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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-10-12 · 41 (12.10.1928) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
41 (12.10.1928)
Date
1928-10-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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r. Zahrgang Nummer 41 IlldischÄmi1e3eidmq Beilage 12. Oktober 1S2S Der Zsov GM und Lude Tie Kölner Jüdisch-liberale Zeitung verösfcntlicht in ihrer heutigen Nummer folgende Ausführungen: Am kommenden Lonntag wird die Pressa ihre Pforten schließen, und mit ihr auch die Jüdische Sonderschau, die, das sei hier vorweg festgestellt, die Erzeugnisse jüdischen Geisteslebens in durchaus würdiger und eindrucksvoller Weise vor eine unübersehbare Menge von Besuchern der Pressa hingestellt hat. Die Juden haben allen Grund, dem Schöpfer und Leiter der Jsop Herrn Justizrat Dr. Bod enheim er, für seine mühevolle, umsichtige und unentwegte Arbeit zu danken. Es hat nicht an Aerger, Verdruß und Enttäuschung gefehlt, und gar manchmal drängle sich seinen Mitarbeitern der Vernich mit unserem Lehrer Mose auf, dessen Geduld, wie bekaWt, zuweilen aus harte Probe gestellt wurde. Zuweilen aber fragten sie sich auch, ob der Optimismus Bodenheimers denn nicht doch die Grenze des Tragbaren überschreite, und ob die Methode der Geldbeschaffung nicht am Ende zu einer Katastrophe führen müsse. Tie Begebnisse der letzten Wochen haben diese Befürchtungen zur Wirklichkeit werden lassen, und heute steht die Jsop vor der ernsten Frage, in welcher Weise sie ihre Verbindlichkeiten erfüllen soll. Es ist Herrn Bodenheimer und seinem Mitarbeiterstab trotz größter Anstrengung nicht geglückt, die Mittel zusammenzubringen, die zur Durchführung der Ausstellung erforderlich gewesen sind. Wir wollen im Augenblick nicht untersuchen, wer die Schuld an der kritischen Lage der Jsop zu tragen hat. Darüber wird noch zu anderer Zeit ein Wort zu sprechen fein. Wohl aber sei unserer Leserschaft mitgeteilt, daß Herr Dr. Bodenheimer in den ersten Tagen dieses Monats seinen Vorsitz im Vo rstand e der Jsop niedergelegt hat mit der Begründung, daß sowohl der Preußische Landesverband als auch die Synagogengemcinde Berlin ihn im Stiche gelassen, und daß auch die Mitglieder des ges ch ä s t s s ü h r e n d e n Ausschusses der Jsop ihn nicht hinreichend bei den Finanzierungsarbeiten unter st ützt haben. Dieser Schritt des Leiters der Jsop hat in den beteiligten Kreisen peinliches Aufsehen erregt. Er kam zwar für die Eingeweihten nicht überraschend; denn es lag bereite ein anderer Anlaß zur Krise in der Jsop-Leituug vor: das war die F l a g g e n f r a g c, die wenige Tage nach Eröffnung der Jsop durchs Herabholen der blau-weißen Fahne und durch .Hissen der Republikfarben ihre Erledigung gefunden hatte, die aber Juftizrat Bodenheimer vor einigen Wochen unbegreiflicherweise wieder aufrollte, verniutlich gedrängt durch zionistische Heißsporne und durch den Austritt des Ministerialdirektors Badt aus dem Ehrenausschuß der Jsop. Ohne Zweifel hat sich Dr. Bodenheimer davon überzeugen lassen, daß die Wiederausrollnng dieser Frage kurz vor Toresschluß nur geeignet fein könne, das Ansehen von Schöpfer und Werk zu schädigen; und so ist uns denn der Flaggenkrieg erspart geblieben. Nicht aber der Rücktritt des Herrn Dr. Bodenheimer wenige Tage vor dem Abschluß der Jüdischen Sonderschau. Wir bedauern es außerordentlich, daß die Ausstellung mit diesem Mißklang zu Ende geführt wird, mit einem Akt, dessen Tragweite nicht zu übersehen ist. Es dürfte niemand Lust verspüren, das