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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-09-21 · 38 (21.9.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
38 (21.9.1928)
Date
1928-09-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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aller Fortschritt bedingt Kampf; das Alte känrpft um seinen Bestand, das Neue ringt um Geltung. Wer oer Kampf der Meinungen sollte ein Kampf um Meinungen sein, nicht ein Kampf gegen die Person. Eine Anschauung bekämpfen braucht nicht zu bedeuten, den Vertreter ver Anschauung niederzuzwingen. Selbst die Frevler sollen ja nach dem Bibelwort, das in der talmudischen Erzählung Ber-uria ihrem Gatten Rabbr Meir Vorhalt, nicht untergchen, sondern zur Umkehr gestimmt werden. „Tie Sünden sollen schwinden, und sie werden nicht mehr (Frevler) sein." Ter Versöhnungstag mahnt uns zur Liebe, auch dem Gegner gegenüber. Wer als Jude seine Meinung mit Waffen des Krieges zur Geltung bringen will, i>er hat oen Kamps schon verloren, weil er sich durch seine Tat in Widerspruch setzt mit dem Geist, mit der Lehre des Judentums. Denn das ist das Kennzeichen des Krieges, daß der Gegner vernichtet wird. Ein Zeichen geistigen Kampfes ist es, daß man ringt um die Seele des Gegners und das Ziel alles geistigen Kampfes ist Einheit und Versöhnung, seine Mittel darum Liebe. lichung jüdisch religiöser Forderungen? Das Judentum, das einst den Wert der Einzelseele entdeckte — darf es nicht in der immer weiter greifenden Kenntnis vom Eigenwert des Individuums einen Triumph jüdischer Frömmigkeit sehen? Und bedeutet nicht andrerseits die immer stärker wachsende Idee der Allmenschheit praktische jüdische Religion? Ist nicht endlich der soziale Wille unsrer Generation an die Stelle verdrängter religiöser Komplexe getreten, und enthüllt uns nicht schließlich auch die oft so bizarre Kunst unsrer Tage etwas von dem religiösen Suchen der Zeit? Wüßten wir dieses so vielfältig sich osseirbarende religiöse Leben, diese hundertfach wirksamen religiösen Ströme nur aufzuspüren und einzusangen — welches unerschöpfliche Reservoir positiver Religiosität hätten wir dann errichtet! Daß der V ers ö hn u n g s t a g, ebenso wie der ihm organisch zugehörige Neujahrstag, seine Aktualität auch für den modernen jüdischen Menschen behalten hat, ist im Hinblick aus das vorher Gesagte nicht verwunderlich. Die drei Wallfahrtsfeste bedeuten den meisten — je nach dem Grade ihrer Anteilnahme an jüdischen Dingen — doch nur eine mehr oder minder interessante historische Reminiszenz. Der Jom hakkipurim jedoch, wenn er selbst alles zeremoniellen Beiwerks entkleidet wird — oder vielleicht gerade dann atmet den Geist der Lebensnähe und aktueller Wirklichkeit. Sein geistiger und sittlicher Gehalt kommt dem Denken und Fühlen des modernen Menschen, seiner tiefen Sehnsucht nach bewußtem Leben, und seinem kraftvollen Willen zu letzter Verantwortlichkeit weit entgegen. Wseits jeglicher lebensfernen und unsachlichen Romantik spürt er hier den Pulsschlag des eigenen Lebens warm und kraftvoll. Ihm ist der Versöhnungstag Symbol der ewigen sittlichen Verpflichtung, die der Mensch von heute, wie der von einst, zu tragen hat. Vielleicht mag der alte Begriff der „Sünde" ihm nicht mehr so gegenwärtig sein, umso lebendiger aber ist ihm — und gerade ihm — der Begriff der sittlichen „Schuld". Die B e r -- antwortung, die der Einzelne für sich wie für die Ge samtheit trägt, ruht im religiösen Bewußtsein des modernen Menschen. I n dieser Verantwortlichkeit hat e r sein religiöses Erlebnis, sie ist ihm Ausdruck seiner Verbundenheit mit dem Göttlichen. Er weiß, daß der „heilige" Gotl im S i t t l i ch e n lebt und daß der Mensch vor eine letzte Entscheidung gestellt ist. Wie er zum Sittlichen steht, so steht er zu Gott: immer ist er am Scheidewege. Der Bcrsöh nungstag