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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-09-14 · 37 (14.9.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
37 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IWch KberakZMng Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich 7N. 2.50 tinzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeltroge enthalten. Herautwartl. Redakteur: Bruno Tvoyda. Die »Jüdisch»liberale Zeitungerscheint jeden Freitag. Redaktion «nd Geschüstastelle: Berlin Sw »S. Wilhelms»«. »47 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 vostfcheckkouko Berlin TtTD 7. 137069 (Vereinigung für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mtt vorheriger Genehmigung der Redaktto» gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonparaillezeile 0.45 Goldmark, die Reklomezelle 3.00 Goldmart, dei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: «Jüdisch-liberale Zeitung- Inferatenablellung: Berlin Sw 48, Wilhelmstrohe 147 (Bergmann: 3358-59), sowie sämtt. Annoncen-Lxpediüon. Nr. 37 Berlin, 14. September 1928 S. Jahrgang Velen Zum Rofchhafchonofest von Rabbiner Dr. Seligmann, Frankfurt a. M. „Wenn mich zum neuen Morgen erweckt der Sonne Licht, Such' ich voll tiefer Sehnsucht, o Gott, dein Angesicht. Doch wie's mich drängt zum Beten, still zagend halt' ich ein. Dringt ja dein leuchtend Auge mir tief ins Herz hinein. Du weißt all meine Worte, eh' sie entfloh'n dem Mund, Entschleiert deinem Auge liegt meiner Seele Grund. Und doch drängt's mich zum Beten und du — ich fühl's — auch du Hörst deiner Kinder Beten mit Wohlgefallen zu. Drum nah' ich dir, o Vater, in kindlichem Gebet, So lang in meiner Seele dein Gottesodem weht." Der diese Worte sang, war ein großer Weltweiser und Dichter in Israel, dessen Name hell wie Harsenklang tönt: Salomo den Gabirol. Zusammengedrängt in dieses Gebetes knappe Kürze ist die ganze kraftvolle Glaubensgewißheit und die zusammengeballte Wucht aller bangen, demutvollen Fragen des Betenden. Zum Beten kommen wir am Anfang des neuen religiösen Jahres ins Gotteshaus. Wir kommen mit uttserm Dank, daß der Allgütige 4ins diesen Tag wieder erleben ließ, daß er mit seiner Vaterliebe über uns wachte, daß er an jedem Morgen uns aufs neue seine gnadenreiche Hand öffnet und uns mit seiner Huld sättigt. Wir kommen mit unsrer Huldigung und unserm Preis, daß er der Wahrheit Licht uns aufgehen ließ und uns berufen hat, Zeugen seiner Wahrheit zu sein von Geschlecht zu Geschlecht. Wir (kommen als reuige Kinder, die es treibt, zum Vater in Sehnsucht und Licke zurückzukehren. Wir kommen als Bittende und ein Wunsch steigt aus der Tiefe unsrer Seele zu dem Quell alles Lckens empor, daß er unser Lcken und das Leben aller unsrer Lieben beschirmen möge. Und jenes wunderbare, tief ergreifende Unesane tokeph-Gebet des Roschhaschonoh- Festes verspricht uns, daß neben Umkehr und guten Werken das Gebet das böse Verhängnis abwende. So beten wir, so haben unsre Väter und Mütter in all den Jahrhunderten und Jahrtausenden unsrer Vergangenheit gebetet, von den Stammvätern und Psalmensängern der biblischen Zeit bis zu Salomo ben Gabirol und Jehuda Halevi in Spanien, von den Pettanim, den mittelalterlichen frommen Gebetdichtern bis heute. Wenn der alte fromme Psalmensänger die Wunderpracht der Schöpfung schaute, wenn ihm der rotflammende Tag hinter den Bergen verschwand und die Mitternacht mit ihren Millionen Sternen aus dem uferlosen Firmamente blinkte, stürzten glühende Worte aus seinem Herzen: „Ewiger, unser Gott, wie prangt dein Name auf der ganzen Erde! Wenn ich deinen Himmel sehe, deiner Hände Werk, Mond und Sterne, die du geschaffen, was ist der Mensch, daß du seiner denkst, der Erdensohn, daß du dich seiner annimmst!" Dann kam es in einer stillen Stunde über ihn, wie doch ein großer unsichtbarer Freund ihm alles reiche, was er zum Lcken brauchte, wie er ihn in Gefahren und Nöten geleitet, da betete er: „Der Ewige ist mein Hirt, mir mangelt nichts. Auf grünen Auen läßt er mich lagern, an friedlichen Wassern läßt er mich ruhn. Meine Seele erquickt er, er leitet mich auf rechtem Pfad. Ob ich auch wandre im Tal des Todesschattens, ich fürchte nichts Böses, denn du bist bei mir." Einmal aber kam die Stunde, da er das große Leid der Welt in seiner Seele fühlte, da dunkle Wolken seinen Himmel bedeckten und Schmerz und Tränen, zerstörtes Glück und zertrümmerte Hoffnungen ihn aufschreien ließen nach einem Halt und Trost, damit sein müdes Herz zur Ruhe kommen könne. Da schwoll all sein stürmisches Verlangen zu dem heißen Gebet empor: „Wie der Hirsch nach frischen Wassern, so ruft meine Seele nach dir, o Gott. