Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 41 (12.10.1928)
- Date
- 1928-10-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Mainz. (TddessLll.) Der bekannte jüoische Gelehrte Oscar Lehmann, der besonders durch seine Hagadah-Uebersetzung hervorgetreten war, ist in der Nacht von Montag zu Dienstag in seiner Vaterstadt Mainz gestorben. Erst vor einigen Monaten hat Oscar Lehmann seinen 70. Geburtstag gefeiert. Recklinghausen. (Persönliches.) Im 40. Lebensjahre der-- starb zu Frankfurt a. M. der Vorsitzende der hiesigen Synagogen Gemeinde, Herr Rechtsanwalt I. Bachrach. Die Gemeinde beklagt den frühen Heimgang dieses trefflichen Glaubensgenossen, der, mit hohen Geistesgaben und aufrichtigem, gewinnendem Wesen ausgestattet, sich mit selbstloser Hingabe in den Dienst aller gemeinnützigen Interessen stellte, dessen frühes Ableben also auf vielen Gebieten eine schwer auszufüllende Lücke hinterließ. In Kassel tvu rde die irdische Hülle des Verblichenen zur letzten Ruhe gebettet. . Landrabbiner Dr. Walter und der Lehrer und Kantor der hiesigen Gemeinde widmeten dem Heimgegangenen herzliche Worte der Würdigung. Wiesbaden. (Aus dem Gemeindelebe n.) Das Jüdische Lehrhaus, hier, das den Mittelpunkt des jüdischen geistigen Lebens in unserer Gemeinde darstellt, wird in diesem Winter einen Zyklus von Vorträgen veranstalten über das Thema: ..Der Beitrag des Judentums zur Kultur der Gegenwart". Ausgehend von der heutigen Kulturkrise soll in diesem Zyklus gezeigt werden, daß das Judentum als eine der großen Weltreligionen zu allen Problemen der Gegenwart Stellung nehmen muß. Folgende Vorträge sind angesetzt: „Die Krisis unserer modernen Kultur" (Rabbiner Dr. Italiener-Hamburg), „Staat, Welt und Bürger" (Rabbiner Dr. Dienemann Osfenbacbl: „Mensch und Recht" (Rabbiner Dr. EschelbacherDüsseldors): „Arbeit und Wirtschaft" (Rabbiner Dr. Dienemann-Offenbach); „Das moderne Sexualproblem" (Rabbiner Dr. Lazarus-Wiesbaden). Zur Vertiefung des behandelten Stoffes werden Arbeitsgemeinschaften gebildet, die in kleinem Kreise Gelegenheit geben sollen, durch Frage und Antivort sich eingehend mit der Materie zu beschäftigen. Ein Vortragsabend über das Thema: „Schöpferische Mitarbeit der Juden in der zeitgenössischen Musik" unter Leitung des Herrn Lehrer Lilientlml-Wiesbaden wird die Winterarbeit des Lehrhauses beschließen. Sonntag, den 14. ds. Mts., findet hier die Tagung des Hessischen Landesverbandes jüdischer Jugendvercine statt. Im Mittelpunkt stehen zwei Referate: Dr. Karger-Breslau: „Die Arbeit der Jugend an der Neugestaltung der jüdischen Gesellschaft" und Dr. Lazarus- Wiesbaden: „Jüdische Jugend — ihr Sinn und ihr Schicksal". Kedb 8ekeinäel Von Paul Joachim 011 e n d o r f f - Barmen. .(1. Fortsetzung) Chaim Bendel und Rebb Scheindel waren Freunde. Die ganze Judenstadt wußte es und wunderte sich. Seltsam auch. Der mürrische, verschlossene Kauz, aus der Fremde hergezogen, und der fromme Sohn der Prager Stadt, was hätten sie gemeinsam haben können? Waren nicht ihre Gedanken, ihr ganzes Tun und Sinnen, eins dem anderen fremd? „Alles ist Gott“, sprach Rebb Scheindel, und seine Stimme hatte einen weichen Klang. „Mein Haus und meine Arbeit, Weib, Kind, der Tag, das Licht, alles ist Gott. Und meine Wege liegen in ihm versunken, wie