Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 40 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Einer der wichtigsten Anträge betraf die Einführung Don religiösen Feierstunden in den Synagogen Fasanen- und Lindenstraße. An Sonntag-Vormittagen sollten Vorträge über Gegenwartsfragen und die Stellung des Judentums hierzu obgehalten werden. Es war geplant, diese Vorträge durch ein Orgelspiel einzuleiten und durch ein Orgelspiel endigen zu lassen. Es ist unbestreitbar, daß, abgesehen von der Ausnutzung der am Sonntag leerstehenden Synagoge, diese Feierstunden von ungeheurer Bedeutung für die Belebung des religiösen Lebens sein würden, und die Durchführung dieses Antrages wäre freudig zu begrüßen gewesen. Nun kommt aber Herr Klee mit seinen Bedenken. Er und seine Partei, so erklärt er, werden dem Anträge niemals zustimmen, solange die geplanten Feierstunden am Sonntag stattfinden sollen. Er malt das Schreckgespenst des Sonntag-Gottesdienstes auf und fürchtet, daß diese Feierstunden zu einer Bewegung führen könnten, die den Sonntag-Gottesdienst einführen will. Diverse Entgegnungen von liberaler Seite ließ er nicht gelten, und übersah kurzsichtig die eminente Wichtigkeit derartiger sonntäglicher Veranstaltungen. Durch die Rede des Herrn Klee wurde der Antrag abgelehnt und eine wichtige Angelegenheit damit begraben. Moritz A. Loeb schlug vor, statt der Synagoge den Vortragssaal der Fasanenstraße zu benutzen. Es wäre jedoch peine perdue, hier eine Durchführung der geplanten Idee zu versuchen. Denn daß die Beteiligung dann sehr bald auf einen kleinen Kreis von älteren Herrschaften zusammenschrumpfen würde, weiß jeder, der Gelegenheit hat, diese Dinge zu beobachten, und der die schlechte Lage des Vortragssaales kennt. Es fragt sich nun, ob es wirklich so schlimm wäre, wenn diejenigen Menschen, die durch derartige Feierstunden ihr Judentum wiedersinden, schließlich auch einen Gottesdienst am Sonntag abhalten würden, weil sie den Sabbath, durch viele Gründe daran gehindert, einfach nicht halten können. Daß man ein guter Jude und Zionist sein kann, und trotzdem den Sonntag hält, dafür gibt Stephan Wise in Amerika ein leuchtendes Beispiel. Viel größer als das Gespenst des Sonntag-Gottesdienstes ist das Gespenst des st e t i g a n - wachsenden Heeres der Tausende von Menschen, und s p e z i e l l j u n g e n jüdischen Menschen, die überhaupt nichts mehr von ihrem Judentum wissen. Es muß eine der vornehmsten Aufgaben des liberalen Judentums sein, diese Abseitsstehenden dem Judentum zurückzugewinnen. Auf der liberalen Weltkonfcrenz sprach Prof. Suvermann aus New Dort über die Wichtigkeit der Wiedergewinnung der jüdischen Jugend. Er betonte besonders^ daß die Jugend im Alter von 15—21 Jahren den religiösen Dingen skeptisch gegenüberstehe und irreligiös sei. Dies entspricht auch bei uns leider den Tatsachen. Es mag dies daran liegen, daß der junge schulentlassene Menschder ins Leben hinaustritt, heute mehr denn je seine Zeit und Gedanken mit hartem Ringen um seine Existenz aussüllen muß. Der Student muß sich in seiner freien Zeit Geld für seine StrD dien erwerben, und auf die Art und Weise, wie die Arbeitskraft von Lehrlingen und jungen jüdischen Angestellten heutzutage in vielen kaufmännischen Berufen ausgenutzt wird, soll hier nicht weiter eingegangen