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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-09-21 · 38 (21.9.1928) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
38 (21.9.1928)
Date
1928-09-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Mitglied der dem Bezirk angehörcndcn Lehrervereine in den Wohlfahrtsrat ausgenommen worden; der Kasseler Bezirk nnrd durch Lehrer Moses, Kassel, vertreten. Gedern. (Jubiläum.) Hier hat der Lehrer und Kantor der Gemeinde, Herr A. Bauer, unter lebhafter Anteilnahme der Mitglieder und andersgläubiger Ortsbewohner, deren Sympathien sich der Jubilar in hohem Maße erfreut, sein 25 jähriges Ortsjubiläum feiern können. Grebenau. (Hohes Alter.) Als ältestes Mitglied der hiesigen kleinen Gemeinde und gleichzeitig als ältester Ortseingesessener konnte Herr Jak. Jakob seinen 90. Geburtstag feiern. Daß der Patriarch noch über bewundernswerte Rüstigkeit und Geistessrische verfügt, rechtfertigt die Bedeutsamkeit des Familienereignifscs. Hannover. (6 0. Geburtstag des Landrabbiners.) Landrabbiner Tr. Freund begeht in diesen Tagen seinen 60. Geburtstag. Tr. Samuel Freund wurde am 24. September 1868 (8. Tischri 5629) zu Gleiwitz geboren, besuchte das Elisabethghmnasium zu Breslau, machte 1887 das Abitur, studierte am Jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau, den Universitäten Breslau und Heidelberg Philosophie und orientalische Sprachen. Mit der Prcisarbeit der philosophischen Fakultät „Zeitsätze im Arabischen" machte er 1892 seinen Doktor. Bon 1889—1893 war er als Lehrer an der Rcligionsschulc 2 der Synaqogengemeinde Breslau tätig, kam 1893 als Rabbiner nach Czarnikau, 1898 nach Ostrowo. Seit dem 15. April 1907 wirkt Dr. Freund als 2. Ortsrabbiner in Hannover. 1918, nach dem Tode Landrabbinec Dr. Gronemanns s. A., wirkte er als 1. Ortsrabbiner. Die Landrabbinerwahl wurde infolge der Bestimmung, daß den Landgemeinden drei Kandidaten präsentiert werden müssen, hinausgeschoben. Nachdem das Ministerium von dieser Bestimmung Dispens erteilt hatte, erfolgte die Landrabbinerwahl am 3. September 1924. Pcbeü seiner reichen Amtstätigkeit und seiner regen Mitarbeit in vielen jüdischen Bereinigungen fand der Jubilar immer noch Zeit, sich in verschiedenen zentralen Organisationen zu betätigen. Dr. Freund ist im Vorstand des Allgemeinen deutschen Rabbincrverbandes, der Zentralwohlfahrtsstclle der deutschen Juden, der tzauptstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge, Berlin. Er ist Mitglied der Großloge U.O.B.B., sowie Erpräsidenr der Egrrloge und der Zionloge. Daß er stets eifrigst bemüht gewesen, den Frieden und die Einheit der Gemeinde zu wahren, die Interessen der ihm anvcrtrautcn Landgemeinden zu fördern, geht vielleicht am besten daraus hervor, daß er an der Spitze einer E i n h e i t s liste als Abgeordneter in den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden gewählt wurde. HarbUkg'E. Bon der Leitung der Oberrealschule der Stadt Harburg war Herr Prediger Gordon ringelnden worden, vor den Schülern der Obersekunda bis Oberprima ciuen Bortrag über den Kultus im altisraelitischen Tempel und in der Synagoge zu halten. Am Freitag, den 7. September, sprach Herr Gordon in cinstündigen Aussührnngen vor de» genannten Klassen in der Anstattsaula über dieses Thema. W. von Weisl: Zwischen dem Teufel und dem Roten Meer. Fahrten und Abenteuer in Westarabien. Mit 66 Abbildungen und 2 Karten. 