Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 40 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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geschlossen werden. Hierin sche ich nicht nur ein schweres Unrecht gegen die Betroffenen selbst, sondern ich sehe vor allem hierin auch ein schweres Unrecht denjenigen jüdischen Gemeindeangehörigen gegenüber, deren Vertreter sie sind. Ich sche darin geradezu ein Unglück für das religiöse Judentum. V. Von allen Irrlehren, die im religiösen Judentum verbreitet sind und die immer wieder unangefochten und gedankenlos nachgesprochen werden, scheint mir die oberflächlichste, armseligste und dabei gefährlichste die zu sein, das; das religiöse Judentum rm Gegensatz etwa zum Ehristentum gar keinen Gewissenszwang ausüben tonne. Man erklärt, das Christentum stelle Dogmen auf, deren Anerkennung bedeute eine Anforderung an die subjettive Ueberzeugung und damit also deren Opfer, soweit sie den kirchlichen Lehren entgegensteht. Das religiöse Judentum aber verlange nur die Jnnetzaltung bestimmter Gesche, deren Befolgung aber liege in der Sphäre des praktischen Handelns und rönne daher nicht im Gegensatz zu dem theoretischen Denken stehen. Daher gebe es eigentlich nur gesetzestreue und nicht orthodoxe Juden. An dieser Lehre ist für den ernster Denkenden alles falsch. Zunächst ist schon die Behauptung, daß wir es überhaupt nur mit einer gesetzestreuen Richtung im Judentum zu tun hatten, falsch. Wir haben — um in Deutschland zu bleiben — bekanntlich in Frankfurt a. M. eine Mische Gemeinde, die sich als orthodox bezeichnet. Hierbei kommt es nicht aus die Größe dieser Gemeinde an, sondern daraus, daß diese Gemeinde ihre Begründung gerade dem Manne verdankt, der der eigentliche wissenschaftliche Repräsentant jenes gesetzestreuen oder orthodoxen Judentums ist: Samson Raphael Hirsch. Wenn jene Gemeinde, die den Manen dieses Mannes folgt, sich als orthodox bezeichnet, so beweist sic einen zehnfach lieferen Blick als jene scheinmodernen Apologeten, welche die Möglichkeit einer Orthodoxie im Judentum bestreiten. Denn man braucht nur die Schriften eines Samson Raphael Hirsch zu lesen um zu erkennen, daß das, was hier verkündet wird, nichts anderes ist, als Orthodorre. Orthodoxie, die an sich durchaus konsequent und daher von unserem Standpunkt durchaus achtenswert ist, aber eine Orthodoxie, die unserem modernen Empfinden genau ebenso fremd gegenübersteht, wie der Dogmatismus etwa der katholischen Kirche. Woraus beruht dann der religiöse Sinn der genauen Befolgung des Zeremonialgesetzes — sofern man ihr überhaupt einen religiösen Sinn bcimißt, und nicht die ganze Angelegenheit in eine andere Sphäre bringt, — als, daß dieses Zeremonialgesctz letzten Endes in seiner Verbindlich feit aus göttliche verbale Inspiration zurückgeht, sodaß eben die Bewegung des Gesetzes durch die Mitglieder der jüdischen Relrgionsgemeinde ein gottgewolltes Werk darstellt. Ties ist der Gedanke, der das Zeremoniatgcsetz Jahrtausende lang erhalten hat. Aber dies ist auch der Gedanke, der einer weiteren Fortdauer in den geistig hochstehenden Werken eines Hirsch klar zugrunde gelegt wird. Dieser Gedanke aber, ich wiederhole es, ist nichts anderes als Lehre, ist liichts anderes als Dogma. Damit ist zugleich gesagt, daß die Befolgung des Zeremonialgesetzes in der gesamten Breite des privaten Lebens für den einzelnen religiösen Menschen, wenn sie von ihm zwangsweise als Vorbedingung für die Berufung in ein theoretisches Amt gefordert wird, einen Gewissenszwang darstellen kann. Selbstverständlich wäre es auch denkbar, daß ein liberaler Jude sagt: ich verneine zwar jene Grundlegung