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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-09-21 · 38 (21.9.1928) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
38 (21.9.1928)
Date
1928-09-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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sprechen könnte. Mit welchem Rocht betrachtet man — Jo trogt er — die Gesamtheit des jüdischen Voltes als verantwortlich für das Leiden Christi, da doch neben Juden, die seine Feinde waren, wie Kaiphas, Judas, die Pharisäer, andere Juden — Petrus, Johannes, Magdalena — zu seinen Jüngern gehörten'? M. Fleg wies hierbei aus das Erlebnis eines Missionars in Afrika, der nur mit größter Mühe eines Tages den von ihm bekehrten Negerstamm von einem Kriegszug gegen die benachbarte Ansiedelung der Weihen zurückhalten konnte. Sie wollten „unsern Heiland rächen, der von den Weihen gekreuzigt worden war! — Der Prozeß gegen Jesu stellte damals Jude gegen Jude, genau so wie heut eine Unzahl von Problemen, allerdings mit weniger tragischem Ausgang, doch aber sehr ernst, den Block der Juden spaltet. Unter den modernen Israeliten, selbst einschließlich derer, dis sich von jedem positiven Glauben gelöst haben, gibt es nur noch wenige, die Christus nicht als einen der größten Propheten Israels ansehen, und obgleich sie ihm nur sür einen Menschen halten, ihm doch eine ungeheure Achtung und Ehrfurcht entgegenbringen. M. Fleg schloß seine Ausführungen mit der Ueberzeugung, daß allein die wunderbare Erhaltung Israels durch Jahrhunderte hindurch, eine Tatsache, in der sich in geheimnisvoller Weise eine göttliche Absicht kundzutun scheint, alle Bestrebungen hinsichtlich einer geistigen und seelischen Verständigung und Arbeitsgemeinschaft zwischen Juden und Christen zugunsten einer Wiederbelebung der moralischen Werte der ganzen Menschheit, durchaus gerechtlertigt erscheinen lassen. Neben dieser Rede des Wortführers der jüdischen Rasse bildeten den interessantesten Punkt lener Verhandlungen die Ausführungen des hochw. Pater- Marcel Jousse, des berühmten Entdeckers einer neuen Sprachpsychologie, dessen kürzlich veröffentlichte Arbeiten über den Wortstil in der Gelehrtenwelt einen lebhästigen Widerhall gesunden haben. Er eröfsnete der Diskussion einen ganz neuen Weg, indem er die Anregung gab, zur Deutung des Textes der Evangelien sich eines vertieften Studiums der aramäischen Sprache, deren sich der Heiland bediente, sowie der jüdischen mündlichen Überlieferungen zu befleißigen. Er entwickelte mit leidenschaftlichem und überzeugendem Eifer die Notwendigkeit, den griechischen Text des Neuen Testaments durch die entsprechenden hebräischen Ausdrücke zu klären, und auf diese Weise alle die im Laufe der Jahrhunderte sich rn den Bibeltext eingeschlichenen Fälschungen richtigzusteNen. Hier steht er vor allem ein Feld brüderlicher Arbeitsgemeinschaft zwischen katholischen und jüdischen Gelehrten. Wenn auch die Anregungen des Pater Jousse nicht ganz neu sind, so scheint doch der Eifer und die Ueberzeugungskraft, mit denen er hier vorgeht, weite vielverheißende Horizonte zu eröffnen. Jedenfalls bietet er eines der nachahlrwens-' wertesten Vorbilder einer Bewegung, die in jener „Semaine des Ecrivains Catholiques" die Ehrlichkeit und das hohe Ethos ihrer Ziele in schöner und überzeugerrder Weise kuudtat. finden müsse n, weil in ihr eine religiöse Atmosphäre lebendig wird, die unmittelbarer zu uns spricht, die uns, stärker, bewegt als die Worte der Alten. Und darauf allein kommt es doch an, daß das Ziel erreicht wird: daß der Mensch von der Arbeit seines Tages aufschaut, in seinem Gange innch hält, des Heiligen und Ewigen im Leben sich bewußt wird. Sollten in solchem Sinne die Philosophen und Dichter