Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 42 (19.10.1928)
- Date
- 1928-10-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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/ folgender unglückseliger Konsequenz führen müßten: Wenn die Sowietregrerung dem russischen Juden keine volle Gewissensfreiheit gibt, wollen wir chm keine materielle Hilfe gewähren. Wir wollen nicht mißverstanden werden. Es ist selbstverständlichdaß wir als religiöses Blatt die gegenwärtig bet den russischen Juden bestehende Indifferenz aufs tiefste beklagen. Es ist selbstverständlich, daß wir antireligiöse Propaganda überall bekämpft zu sehen wünschen. - Was uns von Herrn Tr. Freund bei seinem neuesten Plan trennt, ist im tiefsten Grunde unser Wissen davon, daß man Religion nicht exportieren und nicht importieren kann, daß man Religion nicht verordnen, und nicht durch Verträge fördern kann. Walther Rathenau hat lurz vor der deutschen Revolution einmal gesagt: „Es ist seltsam, wie wenig unser« Zeitgenossen begreifen, daß ein Zeitalter versunken ist und daß von dem Glanze jener Tage nichts wiederkehrt." Vielleicht wäre ohne die Allmacht der Orthodoxie in Rußland der religiöse Zusammenbruch nicht so katastrophal gewesen. Herr Tr. Freund sieht die jüdischen Kolonien in Rußland, er vermißt das Kaschruth, vermißt die Beobachtung des Sabbath und der Feiertage, vermißt den Religionsunterricht. Und vergißt, daß Einrichtungen nicht Gesinnungen schaffen, sondern von ihnen geschaffen werden. Uns scheint es wahrlich nicht verwunderlich, daß bei einem Neuwerden, wie es sich in Rußland voll-, zieht, wo die Formen des nationalen, des wirtschaftlichen, des gesellschaftlichen, des geistigen Lebens sich wandeln, auch die Formen der Religion dem Wechsel unterliegen. Wenn der Dampf der Revolution verraucht sein wird, wird die jüdische Religion wieder in dem Lcken der ruffischen Juden, wenn auch vielleicht in neuem Gewände, wach werden. Die Lösung der religiösen Krise des russischen Judentums kann heute nur aus Sowjetrußland selbst heraus gelöst werden. Wer von den ewigen Wahrheiten des Judentums überzeugt istwem jüdische Religiosität nicht mit der Beachtung jüdischer Bräuche identisch ist, der wird nicht zweifeln, daß die jüdische Religion in Rußland wieder in Erscheinung treten wird, wenn das menschliche Recht auf 'Gewissensfreiheit und Religionsübung dort wieder respektiert werden wird. Diese Frage aber zu verkoppeln mit der Rettungsaktion für die Ostjudenheit bedeutet die Beschreitung eines gefahrvollen Irrwegs, vor dem aus mannigfachen Gründen, von denen hier nur einige genannt werden konnten, mit aller Entschiedenheit gewarnt werden muH. B. W. « Aus den Gemeinden * Aachen. (Das Rowdytum der Hitlerleute.) Die Hillerleute treiben es in den letzten Wochen bunt. Sie überfallen meuchlings friedliche Spaziergänger und stören so den Frieden unserer Stadt empfindlich. Es ist erfreulich, festzustellen, daß die Aachener Presse das üble Benehmen verurteilt. Aachen. (Konzert.) Der Kath. Gesangverein „Liederkranz" unterhielt am vergangenen Sonntag von 4—6 Uhr die Insassen des Jüdischen Altersheims durch ein prächtiges Konzert. Diese aus eigenem Antrieb erfolgte schöne Tat sticht erfreulich ab von dem Übeln Gebahren der Völkischen. Anllam ». P. (Enthüllung einesGesallenen-Denkmals.) Ein schönes Beispiel toleranter und paritätischer Gesinnung, war die Einweihung des von Prof. Aug. Kraus, Berlin, geschaffenen Denkmals für die Kriegsgefalienen von Stadt und Kreis Anklam. Obwohl die hiesige jüdische Gemeinde nur 15 Familien umfaßt, aus deren Mitte 4 Krieger den Tod fürs Vaterland erlitten haben, wurde dem Vorsteher der Gemeinde, Herrn Arnold Neumann, vom städtischen Denkmalsausschuß nahegelegt, einen Rabbiner