Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 38 (21.9.1928)
- Date
- 1928-09-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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um die Besonderheit einer Theorie, einer Schau, einer Perspektive — einer Perspektive des Heiligen, die übernationale und überzeitliche Möglichkeit des Menschen ist. Bruno Woyda ist im Recht, wenn er Wiener rn der Diskussion entgegnet: „Wir glauben, daß unsere religiösen Wahrheiten von jedem Menschen erkannt werden tünnen und sollen, ganz gleich, ob er jüdischer Abstammung ist oder nicht." Nachdenkliches zur Wellkonferenz Von I. Wolfssohn, Breslau. Das Bezeichnende an dieser Veranstaltung war, daß sie sich ganz ohne alle äußeren Abzeichen abspielte. Keine Banner wehten, keine Vereinsabzeichen wurden getragen, nicht einmal ein Bild von Abraham Geiger war im Sitzungssaale zu erblicken. Schon darin zeigte sich das „rein Geistig e" dieser Verhandlungen und Redekämpfe. Doch es zeigte sich auch als Schattenseite; die meisten Redner blieben zu sehr am „rein Geistigen" haften. Nicht etwa, daß wir (wie Heinrich Stern dem Derhandlungsbericht vorausschickt) nun auch „etwas schwarz auf weiß nach Hause tragen wollte n". Aber der große Gedanke des liberalen Judentums, seine wichtigste Botschaft an den Juden von heute, wurde nur von einem Diskussionsredner angedeutet. Utrd der Weg zur Verwirklichung, nur von einem der Referenten ausdrücklich genannt, und nur ein Diskussionsredner stimmte ihm (soweit ich gehört und gelesen) ausdrücklich bei. Diesen Eindruck gibt auch die nicht neutrale, nicht liberale jüdische Presse wieder. Zionistische und prozionistische Blätter deuten die Versammlung als einen Ausdruck der Sehnsucht nach einem außerreligiösen und gewissermaßen uationaltulturelleu Zusammenhang des Weltjudentums. Ein Blatt meint, „man habe oben auf den Tribünen der Presse garnicht erkennen und verstehen können, um was eigentlich ge st ritten wurd e". „Die Rede des Hauptreserenten (Rabbiner D r. Baeck) sei eigentlich eine gegen sein Publikum gerichtete Anklage gewesen." Eine orthodoxe Zeitung sagt u. a.: „Baeck habe im ersten Teil seiner Rede eine Frage aufgeworfen, d i e er im zweiten Teil mangels eines orthodoxen Standpunktes nicht habe lösen können." Und ehrlich gesprochen ist es nicht zu verwundern, daß solche Eindrücke entstanden sind. Dr. Leo Baeck ist ein Redner von Gottes Gnaden, dessen Worte den Hörer immer in ihren Bann zwingen und auch am 19. August gezwungen haben. Denn wahrlich, wenn dieser Mann spricht, so ist es kein leeres Predigen, sondern eine wirkliche Botschaft, weil der Zuhörer stets nur den Eindruck gewinnen kann, daß alles tief empfunden und erlebt ist. So ergriff auch sein Referat aus der Weltkonferenz und veranlaßte immer wieder und wieder zum Nachdenken. Aber mit dem jedesmaligen Nachdenken über seine Worte mußteil jedem Liberalen auch größere Bedenken kommen. Einige Beispiele: „Die Pater der Reform rvollten die jüdische Religion zeitgemäß machen. Sie achteten nur aus das Ornament, auf das Dekorative im Judentum, nicht aus die L i n i e." (Haben die Väter der Reform im Gegenteil aidu die Linie des Judentums zu nackt herausgestellt, so daß das an diese klare Linie nicht mehr gewöhnte jüdische Auge sic garnichr mehr als jüdisch erkannte? Haben sie nicht vielmehr die Ornamente zu völlig abrasiert?!) „Religion kann und darf nicmals zeitgemäß sein!" (Ter Grundgedanke einer jeden Religion, die den Glauben an etwas Einiges lehrt, geiviß nicht. Aber der