von heute, die Männer der Neuzeit überhaupt uns nichts zu sagen haben? Warum nützt unser Gottesdienst die Arbeit Spinozas, das Werk Hermann Cohens nicht? Warum nimmt er nicht freudig aus, was im Werke Goethes, was im Werks Kants dem Glauben unserer Lehre entspricht? Freilich, dies sind weitgesteckte Ziele. Ein anderes liegt näher und ist gewiß nicht weniger wichtig: die Vorlesung aus der Bibel muß ein Z entrum des liberalen Gottesdienstes werdest. Das wird heute nur möglich sein, wenn sie in der Ursprache und in der Landessprache gegeben wird. Und zugleich nur dann, wenn der, der liest, auch wirklich lesen kann. Dies gilt auch sür alle Gebete, die verlesen werden. Wir dulden keinen ungeschulten Sänger mehr. Wir sollten auch den Leser nicht mehr dulden, dessen Stimme den Raum nicht durchdringt. Der Rabbiner hat andere Aufgaben im Gottesdienst. Wir brauchen neben ihm und neben dem Sänger den Leser der Synagoge. 6. Aber es scheint vielleicht, als verlieren wir uns mehr und mehr in eine Erörterung des „Dekorativen", das doch dem wahren Liberalismus im wesentlichen gleichgültig sein sollte. In der Tat, die Frage der rituellen Tradition, die Frage des Sabbaths, die Frage der Tradition der Gemeinde, die Frage der Ausgestaltung des Gottesdienstes — sie alle sind dekorative Probleme. Und sie haben auch — darin stimmen wir mit Dr. Baeck voll und ganz überein — mit dem Wesen des jüdischen Liberalismus wenig zu schaffen. Der wahrhaft Liberale wird seine Andacht haben können, auch wenn an allen Institutionen des Ritus, des Gemeindewesens, des Gottesdienstes nichts geändert wird. Aber allerdings, dieser wahrhaft Liberale ist vorerst ein bloßes Postulat des Gedankens. Es gilt, ein liberales Judentum zu schaffen. Und dies ist nur möglich auf dem Umweg des Dekorativen. Liberales Judentum ist seinem Wesen nach bestimmte religiöse Gesinnung. Aber diese Gesinnung ist noch nicht Wirklichkeit unter uns. Sie zu „züchten", zu ihr zu erziehen, bedarf es der Praxis eines dekorativen Liberalismus. Die Scheidung von Zweck und Mittel, die damit anstaucht, ist von Wichtigkeit. Oft schien es so, als wäre die Reform des Gottesdienstes, als wäre eine Orgel und ein deutsches Gebet in der Synagoge das Ziel liberalen Judentums. Sein Ziel ist in Wahrheit nichts dergleichen. Sein Ziel ist der Geist einer liberalen Religion. Aber gerade wenn und weil wir diesen wollen, müssen wir die Reform des Gottesdienstes bejahen: als Mittel, jenen Geist zu schaffen. Die Mittet betreffen freilich das Ziel und das Wesen des Liberalismus nicht unmittelbar. Aber — so war bereits im Beginn unserer Betrachtung angedcutet — sie sind darum doch von Wichtigkeit. Und mehr! Nicht nur als Hinlenkung zum Liberalismus ist die äußere Reform bedeutungsvoll. Sie ist cs auch, wie Claude Montefiore betonte, wie auch Tr. Gottschalk in diesem Blatte ausgesprochen hat: als A e u st e r u n g liberaler Gesinnung. Jüdischer Liberalismus könnte freilich bestehen auch ohne Aeußerung im Gottesdienst der Gemeinde. Aber er würde damit zur Sache des Einzelnen werden. Er würde ohne Gemeinschaft sein. Ist somit äußere Reform in Gottesdienst und Gemeindewesen nicht nur als Mittel, sondern auch als Aeußerung des Liberalismus keineswegs belanglos, so ist doch als Aeußerung seines Geistes ein Anderes von fehr viel höherer Bedeutung: Ohne Wirkung auf die Gestaltung der Lebensweise des Menschen wäre jüdischer Liberalismus ein bloßes Schattenbild lebendiger Religion. 