fragwürdige Erbe Bodenheimers anzutreten, und so wird denn am Ende der Vorstand der Kölner Synagogengemeinde, in dessen Auftrag Justizrat Bodenheimer den Vorsitz in der Jsop übernommen hat, das Unternehmen liquidieren müssen. Das heißt mit anderen Worten: die Steuerzahler werden zur Deckung des Defizits in Anspruch genommen werden müssen. Bedenkt man, daß die Synagogengemeinde Köln bereits 25000 Mark zur Verfügung gestellt hat, so wird der Außenstehende den Vorwurf nur schwer unterdrücken können, daß die Jsopleitung nicht rechtzeitig die Aussichten der Finanzier rung sorgfältig geprüft und die Konsequenzen dieser Prü" fung gezogen hat. Wir wollen diesen Vorwurf nicht er< heben, weil wir wissen, daß Justizrat Bodenheimer sich mit dem ganzen Gewicht seiner Persönlichkeit und mit seiner vollen Kraft für die Beschaffung der erforderlichen Geldmittel eingesetzt hat. Wohl aber bedauern wir im Interesse der Sache, daß er jetzt am Schluß die Flinte ins Korn wirft und den Vorstand der Jsop in einer Situation allein läßt, die keines seiner Mitglieder verschuldet hat. Er hätte auf seinem Posten bis zur endgültigen Liquidation des Unternchmens ausharren müssen; nur ernste Unstimmigkeiten innerhalb der Jsop hätten einen Rücktritt, wenn auch nicht rechtfertigen, so doch verständliche machen können. Sie bestanden nicht, und damit war die Pflicht des Ausharrens gegeben. Der Vorstand der Synagogengemeinde wird, wie wir hören, sich mit der Angelegenheit befassen und man darf auf die Weiterentwicklung der Krise gespannt sein. Ob der Landesverband und die Gemeinde Berlin noch irgendwelche Beiträge bewilligen werden, das erscheint uns jetzt, nachdem Justizrat Bodenheimer seinen Rücktritt begründet hat, mehr als fraglich. Wie wir kurz vor Redaktlonsschluß hören, hat Justizrat Bodenheimer sich bewegen lassen, den Vorsitz vorläufig nicht niederzulegen. In der kommenden Woche werden die Herren Emil Blumenau und Dr. Eliek vom Vorstand der Synagogengemeinde Köln nach Berlin reisen, um mit dem Dezernenten-Kollegium des Preußischen Landesverbandes zu verhandeln. Man hofft, daß der Landesverband die erforderlichen Mittel zur Deckung des Defizits der Zfop doch! noch hiewilligen wird. Bon dem Ergebnis der Aussprache in Berlin wird es abhangen, ob Herr Juftizrat Bodenheimer auf seinem Posten verbleibt. « Aus den Gemeinden * Aachen. (Goldene Hochzeitsfeier.) Das seltene Fest der goldenen Hochzeit feierten am 1t). September in körperlicher und geistiger Frische Herr Siegfried Herzberg und Gemahlin. Das allseitig beliebte Ehepaar war Gegenstand zahlreicher Ehrungen. So wurde Herrn Herzberg, der ein langjähriges verdienstvolles Mitglied der hiesigen Gemeindeverwaltung war, seitens der Synagogen-Gemeinde eine kostbare Base überreicht. Berlin. (Kommerzienrat Hermann Bamberg gestorben.) In der Nacht zum 4. Oktober ist in seiner Berliner Wohnung Kommerzienrat Hermann Bamberg, der hervorragende deutsche Wirtschastsführer, gestorben. Er wurde 82 Jahre alt. Er war der Pionier des deutschen Textilexportgeschäfts und stellte seine großen organisatorischen Kenntnisse in den Dienst der Stadt Berlin. Er war Mitglied des Reichswirtschaftsrates und gehörte 30 Jahre lang der Berliner Handelskammer und der Berliner Stadtverordnetenversammlung an. Die Berliner Presse beklagt seinen Hingang und nennt ihn einen der besten Bürger Berlins. Er betätigte sich auch viel aus jüdischem sozialem und philantropischem Gebiete. Die Trauerfeier für den verstorbenen Ehrenbürger von Berlin, Hermann Bamberg, fand im Wilmersdorser Krematorium statt, dessen Halle die Masse