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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-10-12 · 41 (12.10.1928) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
41 (12.10.1928)
Date
1928-10-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Tas Recht will seinem Wesen nach das, was im Gejellschaftsleben zu gelten hat, nicht durch den Witten des Stärkeren, sondern durch, die Norm der Gerechtigkeit bestimmen; es ist darum bestrebt, den Zwang immer mehr zu vermeiden. Dieses Ziel ist noch nirgends erreicht. Das rechtfertigt aber nicht das Weiterbestehen des rechtlosen Kriegszustandes und aller militärisch en Gewalt im Völterleben, vielmehr soll auch hrer der Kriegszustand durch den Rechtszustand überwundern werden. Das wird nicht erreicht, wenn die Völker zuerst Sicherheit besitzen und dann erst abrüsten wollen; sondern zuerst soll die militärische Abrüstung gewagt werden» und ihre Frucht ist eine größere Sicherheit, als sie eene militärische Rüstung gewahren kann. Ter Kongreß ruft deshalb die christlichen Kirchen aus, es als ihre heilige Pflicht anzuerkennen und anzugrersen, daß sie ihren Gliwern die Ausgabe zum Bewußtsein bringen, rm Glauben sich für dieses Wagnis einzusetzen. Der Kongreß weist daraus hin, daß die Abrüstung bloß der erste unerläßliche Schritt aus dem Wege zum letzten Ziele wahrhasrer brüderlicher Solidarität der Völker m der Freiheit und der Liebe ist." „III. Tie Internationale Konserenz antimilitaristifcher Pfarrer ist lies davon durchdrungen, daß Krieg im diametralen Gegensatz zu den christlichen Prinzipien steht. Mit Rücksicht aus das Rassenproblem sind wir davon überzeugt, daß der Krieg dieses Problem unverhältnismäßig verschlimmern mutz und niemals in irgend welcher Art zur Lösung dieser Frage beitragen kann. Wir verkennen nicht, daß, die eingeborenen Rassen ut der Vergangenheit durch Vertreter westlicher Zivilisation manches Gute erfahren haben, doch haben wir auch Grund, Unrecht und Grausamkeit zu bereuen Wir verpflichten uns, und wir bitten dringend alle christlichen Kirchen, sich mit uns aus folgende Punkte sestzulegen: 1. Ten Grundsatz nentestamentlicher Brüderschaft einer Menschen zur Richtschnur unseres eigenen Auftretens gegenüber den Mitgliedern aller Rassen zu machen; 2. In jeder nur möglichen Weise die praktische Ausführung dieses Prinzips, sowohl in wirtschaftlicher wre auch in politischer Beziehung, zu bewerkstelligen und in dieser Hinsicht auch aus die Bevölkerung einzuwirken; 3. Unseren Einfluß aus Unsere Regierungen gegen jede politische Knechtung, sowie wirtschaftliche Ausbeutung der einen Rasse gegen die andere gellend zu machen; 4. Dafür zu arbeiten, daß statt des Motivs des Nutzens, das des Dienstes tritt, sowohl individuell, wo verschiedene Rassen Zusammenleben, als auch für Regierungen, welche in irgend einer Weife an der Entwicklung anderer Rassen interessiert sind; 5. a) Das Kirchenvolk allenthalben mit der Geschichte und den in der Gegenwart vorliegenden Tatsachen unserer Beziehungen zu den anderen Rassen bekanntzumachen; b) Alle Missionsgesellschaften in Uebereinstimmung mit der Jerusalem-Konferenz in ihrem Bestreben zu unterstützen, sich, von jeder Art bewaffneten Schutzes frei zu machen; c) Dringend daraus zu bestehen, daß atten anderen Rassen eine vollwertige Erziehung gewährleistet werde; 6. Einzutreten für die Verwirklichung der Einheit des Leibes Christi, indem wir das christlich-brüderliche Verhältnis zu den Kirchen anderer Rassen vertiefen." Am letzten Kongreßtage wurde unter Vorsitz von Pfarrer Krüger-Velthusen (St. Goar) der „Internationale Bund