Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 38 (21.9.1928)
- Date
- 1928-09-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IMchÄeraleZeilma Organ der Vereinigung für -as liberale Judentum e. D. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich IN. 2.50 Etuzeluummer 020. Bei freier Zusendung l. Inland 0.25 -Lr die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrag« enthalten. Berautwsrtl. Redakteur: Bruno Moyda. Die »Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 48, Wilhelmftr. 147 Fernruf: Bergmann 335$, 3359 II Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge Postscheckkonto: Berlin TtTB 7, 137069 |j nur mit vorheriger Genehmigung der (Vereinigung für da» liberale Judentum) l'_Redaktion gestattet._ Anzeigenpreise: Die 12gespaltene RonparaillezeUe 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung" Inseratenabteilung: Berlin Sw 48. Wtihelmstrahe 147 (Bergmann: 3358-59), sowie sämtl. Annoncea-LxpedMoa. Rr. 38 Berlin, 21. September 1928 S. Jahrgang Schon wieder ZriedhofsschSudungen Flammersheim und Sirchheim In Flammersheim an der Eisenbahnstrecke Euskirchen- Münstereifel im Kreise Rheinbach wurden auf dem jüdischen Friedhof von Uebeltätern alle Marmortafeln zerbrochen und die Grabsteine besudelt. Wie Besucher berichten, bietet der allehrwürdige Friedhof ein geradezu erschütterndes Bild. Auch in dem Flammersheim benachbarten Kirchheim wurden alle Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof umgeworsen und zum großen Teil zertrümmert. Es ist dies innerhalb zwei Jahren bereits die zweite bzw. dritte Friedhofsschändung in den erwähnten beiden Orten. An die zuständige Staatsanwaltschaft in Bonn wurde Anzeige erstattet. Tollwut in Deutschland Bon Walter v. Molo. (Nachdruck erwünscht.) In Westfalen ist in diesen Tagen in kurzer Folge nach gleichen sinnlosen Gemeinheiten die 6 0. F r i e d h o f s ch ä n - düng geschehen. Hysterisch-robuste Zeitgenossen werden sagen: Was gehen uns die Toten an? Und — werden sie sagen, wenn sie niemand hört (das ist das Entscheidende) — es ist doch nur die 60. Schändung jüdischer Grabstätten. Soweit sind wir heute! Spricht ein Jude gegen solch irrsinnige Trottelei, so ist er „Partei", sagt der hysterisch-robuste und „christliche" Zeitgenosse. Darum trete ich vor, weil ich nicht Partei bin, uird sage, im Bewußtsein, daß es eine Schande ist, solches in Deutschland sagen zu müssen: Es ist das undeutscheste, unchristlichste, roheste, gemeinste, feigste Mithelfen bei dem Handeln einer Verkommenheit, deren wir uns nicht nur zu schämen, gegen die jeder ohne jeglichen Unterschied mit gewaltigster Verachtung vorzugehen verpflichtet ist. Das ist keine kleine Sache, das ist keine Konfessions¬ oder Glaubenssache, das hat mit Politik nichts, aber schon gar nichts, mit gar nichts anderm zu tun als damit, daß sich in diesem Handeln Eigenschaften zeigen, zu denen verurteilende Worte wie bübisch, bestialisch, viehisch nicht hinreichen; hier stockt wirklich das menschliche Wort, das der Anfang und das Ende ist — das ist das Ende jeglichen auch nur hauchartigen Tier- oder Menschseins. Das ist das Ende, die Verdammung, der umgestürzte Gipfelpunkt der Vermaledeiung. Ich bitte alle großen Zeitungen aller Richtungen des Menschseins in Deutschland, alle Eltern, Lehrer, Geistlichen, jeden, der irgend sich auch nur einer Spur Mitverantwortung der Gesamtheit gegenüber bewußt ist, sich der stumpfen Gleichgültigkeit des Zusehens bewußt zu werden, daß sich in diesen systematisch betriebenen nächtlichen Friedhofschändungen eine Verwilderung zeigt, gegen die jedes Verbrechen andrer Art gering und entschuldbar erscheint — wieder stocke ich, die Worte greifen daneben und fehlen. Als unsre menschliche Sprache sich der Tierheit entwand, da war solches nicht vorhanden, nicht zu bezeichnen, was im Jahre 1928 in Deutschland