Kult und die äußere Form müssen zeitgemäß und ortgemäß sein und lvaren es auch meistens.) „Vor der Emanzipation >o o h u t e n die I u d e n in der Welt; nach der Emanzipation lebten sie in ihr, aber in der Welt leben bars noch nicht heißen, mit der Welt lebe n." (Das Judentum ist doch eine Religion der Tat; gerade deshalb muß cs auch mit der Welt leben, in jüdisch-ethischem Sinne leben. Ein Jnaktivismus, ivie z. B. der des Buddhismus, ist für das Judentum ganz undenkbar.) „Wir müssen die großen Nonkonformisten bleiben!" (Ja was heißt denn Nonkonformismus und ist der denn immer das Richtige, das Gute? Was wäre aus Judentum und Christentum geworden, wenn der große Nichtkonformist Nietzsche sich durchgesetzt hätte! Und wenn große Nonkonsormisten Auhäugerschareu gewonnen haben, wer sind dann später die Nonkonsormisten! Die Marxisten oder ihre Gegner? Die Bolschewisten oder die russischen Emigranten? Die Propalästinenser oder die anders Denkenden? Ist denn Nonkonformismus, d. h. anders sein, was so vielfach für das Judentum gefordert wird, schon deshalb besser sein? Gerade durch dieses durchaus und um jeden Preis auch äußerlich anders sein wollen, als cs garnicht mehr nötig und angebracht war, hat sich das Judentum selbst um die unmittelbare -Wirkung seiner Ideen gebracht.) Auch vom „M inimum und Maximum des Judentum s" sprach D v. Baeck. (Kann man in dieser Art überhaupt das Judentum messen? Gibt es da nicht nur ein Entweder^ — Oder?) — Claude G. Montesiorcs Referat war schon mehr auf die Bedeutung des Liberalismus eingestellt und den eigentlichen Weg, den der Liberalismus zu gehen hat. zeigte Rabbiner D r. Jos. Lehmann von der Resormgemeinde, Berlin. Nach manch anderen, sehr wichtigen, aber mehr polemischen Auseinandersetzungen warf er den Gedanken des Sonntagsgottesdienstes in die Debatte und bezeichnete ihn als den wichtigsten Wesenspunkt des Liberalismus. Auch wenn man die Form des Gottesdienstes in der Berliner Resormgemeinde ablehnt, muß man als Liberaler die Notwendigkeit des Sonntaggottesdienstes anerkennen. Weder der Hinweis darauf, daß vor bald zwei Jahrtausenden das junge Christentum den Sonntag zum Unterschied vom Judentum geschaffen, noch der Einwand, daß auch am Sonntag die Synagogen leer bleiben würden, dürfen uns daran irre machen, daß das liberale Judentum eine religiöse Heiligung des sozialen Ruhetages schaffen muß, daß dies zur Botschaft des Liberalismus von heute gehört; ja daß diese Forderung geradezu als Kriterium des Liberalismus angesehen werden muß. Diesen wichtigsten Gedanken hat außerdem in der Diskussion dann eigentlich nur noch Bruno Woyda vertreten, der sich auch mit Recht energisch gegen die später noch zu besprechenden Ausführungen Dr. Wieners wandte. Aus der Diskussion sind für den entschieden Liberalen noch hcrvorzuhcben die schönen Worte des Rabbiner Dr. Gall in er, Berlin, der den Ausdruck tiefen Dankes für die Väter der Reform fand und sie mit Recht Heroen nannte. Ein aus alle Fälle sehr interessantes Moment brachte das Auftreten des Rabbiner D r. Wiener in die Diskussion. Nach meinen Notizen, die im wesentlichen mit den gedruckten Berichten übereinstimmen, sagte er u. a. folgendes: „Die Wissenschaft ist atheistisch." (Schon in der weiteren Diskussion wurde ihm gesagt, daß die Wissenschaft längst nicht mehr atheistisch ist. Dazu ist hinzuzufügen, daß sie es eigentlich nur während der das letzte Drittel des vorigen Jahrhunderts dauernden Herrschaft des Materialismus war.) „Die Religion ist der Kultur gegenüber