neben den Geistlichen der beiden christlichen Konfessionen sprechen zu lassen. Auf Veranlassung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden hatte es Herr Prediger Dr. Karl Rosenthal von der Jüdischen Reform- Gemeinde Berlin übernommen, die jüdische Religionsgemeinschaft zu vertreten. Bei strahlendem Sonnenschein ging die Feier vor einer dreitausendköpfigen Menschenmenge vor sich. Zahlreiche militärische Organisationen, vaterländische Verbände, Reichsbanner Schwarz-rotgold, Feuerwehren, Gesang- und Berufsverein-igungen nahmen mit ihren Fahnen teil. Vorträge der bereinigten Gesangvereine leiteten die Feier ein. Nach der Weiherede des Bürgermeisters Bauer fiel die Hülle. Dann sprach für die evangelische Bevölkerung Herr Superintendent Jungmichel, für die katholische Herr Pfarrer Anders Worte des Gedenkens. Hiernach bestieg als Vertreter des Judentums Prediger Dr. Rosenthal die im Freien errichtete Kanzel. Er sprach von dem großen Kriegserlebnis, das alle Gegensätze überbrückte und betonte, daß eine wirkliche Ehrung der Toten nur darin bestehe, über alle trennenden Schranken der Parteien, Gruppen und Konfessionen hinweg den Wiederaufbau des deutschen Vaterlandes im Geiste des Friedens zu fördern. An die Worte des Rabbiners schloß sich der Gesang der 1. und 3. Strophe des Deutschlandliedes. — Die harmonisch verlaufene Feier, hie sicherlich zur Förderung des konfessionellen Friedens beitragen wird, hinterlicß bei der gewaltigen Menge der Teilnehmer einen tiefen Eindruck. Berlin. (Liberaler Gottesdienst in Westend.) Der Liberale Synagogenverein Westend ist mit seinen Vorarbeiten für die Freitagabendgottesdienste so weit vorgeschritten, daß mit dem Beginn in der ersten Novemberhälfte zu rechnen ist. Die Andacht beginnt regelmäßig um 7.16 Uhr und wird jedesmal mit einer Predigt verbunden sein. Der Ritus entspricht dem der Liberalen Synagoge Norden und der Liberalen Synagoge Wilmersdorf. Berlin. (Repräsentantenversammlung.) Am 11.Oktober fand eine Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde statt. Eine Anfrage der Liberalen Fraktion, weshalb die vor längerer Zeit in den Orgelsynagogen eingeführte deutsche Vorlesung des Thoraabschnittes in Fortsall gekommen ist, wurde von Dir. Dr. Gutmann begründet. Für den Gemeindevorstand sagte Kommerzienrat Simon Wiederherstellung des früheren Zustandes zu, der nur rm Krieg infolge der damals herrschenden 'Kohlenknappheit und der dadurch gebotenen Verkürzung des Gottesdienstes geändert worden sei. In einer weiteren Anfrage der Liberalen Fraktion! wurde um Auskunft gebeten, wie weit die Verhandlungen der Kommission zur Verhütung von Austritten, Taufen und Mischehen gediehen sind, evtl, welche Maßnahmen getroffen worden sind. Die Anfrage wurde von Kammergerichtsrat Wolfs für den Gemeindevorstand eingehend beantwortet. In der anschließenden Aussprache betonten von liberaler Seite Dr. Fleischer und Dr. London, daß es wesentlich sei, ein statistisches Büro der Berliner Jüdischen Gemeinde einzurichten, damit das erforderliche Material über die jüdische Bevölkerungsbewegung in Berlin geschaffen werden könne. Konferenzen und Kommissionen nützten in dieser Frage, was auch von Professor Türk betont wurde, nichts. Bon Bedeutung sei insbesondere auch di« Pflege des jüdischen Teils in bestehenden Mischehen und die Einwirkung zur jüdischen Kindererziehung in solchen. Die gesamten Fragen, di« auf diesem Gebiet zu lösen seien, müßten bei Vorhandensein der erforderlichen Unterlagen von einem Rabbiner behandelt werden, der ausschließlich mit diesen Aufgaben betraut werden sollte. Vielleicht könnten auch an die Gründung von Professor Hanauer, die ein Gegenstück zu der in der katholischen Kirche bereits bestehenden „Kebu" (Katholischer