der Sonnenstrahl in seinen Himmeln. Dumpf und eng sind unsere Gassen, aber draußen fließt der Strom, draußen liegt das weite Feld. Der Wald mit seinen Kronen und die Flur. Warum sind unsere Häuser Hütten und unsere Straßen Winkel? Warum zieht man die Mauern um uns auf und riegelt eiserne Tore ab? Im Staube liegt das wunderbare Korn der Saat. Hat nicht der Urheilige sich stets im Kleinen und im Aermsten offenbart? Waren wir nicht groß, als wir elend waren, rauschte nicht der Flügelschlag um uns, wenn wir den Nacken beugten? Wo wäre die Unendlichkeit, wenn sie nicht herniederstiege in den Dunst und von der Not die Schleier nähme, damit der Blick sich langsam aus der Tiefe wendet?“ Rebb Scheindels Augen glühten, aber Chaim Bendel, zu dem er sprach, zuckte auf. Seine Blicke glitten durch das Zimmer, es war, als mieden sie Rebb Scheindels Augen — sie sahen auf das Buch, das auf dem Tisch lag, und es schien, als stumpften sie sich mehr und mehr. Sie saugten gleichsam ihr eigenes Glühen ein, und ödeten den eigenen Glanz. Rebb Scheindel aber hob die Hand, hielt sie hin und seine Seele zitterte. Chaim Bendel keuchte leise, schwer schlug er ein. Aber er sprach nicht mehr, er stand auf, murmelte ein paar Worte und ging. Und krachend schlug das Haustor hinter seinen Schritten zu. Wenn er dann ins Freie kam und über sich Wolken und Himmel sah, lachte Chaim Bendel auf. Eine Wildheit kam über ihn, irgend ein Alp löste sich von seiner Brust, seine Augen weiteten sich, als wären sie von einer wilden Gier erfüllt, geduckt schlich er weiter. In seiner Behausung schlug ihm die modrige Luft entgegen, er warf sich ungekleidet auf sein Lager, fand keine Ruhe, die Gedanken zerrten und rissen durch sein Hirn und peinigten ihn. Wenn er das fahle Talglicht anzündete, tanzten grinsende Grimassen auf ihn zu. Sie öffneten ihre Mäuler und daraus quollen schreckliche Worte — im Dunkeln wuchs von den nackten Wänden eine grenzenlose Oede, irgend etwas wirbelte um ihn her, rührte Werkzeuge an, hob Eisen und Hammer auf und klirrte — es war, als flösse ein Blutstrahl durch den Dämmer. Chaim Bendel stöhnte. Er schlug sich an die Brust, und über seine Lippen kam ein Fluch. Ein Haß zerwühlte ihn, drang durch alle seine Sinne — es war kein Haß, mit dem man neidisch ist auf fremde Dinge oder begehrt mit irgendwelcher Lüsternheit, es war der Bluthaß seiner Seele, die zerrissen und zerfetzt, ein grauses Ringen mit dem Namenlosen führte. Chaim Bendel haßte Rebb Scheindel. Seinen Frieden haßte er, das Sabbatlicht auf seinem Tisch und die Ruhe seiner Seele, aber es zog ihn wie mit unsichtbaren Händen zu ihm hin, wie man zu einem Garten wandert oder pilgert zu einer Flur, angelockt von unnennbaren Trieben, die den Frieden ersehnen. Jahre waren vergangen. Rebb Scheindel fühlte, wie seine Gedanken eine wundersame Zartheit umspannen, wenn er die Schritte hörte, die Türe sich öffnete und Chaim Bendel zu ihm eintrat. Ein Widerspiel, ein ewiges Suchen und Sichmeiden zwischen beiden Männern. Aber Chaim Bendel peinigte sich immer grauser. Bis seine Adern diese Schwere nicht mehr trugen, bis sein ganzes ich aufschrie aus seiner Einsamkeit, das Unerträgliche von sich zu wälzen. In Fiebernächten zuckte ein Plan wollüstig durch sein Hirn. Als ob irgend ein giftiger Wurm