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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-09-14 · 37 (14.9.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
37 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Wir bitten Gott um Leben und Gesundheit. Da stellt sich dieses Gebet wie ein Spiegel vor uns hin, und wir sehen uns, wie unsre eigne Leidenschaft die Furchen in unser Angesicht grub, wie wir durch unsre eigne Unmäßigkeit die Gesundheit zerrüttet und das Leben uns verkürzten. So hatten wir Einkehr und werden besser, werden sittlicher durch das Beten. Wir beten um Segen für unsre Arbeit, wir büten um unser täglich Brot. Da sehen wir uns im Spiegel dieses Wortes und schauen unsre eigene Schuld: wir schliefen, als uns die Arbeit rief, wir träumten, als es Zeit zum Wirken war! Wir waren sorglos, leichtsinnig, tollkühn. Nun halten wir Einkehr und raffen uns auf, indem wir beten. Wir beten: Gib Frieden, Gott! Und wie das Wort gleich einem Mahner sich vor uns hinstellt, erwachen peinigende Erinnerungen in uns. Wir selber haben Unftieden in unser Leben getragen. Im Hause, das eine Insel des FriÄens sein sollte — wie oft waren wir launisch und ungerecht, voll kränkenden Eigensinns und starren Trotzes! Und draußen, wo im wilden Wettlauf einer den andern überholen will, wo Reich und Arm, Herr und Knecht, Alter und Jugend, wo Parteien, Stände, Klassen, Nationen, Religionen feindlich einander gegenüberstehen, draußen im geschäftlichen, im Berufsleben, haben wir immer den Frieden geliebt und gehalten? Waren wir imstande, für den Frieden Opfer zu bringen? Begnügten wir uns damit, nach unsrer Ansicht Recht zu haben und wollten nicht auch immer recht behalten? Wenn wir am Neujahrsfeste um Frieden beten, müssen wir da nicht zuerst bei uns selbst Einkehr halten und duldsamer, gerechter, liebevoller und friedlicher werden, indem wir beten? Wir reden von Wahrheit, Liebe, Treue, Glauben in unserm Gebet. Treffen uns diese Worte nicht wie Hammerschläge? Fühlen wir nicht, wie oft wir selbst mit Lug und Trug, mit Lieblosigkeit und Haß, mit Unaufrichtigkeit und Falschheit, mit Schein und Aeußerlickkeit umgegangen? Am Neujahrsfeste, beim Beten, halten wrr Einkehr und werden wahrhaftiger, treuer, liebevoller, innerlicher durch unser Beten. Wenn alle andern Feste Israels in erster Linie Gemeinschaftsfeste sind, Träger heiliger Erinnerungen, so sind die kommenden Jomim noro'im, die Schauer erweckenden Tage Roschhaschonoh und Jomkippur, vor allem Feste persönlicher Frömmigkeit, die uns mahnen, fromm und gut zu sein und die immer auf's neue die Brücke bauen wollen von unserm persönlichen Ich zu Gott durch das Beten. Noch sind wir nicht so weit, daß das Königtum Gottes Anerkennung ftndet unter den Völkern der Erde. In Waffenrüstung starrt noch die Welt, und das Kriegsgepränge erstickt noch das Weltgetvissen. Bölkerkampf, Rassenkampf und Klassenkarmpf toben noch auf dem Welttheater. Gott ist König! Eine Mahnung an reden von uns, nicht im Traum und Schlaf einherzuwandeln, offenen Auges biete Gefahr zu sehen, entschlossen dort zu stehen, wo man diesen Fratzen, die die Menschheit äffen, die Larve vom» Gesicht reiht, wo man diese Götzenbilder zu Staub zermalmt. IH. Gott wrrd König sein! Der dritte Weckruf des heutigen Tages. Eine Hoffnung! Eine Menschheitshoffnung, die wir in jedem Gottesdienst des Jahres wiedererklingen lassen: „Gott wird König fern über die ganze Erve, an jenem Tage wrrd der Ewige einzig sein und fern Name einzig." Vom Gottesreich auf Erden stündet dieses Wort, wenn man „dre Schwerter umfchmiedet