Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 40 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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8. Jahrgang Nummer 40 IMchÄemle3«tima # Aus den Gemeinden Berlin. (Zum Gedächtnis von Justizrat Hugo Sonnen selb.) Die Enthüllung des Erbbegräbnisses für Herrn Justizrat Hugo Sonnenseld am Montag, den 1. Oktober, wurde zu einer Gcdächtnisstunde für den so jäh aus dem Leben gerissenen Menschen und Kämpfer. Zahlreiche führende Persönlichkeiten des liberalen Judentums und des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens war versammelt, um noch einmal ihres verstorbenen Führers gemeinsam zu gedenken. Justizrat Brodnitz gedachte mit eindrucksvollen Worten des Mannes, dessen höchstes Ideal die Pflichterfüllung gewesen ist. Ms Mensch der Pflicht schien er Vielen hart und doch war er im Tiefsten eine milde mitleidsvolle Natur. — Hierauf gedachte ein Vertreter der Lokomotivführergewerkschast ihres verstorbenen Syndikus, der wesentlich dazu beigetragen habe, daß die Gefahren des Lokomotivführerstandes in der Oeffentlichkeit Würdigung gefunden habe und daß die schwere Verantwortlichkeit und ernste Gewissenhaftigkeit der Lokomotivführer allgemein anerkannt wurde. Für die Liberale Fraktion der Repräsentantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde ergriff das Wort Professor Türk, der Sonnenselds Wirken im Dienste seiner Ueberzeugung und sein mutvolles Handeln im Sinne des von ihm als recht Erkannten schilderte. Als letzter gedachte Rechtsanwalt Heinrich Stern des ersten Verbandstagspräsidenten des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und lvürdigte sein Wirken für die jüdische Gesamtgemeinschaft. Nunmehr begaben sich die Anwesenden zu der Grabstätte, an der gemeinsam das Kaddischgcbet gesprochen wurde. Das schlichte und eindrucksvolle Denkmal ist nach einem Entwurf von Herrn Bildhauer Gotthard Sonnenseld von der Firma S. Weiß in ihren Werkstätten für Grabmalkunst, Berlin-Weißensee, Lothringer Straße 8, hergcstellt worden. Berlin. (Beisetzung von San.-Rat B r a d t.) Am Donnerstag, den 27. September, fand unter außerordentlicher Beteiligung die Beisetzung des Sanitätsrats Dr. Gustav Bradt, des Begründers der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, statt. Unter den vielen Hunderten von Trauernden, die die Alte Halle des Friedhofs in Weißcnsee füllten, bemerkte man Vertreter des Preußischen Landesverbandes der Berliner Jüdischen Gemeinde, der Adaß Jisroel und vieler Teilgemeinden der Akademie und der ihr befreundeten Organisationen, Vertreter der jüdischen Wissenschaft, der Acrztcschaft, des Norbert-Krankenhauses, der Großloge U.O.B.B. und der Timcndorser Jubiläums-Loge, der Gesellschaft der Freunde, der Jerusalemer Bibliothek, der Chcwra Kadischa und zahllose Freunde, Patienten, Schüler und Mitarbeiter des Verewigten. Nach einleitendem Chorgesang hielt Herr Rabbiner Dr. Max Wiener eine ergreifende Trauerrede. Bradts großer Gedanke und seine große Tat waren die Akademie, der er das Beste und Tiefste seiner Strafte widmete. Hierauf ergriff Herr Oskar Wassermann das Wort, um namens des Verwaltungsvorstandes der Akademie und im Aufträge der ihr angegliederten Hermann Cohen-Stiftung dem Verewigten für das zu danken, was er der Akademie gewesen. Ohne ihn wäre sie nicht. Die Idee zu ihrer