Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 37 (14.9.1928)
- Date
- 1928-09-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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soziologisch zu wertende Bewegung, stellte doch auch den Versuch dar, denen vollen Ersatz zu schassen, die sich abgestoßen fühlten vom Geiste des Schulchan aruch, und denen darüber hinaus Religion Hecuba war. Es bleibt das Verdienst der zionistischen Bewegung, die Konsequenzen aus dem religiösen Zerfall der Zeit gezogen und das Ziel zäh verfolgt zu haben, die Zukunft des Judentums aus nationaler Grundlage zu retten. Es heißt eine Binsenwahrheit aussprechen, wenn man an die jungen Juden erinnert, die dickt vor der Taufe standen, als sie der furor judaicus in Gestalt des Zionismus ergriff und ihrem in jüdischem Sinne leeren Leben neuen und kräftigen Antrieb gab. Dabei verschlägt es nichts, daß sich die Hoffnungen nicht erfüllt haben: man hatte doch ein klares Ziel vor sich und strebte ihm mit Mut und Opferwilligkeit zu, unbekümmert um das Geschrei, das sich am Wegessaum erhob. Was in Palästina noch werden mag, wissen wir nicht. Es wäre töricht, dem grandiosen Ringen um die Vielfalt dessen, was ein Volkstum ausmacht, Mißlingen zu wünschen. Das aber steht fest, wie auch immer das Schicksal über das junge Gebilde dort im Ostm entscheiden möge: die Lage der Diaspora bleibt unberührt davon, und sie wäre hoffnungslos, wenn nicht von der Seite der Religion her Hilfe käme. Entweder wird ein von spezifisch jüdisch-religiösen Werten getragenes Leben die Zukunft der Juden sich erstellen, oder aber wir werden verschwinden?) Mag auch das Wort hart und unbarmherzig klingen, es gibt uns doch Klarheit über die gegenwärtige Situation und die einzige Möglichkeit, der Gefahr zu begegnen. Denn noch ist der Wille zur Differenziertheit unter uns stark und ungebrochen. Gelingt es, ihm den Weg zur Entfaltung zu zeigen, dann werden wir leben. Und hier steht der Liberalismus wor seiner Aufgabe, die keine andere Richtung im Judentum wird leisten können. Denn eine Rückkehr auch nur geringer Teile unserer Gemeinschaft zur Orthodoxie ist ausgeschlossen. Es ist dem in der Freiheit der Zivilisation atmenden Juden schlechterdlngs auch nur zu denken unmöglich, er tönne fern Leben einmal wieder ordnen lassen durch den Paragraphenwust mittelalterlicher Codices. Als lebendige Mumie wird daher das Häuflein Unentwegter noch eine Weile durch die Welt schleichen, um dann ins Nichts zu verschwinden. Es ist freilich eine Riesenaufgabe, vor die sich der Liberalismus gestellt sieht, weil es gilt, in dem keine Starrheit duldenden Bereich des Metaphysischen nun doch wieder eine Schranke aufzurichten, über die das Individuum nicht hinaus darf, wenn die Gemeinschaft irgendwie differenziert erhalten bleiben soll. Die Auseinandersetzung mit dem Göttlichen ist leicht auf dem Boden des Dogmas, der ewig verbindlichen Norm. Außerhalb dieser bleibt sie individueller Entscheidung Vorbehalten und wird so zum Gegenstand tragischer Problematik. Ihr zu begegnen, ist den Theologen aufgegeben, deren Führung wir Laien uns gern anvertrauen, wenn wir die Empfindung haben, daß man uns nicht statt des Brotes Steine gebe. Es wird immer die vornehmste Aufgabe der Theologen bleibm, Wert und Größe der jüdischen Religion darzustellen. Aber es kann nicht allein der Sinn jüdischer Theologie sein, nur immer und immer wieder auf das Thema von gestern zurückzugreifen und uns die ethischen Grundlagen des Judentums auseinanderzusetzen. Wir haben sie allgemach hinreichend kennengelernt und versuchen unser praktisches Leben ihnen entsprechend einzurichten. Sie sind in das Denken der gesamten Kulturmenschheit eingegangen, und es bedürfte keiner spezifisch jüdischen Gottesgelehrtheit mehr, wenn nur sie aufzuzeigen wären. Mit ihnen läßt sich keine bekenntnismäßige Differenziertheit aufrechterhalten, und deshalb kommen wir nicht weiter, wenn die Theologen sich nicht bald dazu