1928. F. A. Brockhaus!, Leipzig. Zu dem vorliegenden Buch werden vor allem diejenigen greifen, die ihre Lust an Abenteuern haben und an der Hand eines kundigen Führers gern unbekannte und unerforschte Gebiete betreten. Sie werden auch reichlich auf ihre Kosten kommen, weil der Verfasser es ausgezeichnet versteht, seine Reiseerlebnisse spannend darzustellen. Sie lesen sich wie ein Roman und bestätigen, was W. seinem Verlag geschrieben hat: „Ich habe seit jeher den Stand.“ punkt vertreten, daß ein gutes Buch diese Eigenschaft dadurch erweisen muß, daß es — gleich, wo man es aufschlägt — sofort interessant sein muß. Ist es an irgend einer beliebigen Stelle langweilig, so ist es überall schlecht.“ Und das Buch ist an keiner Stelle schlecht, weil es an keiner langweilig ist. Es bietet aber nicht bloß dein Abenteuerlustigen mehr, als er vielleicht erwartet, es ist auch ein gutes Informationsbuch für alle, die sich mit den politischen Fragen Westarabiens beschäftigen wollen. Gerade darin liegt sein besonderer Vorzug, daß es über die heikelsten Dinge im gefälligsten Plauderton Aufschluß gibt. Wen die Reiselust nach dem gleichen Gebiet treibt, der wird auch gut daran tun, sich all die Ratschläge zunutze zu machen, die ihm der Verfasser gibt. Darüber hinaus ist es für den Juden besonders interessant, weil W. das Märchen von der Existenz jüdischer Beduinenstämme im Osten des Yemen — es sollen angeblich 100 000 kriegerische Juden sein — zu zerstreuen und die Zahl der Juden, die in Arabien überhaupt leben, richtig abzuschätzen weiß. „Die Juden leben in Frieden mit ihren mohammedanischen Nachbarn — es ist aber ein Frieden, den sie nur durch demütige Unterwerfung erkaufen. Sie werden als „feig“ verachtet; Yahüdi ist im Yemen ein Schimpfwort. Der Imam Yahya selbst schützt sie vor Verfolgungen; er hält sie für treu und zu feige, als daß sie gegen ihn je rebellieren könnten. So läßt er sie in ihrem Ghetto in Sana in Ruhe leben, beutet sie aber durch Steuern aus, verbietet ihnen jede Schulbildung, verbietet ihnen, sich Aerzte oder Lehrer aus Palästina Kommen zu lassen, verbietet schließlich bei Strafe der Konfiszierung des unbeweglichen Besitzes, der nicht veräußert werden darf, die Auswanderung.“ Es dürfte den Europäer auch die Mitteilung überraschen, daß in Arabien und dem Sudan, in Abessinien und den Kolonien am Roten Meer der Sklavenhandel in voller Blüte steht — heute wie einst. Nur die Form hat ein wenig gewechselt. Das interessante Material, das der Verfasser von seinen abwechselungsreichen Reisen mitbringt, wird durch gute Bilder und übersichtliche Karten wirksam unterstützt. Wer das Buch liest, das der bekannte Verlag von Brockhaus in guter Ausstattung herausgebracht hat, wird vieles erfahren, was er bisher noch nicht gewußt hat, und sein Wissen um Dinge bereichern, deren Kenntnis er aus eigener Erfahrung schwerlich gewinnen kann. Gemeinderabbiner Prof. Dr. G o 1 i n s k i. H. York-Stedner: Die Kunst als Jude zu leben. (Minderheit verpflichtet.) 1928. Verlag M. W. Kaufmann, Leipzig. 655-S. (18 8. Sachregister). Der Titel des Buches, an dem der Verfasser 7 Jahre gearbeitet hat, sind irreführend. Richtiger hätte es geheißen: „Grundlagen des Judeseins — Schwierigkeiten des Judeselris — Glück des Judeseins.“ In den 20 Kapiteln, einer Einleitung und einem Schlußwort werden diese Themen behandelt. Eine Fülle von Stoff, der sonst in vielen Einzelbüchern behandelt ist, wird zusammengetragen und in einem dicken Buch vereinigt. Vor einem zusammenfassenden Urteil mögen kurze Proben für den Geist des Buches und des Verfassers sprechen. Einleitung: „Der Jude kämpft durch seine bloße Existenz für eine höhere Weltordnung.“ Ueber Jesus: „Jene Persönlichkeit... hat sicherlich gelebt, auch sein tragischer Tod ist wahrscheinlich.