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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-10-05 · 40 (5.10.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
40 (5.10.1928)
Date
1928-10-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Festzeit unserer Freude Von George Goetz. Wenn auch die Tradition — iiin Anlehnung an die Schrift — zwischen dem Chag ha-Ssukkoth (Hüttenfest) und dem Chag ha-Azereth (Schlußfeftf unterscheidet, so faßt sie doch aiidererseits die gesamte Festzeit vom ersten Hüttenfesttage bis zum Thora-Freudenfest zusammen unter dem Namen S'man Ssimchathenu (Festzeit unsrer Freude). Diese Zusammenfassung des Ganzen ist nicht weniger berechtigt als die Unterscheidung der Einzelheiten; Pflegen wir doch die ganze Zeit als ein Fest zu empfinden, und, wenn wir so landläufig vom „Hüttenfeste" reden, so meinen wir meistens Schlußfest und Thora-Freudenfest mit. Wir sollten uns aber daran gewöhnen, wenn wir die ganze Festwoche meinen, lieber vom Freudenfest als vom Hüttenfest zu sprechen, und zwar nicht nur aus Gründen der wissenschaftlichen Richtigkeit, sondern weit mehr aus Gründen jüdisch-religiöser Zweckmäßigkeit: um ein besseres Verhältnis zu diesem Fest zu gewinnen. Das Verhältnis der modernen Juden zu unserin Herbstwallfahrtsfest ist nämlich das denkbar schlechteste. Noch jüngst in der Montesiore-Festschrift hat S a l o m o n s k i mit Recht von „diesem am stärksten in Verfall befindlichen und einst bedeutendsten jüdischen Fest" gesprochen. Einst, in biblischen Zeiten, hat dieses Fest einen Namen geführt, der uns zeigt, daß es im Empfinden und Denken des altjüdischen Volkes eine weit größere Rolle spielte als alle andern Feste, als selbst das Versöhnungsfest: es hieß schlechtweg he-Ehog, das Fest. Und heute? Mein Schwiegervater hat einmal einem Gemeindevorsitzenden Anregungen zur Belebung des Hüttenfesles unterbreiten wollen, aber der Gemeindegewaltige wies ihn entrüstet ab: „Sie wollen das Hüttenfest beleben? Wir wollen es abschaffen!" Woher diese Entfremdung vom Hüttenfeft? Salomonski schreibt, es könne für Ssukkoth nicht viel übrig bleiben, „nachdem die vorausgegangenen Tage der Buße schon alle Willigen versammelt und religiös gesättigt haben". Aber dies ist nur der äußere Grund. .Hinzunehmen muß man den inneren Grund, daß uns modernen Juden der altjüdische Begriff der religiösen Freude verloren, gegangen ist. Dieser Verlust ist für uns wahrhaft verhängnisvoll, denn er führt nicht nur zur Entfremdung von unferm echnft bedeutungsvollsten Fest, sondern zur Entfremdung vom Charakteristischsten und Wichtigsten des Judentums; er stellt einen Teil der „geistigen A s s i m i l a t i o n" dar, über die ich in der Montefiore-Festgabe ausführlich geschrieben und von der in dem gleichen Buche auch Felix Gold mann (in diesem Punkte mit mir übereinstimmend, schreibt: „Religiöse Assimilation, die charakteristisches Eigengut preisgibt, führt zum Untergange." In der Tat müssen wir zugeben, daß unser Begriff von der Religiosität nahezu völlig an den christlichen Religiositätsbegriff assimiliert ist. Selbstverständlich sollen unsere Jamim noraim, die „Ehrfurcht gebietenden Tage" Neujahr- und Versöhnungsfeft unsere höchsten Festtage bleiben; daß sie aber nahezu unsere einzigen Feste geworden sind, das ist religiöse Assimilation an das Christentum, welches Frömmigkeit und Religiosität nur als Weltabgewandtheit und