zu Pflugscharen und die Lanzen zu Rebmessern". Vom Menschheitsbund rst die Rede, wenn, wie es im Neujehrsgebet heißt: „alte Menschen sich einen in einem Menschheitsbunde". Ein Optimismus sondergleichen vor zweiundeinhalb Jahrtausenden. Ein Optimismus sondergleichen auch heute muh, nachdem zweiundeinhalb Jahrtausende vergangen sind. Doch sehen wrr hier und da lichte Zeichen am Menschheilshimmel, Blinkfeuer auftden Leuchttürmen des Menschheitsmeeres. Genf, Locarno, Haag. Werden die Stürme diese Feuer wieder auslöschen? Wrr wollen es nicht glauben, weil wir nicht irre werden wollen an der Menschheit. Diese Hoffnung ist Israels Erwartung geblieben auch in finstersten Zeiten. Sie gab ihm Inhalt, Aufgabe, Ziel. Sie gab ihm Erhaltung, Sern und Leben. Sie gab ihm unstetbliche Hoffnung. Sie gab ihm Unsterblichkeit! Von einem großen jüdischen Märtyrer berichtet die Kunde, daß er sich von der Folterbank bestialischer Grausamkeit am Neujahrsfest m das Gotteshaus tragen ließ vor die heilige Lade. Mit todwundem Körper und tötlich getroffenem Herzen begann er ein Lied, ein Auftakt zu dem Hauptgebet des Tages. Der Gedanke des Festes drang in feine Seele. Aus tiefster Wehmut hob sich fern Herz und mit dem jubelnden Bekenntnis des Tages schloß er seine Augen: „Gott ist König, Gott war König und Gott wird König sein für immer und ewig." Eine Erkenntnis, eine Mahnung, eine Hoffnung, sic gab ihm den Glauben, den unzerstörbaren Neujahrsglauben an Menschentum, Menschlichkeit und Menschheit. Tag der Erinnerung Von Oberkantor Bernhard Hlt, Danzig. Erinnerung... Wer flüchtete sich nicht vor der Wucht glückmordenden Schicksals in ihre marmorgleißenden Zauberpaläste, klammerte sich nicht an sie, wie ein Ertrinkender einen Strohhalm ersaßt, wenn ihn die Schwere zu Boden ziehen will, erträumte sich nicht ihre Welt ohne Kummer und Weh, in der keine Dämmesrung ihre schwarzen Flöre lichtverzehrend senkt... Aber es ist nichts damtt! — Oder: Fand jemand den, der aufstand und sagen konnte von sich: Bei mir wohnt das Glück in seinem reinen, engelweißen Gewände und hat abgestreift in mir alles Sorgen und Wühlen und Kämpfen...? Aber den trafest du wohl, der sehnsnchtüberglänzten Auges dir entgegenseuszte: Damals.., ach damals... Damals? Damals war es auch nicht so. Du vergaßest aber währenddem eines: Du vergaßest den wundertätigen Schleier der Vergangenheit, der sich unmerklich breitete über dein Leben, wie es war, und der dir verdeckt alles Ungemach, alle Schwere und alle Seufzer. Er ist wie die Fee aus dem Märchen: bald ist sie strahlende Reine und Güte und läßt dich blicken durch den Schleier, und du schaust alles Schöne, das du wähntest, schlackenlos gelebt zu haben... Und ist auf der andern Seite doch wieder das alte, bucklige Weib mit den runzligen Falten im Gesicht und höhnt vir zu: Erinnerst du dich auch dieses Anblicks... hehe!? Oder er ist wie ein Prismenglas: Schal und tonlos sind die Farben der Dinge wohl in Wirklichkeit, und schaust du hindurch, so läßt du dir Blau und Rot und Gelb und Violett vorgaukeln in reiner Harmonie. Vielleicht findest du doch einen, dem auch die Wirklichkeit Erfüllung war alles Sehnens, aller Erwartungen und aller Wünsche! Und wäre es nur eine Stunde solch reinen, ungetrübten Glücksgefühls, da dein Auge sich weitete und hinaussehen durfte über Schmerzen und Alltagsdruck und deine Seele aufflog in jene blauen, lichten Fernen und ein? herging in dem reinen Priestergewande himmlischer Freiheit und Seligkeit. Eine Stunde... Die hast wohl du und der und jener wirklich gelebt. Und nun traf dick der eiserne Flügel des Schicksals, und von seinem Flügel getroffen, sankest du zu Boden, zerbrochen und zerschlagen..., und nun soll dir die Erinnerung sein der marmorgleißende Zauberpalast, in den du flüchtest, der Strohhalm, an den du dich klammerst, und die Traumeswelt ewigen Tages... Aber.'