werden. Es ist deshalb kaum verwunderlich, daß diese Jugend ihr Judentum, das z. T. überhaupt nicht, wie es in früheren Zeiten war, von Hause aus in ihr Herz eingepslanzt ist, nicht kennt oder achtlos beiseite läßt. Man sollte sich endlich ernsthaft darüber klar werden, daß es jetzt eine junge jüdische Generation gibt, deren Väter jahrelang im Kriege waren, worunter das Familienleben und die sonstige jüdische Erziehung stark gelitten hat. Die Mütter, oftmals selber des Wesens des Judentums unkundig, fanden durch die Sorge um die Herbeischassung des täglichen Brotes keine Zeit, ihren Kindern etwas von jüdischer Religion beizubringen. Diese waren ausschließlich auf den Schulunterricht angewiesen. Wie war aber der Schulunterricht während des Krieges? Durch die Einziehung der jüdischen Lehrer und * Rabbiner war er denkbar schlecht und unregelmäßig, und die zwei angesetzten Religionsstunden in der Woche fanden oftmals überhaupt nicht statt. Auch iin der Nachkriegszeit hat sich diese Unregelmäßigkeit noch nicht sofort behoben, und es gab noch jahrelang nach dem Kriege höhere Schulen, an denen überhaupt kein jüdischer Religionsunterricht stattfand. Woher soll die jüdische Jugend, die in jenen Tagen ausgewachsen ist, wissen, was es heißt, ein Jude zu sein? Auch heute gibt es noch viele Kinder, die in die Schule kommen und erst von ihrem christlichen Lehrer erfahren, daß sie Juden sind. Das scheint Herr Klee nicht zu wissen. Deshalb sprach er engherzig von seinem Parteistandpunkt und fürchtete beu Sonntagsgottesdicnst, ohne sich über die große Wichtigkeit derartiger sonntäglicher Feierstunden klar zu sein. Es ist tief bedauerlich, daß durch ihn und seine Parteigenossen Tinge nun nicht zur Entfaltung kommen, die vielleicht endlich einmal dazu geführt hätten, die Abseitsstehenden dem Judentum zurückzugewinnen. Wie wenig diese Herren in der heutigen Zeit stehen, wie wenig sie die Materie, über die sie sprechen, beherrschen, und vor allen Dingen wie rückständig diese Herren sind, geht am besten aus einer Rede des Ministerialrats Goslar hervor, die er in derselben Repräsentantenversammlung gehalten hat. Er sprach vom Verein für jüdische Geschichte und Literatur und sagte hierbei wörtlich, daß der Literaturvercin jährlich, nur fünf bis sechs Vorträge im kleinen Saal in der Fasaneiv straße unter Ausschluß der Öffentlichkeit abhalte. Es ist geradezu ungeheuerlich, wenn ein Repräsentant der jüdischen Gemeinde eine solche Aeußerung tut und damit beweist, daß er über die Dinge überhaupt nicht orientiert ist. Sendet den fölligen Beitrag für das 4. Quartal 1928 in Höhe von ML, 2.39 auf das Postscheckkonto der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin Nr. 137 069 ein. Herr Goslar läßt sich ja bei den Veranstaltungen des Literaturvcreins niemals blicken, sonst würde er wissen, daß die Vorträge schon seit Jahren nicht mehr im kleinen Saal in der Fasanenstraße, sondern im großen Gartenfaal des Logenhauses in der Kleiststraße stattfinden. Hier kann auch nicht von einer Tätigkeit unter Ausschluß der Oeffentlichkeit gesprochen werden. Außer in jüdischen Zeitungen werden die Vorträge in zwei Tageszeitungen bekannt gegeben. Abgesehen von dem jährlich erscheinenden Jahrbuch, von der Gründung des Landesverbandes der Litcraturvereine und vielen anderen Dingen