Büßfertigkeit kennt. Diese Auffassung von der Frömmigkeit findet sich keineswegs nur in der christlich-theologi-i schen Literatur alten und neuen Datums, sondern sie beherrscht unsere gesamte Kultur (die ja auch mit Recht christliche Kultur genannt wird). Der doch immerhin noch sehr moderne Friedrich Hebbel läßt eine feiner Dramengestalten sagen: „Bei mir kann das Gezwitscher der Spatzen und Schwalben die Stelle der Orgel nicht vertreten; wenn ich mein Herz erhoben fühlen will, so muß ich erst die schweren eisernen Kirchtüren hinter mir zuschlagen hören und mir einbilden, es seien die Tore der Welt gewesen; die düstern, hohen Mauern mit den schmalen Fenstern, die das helle, freche Weltlicht nur verdunkelt durchlassen, als ob sie dä sichteten, müssen mich erst umdrängen..." „Helles, freches Weltlicht" und „Tore der Welt hinter sich zuschlagen" — welcher Jude könnte heute nicht Aehnliches schreiben?! Und doch ist es nicht nur eine typisch christliche, foubent eine durchaus unjüdische Aeußerung. Gewiß war den alten Juden die Frömmigkeit in der Form der Buße nicht unbekannt, sonst würden wir ja fern Versöhnungsfest besitzen. Aber niemals war die Buße Selbstzweck und niemals war sie Weltabgewandtheit. Und wenn ne unfern assimilierten Häusern fast nur noch die Bnßseste gehalten werden: im alten Israel waren, im echten Judentum fmd der Freudenfeste mehr als der Bußfeste. Insbesondere die „Bestzeit der Freiide", das Hüttenfest mit dem sich anschließenden Schlußfest und Thora-Freudenfest — wie wurde es begangen! Wenn wir vom Einholen der Palmen und Bachweiden lesen, vom Gußopfer und gar vom Fackelsest, so müssen wir erkennen: hier ist uns religiöses Gut restlos verlorengegangcn. „Wer die Freude des Fackelfestes nicht kennt, kennt keine Freude", lesen wir, aber wir lesen es nur, denn von Mitempfinden kann wohl keine Rede sein. Oder haben wer Verständnis dafür, wenn wir erfahren, daß manche Lehrer mit acht brennenden Fackeln Ball spielten; können wir uns eenen unserer heutigen Rabbiner an die Stelle H e l l e l s denken, von dem uns erzählt wird, daß er die brennenden Fackeln auf den Daumen balanzierte?! Es wird wohl niemand diese Zeilen dahin mißverstehen, als träten sie für Wiederherstellung jener alten Formen ein. Nichts weniger als das; wohl aber für Wiederherstellung des alten, jüdischen Geistes, der die Ssimchah schel Mizwah, die „Freude am Gebot" kannte und der uns, wenn wir nur diesen alten Geist wieder hätten, sehr schnell neue Formen bescheren würde. Auch für dreje neuen Formen macht Sa- Ionionjii bereits Vorschläge, die man an Ort und Stelle Nachlesen möge, und die ich nur dahin ergänzen will, daß man die vorgeschlagene Jugendfeier vielleicht aus der Synagoge hinaus und in die freie Natur verlegen müßte: die heutigen „Umzüge" in der Synagoge sind aus den einzigen Prozessionen in und vor Jerusalem entstanden, und wir sollten uns nicht scheuen, auf Uraltes zurückzugreifen, das so urmodern wäre wie religiöse Feiern im Freien; doch müßte die Jugend verlangen, daß die religiösen Führer dabei sind, dre wohl ihrerseits die Gelegenheit zu religiöser Gememschaststat gern ergreifen würden. Ja, vielleicht brauchte man sogar vor einer Verlegung des Festes nicht zurückzuschrecken, wenn man erfährt, daß ein bedeutendes enzyklopädisches Werk unter Berufung auf I. B. Kön. 6, 38 annimmt, daß auch in früheren Zeiten das Datum des Festes ein anderes gewesen fer