des Zeremonialgesetzes, will es aber aus Pietät doch befolgen, und in diesem Falle wird also in der Tat die Befolgung des Gesetzes einen Gewissenszwang für ihn nicht darstellen; es ist aber ebensowohl möglich, daß gerade ein Mensch von tiefstem religiösen Empfinden in der Eigentümlichkeit des Zeremonialgesches gerade eine Bindung des religiösen Verhaltens erblickt, die ihm mit dem Geiste echter Religion unvereinbar erscheint. Je mehr ein solcher Jude vielleicht den Wunsch hat, in das Amt eines geistigen Führers der Gememde zu gelangen, umsomehr wird er es von seinem Standpunkt aus zurückweisen, als Opfer für dieses Amt die Verpflichtung zu übernehmen, für sein gesamtes Leben eine religiöse Betätigung sich auszuerlegen, die er gerade vom Standpunkt seiner Ueberzeugung verneinen muß und in der er eine Verschüttung echter Religiosität erblickt. Moses Montefiore Von S. Weisels. In der jüdischen Geschichte nimmt der „Fürsprecher", der sogenannte „Stadlan", einen ziemlich breiten und sehr ehrenvollen Platz ein. Der Stadlan war eine Erscheinung, aus harter Notwendigkeit geboren. In der Geschichte begegnet man ihm zu allen Zeiten und an vielen Orten. Das Mittelalter kennt ihn, auch die Neuzeit, ja selbst die neuefie Zeit bis zum Ausgange des neunzehnten Jahrhunderts. Dennoch weiß niemand so recht, wann eigentlich der Fürsprecher zum erstenmal auftrat und wann er vom Schauplatz jüdischen Geschehens verschwand. In älterer Zeit hatte der Fürsprecher einen gewissen amtlichen Charakter: er war Hofjude, Hofsaktor, Resident oder wie er sonst noch heißen mochte. Als s olcher hatte er oft die Gelegenheit und auch die Möglichkeit, als Fürsprecher der Juden aufzutreten. So ein Hofjude war bei den Behörden wohl gelitten und bei den Regierenden gut angeschrieben, denn er brachte dem Lande mancherlei Nutzen, half im rechten Augenblick den leergewordenen Staatssäckel füllen und leistete nicht selten auch in politischen und diplomatischen Dingen durch klugen Rat manch guten Dienst; er besaß daher bei den Machthabern Vertrauen, Ansehen, Einfluß genug, um sich gegebenenfalls, wenn die Not es heischte, für seine Glaubensbrüder einzusetzen. So ward er Anwalt, Wortführer, Rechtsvertreter der Juden. Es gab auch besoldete Fürsprecher. Die Annalen der Geschichte verzeichnen den Fall, daß die Vierländer-Synode einen Hofjuden in aller Form zum Fürsprecher ernannte und ihm für das Fürsprachamt ein Wochengehalt aussetzte. Der Fürsprecher war also, in gewissem Sinne, Amtsperson. Eine weit höhere und edlere Gattung „Fürsprecher" bilden jene Männer, die aus sich heraus Fürsprecher der Juden wurden. Von Zeit zu Zeit, in Nacht und Not, erstand den Juden ein solcher Fürsprecher. Das war ein Mann, der Reichtum besaß und hohes Ansehen genoß, und dessen Wort Geltung hatte bei den Mächtigen der Erde. Dieser Fürsprecher war kein Volksbeauftragter, kein Bevollmächtigter des Volkes; er war Fürsprecher aus eigener Machtvollkommenheit. Er tat, was er tat, aus eigenem Antrieb, und eben darin bestand seine Größe mrd die Größe seiner Tat. Er handelte aus einem starten Gefühl der Verantwortung heraus; er fühlte sich verpflichtet, berufen und auserwählt, ein Fürsprecher seiner Brüder zu sein. Einer der erfolgreichsten Fürsprecher aller Zeiten und ein Menschenfreund, wie ihn die Zeiten kaum ein zweites Mal gesehen, war — Sir Moses Montefiore. Seit Joseph Nasi, Herzog von Naxos, seit Manasse ben Israel bis auf unsere Tage erstand lein größerer Fürsprecher in Israel als Moses Montefiore. Er war der letzte der großen Garde, und der erste, der als Fürsprecher international gewirkt hat. * Moses Montefiore, der Sproß einer aus Italien