.. Auch dann ist's nichts damit! Siehe —, Du liegst auf einsamem Lager und in brütendem Traumgestalten wähnst du dich zurück in dein Damals und willst schlürfen in heißen Zügen der Erinnerung Seligkeit spendenden Trank... Aber es schwingt in dir eine Sqite mit, der Unterton des Jetzt, und du kannst ihn nicht verklingen machen, ob du auch noch so sehr die Augen schließest, und die Saite Das Königtum Gottes Von Rabbiner Dr. Joseph Lehmann, Berlin. Der Grundgedanke des Neujahrsfestes, wie ec in dem uralten Hauptgebcte feinen Ausdruck gefunden hat, ist zufammengefaßt in dem kurzen, lapidaren Satz: „Gott i st König, Gott war König und Gott wird König fein für immer und ewig." Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft stehen vor unserem Auge. Ein dreifaches gibt uns dieser Satz, indem wir die Vergangenheit, ohne damit irgendwie den Sinn zu ändern, der Gegenwart vorausstellen: Eine Erkenntnis, eine Mahnung, eine Hoffnung! I. Gott war König. Eine neue Erkenntnis. Wollen wir sie erfassen, so genügt eine Gegenüberstellung. Ter König ist Gott — so lchrt die Antike. Diese Vergottung eines Menschen blieb fühlbar bis in unsere Zeit. Das Gottesgnadentum der Könige hat hier seinen Ursprung. In Israel aber kündete man: Gott ist König! Das hieß nicht etwa, die Stufenreihe der Menschen auf den Olymp iibertragen — auch das hat es gegeben, indem man einen Gott zum König der andern machte — sondern Gott ist König, das war eine völlig neue Erkenntnis! Wir kennen die Stunde, in der diese Erkenntnis geboren wurde, die dann von Israel aus ihren 'Siegeszug 'über die Welt nehmen sollte. Ms das dankbare 'Volk dem Richter Gideon die Krone anbot, da wies er diese zurück mit den Worten: „Nicht will ich König über euch sein, noch soll mein Sohn König über euch fein, Gott allein ist euer König!" Und mit demselben Worte lehnte Samuel den Wunsch des Volkes nach einem König ab: „Ter Ewige, euer Gott, ist euer König!" Gott ist König und kein Mensch! Das Königtum Gottes bedeutete die Frecheit. Das Königtum eines Menschen bedeutete die Knechtschaft. Das Königtum Gottes bedeutete die Gleichheit. Das Königtum eines Menschen bedeutete dre Despotie. Nichts ist falscher als die Phrase, die als eine Anschauung der Bibel die Zusammengehörigkeit von „Thron und Mar" kündet. König und Prophet gehen in der Bibel nicht Hand in Hand, sondern stehen meist in unversöhnlichem Gegensatz einander gegenüber. Der Prophet kämpft für Menschenrecht und Menschenwürde, für Frecheit und Gleichheit, der König aber will die Herrschaft über Leib und Leben und Gewissen. Findet ein König die Anerkennung des Propheten, so ist es ein Volks tön r g, der nichts anderes sein will, als der Erste unter Gleichen, der nicht nur mit einem Tropfen sozialen Oeles gesalbt ist, sondern nach der Krone strebt, die den größten Führer Israels geschmückt hat, von dem es heißt: „Der Mann Moses war demütiger als alle Menschen." Gott ist König — eine neue Erkenntnis! Wrr kennen nicht nur die Stunde der Entstehung, wir kennen auch den Quell, aus dem sie geflossen, ihren eigenarttgen ja einzigarttgen Ursprung. Naturoergötterung, Menschenvergötterung mußten erst versinken. Tie Natur ward entgöttert, der Olymp nwrtb gestürzt, als dieser neue Gedanke ins Bewußtsein der Menschen trat. Ter Gott des Herzens! Ter König der