Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 37 (14.9.1928)
- Date
- 1928-09-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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s. Jahrgang Hummer 37 Beilage 14.September1828 IMchÄeraleZeÄW Uachklünge zur libei Womit sich die Wellkouferen; zu wenig beschäftigt hak! Von Erich Bayer, Breslau. Tie Botschaft des liberalen Judentums an den Juden von heute, wie sie die Weltkonferenz verkündet hat, trifft eigentlich nur einen Teil seines Wesens, des Wollens, Empfindens und Handelns. Eine große Menge seiner Taten, Gedanken und Gefühle hat keine Beziehung zu dem, was Religion im allgemeinen und der jüdische Liberalismus im besonderen lehren und wollen; mag die Religion in geistiger und sittlicher Beziehung einen gewissen Einfluß ausüben, so wird doch ihr Anteil am praktischen Leben immer geringer. Je klarer und allgemeiner der Prophetismus als der wahre Sinn der Religion erkannt wurde, je mehr sich also das Judentum auf ethische und geistige Dinge einstellte, desto loser wurde der Zusammenhang der Religion mit dem praktischen Leben. Diese Einseitigkeit muß als Mangel empfunden werden, diese geringe Jnteressenahme am praktischen Leben des Menschen ist schädlich und steht im Widerspruch zum Wesen der Religion. Das Judentum will den ganzen Menschen erfassen und darf sich deshalb nicht beschränken auf die Beschäftigung mit dem Gottesdienst, dem religiösen Ausbau des häuslichen Lebens und der Jugenderziehung; das sind nur Teile des vielgestaltigen Seins, Religion aber muß bestrebt sein, möglichst auf den gesamten Komplex der Lebenserscheinungen zu wirken. Die materielle Zwecksetzung unserer täglichen Arbeit, die Unruhe, das Zagen und die Leiden des Lebens nehmen zweifellos einen großen Raum in unserem Dasein ein; sie ziehen den Menschen von der Vergeistigung und Versittlichung seines Lebens ab. Die Religion aber sieht ihre Aufgabe in der geistigen und sittlichen Höherentwicklung und Vervollkommnung des Menschen. Es zeigt sich also in der Praxis, daß religiöses Wirken und praktisches Leben gegeneinander gerichtet sind; der Mensch sieht sich der Aufgabe gegenüber, die religionsfeindlichen Tendenzen des Lebens zu überwinden; wenn auch der Ausgang zweifelhaft ist, so gilt doch für ihn die Devise: „Durch Kampf zum Sieg." Diese Auffassung vom Zweck und dem Wert menschlichen Strebens ist sicherlich groß, erhaben und heroisch; dennoch sei mir gestattet, die Frage zu stellen: Ist sie auch praktisch? Werden bei der sittlichen Erziehung des Menschengeschlechts nicht bessere Resultate erzielt werden, wenn man sich bemüht, die dem Streben nach Vervollkommnung entgegenwirkenden Kräfte zu schwächen und zu bannen, wenn man möglichst viel Hindernisse, Versuchungen und Anreizmittel zum Schlechten forträumt? Kann dieses Vorbeugen, das Fortschaffen für die Arbeit der religiösen Erziehung — rein praktisch gesprochen — nicht die gleiche Bedeutung erlangen wie die bisherige Methode der Belehrung und Ermahnung; werden die Erfolge nicht größer sein, wenn beide Faktoren Zusammenwirken: die sittlich-geistige Ermahnung und Belehrung und — soweit das möglich ist — die Beseitigung der Ursachen von Hast, Qual und Leid, durch die der Mensch im Materiellen festgehalten wird, in dem sein wahres Leben zu ersticken droht. Das Judentum muß sich an das geistig-sittliche Individuum wenden und darf doch nicht den praktischen Menschen übergehen; die Religion soll Einwirken durch Gottesdienst, durch' das häusliche Leben und die Jugenderziehung, sie darf aber nicht vergessen, daß der Mensch auch in der Wirtschaft, im Staat und in der Gesellschaft wurzelt. Neben den bisherigen Bestrebungen muß das liberale Judentum versuchen, die Grundlagen zu erkennen und die Voraussetzungen zu schaffen sür ein Leben, aus dem Sorgen, Qualen und Leiden, Hast, Unruhe und Unfrieden geschwunden sind, wobei selbstverständlich die Einschränkung gemacht werden muß, daß es uns bis zu einem gewissen Gmde möglich ist, die äußeren Anlässe des Leids zu bannen und die seelisch-geistige Konstitution des Individuums zu ändern. Auf jeden Fall entspricht