Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 37 (14.9.1928)
- Date
- 1928-09-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die grotze Fülle von Akzenten und Akzentverbindungell bildet nun aber lein regelloses Chaos, sondern vereinigt sich zu einem äußerst sein ausgearbeiteten System, dessen weitverzweigtes, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus gesponnenes N:tzwerr nur dem einen Zwecke dient, dem Texte der heiligen Schriften einen sinngemäßen, ausdrucksreichen Bortrag zu sichern. Die wenigen, durch besonders effektvolle Kadenzen ausgezeichneten Neginot sind feinfühlig verteilt und sparsam verwendet. Eine solche Feinheit ist es, daß auf die lange, verzierungsreiche Schalfchelet-Kadenz (nur viermal im Pentateuch vorkommend) stets ein P'sik folgt, gleichsam eine Panse, die den Effekt umso wirksamer hervortreten läßt. Genaueste Folgerichtigkeit herrscht überall; hat unsere Zeit auch wenig Verständnis für derartige systematische Arbeiten, so muß man diesem einzigartigen Werk der Massoreten doch aufrichtige Bewunderung zollen. Die Traspora der Juden mit ihren mannigfachen srembcu Einflüssen bedingte auch bei den Neginot eine baldige Trennung in Ueberlieferungszweige; die Akzente blieben dieselben, ihre musikalische Ausdeutung aber differiert stark rn beu verschiedenen Ländern. Betrachtet man heute das Ergebnis der tausendjährigen Entwicklung, so erscheinen zwei verschiedene Erhaltungszustände bei den orientalischen und bei den europäischen Juden. Im Orient ist der Rezitationston der meisten biblischen Bücher in der Ueberlieferung lebendig geblieben, jedoch ist die Zahl der Motive in den einzelnen Weisen stark zurückgegangen. So besitzen die Jemeniten noch neun Wersen für acht biblische Bücher, die Babylonier sechs Weisen für sieben Bücher, die Perser sechs Weisen für fünf Bücher; dagegen enthält die Pentateuchweise der Jemeniten aber nur fünf Motive, die der Perser sogar nur noch zwei. Anders ist das Verhältnis bei den europäischen Juden, den Aschkenastm und Sefardim. Ueblich ist bei ihnen in der Hauptsache nur die Rezitation des Pentateuch, der Propheten, der Klagelieder uwd der Esther-Megilla. Verloren ist die Vortragsweise der poetischen Bücher (Hiob, Sprüche, Psalmen). Dafür ist aber für jeden Akzent das zugehörige Motiv noch erhalten, ja es kommen auch Varianten und Dubletten vor. Zum bequemeren Erlernen und Behalten der von Neginot-Gruppen gebildeten musikalischen Sätzchen hat man sie zu einer Tabelle zusammengestellt, die nach ihrem Anfangsworte „Sarka" genannt wird. Beim Pentateuchvortrag ist noch eine zweite, im Charakter gänzlich verschiedene Weise für die Bußseste üblich. Die in den fünf Büchern vorkommenden „Lieder" und besonders markanten Kapitel (Schöpfung, Dekalog) werden auch gesanglich ausgezeichnet („Nedarim"). Die Esther-Rezitation ist durch sekundäre Entwicklung noch besonders reich an musikalischer Charakteristik wie an motivischen Verknüpfungen und Anspielungen. So hat Europa zwar weniger Weisen erhalten als der Orient, die überlieferten hat es aber sorgsam bewahrt und weiter ausgestaltet. Der aschkenasische (deutsch-polnische) Neginotgesang zeichnet sich durch größere Beweglichkeit gegenüber dem sefardischen aus, wenn auch der Tonumfang gleichfalls den Raum zwischen Unterquart und Dominante kaum überschreitet. Nur die außerhalb der Sarka überlieferten Neginot (Schalschelet, Karne para ujw.) erheben sich bis zur Octave des Grundtones. In Deutschland hat sich sür dre Rezitation nach den Neginot die Bezeichnung „Trop" eingebürgert, die (tme das lat. tropus) aus das griechische „tropos "zurückgeht, wo sie