Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 37 (14.9.1928)
- Date
- 1928-09-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Solange es Prüfungen gibt, werden junge Menschen mit dein Lehrertitel ausgestattet, die nur fleißig sind, aber nicht denkfahig. Aber immerhin ist doch die Zeit, in der ausgediente Unteroffiziere zu Lehrern gemacht wurden, vorbei und das Lehrermaterial ist im allgemeinen menschlich normal. Was soll hier diese Phrase von der Persönlichkeit? Gestehen wir uns ein, lange genug haben wir solche Worte beklatscht, ohne uns darüber klar zu sein, was sie bedeuten. Der Durchschnittslehrer ist eine Person, keine Persönlichkeit. Und was versteht Herr Alt überhaupt unter einer solchen Lehrerpersönlichkeit, von der „diese Dinge" „viel stärker abhängen als von einem Lehrbuch"? Ich könnte hier phantasievolle Schilderungen einschalten und könnte dann hinzufügen, daß nunmehr Lehrbücher überhaupt nicht mehr nötig sein werden, allerhöchstens solche, die „vom pädagogischen Standpunkt" aus „eingerichtet" sind, wie sie der Verfasser für notwendig hält. Als ob das Buch von Auerbach, als ob nicht die Bibel selbst weltanschaulich wäre. Jene Pädagogik, die z. B. um die Gestalt eines Abraham alle möglichen und unmöglichen Tugenden herumlegt, um die sich — das ist die Wahrheit — kein Kinderherz etwas schert, wird dann heilig gesprochen werden und als „Heiliger Pädagogius" auf feurigem Wagen zum Himmel fahren, denn auf Erden war sie schon lange praktisch wertlos, brauchbar nur als Steigleiter der Erzählungskunst gütiger Lehrpersönlichkeiten. Im Lehrbuch schauen diese Dinge natürlich anders aus, möchte ich parodierend sagen. Und in der Wirklichkeit? Meine Jungens sind — Gott sei Dank — mehr Bengel als Engel, meine Mädels repräsentieren die Gcgcntonart, aber nicht das Gegenteil, und aus diesen Tatsachen baut sich mein Unterricht auf. Ich kann nicht auf alles eingchen, aber Herr Kollege, ist dev „Auerbach" oder vielleicht das — wie ich bemerke — gute Buch von Dr. Fuchs „sachlich"? Ueber das „Gesinnungsfach" müßte eine besondere Abhandlung geschrieben werden. Ueber Prioritäten der Erkenntnisse und Forderungen streite ich nicht, aber in diesem Zusammenhänge muß ich doch sagen, daß ich bereits vor Monaten in Briefen an das Generalsekretariat der „Vereinigung" sowohl Quellenlesebücher, als auch eine spezielle Religionslehre gefordert. Wie kann man aber die Schaffung einer liberalen systematischen Religionslehre fordern und liberale Geschichtsbücher ablehnen? Baut sich eine Religionslehre nicht aus den Erkenntnissen der Geschichtsdarstellung auf? Oder steht jene Religionslehre auf den Schultern jener mystischen „Persönlichkeiten"? Oder hängt das Buch vollkommen in der Lust? Zu Isaac Breuers „Elischa“. Selten wohl ward ein Buch geschrieben, das so wie dieses Denkmal ist frommer Ehrfurcht; dies Buch Eines, der im grenzenlosen Schmerze um den heimgegangenen Vater, Lehrer, König — der ihm Mittler war zwischen Gott und der Irdischkeit — aus dem tiefen Weh der Verlassenheit heraus den Weg zu Gott gesucht, und den die Innigkeit des Glaubens an die Vaterschaft Gottes das Gleichmaß seiner Persönlichkeit wiederfinden ließ. Vieles steht im Buche, mit dem wir uns nicht eins erklären können. Wenn Breuer (S. 27) die liberalen Gesetzeslehrer als „Rhetoren“ bezeichnet, „denen der Beifall der Menge die eherne Festigkeit des von der Thora geformten Willens ersetzte“; oder wenn er (S. 113) sagt, daß „das Ziel der Schöpfung die jüdische Nation“ sei, so bedarf es wohl kaum der Ausdruckgebung liberaler Mißbilligung. Aber auch rein sachlich ist von