entschließen, die Frage der äußeren Form unseres rellgiöjen Lebens, des „Dekorativen" also, von Grund auf zu erörtern und einer Lösung entgegen zu führen. Es wird ohne einen neuen „zeitgemäßen" Schulchan aruch nicht gehen, wenn anders unser Liberalismus sich nicht in wesenlosem Schatten auflösen soll. Man hat in Berlin ein „Maximum von Jüdischkeit" von dem liberalen Juden gefordert, ohne auch nur zu versuchen, uns in schlichten Worten zu sagen, was darunter zu verstehen sei. Man hat uns mit wuchtiger Stimme zugerufen, das liberale Judentum sei verpflichtet, die Krankheit der Welt zu heilen. Aber niemand weiß mit diesem leeren Wortgeschwall etwas anzufangen. Man erging sich in unverbindlichen allgemeinen philosophischen Betrachtungen und vermied geflissentlich selbst den Schatten einer Stellungnahme zur Frage der religiösen Praxis, über die zu entscheiden man in bequemer Weise jedem Einzelnen überläßt. Ja, einer unserer angesehensten Führer rief wehmütig aus: „Laßt uns paar Alten doch die Tradütion!" Das war schlankweg eine Kapitulation vor rückschrittlichen Neigungen, die uns wahrlich nicht weiter gebracht hat. Nein, gcht uns aus eurer besseren Einsicht heraus und kraft eurer Autorität ein handfestes Gebilde religiöser Vorschriften für Familie und Gotteshaus! Schafft uns ein Ritual, das zu unserer Geisteshaltung, zu unfern Lebensformen, meinetwegen zu unserm Kleide stimmt! Macht einen Zaun um die Lehre, aber verwendet dabei Material aus unserer Zeit und nicht die morschen und brüchigen Hölzer von anno dazumal! Sprecht ein Machtwort uick wartet ab, ob man sich ihm beuge! Erst dann wird sich erweisen, ob ihr die rechten Führer wart und ob wir noch die Fähigkeit besaßen, die Binduungen eines Bekenntnisses als freudig zu übende Pflicht zu tragen. Versagt man euch die Gefolgschaft, dann bleibt nichts übrig, als die ehrenvolle Liquidation eines Beginnens, über das die Zeit hinausgewachsen ist. *) Man stelle hier den ungeheuren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Druck in Rechnung, dessen verheerende Folgen in diesem Aufsatz nicht zu erörtern sind. Iudenmission auf Befehl der Generalsynode Pfarrer Falck schreibt der „Deutschen Zeitung" daß der preußische Kultusminister mit den kirchlichen Sammlungen zugunsten der Judenmission nichts zu tun habe, diese seien eine rein innerkirchliche Angelegenheit. Für die Provinz Brandenburg und auch für andere Provinzen war bis vor kurzem die Kirchensammlung zur Bekehrung der Juden eine freiwillige; die letzte preußische Generalsynode nun hat diese Sammlung unter die anderen, zwangsweise abzuhaltenden Kollekten eingereiht. Ein Antrag der Vertreter des völkisch eingestellten „Bundes für deutsche Kirche, die Judenmissionssammlungen wieder als freiwillige zu erklären, wurde von der Mehrheit der Synode abgelehnt. Völkische Kirchenbesucher beschweren sich bei der „Deutschen Zeitung" dagegen, daß in der Evangelischen Landeskirche Preußens im Kirchenyebet folgende Bitte ausgesprochen wird: „Segne nach Deiner Verheißung die Predigt des Evangeliums zur Ausbreitung Deines Reiches auch unter Heiden und Juden." In der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche von Mecklenburg-Strelitz ist gelegentlich der Einführung einer neuen Gottesdienstordnung ein besonderes Kirchengebet für die Adventszeit angeordnet worden, worin es u. a. heißt- „Segne das Wort Deiner Boten auch unter Heiden und Juden!" (Jta.) Liberale Anträge in der Berliner Jüdischen Gemeinde Dre Liberale Fraktion der Repräfentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde hat eine größere Anzahl von Anträgen eingebrächt, die in der nächsten, am Donnerstag, den 20. September, stattfindenden Sitzung der Repräfentantenverf ammlung zur Beratung stehen. Ter wichtigste betrifft die Aushebung der Geschlechts rt re n nun g in der gegenwärtig im Bau besindlichen Synagoge Prinzregenienstraße. Tie Erfahrungen, die bei den Gottesdiensten der Liberalen Synagogen Norden und Wilmersdorf