als heute. Freilich, alle diese Neuerungen müßte sich ein funges Geschlecht selbständig schaffen, denn im Rahmen unserer völlig erstarrten Einheitsge mein den dürften sie unerfüllbar sein. Umso nachdrücklicher muß denn, als Vorarbeit für das später zu leistende Praktische, heute das Theoretische gefordert werden: daß wir uns gewöhnen, Frömmigkeit als innere Freudigkeit zu begreifen. Dies die wichtigste Mahnung unserer jetzigen „Festzeit der Freude", deren Schriftabschnitte uns an mehreren Stellen, in mehrfachen Variationen und Wiederholungen, dieFrcudezurrituellrn Pflicht machen. Uns, den in einer „christlichen Kultur" Lebenden, ist das schwer, doch möge jeder den Versuch maajem, es wäre ein Versuch, wndcr jüdisch-religiös zu werden. Das Ornamentale im Judentum Von Rechtsanwalt Dr. Ernst Emil Schweitzer, Berlin. I. Das Generalreferat, das Rabbiner Tr. Baeck auf der Weltkonferenz des liberalen Judentums gehalten hat, ist auf der letzten Versammlung des Berliner Jüdisch-Liberalen Vereins Gegenstand verschiedentlicher Beurteilung geworden, so einheitlich tote das hohe geistige Niveau dieser Rede anerkannt wurde. Ich vermag zu diesem Referat selbst nur unter allem Vorbehalt Stellung zu nehmen, da der Bericht der Jüdisch-liberalen Zeitung vom 24. August d. I. nur einen Auszug aus der Rede bringt. Gerade weil auch diese kurze Wiedergabe den außerordentlichen Reichtum der Gedanken veranschaulicht, erscheint es besonders bedenklich, diesen oder jenen Satz kritisieren zu wollen, wenn der Leser nicht genau den Zusammenhang kennt, in welchem er gesprochen wurde. Dies gilt insbesondere auch von dem Passus der Rede, der auf der Versammlung des Liberalen Vereins besonderen Anlaß zur Kritik gegeben hat und der hier des Zusammenhangs wegen nochmals wiedergegeben sei. „Das 19. Jahrhundert bedeutete für die Juden den Eintritt in die Welt; bis dahin hatten sie neben der Welt gelebt, nun sollten sie in der Welt leben und doch nicht von der Welt sein. Im Ghetto war das Individuum nur ein Glied der Gemeinde. Nun nach der Befreiung aus dem Ghetto war diese Gemeinschaft gelöst. So, wurde dem Juden die neue Aufgabe des 19. Jahrhunderts, altz Individuum in der Welt zu leben. Und die geschichtliche Bedeutung des Liberalismus ist die Lösung dieser Ausgabe, die aber noch nicht vollendet, sondern erst begonnen ist. Das danken wir den Vätern der Reform; sie erkannten diese Ausgabe. Aber sie achteten nur auf das Ornament, das Dekorative des Judentums. Sie blieben dadurch Menschen des Ghetto. Sic achteten auf unwesentliche Nebcnsragen und nicht auf das Problem des Judentums. Für uns wesentlich ist nichr das Ornament, sondern die Linie, nicht das Dekorative, sondern das Konstruktive; nicht, wie wir scheinen, sondern, was wir sind." Diese Ausführungen mögen sehr viel Richtiges und Wertvolles enthalten, obwohl sie der Bedeutung der Reform nach allen Richtungen kaum gerecht werden. Sie sind aber jedenfalls soweit zurückzuweisen, als in ihnen die Tendenz zum Ausdruck kam, nun gerade die Stellungnahme zu dem Ornamentalen und Dekorativen als etwas Nebensächliches hinzustellen und damit dieses Ornamentale und Dekorative in seine alten Rechte einzusetzen, die es unserer Ueberzeugung nach nicht zum Nutzen, sondern zum schwersten Schaden des religiösen Lebens einnimmt. Noch weit klarer und ganz eindeutig kommt diese bedenkliche Theorie liberaler Theologen aber in einer anderen Rede