lkbt. Sind die Gräberbesudler, die Grabsteinzertrümmerer Kinder oder Halbreife, wie in den meisten Fällen, dann tragen die Schuld die „Erwachsenen" in noch höherem Maße, für die es erst recht kein Wort gibt, das verdammend genug wäre für solche, die jugendliche Seelen derart durch Verhetzung in den letzten Gestank und Schlamm der Selbstentmenschung und dadurch der Selbstverdammung hinabschleudern. Ich hielte so gern diese meine wenigen Zeilen jedem vor die Augen, aber so weit sind wir in Deutschland, daß ich nicht weiß, welcher Korrespondenz ich diese Zeilen anvertrauen sollte, damit sie sie verbreite. Es ist ja alles Partei. Man hieße das eine „jüdische Aktion", oder man schwiege mich tot, und so verantwortungslos ist der große Teil unsrer Presse geworden, so sensationsgierig, daß sie meine Worte wohl druckte, aber nur, wenn sie sie allein drucken könnte, denn fast alles sieht nur mehr sich und nicht die Gesamtheit. Was bleibt mir? Die Bitte: Sprecht jedes, das diese Zeilen liest, jedes, ohne jede Ausnahme, zu allen, die euch erreichbar sind, überall über die Friedhosschänder, es darf keine Ausnahme, kein Aber oder Doch heimlicher oder offener Art geben! Macht euch und jedem klar, daß Tollwütige durch unsre Nächte streifen, die für jede Seele größte Gefahr bedeuten, vernichtet die tollwütigen Seelen der Schänder durch einen Sturmwind einmütiger Verachtung. Oder soll es noch tiefer hinabgehen? Ae ' in Beftouofeio Die Tageszeitungen veröffentlichten in beit letzten Tagen sensationelle Nachrichten über die blutigen Auswirkungen einer Ritualmordhetze in dem serbischen Dorf Petrovoselo. Wie jetzt festgestellt werden konnte, sind die Schilderungen der dortigen Vorfälle stark übertrieben und entsprechen keineswegs den Tatsachen. Der Ausbruch eines Pogroms konnte durch rechtzeitiges Eingreifen der Behörden verhindert werden. Wir veröffentlichen nachstehend die Mitteilungen des Berichterstatters der Jüdischen Telegraphen-Agentur über die wirklichen Zustände in Petrovoselo. Belgrad, 12. September. (Jta.) Anläßlich des Baues des jüdischen Tempels in der jugoslavischen Banatsstadt Zenta kam es dort zu einer Ritualmordhetze, die die Judenheit des gesamten Banats bedrohte. Unbekannte Agitatoren haben unter der christlichen Bevölkerung der großen Dörfer in der Umgebung von Zenta das Gerücht verbreitet, daß die Juden beim Bau der Synagoge das Blut von christlichen Kindern gebrauchen. Dies Gerücht drohte, katastrophale Folgen nach sich zu ziehen, als zufällig ein 15jähriges christliches Dienstmädchen Margarete Takacs, das bei dem jüdischen Kaufmann Max Pollack im Großdorfe Petrovoselo im Dienst stand, plötzlich verschwand. Bauernmassen umzingelten die jüdischen Häuser und erösfneten auf fie ein Stein-Bombardement unter der Drohung, die Juden müßten das Verschwinden des christlichen Mädchens mit dem Hungertode sühnen. Polizei und Gendarmerie zerstreute die Volksmenge durch Schreckschüsse und rettete die in den bereits halb demolierten Häusern eingeschlossenen Juden. Vorgestern wurde nun Margarete Takacs in erschöpftem Zustande und einer Ohnmacht nahe in einem Nachbardorfe von Petrovoselo gefunden. Dies entfesselte einen neuerlichen Bauernsturm, da die Bauern glaubten, die Schwäche des Mädchens entspringe einer Nasenblutcntzapfung durch die Juden, obwohl nach sofort vorgenommenem gerichtsärztlichen Befund das tagelange Herumirren der Takacs in Männerkleidern, ohne daß sie irgendwelche Nahrung zu sich genommen hätte, nachdem sie von einem Unbekannten entführt und genotzüchtigt worden war, die Ursache des Schwächezustandes des Mädchens war. lieber die näheren Umstände hüllt sich das ganz entkräftete Mädchen vollkommen in Stillschweigen. Die Erregung der Dorfbevölkerung dauert obwohl die Behörden durch ausgesandte Trommelschläger in den Banatdörfern verkünden lassen, daß alle Gerüchte