“ „Es ist durchaus möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß. jüdische Eiferer jener Zeh, besorgt um die Reinheit ihr« Glaubens., die Gefahr neuer Spaltung abzuwenden versuchten. Der Hochmut mancher frommen Juden ist nicht geringer als der orthodoxer Christen.“ „Für uns ist er ein Nachfahre und ein Anhänger der Propheten in Israel)“ In der anschließenden eingehenden Aussprache, die durch die Fragestellung der Schüler ebenso interessant als auch gründlich sich gestaltete, war dem Redner Gelegenheit geboten, aus die prophetischen und sittlichen Grundlagen des modernen Judentums hinzutveiseu. Anschließend an diese Veranstaltung fand eine Besichtigung der Gemeinde-Synagoge statt. Auch hier war den säst vollzählig erschienenen Schülern der genannten Klassen Gelegenheit geboten, nach einem orientierenden Vortrag von Herrn Gordon Fragen zu stellen, tvovou wiederum eingehender Gebrauch gemacht wurde. Lanbsberg (Warthe). (Todesfälle.) Ter Tod hat tu der hiesigen Synagogengemeinde wieder eine große Lücke gerissen. Am Freitag verstarb im 64. Lebensjahre 'der Inhaber des Herren- Konfektionsgeschäftes Hermann Kohl. — Am Sonnabend wurde der Kaufmann Albert Priester, Inhaber eines Weiß-, Woll- und Kurzwaren- und Putzgeschästes, im Alter von 73 Jahren aus diesem Leben abgerufen. Der Verstorbene war jahrzehntelang Mitglied des Vorstandes der Synagogengemeinde als Rendant. Bis in sein hohes Alter bewies er eine große Arbeitssreudigkeit und seltene Gewissenhaftigkeit. Weiter war er Vorstandsmitglied des Bürgerrettnngs- Vereins der Synagogengemeinde. Der Industrie- und Handelskammer in Frankfurt (Oder) gehörte er seit dem Jahre 1916 als geschätztes Mitglied an. Reustettin. (Persönliches.) Die beiden Mitglieder des Vorstandes der Synagogengemeinde, die .Herren Felir Freundlich und Paul Behrend, begingen in der Vorwoche am gleichen Tage das Fest ihrer Silberhochzeit. Die Gemeinde ließ durch eine Abordnung der Repräsentanten ihre Glückwünsche aussprechen. Stallupönen. (Eduard Wolfs verstorben.) Hier starb im 87. Lebensjahre der langjährige Vorsteher der Synagogengemeinde und frühere Stadtverordnete Rentier Eduard Wolfs. Zu Lobsen z in der Provinz Posen geboren, erlernte er den Getrcidehandel und ivar zunächst einige Jahre im Auslande tätig. Nach seiner Verheiratung ließ er sich als Zwanzigjähriger in Stallupönen nieder, wo er ein Getrcidegeschäft gründete, das er bald zu hoher Blüte brachte. Er wurde von seinen Glaubensgenossen an Sie Spitze der damals blü henden jüdischen Gemeinde Stallupönen gestellt, deren Vorsteher er übei>25 Jahre hindurch ivar. Das Vertrauen seiner Mitglieder berief ihn in die Stadtvcrordnetcnverfemmlung, der er 30 Jahre hindurch angehörtc. Außerdem war er Mitglied einer Reihe von öffentlichen Kommissionen. Insbesondere zeichnete er sich durch starkes Wohltun sowohl innerhalb der Kommune als auch in der Synagogengemeinde aus. Die Beisetzung fand unter großer Beteiligung aus allen Kreisen Stallupönens und der Umgebung statt. Am Grabe gedachte Gemeinde rabbincr Tr. Lewin-Königsbcrg des früheren Führers der Gemeinde, des Juden und Menschen. Namens des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung rief Bürgermeister Dürksen dem Verstorbenen I Worte des Gedenkens nach. Ueber Paulus: „Die Persönlichkeit des Paulus in all ihrer Größe und Kleinlichkeit ist jüdisch.“ „Der Jude sollte ohne Zagen dieser Persönlichkeit nahetreten, sie studieren und kennen lernen.“ Vom Talmud: „Auch im Talmud findet der sorgfältige Leser eine Fülle von Geist und Schönheit.