aus dem 19. Jahrhundert herstammen sollen, wo ein steinalter Rabbiner, namens Rappaport, dessen Kopf und schneeweißer Bart ganz dem Rembrandtschen Stil glich, die Abendgebete las. Ein preußischer Soldat stand mitten unter den Juden, seine Gebete lesend. Der berühmte alte Judenkirchhof ist höchst merkwürdig. Jahrhunderte hindurch wurden hier die Juden begraben und nach und nach derattig übereinandergeschichtet, daß der Boden 20 Fuß höher als der der Straße gegenwättig steht." Kurz zuvor hat der bayrische Minister vonderPfordten dem Kronprinzen im Großen Hauptquartier zu Nikolsbnrg seine Aufwartung gemacht. Während Bismarck in diesem einen „ehrlichen und gelehrten, aber politisch nicht geschickten deutschen Professor" erblickt, kennzeichnet ihn Friedrich Wilhelm: „Er sieht aus wie ein jüdischer Berliner Bankier, der geadelt ward, macht aber einen geriebenen, gescheiten Eindruck." Wenn der Kronprinz in dem ersten Jahrzehnt seiner polllischen Wirksamkeit den Juden auch kein besonderes Wohlwollen entgegenbrinat, so ist er doch — wie obige Tagebucheintragungen beweisen — vornehm und aufgeklärt genug, ihnen Gerechtigkeit und Gleichberechtigung nicht zu versagen. Wie in seiner Einstellung gegenüber Bismarck und in der Frage der Annexionen, so hat er sich im Laufe dieses ersten Jahrzehnts auch in seinem Verhalten dm prmßischen Juden gegenüber gewandelt, nachdem ihn ihre patriotische Hingebung in Krieg und Friedm von ihrer unbedingtm Loyalität überzeugte. Als reaktionäre Bestrebungen im Gange warm, die verbriefte Gleichberechtigung wieder aufzuhebm, geißelte der Kronprinz die xudmgegnerische Hetze als eine „Ähmach des Jahrhunderts". Diese Parteinahme söhnt mll der Engherzigkeit seiner Frühzett aus. rlachklange zur Liberalismus und jüdische Gesellschaft Bon Rabbiner Tr. Max Wiener. Meine Worte in der Generaldebatte der Liberalen Welttonserenz Halm verschiedentlich innerhalb und außerhalb der Tagung Entgegnungen angeregt, die teils von Verständnis, teils von Mist- oder Unverständnis zeugen. Es soll darum hrer, wo ich nicht Gefahr laufe, daß am enischeidenden Punkt der Erörterung der Vechandlungsleiter unterbricht, auf das hingewiesen werden, was mir als das eigentliche Prcwlem des „liberalen Judentuins" erscheint. Der Liberale sieht sich einem Tradüionalismus gegenüberstchend. Tiefen Gegensatz hebt man nicht auf, wenn man zergt, wie in dem sogenannten überlieferungstreuen Judentum gar mannigfach zu allen Zeiten auch Entwicklung, Umformung und Neugestaltung sich geltend gemacht haben; und wie umgekehrt unser, der diesem gegnerische Standpunkt selbstverständlich nicht traditionslos ist. Denn Entwicklung bedeutet innerhalb des Traditionalismus etwas ganz anderes wie im Liberalismus. Wenn Rabbenu Gerschom die Einehe für obligatorisch erklärt, so tut er das nicht ans Grund persönlichen Fürguthaltens, sondern weil er sich, das Haupt der halachischen Autoritäten seiner Zeit, kraft der Tradition für befugt hielt und halten durfte, die Ueberlieferung in einem schwerwiegenden Moment zu cüchern. Die Tradition ist vor allem eine Tradition der Autorität und nicht eine solche des Inhalts religiöser Gedanken oder Forderungen. Die mögm sich ändern, wie sie wollm. Sie gelten dem Ueberlieferungstreuen als sanktioniert und von bindender Kraft, sobald ein Konzil von Rabbinern, das im Besitz allgemein anerkannter höchster Autorität ist, sie mit Berufung aus diese seine Befugnis verordnet. Machte man den Einwand, daß so theoretisch größte Willkür möglich ist, so wäre vielleicht auf das Beispiel des nach dem katholischen Dogma unfehlbaren Papstes hinzuweisen, der trotz feiner Unfehlbarkeit infolge Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands inneren Zwanges den Boden der Grundsätze seiner Kirche nicht verlassen kann. Mle Schwierigkeiten der jüdischen Orthodoxie von heute, die sie vielfach selber deutlich fühlt, ließen sich überwinden, wenn das Judentum noch, die Kraft hätte, eine Versammlung von synhedrialer Autorität aufzustellen, zu deren Wesen es gehörte, allgemeine Gefolgschaft zu finden. Denn das ist za das Mettwüwige an der Tradition im Sinne der Orthodoxie, daß — objektiv gesehen — sie zahllose und höchst bedeutsame innere Wandlungen erfahren hat — man denke nur an die wechselvolle Geschichte der Liturgie —, während sie subjektiv geradezu von dem Bewußtsein