Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 40 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMchKberaleZMU Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. 9tj««9prrif durch die Geschäftsstelle »/«jShrNch M. 2.30 Einzelnummer 020. Bei freier Ansendung i. Inland 0^5 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeltrage enthalten. Beranlwnrtl. Ledatlenr: Bruno Doyda. Die «Jüdisch-liberale Teilung" erscheint jede« Freitag. Redaktion und Geschiifisstelle: Berlin SW 4». wilhelmstr. 14? Fernruf: Bergmann 33S8, 33SS Postscheckkonto: Berlin J110 7, 137069 (Bereinigung für das liberale Judentum) Rachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redakuo« gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Ronparaillezeiie g.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: «Jüdisch-liberale Zeitung" Inseralenabteilung: Berlin Sw 4S. Wilhelmstroh« 147 (Bergmann: 3356-59). sowie sämtl. Annoncen-Lxpeditton. Nr. 40 Berlin. 5. Oktober 1928 8. Jahrgang Ser Streit an der Klagemauer Die Spannung zwischen Arabern und Juden in Palästina Am Bormittag des Jom Kippur kam es, wie wir bereits in einem Teil unserer vorwöchigen Ausgabe berichteten, in Jerusalem zu einem scharfen Angriff der Polizei gegen die vor der Klagemauer betenden Juden und Jüdinnen, der unter der palästinensischen Judenschaft ungeheure Empörung verursacht hat. Wahrend des Vormittagsgottesdienstes, der vor der Klagemauer unter freiem Himmel stattgesunden hat, erschien ein Pottzeitrupp unter Führung des britischen Polizeiinspeltors Tust und befahl mit lauter Stimme den in der Andacht verharrenden Juden, die Scheidewand, die zwischen der: Männern und den Frauen aufgerichtet worden war, zu entfernen. Als die Betenden diesem Befehl nicht nachtamen, besaht Tuff den Polizisten, die Wand niederzulegen. Tie Polizisten gingen mit großer Brutalität vor, sie zerstörten die Wand und verletzten mehrere der zur Andacht versammelten Männer und Frauen, unter ihnen eine amerikanische Jüdin. Unter der Jerusalemer Juden heit hat dieses Vorgehen der Polizei tiefste Empörung hervorgerufen. Ter Kanzler der Universität Tr. I. L. Magnes und der Arbeiterführer Ben Zwi besuchten den englischen Tistrittskommissar von Jerusalem, um sich bei chm im Namen der Judenschast gegen das Vorgehen seiner Polizisten zu beschweren. Ter Distrittskommissar erklärte aber, die Polizei hätte aus seinen ausdrücklichen Befehl gehandelt. Er könne nicht zulassen, daß der Platz vor der Klagemauer in eine Synagoge umgewandelt werde; dies würde den bestehenden Besitzverhältnissen und Verträgen widersprechen; schon die Errichtung einer Scheidewand verstoße gegen diese Verhältnisse. Weitere Schritte, die allerdings bisher offensichtlich sämtlich ohne Erfolg blieben, sind von den verschiedensten jüdischen Stellen bei den zuständigen englischen Verwaltungsinstanzen unternommen worden. Insbesondere erschienen bei dem stellvertretenden Oberlommissar Lute die Oberrabbiner Koor und Jacob Meir, der Vorsitzende der palästinensischen zionistischen Executive Oberst Kish, Tr. I. Thon, Kalvaristy und Meyuchas und unterhielten sich mit ihm zwei Stunden lang über die Fragen der jüdischen Andnchtsübung vor der Älagemauer. Ter Unterhaltung wohnten der Direktor des palästinensischen Polizeiwesens, der Oberstaatsanwalt Bentwich, der Tistriktskommissar von Jerusalem, Major Keith- Roach, u. a. m. bei. Tie jüdischen Vertreter gaben im Namen der Judenheit Palästinas ihrer stärksten Entrüstung über das Vorgchen der Polizei an der Klagemauer Ausdruck. Sie forderten eine Bestrafung der Schuldigen am Zwischenfall und eine radikale Löfung des Problems der Klagemauer in dem Sinne, daß die Inden über ihre heiligste Stätte sollen verfügen können. Herr Lute versprach, eine Antwort auf diese