zum Ausdruck, au der die Diskussion in der Berliner Versammlung völlig vorüoergegangen ist, nämlich in den Ausführungen des Offenbacher Rabbiners Dr. Dienemann, die ausdrücklich an Baeck anknüpfen. Dienemann hat auf der Konferenz insbesondere gesagt: „Ich finde, Baeck hat recht gehabt, wenn er diese Frage nicht berührt, sondern sie ganz unserem Nachdenken überlassen hat. Es ist nicht unsere Aufgabe, darüber einen neuen Kodex zu geben und zu sagen: das ja, das nicht! Wir würden überhaupt einen schweren Fehler begehen, wenn wir über diese Sachen zuviel redeten. Die Orthodoxie macht sich vom Ritus abhängig und vom Gesetz, sie findet darin ein Zentrum, positiv. Wenn auch, wir unsere ganze Kraft darauf konzentrieren, über diese Fragen zu reden, so machten wir uns genau so davon abhängig und stellten Gesetz und Ritus genau so in den Mittelpunkt, — nur negativ. Wir begehen dann genau denselben Fehler, indem wir den Blick von dem Wichtigsten ablenkcn." Dienemanns Worte mögen aus der warmherzigen Natur des Redners, die nach allen Seiten ausgleichend zu wirken bestrebt ist, menschlich sehr kvohl verständlich sein, sachlich bedeuten sie die klarste Manifestierung einer Irrlehre, die in den Kreisen des theologisch-liberalen Judentums nur allzugroße Bedeutung gewonnen hat. II. Es ist absolut falsch, wenn man urts sagt, daß wir uns von dem Ueberflüssigen, von dem Nebensächlichen, von dem Kleinlichen in einer Religion gerade dadurch abhängig machen, daß wir alle geistige Energie daransetzen, eben diesem Dekorativen seine Vorherrschaft zu nehmen. Freilich, es ist ein Scheinargument, das seit jeher in den verschiedensten Religionen allem unbequemen Neueren von einem halben und schwächlichen Liberalismus entgegengesetzt worden ist. Schon Fichte hat sich mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seines Geistes mit jenen Fehlargumenten auseinaktdergesctzt. Schon er hat einmal die Frage aufgeworfen: ist es denn wahr, wie man uns sagt, daß dieses oder jenes in der Religion zwar über-- flüssig sein möge, aber deshalb doch noch nicht schädlich sei; und Fichte hat auf die Frage geantwortet: es schadet, denn es lenkt den Blick von dem Echten, Ernsten und Wesentl-. lichen ab. Im Judentum gewinnt nun der Kampf gegen die Herrschaft des Dekorativen eine besondere Bedeutung. Das religiös und ethisch Zweideutige in der von mir bekämpften Lehre wird klar, wenn wir uns den Sinn dieses Kampfes veranschaulichen, und wenn wir die Augen dafür frei machen, daß dieser Kampf um das Wesentlichste geht, nämlich, um die Herrschaft der sittlichen Vernunft im Judentum. Was wir bekämpfen, ist nichts anderes als ein Gewissenszwang, der jedem religiösen und ethischen Empfinden widerstreitet. Die Dinge stehen ja nicht so — es ist dies schon hmrdertfach gesagt worden, es muß aber gegenüber den immer wiederholten Mißdeutungen, zu deren Wortführer aus dem Weltkongreß sich Professor Elbogen machte, immer wieder rekapituliert werden — als ob wir „denjenigen paar Leuten, welche die Tradition halten wollen", dies irgendwie verwehren möchten. Daran denken auch wir Gegner jener halbliberalen Kompromißrichtung nicht; wogegen wir uns wehren, ist, daß das Zeremonialgesetz als jüdische Tradition denjenigen aufgezwungen wird, die ihm innerlich ablehnend gegenüberstehen. Was wir als elementarste Forderung aufstellen müssen, ist, daß der Gewiffenszwang beseitigt wird, der heute gegenüber