von jüdischen Ritualmorden und Benutzung von Christenblut eine blöde Erfindung sind, und daß jede antijiidische Agitation die härteste Bestrafung nach sich ziehen werde. Die Behörden haben bisher 40 antisemitische Gewalttäter verhaftet. Wien, 13. September (Jta). Tie jugoslavischen Zeitungen dementieren bte Gerüchte über einen blutigen Judenprogrom im Banat. Es jct durchaus unwahr, daß der Rabbiner und einige jüdische Einwohner Petrovoselos ermordet worden feien. Tie jugoslavischen Blätter geben nur zu, daß die Erregung der fanatisierten Bauernschaft gegen die im Dorfe wohnenden Juden anhält. Ta dies Dementi der jugoslavischen Presse ein wenig verdächtig erscheint, hat die Jta die sofortige Nachprüfung der Lage im Banat durch ihren Zagreber Vertreter angeordnet. Belgrad, 14. September (Jta). Ter nach Petrovoselo zur Nachprüfung der Lage entsandte Jta-Vertreter stellte fest, daß dort die volle Ruhe wieder hergestellt ist. Menschenopfer smd keine zu verzeichnen. Dagegen liegen Hausschäden vor. Tic Behörden haben rasch estens strenge Maßnahmen ergriffen und die Waffenmachl konnte gerade einschreiten, als durch die fanatisierte Bauernschaft Pogromgefahr unvermeidlich erschien. Die Menge gab die Belagerung der jüdischen Häuser auf, als sie einsah, daß die Behörden ernstlich gewillt sind, jüdisches Hab und Gut zu schützen. Erklärung des Ausnahmezustandes in Petrovoselo. Belgrad, 16. September (Jta). Auf Intervention des Großrabbiners von Jugoslavien, Dr. Isaf Alkalay, verfügte der Ministerpräsident Ar. Anton Koroscheh der zugleich Innenminister ist, strengste Vorgehen gegen Anstifter und Teilnehmer der judenfeindlichen Unruhen. Er machte den zuständigen Bezirksvorstand persönlich verantwortlich, falls den Juden in Petrovoselo das Geringste zugesügt wurde. Am 13. September delegierte der Ministerpräsident eine spezielle Kommission unter Führung eines hohen Beamten nach Petrovofelo. Diese Kommission konstatierte ebenfalls die vollkommene Grundlosigkeit sämtlicher judenfeindlicher Gerüchte. Nachdem aber die Juden neuerlich bedroht und ihre Häuser beschimutzt wurden, ist im Dorse der Ausnahmezustand proklamiert worden. Ohne besondere Legitimation darf kein Dorfbewohner nach 8 Uhr abends das Haus verlassen. Ter Sicherheitsdienst der Gendarmerie wurde verstärkt. Zwecks Beruhigung der fanatisierten Bauernbevölkerung sind 18 verhaftete Bauernburschen vorläufig wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Die gerichtliche Untersuchung geht weiter. Zwei Hochschüler werden verdächtigt, das Ritualmordmärchen verbreitet zu haben. Versöhnung Bon Rabbiner Dr. Albert Wolf, Tresden. Tie Lehre des Versöhnungsfestes, wie wer sie in unseren Tagen verstehen, zeigt den Wandel in den religiösen Grundbegriffen. Ehemals hat der Versöhnungstag die Bestimmung, die sündige Seele von der Schuld zu befreien. Diese Befreiung erfolgt durch kultische Lat, durch Opfer und priesterliche Handlung. Schon frühzeitig wird das Versöhnungsfest diefes rein kultischen Charakters entkleidet. Tie Entsühnung wird nicht mehr abhängig gemacht von kultischer Handlung, sondern von Aenoerung der Gesinnung: „Sünden, die der Mensch gegen Gott begeht, sühnt der Vcrsöhnungstag, Sünde gegen den Nebenmenschen wird erst verziehen nach Aussöhnung mit dem Nebenmenschen." Auf jeden Fall, und das ist die Hauptsache, gibt es keine Entsühnung und Versöhnung, auch nicht der Sünden gegen Gott, der Vergehungen der Seele, ohne Gesinnungswandel, ohne Umkehr auf den Weg des Guten. Gewiß ist kultische Handlung nicht verschwunden und bildet einen wesentlichen Teil der Feier des Versöhnungstages; aber der Kult ist nicht das Lühnebewirkende, sondern nur das Mittel, den Menschen in die rechte Seelenstimmung zu versetzen, den Weg zu Gott, den Weg zur Reinheit der Seele zurüchzufinden. Der Glaube au die Kraft der Seele, das Gute zu