indifferent." (Auch das ist nicht der Fall. Mögen die Religionsstister auch sonst der Kultur gegenüber indifferent gewesen sein, Moses (vorausgesetzt, daß man ihn als Persönlichkeit aufsäßt) war es jedenfalls nicht. Das beweisen die ihm zugeschriebenen, die Kultur der damaligen Zeit sehr wohl berücksichtigenden Gesetze. Auch das Christentum hat in seiner äußeren Form, der Kirche, die Kultur meist gefördert und sie z. B. nach Deutschland gebracht.) „Ethik hat nichts mit dem Göttlichen zu schaffen." (Es erscheint schwer verständlich, daß ein liberaler Verkünder des Judentums, der Religion, die stolz ist, die noch heute gültige Ethik der Kulturwelt gebracht oder doch wenigstens übermittelt zu haben, diesen Standpunkt einnimmt. Solche Stellungnahme zur Ethik ist das beste Mittel, die religiös Indifferenten völlig aus dem Judcntuni und auch aus jeder anderen Religion herauszugraulen.) Und weiter warf Dr. Wiener die Frage auf: „Ist denn Religion überhaupt etwas Ewiges? Wird die Menschheit nicht vielleicht schon in hundert Jahren völlig unfähig zum Religiösen, und unempfänglich für göttliche Offenbarung sein?!" (Meine Antwort lautet: es ist nicht anzu nehmen, daß diese Hypothese von einem Rabbiner ernst gemeint ist, weil sonst das von ihm gepredigte „Sch'ma Jisroel" nicht ernst gemeint sein könnte.) D r. Wieners Antwort lautete ungefähr wörtlich: „Deshalb muß man zur Erhaltung des Judentums auf dessen nationalen Grund und Inhalt z u r ü ck g r e i f e n." Der Versammlungsleiter, Justizrat Dr. Blau, unterbrach bei diesen Worten den Redner mit berechtigtem Hinweis auf die getroffene Abmachung über Zionismus nicht zu sprechen. Und das war gut so, denn es sollte ja nur vom religiösen Liberalismus die Rede sein. Immerhin waren die geistvollen Ausführungen des Dr. W. sehr interessant, weil sie zeigten, auf welchen Wegen man zum Nationaljudentum gelangen kann. Unbedingt muß noch Professor Ellbogens Rede erwähnt werden. Dieser um jüdische Wissenschaft so hoch verdiente Gelehrte wandte sich mit einer ganz besonderen Schärfe gegen den von Dr. Lehmann propagierten Standpunkt der Resormgemeinde und nahm für sich und seine Richtung das Recht in Anspruch, „Traditionen zu bewahren und zu halte n". Kein wirklich Liberaler wird das irgendwie irgendjemand streitig machen. Aber gerade wir Laien haben ein sehr feines Unterscheidungsvermögen zwischen dem, was einem sich liberal nennenden noch Tradition sein kann und dem, was schon mehr zur bloßen Konvention geworden. Deshalb treten wir so energisch dafür ein, daß auch dem Rabbiner und jüdischen Kuttusbeamten ein Recht zur Uebereinstimmung von Liebe und Leben zusteht. Derjenige, der die Botschaft des liberalen Judentums an den Juden von heute am klarsten andeutetc, war Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. Er war es, der davon sprach, daß es sich bei dieser Botschaft um eine Mission für die ganze Welt handele, daß cs „e i n e V e r j ü d i s ch u n g der Welt" gelte, eine Ausdehnung des „Kl al Jisroel" auf alle Menschen. Es ist schade, daß diesem wirklichen Botschafter des Liberalismus nicht eine längere Redezeit zur Verfügung stand. Denn das ist die Mission, die der Liberalismus hat: die Formen ' der jüdischen Religion so auszugestalten, daß die Zehntauscnde Religiös- Indifferenter auch aus anderen Religionen sich mit dem Judentum durch seine Gottesdienste vertraut machen können, mit seinen hohen ethischen und sozialen Gedanken, unserer Religion. Der Liberalismus hat die Pflicht, nun endlich einmal mit dem