antimilitaristischer Pfarrer" begründet. * Der Geist, der die hier erwähnten Kongresse beseelte, war der Geist des Christentums. Er spricht aus den gehaltenen Reden, er spricht aus den angenommenen Solutionen. Tie Forderungen, in die hier die Friedensgesinnung mündet, werden vielfach von religiösen Christen begrüßt werden, vielfach mißbilligt werden. Das alles weiß ich. Und dennoch frage ich: Und wir? Und wir?! Wurzeln zu spüren, die die Religion bejahen; es ist nicht wahr, daß der Messiasglauben „Illusion oder Wahnidee" ist; und es ist nicht wahr, daß die Religion nichts tun will, als unlösbare Fragen unwissenschaftlich und verdummend zu beantworten. „Religion" ist ja im letzten Ende nicht Judentum, nicht Christentum, nicht Buddhismus; man trägt es tief in seiner Brust; es ist der ehrfürchtige Schauer vor dem Wunder „Welt", ist schauernde Ehrfurcht vor dem Entstehen des Lebenskeimes, vor der Ordnung und dem gewaltigen Anprall der Mächte, die trotz Wissenschaft und Aufklärung ewig „Welträtsel" bleiben werden; denn „es gibt Dinge im Himmel und auf Erden, davon sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt". Eine nicht leblos und starr (dogmenmäßig) übernommene, sondern voll Ehrfurcht durchgrübelte Religion wlll uns Nichr den Glauben aufoktroyieren an Dinge, die wir als imtur* unmöglich beweisen können, sondern sie will uns im Gegen-, teil die Ehrfurcht vor dieser Natur lehren, und da ein Prin-, zip unaussprechlicher Ethik alles beherrscht, und da diese Unaussprechliche Ethik auch der Trieb zur dankbaren Er-i kenntnis und zum Edlen in uns ist (— der Messias ist uuht „Illusion", sondern „Ideal", denn er ist letzte Konsequenz der Güte, die wir in uns entwickeln sollen, und daher ist der Messiasglauben im reinsten und tiefsten Sinne Erziehung! —), und da dieses eine Prinzip unaussprechlich rst, nennt's die Religiosität in uns „Gott". An der Religion ist nicht das Wesentliche die Erzählung, die historisch unbeweisbar ist, sondern das Ethische, Lehrende! Ganz anders also steht's mit der Tröstung, die von der Religion ausgeht, als Freud dies darzustellen versucht. Wer sein Glaubensbekenntnis verlebendigt, erträgt die Unzulänglichkeit seines sorgenschweren Lebens nicht mit der Hoffnung auf ein mondfernes, unbeweisbares, ausgleichendes Jenseits, sondern Trost wird ihm das Untertauchen in das Ideal: durch Reinheit der Empfindung und durch Güte Glied zu sein einer Kette, die sich einst schließen wird, wenn die messiasgläubigen Menschen Gemeinschaft geworden sind. Sollten wir nur die Freiheit unseres Denkens und Handelns besitzen, „um zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält", oder um den Willen des ethischen Prinzips „Gott" zu erfüllen: alles, was er uns gegeben, zu nützen und zu verbinden, um eine friedvolle, verbundene Gemeinschaft zu werden? * Versammlungskalender * BerltnMeißMsee. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdische» Gemeinde zu Berlin E. B., Bezirksgruppe Weißenfee. Am Montag, den 15. Oktober 1928, abends 29.39 Uhr, findet in der Aula der israelitischen Taubstummenanstalt, Weißensee, Parkstraß« 22, ein Vortragsabend statt. Herr George Goetz, Generalsekretär der Bereinigung ür das liberale Judentum E. B., wird einen Vortrag halten über: „Die Bedeutung des religiäseu Liberalismus im Judentum". Um zahlreicher und pünktliches Erscheinen wird gebeten. Gäste wittkommrn. Bielefeld. Sonnabend, den 13. Oktober 1928, abends 8.39 Uhr, Restaurant Lindenhos. Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin), Vorsitzender der Bereinigung für das liberale Judentum e. B., spricht über: „Die Tagung des Wellverbandes für religiös-liberale- Judentum in Berlin vom 18.