lebt, traft der Tora-Kenntnis und Ueberlieferung der anerkannten geistigen Führer nicht ein Titelchen der Gotteslehre prersgegebcm zu haben. Für das Leben der Religion selber aber »st dieses subjektive Bewußtsein schwerer wiegend als der objektive Sachverhalt. Liberale Religionsgesinnung — das war der Ansgang meiner damaligen Erörterung — stellt den Menschen, und zwar zeden Einzelnen, vor die große persönliche Entscheidung, ob er in sich selber die Stimme der göttlichen Offenbarung vernehmen kann. Auch das bedeutet nicht; daß etwa traditionalistischer Frömmigkeit die Ursprünglichkeit unmittelbaren Jnnewerdens abgesprochen wird, die Frische selbsteigenen Hinhorchens, ohne das es keinen religiösen Ernst gibt. Aber es ist doch gemeint, daß der Mensch sich im höchsten Grade persönlicher Verantwortung bewußt bleibt, die ihm nicht durch irgendeine äußert Autorirät abgenommen oder auch nur erleichtert werden kann. Dem Traditionalisten stiid Gedanken und Forderungen der heiligen Urkunden wesentlich aus dem Grunde göttlich, weil eine Ueberlieferung ihm den Offenbarungscharälter, die Jnspiriertheit dieser Quellen verbürgt; darum wird er ihren Inhalt, wenn er seinem Prinzip folgt, auch nur höchst begrenzt durch Wertung differenzieren wollen. Alles ist Gottes Wort: das Zeremonialgesetz hat kein geringeres Recht aus Erfüllung als die höchsten fittlichen Vorschriften. Dem Liberalen ist die Bibel heilig, göttlich, wenn und so weit er in ihren Gedanken und Forderungen den Zusammenklang ihres Geistes mit eigenem religiösen Empfinden verspürt. Es bleibt schon bei der alten Lessingschen Antithese, daß für den einen die Bibel die Religion gemacht hat, für den andern die Religion die Bibel. Das heißt aber, daß hier grundsätzlich dem Subjektivismus die größte 'Machtstellung eingeräumt ist. Diese Position wird noch verstärkt, wenn man sich überlegt, wie der Gedanke der Offenbarung, dev Urtatsache des religiösen Geistes, für diesen — den liberalen — Standort nicht aus sich selbst heraus ein festes System von Ideen und Gesetzen erzeugen kann, sondern daß diese Ideen und Gesetze von andern nicht religiösen Wesenskräften des Menschen erst produziert werden müssen, um in religiöse Beleuchtung zu rücken. Der Jude wird annchmen, daß, wenn er sich den Sinn einer göttlichen Offenbarung im Menschen verdeutlicht, er in dieser eine Aare Beziehung auf die sittliche Forderung Gottes an die Menschen findet. Ist es aber jenseits der traditionalrstischen Fiktion von der Unwandeltorkeit des ethischen Systems der Religion möglich, mehr als Welttonsecenz höchst allgemeine- Prinzipien einer wirklich nur m der jüdischen Religion gegründeten Moral zu finden? Gewiß, gibt es erne Ethil des Judentums. Will man sie aber in Rücksicht auf bte verschiedensten Lebensgebiete ausfragen auf Anschauungen über Ehe und Famllie, über soziale Gemeinschaft und wirtschaftliche Tätigkeit, so wird man sie nur da zu einer Antwort bereitfinden, wo ein starkes jüdisches Eigenleben, eine wirklich jüdische Gesellschaft, aus sich heraus die verschiedensten Probleme gestellt und gelöst hat. Dar ist der Punkt von entscheidender praktischer Bedeutung. Gerade, weil wir nicht glauben, daß die Formulierungen, die einstmals en bloc als Offerrbarung galten, und die noch heute mindestens theoretisch von dem sich so nennenden GefetzeStreuen als Norm anerkannt werden, uns zu binden vermögen, weil wir echter Entwicklung, wirklichen Wachstums, innerlicher Entfaltung, mit einem Worte: der tatsächlichen Geschichte des Geistes gewiß sind, die das Leben m feiner ganzen Breite erfaßt, gerade darum müssen wir uns darüber klar werden, woher denn eigentlich das Material stammt, an dem das religiöse Erleben seinen eigenen Fortschritt erfährt. Beleuchten wir das an Beispielen! Zugestanden, es gibt eine religiöse Wirtschastsethik. Die jüdische mag aus biblischen und talmudischen Quellen und deren Niederschlag bei den rabbintschen Dezisoreir beslillicr: werden Wie lvnnren solche festgefügten Ordnungen und Anschauungen über monomisches Verhalten anders enlstehen und sich ausbilden als in ununterbrocheieer Wechselwinnng mit allen Faktoren eines in sich relativ geschlossenen sozialen Körpers und seines Funttiomerens. Diese Wirtfchaftsmoral mag zu gewcssen Zeiten agrarisch orientiert gewesen sein, zu andren kleinbürgerlich oder handwetterhaft; man