in entsprechendem Zusammenhänge ebenfalls „Singweise" bedeutet. Je nach dem Gebrauch in der Synagoge oder beim Studium unterschied man Schul- und Stubentrop. Der synonyme Ausdruck „leinen" (leienen, leien) hat iwch im 18. Jahrhundert die Bedeutung „lesen" und ist erst in jüngster Zelt aus das Lesen mit Trop eingeschränkt worden. Die meisten Motive der deutschen Sarka haben schon etwa um 1500 ihre heutige Gestalt angenommen (vgl. Reuchlins Tabelle 1518). Viele mögen in ihren Grundzügen weit älter sein, da sie Merkmale altertümlicher, ja antiker Melodik auftveisen. Einem System halbtonloser Pentatonik3) gehören Kadenzen wie Etnachta, T'bir u. a. beim sabbatlichen Pentateuchvortrag an; viele setzen sich lediglich aus Tönen der Naturskala zusammen. Manche, trotz ihrer Einfachheit äußerst markante Motive haben auf den gesamten Synagogengesang befruchtend gewirkt; am bedeutendsten ist hier wohl die am Ende eines Abschnitts übliche Sof pasuk-Kadenz mit ihrer absteigenden Quarte, die zugleich eine äußerst interessante Geschichte hat. Im deutschen Minnesang findet sich dies Motiv öfters3), manchmal wird es sogar auch als Schlußwendung benutzt (z. B. rn des Wolkensterners „Es ist ein alt gesprochen Rat"). Solche Parallelen können sowohl aus gemeinsame deutsche Herkunft dieses Motivs hindeuten, als auch auf arabisch-orientalische Einflüsse im Minnesang zurückzuführen sein. Im gesamten Synagogengesang (Kol nidre, Jachbienu) wie in ostjüdischen Volksliedern erscheint das Sof pasut- Motiv sehr häufig und ist in modernen jüdischen Kompositionen vrel und mit Erfolg verwendet worden. Solche weiten Perspektiven in die alte und neue Musikgeschichte öffnen sich allenthalben bei der Betrachtung des jüdischen Synagogengesanges und sind ernster Forschungsarbeit wohl wert. Nicht nur in den Tagen der Amoräer ist der rezitativische Bibelvortrag hochgeschätzt worden; auch in Zeiten eines völlig gewandelter: Musikempfindens, bis . zum Ende des 18. Jahrhunderts noch, konnte man sich eine Trennung des Pentateuchtextes von seinem Trop nicht denken, der Trop war eben „der Tora Kleid". Dabei bedeutete diese Rezitation nicht allein eine sich an ein Publikum wendende Vortragskunst, sondern erschien auch beim Studium des Einzelnen in seiner stillen Kammer als eine zum Verständnis unerläßliche Einrichtung. Seit den Tager: der Aufklärung hat sich hierin viel gewandelt; wie die Toravorlesung heute überhaupt aus dem Mittelpunkt des Gottesdienstes mehr und mehr herausgerückt ist, so leidet auch der Vortrag den Neginot an arger Vernachlässigung und büßt damit völlig seine Wirkung ein. Was dazu dienen sollte, den Vortrag deutlicher und ausdrucksreicher zu machen, ist meist gerade der Anlaß zu Eintömgkett und Verschwommenheit. So haben sich auch in liberalen Kreisen nicht wenig Stimmen gegen die Beibehaltung des Trop erhoben, und man will „diese Ghettomusik" abgeschasst wissen. Eingehende Betrachtung hat ja aber gerade gelehrt, daß nicht emmal dre äußeren Formen der Negrnot, dre Motive, einer ghettoentstandenen Unkultur entstammen, geschweige denn die Idee des tropmäßigen Vortrages an sich. Der Gedanke eines solchen Rezitativs ist antikem Geiste entsprossen und, in weiterer PerspMve, allgemein-musikalischer Herkunft. Die zürn Gesang erhobene Sprache hatte im antiken Drama dominiert und erreichte, im Italien des 16. Jahrhunderts nachgeahmt, eine frische Blüte in der neugeschaffenen Oper. Als die reine Musik im Laufe der weiteren Entwicklung das Wort zu überwuchern begann, da schuf Richard Wagner aus der natürlichen musikalischen Qualität der Sprache ein neues Rezitativ und kehrte so zum echten