Gründung stammte zwar von anderen, aber geschaffen hat er sie. Er hat Hermann Cohen bestimmt, die Initiative zu ergreifen, hat Leopold Landau, August von Wassermann, Aaron Hirsch, ihre ehemaligen und ihren gegenwärtigen Vorsitzenden ihr zugeführt, hat die leitenden Wissenschaftler herangezogen, Männer der Wirtschaft für sie interessiert, die Grund-Fonds und die weiteren Mittel herbeigeschafft, nach dem Zusammenbruch der Jnflationsjahre auf neuen Grundlagen den Bau wieder aufgerichtet, für Sicherung und Fortentwicklung der Organisation unermüdlich vorgesorgt. Er ist für die Akademie nicht zu ersetzen. Alle Mitarbeiter schließen sich, inspiriert von Bradts großer Seele und seinem heiligen Feuer, zusammen, sic werden erhalten und fortführen, was und wie es Gustav Bradt gewollt hat. Professor Julius Guttmann schilderte namens des wissenschaftlichen Vorstandes der Akademie, was Bradt für das Forschungs-Institut bedeutet habe. Es sprachen noch Dr. Salomon Hildesheimer für die Aerztekammcr, Sanitätsrat Dr. Alfred Peyser, der im Namen der Fachärzteschast für .Hals, Nasen und Ohren einen Kranz nicderlegte, Professor Caesar Gcballc für die posenschc Heimat und Dr. Eppenstein für die Assistenten und Helferinnen der Bradtschen Klinik. Alle Reden bewegten die Zuhörer aufs Tiefste. Die liturgischen Gebete verrichtete Herr Rabbiner Link. Oberkantor Davidsohn trug ergreifend den Et mole rachamim vor, Schlußgesang des Chors beendigte die Feier. Berlin. (Verein zur Abwehr des A n t i s c m i t i s - m n s.) Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hielt am Sonntag im Cafe Josty unter dem Vorsitz des Reichsministers a. D. Dr. Georg Gothcin eine ordentliche Mitgliederversammlung ab. Nachdem der Geschäftsführer Dr. Horlacher den Tätigkeitsbericht erstattet hatte, der ein lebendiges Bild der mannigfachen Aufklärungsarbeit des Vereins gab, wurden die satzungsmäßig ausscheidenden Vorstandsmitglieder Reichsminister a. 2. Gothcin, Abg. Dr. Fischer, Rechtsanwalt Dr. Braubach, Professor Baumgarten (Kiel), Geh.-Rat Dove, Minister a. D. Dr. Südekum, Bankier Marburg (Hamburg) und Professor Ziegler (Greifswald) durch Zuruf wiedergewählt. Dr. Gothein bleibt Vorsitzender des Vereins. Eine lebhafte Aussprache brachte eine Fülle von Anregungen für die weitere Tätigkeit des Vereins. Berlin. (Zur W i n t e r a k t i o n der „O r t" - G e s c l l - s ch a f t.) Zwecks Festsetzung des Winterprogramms fand am 18. September d. I. im Konfercnzsaale der „Ort"-Gesellschaft Abt. Deutschland in Berlin unter Vorsitz von Herrn Prof. Dr. Lud w i g Stein eine Sitzung der Aufklärungs-Kommission statt. Nach dem Berichte von Dr. T r a u b und den einleitenden Ausführungen von Herrn G r a e tz entwarf .Herr Prof. Stein einen großzügigen Arbeitsplan, dessen Verwirklichung die Ausgabe der Aufklärungs-Kommission während der nächsten Wintermonate sein wird. An der darauffolgenden Aussprache beteiligten sich die Herren Dr. Bramson, Wilhelm Graetz, Adolf Schoyer, Dr. Singalowsky, Prof. Stein, Geheimrat Stern, Gcheimrat Timcndorser, Dr. Traub und Dipl.