stammenden sephardischen Familie, ist die repräsentativste Gestalt der englischen Judenheit. Bei Moses Montefiore trafen alle Umstände zusammen, die einen edlen Menschen zum segensreich wirkenden Menschenfreund machen können. Er war von Natur aus ein guter Mensch und von Haus aus ein reicher Mann. Erziehung festigte in ihm die Neigung zum Edeltun, und Tüchtigkeit verhaft ihm, ererbtes Vermögen in erworbenen Reichtum zu wandeln. Reichtum gibt Ansehen, Ansehen schafft Einfluß, und wie einer seinen Einfluß nutzt, darauf kommt es an. Moses Montefiore nutzte seinen Einfluß zu menschenfreundlichen Werken; er übte vor allem seinen weitreichenden Ausfluß aus, um seinen Glaubensbrüdern, wo immer auch sie verfolgt und bedrängt wurden, Rettung und Hilfe zu bringen. Durch volle sechzig Jahre seines Lebens — Moses Montefiore wurde 1784 zu Livorno geboren und starb 1885 in London — wirkte dieser Mann im Dienste des Judentums und der Menschheit. Wenn irgendwo in fernem Lande die jüdischen Leiden sich mehrten, er eilte herbei, sie zu lindern; wenn irgendwo das erworbene Recht geschmälert, der erkaufte Schutz geweigert wurde, er war zur Stelle, um das gebeugte Recht wieder auszurichten; und wenn Haß und Verleumdung ihre Hetzstricke auswarfen, er war es, der mit ehrlicher Kraft sie zerriß. Es sind der Fälle nicht wenige, wo es Montefiore gelang, von den Juden die Gefahr, und die Schmach von der Menschheit abzuwenden. Bei seinem Hilfswerk stand ihm seine Gattin Judith, eine hochsinnige Frau, edel, hilfreich und gut, stützeiü> und fördernd zur Seite. In ihrer Begleitung machte er 1829 eine Reise nach Palästina, worüber Judith ein „Diary os a journett to the Holy Land" veröffentlichte. Diese erste Reise, auf der er jüdisches Elend und jüdische Not kennen lernte, war entscheidend für Montefiores ganzes Leben. Fortan widmete er sich ganz Werken der Menschenliebe. Er zog sich von allen Geschäften zurück, und kannte nur noch das eine Geschäft: für die Armen, die Unterdrückten, die Entrechteten hilfreich zu sorgen. Nunmehr war sein Leben eine ununterbrochene Kette von Hilssreisen, Fürsprachen, Interventionen, Edeltaten und Liebeswerken. Als 1837 ein Erdbeben in Zafed und Tiberias arge Verwüstungen anrichtete, begab sich Montefiore zum zweiten Male nach Palästina, um das Hilfswerk persönlich zu leiten. Als 1840 in Damaskus eine Judenverfolgung ausbrach, eilte er dorthin, um Leben und Eigentum der Juden zu schützen. Im Winter 1846 erschien er in Petersburg, um beim Zaren Nikolaus I. die Aushebung drückender Judenukase zu erwirken. Die große Hungersnot in Palästina 1854 führte ihn zum dritten Mal nach dem Heiligen Lande. Im Jahre 1858 reiste er nach Rom, um beim Papst Pius IX. in der Mortara-Sach« zu intervenieren. Im Jahre 1863 reiste er nach Marokko, wo eine Judenverfolgung ausgebrochen war, und erwirkte vom Sultan einen Ferman zum Schutze der Juden und der Christen. Die Not der von Cholera und Heuschrecken heimgesuchten Juden führte ihn 1866 zum sechsten Male nach Palästina. Das Jahr 1867 fand ihn in Rumänien, wohin ihn die Judenverfolgungen riefen. Und als Neunzigjähriger besuchte er 1875 zum siebenten Male Palästina. Das ist nur eine gedrängte Aufstellung der Hauptetappen von Montefiores philanthropischer Lebensbahn. Aber diese Hauptetappen lassen erraten, wie die philanthropische Kleinarbeit beschaffen war, die dieser Mann in den Zwischenjahren leistete. Man kann sagen, im Kalender Moses Montefiores war jeder Tag durch irgendeine edle Tat ausgezeichnet. Er beschränkte sich nicht auf die Armenunterstützung allein, er war vielmehr bemüht, für arme Juden Erwerbsmöglichkeiten zu schassen. So gründete er