Drama zurück; enger noch schließen die modernen Komponisten ihren Sprechgesang an die Sprache selbst an. Aus gleichem Boden weih auch das hebräische Theater „Habima" neue, wirksame dramatische Ausdrucksmöglichkeiten zu gewinnen; Rückkehr zu den Urquellen des Sprechgefangs scheint es zu bedeuten, wenn nt David Pinskis „Ewigem Juden" die Klageworte der Messiasmutter sich immer höher und höher, bis zum Klagegesang echeben. Wenn man so den Trop als d ie j ü d i s ch e F o r m einer allgemein-musikalischen Gegebenheit, das Sprachmelos als Keimzelle des Gesanges, begreift, dann ergibt sich von selbst die Forderung einer erneuten Mege. Eine energische Reform ist notwendig: Abhilfe dem heute so allgemeinen Mißstand in den Gemeinden, daß der Schochet oder gar der Synagogendiener als Baal köre fungieren muß. Neue musikalische Durchdringung des üblichen Neginot- Vortrages durch die Chasanim, von denen man ja vor Jahrhunderten schon neben dem „Kol" (Bel canto) auch Abschaffung der wenigen, noch g<Lräuchlichen Neginot-weisen einen vollendeten „Dibbur" (Sprechgesang) verlangte. Eine würde sie, wie die Geschichte lehrt, bald völlig der Vergessenheit ausliefern; es hieße dies für unsere Synagogenmusik das Versiegen einer lebendigen Quelle. *) Vgl. Osk. Fleischer, Neumenstudien I, Kap. 2. Leipz. 1895. 2) I. Schönberg, Die tradit. Gesänge d. isr. Gottesdienstes in Deutschland. Fürth 1927. 3) Vgl. Jdelsohn in Zeitschr. f. Musikwissenschaft, VIII, 8 (Mai 1926). * Sprechsaal * Für diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich di« preßgesetzltche Verantwortung. Abermals ein Vorstoß! Herr Prof. Dr. Wölbe, ein prominentes Mitglied der Mittelpartei in Berlin, sendet uns die folgenden Ausführungen mit der Bitte um Veröffentlichung. Wir kommen seinem Wunsche gern nach, trotzdem wir seiner Auffassung nicht zuzustimmen vermögen. Die Frage der Anordnung des Almemors in der Synagoge ist keine Frage einer Partei; wir erinnern nur daran, daß vor einiger Zeit Herr Prof. Grotte, Breslau, in unserer Zeitung — ganz gewiß nicht aus orthodoxen Erwägungen — ebenfalls eine Rückverlegung in die Mitte der Synagoge forderte. Die Entscheidung dieser Frag« für die Alte Synagoge in Berlin gehört zudem nach unserer Ueberzeugung ganz gewiß nicht zu den Kompetenzen religiös -liberaler Juden. Die Red. Es mehren sich innerhalb der Berliner Gemeinde die Bestrebungen, die auf eine Rückwärtsrevidierung unserer seit Jahrzehnten bewährten Gemeindeeinrichtungen abzielen. Bald wiÄ> versucht, in einer Gemeindesyiragoge eine Stillegung der Orgel herbeizuführen, dann soll die dankenswerte zweistündige Offenhaltung des Friedhofes an den Sabbaten und den drei Wallfahrtsfesttagen wieder aufgehoben werden. Jetzt tritt die Forderung auf, das Almemor der Alten Synagoge wieder, wie vor 120 Jahren, in die Mitte des Tempels zu verlegen. Man wende nicht ein, die innere Ausstattung der ehrwürdigen Alten Synagoge sei lediglich eine Angelegenheit der konservativ eingestellten Gemeindemitglieder: die Alte Synagoge gehört uns allen, gleichviel welcher religiösen Ueberzeugung wir huldigen mögen. Die Verlegung des Almemors in den Altarraum war ein Fortschritt; und seither wurden in Deutschland — und auch im Auslande — kaum noch Synagogen mit einem Thoravorleserpult in der Mitte errichtet. Wünschenswert wäre es freilich, wenn dieser Vorlesertisch — zusammenlegbar — dicht an die den Altarraum vom Schiff des Tempels trennende Brüstung gerückt und von hier aus die Thora, der Gemeinde zugewendet, vorgelesen würde. So geschieht es in der Synagoge zu Liegnitz; der damalige strengorthodoxe Rabbiner Dr. Moritz Landsberg hat