kann sie in bestimmten Stadien als die eines Pariavolkes oder als Abenteurerkapitalismus charakterisieren. Damit sie aber überhaupt etwas Konkretes und Greifbares sein soll, nicht in allerallgemeinsten Allgemeinheiten verdampft, ist unbedingt notweridig, daß ein züdisches Gemeinschaftsleben, das seine Kraft aus der ganzen Weite einer eigenen jüdischen Existenz saugt, vorhanden fei. Welchen Sinn hat es denn heutigen Tages, auf das biblische Zinsverbot und feine talmudische Unterstreichung hinzuweisen, wenn wir Juden atomisiert unter den andern sitzen und mit dem stärksten Willen nichts, aber auch gar nichts von all zenen Dingen erfüllen können? Ta steckt doch, viel mehr wirtlich züdischreligiös beeinflußte Wirtschastsgestaltung in dem Verhalten streng orthodoxer Kreise, die aus der Einsicht heraus, das Sabbatgebot im Detailhandel nicht beobachten zu können, sich auf das Engros-Geschäft geworfen und z. B. den Metallhandel bis zu einem gewissen Grade monopolisiett haben. Was ist es mehr als Archäologie, sich auf die Bestimmungen über Jobelzahr und dgl. zu berufen, sich darauf etwas zugute zu tun, baß „wir schon" vor 3000 Jahren Bodens reform gehabt haben, wenn wir jetzt gar nicht daran denken, gar nicht daran denken können, solche wohltätigen Gesetze in zeitgemäßer Umgestaltung zu verwirklichen? Sehr aktuell ist dre Frage der Regulierung der Gebuttenziffer. Man mag ferne Freude daran haben, die einschlägigen Bestimmungen der Mischna über diesen Teil der Ehemoral und über dre sexuelle Etlsik überhaupt zu lesen; aber dre Statistik ergibt, daß wrr Juden als Individuen eingestreut der uns umringenden Gesellschaft genau dort angelangt sind, wo die uns analogen sozialen Schichten der Gesamtbevölkerungen stehen. Nun kann man za gewiß gegen dies alles einwenden, daß die Nichtbesolgung ethischer Ideale nichts gegen ihre Geltung beweist. Wemr man aber mit Ernst und nicht mtt leercn Deklamationen an diese Dinge herangcht, so ergibt sich: Ebenso wie eine religiöse Moral für ihre konkrete Gestaltung ein breites mannigfach! verästeltes Volksleben voraussetzt, aus dem heraus sie sich erst bilden konnte, so bedingt ihre Anwendung, ihre ernste Realisierung, eine volle und breite Gemeinschaft. Gewiß, es gibt urrd gab im exemplarischen Sinne religiöse Menschen, homines religrosi, die fernab vom Lärm der Städte und dem Getriebe des Marktes nur dem Gedanken an ihren Gott geltttt haben urrd leben. Aber wie diese Mönche urrd Eremiten trotz ihrer höchsten Schätzung rm Katholizismus doch nur eine Existenz am Rande des Christentums geführt haben, das immer den größten Wert darauf gelegt hat, das Volt als solches zu durchdringen, eine christliche Gesellschaft, einen christlichen Staat zu fchaffen, wie auch die Einrichtung des modernen weltlichen liberalen Staates dre Kirchen — katholische, wie protestantische — nie von dem Anspruch abgebracht hat, mit ihren geistigen Kräften dem Gesamtgeist einer Nation zu erfassen, so und in diesem Srnne kann keine Religion, die nicht Redensart, sorrdern Verwirklichung sein will, darauf verzichten, Volksreligion zu werden. Die Streiterei über den universalen oder nationalen Charakter des Judentums sollte man endlich auf sich beruhen lasten. Daß seine Ideen und sittlichen Forderungen von allmenschlicher Geltung sind, ist selbstverständlich. Aber mcht dieser Tatbestand ist von praktischer Bedeutung, sondern vielmehr das Problem, wie kann das Judentum seine Verwirklichung erfahren? Es soll gar nicht die noch heute b-ostehende Kraft seiner Ausstrahlungen nach außen geleugnet oder unterschätzt werden, — die Hauptfrage ist doch: wie wirkt es auf die Juden felber? — Und da ist zu antworten, ferne Wirkungskraft mutz sich dem Nullpunkte nähern, wenn wrr unsere Atomisierung als etwas Selbstverständliches hrnnehmen oder gar wünschen und befördern; denn »vir berauberr uns so des fruchtbaren Bodens, aus dem altern Gvfkllschaftsleben entstehen und wachsen kann, das die Religion ergreift und dnrchdrmgt. Hier ist gar nrcht von irgend einem spezifisch natronalen Charakter der jüdischen Religion die Rede, aus dem heraus etwa Pflege und Förderung jüdffchen Volkstums zu verlangen wäre. Sondern gerade als liberaler Jude glaube ich an die ewige Unvollendung aller religiösen Ideen und sittlichen Vorstellungen in concreto itnb bin davon überzeugt, daß