Bau der Mole zu beginnen, die sich hinausstrcckt in das Meer des Zweifels und auf ihrer Spitze den Leuchtturm der jüdischen Ethik zu errichten. Dann wird das Judentum uicht nur eine Sache weniger sein, sondern die Weltreligion großer Massen. Die Aussührungen unserer ausländischen Freunde standen alle auf einer hohen Stufe; tiefsten Eindruck machten natürlich die Worte und die Erscheinung von Claude G. Montefiore und M. L i l y M o n t a g u , der zwei Menschen, die das beneidenswerte Los haben, einer idealen Sache voll und ganz um ihrer selbst willen dienen zu können. Nicht vergessen werden darf bei diesem Nachklang an die Sektionssitznng der „Jugend". Es sollten in ihr in erster Reihe zu Worte kommen Jugendliche, Jugendbildner und Ausländer. Das geschah auch; man hörte alle Richtungen. Den deutsch-jüdisch Eingestellten, der die Jugend nicht dem Heimatvolkstum entfremden will. Den Zionisten, der durch hebräisches Lotto und Ausblick auf alles in der Welt vom jüdischen Standpunkt das jüdische Kind zu einem Sonderdasein erziehen will. Den Engländer und den Amerikaner mit den Darlegungen ihrer heimischen Verhältnisse. Nicht gehört wurde dagegen ein Redner, der, wie etwa D r. G o t l s ch a l k der Jugend ein wirkliches Jugendideal vor Augen geführt hätte: Vorbereitung des Judentums zur Wcltreligion. Trotz allem, was ein ehrlich denkender an einzelnen Reden kritisieren muß, war der äußere und innere Gcsamteindruck der Veranstaltung erhebend. Wahrlich, der Liberalismus lebt, lebt in heißen Kämpfen und Ringen mit sich selbst, und er wird auch aus solchen Zusammenkünften noch mehr nach Hause bringen, wenn aus ihnen nicht in so überwiegendem Maße die Berufsreligiösen (Rabbiner und Gelehrte), sondern noch viel mehr das Laienelcment zu Worte, kommt. Es ist zwar das Objekt der Synagoge und Schule, abex gerade deshalb kann es diesen beiden Faktoren und auch dem Familien- und praktischen Leben vielleicht stärkere liberale Anregung geben. Dazu ist natürlich vor allem nötig, daß bisher der liberalen Bewegung fernstehende Kreise ein praktisches Interesse für sie gewinnen und zeigen. « Aus den Gemeinden * Beuel. (25jähriges Synagogen-Jubiläum.) Die Shnagogengemeinde feierte Samstag die Erinnerung an die Einweihung ihres jetzigen Gotteshauses vor 25 Jahren. Bei dem Festakt am Vormittag in der Synagoge begrüßte nach Thoralcsung und Gebeten der erste Vorsitzende der Gemeinde, Kaufmann Max Goldreich, außer den Mitgliedern der eigenen und den Vertretern auswärtiger jüdischer! Gemeinden vor allem die Vertreter des Bürgermeisters und der beiden christlichen Kirchen. Ihre Teilnahme an diesem Feste beweise aufs neue das gute Einvernehmen zwischen der Synagogcngemeinde and den übrigen Mitbürgern. Religionslehrcr Nußbaum gab in seiner Fcstpredigt eine kurze Geschichte des Judentums im Rheinlande und insbesondere in Beuel und seiner Umgebung. Mehr als 1500 jährige Geschichte verbinde das Judentum mit rheinischem Boden, und jüdisches Geistesstrcben habe trotz schwerer Verfolgungen am Rhein eine besonders Pflegestätte gesunden. Im Jahre 1618 werde urkundlich zum erstenmal der Aufenthalt von Juden in Basel bezeugt. Das Jahr 1798 habe den Juden die Freiheit und damit zugleich die Gelegenheit gegeben, ihre Verbundenheit mit der Heimat und dem deutschen Vaterland zu beweisen. 