unserem Standpunkt aus vieles angreifbar; so z. B. die Ausführung (S. 16), daß es ketzerisch „fremder Dienst“ sei, die Natur zu vergöttern. Breuer führt aus, daß der Sabbat in seinem Hinweis aut Gott als den Gestalter der Natur vor der Naturvergötterung schütze. Aber warum das religiöse Gefühl, das in jedem gläubigen Menschen lebt, in eine feste Form pressen, alles andere als Ketzertum ablehnen? Kann die jüdische Saite in uns nicht ebenso stark vibrieren beim versunkenen Anschauen einer erschütternden Naturschönheit wie beim vorgeschriebenen Thoralernen? Ist das dann „Wurzel des fremden Dienstes“? Und sollte die einzig mögliche Lösung aus der Verstrickung eines von Leid zerrissenen oder von Unreife noch gezerrten Menschenherzens die Thora sein, wie dies Breuer mehrfach sagt? — Wären wir nur hineingesetzt in diese Welt (und dies ist eine der grundsätzlichsten Thesen im „Elischa“), um lernend und lobpreisend Gottes Schöpfung zu offenbaren („Alles, was Gott in seiner Welt erschaffen, hat er nur geschaffen zu seiner Offenbarung“), wenn unser Geschaffensein schon zweckerfüllte Offenbarung wäre, wo bliebe da der Anreiz zum Gutsein, zum Helfenwollen! — Und jede Regung zu persönlicher Entfaltung und gütediktierter Lebensgestaltung muß im Keim ersticken, wenn es (S. 94) heißt: „Im Hinblick auf die Thora und um der Thora willen ist die Schöpfung geformt.“ So verliert unser Dasein den Sinn der Freiheit. Eine andere Stelle: „Vom Standpunkt der Erkenntnis muß das Verhältnis des Ich zu seinem Körper geradezu als ungeheuerliche Mesalliance gekennzeichnet werden. Das erkennende Ich spricht zu seinem Körper: Wer bist Du? Ihm gilt der eigene Körper nicht mehr als jeder andere Körper.“ — Klingt das nicht fast — unjüdisch? Eine falsche Auslegung der christlichen Lehre erniedrigte gesunde sinnliche Freude zur asketenschaffenden „Erkenntnis“ der Sündigkeit. Aber jüdisch ist, sich des von Gott anvertrauten Körpers zu freuen, ihn zu nützen zum Geben und Empfangen, und ihn in Einklang zu bringen mit der zum Edlen strebenden Seele. Und um zum Schluß noch eines herauszugreifen (S. 98): „Jahrhunderte mußten vergehen, bis die wortgewordene Thora eine Menschengemeinschaft fand, der Gott sie anvertrauen konnte für die Dauer der Zeiten. Und da Gott sie.. dieser Menschengemeinschaft übergab, hat Gott ihr... die Geschichte dieser Menschengemeinschaft angefügt, von Schöpfungs¬ und Urmenschheitsanfängen ...“; oder (S. 92): „Sie mögen die Thora als Ergebnis und Ausdruck mannigfacher Entwicklungsstadien jüdischer Volksgeschichte erachten. Verfahren sie denn mit der Schöpfung anders?“ Das hieße ein Zurück in die Jahrhunderte des unaufgeklärten Mittelalters, das hieße vor allem, daß nicht der Mensch das Primäre war, sondern die Thora; daß nicht der Mensch aus der ethischen Offenbarung und seinem Geschichtsbedürfnis heraus die Thora niedergeschrieben habe, Eines Werk eingreifend in das Werk des Andern, sondern daß die Thora das Bestehende war, und daß sie sich den Menschen wie vorbedacht erschuf. Abgesehen aber von sachlichen Einwänden ist zu bedauern, daß ein großer Teil des Breuerschen Buches dem Laienleser so unverständlich sein muß, daß er sich nur schwer entschließen wird, die reichen Perlen des Buches herauszusuchen aus einer Unzahl trockenster philosophischer Abstraktionen, die stellenweise den Seelenreichtum bis zur Verdeckung überwuchern. > Und Seelenreichtum ist da; so tiefer, so erschütternder, daß man mitweinen muß, und daß man glaubt, alles Leid, das man selbst einmal erlebt, habe in diesem Buche die alleinmögliche Ausdrucksform erhalten. Im Gegensatz