-Jng. Woyda. — Angesichts der Tatsache, daß dem Vorstande der „Ort"-Gesellschaft Abt. Deutschland die Leitung der Gesamtorganisation in Deutschland obliegt, wurde der Beschluß gefaßt, dem Vorstande die Bildung eines speziellen „Ort"-Komitees für Berlin vorzuschlagen. Es wurde ferner beschlossen, im Laufe des Winters eine Reihe von öffentlichen Vorträgen und privaten Vortragsabenden zu veranstalten und die jüdische und allgemeine Presse lausend über die „Ort"-Tätigkeizu informieren. Von besonderer Tragweite ist der auf Vorschlag von Herrn Graetz einstimmig gefaßte Beschluß, anläßlich der stattfindenden Ausstellung von „Ort"-Erzeugnissen in Berlin eine „Ort"-Woche zu veranstalten. Sämtliche Anwesenden erklärten sich bereit, die „Ort"-Aktion nach Kräften zu unterstützen und durch aktive Mitarbeit die Propagierung des „Ort"-Gedankens in Deutschland zu fördern. Berlin. (Konzertabend im Schloß Monbijou.) Der Verband Berlin des Jüdischen Frauenbundes hatte zu einem „Konzert im Schloß Monbijou" am Mittwoch, den 26. September, geladen. Der Abend, der zu Gunsten der Heime des Frauenbundes veranstaltet wurde, war ein gesellschaftliches, und künstlerisches Ereignis. 400 Personen hatten sich eingefunden, um die selten gebotene Gelegenheit wahrzunehmen, alte Musik in den Räumen ihrer Zeit zu hören. Es war ein erlesenes Programm zusammengestellt und dafür gesorgt worden, daß diese Köstlichkeiten alter Musik auch die vortrefflichsten Interpreten fanden. Als erster kam im kerzenhellen Spiegelsaal des Schlosses Händel zu Gehör, dessen concerto grosso von einem 16 Manns starken Kammer-Orchester unter Leitung des Herrn Knappstein in künstlerischer Vollendung vorgeführt wurde. Lotte Leonard trug alte Lieder dieser Zeit mit hinreißender Schönheit und Kultur vor, begleitet teils vom Orchester, teils vom Cembalo. Ihr Begleiter am Cembalo, Alice Ehlert, verstand es, in einem Solovortrag einer Bachschen Phantasie diesem einem breiten Publikum fremd gewordenen Instrument willige und dankbare Zuhörer zu schaffen. Vor und nach den Vorträgen hatten die Besucher Gelegenheit, sich in den Räumen des Schlößchens umzusehen, mit ein Grund, daß dieser Abend in einer ungewöhnlich starken und lebendigen Erinnerung bleiben wird. Berlin. (Der Berliner M a g i st r a t dankt Professor Levy-Dorn.) Anläßlich seines Ausscheidens aus dem städtischen Dienst wurde dem Dirigierenden Arzt der Röntgenabteilung des Rudolf Virchow-Krankenhauses, Professor Dr. Levy-Dorn, im Hauptgesundheitsamt von Direktor Professor Dr. Hofsmann ein Dankschreiben des Magistrats überreicht, in dem die großen Verdienste des Ausschcidendcn gewürdigt werden. Professor Levy-Dorn ist bekanntlich einer der Pioniere auf dem Gebiete der Röntgenwisscnschaft. Er ist Ehrenpräsident und Erster Vorsitzender des Landesverbandes „Ose" in Deutschland. Danzig. (Jüdische Gemeinde-Zeitung.) Unter der Redaktion des Rabbiners der Danziger Jüdischen Gemeinde Dr. Grün erschien soeben die erste Nummer der ncubegründeten Jüdischen Gemeindc-Zeituug. Die Nummer enthält Beitrage von Justizrat Felix Fabian, Justizrat Gustav Sander, Dr. Hermann Brodnitz, Dr. Herbert Levi u. a. m. Dransfeld. (I u b i l ä u m.) Am 1. Oktober kann Lehrer L. Schwalm sein 25 jähriges Ortsjubiläum als Lehrer und Kantor begehen. Im Seminar zu Hannover vorgebildct, hat der Jubilar mehrere Jahre in Bowendcn bei Göttingen und seit dem 1. Oktober 1903 in hiesiger Gemeinde erfolgreich gewirkt^ Die Gemeinde wird es an dem Ehrentag ihres Beamten an Lympathickundgebungen nicht fehlen lassen. Dresden. (Aus dem G e m c i n d e l e b e n.) Tie Gemeindeverwaltung hat vor den hohen Festen