sich in eine schöne Frucht beißt — Unschuldiges, das man anfüllt wie ein Gefäß mit dem Wahnsinn seiner Sinne. „Was weiß Rebb Scheindel von der Glut und allem Jrrausch, was weiß er von den Foltern, von dem Zerrbild, das das Auge anstiert und Blut träufelt? Ich will ihn zerwühlen, wie ich zertreten bin“, keuchte Chaim Bendel, „ich will mich in ihn versenken, mein Innerstes in seine Adern stampfen, er soll mich tragen, wie der Flügel einen Körper trägt, meinen Glauben, meinen Fluch, den Wolkenfetzen aus der Ferne zu mir brüllen.“ Und eines Nachts geschah das Schreckliche. Der Herbststurm wütete, fahle Blätter wirbelten und tanzten durch die Gassen. Aus den Gärten schlugen sie hernieder auf das nasse Pflaster. An einem solchen Tag zu später Stunde lockte Chaim Bendel Rebb Scheindel in sein Haus. Sie schritten durch die menschenleeren Gassen, zitternd öffnete Chaim Bendel die Tür zu seinem Keller, sie traten ein, der Schuster zündete ein Wachslicht an, kramte in seinen Sachen und warf den Riegel vor. Rebb Scheindel fühlte einen Schauer über seinen Rücken. Fragend sah er auf. Chaim Bendel nickte ihm zu, lachte leise vor sich hin, dann verzerrte sich sein Gesicht, und seine Augen funkelten Bosheit und Tücke. Breitbeinig stellte er sich gegen die Tür und stemmte seine Schultern wider das Holz. Rebb Scheindel fuhr empor, sein Atem stockte. Kam der Wahnsinn über über Chaim Bendel? Er trachtete die Tür zu öffnen, aber die Faust stieß ihn zurück, er taumelte verwirrt und kauerte auf einem Schemel nieder. Und Chaim Bendel reckte sich empor, strich das graue Strähnenhaar aus seiner Stirn und durch den Raum dröhnte seine Stimme: „Unheil flattert wie Raben über das Feld. Der Mensch ist gut. Aber Gott löst die geheimsten Falten auf und zerreißt die Bindung, welche die Erde mit dem Himmel knüpft. Man muß am Tage glühen und in Nächten Feuer sein — ein Gemisch von Blut und Tränen sickert auf die Brust und daraus wächst die Welt. Verfluchter Pakt, den der Verstand mit dem Herzen schloß. Verpestete Offenbarung, die dich aussaugt, wie eine Natter,.die dich trinkt und sich von dir nährt, bis der Unnennbare dich antastet und dein letzter Rest wie Spreu verweht.“ Ein zügelloses Lachen raste auf. „Eine Herde Mensehen-Vieh treibt sich zusammen“, schrie die Stimme weiter, „und einer ist der Wolf des anderen. Dein Haus ist fest, Rebb Scheindel, dein Tisch weiß, dein Rücken hat noch nicht das eigene Blut warm auf der Haut getragen, deine Augen waren noch nicht blind vor Ekel — eine Faust hat deinen Mund noch nicht gestopft mit Unrat — deinen Körper durch Staub geschleift und deine Schultern gepeitscht — ich sage es dir, es ibt kein Halten und kein Hemmnis, es gibt nicht ohn und Gnade, das Urspiel rast, und mit den Wirbeln tanzt deine Frömmigkeit und Geifer tropft aus ihrem Mund. Mit der Verwesung kriechst du um die Wette Sendet den fälligen Veilrag für das 4. Quartal 1928 ln Höhe von M8- 2.50 auf das Postscheckkonto der Bereinigung für das liberale Judentum Berlin Nr. 137 089 ein. und lachst und schüttelst dich um alle frommen Sprüche, die in deiner Seele wuchern. Das Ende ist ein tolles Lachen Scheindel — ein Lachen über das Beginnen ohne Sinn — ein Lachen über Himmel, Sonne, Sterne, Erde, Felder, Städte, Meere — über Fäulnis und Schlamm, über Wunden, die an deiner Nacktheit bluten — ein Lachen — Lachen — das Ende ist ein Lachen über Gott!!