es dem Wesen des liberalen Judentums, seine Tätigkeit auch auf das praktische Leben in seiner vielgestaltigen Form auszudehnen, wovon in der Botschaft der Weltkonferenz nur wenig zu vernehmen war. Wie das geschehen könnte, sei an einigen Beispielen aus dem großen Arbeitsgebiet, das sich erschließt, dargestellt. Das Erwerbsleben nimmt im Dasein des modernen Menschen einen besonders großen Raum ein; es beeinflußt ihn in seinem Denken, Handeln und Fühlen und spielt eine Rolle beim Aufbau der Familie, der Gesellschaft und des Staates. Ein großer Teil unserer Sorgen, unserer Unruhe und Unzufriedenheit wird hervorgerufen durch die materielle Zwecksetzung, die uns als wichtige Lebensaufgabe erscheint nnd die ihren Ausdruck findet im Streben nach Erwerb, im Ringen um Besitz. Aus der Beschäftigung mit diesen praktischen Dingen dürste dem liberalen Judentum die Aufgabe erwachsen, das Wirtschaftsleben so umzugestalten, daß es «len Wellkonsereuz nicht mehr in gleicher Weise wie bisher Ursache menschlichen Unfriedens und Leids sein kann. Es wird die Frage erörtert werden müssen, welche Bedeutung einem Bevölkerungsrückgang durch Geburtenbeschränkung dabei zukommt; welche Rolle eine Regelung der Produktionsmengen spielt und man wird schließlich, um Resultate zu erzielen, mit großem Eifer an der Berufsumschichtung Mitarbeiten müssen, wobei auch auf die körperliche und geistige Ertüchtigung Wert zu legen ist. Ferner sollte man — im Sinne Popper-Lynkens — eine Arbeitsbeschränkung auf bestimmte Lebensjahre propagieren, so daß jeder Mensch nach Ablauf der ihm bestimmten Arbeitszeit das Recht erworben hat, in wirtschaftlicher Sorglosigkeit und äußerer Ruhe den Rest seines Lebens zu verbringen; es würde damit eine Aenderung der sozialen Gesetzgebung verbunden sein. Die Folge der Verwirklichung dieser Aufgaben wäre, daß aus dem Leben des Menschen die Angst um die materielle Sicherung der Zukunft schwindet, daß Arbeiten und Verdienen nicht zum ruhelosen Zusammenraffen werden und damit der Anlaß zu vielerlei Sorgen, Kämpfen und Anfeindungen fortfällt. Die Sucht zusammenzuscharren und anzuhäufen, diese Quelle vielgestaltiger Leiden, müßte nach und nach versiegen. Diese veränderte Einstellung des Menschen zum Wirtschaftsleben würde fernerhin dazu führen, daß der äußere Erfolg, vor dem sich ein großer Teil der heutigen Menschheit verehrend beugt und der immer wieder zu Neid und Unzufriedenheit führt, merklich an Zauberkraft einbüßt. Die Jagd nach Macht und Erfolg vernichtet Ruhe und Frieden, tyrannisiert und beunruhigt den Einzelnen wie die Gemeinschaft; gilt der Erfolg nicht mehr als der Götze, dem man einen Teil seines Lebens opfern muß, dann kann vielleicht auch das verwirklicht werden, was heute erst als äußere Organisation besteht: der Bund der Völker, der durch wahres, echtes Gemeinschaftsgefühl zum Bund der Menschen wird. Es soll und muß die Aufgabe des liberalen Judentums werden, die Grundlagen für eine Wirksamkeit im praktischen Leben zu finden, die gewonnenen Erkenntnisse zu verbreiten und nach ihrer Verwirklichung zu streben, eine Reform des praktischen Lebens herbeizuführen. Nur das liberale Judentum kann sich diese Aufgabe stellen und ihre Lösung erstreben, weil es im Prophetismus den höchsten und erhabensten Ausdruck der Religion erblickt und bewundert. Die Propheten haben stets gelehrt, daß das Ziel menschlicher Vervollkommnung der Nebenmensch ist und der Sinn menschlicher Entwicklung sich ausdrückt in der Schaffung der ethischen Grundlage für die Beziehungen der Menschen zu einander. Diesem Ziel soll das liberale Judentum durch die Erweiterung seines Aufgabenkreises zustreben. Der ganze Mensch soll erfaßt werden, darum kann sich das liberale Judentum nicht damit begnügen, geistige und sittliche Vollkommenheit zu predigen, sie durch Belehrung und Ermahnung anzustreben, es muß auch versuchen, dem Menschen seine schwierige Aufgabe dadurch zu erleichtern, daß es Hindernisse forträumt, gewisse Vorbedingungen schafft, kurz alles tut, um ihm Sicherheit, Zufriedenheit und Ruhe zu schaffen, ihm den Frieden des Alltags zu schenken. Also muß