Ehebund) werden könnte, Hoffnungen geknüpft werden. Marcus betonte, daß die Frage der Mischehen wesentlich auch eine soziale Frage sei und empfahl dementsprechend soziale Maßnahmen wie Erleichterung der Heimgründung für jüdische Eheschließende usw. zu ihrer Bekämpfung. Die Aufgabe müsse sein, aus indifferenten Juden interessierte zu machen, dann werde die Zahl der Mischehen von selbst abnehmen; auch aus diesem Grunde sei cs bedauerlich, daß die Mehrheit der Repräsentanbenversammlung die Sonntagsfeiern, die der Behandlung von Gegenwartsfragen dienen sollten, abgelehnt habe. Zu scharfen Auseinandersetzungen kam es schließlich, als Professor Loewe Zusammenhänge zwischen dem jüdischen Liberalismus, der Jüdischen Reformgemeinde und der Zahl der jüdischen Mischehen zu konstruieren sich bemühte. Professor Türk wies diese Anwürfe mit Entschiedenheit zurück und betonte, daß nunmehr doch seit einer Generation der Zionismus bestehe, daß seit 30 Jahren die Zionisten von der „Renaissance des Judentums" sprechen und daß trotzdem in dieser Zeit die Zahl der Mischehen in ganz besonderem Maße zugenommen habe. Ans eine Anfrage über den Stand der von der Berliner Jüdischen Gemeinde veranstalteten neuen deutschen Bibelübersetzung wurde vom Borstandstisch mitgeteilt, daß die ersten 4 Bücher des Pentateuch, sowie die Bücher Josua, Könige, Jeremias u. a. m. bereits fertig vorliegen. Herr Professor Loewe ergänzte diese Mitteilungen durch eine Darlegung der wissenschaftlichen und technischen Momente dieses Uebersetzungswerkes und führte aus, man müsse mit besonderer Sorgfalt zu Werke gehen, wo es gilt, eine deutsche Ausgabe der Bibel herzustellen, die dem allgemeinen Verständnis entgegen kommen und zugleich höherer wissenschaftlicher Kritik standhalten soll. Als Repräsentant wurde auf Vorschlag der Liberalen Fraktion in den Synagogen-Vorstand des Friedenstcmpels Herr Alfred Jaulus gewählt. Ferner wurde ein Antrag angenommen, nach dem in den Etat des nächsten Rechnungsjahres ein Betrag zur Verlegung des Almemors in die Mitte der Alten Synagoge eingesetzt werben soll. Der Gesellschaft für Gesundheitsschutz „Ose" wurde eine Subvention von 3000,— Mark, dem Arbeitersürforgeamt «ine solche von 7000,— Mark bewilligt. Der Vorstand soll der Repräsentantenversammlung eine Vorlage zur Errichtung einer Poliklinik in der inneren Stadt, zunächst zum mindesten mit innerer und chirurgischer Station unterbreiten. In Berlin-Schöneberg soll eine Zweigbibliothek der Jüdischen Gemeinde errichtet werden. Eine Vorlage des Gemeindevorstandes wünschte die Zustimmung der Repräsentantenversammlung zu seinem Beschluß, der Reformgemeinde di« grundsätzliche Bereitwilligkeit zu erklären, die Kosten für einen Synagogenbauplatz und Neubau der Reformgemeinde im Westen Berlins auf die Gemeinde zu übernehmen unter Vorbehalt der Prüfung der Angemessenheit der Ausgaben und ferner unter der Voraussetzung, daß das jetzige Grundstück der Reformgemeinde in der Johannisstraße der Gemeinde übereignet wird. Diese Vorlage wurde auf Grund einstimmigen Beschlusses vertagt. Die mit ihr verknüpften finanziellen Fragen sind noch zu klären. Berlin. (Persönliches.) Seinen 80. Geburtstag begeht am 22. Oktober der allseitig geschätzte Stadtälteste und Stadtrat a. D. Leopold R o s e n o w, der als Führer der Berliner Kommunaldemokratie sich um die Geschicke der Stadt Berlin erhebliche Verdienste erworben hat. Als Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses, des Magistrats, der Stadtverordnetenversammlung und der Handelskammer hat er auf den verschiedensten Gebieten seine Fähigkeiten in den Dienst der Allgemeinheit gestellt und weder Mühe noch Arbeit gescheut, um insbesondre das Los derer, die ein Dasein im Schatten des Lebens zu führen haben, zu