dunklen Kammer, wie der große indische Weltweise chn ,rennt. Unsere Propheten haben ihn vor Jahrtausenden erkannt und gekündet. Und mit diesem Gotte im Herzen schauen die Propheten hinaus zum Sternenhimmel in seiner unendlichen Schönheit und preisen die Macht, die das All regiert planvoll und ordnend nach ewigen, ehernen, großen Gesetzen, deren Herrlichkeit erzählen die Himmel und deren Hände Werk kündet das Firmament. Ter König des Herzens wird der König der Welt! Heute feiern wir den „Geburtstag der Welt". Bedeutet das die Feier ihrer Geburtsstunde? Wir haben es aufgegeben, die Jahre der Welt nach dem Kalender zu zählen. Aeonen find vergangen, die zu zählen Menschengeist nicht imstande ist. Oder meinen wir den Geburtstag des Menschen? Auch da lappen wir im Dunkeln und schwanken zwischen Jahrmillionen. Geburtstag der Welt, das bedeutet für uns Geburtstag des Weltenkönigs, Anfflammen der Erkenntnis vom Königtum Gottes im religiös-sittlichem Bewußtsein der Menschen. Ausflammen der Erkenntnis von Menschenwert und Menschenwürde, die selbst den ttefsten Geistern Griechenlands nicht ansgegangen ist, denen der Fremde und der Sklave ewig rechtlos und minderwertig blieben. Israels Propheten aber haben der Welt die Erkenntnis wahren Menschentums geschenkt im Königtum Gottes! II. Diese Erkenntnis aber wird zur Mahnung. Unsere Feste sind nicht bloße Erinnerung. Sie stellen eine Aufgabe, sind Aufforderung an Jeden zur Gestaltung seines Lebens. Gott ist König! Gott ist König und nicht du! Nicht deine Macht und nicht dein Geld. Sei demütig vor Gott, bleibe bescheiden im Bewußtsein deiner Endlichkeit. Gott ist König, und jeder Menschenbruder ist vor Gott dir gleich. Jeder ein Gotteskind wie du. Jeder hat sein Menschenrecht gleich dir, sein Recht aus Licht und Liebe und Leben, sein Recht aus Freude und Frohsinn und Freiheit. Gott ist König, und es darf keiner sich seines Menschenrechtes beraubt fühlen durch dich, keiner sich ourch dich in Abhängigkeit empfinden. Gott ist König! Hebe dein Haupt, du armer, bedrückter Menschenbruder, denn auch du bist nedem gleich, auch rm Gewände der Armut, auch du bist Ebenbild der Gottheit, mit „Höhnt und Würde" gekrönt. Es gibt nur einen Adel, der Berechtigung hat, nicht der Adel der Geburt und nicht der Adel des Geldes, sondern einzig uno allein der Adel der Gesinnung! Gott ist König! Sn stolz du Mensch. Beuge dich nicht feige urrd niedrig unter selbstgewahltes Menschenjoch. Beuge dich nicht unter Menschenmacht und Menschenhohn. Sei ausrecht, bleibe aus recht, und werde nicht durch Untreue und Abfall zum kriechenden Wurm! Sprich das demüttge und doch so stolze Bekenntnis des heutigen Tages: „Wir aber beugen und neigen uns vor dem König aller Könige, vor dem Heiligen, gelobt sei er." Vor Gott — und vor keinem Götzen der Welt! Gott ist König! Eine Mahnung auch an die Gemeinschaft. Vom Tage des Herrn sprachen die Völker. Sie erhofften ihn als Siegestag über ihre Feinde. Israels Propheten aber war dieser Tag der Gerichtstag des Weltenkönigs über alles Hossärtige und Stolze, der dies irae, dies illa, an dem die Herrschaft des Uebermutes von der Erde verschwindet, der Trotz der großen und der kleinen Pharaonen der Welt, und die Edomsreiche der Gewalt ein Ende haben, denn „erhaben ist der Herr Zebaoth allein im Gericht und der heilige Gott wird geheiligt durch Gerechtigkeit." ’^Z Die ^Renovation unserer 'tMJdnStuffCWE ^Französische Straße 47-48 ist beendet. / Die Wiedereröffnung fand am Montag, den 10. September, statt. 9. VS. (Borthardt A.-&.

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