an die Gemeindemitglicder die öffentliche Aufforderung ergehen lassen, die Jahrzeittage wie in früheren Zeilen zum Anlaß sozialer Betätigung zu nehmen. Rur durch tatkräftige Mitarbeit aller seien insbesondere die altehrwürdigen Vereine in der Lage, die ihnen von den Vorvätern überlieferten Aufgaben zu erfüllen. Es gelte indes nicht nur aus traurigem Anlaßs zu spenden, sondern auch jede freudige Gelegenheit zu benutzen, um durch Zeichnungen in dem von der Gemeinde verwalteten Spendenbuch das Los derjenigen erleichtern zu helfen, die ein unerbittliches Schicksal auf die Schattenseite des Lebens gestellt habe. — Die Einweihung des Sportplatzes des Dresdner „Bar Kochba" findet in Gegenwart von Repräsentanten der Gemeinde, Vertretern staatlicher und städtischer Behörden Sonntag, den 14. Oktober, statt. Das Vcreinsprotektorat haben Rechtsanwalt Salinger als Vertreter des Vorstandes, Rabbiner Prof. Dr. Winter und Dr. Wolf übernommen. Dem gleichzeitig neugebildeten Ehrenausfchuß gehört eine Reihe prominenter Gemeindemitglieder an. Duisburg. (7 5. Geburtstag.) In gottbegnadeter Frische und Gesundheit des Geistes und des Körpers konnte .Herr Joseph Heimann von hier am 29. d. M. seinen 75. Geburtstag begehen. Herr Heimann war bis vor wenigen Jahren jahrzehntelang Vorsitzender der Repräsentanten-Versammlung und hat mit Hingebung und großem Erfolg die Geschicke der aufblühenden Gemeinde geleitet und gefördert. Seine zahlreichen Freunde und Verehrer überhäuften ihn mit Aufmerksamkeiten und Glückwünschen. Duisburg. (G e m e i n d e z e i t u n g.) In der Repräsentanten- Versammlung vom 22. d. M. wurde nach einem Referat beschlossen, für die hiesige Gemeinde, ähnlich wie in Düsseldorf, Kassel, Hannover u. a. O., eine Gemeindezcitung erscheinen zu lassen, die allen Mitglied dcrn unentgeltlich zugehen soll und für die die Gemeinde monatlich 100 RM. zahlen wird. Vorläufig soll sie monatlich erscheinen, wenn sie Beifall findet, soll sie wöchentlich herausgegeben werden. Die Gemeinde-Vertretung hofft, durch diese Neuerung das Interesse in der Gemeinde und für sie neu zu beleben und zu stärken. Elberfeld. (Aus dem Parlament der Synagogen- Gemeinde.) Das hiesige Gemcindeparlament, das augenblicklich von einer nichtliberalen Mehrheit beherrscht wird, erledigte in seinev Sitzung vom 26. September die Verabschiedung des Gesamtetats pro 1928/29 in Höhe von Mk. 113 000,— Einnahmen und Ausgaben. — Ein Nachruf des Gemcindevorsitzendcn Dr. L o e b galt dem Hinscheiden des verdienstvollen Vorstehers der Filialgemeinde Velbert. L e e s e r A a r o n ist vor ivenigen Tagen im patriarchalischen Alter von 70 Jahren nach längerem Leiden gestorben. Sein Begräbnis gestaltete sich zu einer imposanten und ehrenvollen Kundgebung, an der auch weitumfassende, nichtjüdische Kreise tcilnahmen. Sein ganzes Leben war ein K i d d u s ch h a s ch e m. — Es wurde mitgeteilt, daß die Wahl des Herrn Dr. Alfred Philipp zum zweiten Gemeinderabbincr die Genehmigung des Herrn Regierungspräsidenten und auch die des Provinzial-Schulkollegiums gefunden habe, und es wurde beschlossen, den Herrn Dr. Philipp in den Gemeindevorstand zu kooptieren. — Den Damen, die sich um das Zustandekommen des K i n d e r - F e r i c n h c i m s auf dem „Lichtcnplatz" solvie um di' Ausgestaltung desselben verdient gemacht haben, an ihrer Spitze Frau D