gemacht worden sind, haben gezeigt, baß die religiöse Andacht nur eine Vertiefung erfahren kann, wenn Mann und Frau, Eltern und Kinder im Gotteshaus nicht auseinandergerissen werden. Auch die Gottesdienste der Liberalen in England und den Vereinigten Staaten dürsten zu dieser Erkenntnis beigetcagen haben. Während bisher in allen Gemeindesynagogen für die Frauenplätze die Emporen vorgesehen waren, sollen nunmehr zum ersten Mal bei dem Neubau einer liberalen Gemeindesynagoge in Berlin die Einrichtungen so geschaffen werden, daß die jetzige Zweiteilung ausgehoben werden kann. Ferner Hat die Liberale Fraktion die Errichtung eines statistischen Büros in der Berliner jüdischen Gemeinde beantragt. Durch dieses sollen die Unterlagen geschaffen werden für eine fruchtbringende Tätigkeit der Berliner Gemeinde auf 'den verschiedensten Gebieten, wie etwa Bevölkerungspolitik, Berufsschichtung, Feststellung und Verhütung von Austritten, Taufen und Mischehen. <Än dritter Antrag fordert den Fortfall des Kündigungsrechtes der bei derjüdischen Gemeinde beschäftigten weiblichen Gemeindebeamten und Angestellten für den Fall der Verheiratung. Ist es schon zweifelhaft, ob das bisherige Verhalten der Berliner Jüdischen Gemeinde mit den Bestimmungen der deutschen Reichsverfassung in Einklang steht, so dürfte die Gleichstellung der Frau im praktischen Leben unabhängig von der Rechtslage auch aus allgemeinen Gründen die Äenderung der bisherigen Bestimmungen notwendig machen. Schließlich hat die Liberale Fraktion noch die Bewilligung einer Beihilfe zur Erhaltung des Jacobson- Tempel's in Seesen beantragt und eine Subventionierung der Gesellschaft Ort durch die Berliner Jüdische Gemeinde. Die Erhaltung jüdischer Kunstdenkmäler Die Presseabteilung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden teilt mit: Am 9. September d. Js. fand unter dem Vorsitz des Herrn Prof. Dr. Elbogen die erste Sitzung des Ausschusses zur Erhaltung jüdischer Kunstdenkmäler statt. Eine Reihe von Vertretern aus verschiedenen preußischen Provinzen war erschienen. Die eingehende Aussprache ergab Einigkeit darüber, daß der Besitz an jüdischen Altertümer, Kultus- und Kunstdenkmälern von Gemeinden und Privatpersonen nach Möglichkeit erhalten werden muß. Es wären Mittel und Wege zu finden, um weitere Kreise über den Schaden aufzuttären, der durch Gleichgültigkeit, gegenüber dem Verlust dieser wertvollen Objekte bereits entstanden ist und dauernd entsteht. Es wurde beschlossen, die Arbeiten des Ausschusses zukünftig in engster Fühlungnahme mit dem Gesamtarchiv der deutschen Juden, der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler in Frankfurt a. M. und den vorhandenen jüdischen Museen zu leisten. Es soll ferner ständig mit den preußischen Provinzialkonservatoren Fühlung aufrecht erhalten und ihre Mithilfe namentlich zum Schutz wertvoller Bauwerke nachgesucht werden. Ferner werden Vertrauensleute des Landesverbandes für alle Provinzen bestimmt werden, die mit den einzelnen Gemeinden in Verbindung treten sollen. Der Ausschuß erklärte es für erforderlich, daß ein hauptamtlicher, fachmännisch vorgebildeter Bearbeiter in Berlin mit der Durchführung der Arbeiten betraut werde. An die Gemeinden soll ein Rundschreiben gerichtet werden, um eine möglichst vollständige Inventarisierung mit Photographien und Beschreibungen zu erhalten. Geplant ist die Herausgabe eines Handbuches, mit dessen Hilfe in Zukunft sachverständige Arbeit auf diesem Gebiet selbst in der kleinsten Gemeinde geleistet werden kann. Endlich wurde beschlossen, mit Hilfe des Verbandes jüdischer Lehrervereine in Preußen alsbald eine Liste aller in kleinen und aussterbenden Gemeinden vorhandenen Friedhöfe aufzustellen einschließlich derer, die sich an Orten befinden, wo heute keine Juden mehr wohnen. Es soll dem Verfall dieser heiligen Stätten damit vorgebeugt werden. Der Jüdische Sprechgesang beim Vortrage der Biblischen Bücher Von Herbert Loewenstein, Danzig. „Wer