Forderung in kurzem zu erteilen. Der Tistriktskommissar ergriff das Wort zur Rcchtferttgung feiner Order au die Polizei. Er fetzte auseinander, daß die in der Nachbarschaft der Klagemauer wohnenden Moslemiten über die Ausstellung der Scheidewand in Erregung geraten waren, und daß zu befürchten war, daß die erregten Moslemiten ein Steinbornbardement gegen die jüdischen Andächtigen eröffnen würden. Schon dies allein rechtfertigte die gewaltsame Entfernung der Schirmwand. Die Besitzoerhattnisse an der Klagemauer. Die Vorfälle an der Klagemauer sind für den an religiöse Verhältnisse in Mitteleuropa gewöhnten Juden nicht ohne weiteres verständlich. Während hier der Grundsatz der religiösen Toleranz nur noch von extremen und nicht allzu bedeutenden Außenseitern verletzt wird, ist die religiöse Erbitterung der arabischen Bevölkerung gegen die Juden in Palästina eine Angelegenheit der Gesamtbevölkerung. Deshalb such Zwischenfälle an der Jerusalemer Klagemauer — einer Institution, die unserm modernen jüdisch-religiösen Empfinden nicht leicht nahe zu bringen ist — in den letzten Jahren nicht selten gewesen. Die Jüdische Telegraphen- Agentur erinnert im Zusammenhang mit den jetzigen Vorkommnissen daran, wie am Jom Kippur-Tage des Jahres 1925 arabische Polizeibeamte vor der Klagemauer die Stühle, die sich die älteren Andächtigen mitgebracht hatten, um während der Gebetspausen auszuruhen, gekvaltsam entfernten. Diese Maßnahme löste unter der Judenheit Palästinas und der ganzen Welt Proteste aus. Sir Ronach Storrs, der zu jener Zeit Gouverneur von Jerusalem war, erklärte einer jüdischen Abordnung, die sich bei ihm gegen die Brutalität der Polizei beschwerte, daß die Order, die das Mitbringen von Stühlen verbietet, noch vor einigen Jahren vom damaligen Oberkommissar Sir Herbert Samuel erlassen worden war, und zwar infolge eines Protestes der moslemitischen Autoritäten, die auf dem Standpunkt stehen, daß die Umgebung der Klagemauer religiöses Eigentum der Moslemiten sei. Im übrigen verfügte Sir Ronald Storrs, daß einige der weggenommenen Stühle zurückgcbracht werden, und gestattete außerdem, daß Kissen und leere Petroleumkannen von müden Andächtigen zum Ausruhen benutzt werden. Bei dieser Gelegenheit teilte Sir Ronald Storrs mit, daß er im Jahre 1918 aus Ersuchen Dr. Weizmanns, des Präsidenten der Zionistischen Welt-Organisation, mit den mostemitischcn Autoritäten in Verhandlungen trat, um von ihnen das Besitzrecht an diesem Platze für die Juden zu erwerben. Er bot eine Summe von 75 000 Pfund. Die Verhandlungen hatten sich aber zerschlagen. Nach dem Zwischenfall des Jahres 1925 nahm Dr. Wcizmann in einem Mantelschreiben an Lord Piumer, das dem Memorandum der Zionistischen Organisation an die Ständige Mandatskommission des Völkerbundes über die Jewish Agency beigegeben war, auf diese Vorfälle Bezug und legte dar, man wollte nicht über die Polizei klagen, die die ihr erteilte Order so rücksichtsvoll wie möglich durchführte, man wolle auch nicht leugnen, daß die Anweisungen an .die Polizei durch den Buchstaben des bestehenden Gesetzes gerechtfertigt sein mögen, die Zionistische Executive fühle sich nichtsdestoweniger verpflichtet, daraus hinzuweisen, daß der Zwischenfall in der gesamten jüdischen Welt den peinlichsten Eindruck hervorgerufen hat. Er sprach die Hoffnung aus, daß die Mandatarmacht und der Völkerbund Mittel und Wege finden werden, um gemeinsam eine Lösung zu finden, die einem Zustano, der Anlaß zu ernstlicher Besorgnis gebe, ein Ende machen solle. In der Sitzung der Mandatskommission wurde dann die Angelegenheit behandelt. Colonel Symes, der die Mandatarmacht vertrat, legte dar, daß das Grundstück vor der Klagemauer einem moslemitischen Wakf gehöre; den Juden sei es zwar gestattet, auf diesem Platze zu