r. Loeb, soll der Dank der Gemeinde ausgesprochen werden. — In nichtöffentlicher Sitzung wurde beschlossen, in Gemeinschaft mit der Nachbargemeinde Barmen die „Herausgabe eines Gcmeindeblattes" in die Wege zu leiten, und es wurde unter Festsetzung der Gebührensätze endlich noch beschlossen, die Kasualien der Beamten abzulösen. Elberfeld. (Die Schächtfrage auf der Jahresversammlung der Rheinisch-Westfälischen Tierschutzvereine.) Im Belgischen Saal des Elbcrfelder Rathauses fand in diesen Tagen unter der Leitung von Studiendirektor Fritz Löhe (Köln-Nippes) die Jahresversammlung des Verbandes rheinisch-westfälischer Tierschutzvereine statt. Im Mittelpunkt der Verhandlungen stand die Frage des Schächtens. Der Kölner Schlachthofdirektor Veterinärrat Dr. Bühler, der zugleich Vorsitzender des Vcrbandsausschusses des Deutschen Tierschutzverbandes für die humane Tiertötung ist, berichtete über diese Bestrebungen und die im Schlachthof zu Köln vorgenommenen Versuche der elektrischen Schlachtviehbctäubung. Die Versuche, die in Gegenwart von Vertretern der Israelitischen Gemeinde Kölns vorgenommen worden seien, hätten den Weg gezeigt, so führte der Vortragende aus, zu einer beide Teile befriedigenden Lösung der Frage des Schächtens und darüber hinaus auch ganz allgemeinen zu humaneren Formen der Tötung der Tiere. (Bekanntlich ist die Haltung der jüdischen religiösen Autoritäten in der Frage der elMrischen Betäubung der Schächttiere noch nicht geklärt.) Berlin, 2. Oktober (J.T.A.). Wie uns mitgeteilt wird, handelt es sich bei den elektromagnetischen Betäubungsversuchen in Halle um einen Bolzenschußapparat, der elektrisch in den Schädel hineingetrieben und magnetisch herausgezogen wird. Mit dem Schächten hat also dieser Apparat nichts zu tun. Eschmriler. (8 0. Geburtstag.) Am Samstag, den 22. ds. Mts., vollendete Frau M. Stiel ihr 80. Lebensjahr. Frau M. Stiel hat sich durch große Wohltätigkeit ausgezeichnet und erfreut sich bei allen einer großen Beliebtheit. Auch hat sie immer eine offene Hand gehabt, wenn es galt, unfere Synagoge auszufchmücken; hat sie doch auch jetzt wieder, zur Erinnerung an ihren Ehrentag, unser Gotteshaus mit einem neuen Teppich ausgestattet. Bon gleichem Geiste beseelt ist ihr Mann, Herr M. Stiel, der am 19. November Beilage 5. Oktober 1928 ds. Js. seinen 85. Geburtstag feiern kann. Beide sind körperlich und geistig frisch. Wir wünschen ihnen einen noch recht langen gemeinsamen, Lebensweg. Essen. (Hitler-Leute überfallen die Synagoge.) In den letzten Wochen ist im rheinisch-westfälischen Industriegebiet eine erhöhte Aktivität in der antisemitischen Bewegung festzustcllen. Kurz vor den letzten jüdischen Feiertagen ist es an verschiedenen Orten des Ruhrbezirks im Anschluß an Hitlerversammlungen zu antisemitischen Kundgebungen gekommen. Am Vorabend des Versöhnungsfestes wurden in der Essener Synagoge, dem künstlerisch wertvollsten Synagogcnbau im Reich, mehrere Fenster durch bisher unerkannt gebliebene Täter zertrümmert. Am Vorabend des Laubhüttcnsestes zog nach einer Hitlerversammlung im evangelischen Vereinshaus, bei der der Nationalsozialist Wagner (Bochum) sprach, eine Gruppe von jungen Leuten durch die Steelerstraße in Essen zur Synagoge, wo Lärm verursacht wurde. Hierbei wurden wiederum Fenster mit wertvollen Glasmalereien im Parterre der Essener Synagoge zerschlagen. Einzelne