7. Liberales Judentum ist „Geist, der das Leben der Menschheit gestalten muß". „Sern Bezirk", so sagte Bruno W o y d a gewiß mit vollstem Recht, „ist nicht nur Gottesdienst und Haus, sein Bezirk ist die Totalität des Lebens." Aehnlich äußerte sich Erich Bayer, Breslau: „Das Judentum will den ganzen Menschen erfassen und darf sich deshalb nicht beschränken auf die Beschäftigung mit dem Gottesdienst, dem religiösen Ausbau des häuslichen Lebens und der Jugenderziehung." Es darf „nicht vergessen, daß der Mensch auch in der Wirtschaft, im Staat und in der Gesellschaft wurzelt." Aber freilich, wenn es darum berechtigt ist, eine Stellungnahme des Judentums zu den politischen und sozialen Fragen der Gegenwart zu fordern, so geht es doch über das Ziel hinaus, wenn man von ihm als religiöser Gemeinde, wie Bayer dies etwa ausdrücklich iut, mehr als „Predigt", wenn man von ihm unmittelbare Gestaltung des Lebens verlangt. Religion kann allein das Leben gestalten durch das Medium der Einzelnen, die zu ihr gehören. Nicht die Einrichtung wohltätiger Anstalten ist die Sache reltgiöfer Gemeinde, sondern die Pflanzung wohltätigen Sinns in den Herzen der Menschen. Nicht Liebeswerke, sondern Liebe, bte Liebeswerke tut, ist ihr Ziel. Sie kann die Arbeit des Staates nicht auf sich nehmen. Sie kann nicht tun, was jeder Einzelne für sich zu leisten hat. Sie kann allein der Arbeit des Staates und dem Schaffen des Einzelnen religiösen Geist zu geben versuchen. Sie kann allein das wahre Leben lehren. Religiöse Gemeinde ist Haus der Lehre. 8. Haus einer Lehre! Damit ist nun zugleich auch schon das Moment bezeichnet, durch das die Besonderheit des Judentums sich erweist: Gemeinschaft besonderer Lehre. Das religiöse Urerlebnis eines Heiligen und Ewigen ist ohne Zweifel eines in allem religiösen Leben. Wie kommen wir von hier zu der Besonderheit der einzelnen Religion? Dr. Wiener hat den Versuch gemacht, die Bekond erhell des Jridentums aus der Besonderheit des jüdischen „Stammes", der jüdischen „Nation", der jüdischen „Kulturgemeinschaft" abzuleiten, in der jenes allgemeine religiöse Erlebnis sich in besonderer Weise widerspiegeln. Ich glaube, daß dies nicht möglich ist. Nicht um die Besonderheit eines Stammes, einer Nation, einer Kulturgemeinschaft handelt es sich. Es handelt sich um die Besonderheit einer Lehre, Vachklange zur liberalen Wellkonferenz Bemerkungen Bon Dr. Hans M a r g o l i u 1. Von den Grundproblemen des liberalen Judentums, die die Weltkonferenz bewegten, war die Rede. Von einigen der Einzelsragen, die in ihr auftauchten und zum Weiterdenken Anlaß geben, soll nun gesprochen werden. Bon Einzelfragen, das heißt von Fragen, die nicht unmittelbar das Wesen und die innere Grundhaltung des jüdischen Liberalismus betreffen, die aber doch für seine praktische Ausgestaltung von gewichtiger Bedeutung sind. 2. Da ist zunächst das Verhältnis des liberalen Judentums zur rituellen Tradition, das nähere Betrachtung verdient. „Das Unglück ist", so sagte Professor Dr. Elbogen in der Diskussion der Konferenz, „daß man es in vielen Kreisen des deutschen Liberalismus für eine Tugend hält, die Parole auszugeben: Los von der Tradition! Los vom Jüdischen!... Darauf möchte ich ganz offen sagen: Lassen Sie uns paar Leute, die wir die Tradition halten wollen, ruhig die Tradition halten, so lange wir die Tradition nicht als autoritatives Gesetz auslegen.. Ohne Zweifel, dies scheint zunächst ein einleuchtender Wunsch und ein berechtigtes Verlangen, und ist es auch in Mvissem Sinne. Es gibt Riten, deren Symbolwert von Mensch zu Mensch verschieden ist und über deren Beobachtung darum im Ganzen des liberalen Judentums eine allgemeine Bestimmung weder möglich noch notwendig ist. Aber darüber darf nicht vergessen werden, und es scheint fast, als wäre es in jenen Worten vergessen, daß es andere Traditionen gibt, denen gegenüber die persönliche Entscheidung zugleich eine Entscheidung für oder gegen den Liberalismus ist. Wenn wir gewissen Geboten der Sabbathheiligung etwa nicht Folge leisten, so doch nicht