der Trauergäste nicht fassen konnte. Sehr zahlreich hatten sich Vertreter von Stadt und Staat, an ihrer Spitze Ministerpräsident Braun und Oberbürgermeister Böß, eingefunden. Die Banner aller der Vereine, denen Bamberg angehörte, und die Fahnen der Deutschen Demokratischen Partei, sowie des Reichsbanners standen um den Sarg. Die Trauerrede hielt Rabbiner Dr. Weiß«, der daran erinnerte, daß Bamberg als deutscher Soldat im Kriege 1870/71 schwer verwundet wurde. Die Stadt Berlin, deren Stadtverordneter er 30 Jahre lang war, hat ihm als einem der ganz Wenigen das Ehrenbürgerrecht verliehen. — Oberbürgermeister Böß feierte den Dahingeschiedenen als treuen Bürger, der seine Kräfte der Stadt widmete. — Als Beauftragter der Demokratischen Partei sprach Stadtverordneter Mertens, für die Organisationen, die Bamberg begründet hat, sprach sein Freund Oskar Heymann. In der Berliner Stadtverordnetenversammlung hielt Vorsteher Haß einen längeren Nachruf für den verstorbenen Stadtverordneten und Ehrenbürger von Berlin, Hermann Bamberg. Rach Beendigung der Stadtverordnetensitzung versammelte sich die demokratische Stadtverordnetenfraktion mit dem Parteivorstand der Demokratischen Partei in Berlin zu einer Trauerkundgebung für den verstorbenen Ehrenvorsitzenden der Partei, Hermann Bamberg. Am 19. Oktober wird von der demokratischen Fraktion im Festsaal des Rathauses eine größere Trauerfeier für den Verstorbenen stattfinden, bei der der Oberbürgermeister Büß und der Vorsitzende der demokratischen Stadtverordnetenfraktion, Abgeordneter Merten, die Gedächtnisreden halten werden. Berll«. (Simchath thauro in der Jüdischen Reform-Gemeinde.) Anläßlich des diesjährigen Simchath thauro-- Festes hat die Reformgemeinde abermals «inen Schritt vorwärts getan, um die Jugend enger an sich zu fesseln. Aehnlich, wie es bei einzelnen Synagogen bereits seit Jahren eingeführt ist, wurde der Gottesdienst in allen Funktionen von Jugendlichen ausgeübt. Liturgie, Thora-Borlesungen sowie Ansprache vernahmen wir aus jugendlichem Munde. Man kann wohl sagen, daß nicht nur hei den Kindern, sondern auch bei den zahlreich anwesenden Erwachsenen das Gefühl der Erbauung hervorgerufen wurde. Besonders betont sei Herr Heinz Kellermann, der Sohn des verstorbenen Rabbiner Dr. Kellermann, der mit tiefem Gefühl und vollem Verständnis die Liturgie zum Bortrag brachte. In einer Ansprache, die Herr Dr. HanS Feilchenfeld hielt, beleuchtete er, dem Ernst entsprechend, den Begriff Freude im Judentum von der religiösen sowie von der sozialen Seite^ Er verstand es. jüdische Gedanken den Jugendlichen nahe zu bringen und in seinen Ausführungen auch den Erwachsenen viel Wertvolles zu geben. Anschließend an den Gottesdienst fand dann die Einweihung des Jugendheimes statt. Musikalische und rezitatorische Darbietungen der jungen Reform-Mitglieder umrahmten die Festlichkeit. Fräulein Peysec wies auf die Bedeutung des Jugendheimes hin und dankte im Namen der Jugend für das köstliche Geschenk. Frau Direktor Anni Heinrichsdorf übergab mit warmherzigen Worten die Räume ihrer Bestimmung. Anschließend wurden die Kinder, der Tradition des Tages entsprechend, mit Süßigkeiten bewirtet, während die reifere Jugend den neuen Lesesaal eifrig besuchte. Wir wünschen dem neuen Jugendheim viel Glück zur weiteren Entwicklung und hoffen, daß der neue Gedanke der Reformgemeinde, Jugendheim und Gottesdienst in engste Verbindung zu bringen, sich ausreisen möge. Braunfchtveig. (100 Jahre Religionsschule.) Die hiesige Gemeinde kann in diesen Tagen das 100 jährige Bestehen ihrer Religionsschule begehen. Am 