bessern. Leopold Rosenow ist sich stets der Verbundenheit mit der jüdischen Religion bewußt geblieben und noch heute bekennt er sich stolz und aufrichtig zu dem jüdischen Liberalismus. Am gleichen Tage begeht der erste Borsitzende der Berliner Repräsentantenversammlung, Geheimrat Dr. Julius Stern, seinen 7b. Geburtstag. Geheimrat Stern, der bis zu seinem Ausscheiden aus dem Gemeindevorstand der liberalen Richtung der Gemeinde angehört« und bis zu seinem 70. Geburtstage Vorsitzender des Gemeindevorstandes war, gehört heute der mittelparteilichen Fraktion an. Während seiner Tätigkeit im Genreindevorstand erwarb er sich besondere Verdienst« um gottesdienstliche Angelegenheiten der Gemeinde und um die Erledigung ihrer Verwaltungsausgaben sowie als Leiter des Schul- und Talmud Thoravorstandes und als Vorsitzender der Waisen-Kommission. Am 21. Oktober begeht der stellvertretend« Vorsitzende des Gemeindevorstandes und Finanzdezernent der Gemeinde, Georg. Kares kr, seinen 50. Geburtstag. Er ist insbesondere auch als Mitglied des Engeren Rates im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden tätig. Berlin. (Beratung der Vertreter der gesetzestreuen Sy nag og en gemeinden.) Am 10. Oktober traten in Berlin der Vorstand und Ausschuß des Bundes gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands und die des Preußischen Landesverbandes gesetzestreuer Synagogengemeinden (Sitz Halberstadt). zu gemeinsamer Beratung zusammen. Der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Auerbach-Halberstadt, erstattete den Tätigkeitsbericht und gab eine Uebersicht über die Verhandlungen mit Reichs- und Landesbehörden und mit jüdischen Organisattonen. Zur Finanzlage lag ein schriftliches Referat des persönlich behinderten Kassenwarts, Herrn S. Strauß-Halberstadt, vor. Ueber den Inhalt eines Entwurfs zum preußischen Juden-Gesetz berichtete ausführlich Rechtsanwalt Dr. Birnbaum-Berlin. Was die zwischen den beiden Landesverbänden (dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, Sitz Berlin, und dem Preußischen Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden. Sitz Halberstadt) geführten Verhandlungen über den Gesetzentwurf betrifft, so sei eine Unterbrechung eingetreten. Infolge der unerwarteten Einreichung eines Entwurfs an die Regierung seitens des Berliner Verbandes sei die sofortige Uebergabe des eigenen Entwurfs für den Halberstädter Verband notwendig geworden. Di« weitere Entwicklung sei abzuwarten. Die Versammlung beschloß in diesem Sinne. Gegenstand weiterer Verhandlungen waren Subventionen, Ausbildung von Bolksschullehrern, Religionslehrern und Schochtim. Berlin. (Jüdische Reichsbeamte und -Angestellte an den Feiertagen dienstfrei.) Wie der Herr Reichsminister des Innern der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände des deutschen Reiches mitteilt, ist für die Reichsbehörden die Anordnung getroffen worden, daß Anträgen von Beamten, Angestellten und Arbeitern, sie zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse an den drei höchsten jüdischen Feiertagen (den beiden Tagen des Neujahrsfestes und dem Tag des Bersöhnungsfestcs) ganz vom Dienst zu beftcien, stattzugeben ist, soweit die Dienstverhältnisse es irgend gestatten. Berlin. (Habimah-Zehnjahrfeicr.) Herr Generalkonsul Eugen Landau und das Berliner „Habimah"-Sckretariat hatten für Sonntag, den 14. Oktober, abends, zur Feier des zehnjährigen Bestehens des gegenwärtig in Palästina wirkenden hebräischen Theaters „Habimah" eingeladen. Herr Generalkonsul Eugen Landau begrüßte die Festgäste, kennzeichnete den Rang der „Habimah" in der Welt der Kunst und appellierte an die Anwesenden, daran mitzuwirken, daß dieses Theater ein ständiges Heim in Palästina finde. Herr Wilftied Israel unterstrich