-21. August 1928". Breslau. IN Abraham Geiger. Unser Bereinsadend am Mittwoch, den 17. Oktober, fällt aus. Freitag, den 19. Oktober, 29.15 Uhr, veranstalte» wir im Dereinslvkal, großer Saal, der „Sozialen Gruppe ür erwerbstätige jüdische Frauen und Mädchen", Kaiser Wilhelmtraße 16, eine Freitagabenbseier. Kurze A«-«cht. Ansprache. * Gottesdienste * Berlin-Nardt«. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 12. Oktober, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt Rabbiner Dr. Salomonsli. Freitag, den 19. Oktober, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilieufchule, Nikolsburger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 12. Oktober, Predigt: George Eveh. _• ‘«er "" ■1 Wir schweigen. Schalten uns selbst aus. Protzen — man verzeihe das harte Wort — mit Jesaja und Jeremia, und glauben mit solchen Hinweisen auf die Vergangenheit den Mangel an eigener Wirksamkeit in der Gegenwatt verdecken zu können. Freuen uns, wenn nach den merkwürdigsten Schwankungen ein merkwürdiaer Noachide die Juden belehrt, und ärgern uns, wenn ein Jude etwa in radikalen Bewegungen aus Grund seiner jüdischen Ueberzeugung sich betätigt. ' Tie Friedenssrage wird in ihrer Bedeutung heute von allen ernsthaften Menschen erkannt. Wenn früher jüdische „Politiker' die Juden vor einer Befassung mit diesem Problem warnten, schon deshalb, weil sie dadurch nur das Gesamtfudentum Angriffen aussetzen würden und weil durch ihre Mitarbeit auch nur das Weck, das sie fördern wollen, geschädigt werden würbe — wir hielten ihre Gründe nicht für stichhaltig, doch einen berechtigten Kern enthielten leider auch sie. Heute arbeiten in der Deutschen Liga für Völkerbund die verschiedensten Richtungen, einschließlich des deutschnationalen Parlamentariers Professor Hoetzsch, zusammen. Und an dem neuen Bund für internationale Zusammenarbeit sitzt neben Loübe der deutsch nationale Abgeordnete Lindeiner- Wildau. ' ■ Und wir? Ich frage. Schäme mich der Antwort. Und hoffe. Quo vadis, Zugend? Bon Rabbiner Dr. Gottschalk,Franffurt a. M. Tas Feiern vorbei. Die treue ausdauernde Arbeit wird nun zeigen müssen, wieviel an allem nur Rausch war und wieviel tiefwirkendes' Erlebnis. Aber freilich, außer den Feiern wird ja auch jenes große Fest der Tagung seine Wirkungen nunmehr ausstrahlen müssen. Und gerade deshalb dürste es gleich am Beginn der neuen Arbeit wichtig sein, sich über eine Strömung klar zu werden, die jetzt gern von der Jugend Besitz ergreifen möchte und sich lebhaft zum Wott meldet — im C.-B., bei den Kameraden, bei den Neutralen. Ausdrücklich wird hier, sogar von führender Stelle aus ettlärt, — wenigstens im C.-B. und bei den Kameraden — man sei nicht national, man sei durchaus deutsch, aber man sei auch nicht jüdisch-religiös und doch sei man jüdisch. Und bei den Neutralen fiel in Essen kürzlich das Wott, man könne auch in „heiliger Nüchternheit" leben, also ohne das Erlebnis der Religiosität. Der Weg, der hier vorgezeichnet wird, ist zweifellos ebenso gefährlich wie irreführend, vor allem aber ist er geeignet, gerade der Jugend, die erst heranreifen soll, ein ganz flaches Bild vom „Jüdischen" zu geben und ein ebenso flaches von Religiosität. Gefährlich — denn fängt man erst an, auch bei Ablehnung des Nationalen, sich für jüdisch zu erklären aus irgendwelchen Motiven heraus, nur nicht aus religiösen, ja unter gewollter Ablehnung, dann ist, ohne daß man sich dessen bewußt zu sein braucht, ohne daß man es wlll, ein erster Schrllt znm reinen Nationalen getan. Noch wehtt man