beim Umbau dieses schönen Tempels (1879) gegen diese Art der Aufstellung des Almemors und der Thoravorlesung nicht das Mindeste eingewendet. Ist die heutige Orthodoxie frömmer als die vor 50 Jahren? Gewisse Anzeichen sprechen dagegen! Umsomehr ist es zu verwundern, daß — Zeitungsnachrichten zufolge — wieder einmal eine Zurückschraubung langbewährter Institutionen in eine noch länger vergangene Zeit geplant wird. Die heutige Zeit — sollte man meinen — stellt ganz andere Aufgaben als das Rütteln am Althergebrachten! Vom ästhetischen Standpunkte betrachtet, würde ein Postament in der Mitte des prachtvollen Gotteshauses den Gesamteindruck erheblich stören, ganz abgesehen davon, daß eine große Anzahl von Plätzen eingehen würde. Wenn also die Verlegung des Almemors in der Alten Synagoge bei den Gemeindekörperschaften beraten wird — und sie ist nicht bloß eine Angelegenheit des dortigen Synagogenvorstandes! —, sei hier der Wunsch ausgesprochen, sie mögen einer zum Antrag formulierten Forderung die Zustimmung versagen. Eugen Wölbe. Liberale Lehrbücher — liberaler Religionsunterricht (Gleichzeitig eine Entgegnung.) Als ich in Nr. 32 dieser Zeitung über „Liberale Lehrbücher" schrieb, da hoffte ich, daß recht viele zu dieser Frage Stellung nehmen würden. Daß aber bereits die erste öffentliche Stellungnahme sich fast nur aus Irrtum und Mißverstehen zusammensetzt, das konnte ich nicht ahnen. Sonst 'hätte ich jedem Abschnitt einen besonderen Kommentar beigegeben. So muß ich denn hier erneut das Wort ergreifen, mich zur Wehr setzen und darüber hinaus noch einiges über den Religionsunterricht selbst sagen. Zunächst Herr Kollege Alt, ich kann die Bemerkung nicht unterdrücken; Sie haben sich reichlich Mühe gegeben, mich mißzuverstehen, von A bis Z, schon vom Vorwort an, für das die Redaktion! zeichnet. Wenn die Redaktion schreibt, daß die Bücher teilweise geschrieben sind — cs liegen 2 Bändchen bis jetzt im Manuskript vor, und zwar bis zur Teilung des Reiches — so dürfe» Sie nicht schreiben, daß „kaum mehr als die Absicht dazu existiert". Es ist mir auch verwunderlich, warum Sie es „befremdend" finden, wenn ich das Vorwort vorher schreibe, zumal es sich hier um einen ersten Vorworteniwurs handelt, also um einen Arbeitsplan sozusagen. Denn wenn ich Geschichtsbücher schreiben will, so muß ich doch einen Plan, d. h. in diesem Falle Auszeichnungen meiner Absichten haben, vorausgesetzt, daß ich nicht leichtsinnig Vorgehen will und vorausgesetzt, daß mein Gedächtnis kein eisernes ist — ivaS leider der Fall ist. Auch das ist schon aus dem redaktionellen Vorwort zu ersehen. Ich soll sagen „klar und einfach" und „mit logischer Schärfe", was ich eigentlich schaffen will. Ich dacht«, das hätte ich schon in meinem Artikel „Liberalismus und Schule" gesagt. (Nr. 26 d. I.) Und die Ueberschrift des angegriffenen Artikels — die wahrhaftig mit dem Titel der geplanten Bücher nicht identisch sein kann — sagt das nochmals deutlich: Liberale Lehrbücher. Der Vorwortentwurf allerdings spricht — siehe redaktionelle Vorbemerkung — nur vou den teilweise vorliegenden Geschichtsbüchern. Was aber sind liberale Lehrbücher? Lehrbücher, die darbieten, was war und ist, ohne jeglichen dogmatischen und doktrinären Pragmatismus, ohne bereit gehaltene, fertige Form, in die jeglicher Geschschtsinhalt gegossen und gepreßt wird, zum fertigen wohldosierten Verbrauch. Und sei dieser Pragmatismus so edel in seinen Absichten, wie der der letzten Bibelredaktoren, er darf in modernen Lehrbüchern keinen Platz finden. (Es gibt neben dem Pragmatismus der Orthodoxen auch einen solchen der Liberalen und auch der Zionisten. Ich