haben in den letzten Jahren große jüdische Köpfe das Wort ergriffen und über die Leistungen der Juden auf allen Gebieten, wie Philosophie, Medizin usw., gesprochen. Ist das vielleicht noch keine Tätigkeit, wenn Georg Bernhard im überfüllten Logensaale über die Juden in der Politik spricht? Mit Engherzigkeit und Rückständigkeit um viele Jahre, wie es bei den Herren Klee und Goslar der Fall ist, kann man aber keine Gemeindepolitik treiben. Man kann die Tradition auch ehren und achten, wenn man mitgeht mit den Forderungen und dem Tempo der Zeit und großzügig bei der Verwirklichung neuer Ideen zum Wohle des Judentums hilft. In Berlin, in unserer Mitte hat die liberale Weltkonsercnz stattgesunden. Die liberalen Juden in der Berliner jüdischen Gemeinde, der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands, haben daher die doppelte Pflicht, dafür zu sorgen, daß ihre berechtigten Forderungen auch in die Tat umgesetzt und nicht durch die Orthodoxie und den Zionismus eingeengt werden. Wir müssen uns vor den liberalen Juden der ganzen Welt schämen, daß wir i.n Berlin unsere Ideen nicht in die Praxis umsetzen können. Es fragt sich, ob nicht Mittel und Wege gesunden werden können, um doch noch zum Ziele zu gelangen. In puncto ornamental und decoratio Bon S.-R. Dr. Weiß, Berlin. Der liberale Synagogenverein Wilmersdorf har an den hohen Feiertagen seine Feuerprobe gut bestanden. Ter Gottesdienst ftarrd zwar, wohl durch die Oertlichkeit bedingt, nicht ganz aus der Höhe seines Vorläufers in dem Tempel des Baruch Auerbach'schen Waisenhauses, von dem ein Professor Wolf vor mehreren Jahren anläßlich der Teilnahme an einem dortigen Jomlippurgottesdienste schrieb: diese Feier hätte ihn wieder mit dem Judentume versöhnt; aber der Gottesdienst in der liberalen Synagoge Wilmersdorf überragte sowohl inhaltlich als auch ganz besonders durch äußere Würde und Ordnung nicht nur die vou der Gemmtdc veranstalteten Feiern in den Betsälen, sondern auch die in einer der größten Orgelsynagogen, an der ich vor mehreren Jahren einige Male teilnahm. Das Zusammensitzen von Mann, Frau unh Kind hatte keine Störung, sondern eine Vertiefung der Andacht zur Folge; die Zeitschrift des liberalen Synagogenvereins Norden teilte vor ein oder 2 Jahren die charakteristische Aeußerung einer Frau mit, daß sie erst letzt, wo sie mit der ganzen Familie im Gotteshause zirsammensitze, den Feiertag voll und ganz erlebt habe. Es ist deshalb eine selbstverständliche Notwendigkeit, der sich die Berliner Jüdische Gemeiiede nicht entziehen kann und darf, daß in der neuzuerbauenden liberalen Synagoge in der Prinzregentenstraße keine Trennung der Geschlechter stattsindet; es ist dies um so eher angängig, als Glaubensgenossen, die sich daran stoßen, die in der Nähe gelegene orthodoxe Synagoge in der Münchener Straße aufsuchen tonnen. Gerade in letzter Zeit ist von berufener, auch geistlicher, Seite dem deutschen Judentum keine günstige Prognose inbezug aus Lebensdauer zugejprochen worden; die einzige Möglichkeit zur Rettung liegt, — darüber kann für mich kein Zweifel obwalten — in der Wiedergewinnung der jüdischen Frau, der Trägerin unseres .Heims und der Erzieherin uw ferer Kinder, zur Religion. Ganz im Gegensatz zu ihrer christlichen Glaubensgenossin steht die jüdische Frau, und zwar nicht nur die