stellt auch dem modernen Menschen seine Berant Wörtlichkeit immer wieder vors Auge. Er läßt ihn Blicke tun in die tausendfach verschlungenen Schicksale der Men scheu, und offenbart ihm seinen eigenen Anteil an der „Schuld" der Gesamtheit. Er zeigt ihm Kriegsnot und Rentnerelend, soziales Unrecht und Jugendnot, Tragödien der Ehe und Not der seelisch Vereinsamten, Justizkrise und Sexualnöte der Gegenwart; auf Schritt und Tritt sieht der Mensch sich darum verflochten in die Schuld und Not der Zeit, und wo er sich persönlich unschuldig weiß, fühlt er doch seinen Anteil an der schweren Kollektivschuld, an der wir alle tragen. Stürmisch bewegt fühlt er sein Gewissen aufgerüttelt; die Gebetssymbolik des Jom kippur vermittelt ihm aufs neue die hohe sittliche Ideenwelt des Judentums. Soziale Gerechtigkeit und schenkende Liebe sieht er als Fundamente jüdischer Frömmigkeit, und über ihnen wölbt sich der erhabene Bau allumfassender Menschlichkeit. Der Universalismus unserer Propheten wird ihm lebendig in der Liturgie des heiligen Tages, und die Sehnsucht nach dem Gottesreich auf Erden deckt sich mit dem Friedenswillen des modernen Menschen, mit seiner Hoffnung auf Völkerverständigung und Menschheitsverbrüderung. So tritt der Versöhnungstag als eine Mahnung und Forderung an den modernen Menschen heran, aber zugleich auch als ein Trost und eine Gewißheit! Auch dem modernen Menschen strömt Kraft uiü> Gnade zu aus dem Bekenntnis seiner sittlichen Schuld. Gefestigt und geläutert, mit neuem Lebenswillen und erfüllt von sozialer Verantwortung, gestärkt mit dem Willen zu sittlichem Wirken und beseligt durch die .Hoffnung auf ein glückliches Gelingen, tritt er aus der Weihe des hohen Festes zurück in den Alltag, der ihm nun mehr als Alltag ist, und ein altes Wort gewinnt so für il>it neuen liefen Sinn: „Bor dem Ewigen sollt ihr rein werden!" Werbt neue Mitglieder! Der moderne Mensch und die Religion Von Tr. Karl Rosenthal, Berlin. Es gibt gewisse Anschauungen, die man dem eisernen Bestände der für die heutige Generation scheinbar unbedingt gültigen Ueberzeugungen und allgemeinen Werturteile zuzurechnen pflegt. In diese Kategorie gehört die oft gehörte bewegliche Klage, die Menschen unserer Zeit seien nicht mehr religiös, und insbesondere die neue Jugend habe den Sinn verloren für das, was man als die Welt der Religion zu bezeichnen gewöhnt ist. Man deutet auf die verödeten Gotteshäuser jüdischer und nichtjüdischer Gemeinden und erinnert sich neidvoll und verzweifelt vergangener Zeiten, da die frommen Gläubigen in Hellen Scharen den weit geöffneten Tempeln entgegenströmten. Man spricht von der guten alten Zeit, die auch im Hinblick auf das religiöse Leben eine bessere Zeit genannt wird. Besonders dem modernen Juden stellt sich das neue Zeitalter, wie noch kürzlich vom Antlitz des 20. Jahrhunderts gesagt wurde, als religiös indifferent, wenn nicht geradezu antireligiös dar. Denn der Jude, mit seiner steten Aufgeschlossenheit für das Neue und Werdende, mit seinem Hang zu Kritik und rationaler Betrachtung, mußte in besonderem Maße den Tendenzen erliegen, die eine Abkehr von der Welt des Religiösen bedeuten. Und so scheint in der Tat, wenn das äußere Bild der Wirklichkeit entspricht, das Judentum als Religion seine Rolle ausgespielt zu haben: die Menschen unsrer Zeit sind areligiös und haben die Fähigkeit zu religiösem Erlebnis eingebüßt. Ist der Skeptizismus, der aus einer solchen Betrachtungsweise spricht, berechtigt? Hat wirklich der moderne Mensch den Sinn für das Religiöse verloren, ist der Mensch des 20. Jahrhunderts areligiös? Ein flüchtiger Blick auf das Judentum von heute scheint die Berechtigung der Skepsis zu erweisen. Nur klein ist die Zahl derer, die am religiösen Leben der jüdischen Gemeinschaft teilnimmt. Die Gotteshäuser werden schlecht besucht. Religiöse Formen, geheiligt durch