hoffe noch Gelegenheiten, zu haben, darüber zu sprechen und zu schreiben.) Demnach, auch nack» meinem vorigen Artikel, dürfte es nicht unklar sein, was „in dem Buchs eigentlich dargeboten werden soll". Die Geschichte, wie sie nach unserem besten Wissen sich abgespielt, sonst soll nichts geboten werden, nur noch dazu die Wegrichtungen zu einer praktischen Religiosität — denn das Buch ist in erster Linie für die Schule bestimmt. Ich „unterscheide" zwischen Volksgeschichte und Rcligionsgeschichte, das stellt Herr Alt sehr richtig fest. Aber ich trenne nicht zwischen Volks- und Religionsgeschichte, in einer Darbietung an Schüler und Jugendliche schon gar nicht, wie ich auch in meinem Vorwortentwurfe darauf Hinweise, daß sogar grundlegende Vorstellungen „gleichzeitig" diesen nur theoretisch trennbaren Gebieten angehörcn. Was tut Herr Alt? Er fragt: was kann gemeint sein, sucht einige „unmögliche Möglichkeiten" der Auslegung, liest in meine Ausführung Unhaltbarkeiten hinein, kritisiert dann diese Unmöglichkeiten in Grund und Boden — die er doch selbst konstruiert und lädt dann mit einem kühnen Schwung den ganzen Plunder auf meinen Schuldbuckel. Dagegen muß ich Verwahrung einlegen. Es ist schon schwer, in dieser Welt der spezialisierten Fachlichkeit die Verantwortung sür eigne Geistesprodukte zu übernehmen, für die Gedanken anderer, für leichtfertige „Hineinlesungen" verantwortlich zu zeichnen, ist eine unmögliche Last. Nochmals: ich verwahre mich dagegen. Klipp und klar ist zu lesen, daß es sich um ein Lehrbuch der jüdischen Geschichte handelt. Da ist nichts zu „meinen". Darum sind alle Folgerungen aus dem, was ich meinen könnte, falsch und „gegenstandslos". Wer ein Geschichtsbuch schreibt, muß wissen, daß zuweilen volkliches Denken sich dem religiösen überordnete, zuweilen war es umgekehrt, immer aber formten sich beide Faktoren gegenseitig. Daß Lehrbücher nicht nur liberal sein können, sondern sogar liberal sein müssen, habe ich schon dargetan. Und ich hoffe, ich werde nicht mißverstanden, wenn ich nochmals ausdrücklich feststelle: Wahrheit ist nur liberal zu lehren. Denn Liberalismus heißt ja Freiheit, heißt ja dem objektiven Denken freie Bahn lassen, und jede Absichtlichkeit zurückstellen, seien deren Ziele auch noch so „gottgefällig". Die Dinge darstellen heißt ja schon alle Gesichtspunkte — die religiösen wie völkischen — berücksichtigen, heißt doch nur in unserer Sprache sagen, was die Geschehnisse repräsentieren, heißt für den objektiven, „nichtabsichtlichen" Schreiber eigentlich nur: in einem erweiterten Sinne registrieren. Ich will nicht Geschichten, sondern Geschichte, das stimmt. Aber ich will die Geschichten nicht verbannt haben, denn sie haben uns, sogar in einer wundervollen lebendigen Form, Geschichte erhalten, Denken früherer Generationen über noch frühere Zeiten und gerade die Geschichten geben uns die Möglichkeit, früheste Geschichte zu rekonstruieren und zu skizzieren wenigstens, da genaue Kunde fehlt. Wo habe ich die „schwierigen Sagen der Stammväterzeit" „verworfen"? Beim chronologischen Vorgehen die Stammvätersagen weglassen, heißt doch nicht diese Sagen verwerfen? Das heißt, nicht mit ihnen beginnen und sie nicht zur Grundlage machen. Ich schrieb ausdrücklich, daß diese Sagen berührt werden sollen. (Die Lehranweisung spricht ausführlicher darüber.) Das ist natürlich in der Hauptsache die Sache des Lehrers, den ich — nach Meinung meines Kollegen Alt — vollständig vergessen habe. Die chronologische Darstellung begannt bei mir aber schon vor der Aegyptenzeit. Das Buch selbst aber beginnt mit gegenwärtigen Dingen, mit der Synagoge, springt