verweilen, sic dürsten aber nichts unternehmen, was den Eindruck erwecken könnte, daß das Grundstück ihnen gehöre. Die Moslemiten befürchten, daß, wenn den Juden erlaubt sein würde, Stühle mitzubringen, sie dann befestigte Bänke ausstellen würden, und nicht lange danach würden sie einen gesetzlichen Anspruch auf das Grundstück auf Grund des „Ersitzens" erheben. So sehr die Administration mit den betenden Juden an der Klagcmauer sympathisiere, so gebiete es ihr doch die Pflicht, den status quo zu respektieren. Die Besitzverhältnisse an der Klagemauer könnten nur durch tin Abkommen zwischen den Moslemiten und den Juden geregelt werden, die Regierung würde ihr äußerstes tun, um das Zustandekommen eines solchen Vertrages zu fördern. Kundgebungen. Ter Oberste Rat der Moslemiten teilte der Jüdischen Telegraphen-Agentur mit, die Regierung sei vom Obersten Rat zweimal aufgefordcrt worden, die bestehenden Besitzverhältnisse zu schützen und die Scheidewand, sowie Tische, Lampen usw. vor der Klagemauer zu entfernen. Durch diese Aufforderung an die Regierung sei der moslemitische Oberste Rat einer beabsichtigten Aktion der moslemitischen Menge zuvorgekommen, die Anstalten traf, am Morgen des Jom Kippur, vor der Ankunft der jüdischen An»-, dächtigen, den Platz vor der Mauer zu besetzen. In einem offiziellen Com mm unique der Palästina-Regierung wird erklärt, daß die Entfernung der Schirmwand vor der Klagemauer auf Grund eines Protestes des moslemitischen Obersten Rates, der sich darauf berief, daß das Anbringen von Gegenständen vor der Klagemauer den bestehenden Verträgen und Besitzverhältnissen widerspräche, von der Regierung angeordnet worden ist, daß aber die vorgekommenen Zwischenfälle bei der Entfernung der Wand bedauert werden. Das Hauptbüro der Zionistischen Weltorganisation in London hat von der palästinensischen Z i o n i st i - scheu Executive eine Kundgebung betreffend die Vorgänge an der westlichen Tempelmauer (Kl'ageinauer) in Jerusalem am Jom Kippur erhalten, die besagt: Es muß unser Bestreben sein, zu erreichen, daß der Völkerbund eine radikale Lösung des Problems der Klagemauer in einer Weise vornimmt, daß eine Wiederholung der Zwischenfälle an der Klagemauer in jeder Form unmöglich sein soll. In der Kundgebung der palästinensischen Executive wird dringend gefordert, daß die Pro-Palästina-Konutees in allen Ländern, sowie die zionistischen Landesverbände nachdrücklichst protestieren: erstens gegen die moslemitische Intoleranz, die aus einem läppischen Anlaß eine Störung des heiligsten religiösen Festes an der heiligsten Stätte der Judenheit verursacht hat; zweitens gegen die ganz und gar ungerechtfertigte Aktion der britischen Behörden, die aus purer Nachgiebigkeit gegenüber den moslemitischen Wünschen und ohne sich zuvor mit irgend einer verantwortlichen jüdischen Behörde in Verbindung gesetzt zu haben, in so unangemessener Weise eingegriffen hat, um einen status quo zu erhalten. Oberst F. H. Kish, der Leiter der paläftinensissk-en zionistischen Executive, heißt es in der Mitteilung weiter, habe mündlich bei dem die Regierung repräsentierenden Beamten Der preußische Justizminister gegen die Ariedhofsschänder Ter preußische Justrznunisier hat in einer allgemeinen Verfügung die Strasversolgungsbehörden ersucht, im Einvernehmen mit dcu Polizeibehörden, die der preußische Minister des Innern durch Runderlaß vom 18. Oktober v. I. mit Anweisungen versehen hat, diesen Straftaten auch, weiterhin ihr besonderes Augenmerk zuzuwenden und um die Aufklärung, die trotz Aussetzung von erheblichen Belohnungen leider nicht immer gelungen ist, nachdrücklich bemüht zu fern. Bei der Stellung der Strafanträge in der Hauptverhandlunz werde zu berücksichtigen sein, daß solche gegen die Ruhe der Toten gerichteten Straftaten