darum, weil wir glauben, daß in so kleinlichen Dingen ein Auge zuzudrücken wohl erlaubt sein wird, nicht darum, weil wir glauben, sie den Erfordernissen des Tages opfern zu müssen und opfern zu dürfen, sondern darum, weil wir glauben, daß Frömmigkeit andere Dinge meint als die Federn unseres Schreibtischs, die Beleuchtunb unserer Zimmer, die Fahrt unserer Straßenbahnen, wert wir glauben, daß Dinge dieser Art mit Religion in Verbindung zu bringen, gegen den Geist liberaler Religion verstößt. Liberalismus ist nicht Indifferenz einer farblosen Duldung. Liberalismus ist nicht Nachsicht gegen die Strenge der Orthodoxie. Sondern Freiheit für den Glauben! Das heißt ein lautes und deutliches Nein zu allen Traditionen, die uns Aberglauben bedeuten, die dem Geiste unserer Frömmigkeit entgegen sind. Ich glaube, daß im Liberalismus von heute eher ein Zuviel als ein Zuwenig an Pietät lebendig ist. Und welche sonderbare Pietät! Eine Pietät klebender Finger, eine Pietät ohne innere Kraft und Stärke und um Welten geschieden von jener stolzen Pietät der Treue, die uns den Orthodoxen achtungswürdig macht. Es fehlt uns der Radikalismus heiliger Entscheidung. Es war sehr seltsam mitanzusehen, wie jene — im wesentlichen sehr geringen — Reformen, wie die Reformgemeinde Berlin sie vertritt, in den Verhandlungen der Taung Gegenstand erbitterter Angriffe wurden. Dr. S i e g - ried Braun hat nicht ganz unrecht, wenn er im Hinblick auf das Verhältnis zur Tradition des Ritus von einer „Kapitulation vor rückschrittlichen Neigungen" spricht. 3. Im Verhältnis zur Tradition nimmt die Frage des Sabbaths eine besondere Stellung ein. Und sie geht zugleich über diesen Fragenkomplex der Tradition weit hinaus als eine der wesentlichsten Fragen der Praxis des liberalen Judentums überhaupt. Sonnabend oder Sonntag — so heißt die Antithese, die die Verhandlungen der Tagung als Wichtigstes deutlich machen. Die überwiegende Mehrzahl der Redner spricht sich gegen den Sonntag aus. Die Gründe, die sie Vorbringen, sind freilich durchweg bedeutungslos, wenn man sie nüchtern betrachtet. Dagegen scheint alles für die zu sprechen, die — wie Joseph Lehmann und Bruno Woyda — für die Verlegung des Gottesdienstes auf den Sonntag plaidieren. Ich möchte dennoch eine so einfache Verlegung keineswegs ohne weiteres bejahen. Der Sonntag ist im Laufe der Geschichte zu einem Tag der materiellen Ruhe, zu einem Tag der Erholung geworden, wie er auch für den Juden der Gegenwart unbedingt erfordere lich ist, ohne ihm doch die Intention seines Sabbaths ersetzen zu können. Das Ideal wäre beides: ein Sonntag der Ruhe, der Freiheit vom Alltag und ein Sabbath der Heiligung, der religiösen Besinnung. Solange freilich dies für alle nicht möglich ist, solange müßte neben dem Gottesdienst des Sabbaths ein Sabbath- Gottesdienst am Morgen des Sonntags Einrichutng aller liberalen Synagogen sein, derart, daß hier gleichsam der eine Tag in zwei geteilt erscheint, in eine Zeit der religiösen Feier und eine Zeit der materiellen Ruhe. Allerdings, dies ist nicht mehr als eine bloße Institution der Not, deren Ueberwindung uns als eigentliches Ziel vor Augen bleiben muß. 4. Wenn Liberalismus seinen Gedanken von Religion zu verfechten hat, unbekümmert, ob darüber alte ehrwürdige» Riten fallen müssen, ob darüber selbst das ausgesprochene Gesetz eine Aenderung erfahren muß, so wird gewiß auch! die Tradition des Gemeindewesens der Kritik nicht enthoben sein. Dies mag dem anderen gegenüber eine leichtere Aufgabe scheinen, es ist doch nicht weniger wichtig als jenes. Freilich eine Aufgabe, die wenig beachtet, von der auch in den Vevhandlungen der Konferenz kaum die Rede war! Was der Liberalismus in dieser Richtung bislang geleistet hat, scheint außerordentlich