1908 wurde in Beuel eine selbständige Synagogengemeinde gegründet, die in den 30 er Jahren ihre höchste Blüte gehabt zu haben scheint, sich Ende der 40 er Jahre aber auf Grund gesetzlicher Bestimmungen mit den Gemeinden von Bonn, Poppelsdorf, Godesberg und Villip zu einem Verbände vereinigen mußte. Dieser wurde nach 21 Jahren wieder aufgelöst, und 1876 erlangte die Beueler Gemeinde ihre volle Selbständigkeit wieder. Die Baufälligkeit der alten Synagoge zwang zum Bau einer neuen, der jetzigen, die im Jahre 1903 eingeweiht wurde. Die guten Wünsche, die der Gemeinde vor 25 Jahren ausgesprochen wurden, hätten sich im allgemeinen verwirklicht. Es beglückwünschten nun die jüdische Gemeinde Beigeordneter Karnatz als Vertreter der politischen Gemeinde, Kaplan Korschildgen als Vertreter der katholischen Pfarrgemcinde Beuel und Herr Simon im Namen der evangelischen Gemeinde. Alle drei rühmten mit herzlichen Worten das gute Einvernehmen mit der Synagogengemeinde, und Kaplan Korschildgen, mit dem zugleich auch fast der ganze Kirchenvorstand anwesend war, erinnerte dankbar daran, daß die Synagoge alljährlich zur Fronleichnamsprozession geschmückt werde, sein besonderer Wunsch war, daß das gute Einvernehmen unter den verschiedenen Bekenntnissen in Beuel auch in Zukunft erhalten bleiben möge. Rabbiner Dr. Levy übermittelte endlich die Glückwünsche der Bonner Synagogengemeinde uno wies dabei in längeren Ausführungen auf die alten Ueberlieferungen hin, die geeignet seien, auch dem deutschen Judentum einen festen Halt zu geben. Berlin. (Erlaubnisurkunde zur Einrichtung einer Vorbereitungsanstalt.) Amtlich. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden unterhält bekanntlich seit dem 24. Oktober 1927 eine Vorbereitungsanstalt, in der junge Leute für die Reifeprüfung, und daran anschließend den Besuch der Pädagogischen Akademie in Frankfurt/Main herangebildet werden; sie sollen dadurch befähigt werden, den Beruf eines jüdischen Volks- oder Religionslehrers auszuüben. Die Anstalt besuchen zurzeit 22 Schüler. Das Provinzialschulkollegium der Provinz Brandenburg und von Berlin hat unter dem 12. September d. I. auf Antrag des Landesverbandes dem Anstaltsleiter, Herrn Studiendirektor Dr. Gutmann, die Erlaubnisurkunde zur Einrichtung und Leitung dieser Vorbereitungsanstalt ausgefertigt. Die Schule unterliegt damit den gesetzlichen Vorschriften über die Privatschulen. Berlin. (6 0. Geburtstag.) Kommerzienrat Maximilian Stein, Berlin, «ine der angesehensten Persönlichkeiten der Brauindustrie und als warmherziger Förderer gemeinnütziger Wohlfahrtspflege weitesten Kreisen bekannt, begeht am 27. September seinen 60 Geburtstag. Kommerzienrat Stein ist eines der aktivsten Mitglieder der Großloge U.O.B.B. Hand in Hand mit Geheimrat Timendorfer arbeitete er an der Entwicklung des deutschen Distriktes mit, hielt in den Logen Borträge, die sich durch Inhalt und Form auszeichneten. 1908 lvurde er ins Generalkomitee und in den Geschäftsführenden Ausschuß der Großloge, 1912 zum Großschatzmeister, 1924 zum Vizegroßpräsidenten der Großloge gewählt. Besonderes Interesse brachte und bringt er der jüdischen Jugendbewegung entgegen, die er stets fördern half. Aus Anlaß seines Geburtstages läßt Kommerzienrat Stein eine Auswahl seiner in der Loge gehaltenen Vorträge und Reden veröffentlichen. Berlin. (Vortrag von Dr. Wischnitzer.) Im Hause von James Simon berichtete am 19. September d. I. Herr Dr. Wischnitzer eingehend über die Tätigkeit der verschiedenen jüdischen Wanderfürsorgevereine, die Anfang September aus der internationalen permanenten Konfcrenzgemeinschaft der privaten Emigrationsgesellschaften in Genf für die jüdischen Interessen eingetreten sind. Ueber 80 Gesellschaften aller