in Palästina neben Armen- und Krankenhäusern auch etwelche gewerbliche Unternehmungen. In Jerusalem errichtete er eine Apotheke, eine Mühle, eine Druckerei. Und so fügte er überall zum Guten, das er tat, auch das Nützliche. Kein Wunder, daß dieser Mann eine Volkstümlichkeit erlangte, wie selten ein Philantrop zuvor. Sein Ruf als Menschenfreund, als Fürsprecher der Juden, drang bis in die entlegensten Winkel der Welt. Ueberall, wo Jiiden wohnten, wurde sein Name in Ehrfurcht genannt. Die Juden in den östlichen Ländern sahen in ihm den größten Wohltäter der Zeit, einen „helfenden Gottesboten", zur Rettung Israels gesandt. Im Osten Europas gab es keine Stadt, kein Städtchen, wo der Name Montefiore nicht bekannt gewesen wäre. Noch im ärmsten Judenhaus hing ein Bild Moses Montefiores an der Wand. In der Verehrung für ihn warn: alle Parteien im Judentum einig; die Frommen segneten ihn, die Aufgeklärten huldigten ihm. Kurz gesagt: Moses Montefiore war der berühmteste Jude des neunzehnten Jahrhunderts. Der Ruhm Montefiores hat auch im hebräischen Schrifttum seinen Niederschlag gesunden. Es gibt eine ziemlich umfangreiche Montesiore-Literatur in hebräischer Sprache; diese Literatur besteht fast ausschließlich aus Gedichten, aus Lobliedern und Preisgesängen auf Moses Montefiore. Ich glaube mich keiner Falschmeldung schuldig zu machen, wenn ich erkläre, daß in den Jahren 1865—1885 es leinen einzigen hebräischen Dichter (und auch Dichterling) gab, der nicht wenigstens ein Gedicht auf Moses Montefiore geschrieben hätte. In der Regel waren es der Gedichte zwanzig oder dreißig; sie schrieben für gewöhnlich zu jedem Geburtstage Montefiores, und da er ein Alter von 101 Jahren erreichte, war die Zahl der Wiegenfestlieder, die ihm zu Ehren angestimmt wurden, recht erklecklich. Manchmal aber dichteten sie auch ohne solchen Anlaß, denn ein Montefiore-Gedicht war allezeit aktuell. Aus den Montefiore-Gedichten kann man nicht nur eine besondere „Spielart" der hebräischen Dichter, sondern auch die Bedeutung des Mannes kennen lernen, dem zu Ehren sie gedichtet wurden. Zunächst regte der Vorname Montefiores die dichterische Phantasie an. Dichter waren es, nicht Historiker, die nach dem Auftreten Moses Montefiores die jüdische Geschichte in vier Mosesperioden teilten: Moses ben Amram oder das sinaitische Zeitalter, Moses ben Maimon oder das philosophische Zeitalter, Moses Mendelssohn oder das haskali- STOIi:WERa<< billig, iDoklSchnutckcnd. ä. nahrhaft. . sche Zeitalter und Moses Montefiore oder das philanthropisch« Zeitalter. Zwar lieben es auch jüdische Historiker, die drei Erstgenannten unter die Ordnungszahl zu bringen, vom zweiten, vom dritten Moses zu reden, und auf das allen dreien Gemeinsame hinzuweisen, daß sie, ein jeglicher zu seiner Zeit, das jüdische Volk aus Nacht zum Licht geführt haben; aber bisher ist es noch keinem der jüdischen Historiker eingefallen, Moses Montefiore als Vierten im Bunde anzuführen. Der vierte Moses gehört der Dichtung an, nicht der Geschichte. Die Dichter, die Moses Montefiore ihre gereimten HuÜngungen darbrachten, waren daraus versessen, Moses mit Moses zu vergleichen. Im übrigen findet man häufig diesen Vergleich auch in den deutsch geschriebenen Aufsätzen über Moses Montefiore. Eine hübsche Parallele las ich in einer deutschen Montefiore-Biographie. Da wird erzählt, daß Mehemed Ali, der Vizekönig von Aegypten, seinen Sohn in London unter Aufsicht Moses Montefiores erziehen ließ. Hierzu macht der Biograph die interessante Bemerkung: „Eine ägyptische Prinzessin erzog einst einen Moses, jetzt erzog ein Moses einen ägyptischen Prinzen". Es war also gewissermaßen