12. Oktober 1828 wurde die Schule, eine der ersten ihrer Art in Deutschland, von dem gelehrten Landrabbiner Samuel Levin Egers begründet. Ihre wesentliche Förderung verdankt sie dem Nachfolger und Schüler Egers, dem bedeutenden Historiker und Reformer Professor Dr. Herzfeld und -dem ihm folgenden Landesrabbiner Dr. G. Rülf, der, ebenso wie sein Vorgänger, länger als ein Menschenalter im Dienste seiner Gemeinde stand. — Am Simchath Thora nahm Herr Landesrabbiner Dr. Wilhelm in seiner Festpvedigt auf das Schuljubiläum Bezug. Eine Schulfeier im größeren Rahmen wird zu Chanukkah stattfinden. Frankfurt a. M. (100 Jahre Neuer Israelitischer Friedhof.) In diesen Tagen konnte man der 100 jährigen Eixstenz des Neuen Israelitischen Friedhofs gedenken. Der alte Israelitische Friedhof, der hinter der Synagoge am Börneplatz gelegen ist, mußte nach der letzten Beerdigung am 26. September 1828 geschlossen werden. Mit der ersten Bestattung des Metzgers Jakob Thomas auf Ofsenbach auf dem Neuen Israelitischen Friedhofe am 1. Oktober 1828, dessen Grabstein unweit des Haupteinganges rechts von der Gemeinde erhalten wird, wurde dieser eröffnet. Er grenzt an den damals „Neuen christlichen Friedhof", den jetzigen Hauptfriedhof, nach Osten zu an und hat seinen Eingang an der Rat Beil-Straße. Er birgt auch innerhalb seiner Umfassungsmauern den Begräbnisplatz der israelitischen Religionsgesellschaft. Frankfurt a. M. (Jubiläum.) Am 15. Oktober 1928 feiert die Firma M. Lehrberger & Co. in Frankfurt a. Main, früher Rödelheim, das 25 jährige Geschäftsjubiläum ihres Druckereileiters, des Herrn C. Falkenberg. Herr Falkenberg verstand es, die Traditionen des durch die Korrektheit und die typographische Schönheit seiner Veröffentlichungen weltberühmten Verlages M. Lehrberger & Co. in geradezu vorbildlicher Weise zu wahren. Die Erfüllung dieser Aufgabe gelang ihm durch seine völlige Hingabe an das ihm auvertraute Werk und das restlose Ausgehen in ihm. So war es ihnt auch möglich, nicht nur den unter seiner verantwortlichen Leitung für den eigenen Verlag hergestellten Gebetwerken, sondern auch den in fremdem Aufträge gedruckten Büchern und Schriften den Stempel schöpferischen Geistes aufzudrücken. Hervorragend« Kenntnisse aus typographischem Gebiete, erworben in jahrelanger praktischer Tätigkeit in führenden Druckereien Deutschlands, beispiellose Gewissenhaftigkeit, vorbildlicher Fleiß, unermüdliche Tatkraft haben ihm Ansehen und Vertrauen in den Kreisen seiner Fachgenossen und Mitarbeiter, darüber hinaus. aber auch Ansehen und Verehrung verschafft bei den Autoren und Auftraggebern seiner Firma. Als äußeres Zeichen eines weitreichenden Vertrauens und zur äußeren Kennzeichnung eines.beispielgebenden Aufstieges vom Druckereiarbeiter zu führender Stellung erhielt Herr Falkenberg schon vor Jahren die Einzelprokura. Im Februar dieses Jahres konnte Herr Falkenberg sein 50 jähriges Berufsjubilüum begehen. Frankfurt a. M. (Ziehung bei der Lotterie der Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose.) Am 26. September ds. Js. fand in Frankfurt am Main unter notarieller Leitung die öffentliche Ziehung der von der Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose unter den Juden Frankfurt am Main" veranstalteten Wertlotterie zur Errichtung eines Tuberkuloseheims im Schwarzwald statt. An Hauptgewinnen entfielen: Eine Prämie im Wert« von 6 000 Mark aus Nr. 104182. Ein« Prämie im Werte von 2 500 Mark aus Nr. 11 637. Eine Prämie im Werte von 1500 Mark auf Nr. 41 477. 1. Hauptgewinn im Werte von 15 000 Mark auf Nr. 18 306. 