die Notwendigkeit einer ständigen Heimstätte für die Habimah. Nachdem das frühere Mitglied der Habimah und jetziges Mitglied der Berliner Staatsoper, Iso Gollant, hebräische Lieder und eine Szene aus „Hadybuk" vorgetragen hatte, sprach der Dichter Arnold Zweig über „Erneuerung der Habimah". Der bekannte Kritiker Alfred Kerr sagte ungefähr: Die Habimah, mag sie fern von uns weilen, ist uns nicht Phantom, sie ist uns nahe und wird bald wieder mitten unter uns weilen. Habimah-Kunst ist Volkskunst, urhaft, adlig, sie ist heiliger Ernst, furchtlose Wahrheit, reine Bcrgluft, im Exil: ein todernster Klang. Sie spricht die Sprache, die Gott geredet hat zu den Menschen, die Sprache des Volkes, das heute noch einen Albert Samael Einstein hervorgebracht hat. Jeder ist heilig am Werk. Lasset diese Mauer nicht zerfallen, arbeitet an ihrem Fortbestehen von ihrem 10. bis 100. Jahre. Unter höchster Spannung der Zuhörerschaft ergriff dann zu einer kurzen Ansprache Generalintendant Leopold Jessner das Wort. Die Veranstaltung dürste wesentlich den Zweck verfolgt haben, den von der Jüdischen Volkspartei in der Berliner Jüdischen Gemeinde gestellten Antrag auf Subventionierung des hebräischen Theaters Habimah zu unterstützen. Danzig. (Antisemitismus an der Universität.) Die Danziger Zeitung „Volksstimme" berichtet über einen Uebersall hakenkreuzlerischer Studenten auf jüdische Studierende der Technischen Hochschule, der ein gerichtliches Nachspiel hatte mit dem Resultat, daß die überfallenen jüdischen Studenten als „Ruhestörer" bestraft worden sind. Die Zeitung greift das Urteil der deutschnational gesinnten Richter heftig an. An der Danziger Technischen Hochschule zählte man im vergangenen Semester unter 1600 Studierenden 80 Juden, d. s. 5 o/o der allgemeinen Studentenzahl und 1 o/o der mehr als 8000 Seelen zählenden Judenschaft des Freistaates. Dem als Antisemiten bekannten Professor der Nationalökonomie, Dr. Lembke, der einen: jüdischen Studenten aus dem Lehrsaal hinausgeworfen hat, wurde nach durchgeführtcr Disziplinaruntersuchung seitens des Rektorates des akademischen Senats die Lehrbefähigung für die Dauer eines Semesters abgesprochen. «Die Nacht auf dem alten Markt" Gastspiel des Moskauer Jüdischen Akademischen Theaters im Berliner „Theater des Westens". Während bei den bisherigen Aufführungen der Granowsky-Truppe die Unverständlichkeit, bezw. Schwerverständlichkeit des uns fremden jiddischen Dialektes auf das allerempfindlichste störte, wird hier, — wo es sich um eine musikalisch-phantastische Pantomime handelt, — die außerordentliche Kunst des Ensembles in hohem Maße sinnfällig, ja unvergeßlich'. . . . Der alte Markt eines^ kleinen galizischen Judenstädtchens mit winkligen Gassen und baufälligen Häusern, eingerahmt vom Inhalt und Ziel des sehnsuchtverkrampsten jüdischen Seins, dem Bethamidrasch und dem Friedhof, mit drohenden, schiefemporgereckten Grabsteinen, just zwischen Abend- und Morgttwämmerung, wird sichtbar. Spukhast zieht in rasch vorüberhuschenden Bildern das ganze Leben der Ghettobewohner, dieser im Alltag werkelnden und in metaphysischen Träumereien visionierenden Menschen an uns vorüber. Dann ist es Mitternacht, und der tolle Zauber einer Art chassidischen Walpurgisnacht beginnt. Ein tieffinnig-groteskes Spich gewoben aus uralten, talmudischen Weisheiten und lyrischphilosophischen Ironien. Zwei Narren regieren die Welt. Nach ihrer Pfeife, nach dem Winken ihrer Tücher, müssen alle tanzen. Sie find die wissenden Spötter, die an der göttlichen Güte qualvoll Verzweifelnden. Das Leid konnte sie aber nicht still und milde machen, sondern hat ihnen nur das grelle, irrsiw-, nige Lachen der alles Erkennenden gelassen; für sie ist alles Leben, wie für Leopardi, nur