in allen Kreisen des Volkes als besonders verabscheuungswürdig empfunden werden und es nach den Erfahrungen der lchten Jahre nicht möglich erscheint, ihnen ohne empfindliche Strafen mit Erfolg zu begegnen. Ueber alle Verfahren dieser Art ist gemäß § 9 der allgemeinen Verfügung über Mitteilungen in Strasiachcn vom 12. Dezember 1927 dem Justizminister zu berichten. protesttert, der in seiner Erwiderung betont hat, daß die Tatsache, daß die Scheidewand eine Neuerung darstellt jobwohl sie bereits zu Rausch Haschonoh ausgestellt worden war), unter keinen Umständen ein gewaltsames Eingreifen und eine Störung der Jom Kippur-Andacht an dieser heiligsten Stätte der Juden gerechtfertigt hat. Tie Frage, ob es den ^uden erlaubt werden könne, eine Schirmwand aufzustellen, hätte bis nach dem Festtag verschoben werden müssen. Uebrigens haben die betenden Juden keinen physischen Widerstand gegen die Entfernung der Wand geleistet, sondern nur gegen die Maßnahmen protestiert. Menschen seien dabei auch nicht zu Schoden gekommen. Ungeachtet dessen, schließt Kish die Erklärung der palästinensischen Executive, sind wir der Ansicht, daß die Maßnahme der Behörde und der Grund, weswegen sie getroffen wurde, den schärfsten Protest herausfordert. Die Zionistische Weltexecutive erläßt eine Erllärung zu den Vorgängen an der westlichen Tempelmaucr in Jerusalem, in der es heißt: Die gesamte jüdische Welt beklagt aufs Tiefste die Ereignisse, die sich in Jerusalem vor der Klagemauer am Tage des Versöhnungsfestes abgespielt haben. Die Zionistische Exekutive behält sich eine weitere Stellungnahme nach Eintreffen ausführlicher Informationen vor. Im weiteren Verlauf der Erklärung weist die Zionistische Executive darauf hin, daß sie noch vor zwei Jahren das Problem der Klagemauer aus Anlaß vorangcgangcner bedauerlicher Zwischenfälle, die die tiefsten Empfindungen der Juden verletzten, vor der Mandatarmacht und dem Völkerbund aufgerollt und dabei der Hoffnung Ausdruck gegeben hat, daß Mittel und Wege gefunden werden, die einem Zustande ein Ende machen, der schwere Besorgnisse für die Zukunft rechtfertigt. Tie Executive hegt nun die bestimmteste Hoffnn..^, daß angesichts der jüngsten Ereignisse die Frage der Klagemauer nunmehr einer ernstesten Betrachtung unterzogen werden wird Die Quintessenz. Die jetzigen Vorkommnisse an der Klagemauer haben blitzartig die gegenwärtigen Verhältnisse in Palästina beleuchtet. Tie Regierung des Landes begnügt sich in dem Streit der Nichtjnden uiifc Juden mit recht wenig glücklichen VerwaltungsMaßnahmen, die auch die lchten Illusionen rauben mußten, als ob ihr Streben tatsächlich der Errichtung der sogenannten jüdischen Heimstätte gelte. Andererseits zeigt sich, daß die Erbitterung der Araber gegen die Juden in Palästina in den lchten Jahren nicht abgenommen hat; droht doch die arabische Presse sogar mit Unruhen für den Fall, daß die Juden versuchen sollten, ihre „Rechte" an der Klagemauer zu erweitern. Hinzu kommt noch, daß die Araber in der lchten Zeit mit ständig wachsender Entschiedenheit ein Selbstverwaltungsrecht für Palästina fordern, wobei sie offensichtlich die Hoffnung anspornt, durch ein Parlament der Landesbevölkerung weitere jüdische Einwanderung verhindern zu können. So zeigt sich, wie naiv die Betrachtungsweise Palästinas als Land ohne Volk, aus das die Juden „historische" Ansprüche geltend machen könnten, gewesen ist, und daß die Forderung „Palästina den Juden wie England den Engländern" ohne Achtung der Rechte der eingeborenen arabischen Bevölkerung erhoben wurde. Der jetzige Streit an der Klagemauer muh von allen Juden als ernster Anlaß genommen werden, die Bedeutung Palästinas als jüdisches Kolonisaiionsland und das Schicksal der Juden in Paläst' na in der Zukunft erneut zu erwägen. j