der gebildeten Stände, sondern weit bis in die unteren Schichten hinein, in überwiegender Majorität dem Judentum indifserent, ja sogar häufig abweisend gegenüber; wer diese Erfahrung nicht im Leben selbst gemacht hat, der braucht nur in dem Berliner jüdischen Gemeindeblatt nachzulesen, wie unter der Rubrik „Austritte aus dem Judentum" das weibliche Geschlecht ständig weit überwiegt. Tie jüdische Frau sieht, nicht zuletzt dank der ihr im jüdischen Kultus zugewiesencu Paria-Stellung (wer denkt dabei nicht auch an das traurige Kapitel der Mädcheneinsegnungen) mit mehr oder weniger Recht im Judentum das, was vor einigen Jahrzehnten der damals in Oppeln amtierende Rabbiner Wiener eine „Kücken religion" genannt hat. Der erste und wirksamste Schritt zur religiösen Wiedergewinnung unserer Frauenwelt ist die Schaffung eines weiheuub würdevollen, die Seele packenden Gottesdienstes, der dem weiblichen Geschlechte nicht mir völlige Gleichberechtigung bringt, sondern auch weiblichem Fühlen und Empfinden weitgehendes Verständnis zeigt und weitgehendst Rechnung trägt. In drefem Zusammenhang zum Schluß noch eine Gewiss cnssra ge, die bei der enormen Häufigkeit der Mischehen vou praktischer Bedeutung ist. Sicher nicht die Mehrheit, aber doch fo manche Christin, die infolge Eheschließung zum Judentum Übertritt, hat, zum Teil schon aus Liebe zu ihrem Manne, den Vorsatz, sich in der neuen Gemeinschaft religiös zu betätigen. Kann unser heutiger Gottesdienst nach Inhalt sowohl als nach äußerer Würde diesen Vorsatz bekräftigen oder wird er, besonders wenn sich ihr der Vergleich mit dem Gottesdienste in ihrer früheren Glaubensgemeinschaft aufdrängt, ihn bald von Grund aus zerstören? Prominente Berliner Rabbiner haben aus der Weltkonserenz des liberalen .Judentums vou einer U eb erschätzung des Ornamentalen und Dekorativen gesprochen; mir scheint, sie haben die Forderungen des Tages weit unterschätzt. jüdische üelorm-eemeinde Johannisstr. 16 Sonnabend, den 6. Oktober Schlußfest Gottesdienst und Seelenfeier vormittags 10 Uhr Predigt Dr. Jelski Sonntag, den 7. Oktober Thorafreudenfest Gottesdienst der Jugend vormittags IG/« Uhr Einweihung des Jugendheims Soeben erschien in meinem Verlag Religiös - liberales Judentum Predigt in der Neuen Synagoge zu Berlin anliisslich der Tagung des Weltverbandes für liberales Judentum am 18. August 1928 gehalten von Dr. Rabbiner C. Seligmann J. Kaulfmann Verlag, Frankturt am mala malerarbeiien jeder Irl Renovierung von Wohnungen, eeschäftslQkalen, Fassaden etc. Robert Gutheim W50.Kuimbacherstr.7 Fernsprecher: LUtzoui 6260 Kostenanschläge gratis Verein für Feuerbestattung in Berlin von 1874, e. V. verm. kostenlose Keuerbestattuns Annahme W 35, Lfitzowstraße 44, Telephon: Lfltzow 960-61 und Charlottenburg, Kantstr. 154 a Bcke Fasanenstraße, Telephon: Steinplatz 1835 oooooooooo Abitur. Obersekunda Vormittags-Abendschule Private Vorbereitungsanstalt. Direktor Danziger Berlin, Alte Jakobstraße 125 OOOOOOOOoo Empfehle meine in den besten jüdischen Kreisen eingeführte, streng diskrete Ehevermittlung Geil. 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Verlag: Bereinigung für das liberale Judentum e. 'B., Berlin SW. 48. — Verantwortlicher Redakteur: Dipl.-Fng. Bruno Woyda, Berlin NW. 23. - Druck: Hermann Wegner & Co., Berlin-Mariendvrf.