sich gegen den Namen, noch betont man das Deutsche, aber schon verlangt man ja auch und in einem Atem mit allem andern Neuottentierung zur Palästinaarbeit. Ganz konsequent. Denn streicht man das religiöse Moment aus, so ist der Grenzstrich gegenüber dem Zionismus — und Palästinaarbeit gehört doch dazu — sofott ein viel dünnerer. Nun kann sich ja die Erhabenheit des Religiösen gar nicht mehr so bemerkbar machen, nun kann ja der eigentliche Gegensatz gar nicht mehr ins Blickfeld der Jugend gerückt weÄen. Nun ist man bloß jüdisch, nun will man bloß helfen, nun will man bloß aufbauen, als wenn es dott um gar nichts anderes ginge, als wenn man schon je erlebt hätte, daß von der Seite Palästinas ans irgend etwas zur Förderung der Bestrebungen geschähe, die doch auch auf Aufbau gerichtet sind, nur frellich in dem — „Gclluth". Wir sagen Palästinas und übersehen also nicht die Gemeindearbeit, auf die man ja sehr leicht Hinweisen könnte. Aber frellich müßte man dann auch betonen, wie hier alles <nr Gegenseitigkeit eingestellt ist. Gefährlich und irreführend alsoerscheint es uns, so die deutsche Jugend jüdisch erziehen zu wollen, aber vor allem ^TOLtWERG^ | iDoh iSchmecJic tu { % nahrhaft. eröffnet sich hier ein Weg, der nur zur größten Verflachung uhtt. Zur Verflachung zuerst hinsichtlich des Jüdischen. National oder nichtnational, wenn das JMsche für uns beschlossen ist in Geschichte, Schicksal und Pietät und wenn man religiös nur menschlich eingestellt sein will oder gar nicht und in „heiliger Nüchternheit" leben möchte wie der neutrale Sprecher und andere dazu auffordett, dann ist man genau so bei einem materialisierten Judentum angekommen wie jeder reine Zionist, dann proklamiett man als neueste Spielart einen antinationalen — deutsch — Zionismus. Dann ist man zwar in jeder anderen Hinsicht ideal, menschheitliäh gesinnt, ja ist auch und nennt sich religiös, strebt also hinaus über vergängliche Bindungen, aber als Jude will mau nicht mehr als da sein, sich verbunden fühlen und bestenfalls gerühtt sein und sich wehren, wenn man als deutscher Jude angegriffen wird. Und ein so entseeltes Judentum, so auf ein Minimum beschränkt, das soll nun plötzlich die Jugend begeistern, das soll ihr genügen, dafür soll sie Kräfte und Arbeit einsetzen, das soll sie vetteidigen, das soll der trauttg-herrliche Ueberrest sein aus einer so gewaltigen religiösen Geschichte. Aber frellich, jetzt kommt der scharfe Einwand, den man gegen uns erheben möchte, mit dem man die neue Lehre vetteidigt, immer, wohlgemerkt, nicht als Zionist, sondern als deutlich erklärter Gegner: die Zeit der Religiosität ist nun einmal vorbei oder jedenfalls für viele vorüber, wir empfinden nicht mehr konfessionell, aber wir möchten doch jüdisch sein, wir sind nur noch menschheitlich eingestellt sowie man von Religiosität zu uns spricht. So viele Wotte, so viel Verwirrung und so viele Flachheiten. Die Verwirrung und Flachheit fängt zunächst sckon da an, wo man sich „ideal" gebärdet, aber ja nicht das Wott religiös gelten lassen möchte. Als wenn nicht — und hier mag man erkennen, daß ich nicht bloß Berufsinteressen vettrete — als wenn nicht jedes und jedes Fühlen und das daraus resultierende Streben überhaupt nur religiös genannt werden kann, sofern man darunter Beziehungen versteht, die wir mit der Ewigkeit angeknüpft haben und sofern jenes Fühlen und jenes Streben aus dieser Ewigkeit stammen und zu ihr Hinzielen. Als wenn religiös etwas anderes ist als jenes ganz tiefe Brennen und Glühen, als jene letzte Begeisterung, ohne die keinerlei Hochziele erreichbar sind, es sei auf