die Schrift ohne Melodie liest und ohne Sang studiert, über den spricht die Schrift (Ez. 20, 25): So gab ich ihnen Satzungen, die nicht ersprießlich waren." Kein Wort kann deutlicher als dieser R. Jochanan zugeschriebene Ausspruch der Gemara (Meg. 32a) das innerste Wesen der alten jüdischen Musik kennzeichnen. Es zeigt den Sang der Juden nicht nur in seinem festen Zusammenhang mit Religion und Kultus, sondern auch in Wechselbeziehung mit gefühls- und verstandesmäßigem Erfassen und schließlich mit dem rhetorischen Vortrage überhaupt. Das „Lesen mit Melodie" — „dibbur b'schir", wie es die alten Chasanim nannten — bedeutet einen wesentlichen Faktor für die Erkenntnis der Grundlagen des jüdischen Gesanges. Eine tiefe Verwurzelung dieser Kunst in der antiken Umwelt ist das erste, was es lchrt; war allen antiken Völkern doch eine besondere Art des Sprechgesanges eigen, die der europäischen Kultur heute verloren gegangen oder nur in stack modifizierten Formen erhalten ist. Den alten Sprachen muh eine eminente Steigerungsfähigkeit ihres melodischen Elementes innegewohnt haben; wurden die Worte Träger eines höheren Ausdrucks, eines Affelts, so erhob sich ihr Ton bis zum Gesang. Deshalb konnte man auch dazu schreiten, das Sprachmelos durch musikalische Instrumente zu stützen: So begleitete der antike Rhapsode sich aus der Kithara, so ließen Redner und Schauspieler von einer Flöte sich jeweils die geeignete Tonhöhe angeben (vgl. Cicero, De oraiore III 60 u. a.) Die früh-christliche Aera übernahm die Rezitationskunst und verbreitete sie über alle Völker des Abendlandes; aus diesem Grunde heißt auch „lesen" in der gotischen Bibelübersetzung Ulfilas „siggwan" (spr.: „singwan", unser „singen"). Diese Kunst des Sprechgesanges besaßen auch die Juden und haben sie bis heute in der Rezitation der heiligen Schriften und der Gebiete bewahrt. Es lassen sich dort, in grober Einteilung, zwei Entwicklungsstufen der musikalischen Rezitation unterscheiden: Zuerst wird der Satz beim Vortrag durch Abweichen vom tonus currens m grammatische und Sinnesabschnitte zerlegt; bald werden solche Einschnitte durch Stimmodulatronen über mehrere Tonstufen hin bezeichnet, sodaß man nun von Komma-, Kolon- und Punkt-Kadenzen sprechen kann. Auf dieser ersten Stufe steht noch der heute bei den häuslichen Gebeten (Segenssprüche, Tischgebet) übliche Sprechgesangston, das sogenannte „Sagen". In gewissem Sinne schafft sich hier ein jeder Beter seinen eigenen Sprechgesang neu, da er mit ziemlicher Freiheit den Text einteilen und nach Belieben die Kadenzen verwenden kann. In ähnlich einfachen Formen muh sich auch der in oben erwähnter Talmudstellc empfohlene „Sang beim Studium" bewegt haben, der heute fast gänzlich verloren gegangen ist. Hatten sich auch hier schon stehende Tonphrasen für die einzelnen Interpunktions-Kadenzen heraus gebildet, so ist dies das eigentliche Kennzeichen der weiteren, zweiten Entwicklungsstufe. Nun zerfällt der Vers, denn um rhythmisch gegliederte Sätze kann es sich nur noch handeln, in weiters Unterabteilungen. Einzelne, wichtige Worte werden stark mit Ausdruckskraft gefüllt und erlangen so eine solche Expansionsfähigkeit, daß sie allein eine mehrere Töne umfassende Kadenz in Anspruch nehmen können. Das weiteste Feld für einen solchen ausdrucksreichen Vortrag gab den Juden, die eine eigene Schaufptellunst ja nicht kannten, naturgemäß die übliche Vorlesung der heiligen Schriften im Gottesdienst. Sämtliche Bücher der Bibel wurden auf diese Weise in mischnischer Zeit, und sicher auch schon viel früher, verlesen. Alan kann sogar in der Zeit der Amoraim schon eine gewisse Vollendung und geregelte Durchbildung der Bibelrezitation annehmen, wie aus zahlreichen Stellen der Gemara hervorgeht. Damals schon wurde der Bibelvers zum Zwecke des Vortrags in Abschnitte eingeteilt, die man „Ta'amim" nannte. Die Grundlagen der Vortragslehre wurde den Kindern in den Schulen beigebracht (Gem. Nedarim 37b). An den Hochschulen pflegte man auch die musikalisch-rezitierende Sprache beim Gesetzesstudium, wie sie R. Akiba mit den Wortm „Singe jeden Tag, singe jeden Tag" (Gem. Synhedr. 