2. Hauptgewinn im Werte von 7 500 Mark auf Nr. 42 677. Gewinnlisten sind gegen Voreinsendung von RM. 0,20, bek^ Abholung gegen RM. 0,10, erhältlich in Frankfurt am Main, Kaufhaus Hansa, Kaufhaus Wronker, Geschäftsstelle der Arbeitsgemeinschast, Holzgraben 2, in Breslau: Jüdisches Wohlfahrtsamt, Wallstraße 7-9, in Elberfeld: Jüdischer Wohlfahrtsverband, Genügsamkeitstraßc 7, in Karlsruhe: Bund Israelitischer Wohlsahrtsvercinigungen, Kronenstraße 15, in München: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden, Herzog Maxstraße 7, in Stuttgart: Württembergischer Landesverband, Hospitalstraße 36, in Berlin: 1. Arbeitsgemeinschaft Jüdische Tuberkulosefürsorge, Berlin-Charlottenburg, Kantstraße 158, 2. Großloge für Deutschland, Berlin W., Kleiststraße 12, 3. Jüdischer Frauenbund, Berlin N., Monbijouplatz 10, 4. Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde, Berlin C. 2, Rosenstraßc 2-4, Zimmer 15, 5. Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin W. 15, Meinekestrahc 10. Frechen. (Hohes Alter.) Frau Ww. Joses Meyer, Frechen, begeht Freitag, den 12. Oktober, in vollster Rüstigkeit und Gesundheit ihren 84. Geburtstag. Grebenstein. (Hohes Alter.) Der seit 50 Jahren hier lebende und in allen Kreisen der Bürgerschaft beliebte Lehrer und Kantor i. R. M. Plaut begeht in diesen Tagen, körperlich und geistig frisch, seinen 85. Geburtstag. Der Jubilar ist das älteste Mitglied der jüdischen Lehrerschaft Hessens und auch heute noch ein eifriger Besucher der Vcreinstagungen, an deren Verlauf er lebhaften Anteil! nimmt. Halberstadt. (Befreiung der jüdischen Arbeitslosen von der Meldung beim Arbeitsamt am Sonn» oben d.) Der Präsident der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung hat dem Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden (Sitz Halberstadt) auf dessen Antrag auf Befreiung jüdischer Arbeitsloser von der Pflicht zur Meldung beim Arbeitsamt am Sonnabend unter dem 29. September 1928, Geschäftszeichen III 656/28 Br, folgendes geantwortet: „In Ihrer an den Herrn Reichsarbeitsminister gerichteten und an mich abgegebenen Eingabe vom 12. September 1928 haben Sie beantragt, es grundsätzlich als genügende Entschuldigung im Sinne des § 114 AVAVG. für die Unterlassung einer Meldung nach 8 173 a.a.O. gelten zu lassen, wenn ein arbeitsloser orthodoxer Jude an einem Sonnabend oder jüdischen Feiertage die Erstattung der Meldungen aus religiösen Bedenken unterläßt. Dabei haben Sie ausgeführt, daß ein Vc'rstoß gegen das Religionsgesetz nicht nur in einer eigenen Haltung des orthodoxen Israeliten enthalten sein kann, sondern auch darin, daß er einen Dritten zu einer ihm selbst nicht erlaubten Verrichtung veranlaßt. In lieber einstimmung mit dem Herrn Reichsarbeitsminister habe ich keine Bedenken dagegen zu erheben, daß die Unterlassung der Meldungen an Sonnabenden oder an jüdischen Feiertagen als genügende Entschuldigung gemäß § 114 a^.O. angesehen wird, wenn nachgewiesenermaßen bei dem Arbeüslosen religiöse Bedenken dagegen bestehen und der Zweck der Arbeitsvermittlung nicht darunter leidet." Hamburg. (Todesfall.) Die Synagogen-Kommission und das Delegierten-Kollegium des Deutsch-Israelitischen Synagogcnverbandes haben den Verlust ihres langjährigen Mitgliedes, Herrn William Möller, zu beklagen. Hildesheim. (Hochherzige Spende.) Die vor der Einverleibung an Polen blühende Gemeinde Crone a. d. Brahe gehört! zu den zahlreichen Synagogen-Gemeinden, deren Mitglieder nunmehr in verschiedenen Städten eine neue Heimat gefunden haben. Es wird sicher für die ehemals in Crone ansässig getvesenen Glaubensgenossen