Konfessionen und aller Länder sind dieser Konferenzgemeinschaft angeschlossen, und in unablässiger, gemeinschaftlicher Arbeit sucht man das Los der vielen Flüchtlinge zu erleichtern, die durch politische oder soziologische Katastrophen entwurzelt sind und sich eine neue Heimat suchen müssen. Von jüdischen Organisationen waren in Genf u. a. die Jca, der Deutsche Hilfsverein, das Joint Foreign Comittee, die Emigdirect, die Zionistische Vereinigung, die Londoner Gesellschaft zum Schutz jüdischer Mädchen u. a. vertreten. Lucien Wolf, Dr. Wischnitzer selbst und I. Aberson wurden zu ordentlichen Mitgliedern der Konferenz gewählt. Die Beschlüsse der Gemeinschaft sind zwar nicht bindend, sie gibt aber den Regierungen der verschiedenen Einwanderungsländer reiche Anregungen, indem sie ihnen die Wünsche der Emigranten übermittelt und Vorschläge zur Abstellung zahlreicher Mißstände macht. Viele Erleichterungen und Verbesserungen sind bereits durchgesetzt worden. Die Bekämpfung des Agentcnbetruges macht gute Fortschritte; die Probleme der allgemeinen Passagierversicherung, der Beförderung mittelloser Emigranten, der Reiseerleichterungen für die Angehörigen legal zur Einwanderung Zugelassencr usw. werden allmählich zu lösen versucht. Mit dem Völkerbundsbüro und dem internationalen Arbeitsamt ist Fühlung genommen worden und zum Teil wird jetzt schon mit diesen Organisationen gemeinschaftlich gearbeitet. Beratungsämter für die Flüchtlinge werden eingerichtet. Diese werden den verschiedenen Regierungen gegenüber als Sachverständige für alle Emigrationssragen auftretcn. Es ist zu hoffen, daß binnen kurzem Vertreter der Gemeinschaft amtliche, konsularische Befugnisse erhalten werden. Die Arbeiten der Gemeinschaft dulden keinen Aufschub. So befinden sich zum Beispiel in Konstantinopel ca. 2000 russische Flüchtlinge, die bis zum Februar 1929 die Türkei verlassen müssen. Ein Drittel dieser Hilfsbedürftigen sind Juden! — Mancherlei, führte der Redner aus, sei erreicht worden: aber noch sei sehr, sehr viel zu tun übrig. Recht beklagenswert sei die Gleichgültigkeit, mit der noch viele jüdische Organisationen den überaus wichtigen Genfer Arbeiten gegenübcrständen. Die allgemeine Zusammenarbeit der in Betracht kommenden Vereinigungen müsse weiter allsgebaut werden. Reicher Beifall lohnte den Redner für seine interessanten und warmherzigen Aussührungen, und nach Schluß des Referates griff auch der greise, ehrwürdige Gastgeber, Herr James Simon, in die allgemeine Diskussion ein, in der verschiedene während des Abends zur Sprache gekommene Fragen und Anregungen ausführlich erörtert wurden. Bonn. (Synagogen-Erneuerung.) Die Synagogengemeinde Bonn hat in den letzten beiden Monaten ihr Gotteshaus völlig erneuern lassen. Unter der Leitung des im Synagogenbau erfahrenen Architekten Robert Stern (Köln) wurden eine neue Damengarderobe geschaffen, die Sängerempore erweitert und dadurch Plätze für die Kinder gewonnen, der Thoraschrank durch einen Anbau vertieft und aus dem Gemeinderaum herausgehoben. Ferner wurden die alten, unschönen Ausmalungen entfernt und durch würdigere ersetzt, ebenso statt der verdorbenen alten Glassenster neue Buntfenster mit Malereien in lebhaften Tönen eingefügt. Auch die elektrische Beleuchtung wurde verbessert. Der ganze Raum hat durch die Erneuerungen an Würde und Wärme sehr gewonnen. Die Synagogengemeinde feierte die Vollendung des Erneuerungswerkes mit einem Festgottesdienst, bei dem Rabbiner Dr. Levy in seiner Predigt von der Erneuerung des Gottes-- Hauses