Fenster wurden eingetretcn, die starke" Bleiverglasung wurde zerbogen. Auch diesmal gelang es der Polizei, die diese Truppe im Kraftwagen verfolgte, nicht, die Täter zu fassen. Der jüdischen Bürgerschaft in Essen hat sich eine lebhafte Beunruhigung bemächtigt, da man neue Ruhestörungen befürchtet, falls die Polizeiinstanzen nicht durchgrcifcn. Hamburg. (Nationalsozialistischer 2 ch ä ch t Verbotsantrag.) In der Sitzung der Bürgerschaft am 26. September 1928 hat der Abgeordnete der National-Sozialistischen Partei Hüttm a n n eine Anfrage an den Senat gerichtet, ob der Senat auf ein allgemeines Schächtverbot im Deutschen Reich hinzuwirken bereit sei. Vom Senat wurde die Anfrage verneint. Hamburg. (H a k e n k r e u z l e r t u m u l t in der Hamburger Bürgerschaft.) Am Mittwoch, den 26. September, abends, kam es in der ersten Sitzung der Hamburger Bürgerschaft nach den. Ferien zu Tumultszenen, als der Hakenkreuzler Hüttmann bei der Verlesung einer Anfrage sich in wüsten Beschimpfungen gegen die Juden erging. Ta Ordnungsrufe nichts fruchteten, wurde die Sitzung unterbrochen. Nach der Wiederaufnahme verfügte der Präsident den Ausschluß des Hüttmann. Dieser leistete der Aufforderung, den Saal zu verlassen, nicht Folge und setzte seine antisemitischen Beschimpfungen fort. Der Präsident verfügte darauf die gewaltsame Entfernung Hüttmanns, der durch Kriminalbeamte aus dem Saal gebracht wurde. Hüttmann bleibt für vier Wochen von den Sitzungen der Bürgerschaft ausgeschlossen. Kassel. (Der neue Direktor des L a n d e s m u s e u in s.) Am 1. Oktober tritt Geheimrat Dr. Boehlau, der langjährige verdiente Direktor des Hessischen Landcsmuscums, in den Ruhestand und verlegt seinen Wohnsitz nach Berlin, um dort sich archäologischen Studien und Publikationen über Ausgrabungen in Kleinasien zu widmen. Sein Nachfolger als Direktor des Landesmuscums ivird Prof. Dr. Luthmer, der wie sein Amtsvorgänger bei der Einrichtung des Jüdischen Museums nicht nur lebhaftestes Interesse und Entgegenkommen bewies, sondern durch rege Mitarbeit auch den Plan in hervorragender Weise gefördert und begünstigt hat. Gewiß ivird Prof. Dr. Luthmer in seiner Eigenschaft als Direktor die Ziele des Vereins für das jüdische Museum, dessen zweiter Vorsitzender er ist, mit derselben Rührigkeit pflegen wie bisher und auch allen auf die Sammlung jüdischer Kultgegenstände bezüglichen Bestrebungen Freund und Förderer bleiben. Königsberg Pr. (Repräsentant e n v e r s a IN m l u n g.) In der letzten Repräsentantcnversammlung wurde die Ersatzwahl für das verstorbene Vorstandsmitglied Justizrat Eduard Holz durch die Repräsentantcnversammlung vorgenommen. An seiner Stelle wurde sein ältester Sohn, der bisherige Repräsentant Rechtsanwalt Dr. Siegfried Holz, zum Vorstandsmitglied mit den Stimmen sämtlicher Parteien gewählt. Der Repräsentantenvorsteher Professor Dr. Rudolf Cohn begrüßte das neue Vorstandsmitglied auf das herzlichste und gab seiner besonderen Freude darüber Ausdruck, daß der Sohn des Verewigten von dem gleichen Interesse für die jüdische Gemeinde beseelt sei wie sein verstorbener Vater. Namens des Gemeindevorstandes begrüßte der stellvertretende Vorsitzende Geheimer Medizinalrat Professor Dr. F a l k e n h e i m das neue Mitglied. — Der nunmehr wieder komplettierte Vorstand wird aus sich heraus am 10. Oktober die