wollen und zu erreichen, liegt dieser Lehre oes Versöhnungsfe.tes zu Grunde. Nicht in ununterbrochener Folge von Ursache und Wirkung volllzieht sich das Geschehen der Welt, nicht ein Ablau, eines durch materielle Bewegung verursachten Geschehens ist die Geschichte; sie wird gestaltet im Bereich desMenschlichen, durch den Geist des Menschen, durch seine Gedanken, sein Wollen und seine Kraft. Darum ist der Mensch für die Geschichte, für feine Geschichte, verantwortlich zu machen. Ihm ist es aufgegeben, die Welt, die seine Welt ist, zu gestalten. Er soll über die Tinge herrschen, nicht ihr Sklave sein. Dies ist die Lehre des Judentums, die uns am Versöhnungsfeste zum Bewußtsein kommt; daß der Mensch berufen ist, Herr zu sein über die Dinge. Jene Lehre, die die Kraft des Geistes leugnet, erniedrigt den Menschen zum Objekt des Geschehens, macht ihn zum Sklaven der Tinge. Nicht anders ist die Lehre zu bewerten, die im Dasein selber eine Last erblickt, eine Bürde, die den Menschen niederdrückt und ihn zur Sünde zwingt. Das Judentum ist daselnssroh und bejaht das Leben. Leben ist Sinn der Schöpfung, im Leben verwirklicht sich das Gute, durch das Leben wird das Göttliche selber Wirtlichkeit. Nicht mit Schuld belastet werden wir geboren, sondern zur Verwirklichung des Guten werden wir ins Dasein gerufen. Leben ist die Voraussetzung alles Guten. Darum nimmt das Gebet im Leben einen fo großen Raum ein tn den Gebeten des Tages. Es ist eine alte Frage, mit der sich die Menschen schon viel beschäftigt haben, ob die Welt gut oder schlecht ist. Die Uebel in der Welt scheinen unvereinbar zu sein mit der Vorstellung einer guten Welt. Darum hat man gezweifelt. ob es möglich sei, in dieser Welt das Gute zu verwirklichen und hat das Reich des Guten, das Reich der Erlösung in eine jenseitige Welt versetzt. Diese wrltverneinende Lehre ist dem Geist des Judentums zuwider. Gewiß gibt es Uebel in der Welt, aber sie sind Verschuldungen der Menschenseele, die es zu überwinden gilt. Nicht ein böses Verhängnis ist die Sünde, vor dem es kern Entrinnen gibt; des Menschen Wille ist frei, und in freier Entscheidung wählt er seinen Weg. Gut und Bös ist in des Menschen Hand gegeben. Des Menschen Wille entscheidet über seinen Weg. Tann ist die Welt schlecht, wenn dre Menschen das Böse wählen. Aufgabe des Menschen aber ist es, das Gute zur Verwirklichung zu bringen. In zahllosen Aussprüchen und Beispielen haben die Lehrer des Judentums darauf hingewiesen, daß der Kampf um das Gute, das Streben nach Verwirklichung des Heiligen, des Menschen eigentliche Bestimmung fei. Eine absolut gute Welt, in der kein Uebel möglich ist, das wäre eine Welt heiliger Ruhe, eine Welt, in der nur Engel leben könnten „„die Thora wurde nicht Engeln gegeben", „Gott hat den Trieb zum Bösen ins Herz des Menschen gepflanzt, aber er hat zugleich seine Lehre gegeben, um das Böse zu überwinden". „Der Trieb des Menschen ist zur Erhaltung des Lebens erforderlich, ohne den Trieb zum Leben gäbe es kein L^beu". Ein Ausgleich zu schaffen zwischen dem Streben nach dem Heiligen und den Forderungen irdischen Daseins, das ist Ausgabe des Menschen; die irdische Welt zu gestalten nach dem Vorbild des Heiligen, ist seine Aufgabe. Himmel und Erde soll er gleichsam zur Versöhnung bringen und so das Reich Gottes auf Erden errichten; denn das Reich Gottes, das wir erstreben, ist auf dieser Welt. Das Reich Gottes auf Erden ist ein Reich der Menschheit. Wo Menschen im Streite miteinanderliegen, ist das Gottesreich in weiter Ferne. Den Frieden zu erstreben, ist Aufgabe jedes Menschen, ist im besonderen Pflicht jedes Juden. Gott sprach: „Tie ganze Thora lehrt den Frieden, und wem ändert raue ich sie?, dem Volke, das den Frieden liebt." Ist es nicht ein Widerspruch zur Lehre des Judentums, daß soviel Streit und Hader die Judenheit entzweit. Gewiß, 5246^097