eine Kräftigung des religiösen Lebens erhoffte und der Vorsteher der Gemeinde, Rechtsanwalt Dr. Cohn, nach Dankworten an alle Beteiligten Verständnis der Andersgläubigen für die jüdische Religion und die Gemeinschaftsarbeit aller Bekenntnisse zum Segen des deutschen Vaterlandes forderte. Brandenburg. (Urnenhain.) Auf dem hiesigen jüdischen Friedhof ist ein Urnenhain geschaffen worden, der durch Prediger Rosenzwcig in feierlicher Weise cingeweiht wurde. Die Schaffung des Urnenhains erwies sich nach der Fertigstellung des städtischen Krematoriums als erforderlich. Dresden. (Gustav Tuchler 75 Jahre.) Eines der angesehensten Mitglieder der Israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden» Gustav Tuchler, seit 35 Jahren Leiter der Dresdner Generalvertretung der Leipziger Hypothekenbank, beging am 20. September in bewundernswerter Rüstigkeit seinen 75. Geburtstag. Während eines Zeitraums von rund 50 Fahren hat er wie nur wenige in zahlreichen ehrenamtlichen Stellungen sich um das öffentliche Leben verdient gemacht. Gustav Tuchler ist seit einem halben Menschenalter als Friedensrichter tätig und gehört zu den Mitgliedern des Mietgerichts. 15 Jahre war er Mitglied des Israelitischen Gemeinderates, 20 Jahre im Vorstand der Beerdigungsbrüderschaft und des Israelitischen Kranken-Unterstützungsinstitutes. Seine Wirksamkeit als Schöffenrichter für Strafsachen beim Landgericht und als Mitglied der staatlichen Steuereinschätzungs-Kommission erstreckt sich auf einen Zeitraum von über zwei Jahrzehnten. Oberbürgermeister Blüher zollte ihm namens des Rates von Dresden für seine Arbeit, die er im Dienst der durch den Krieg notleidenden Einwohnerschaft leistete, besondere Anerkennung. Frankfurt a. M. (8. K. C. - Sportfe st.) Zum 8. Sportfest des Kartell-Convents der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens, das, wie üblich, am Ende des Sommersemesters stattfand, trafen sich etwa 100 aktive Teilnehmer aus allen Gauen Deutschlands in Frankfurt a. M. Auf dem landschaftlich schön gelegenen und gut gepflegten Sportplatz des Sportklubs Frankfurt 1880 wurden in zwei Tagen die zahlreichen Vor-, Zwischen- und Hauptkämpfe erledigt. Die erfolgreichste Mannschaft war die der Verbindung Vineta, die die Sieger in allen Einzellauf- und Staffelwettbewerben stellte. Alle Einzelkämpfer und Mannschaften waren gut trainiert und haben z. T. auch bei den Sportfesten ihrer Hochschulen erfolgreich abgeschnitten, ein Zeichen dafür, daß der Sportgedanke innerhalb aller K. C.-Verbindungen festen Fuß gefaßt hat. Frankfurt a. M. (Wohlfahrtstagung.) Der Landesverband für jüdische Wohlfahrtspflege in Hessen-Nassau und Hessen hielt kürzlich hier seine Hauptversammlung ab. Rabbiner Dr. Horovitz begrüßte als Vorsitzender die anwesenden Delegierten, und auch Sanitätsrat Dr. Ettlinger entbot im Namen der Gemeindevertretung herzliche Begrüßungsworte. Der Geschäftsführer des Landesverbandes erstattete alsdann den Bericht für die Bezirks- und Wanderfürsorge. Das Hauptreferat hielt Frau Kommerzienrat Wertheim» Kassel» über: „Die Beziehungen der öffentlich-rechtlichen Fürsorge zur privaten Wohlfahrtspflege", wobei in recht geistvollen Darlegungen Hinweise über den Ausbau der freien Wohlfahrtspflege gemacht wurden. Die vom Vorstand vorgelegten neuen Satzungen des Landesverbandes wurden angenommen. Der Vorstand und der Wohlfahrtsrat, deren Vorsitz Widder Rabbiner Dr. Horovitz übernahm, wurden neu gewählt. Um auch die Lehrer für die Mitarbeit zu gewinnen, ist je ein Vorstands-