die Nachricht von Interesse sein, daß die Thorarollcn-Ornamente (Klei'kaudesch) von dem aus Crone stammenden Herrn Alex Rehfeld, Vorsteher der hiesigen Synagogen-Gemeinde, käuflich erworben und dem Gotteshaus« Hierselbst übergeben worden sind. Am jüngsten Jomkipur nahm Herr Landrabbiner Dr. Lewinsky Veranlassung, der hochherzigen Spende und der pietätvollen Gesinnung des Herrn Rchfeld während des Gottesdienstes zu gedenken. Kassel. (V o r t r a g s k u r s e.) Letzten Dienstag begann Prof. Dr. Markon seine auf einige Monate berechneten Vortragskurse mit einem Referat über den Wilnaer Gaon. Als weitere geschichtliche Betrachtungen sind vorgesehen: die Legenden über die zehn Stämmq Israels, das Karäertum (Wesen, Entstehung und > Entwicklung) und die Rabbinitischen Juden und Karäer in der Krim. Königshütte. (I u st i z r a t K o st e r l i tz verstorben.) Nach kurzem Krankenlager ist das deutsche Mitglied des Königshütter Magistrats, Justizrat Salo Kosterlitz, kurz vor Vollendung seines 62. Lebensjahres gestorben. Bei seiner Niederlassung in Königshütte als junger Rechtsanwalt zeigte Kosterlitz lebhaftes Interesse für Betätigung im Dienste der Allgemeinheit. Er wurde in die Königshütter Stadtverordnetenversammlung gewählt, und später in den Magistrat entsandt. In. den schweren Kriegsjahren finden wir ihn in der vordersten Reihe derjenigen, die ihre besten Kräfte Hingaben, um die eingerissenenj Lücken, die durch die Einziehung der höheren Beamten zum Militärdienst entstanden waren, auszufüllen. Stadtrat Kosterlitz verwaltete eineinhalb Friedensdezernate; ihm unterstanden das Städtische Schulwesen und die Städtische Sparkasse. Gleichzeitig war er Vorsitzende* des Gewerbegerichts und des Kaufmannsgerichts. Diese vielseitige Tätigkeit mag wohl seine Arbeitskraft und Zähigkeit ausgerieben haben. Unmittelbar nach der Uebergabe Oberschlesiens an Polen hat sich Justizrat Kosterlitz von der öffentlichen Betätigung zurückgezogen, ohne jedoch das Interesse für die weitere Entwicklung der Stadt zu verlieren. Bei den Wahlen im Jahre 1926 erinnerte man sich des nimmermüden und erfahrenen Kommunalpolitikers, und er wurde als Vertreter der Deutschen Partei in den Magistrat gewählt. Auch im Dienste der Israelitischen Gemeinde betätigte er sich eifrig. Er wurde in das Repräsentantenkollegium der Königshütter Synagogengemcinde gewählt; ein Jahr später sehen »mr ihn als Vor-> steher des Kollegiums und bald darauf als Vorsitzenden der gesamten Israelitischen Gemeinde. Nahezu 25 Jahre bekleidete er dieses Amt. Juftizrat Kosterlitz hat mit dem Uebergange der Staatshoheit den geänderten Verhältnissen in jeder Beziehung Rechnung zu tragen versucht. In Ausübung seiner Praxis hat er sich auch der größten Achtung der neuen Justizbehörden erfreuen können. Diese Tatsache verhinderte nicht, daß man ihm im Jahre 1926 das Notariat entzog, wiüurch der Vrrstorbene auch seinen persönlichen Leidensweg beschritt, der nicht zuletzt die Ursache seines jähen Todes wurde. Krefeld. (Hohes Alter.) In den letzten Tagen vollendete die Witwe Seidemann ihr 90. Lebensjahr. Sie ist die zweite Frau in der Gemeinde, die «in solch hohes Alter erreicht hat. Frau Betty Kaufmann, die auch an diesen Festtagen frisch und munter in der Synagoge zu sehen war, steht im 93. Lebensjahr, Herr Gabriel Peßmann, der Senior der Gemeinde, gar im 99. Jahr. Krefeld. (Belohnung.) Die Synagogengemeinde setzte auf Ermittelung der Zerstörer einiger neu hergerichteter Fenster an der Synagoge eine Belohnung von fünfhundert Mark.

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