jüdischen Gemeindebeamten und Laien geübt wird. Wenn es richtig ist, daß ein solcher Gewissenszwang ausgeübt wird — und eben dies suche ich im Folgenden zu beweisen, — dann vermag ich es zwar immer noch zu verstehen, wie die jüdische Orthodoxie von ihrer gründe sätzlichen religiösen Einstellung diesen Gewissenszwang billigen und gutheißen muß, aber dann habe ich gar kein Verständnis mehr dafür, wie liberale Wortführer diese Tatsache da-« durch zu bagatellisieren suchen, daß sie den Kampf gegen den Gewissenszwang als etwas Gleichgültiges, Nebensächliches, ja Schädliches hinzustellen suchen. III. Es wird Gewissenszwang gegen Gemeüidebeamte uild Laien geübt! Ich mochte mich zunächst mit dem letzten Teil meiner These beschäftigen, weil sie auch im liberalen Judentum als besonders überraschend empfunden werden dürste. Und doch, ist es nicht ein Zeichen einer religiösen und ethischen Verflachung, ist es nicht ein Zeichen geradezu einer gewissen Trägheit des Herzens, wenn man wahrscheinlich auch in den Kreisen vieler liberaler Leser zunächst nicht wissen wird, was mit dieser These gemeint ist. Gewiß, kein Mensch denkt daran, den jüdischen Gemeindeangehörigen etwa die Einhaltung der Speisegesetze gewaltsam aufzuzwingen. Ein bißchen sind wir ja aus dem Mittelalter schon heraus. Aber wie steht es mit den Ehegesetzen und mit den Ehescheidungsgesetzen? Wenn etwa auf dem Gebiete der Eheschließungen nicht der stärkste und verwerflichste Druck auf die Gemeindeangehörigen ausgeübt wird, so verdanken wir dies doch nicht der Toleranz der jüdischen Gemeinde, sondern wir verdanken dies dem Liberalismus des deutschen Staates, der die Eheschließung von den Fesseln religiöser Korporationen befreit hat. Kein deutscher Jude braucht sich an sich nach den jüdischen Gesetzen zu richten, wenn er eine Ehe eingeht aus dem einfachen Grunde, weil er nach den staatlichen Gesetzen auch ohne religiöse Sanktion diesen Schritt zu vollziehen vermag. Aber bedeutet nicht schon die Tatsache, daß jüdische Gemeindeangehörige, die an sich eine religiöse Trauung toiitH schen, darauf verzichten müssen, weil im Einzelfalle traditionelle Ehehindernisse bestehen, die für uns jeden Sinn verloren haben, einen unerträglichen Eingriff in die Gewissensfreiheit? Schopenhauer hat einmal das Wort „vom ruchlosen Optimismus" geprägt. Ich möchte diese Bezeichnung in unserem Zusammenhang übernehmen. In meinen Augen ist eS ein ruchloser Optimismus, wenn ein jüdischer Geistlicher, der heute jüdischen Eheleuten gegen seine sittliche Vernunft unb lediglich dem Drucke der Gemeinschaft folgend, die religiöse Weihe ihres Bundes versagt, es morgen so darzustellen sucht, als. wäre der Kampf gegen die Herrschaft des Zeremonialgesetzes etwas Nebensächliches und Belangloses. Noch viel handgreiflicher — ja man darf wohl sageik in geradezu furchtbarer Weise — wird uns die sittliche Verautwortungslosigkeit der von mir bekämpften Lehre vor Augen geführt, wenn wir in Betracht ziehen, daß jener Geist des Liberalismus, der in den Ehegesetzen unseres Landes den Sieg errungen hat, in anderen Staaten noch nicht durchge-; drungen ist. In Oesterreich — also gerade in dem Staate, mit heAn Gesetzen uns zu beschäftigen wir allen Anlaß haben — 's»gesteht ja bekanntlich bereits eine deutsch-österreichische juristische Arbeitsgemeinschaft — steht es doch so, daß sich die Ehescheidung nach den Vorschriften derjenigen Religionsgemeinschaften