zur landläufigen Philosophie, die nur das fertige seiende Ich zum Gegenstand hat, greift Breuer auf die Kindschaft dieses Ich zurück; stellt dar, wie ein gott- Unb wie wird dieses Buch aussehen? Wird sich die Weltanschauung auch dort in den tiefsten Winkel verkriechen müssen? Wird auch hier die Pädagogik den Mick aus die Tatsachen versperren, wie Sie, Herr Kollege, es bei der Bibel wünschen? Ist denn die Pädagogik überhaupt ein Ziel?, ist sie nicht vielmehr ein Mittel? Zum Schlüsse: ich weiß nicht was Herr Alt will. Er spricht von den Auswirkungen der neuen Sachlichkeit und verlangt dennoch, daß alles hübsch so bleibt, wie es in dem mythischen Lehrhaus von Schem und Ewer war. Ich bin ja gar nicht so eitel, unbedingt Neues sagen zu wollen. Aber ich halte es für sehr wichtig, für neue Erkenntnisse und — meinetwegen — alte Notwendigkeiten so lang« die Stimme zu erheben, bis an Stelle der Forderungen die Verwirklichungen treten. Will man wirklich behaupten, daß unser bisheriger Religionsunterricht nicht der Verbesserung bedürftig sei? Oder will man jede Klage mit dem Salonargument von der „Persönlichkeit" erwidern? Nein! Unsere Zeit wird das verschleierte Bild enthüllen, ohne in Ohnmacht zu sinken. Wir Jungen — nicht dem Geburtsschein nach — werden uns nicht abhalten lassen, die Wirklichkeit aufzuzeigen. Und sehen wir Lücken — wir »oerden sie schließen! Und sind Mauern gestürzt — wir werden sie aufbauen, mit sehr „materiellem" Material allerdings, ohne Mystik und Zauberei, ohne Feiertagsgestik. Wir werden offen mit der Jugend sprechen, alsdann wird auch die Jugend zu uns offen sein. Wir werden sogar manchmal bekennen, daß unser religiöser Lebensstil ein verlogener ist, daß wir Kompromisse leben, daß wir unehrlich sind — ich tue das wenigstens — und daß die Welt weder ein Paradies noch eine Räuberhöhle ist. Wir werden die Schlackenhaftigkeit unseres menschlichen Daseins enthüllen, ohne entsetzt zu sein. Wir werden reden von dem, was ist, ohne Jammern und Wehgeschrei. Wir werden menschliche Untvissenheit — auch die der Lehrer — nicht mit salbungsvollen Moralpredigten vertuschen. Wir werden versuchen, ehrlich den Erkenntnisdurst zu löschen, der uns aus Kindermund entgegenlechzt — nicht jedem, am allerwenigsten jenen „gewaltigen" übermenschlichen „Persönlichkeiten" — und wenn die labende Quelle versiegen sollte, werden ivir nicht zu Hilfsmitteln greifen» sondern zum offenen Bekenntnis, daß wir mehr Labung nicht haben. Wir werden dann kein mitleidiges Primanerlächeln mehr zu beseitigen brauchen. Die Erkenntnisse werden dann weder ein Sturz in die Tiefe noch ein Flug zur Höhe sein, sondern eine stete Steigerung unserer — ich meine Schüler und Lehrer — menschlichen und gesellschaftlichen Qualitäten. Und das ist — in einer anderen Formulierung — das Endziel eines wirklichkeitsnahen Religionsunterrichts. , I s s i Bayer, Bingen. ähnlicher Schöpfungsvorgang der Eltern das Kind geschaffen hat, wie Elternschaft unirdische Heiligkeit — weil Gottähnlichkeit — bedeute. Und mit scheuer Ehrfurcht schildert Breuer, wie er allen Reichtum seiner Seele nur aus der Kindschaft eines solchen Elternpaares geschöpft habe, wie der Vater ihm Lehrer und König war; und wie für ihn jede jüdische Elternschaft in ihrer Vollendung Lehrertum bedeute, jede jüdische Kindschaft im echten Sinne Schülertum. Einiges wörtlich: „Jüdische Elternschaft auf der Höhe ihrer Bestimmung: sie schöpfen, sie offenbaren, sie erlösen: Gott gleich. — Warum es verschweigen? Ich war einst so glücklich — Und da ich dies niederschreibe, ist mein Herz siech von nagender Sehnsucht, sind meine Augen stumpf von zehrender Ausschau —“. „In Kindschaft lagen die Wurzeln meines Menschentums und meines Judentums. Im Anblick der Hohen erfuhr ich Gott-Schöpfer und Gott- Offenbarer. Im Anblick der Hohen verstummte der Widerstreit zwischen Sollen und Sein und fand ich in freudiger Selbstbejahung die ’ Erlösung des Friedens.