zweckloses, sinnloses Vergehen und Verwesen. „Gott ist bankrott!" schreien sie in die Nacht hinaus und locken dann schadenfroh die Gestorbenen aus den Gräbern. — Grauenhafte, von Verwesung entstellte Leichen kriechen dann aus der Erde. Bei Progromen Gemetzelte zeigen ihre blutigen Säbelwunden. Gerippe und Vermummte in Leichentüchern möchten noch einmal ein Stück blutwarmen Lebens erhaschen. Tie Kunst des Maske-Machens verstehen diese jüdischen Schauspielen besser, als sämtliche Akteure irgendwo anders. Einem alten Goya, einem modernen K u b r n würde eine Gänsehaut über den Rücken lausen, wenn sie die von Moder zerfressenen Leiber, dieses Totenhochzeitspaar, diese skurrilen Karrikaturen der Leichen und Gespenster Abgeschiedener mit steifen, klappernde:: Gebeinen ihrem albdruckhasten Traumreigen tanzen sehen würden. Tie Verblichenen schreien nach Erlösung, nach dem ihnen einst verheißenen Messias. Ms aber der Morgen aufdämmert, bannen die Batchen sie wieder in ihre Gräber. Ach! sie möchten nicht wieder zurück in die kalte Erde, in ihr Nicht-Sein! Aus den Hügeln -eroor winken noch die Arme der sehnsüchtig nach dem Leben Zurückverlangenden. Es hllst ihnen nichts! Der jüdische Totentanz i)i keine galgenhumorig-idyllische, deutsche Gemütlichkeit, wie bei Goethe oder dem spaßhaft-mittelalterlichen Holbein. Tie Verstorbenen müssen unerlöst weiter ihre sinnlose Schaltenexistenz nach einem widerlichen Leben voll Qual und Mühe tragen. Mit müdem Lächeln sehen die beiden Narren aus die Grabsteine, die in der Morgensonne funkeln, als sei Nachts garnrchts vorgesallen. Und der Alllag beginnt von neuem. . . . — Es ist ganz erstaunlichmit welcher Virtuosität der Regisseur Granowskh seine szenischen Mittel beherrscht. — Wie die Bewegungen der Menge ins Tänzerische- Bunte, Einheitliche ansgelockert sind, — das ist zweifellos bedeutende Kunst! Und trotz des ausgezeichneten Ensemblespiels, das man all den jüdischen Individualisten doppelt hoch attrechnen mußist jede Maske verschieden, spielt jeder Einzelne mtt erschütternder Hingabe und vermeidet strikt und mit Erfolg jegliche Schematisierung. Falsch und irreführend ist es jedoch, von spezifischjüdischem Theater und einer eigenen jüdischen Schauspielkunst zu sprechen. Was wir hier auf der Bühne sehen, ist rujfische Kunst, ist gut gelungene Schule der genialen Stanislawki'schen Regie-Technik, ist das expressionistisch-ekstatische Theater Tairoffs. Allerdings durch jüdische Jntäligenz gesteigert, durch jüdische Individualitäten merkwürdig nüanctert. - Durch Kunst dieser Art ist das deutsche Theater bereits hindurchgegangen, es hat ihre Auswüchse längst überwunden! Es hat heute schon eine höhere Stufe erreicht! Tie deutsche Bühne strebt nach einem eigenen, schlichteren Stile des gestalteten Wort-Sinnes von rein geistigem Gepräge, das von der Fetzentechnik des Nachkriegsexpressionismus zwar gelernt hat, von dessen Stegreif - Willkür und Unrvelmäßigkeit jedoch loszukommen sucht; wollte sie nur ysterischen Bewegungsausdruck nachahmen, — was übrigens gar nicht möglich und angebracht erscheint, — so würde bei uns rasch: unerträgliche Manier daraus werden, und man würde bald die Kehrseite dieser mimischen Bewegungskunst mit ihrer oft ungenügenden Klarheit und Geistigfett erkennen. Die Leistungen der Granowsky-Lente verdienen gewißebenso wie. die der Habima-Truppe hohes Interesse und große Anerkennung. Was sie aber nicht hocken und ja auch nicht haben können, ist der ganz und gar eigene Stil und die dazugehörige eigene Dichtkunstwelche, wie etwa die im England der Shakespeare-Epoche oder im Spanien der Calderon- Zeit ihre Wurzeln im Volklich-Nationalen hatten, ihre Aeste und Zweige jedoch Über die ganze Erde erstrecken konnten. Dr. Ludwig Davidsohn-Berlin.