Jahrhunderte alte Tradition, werden bewußt abgelehnt oder achtlos beiseite geschoben. Müde Resignation auf Schritt und Tritt: das Judentum scheint dem Untergange geweiht. — Und dennoch ist zur Verzweiflung kein Grund; unser Zeitalter ist in Wahrheit nicht weniger religiös als irgend eine andre Zeit. Die Religion ist nicht geschwunden — nur ihre Ausdrucksformen haben sich gewandelt; die Menschen des 20. Jahrhunderts sind nicht religionslos oder Feinde der Religion — aber ihre Struktur hat sich gewandelt. Man muß die Geist es Haltung der neuen Generation zu verstehen trachten und aus den Wesenszügen des neuen Menschen wird auch Gläubigkeit und religiöse Gesinnung uns eniaegenleuchten. Das „technische Zeitalter" prägt Menschen mit andrem Gesicht, als die patriarchalische Zeit oder die geruhige Zeit des bürgerlichen Handwerkers oder Kaufmanns sie hervorbrachte. Zwischen dem Einst und dem Jetzt liegt die Entdeckung der Dampfkraft und der Elektrizität; Telephon, Radio und Fernsehen haben die Welt mehr und mehr „entzaubert", uird der Siegeslauf der Technik, der Maschine hat scheinbar gottähnliche Kräfte in die schwache Hand des Menschen gelegt. Rastloser Forschergeist hat ungeahnte Erkenntnisse bloßgelegt, letzte „Geheimnisse" entschleiert und das Leben und die Welt mehr und mehr rationalisiert und technisiert. Eine solch beispiellose Entwicklung konnte am Menschen selber nicht spurlos vorübergehen, und sein Wesen mußte Spiegel der Zeit und der Welt werden, in der er l»ebte. Sein Blick richtete sich aufs Nüchterne, Sachliche, auf das Technische und Organisatorische. Alles in ihm drängte nach Tat, nach Handeln, praktischer Wirksamkeit — für „Reflexionen" blieb wenig Raum. Frühere Generationen ertrugen noch eine gewisse Frömmigkeit, die!im Grunde nicht erlebt war, die nur danach trachtete, den Schin zu wahren und alte Tradition „pietätvoll" weiter zu hüten und zu überliefern. Der sachlich denkende Mensch der neuen Zeit konnte dies Opfer nicht bringen; eine nur zur Schau getragene Frömmigkeit, die nicht aus seinem Wesen wuchs, war für ihn unerträglich. Darum erschien die religiöse' Welt, die er vorfand, ihm nicht mehr weseus- und zeitgemäß: er mußte sie ablehnen. Aus dieser Ablehnung einer zeitbedingten Form d e r R e l i g i o n ward fälschlich der Schluß gezogen, der Mensch habe gar keine Religion mehr, und die Hypothese von den: religionslosen Menschen des 20. Jahrhunderts war fertig. In Wahrheit ist nicht der Mensch der Religion entfremdet, sondern die Religion dem Menschen. Nur weil die Religion nicht ihre ewigen Ideen dort zu erweiseil trachtete, wo der moderne Mensch sie zuerst gesucht und am meisten ihrer bedurft hätte: im Büro und in der Fabrik, an der Arbeitsstätte des Handwerkers und im Laboratorium des Gelehrten - nur darum konnte der Eindruck entstehen, als ob der moderne Mensch keine Religion mehr habe und haben könne. Aber Maschine u u b Religion sind kein Widerspruch! Auch aus dem Rhythmus des Räderwerks tönt der religiöse Akkord, das Lied der Arbeit stinimt nicht weniger religiös als der harmonische Chor der gefiederten Sänger im Walde oder das Brausen der Wogen am Rande des Meeres, und hellhörige Ohren vernehmen die religiöse Melodie iu der tausendfältigen Polyphonie der Großstadt nicht minder als in den andachterweckenden Klängen der Orgel oder im stillen Gebet einer exbentrücfteu Gemeinde. Tie These vom religionslosen modernen Menschen konnte nur entstehen, weil inan den Begriff des Religiösen als unlöslich verknüpft ansah mit den Auffassungen und Gegebenheiten einer entschwundenen Zeit, weil man versäumte, den Einklang zwischen Religion und Leben auch dann zu wahren, als das Weltbild sich änderte und in rasendem Tempo ein neuer Lebensstil sich formte, der eine Umbildung auch» des religiösen Lebens gebieterisch heischte. Was vielen als Fernbleiben von der Religion erscheint, ist