literarischer Brauch, Moses Montefiore stets mit einem andern Moses der jüdischen Geschichte in Parallele zu bringen. Ich respektiere diesen Brauch, indem ich folgende Schrifterklärung hierhersetzte. Dem Vers Exodus 2, 11: „Als Moses groß war, ging er aus zu seinen Brüdern" gibt der Midrasch dadurch eine sinnige Deutung, daß er den Satz umstellt und liest: „Als Moses zu seinen Brüdern ausging, war ec groß." Dieser Ausspruch ist aus Moses Montefiore anwendbar. Moses Montefiore hatte viele Titel, bekleidete viele Ehrenstellen, besaß vielerlei Orden nick Auszeichnungen, er wurde von Königin Viktoria von England zum Ritter ernannt, dann zum Baronet erhoben, er wurde von Kaisern und Königen ausgezeichnet —; indes, Titel und Auszeichnungen machen einen zum großen Mann, nicht aber auch zum großen Menschen. Moses Montefiore ward ein großer Mensch, da er zu seinen Brüdern ausging. Doch — der Wahrheit die Ehre: Außer dem Namen hat Moses Montefiore mit den drei Moses der jüdischen Geschichte nichts gemein. Es gibt kein Montefiore-Zeitalter in der jüdischen Geschichte, wohl aber ein Jahrhundert Montefiore, nämlich sein eigenes Jahrhundert, das er gelebt hat. Moses Montefiore war eine Größe nach eigenem Maß. Er war ein großer Fürsprecher der Juden und einer der größten Philanthropen, die das Judentum hervorgebracht hat. Sprechsaal * Für diese Rubrik übernimmt die Schristleitung lediglich die pechgesetzliche Verantwortung. Zur geistigen Belebung des Gottesdienstes Der Antrag der liberalen Fraktion der Berliner Repräsentanz, aktuelle ethische Vorträge etwa am Sonntag dem Gottesdienste anzufügen, hat mich besonders interessier, da ich« wohl als Erster in der „Jüdisch-liberalen Zeitung" diesen Vorschlag gemacht habe (unter anderem „Eine ethische Zeitschrift — moderne Predigt" im November 1926). Ich möchte deshalb einiges in Erinnerung bringen, was ich damals mehrfach ausgeführt habe. Solche Vorträge haben nur dann einen Wert, wenn sie hoch über dem Niveau von Vereinsunterhaltungen stehen. Denn sie sollen den Erfolg haben, den geistigen Gehalt des modernen Judentums zu klären und zu propagieren. Die Vorträge müssen deshalb von den besten Vertretern der praktischen sittlrchen Ideen gehalten werden. Ferner dürfen sie nicht vereinzelt sein, sondern müssen zusammen gefaßt und vorbereitet werden. Dazu ist eine jüdische Zeitschrift sür theoretische und praktische Ethik unbedingt erforderlich. Aus dem Inhalt einer solchen Zeitschrift müssen die Vorträge sich nähren. Es ist ein unbegreiflicher Fehler, daß wir diese Zeitschrift bisher nicht haben. Weder die jüdische Akademie noch die Großloge haben meine Versuche, sie zu begründen, unterstützt. Nur wenn so für die Fülle der Fragen ein jüdischer sittlicher Standpunkt entsteht, wozu ich in meinen größeren und kleineren Arbeiten Vorarbeit geleistet zu haben glaube, kann dem westlichen Judentum Kraft und Anerkennung zuwachsen. Diese konsequente geistige Arbeit ist die Hauptsache. Sie ist viel wichtiger als die etwaige kultische oder musikalische Einleitung der Veranstaltungen. R.-A. M. Lewinski, Berlin. Liberale Forderungen in der Gemeindepolittk Von Heinz Levy, Berlin. Sechs Wochen sind bereits vergangen, seitdem die Weltkonferenz tatzte. Der Winter naht, und es muß mit doppeltem Eifer an dre Durchführung der gegebenen Vorschläge und Ideen herangezogen werden. In der letzten Sitzung der Berliner Repräsentantenversammlung vom 20. September wurden von der liberalen Fraktion daher schon mehrere Anträge eingebracht, die mehr oder weniger ihre Entstehung dem wichtigen Gedankenaustausch mit liberalen Juden der anderen Länder, und damit auch der Weltkonferenz verdanken.