über auf das Stiftszelt (Das Gotteszclt) und behandelt dann die frühesten Wanderungen aus Zentralarabien heraus. Aber so klar und einfach, daß die kleinsten Kinder sie verstehen. Das Buch ist nicht vom grünen Tisch geschrieben. Ich unterrichte z. Zt. nicht weniger als 9 Abteilungen — nicht Klassen — und habe hunderte von ausgesprochenen experimentellen Stunden absolviert, bevor ich an die Niederschrift ging.' Vorstufe zu den Büchern ist eine gute Fibel, wie z. B. „L i' j e l a d e n u" von Abraham. Das Kind genießt das Märchen bewußt. Ich hätte das nicht behauptet, wenn mir das meine Kleinsten — 2. Grundschuljahr — nicht selbst sagen würden. Sobald ich etwas erzähle und vorausschicke, daß es natürlich eine Geschichte sei und wahrscheinlich oder sicherlich nicht wirklich geschehen, da winken -meine Kleinen ab und sagen: „Das wissen wir, das ist genau wie Rotkäppchen und diesen Märchen, die sind auch nicht passiert." >(Das sind ^soz. Zitate, nur aus der dialektlichen Färbung genommen.) Allerdings, hier muß ich zustimmen; das Kind schert sich den Teufel um die ganze Wissenschaft, aber wehe dem Religionslehrer, dem für seinen Religionsunterricht gleichgültig ist, was die wissenschaftliche Forschung „zu all diesen Dingen sagt". Hier allerdings geht meiner Polemik der Atem aus, denn ich weiß nicht, was ich gegen derartige, kühn und stolz vorgebrachten Ansichten sagen soll. Ich möchte nur ganz de- und wehmütig bemerken, daß auf der verflossenen „Weltkonferenz" sich ein ganz anderes Bedürfen bezüglich des Unterrichts gezeigt hat. — Liberale Lehrbücher — liberaler Religionsunterricht. Spalte 2 Den „Widerspruch" bezüglich der Sprache des Lehrbuches sehe ich nicht. Einfach, aber nicht simpel, so schrieb ich dem Sinne und dem Worte nach, und ich habe erklärt, wie das zu verstehen sei. Das Buch selbst nur gibt die beispielhaften Erklärungen, die zu geben mir hier der Raum verbietet, wie ich überhaupt mich kurz fassen muß. Chronologisch Vorgehen heißt doch nicht, die Bibel Seite für Seite umblättern! Das dürfte nicht einmal jemand sagen, der die ganze Religionswissenschaft verteufelt, denn sogar die orthodoxen Bibelexegeten haben den Grundsatz: „En mukdam um'uchar bathorah", d. a. es gibt keine zeitliche Reihenfolge in der Bibel. Und nun möchte ich zeigen, wer der pädagogischen Erfahrung „ins Gesicht schlägt". Wenn dem Kinde, dem fortgeschrittenen, meint der Verfasser, die Zweifel austauchen, dann dürfe der Lehrer die Augen nicht verschließen. Aus Protest gegen derartige Pädagogik — der ins Gesicht zu schlagen ich allerdings die vorgefaßte Absicht habe — ist ja meine ganze Aktion entstanden. Ist denn das eine Pädagogik, die erst das Unkraut sät, um es dann auszureißen? Nein und nochmals nein, das ist Krückstockpädagogik! Soll also der Lehrer so ungefähr nach 5 Unterrichtsjahren oder gar noch später sagen, was er bisher gelehrt sei nicht zutreffend, soll also der Lehrer nach und nach den Nebel der Unklarheit hinwegnehmen, vorsichtig den Schleier heben, den er selbst gespannt? Und das soll pädagogische Kunst sein? Nein, der Lehrer darf von Anfang ankeine Zw e i s e l a u f - kommen lassen, er muß da, wo wir notwendigerweise in der Unwissenheit stehen bleiben, das quälende Zweifeln hinwegnehmen. Ich habe in jenem Aufsatze schon einen besonderen Artikel über die Folgen jener Nebelhaftigkeit angekündigt und ich werde die nächste Gelegenheit ergreifen, um mit exaktem, authentischem Material aufzuwarten. Bon der ersten Schulstunde an muß Klarheit walten. Klarheit in den Worten des Lehrers und Klarheit im Lehrbuch. Und kein Widerspruch zwischen Lehrer und Lehrbuch.