in Wirklichkeit nur Ablehnung einer religiösen Form, die wesenlos georden ist. Religion wurde gleichgesetzt mit Religions- Übung, und der moderne Mensch hatte nicht die Sentimalität, eine Form zu bewahren, die seinem modernen Lebensgesühl nicht mehr adäquat ist. Er ist zwar weniger sentimental, aber nicht weniger religiös als der frühere. Wären wir nicht durch ein ganz falsches, unberechtigtes Werturteil über den Geist der neuen Zeit voreingenommen, wir müßten den heißen Pulsschlag dieser Zeit fühlen als eine lebendige reliaiöse Kraft, die nach neuem Ausdruck ringt. Liegt nicht — vielen unbewußt - reiches religiöses Gut in der neu erwachten Naturfreudigkeit des heutigen Menschen? Offenbart nicht der Geist der neuen Jugendbewegung tiefe Religiosität? Kündet nicht das Ringen der jüdischen Jugend um „Persönlichkeit", das Streben nach ernster Verantwortung, ja zeigt nicht selbst der in der Jugendbewegung manchmal zutage tretende Persönlichkeitskultus, die übertriebene Führer-Verehrung, religiöse Motive? Zahllose Menschen sind erfüllt von dem Streben und Suchen nach reiner Menschlichkeit — offenbart sich hier nicht die Verwirk¬ Der rote General Schauspiel von Hermann Angar. Uraufführung: Berlin, Theater in der Königgräher Straße. Vom Spiel sei zunächst die Rede: In den ersten Monaten der russischen Revolution 1917/18 wird Podkamjenski, Sohn des Juden Mendel Frischmann, Oberbefehlshaber der roten Armee. Er will der Revolution zum Siege verhelfen, will die Macht der Arbeiter, Bauern und Soldaten errichten. Er arbeitet Tag und Nacht, ist hier urrd dort, schafft die Pläne für das erfolgreiche Vorrücken der Truppen — - und wird dennoch ersetzt durch Jlja Jljitsch Brutzkin, weil er ein Fremder, ein Jude, kein Russe ist. Brutzkin: Abschaum der Menschheit, Mordbrenner, Trinker, Gelegenheitsrevolutionär, scheut kein Mittel zur Ausschaltung des „Volksfremden". Bei einem Pogrom in Podkamjenskis Heimatstadt läßt Brutzkin unter Hunderten von Juden auch dessen Vater töten. Podkamjenski fordert die Absetzung von Brutzkin, doch die Führer der Revolution sind — vielleicht nicht mit dem Berstaiü), wohl aber mit dem Herzen — bei dem eigenen Volksgenossen, lassen den „Volksfremden" im Stich. Der geht und wird von einem Söldling einer gegenrevolutionärenj Femeorganisation erschossen. Wie das auf der Bühne dargeftellt wird, das ist un zweifelhaft erstklassiges Theater. Das Stück bühnenwirksam, ohne toten Punkt. Die Regie von Erich Engel und die Bühnenbilder von Caspar Neher lebenswahr und doch der Phantasie Raum gewahrend. Eleonore von Meridelssohn, Ferdinand Hart, Carl Baihaus, Felix Bressart, Egon Frieden, ein vortreffliches Ensemble. Sie alle aber rückt in den Hintergrund das seelenvolle Spiel eines gottbegnadeten Künstlers. Sein Name: Fritz Kortner. Doch das Spiel reizt uns zum Widerspruch Warum? weil es tausendmal unwahr ist, weil es tatsächlich Gegchenes ohne Milderung von Härten darzustellen scheint — der Sowjetstern, rote Fahnen, Sichel und Hammer, der Gesang der Internationale und vieles andere unterstreichen noch diesen Eindruck — und weil doch das Ganze, so wie es hier gezeigt wird, unwahr, undenkbar ist. Unsere aktuellen Bedenken bemüht sich der Autor selbst zu zerstreuen. Im Programmheft wird eine Notiz von Hermann Ungar abgedruckt, die lautet: „Für diejenigen, die von der Kulisse verleitet, Begehungen zwischen Dichtung und Realität, zwischen Zeitlosem und Aktuellem suchen, möchte ich — so peinlich Erklärungen des Autors zu seinem Stück auch sein mögen bemerken, daß Erscheinungen wie Rathenau oder Trotzki wohl Anregung, aber nicht Vorbild gewesen sind. Der dargestellte Konflikt ist in jeder Zeit und in jedem Land denkbar, wo eine Masse Gleichgearteter dem Einzelnen, dem Blut oder Geist nach Andersgearteten, gegenübersteht. Ich habe Rußland zum Schauplatz gewählt, weil es für unsere Zeit