“ Ghaim Bendel tobte, seine Augen starrten aufgerissen, Schweiß troff über sein Gesicht Nun hielt er ein. Sein Mund war verzerrt, und seine Hände rissen an seinem Kleid. Rebb Scheindel stand ihm gegenüber. Aber er sah alles wie durch einen Nebel. Er griff sich an die Stirne, sah das Flackerlicht, er sprach Chaim Bendels Namen aus, er schrie ihn auf — es war, als hätte ein Sturm urplötzlich .über ihn hinweggebraust und seinen Leib zertrümmert. Rebb Scheindel mühte sich ab, zu denken er fühlte Schmerzen, etwas Höllisches, das sich an ihn drängte und mit seinen gelben, spitzen Zähnen nach ihm beißen wollte. Was denn war geschehen? War er denn nicht er, Rebb Scheindel, der Schneider, hatte Weib und Kind und lebte ein friedvolles Leben? Schien nicht die Sonne über seinen Tag, und segnete den Tag nicht Gott? Blitzschnelle Gedanken surrten durch sein Hirn, ein Blutstrom hämmerte, mit einem Male schien es ihm, als ob ein Schleier über seinem Blick zerriß. Sein schmächtiger Körper füllte sich mit Kraft, seine Arme stählten sich. Eine übergroße Helligkeit wuchs um Rebb Scheindel. Alles, was ihn mit Chaim Bendel verknüpfte, zuckte wie eine gelbe Lohe aut und brannte sich vor seinem Körper. Was er sah, was ihn angeiferte, ihn zu zerreißen drohte — der Versucher war es, der leibhaftige Versucher, der höllische Folterknecht, der Blut in Gift verwandeln will! Rebb Scheindel gellte auf. Seine Hände krallten sich und wie von einer inneren Gewalt getrieben, stürzte er auf Chaim Bendel. Chaim Bendel wachte wie aus einem Traume auf. Vor seinem Blicke wich die Nacht, er spürte den heißen Atem über seinem Gesicht, hörte das Aechzen und Keuchen. Jemand griff ihn an, er mußte sich widersetzen und sich wehren. Aber als ob sein Herz verblutete. so kam ein Zittern über ihn. „Rebb Scheindel“, schrie er auf. und seine Stimme klang wie wilder Schmerz. „Rebb Scheindel“, wie eine Bitte hallte es, und Chaim Bendel wehrte sich nicht mehr. Er ließ die Fauste seinen Körper schlagen, sein Haar zerraufen, seine Glieder peinigen, und als Rebb Scheindels Kraft erlahmte, führte er ihn behutsam an sein Lager, kauerte am Boden nieder und legte sein zerwühltes Haupt an Scheindels Knie. Durch das trübe Licht sahen ihn Rebb Scheindels Augen an. Chaim Bendel aber schluchzte, und dann war um sie beide nichts als Schweigen — tiefes Schweigen. — Endlich, nach einer langen Weile, klang Chaim Bendels Stimme. Wie von weither wehend, langsam voller Schauer. „Willst du mich hören, Scheindel“, bat und zitterte es. Rebb Scheindel fühlte eine namenlose Regung, irgend etwas sang in seiner Seele eine vyehe Melodie. Er nickte mit dem Kopf. Und Chaim Bendel begann. (Fortsetzung folgt.) BUCHERSCHAU Romemoss EI: Jüdische gottesdienstliche Gesänge von Leon Komitzer. Verlag J. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1928. Schon wieder ein neues Werk Synagogengesänge? Ist dies nötig? So werden viele fragen, die Romemoss El von Leon Kornitzer in die Hände bekommen. Um das Letzte gleich vorweg zu nehmen. EJs ist nötig. Es -ist nötig, daß trotz reichlich vorhandener Synagogenkompositionen, von deren Vorhandensein die große Mehrzahl der Juden gar keine Ahnung hat und von denen selbst die Leute von Fach nur zum geringeren Teil tiefere Kenntnis haben, durch die heutige Generation auf dem Bestehenden weitergebaut wird. Auch wer hinsichtlich der gottesdienstlichen Musik den Standpunkt der Konstanz vertritt und dem Beharrungswillen der Beter, die auf die alten Melodien eingeschworen sind, weitestgehend Rechnung tragen will, kann sich der Notwendigkeit, die Ausdrucksformen der Gottesverehrung in einer der Geschmacksrichtung der Zeit entsprechenden Weise zu wählen, nicht verschließen. Das Erscheinen des Werkes ist umsomehr zu begrüßen, als für die Vertonung auch andere als die üblichen Texte gewählt worden sind. Als besonderer Vorzug eignet dem Werke, daß es manche Teile des Gottesdienstes durchkomponiert und dadurch den häufigen Wechsel in den Tonarten und die damit verbundene Unruhe vermeidet. Einer einheitlicheren musikalischen Gestaltung, die sonst bei anderen Komponisten trotz gemeinsamer Grundlage, die durch den Nuss ach gegeben ist, häufig vermißt wird und die Betenden aus der Stimmung wirft, sind durch das Vorgehen des Autors gute Wege geebnet. Es kommt den Komponisten sehr zugute, daß der Verfasser, im alten StiL gut bewandert, überall sich als guter Musiker erweist. Chorsatz und Begleitung sind zum Teil polyphon mit guter Stimmführung behandelt und zeigen zuweilen überraschende Wendungen. Sie bleiben daher immer interessant, wenn auch zu befürchten ist, um an der vielfach etwas komplizierten Schreibart immer Geschmack zu finden. Sicher aber ist, daß die Kantoren dem Autor für manche Komposition — hauptsächlich die reiche Auswahl der Keduschavertonungen — dankbar sein werden. Bedauerlich bleibt, daß auch hier, wie vielfach schon früher, an den Umfang der Solostimme zu hohe Anforderungen gestellt werden und daß die verschiedenen Stimmlagen vom Komponisten nicht bereits so berücksichtigt worden. sind, daß für jede ausgesprochene Stimmgattung der Part besonders gesetzt ist. Die Kompositionen sind nicht durchaus einheitlich und — wie der Komponist selbst in seinem Vorwort anführt — in weit auseinanderliegenden Zeiträumen entstanden. Allen aber merkt man die Hand des Könners an. Schon um derentwillen und, besonders noch weil der Verfasser, auf der alten Tradition fußend, seine eigenen Wege wandelt und in allem was er gibt originell wirkt, sei das Erscheinen des Werkes froh begrüßt und Kantoren und Gemeinden wärmstens empfohlen. E. Ehrenreich. Richard Manno: Jesus der Rationalist. Leipzig 1927. Brosch. 2,50 Mark. Der Verfasser geht, wie Titel und vor allem Schlußwort zeigen, von der Absicht aus, „die Erscheinung Jesu mit Anschauungen und Konstruktionsbegriffen der Kantischen Philosophie zu fassen“. Seine Grundanschauung ist es, daß im Gründer der christlichen Religion nicht die irrationalen Elemente als die wesenhaften anzusehen seien, sondern seine Persönlichkeit und sein Werk aus der Kraft des Geistes, der Vernunft erwachse. Diese „Vernünftigkeit“, die der Verfasser mit dem in diesem Zusammenhang irreführenden philosophischen Permimus „Rationalismus“ bezeichnet, spricht nach der Darlegung des Verfassers aus dem Glauben und der Tat Jesu. Die einseitige Betrachtungsweise zwingt aber den Verfasser, alle andersartigen Tendenzen entweder in das eigene System mit Gewalt hineinzupressen oder aber, was noch weit gefährlicher ist — als belanglos und unwesentlich abzutun. So entsteht ein Bild der Gründergestalt Jesu, das vielleicht für bestimmte „moderne“ Tendenzen von Reiz und Wichtigkeit sein mag, das aber für die vorurteilsfreie wissenschaftliche Betrachtung, weder für die Geschichte, noch für die Religion, noch etwa für die Philosophie von irgend einem Werte sein kann. Dr. E. Litt mann. „Auf rauhem Wege.