regelt, dem der Staatsbürger angehört. Demnach ist es staatlich anerkannter Zustand, daß die jüdische Ehefrau entsprechend den unserer Vernunft Widerftreitenben Bestimmungen der jüdischen Tradition benachteiligt wird, daß sie sich selbst aus einer ihr unerträglichen Ehe gegen den Willen des noch so schuldigen Ehemannes kaum zu befreien vermag. Ich wiederhole: Der Orthodoxe mag dies von seiner speziellen religiösen Einstellung rechtfertigen; wie ist es aber möglich, daß liberale Theologen solche Dinge als etwas Nebensächliches hinzustellen versuchen, daß sie davor ihre Augen verschließen, daß sie darüber ihr und unser Gewissen zu beruhigen suchen? Gibt es denn einen schlimmeren Gewissenszwang, als den, der Menschenglück zerstört. Gilt hier nicht das Wort Goethes: „Opfer fällt man hier. Weder Lamm noch Stier Aber Menschenopfer unerhört." IV. Ich bin nun aber insbesondere der Meinung, daß Gewissenszwang auch gegen unsere Gemeiudebeamten geübt wird, wenn dem jüdischen Rabbiner die Befolgung des Zeremonialgefetzes zur Pflicht gemacht wird. Freilich dieser Vorwurf wird nicht nur von orthodoxer oder gesetzestreuer Seite, sondern er wird auch von der herrschenden halbliberalen Richtung verneint. Es wird geflissentlich so dargestellt, als ov zwar dem orthodoxen Juden ein Opfer seiner Ueberzeugung auserlegt werde, wenn man ihm zumutet, das Zeremonialgesetz zu übertreten, als ob es aber für den liberalen keineswegs einen Gewissenszwang darstellen könne, wenn ihm im Hinblick aut feine repräsentative Stellung in der Gemeinde die Pflicht auferlegt wird, das Gesetz selbst dann zu halten, wenn er aus Grund seiner religiösen Anschauung dessen Verbindlichkeit verneint. Ich habe diese Theorie immer als eure Irrlehre schwerster Art empfunden. Richtig an .hr ist lediglich soviel, daß es liberale Theologen geben mag, welche in der persönlichen Einhaltung des Zeremonialgesetzes ein Opfer ihrer Ueberzeugung nicht erblicken. Bei ihnen wird man dann allerdings von einem Gewissenszwang nicht r'w'i können, beim ob ein Gewissenszwang ausgeübt wird oder nicht, kann natürlich nur von dem Empfinden des Betroffenen beurteilt werden. Hierbei ist nun aber zu bedenken, daß liberales Judentum kein neues Dogma darstellt, sondern daß es der Sinn und die Aufgabe des liberalen Judentums ist, gerade den verschiedensten Individualitäten die Möglichkeit zur Auswirkung in der jüdischen Gemeinschaft zu geben. Erkennt man dies an, so kann man vor der weiteren Tatsache das Auge i'.rcht verschließen, daß es Männer von tiefster Religiosität geben kann und gibt, die eben darin, daß man ihnen die Einhaltung des Zeremonialgesetzes auszwingen will, ein Opfer ihrer Ueberzeugung erblicken und die lieber auf die Stellung eines Rabbiners verzichten, ehe sie ein derartiges Opfer ihrer Ueberzeugung brächten. So wenig nun etwas dagegen einzuwenden ist, daß entsprechend dem Bedürfnis derjenigen jüdischen Gemeindeangehörigen, die an der Tradition Festhalten, Männer ihrer Ueberzeugung und ihrer Lebensführung in das Rabbinat berufen werden, so sehr muß sich das religiöse Empfinden dagegen auftehnen, daß entgegen der geistigen Einstellung und der Lebensführiing der großen Masse der jüdischen Bevölkerung Männer jener Richtung, welche das Zeremonialgesetz grundsätzlich ablehneu, von der Besetzung jüdischer Rabbinatsposten ein für alle Male aus-

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