gering. Er hat jedenfalls u n b e a n st a n d e t gelassen, daß die Mizwoth der Synagoge noch heute Gegenstand der Bezahlung sind. Er hat unbeanstandet gelassen, daß der Eintritt zum Gottesdienst am Rauschhaschonoh und Jaumhakippur Geld kostet. Er hat unbeanstandet gelassen, daß Synagogenplätze nach Preisen gestaffelt find. Und sollte doch wissen, daß nichts so sehr als solcher Handel dem Geiste der reinen Religion entgegen ist, als deren Vertreter er sich empfindet. Man hält uns entgegen, daß es um Gelder der Wohltätigkeit geht. Und gewiß ist Wohltätigkeit eine Sache der Religion. Aber Wohltätigkeit allein als Impuls der Seele, als Gesinnung des Menschen, nicht als die äußere Tat bestimmter Zahlung, die notwendig an die Unterschiede von arm und reich geknüpft erscheint, an Unterschiede, die im Gottesdienst außer acht bleiben müssen, sofern er noch Gottesdienst im Sinne unseres Glaubens sein soll. Man hält uns entgegen, daß die Vermietung von Synagogenplätzen zumindest in der Großstadt im Interesse der Ordnung des Gottesdienstes notwendig ist. Aber selbst wenn wir zugeben wollen, daß damit eine bezahlte Eintrittskarte gefordert sei, was soll jene Staffelung nach dem Wert der Plätze, die nachgerade eine Selbstverständlichkeit geworden scheint? Man hält uns entgegen, daß die Veranstaltung des Gottesdienstes Geld kostet, daß die Gemeinde kein Geld hat und Geld braucht und es nehmen muß, wo sie es fnrdet. Aber die Gemeinde hat Geld für jüdische Schulen und wohltätige Anstalten, hat Gew für Institutionen, die nicht ihre Sache sind. Wir sind Bürger des Deutschen Reiches und haben Recht und Anspruch aus die Einrichtungen der Stadt und des Staates. Und die Gemeinde hat allein dafür zu sorgen, daß uns dies Recht nicht geschmälert wird. Ihre erste und oberste Aufgabe aber ist es, für den Gottesdienst ihrer Synagogen Sorge zu tragen. Und für einen Gottesdienst, in dem die Armen nicht hinten, die Reichen nicht vorne stehen! Für einen Gottesdienst, der sich nicht selber Lügen straft! Ein Gottesdienst aber mit teuren und billigen Plätzen ist ein Nonsens der Religion. Beim Bau des Stistszeltes war die Vorschrift, so erzählt die Bibel, daß jeder einen halben Schekel zum Heiligtum beitragen sollte, der Reiche nicht mehr und der Arme nicht weniger!... Es gilt, die ungeschriebenen Gesetze zwischen den Zeilen der Schrift zu verstehen. Und wenn lvir von den geschriebenen Gesetzen verwerfen, was uns bloß zeitlich bedingt erscheint, so müssen wir doch auch andererseits von den ungeschriebenen Gesetzen alles lebendig halten, was die Wahrheit eines ewig gültigen hat. 5. Der Liberalismus hat dem Gottesdienst der Synagoge die Orgel, die Predigt, das deutsche Gebet gegeben. Dies sind gewiß wesentliche Förderungen. Daß hier werterzugehen ist, kann dessen ungeachtet kaum noch fraglich sein. Die Verhandlungen der Sektion „Gottesdienst" haben es deutlich gemacht: mit bloßer Uebersetzung älter Gebete ist noch wenig getan. „Persönliche Meditation", religiöse Besinnung aus dem Geiste unserer Frömmigkeit tut not. Die Aufgabe ist erkannt. Aber die Mittel der Verwirklichung liegen noch im Dunkel. Oder — haben die Alten selbst schon den Weg gezeigt? Sie haben Gedichte und Reflexionen ihrer Dichter und Philosophen dem Buch ihres Gottesdienstes einverleibt. Ist seit den Tagen des Jehuda Halevi, seit den Tagen des Salomon ben Gabirol nichts geschaffen worden, das ein gleiches verdiente? Das Lied vom Lämmchen in der Hagadah unseres Peßachfestes ist gewiß ein schönes Lied. Und wir werden es gewiß nicht streichen wollen. Aber sollte in einer liberalen Hagadah daneben nicht etwa Heines Geschichte vom „Rabbi von Bacharach" ihren Platz finden dürfen. Ja, vielleicht

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