“ — „An Gottes und der Schöpfung Stelle stehen Eltern, in metaphysischer Hoheit ohnegleichen.“ Und wie die Eltern von ihm gegangen und der Sohn einsam und verzweifelt zurückgeblieben, da sucht er Trost in des Vaters Talmud. Er schlägt ihn auf und liest vom Sterben Elijähus: Elijahu und Elischa gehen zusammen nach Beth-EI, nach Jericho, zum Jordan; und da der Vater, Elijahu, vom Sohne, Elischa, genommen werden soll, bittet Elischa als letztes um die Gnade, den prophetisch hohen Geist des Vaters behalten zu dürfen, auch wenn der Vater leiblich von ihm genommen wurde. Und Gott tut ein Wunder, Elischa sieht den Vater zum Himmel emporgetragen werden, und der Geist des Vaters bleibt ihm. Der hohe Geist des Vaters, der dem verlassenen Elischa geschenkt wurde, den sucht nach dem Tode seines Vaters Breuer. Er sucht Gott, um wieder den Boden zu finden, auf dem er stehen kann, er sucht den Gott, zu dem der Vater ihm bisher Mittler war. Denn ihm „mündet metaphysische Kindesliebe in Gottesliebe“. Und er findet den Gott, der der Vater ist alles Lebenden. „Nicht mehr elternlos: als Kind Gottes und der Schöpfung bin ich zurückgekehrt und habe die Eltern wiedergefunden.“ Und da er erkannte, daß „jüdische Kindschaft nie verlassen ist, jüdische Elternschaft nie aufhört“, da ward ihm des Vaters Talmud zum Mantel Elijähus: „Und die tobenden Wogen des Schmerzes, siehe, sie teilten sich auch mir.“ Edith Falk, Frankfurt a. M. J. Ziegler: Die sittliche Welt des Judentums. Zweiter Teil: Vom Abschluß des Kanons bis Saadia. X und 397 8. Verlag M. W. Kaufmann, Leipzig, 1928. Herausgegeben von der Großloge X J.O.B.B. wr den Tschechoslowakischen Staat. Der Verfasser, der bekannte Karlsbader Rabbiner, der am 15. August dieses Jahres das Jubiläum seiner vierzigjährigen Amtstätigkeit in der Gemeinde des weltberühmten Kurortes feiern durfte, begann 1924 mit der Veröffentlichung eines Werkes, das in drei Teilen „die sittliche Welt des Judentums“ darstellen sollte. Dem ersten Teil: „Die sittliche Welt der heiligen Schriften“ folgte jetzt der zweite, der etwa ein Jahrtausend umspannt und die sittliche Welt des Judentums „vom Abschluß des Kanons bis Saadia“ behandelt. Der letzte Band, der in einigen Jahren erscheinen soll, wird „die sittliche Welt des Judentums von Saadia bis Mendelssohn“ zur Darstellung bringen. Das ganze Werk ist eine Ausführung und Illustration zu dem Cohenschen Wort, das Z. dem 2. Teil als Motto vorangestellt hat: „Ich muß wissen, welchen sittlichen Gehalt die Gedanken meiner Religion in sich tragen, wenn ich Gefühl und Begeisterung für sie erhalten und behaupten will.“ Und wenn ich bei der Ankündigung des 1. Teiles in der Bücherschau dieses Blattes sagte, daß „das Buch in seinen Wirkungen weit über jüdische Kreise hinausreichen und auch dem nichtjüdischen Leser reichen Gewinn bringen“ dürfte, so gilt das in erhöhtem Maße von dem vorliegenden zweiten Teil; denn der Blick in die sittliche Welt der heiligen Schriften war keinem verschlossen. Die Bibel, die heut in fast 500 Sprachen und Dialekte übersetzt und in Millionen von Exemplaren verbreitet ist, ist Gemeingut aller Völker und Menschen geworden, wenn auch Zs. Buch als Führer durch diese Welt Juden und Christen willkommen gewesen sein dürfte. Der 2. Teil aber, der