das Land der großeit Umwälzung ist, wie früher Frankreich das klassische Land der Revolution war. Die Kulisse ist imaginär. Die Darstellung des tragischen Schicksals Podkamjenskis soll nicht zur Idee der russischen Revolution Stellung nehmen." Solche Erttärungen nutzen natürlich gar nichts. Die Dummen sagen Qui s'excuse, saccuse; die Klügeren, daß sie auch vorher schon gewußt haben, daß Rathenau nicht in Rußland lebte und Trotzki nicht erschossen worden ist, daß sie also nur „Anregung aber nicht Vorbild" gewesen sein dürften. Da Ungar hier aber selbst sagt, daß Erscheinungen wie Rathenau oder Trotzki ihm Anregung gewesen finb, so muß betont werden, daß deren Schicksal denn doch von ihm offensichtlich grenzenlos mißverstanden worden ist. Rathenau wurde von Fanatikern niedergestreckt, weil er die Außenpolitik des Deutschen Reiches durch Einführung eines neuen Geistes revolutionierte, weil seine Politik des Geistes in den Jahren der Wirrnis und den Köpfen derer, die die kommende Zeit nicht sahen, Explosivstoff schaffen mußte; nicht aber wurde er niedergestreckt als Jude, ebensowenig wie der Nichtjude Erzberger, und nie wurde er im Stich gelassen, von denen, die Gleiches wollten wie er. Nach seinem Tode hat der damalige Reichskanzler Wirth seiner Verdienste gedacht wie nur ein Freund und Verehrer, ein „Gleichgearteter", ein Volksgenosse das zu tun vermochte, und erst kürzlich zeigte bei der Verfassungsfeier des Deutschen Reiches die Rede von Professor RoLbruch, daß sein Wirken nicht vergessen, nicht als „volksfremd" empfunden wird. Und Trotzki? Zeigte sich dort die von Zionisten so gern konstruierte Volksfremdheit? Es gehört wahrlich keine sehr große Kenntnis der gegenwärtigen Verhält nisse in Rußland dazu, um diese Fragestellung als absurd zu er kennen. Als die Verbannung von Trotzki und etwa 30 weiteren Mitgliedern der Kommunistischen Partei erfolgte, waren Juden und Nichtjuden auf beiden Seiten; auf der Seite der Verbannten, aber auch aus der Seite der Verbannenden. Und die jüdische Sektion, der kommuuistischeu Internationale, die sogenannte „Jewsekcija", ging durchaus mit der Parteimehr heit gegen Trotzki zusammen, von ihren bekannten Führern gehörte kein einziger der Opposition an. Einige Führer des Bolschewismus, z. B. Sinowjew oder Kamenew, wechselten auch im Verlauf der Debatten im russischen Kommunismus mehrfach ihre Stellung. Wie also kann das Schicksal von Trotzki Anregung geben zur Darstellung eines Konfliktes, der aus der Auffassung basiert, daß Blut die Artung des Menschen bestimmt. * Ungars Werk ist ein bühnenwirksames Zerrbild. Weil es bühnenwirffam ist, darum ist es besonders gefährlich, darum werden Dutzende von Vorträgen des Central-Vcreins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens den Schaden nicht gut machen können, den eine Vorstellung dieses Stückes hervorruft. Deshalb muß überall und immerfort betont werden: Dieses Stück ist unwahr, wir Juden verwahren uns gegen seine Tendenz. Es ist nicht wahr, daß wir Juden bessere Menschen sind als unsere Umgebung, wie es hier bei Podkamjenski ge: zeigt wird; wir sind Menschen wie ihr, aus Fleisch und Blut, gut und böse. Es ist nicht wahr, daß Blut für die Gruppierung im Völkerleben, für die Gestaltung des Völkerlebens, für die geistige Welt des Menschen bestimmend ist; wir Juden waren ein Volk, das jüdische Volk ging unter, wir deutsche Juden sind heute seelisch und kulturell, durch unser Sein nnh durch unseren Willen Gliürer des deutschen Volkes. Es ist nicht wahr, daß das Gefühl der Volkssremdheit unüberwindlich ist, daß der Jude als ein dem Blut oder Geist nach Anders« gearteter einer Masse Gleichgearteter gegenübersteht, daß auch in politisch links stehenden Gremien dieses Gefühl nicht übn-! wunden wird; man zeige mir eine Sitzung eines kommunisti-

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