welchem Gckiete auch immer, Ziele, die sich nur nicht auf sich selbst beschränken dürfen, die im Zusammenhang erfaßt werden müssen mit Menschheit und Ewigkeit. Als wenn religiös nicht die Ehrfurcht ist und das Staunen und das Ergriffensein über die Leistungen, die wir zu vollbringen imstande sind. Das aber ist religiös. Und nun kann man sagen, das hat nicht jeder, nicht jeder ist „des Erlebnisses" fähig, aber nie und nimmer darf man verkünden, so sott es bleiben, man soll verzichten, man kann, ja auch in „heiliger Nüchternheit" leben. „Leben" — gewiß; wieviel Möglichkellen des „Lebens" gibt es, sofern man darunter da sein versteht. Wer sofern Leben bedeutet Ewigkeit zeugen, sofern es heißt, für die Menschhell wirken und nicht bloß für seine Wissenschaft, sofern Leben bedeutet sterben können und doch sich die Unsterblichkeit gesichert haben, insofern — die Menschheitsgeschichte beweist es, soweit sie ein Höhergezüchtetsein ist — ist Religiosität eine Selbstverständlichkeit, eine unumgängliche Voraussetzung, und es ist unsere Ausgabe, die Aufgabe aller derer, die diese Zusammenhänge durchschauen, den religiösen Typus immer wieder zu schassen, aber nicht die Jugend satt zu sein lassen, wenn, sie in „heiliger Nüchternheit" lebt. Ein unjugendlicheres Wott ward me gesprochen und ein unhelligeres wahrlich auch nicht. Wehe der Jugend, die in Nüchternheit lebt, der Skdle, des Herzens, des Fuhlens und Schaffens. Und dreimal wehe aber der Jugend, die solche Nüchternheit heilig nennt.! Eine seelische Verarmung müßte um sich greisen, die in ihren Folgen geradezu fürchterlich wäre. Aber, so heißt der Einwand dann weiter, wir sind ja religiös, nur nicht konfessionell und weil nicht konfessionell, darum auch nicht jüdische Und wieder, welche Verirrung und welche Verflachung. Wie well ist doch der von tiefstem Erfassen, des Judentums, der „Jüdischkeit" entfernt, der nicht in dem eben geschildetten Religiösen das Letzte des jüdischen Seins erfaßt — er sei jüdisch-national, er sei deutsch eingestellt. Ja man muß sogar sagen, der rein national Eingestellte, er hat wenigstens ein Wesentliches des alten Judentums in die neue Zeit herübergenommen und „nur" das Wesentliche preisgegeben. Aber wer weder jüdisch-national sein wlll, noch jiwisch-rttigiös, was hat der noch Wesentliches vom Judentum? Und doch kann darüber kein Zweifel sein: die Antwort auf die so häufige Frage und auf die Frage wohl auch der Tagung, was ist religiös im jüdischen Sinn — sie kann nur gegeben werden mit dem Wotte des Psalms: „Meine Seele dürstet nach Gott und ich bücke mich in deinem Helligtum aus E hrfurcht vor dir." Dieser Durst und diese Ehrfurcht, sie sind das eigentlich Religiöse, aus dem alles andere erst hinterher folgt, alle Ethik, alles Soziale, jeder Kultus und jeder Brauch. Ist hier aber das Tiefste und Höchste gefunden, was Judentum uns zu bieten hat, so ist alles andere nichts als eine Trübung, ein schwächliches Produkt aus eigenen Gedanken, ein Eingeständnis religiösen Dünkels, der ttagische Kampf um einen Halt, da man ja weiter jüdisch sein wlll, ein Kampf, der freilich ganz überflüssig, sofern man nur überhaupt religiös. Denn sofern man religiös, sofern ist man jüdisch. Man wird diesen Satz nunmehr wohl verstehen und wird nicht mll dem törichten Einwand kommen, so schlechtweg religiös ist auch jeder Christ. Nicht was der Christ auch ist, ist für uns wichtig, sondern, daß man so Jude ist, darauf kommt es an. Denn nur, wenn wir das JMsche in seinem letzte« Kern anfdecken und diesen Kern als Quelle und Ziel hv-

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