die Botschaft des liberalen Judentums, die dem Juden seine geistige und sittliche Verpflichtung kündet, auch Anregung und Mahnung enthalten, das praktische Leben so zu formen und zu gestatten, daß der Mensch freier und leichter an die Erfüllung seiner Menschheitsaufgabe gehen kann. Was uns not tut von Dr. Siegfried Braun, Köln. Innerhalb der Geschichte des liberalen Judentums bedeuten die beiden Tagungen des Weltverbandes Höhepunkte, die uns gebieterisch die Pflicht auferlegen, einmal ganz freimütig festzustellen, wie es in unserm Lager aussieht und welche Entwicklungsmöglichkeiten wir erblicken. Und da sei es denn gleich zu Anfang ohne Umschweife ausgesprochen, daß der Liberalismus an einem Hindernis angelangt ist, ohne dessen Ueberwindung kein ersprießlicher Aufstieg wird kommen können. Es ist die Phrase, mit der wir unsere Hilflosigkeit verdecken, das wohlklingende Wort, an dem wir uns berauschen, das hohle Pathos, in das wir flüchten, damit das peinliche Gefühl der Schwäche uns nicht quäle. Es gab eine Zeit, da man frank und frei und mit Sachlichkeit ausgerüstet in die Arena hinabschritt und seinen Liberalismus mit Schneid verfocht. Die Kämmen von damals leben noch; aber ach, sie sind müde und verzagt. Das Gewaffen hängt beiseite, und nur die kümmerliche Attrappe des vieldeutigen Wortes wird noch geschwungen, indeß die Menge ringsum im Lager ungeduldig der erlösenden Tat harrt. * Vor mehr als hundert Jahren versetzte die Emanzipation der Orthodoxie den Todesstoß. Dieses System absoluter Starr- $ C H OKOLA D E P RA LI N E N Ijeit, einst als kläglicher Ersatz eines in wunderbarer Fülle und Weite erblühenden Judentums geformt, um es dem Ablauf der Zeitlichkeit für ewig zu entreißen, mit einem unerhörten Aufwand von Eifer und Treue gegen jeden Anhauch aus fremder Wett behütet, es brach schließlich doch unter den Streichen der ratio zusammen, der man sich damals entschlossen anvertraute, die man allerdings heute zum alten Gerümpel zu werfen sich an schickt, um statt ihrer einen zu nrchts verpflichtenden und bequemeren Irrationalismus auf den Thron zu erheben. Es fiel das Dogma der Berbalinspiration und mit ihm die Autorität des Schulchan aruch, der das Leben in einem unerträglichen Netz von strengen Vorschriften gefangen hielt. Hilflos stand die Orthodoxie der Flucht aus ihren Reihen gegenüber, und eine Katastrophe wäre eingetreten, hätten nicht die leider auch in unserm Lager nicht mehr sonderlich gut angeschriebenen „Reformer" zeitig dre Gefahr erkannt und die Massen durch Freilegung der verschütteten prophetischen Gedankenwelt vom Wege zur Taufe abgelenkt und ihnen das Verbleiben im Judentum möglich gemacht. Freilich gingen sie einen gefährlichen Weg, weil er nicht nur ins Freie, sondern auch ins Schrankenlose zeigte. War erst einmal der Glaube an die Offenbarung im Sinne der Orthodoxie zerstört und damit die Verbindlichkeit des Zeremonialgesetzes aufgehoben, so gab es theoretisch auch keine Grenze mehr, an der man hätte der Bewegung Halt gebieten können. Damit war einem bedenklichen Individualismus die Tür weit geöffnet. Daß trotzdem die religiöse Bindung erhalten blieb, dessen ist Zeuge die Gemeinschaft der Treuen, die auch heute noch ihre kultischen Einrichtungen pflegt, und in deren Mitte noch immer ein kräftig pulsierendes Leben blüht. Wenn seit jenen Zeiten viele Tausende dem religiösen Nihilismus verfallen sind, so ist das nicht die Schuld der Reform, wie man gern von rechts her behauptet, sondern die Folge einer auch außerhalb des Judentums zu bemerkenden Religionsfeindlichkeit, die zu überwinden bisher keinem Bekennttns gelungen ist, ohne deren Beseitigung auch der Liberalismus keine ins Gewicht fallenden Werbeerfolge haben wird. Berschiedeirartig waren die Versuche, das Heer Indifferenter zurückzugewinnen. Von orthodoxer Seite her geschah nichts, um wieder Einfluß auf die „Abtrünnigen" zu erlangen. Man ruht gemächlich auf dem sanften Kissen des Kizzur und überläßt es — nicht ohne Spott und Verachtung an den Tag zu legen — den andern, mit ihnen fertig zu werden. 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