sich mit dem talmudischen Zeitalter beschäftigt, erschließt Juden und Christen eine zumeist unbekannte und oft .genug verkannte Welt und ist darum noch wertvoller als der erste. Zeigt er dem Juden, wie sich im talmudischen Schrifttum der Stoff der heiligen Schriften nicht bloß vermehrt und erweitert hat, sondern auch wie die jüdische Ethik vertieft und bereichert wurde, so enthüllt er dem Christen die Halt- und Grundlosigkeit der Vorurteile, die man bisher dem Talmud entgegenbrachte. Aus dem reichen Schatz der Zitate, die der Verfasser mit gediegener Sachkenntnis und bewundernswertem Fleiß gesammelt hat — es sind in 6 Kapiteln über 2500 Belegstellen aus der talmudischen Literatur zusammengetragen, eine nahezu erschöpfende Ausbeute —, wird vor allem der christliche Leser, aber auch der jüdische, der sich das Urteil der anderen gern zu eigen macht, klar und deutlich erkennen, wie man den Talmud zu Unrecht geschmäht und gelästert hat. Das Z.-Buch beseitigt diese falsche Beurteilung oder kann es wenigstens tun, weil hier jeder Gelegenheit hat, den Geist des Talmuds und seiner Ethik kennen zu lernen. Wer nach gerechtem Urteil strebt und unbefangen in die talmudische Welt eintritt, erhält von Z. in den 6 Kapiteln: 1. Die Gottesidee, 2. Der Mensch und sein Gott, 3. Die Sendung Israels, 4. Der Weg Israels zu Gott, 5. Von Mensch zu Mensch, 6. Der Lohn der Frömmigkeit und die Strafe der Sünde belehrenden Aufschluß und wird durch die Einleitungen, die der Verfasser jedem Abschnitt vorausschickt, zu weiterem Nachdenken angeregt, vielleicht auch hier und da zum Widerspruch herausgefordert. Man kann nur wünschen, daß das Buch recht zahlreiche Leser in allen Kreisen finde und daß es dem Verfasser vergönnt sei, nicht bloß sein Werk zum Abschluß zu bringen, weil es eine wertvolle Bereicherung der jüdischen Literatur darstellt, sondern auch zum Segen seiner Gemeinde und zur Ehre des Judentums noch viele Jahre zu wirken, ad meoh weessrim schonoh. Gemeinderabbiner Prof. Dr. G o 1 i n s k i. „Habima.“ Zweiunddreißig Bilder mit einer Einführung von Bernhard Diebold; Berlin-Wilmersdorf 1928. Im Verlage von Heinrich Keller (Dr. Victor Fleischer), Berlin-Wilmersdorf, erscheint ein Buch der „Habima“: Zweiunddreißig Bilder „die Darsteller in ihren Hauptrollen“. Bernhard Diebold schickt eine kurze Einführung voraus. Man wird sich gewiß nicht mit allem, was hier gesagt ist, ohne weiteres einverstanden erklären. So erscheint es mir etwa durchaus verfehlt, die Kunst der Habima in irgend einem Sinne als orientalisch kennzeichnen zu wollen. Die Bilder selbst machen dagegen mit äußerster Deutlichkeit offenbar, wie stark, ja beherrschend vielmehr slawische Elemente in den Menschen der Habima wirksam sind. Temperament ist doch wohl kaum ausschließliche Spezialität des Orients. Noch zweifelhafter aber dürfte vielleicht ein anderes sein. Wenn Diebold das „Endziel“ der Habima darin erblickt, „eine künstlerische Verbindung zwischen den Juden der Diaspora und der palästinensischen Heimat zu schaffen“, so berührt dies doch recht sonderbar, nachdem er soeben dem tief in eigenständigstem Leben verwurzelten „Logos“ ihrer theatralischen „Kultusgemeinschaft“ nachgegangen ist. Sollte er nicht wissen, daß Kunst solcher Art kein Ziel außer sich haben kann? Er sollte doch zumindest fühlen, daß das Theater der Habima voll und ganz in sich selber ruht, in seinem eigenen Sein sein einziges Endziel hat. Die Menschen dieser Gemeinschaft zu „Vermittlern“ machen, ihrer Tätigkeit Dienste zuerkennen, die sie mit jeder zionistischen Versammlung in eine Reihe bringen, das heißt, ihren