“ Vom Christentum: „Es muß hier gleich vorweg genommen werden: wir Juden haben zwar durch Christen Unsagbares gelitten, das ist aber kein Grund, um gegen das Christentum ungerecht zu sein.“ Von jüdischer Rasse: „Je ernster wir es mit unserer jüdischen Nationalität halten, desto eher wird man in uns treue, aufrechte Staatsbürger sehen, zuverlässige Weg- und Kulturgenossen, die das Mögliche bieten und nichts Unmögliches verlangen.“ Verfasser zitiert einen Juden, der die Anerkennung deutscher Nationalität durch einen Juden als „etwas so offenkundig Unwahres und Unmögliches“ bezeichnet. Von jüdischer Kultur: „Der Mensch ist von Gott geschaffen, aber er schafft Gott durch seinen Glauben an ihn.“ „Der jüdische Genius, die Geniaität des Herzens, dringt im Kleide des Christen vom Eskimo bis zum Patagoriier.“ „Die Zukunft der menschlichen Moral wird eine Synthese von Moses, Jesus und in gerechtem Abstande von Marx sein, oder sie wird im Kampfe der drei Richtungen untergehen.“ Von Minderheiten: „In der ewigen Minderheitstragödie der Juden liegt der Trost, daß sie nie verfolgende Mehrheit wurde.“ „Der Judenhaß ist keine singuläre Erscheinung, sondern ist in die Phänomene der Minderheitsschicksale einzureihen.“ Von Protestanten und Katholiken: „Der Jude als Objekt der antisemitischen Verfolgung hat.. keinen Grund, Katholiken oder Protestanten im allgemeinen als mehr oder weniger judenfeindlich zu betrachten.“ Vom Handel: „Man mag sich parteimäßig gegen den Sozialismus wie immer stellen, aber der Eintritt so vieler wohlhabender Juden in die Reihen der kämpfenden Proletarier zeigt das alte Prophetenblut an.. Auch das scheint ein Beweis, daß die Juden, obwohl der Mehrzahl nach im Handelsberuf tätig, doch kein Handelsvolk sind. — Wenn der deutsche Kaufmann, der Engländer, der Yankee heute dem Juden nicht nur gleichkommt, sondern ihn vielfach überholt hat, dann ist es schwer, an angeborenes kaufmännisches Genie, an völkisches Handelstalent der Juden zu glauben oder gar daran, daß sie durch Blut und Glauben ein Handelsvolk sind.“ Von jüdischen Politikern: „Jeder jüdische Politiker in Deutschland schädigt die Stellung seiner Stammesgenossen und bedroht zugleich das Wohl des Landes.“ (Wird an Rathenau „bewiesen“.) „Und so schädigte der Vornehmsten einer (R.) alle Juden Deutschlands, selbst die bestgesinnten und selbstlosesten. Aber auch das Reich kam zu Schaden.“ „Und wenn dennoch begabte Juden deutscher Kultur meinen sollten, ihre Zeit sei gekommen .. dem Staate öffentlich zu dienen.. dann mögen sie sich gesagt sein lassen, was ein Deutscher unmutig äußerte, als er von der Berufung Rathenaus .. hörte .. : „Warum mengt sich dieser Mann in unsere Angelegenheiten?“ Von Ostjuden: „Das Leben der Juden im Osten ist vom religiösen Empfinden so sehr erfüllt und beherrscht wie sonst nur in den kleinen Sekten der anderen Religionen.“ Vom Antisemitismus: „Der A. ist für uns eine Variante des Minderheitsproblems.“ „Mit dem Bewußtsein der grauenhaften Vergangenheit muß er (der Jude) sein Herz läutern, seine Seele reinigen und den wahren Zweck des Lebens verstehen lernen, der in der großen Liebe gipfelt, in der Liebe zur ganzen Menschheit.“ „Das Beiseiteschieben der jüdischen Religion verzeihen wir ihnen“ (den Juden in den Arbeiterparteien). „Die auf Basis der jüdischen Nationalität organisierten Sozialisten kämpfen gegen das religiöse Judentum..“ „Die Judenfeindschaft hat ihre primären Ursachen in Mehrheitsdünkel und Selbstgerechtigkeit.“ Vöm Zionismus: „Der Zionismus ist das logisch zu’Ende gedachte Judentum.“ „Der Zionismus mag noch hie und da unter Juden Gegnerschaft finden. Die vornehmen Christen erfüllt er mit hoher Achtung.