Neuwahl seines Vorsitzenden vornehmen. Da durch das Ausscheiden von Rechtsanwalt Dr. Holz sein Sitz in der Repräsentanz frei geworden ist, so zieht an seine Stelle als nächster Kandidat der Vorschlagsliste Rechtsanwalt Dr. Siegfried L e ß in die Repräsentanz ein. — Die Versammlung befaßte sich weiterhin mit dem neuen Statut, das nunmehr endgültig redigiert und zum Druck gebracht werden soll. Für die hier demnächst stattfindendc Tagung der Vereinigung jüdischer Jugcndverbände wurden Mk. 200,— bewilligt. Der Verein ritueller Speisehäuscr Deutschlands erhielt eine außerordentliche Zuwendung von Mk. 50,—. Es wurde weiterhin beschlossen, daß eine auf einem der Gemeinde gehörigen Grundstück eingetragene Hypothek von Mk. 2489,— auf Antrag des Hypothekengläubigers ausgezahlt werden soll. Krefeld. (Zerstörung eines wertvollen Synagogenfensters.) In der Nacht vom 1. zum 2. Oktober sind, wie der Polizeibericht meldet, mehrere Scheiben eines großen, künstlerisch nach dem Entwurf von Thorn-Pripper ausgeführten Fenster in der Synagoge böswillig zerstört worden. Die Polizei hat sofort die Ermittlungen ausgenommen. Die Synagoge ist auch wiederholt durch Aufträgen großer Hakenkreuze verunziert worden. Die neuen Fenster am Unterbau der Synagoge im Männerraum sind erst vor 3 Wochen eingerichtet worden. Sic erforderten erhebliche Aufwendungen. Obernkirchen. (Persönliches.) Nach mehr als vierzigjähriger Tätigkeit als Lehrer und Kantor der hiesigen Gemeinde tritt .Herr S. Löwenstcin demnächst in den Ruhestand. Bis vor wenigen Jahren war er an der Volksschule tätig, und nach ihrer Auflösung hat er die Funktionen des Rcligionslehrers und Kantors weiter ausgcübt. Durch fein sympathisches Wesen erfreute sich der nun aus seinen Acmtern Scheidende in allen Kreisen der Bevölkerung höchster Wertschätzung. Seesen a. Harz. (Jacobson-Feier.) Am 22. September, dem Sabbat Schuwa, veranstaltete die hiesige jüdische Gemeinde einen Gedenkgottesdienst anläßlich des hundertsten Todestages Israel Jacobsons. Wenn auch das wertvollste Erbe Jacobsons, die von ihm begründete und seinen Namen tragende Realschule, verstaatlicht werden mußte, so lebt doch in der hiesigen Stadt und jüdischen Gemeinde sein Andenken fort, wovon die Gedächtnisfeier Zeugnis ablegte. Die jüdischen Schüler der ehemaligen Jacobfonschule waren zum Gottesdienst beurlaubt worden und vereinigten sich mit der Gemeinde in dem stimmungsvollen Jacobsontempel, der ebenfalls von Israel Jacobson gestiftet wurde und in dem noch heute der Gottesdienst den Jacobsonschen Traditionen gemäß stattfindet. Herr Landesrabbiner Dr. Wilhelm-Braunschwcig versuchte in seiner Predigt der Bedeutung Jacobsons für seine Zeit gerecht zu werden und zu zeigen, wie er und die von ihm begründete Reform positive Werte gezeitigt hat, obwohl unsere Wege sich heute nicht mehr restlos mit seinen decken. Herr Dr. Wilhelm wies darauf hin, daß Jacobson Laie gewesen und schilderte in diesem Zusammenhang, wie der Bestand des Judentums an seine Laien geknüpft ist. Auch der Gottesdienst im Jacobsontempel verdankt heute seine Aufrechterhaltnng einem Laien, dem Lotteriekollekteur Freudenberg, der in Ermangelung eines Vorbeters , der Gemeinde die Abhaltung des Gottesdienstes ermöglicht. Am Schluß des Gottesdienstes sprach Herr»Oberstudiendirektor Friedland > für Israel Jacobson das Kaddischgcbet.