99a) empfohlen hatte. Daß diese religiös-kultischen Gesangssormen von den so oft wiederholten talmudischen Musikverboten (wie Mischn. Sota 48a und andere) keinesfalls getroffen wurde, kann man mit Sicherheit annehmen. In einem weiteren Punkte noch traf sich die Musikübung der Juden Mer Zeit mit dem Brauch der anderen Völler: In der Kunst der sogenannten „Cheironomie", die, unserem Dirigieren verwandt, doch noch mehr aus dem Zusammenhänge von Gesangs- und Körperrhythmus heraus zu begreifen ist. Man verstand es, durch bestimmte, charakteristische Bewegungen und Stellungen der Hand den Gesang zu leiten*), was sicher der drastischen orientalisch-jüdischen Mimik sehr lag. Der Gebrauch solcher Handzeichen bei den Juden wird zuerst durch Gem. Berachot 62a belegt und gleichfalls noch aus nachtalmudischer Zeit gemeldet (Midr. T'hillim 35, 2. — Raschi zu Berach. 62a. — Archevolti, Arugat habossem Kap. 27). So berichtet auch R. Petachja aus Regensburg von seiner in den Jahren 1175—1190 unternommenen Reise nach Bagdad: „Beim Lernen zeigt das Schuloberhaupt, sobalo sie sich im Tone irren, nur mit dem Finger, und sie wissen sofort, wie der Ton sein sollte." Etwa im 9. Jahrhundert schritt man dazu, durch Akzentsetzung die übliche Bibelvers-Einteilung schriftlich zu fixieren, eine Bestrebung, die der Erfindung der „Neumen" ber anderen Völkern jener Zeit parallel läuft. Solche Akzente, die man „Neginot" oder (mit dem alten Ausdruck) „Ta'amin" nannte, kämm zuerst in Babylonien in Gebrauch. Dies System (Nikkud assuri), das aus etwa neun, nur über den Text geschriebenen Zeichen bestand, erhielt bald einen starken Rivalen in der neuen Punktation der Hochschule zu Tiberias und wurde um die Mitte des 10. Jahrhunderts offiziell aufgehoben. Dagegen ist die tiberiensische Punktation, deren älteste und wichtigste Quelle R. Aaron b. Mose b. Aschers „Dikduke ha-t'amim" darstellt, bis auf unsere Tage erhalten und gültig geblieben. Sehr aufschlußreich für die Entstehung, Bedeutung und Wandlungen der Neginot sind die Namen der Akzente, die zum Teil sicher jahrhundertlang vor der schriftlichen Fixierung schon im Gebrauch waren. So deutet die Herkunft des Namens „P'sik" vom Stamme posak — unterbrechen aus eine trmnende Funktion dieses Akzentes hin. Es handelt /ich hier in der Tat um einen reinen Leseakzent; ähnlich einem Interpunktionszeichen hat er die deutliche Aussprache zu sichern, falscher Auslegung des Sinnes vorzubmgen oder dm Gottesnamen vom Profanen zu trennen. Nah verwandt dem P'sik ist seine Bedeutung und Ethymologie nach das „Sof pasuk", das als stärkster Trennungsakzent nur am Ende eines Verses Vorkommen kann und musikalisch den Wert des Ganzschlusses besitzt. Bedeutungsvoll ist auch der alte Akzent „M'ajla", da er Bindeglied und Uebergang vom Sprechen zum Sprechgesang bedeutet; der Name kommt von der Wurzel 'ul — kräftig fein her — es ist also der durch den Affekt bedingte Hochton eines Wortes, der die Sprache zum Gesänge erbebt. Werlaus die größte Zahl der Neginot hat ihren Namen von der graphischen Gestalt des Akzentes erhalten, auch wo dres infolge mannigfacher Verändemngen, wie sie kursives Schreiben oder dre Druckertechnik bedingtm, nicht mehr klar ersichtlich ist. So ist der Akzent „Darga" (— Stufe, Treppe) nach einem alten Zeichen benannt, dessen heutige, abgeschliffene Form wieder die Namen „Schischla" Kettenglied und „Galgal" Welle erzeugte. Für die Vorgeschichte bedmtsam sind Bezeichnungm wie „Tipcha" (von Tepach ----- Querbreite der vier Finger), die auf die Cheironomie zurückweisen. Zu diesem Thema liefert auch Ben Aschers Werk einige interessante Beiträge: Teres wurde, wie er berichtet, durch zwei Finger markiert, die man wie eine gespaltene Klaue hält, Nagda durch eine zitternde Bewegung, und bei Tabra wendete man die Hand.