“ „Wir erwarten und mit uns viele hochstehende Christen, daß in Palästina das wahre Wesen des Judentums und der Judenheit neu auferstehen, daß eine junge Kultur europäische Systematik mit mörgenländisicher Schönheit verbinden wird, uns zur Ehre, der ganzen Welt zum Wohlgefallen.“ „Wir wollen auf dem altneuen Heimatboden neue Kraft finde«; vom Banne niedriger Begierden.. wieder zum hohen Gedanken der Einheit aller Menschen emporsteigen .. zur wahren Brüderlichkeit.“ Vom Mut: „Der erneuerte Geist des Judentums, er mag aus welcher Quelle immer fließen, er duldet keine Erniedrigung. Der Jude soll keine Auseinandersetzung suchen, aber Mann gegen Mann wird er auch keine fürchten.“ Von Judenfreunden: „Warum haben wir keine Ehrenbücher, kein „Goldenes Buch“, in welchem die Vorkämpfer für die Emanzipation der Juden verzeichnet sind?“ Vom Familienleben: „Wie erhebend ließe sich das Entzünden des Seelenlichtes auswirken, wenn wir es nicht in eine stille Ecke bannen würden, sondern im Kreise der versammelten Familie das Flämmchen aufflackern ließen.. Wie schön und ersprießlich wäre es, hierbei aus dem Leben jener zu erzählen, deren Andenken beleuchtet wird..“ Unser Weg: „Ein Wort von Rathenau zeigt den Weg, den ich andeuten will: das Ziel des Prozesses sollen nicht imitierte Germanen, sondern deutsch geartete und erzogene Juden sein.“ „Wahrlich voll Beschwerden und Mühsal, aber auch von seltsamer Schönheit, so ist unser Weg.“ Schluß: „Ein Gott ist für uns nur, wenn wir ihn wollen, wenn wir an ihn glauben. Wir müssen ihn in uns selbst schaffen, Geschöpf und Schöpfer sein.“ „Ohne den Glauben an höhere Werte verkümmert der Jude.“ „Den bewußten Juden durchströmt das reichste Lebensgefühl.“ „Himmel und Hölle, Sein und Nichtsein, Verfall und seelische Auferstehung, sie ruhen in unserer Hand, wenn wir immer und immer des Gebotes gedenken: Minderheit verpflichtet!“ Diese Proben werden einen Begriff von der Fülle der Themen geben, die der Verfasser behandelt, sie können aber von der Fülle des Wissens nichts vermitteln, das er vor uns ausbreitet. Sie zeigen weiter den zur Versöhnlichkeit und zur Gerechtigkeit gegen Nichtjuden gestimmten Geist, wie er immer wieder trotz genauster Berichte über Judenverfolgungen aus einzelnen Aeußerungen, besonders aber aus dem Kapitel „Judenfreunde“ aufleuchtet. Aber die Proben zeigen freilich auch etwas anderes. York-Steiner kann gegen Nichtjuden nicht gerecht sein, gegen Juden, sofern sie nicht Zionisten sind, kann er, der begeisterte Zionist, es nicht. Wer deutsch empfindet und sich zur deutschen Nationalität rechnet, dem hält er — nach so vielen Auseinandersetzungen darüber — auch im Jahre 1928 wieder und noch den Ausspruch vor, daß so etwas „offenkundig unwahr und unmöglich“ ist, und es ist ihm offenbar ganz gleich, daß er damit ein heiliges seelisches Zentrum von Hunderttausenden roh antastet, um so mehr, als er ja für alle anderen Länder etwas Entsprechendes behauptet. Und ganz gleich ist es ihm offenbar auch, wenn er Rathenau nicht nur selbst die Schuld an seiner Ermordung zuschreibt, sondern ihn für die Folgen verantwortlich macht, die seine Ermordung — als Wirkung seiner politischen Betätigung — für Deutschland gehabt hat. Ich will nicht davon reden, daß alle Judenfeinde — wie an der Behauptung, daß es unwahr sei, wenn man sich Deutscher nennt — so auch an dem zuletzt Zitierten ihre helle Freude haben werden. Aber davon muß man schon sprechen, daß hier die Erinnerung an Rathenau, der Millionen und Millionen Juden und Nichtjuden teuer ist, noch im Grabe in empörender Weise geschmäht wird — von einem