“ Jugenderinnerungen eines deutschen Professors. Verlag Alfred Töpelmann, Gießen, 1927, 215 Seiten, Preis ged. 7 M. Der „rauhe Weg“ ist der Lebensweg, den der Verfasser des Buches — jetzt ein berühmter Orientalist an einer deutschen Hochschule —, also wohl doch per aspera ad astra, geschritten ist. Die Schilderung ist mit viel, vielleicht zuviel Verstand und mit wenig, sicherlich zu wett i g Gefühl gegeben. Es werden die Schattenseiten des polnisch-jüdischen Ghettos der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts — mittlerweile hat sich auch dort so manches zum Guten geändert —, exemplifiziert an der Heir matgemeinde des Autors, mit viel Behagen breit aufgetragen, das Licht jedoch, das selbst in jener Finsternis schien, kommt fast nirgends zum Vorschein. Man wird unwillkürlich an die großen Ghettoschilderer, wie Kompert und K. E. Franzos, erinnert, die, besonders der letztere, im Gegensatz zu unserem Verfasser, mitten im Dunkel und Düster des Ghettos soviel des Licht- und Liebe- und Lebensvollen gesehen haben, d. h. haben sehen w ollen. Es mag sein, daß der Verfasser mit seiner „Grau in Grau‘“-Malerei eine Rechtfertigung seines Taufschrittes geben wollte. Aber auch hier muß es wohl heißen: „Wer sich entschuldigt, klagt sich an.“ Denn andere, die den gleichen rauhen Weg wie unser Professor gegangen sind und gleich ihm als Sterne geleuchtet haben oder noch leuchten am Himmel ihrer Fachwissenschaft — es sei nur an einen Namen erinnert, an den aus dem galizischen Ghetto, dem Halbasien Franzos’, stammenden früheren ordentlichen Professor an der Breslauer Universität, den Mathematiker Jakob Rosa n e s, einen Sprossen des R. Akiba Eger, dessen Vornamen er, wenn auch verändert, trug — haben, mannigfachen Drohungen auf der einen und vielfachen Lockungen auf der anderen Seite zum Trotz, den Uebertritt verschmäht. Abgesehen von einigen Unrichtigkeiten und Mißverständnissen und Vorurteilen, die schon Dienemann, in seiner Besprechung des Buches im jüngsten „Morgenheft“, treffend beleuchtet, ist das Buch reich an treffend geschilderten Einzelzügen, fesselnd und interessant geschrieben, wenngleich die Sprache stellenweise an Flüssigkeit zu wünschen übrig läßt, und behält jedenfalls seinen Wert als ein, freilich mit Vorsicht zu gebrauchendes Kulturzeugnis seiner Zeit wie auch als persönliche Meinungsäußerung des Verfassers, der immerhin als eine bedeutende Persönlichkeit und als ein hervorragender Meister auf seinem Lehrgebiete anzusprechen ist. N. S. Nachdem diese Zeilen bereits geschrieben waren, kommt mir die Rezension von Kaatz (Hindenburg) im Jüdischen Wochenblatte (Frankfurt a. M.) zu Gesicht. Dieser Referent lüftet den — allerdings nur sehr dünnen — Anonymitätsschleier des Verfassers. Wir haben es für richtig gehalten, den ungenannten Schriftsteller ungenannt zu lassen. Haipersohn - Breslau.