besten Wert verkennen, heißt, sie unendlich banalisieren. Aber, wie dem auch sei, Diebolds Versuch bleibt doch, im Ganzen genommen, äußerst verdienstlich. Er gibt kurze Einführungen in die Repertoirestücke der Habima. („Der Dybuk“, „Der Golem“, „Der ewige Jude“.) Und er gibt eine kurze Geschichte der Gesellschaft, die von ihren Anfängen, 1917, ln Moskau, von ihren ersten Kämpfen, von ihrem ersten Lehrer, Wachtangow, dem Schüler Stanislawskis, endlich von den Repertoireplänen der nächsten Jahre (Calderon, Shakespeare, Hebbel, Moritz Heimann) manches Interessante zu berichten weiß. Vor allem aber werden die Bilder, die dem Essay von Diebold folgen, ausgezeichnete Photographien der Darsteller (zum größten Teil von Nini und Carry Heß, Frankfurt a. M.) jedem, der eine Aufführung der Habima sehen konnte, eine wertvolle Erinnerung sein. Und vielleicht mehr als nur dies! Es sind nicht Schauspielerbilder, die hier vor uns liegen. Es sind Bilder von Typen eigentümlicher Frömmigkeit. Strenge, Stolz, Ernst, Ekstase, Melancholie und stille Ergebung — alle jene Züge, die für die Geistesstimmung und Glaubenshaltung des ostjüdischen Menschen charakteristisch sind, treten uns körperlich vor Augen. Die Bilder des Meschulach, des Choman, der Lea, des jungen Chassid, der weinenden Frau scheinen mir vor allem bezeichnend und von großer Schönheit. Hans Margolius. Kunstkalender des Jüdischen Frauenbundes. Der Jüdische Frauenbund läßt zum 3. Mal seinen Kunstkalender erscheinen, der schon durch seine äußere Form beweist, daß die Herausgeber ständig darauf bedacht sind, immer neuen Verbesserungen und Anregungen Raum zu geben. Die neugewählte Form des Umlegekalenders ermöglicht es, neben dem Kalendarium und Text das Kunstblatt die Woche über vor Augen zu haben und die Reproduktionen am Ende des Jahres gesammelt zu besitzen. Das — ebenfalls neu beigefügte — Bilderverzeichnis läßt erkennen, daß wiederum die neuesten Werke jüdischer Künstler und Künstlerinnen der verschiedenen Länder ausgewählt wurden und einen lebendigen Eindruck in ihre Schaffens»- weit vermitteln. Zum 1. Mal wurden auch Reproduktionen von Plastiken aufgenommen. Der künstlerische Teil des Kalenders wurde von dem Kustos der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Dr. Karl Schwarz, mitbearbeitet und übertrifft in seiner Geschlossenheit und seiner sorgfältigen Auswahl die Kalender der ersten Jahre. Für den Textteil haben Mitarbeiter und Freunde des Jüdischen Frauenbundes Aussprüche geliefert, die sich auf das erste Vierteljahrhundert jüdischer Frauenarbeit — der Jüdische Frauenbund begeht im Jahre 1929 sein 25 jähriges Jubiläum — beziehen. Stellen des Schrifttums wurden zu diesem Anlaß ausgewählt und gedeutet, eigene Gedanken in Form gebracht. Ueber den Kreis des Jüdischen Frauenbundes hinaus wird gerade dieser Textteil den jüdischen Familien, der heranwachsenden weiblichen Jugend und der jüdischen Gemeinschaft wertvolle Einblicke vermitteln in den Ideenkreis der jüdischen Frau: in ihr Wesen und Tun, ihr Wollen und ihre Bestimmung. Vereinsnachrichien Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten Breslau beteiligt sich an den Empfangsfeierlichkeiten aus Anlaß des Besuchs des Herrn Reichspräsidenten in Breslau am Dienstag, den 18. September a. c. Er fordert in einem Aufruf, der an alle Kameraden persönlich ergeht, diese zu möglichst vollzähliger Beteiligung auf. Die Kameraden sammeln sich pünktlich um 18 Uhr zwischen Polizei-Präsidium und Eichbornstraße. Abmarsch pünktlich 18.15 Uhr. — Schwarz-rot-goldene Fahnen sind mitzubringen. Werbt neue Mitglieder! BÜCHEESCMAU