Juden, der doch eines jedenfalls zugeben muß, daß Rathenau noch lebte, wenn er sich zurückgehalten, ja auch nur Sicherheitsschutz angenommen — also nicht den Mut bewiesen hätte, den uns York-Steiner so schön anpreist. Und die Zitate, die der Verfasser von R. als maßgebend anführt, ändern an seinem Vorgehen nichts. Aber das Urteil über Rathenau hängt ja nur mit dem Urteil über jüdische Politiker überhaupt zusammen, das der Verfasser fällt, und die er ja alle für einen Krebsschaden für uns und für Deutschland hält. Es ist dies eine Auswirkung seines zionistischen Standpunktes, aber auch die Auswirkung von etwas anderem. Bei Ö58 Seiten, die das Buch umfaßt, suchen wir vergebens auch nach einem Abschnitt über „Jüdische Religiosität“. Wohl wird über Bibel und Talmud referiert, wohl fällt ein- oder zweimal die liberal-religiöse Bemerkung, daß wir Gott aus unserer göttlichen Anlage heraus erschaffen müssen, aber wie wenig es sich hier um eine lebendige, tiefwirkende und bestimmende Kraft handelt, zeigt ja die Behauptung, die dem Verfasser auch wieder ganz glatt aus der Feder fließt, Gott oder Religion wirkt heute nur noch unbewußt in uns, da wir von Konfession und Ritus ferne sind. Und er verzeiht ja auch den jüdischen Sozialisten in Palästina, daß sie die jüdische Religion beiseite schieben, aber er verzeiht ihnen nicht, daß sie als Sozialisten auch gegen das Christentum kämpfen. Hier haben wir somit wieder den Zionismus, der entweder das Wort Eibogens „Baut Brücken“ noch nicht gehört hat oder nicht hören w ill, zu dem w i r jedenfalls den Weg nicht suchen werden. Sollen w i r Brücken bauen, d. h. nicht etwa Grundanschauungen aufgeben, sondern irgendwo im Zionismus den Punkt entdecken, der mit unserem Wesen als Juden, dem Religiösen, dem liberal-Religiösen übereinstimmt oder auch nur anklingt, dann möge sich erst einmal auf der anderen Seite eine Bewegung in dieser Hinsicht entwickeln, eine Bewegung, die n i e imstande sein wird, die Welten auszulöschen, die zwischen universal erfaßtem und national erfaßtem Judentum klaffen, nie uns den seelischen Zwang, deutsch zu sein, durch irgend etwas ersetzen wird, aber eine Bewegung, die dann wenigstens Anschauungen und Aeußerungen, wie sie York-Steiner jetzt wieder verbreitet — nach siebenjähriger Vorarbeit — als gleichgültig für den Zionismus und gleichgültig für uns erscheinen lassen könnte. Heute ist von einer solchen Bewegung noch nichts zu sehen, denn es kommt natürlich nicht darauf an, was von liberal-nationaler Seite, sondern was von national-liberaler Seite gesagt wird. Hier ringe man sich zur Gerechtigkeit durch, hier verzichte man auf die Behauptung des allein echten Ringes, hier verkünde man das Primat der Religiosität — die nicht mit Religion zu verwechseln ist — gegen die alles andere zurückzustehen hat, gegenüber der alles andere Privatsache ist, die den einen beglückt, dem anderen nur noch Erinnerung ist — aber nicht umgekehrt. Dann mögen die York-Steiner immerhin predigen, man wird über sie — in diesem Punkt — zur Tagesordnung übergehen. — Heute war es noch nicht möglich. Rabbiner Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. Kalendarium f. die Zeit v. 14.9. b. 22.9. 28 September 1928 | Elul 5688 Sonnabend 22 8 Wochenabschnitt: Haasinu Haftarah: Hosea 14, 2—10; Joel 2, 15—27 Sabbat-Ausgang: 6.49 Uhr Rüsttag des Versöhnungsfestes 23 (Jom Kippur) Sonntag 9 Montag 24 10 Dienstag 25 11 Jom Kippur Fastenende: 6.42 Uhr Mittwoch 26 12 Donnerstag 27 13 Freitag 88 14 Crew Sukkoth . Sonnabend 29 15 1. Tag Sukkoth BÜCHE) ERSCHAU

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