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lckendigen Gott. Wie köstlich ist deine Gnade, o Gott, daß die Menschenkinder sich unter deinen Fittichen bergen können!" So beteten die Alten, so beten die Jungen, und keine Zeit, kein Volk, kein Geschlecht, das des Gebets hätte entraten wollen, hätte entraten können. * Aber da steht abseits ein Ueberkluger und blickt mtt überlegenem Lächeln auf uns Betende. Da steht einer, der mit allem fertig ist und der alles Menschliche mit der kurzen Elle des rein Verstandesmäßigen mißt und fragt: wozu ist das Beten gut?, was nützt es? Ja, in manchen Stunden der Bangigkeit, wo es uns ergeht wie dem alten Israel in der Sklaverei Aegyptens, daß wir in der Verengung unsrer Seele und eingespannt in unsre Arbeit die Freiheit des Aufschwungs eingcküßt haben, da mögen wir wohl selber schon, laut oder leise, trotzig oder verzweifelnd die Frage gesteltt haben: wozu beten wir? Der Himmel ist taub, und die Erde geht ihren Gang, unbekümmert um unser Betm. Beten wir um Gottes willen oder um unsertwillen? Wenn um Gottes willen, was geben wir ihm? Dürstet ihn, wie nach Opfersteuern, nach unserm Beten? Ist er nicht der Allwissende? Singt nicht Salomo ben Gabirol: Aeiljahrsgebeke I. Hast du schon je im Abenddämmern Der Sonne letzten Gruß getrunken, Wenn sie, des Weltalls gute Mutter, Sich lickend einmal uns noch neigte, Eh wir in tiefstes Dunkel starrten. Und hat dich Wehmut da durchschauert? So breiten heut' im Jahresdämmer Millionen, tränenüberströmt. Aus Lebensdunkel ihre Hände Hinauf zur ew'gen Weltenlicke, Und schluchzen: Licht! Nur einen Strahl! Ach Vater, nimm uns an dein Herz... Hast du schon je, glücküberwältigt, Von Kinderarmen hold umfangen, Von ihrem Jauchzen hell durchjubelt. Gezittert vor der Schreckensstunde, Da so viel Glück in Nichts zerrinnt? So neigen alle Seligen Ihr Haupt heut still im Herzens Danken Und flehen demutsvoll und bang: Sei gnädig, Herr, und schone uns. Hast du schon je im Sturmestosen Gefühlt, wie deine Kraft sich reckt. Und ehern sich entgegenstemmte, Vom Lebensjubel übermannt? So schreit heut kampfdurchbrauster Wille Und Jugendglüh'n und Jugendtrotzen, Und heißer Herzen Leidenschaften Wie Orgeldonner es hinein In Haß und Krieg, In Frevlerrotten, In Not, in Druck, in Seelenqual: Triumph dir Gott! Triumph dir Leben! Triumph! Triumph — Ich will dich, Welt! „Du weißt all meine Worte, eh' sie entflohn dem Mund, entschleiert deinem Auge liegt meiner Seele Grund?" Nährt Er seine göttliche Majestät mit unserm Gckethauch? Geizt Er, ehrsüchtigen Menschen gleich, nach Anerkennung? Macht ihn unser Dank und unser Lob glücklich? „Wenn du betest, was gibst du Ihm, oder was empfängt Er aus deiner Hand?" Oder betm wir um unsertwillen? Soll Gott um unsrer, ach, oft so törichten, selbstsüchtigen, widerspruchsvollen Wünsche willen die Weltordnung umkehren? Wie die Wolken am Hecksthimmel, so steigm die zahllosen Gckete der Menschen empor, von jedem Winde gckracht und von jedem Winde entführt. Auf wm soll Gott hörm, wenn in demselben Augenblick der eine um Sonnenschein, der andre um Regen, der eine um Sieg, der andre um Mederlage bittet? Wozu betm wir? Warum betm wir? Wer das im Ernste fragt, der zeigt offmbar, daß ihm das Wesm des Gckets fremd geblieben ist. Warum atmm die Mmschm? Warum duften die Blumen? Warum singen die Vögel? Warum überströmt ein volles Gefäß? Beten ist der Atem unsrer Seele, ist das Duften unsrer Gefühle, ist der Sang, der aus unserm Herzm klingt, ist das Leuchten unsrer Frömmigkeit, das Uckerströmm unsrer flutenden Empfindungen. Wir beten, weil das Beten dem Menschen ein eingckormes, heiliges Bedürfnis ist, aus innerer Nötigung, aus den letzten unwiderleglichen Trickm unsres Herzens. Wir betm, um uns zu Gott zu erhckm, um Gott zu uns hernickerzuflehen. In alten Märchen wird erzählt, daß ein guter Geist seinen Licklingen ein Zaubergeschenk reichte, das die Kraft besaß, ihn, dm guten Geist, in der Not heckeizurufm, damit er seinm Licklingen beistehen und sie von der Gewatt der bösm Mächte befreien könne. Solch ein Zaubergeschmk ist das Gcket, das Gott dm Mmschm verliehen hat, um ihn herbeizumfm, wann immer sie nach ihm verlangen, damit er sie von dm bösm Mächten, die über sie herrschen, frei mache. Beten baut die Wundeckrücke von Gott zu uns, baut die Himmelsleiter von uns zu Gott, daß Gott auf dieser Wundeckrücke von seinem Weltenthron zu uns hernickersteige und wir auf dieser Himmelsleiter zu ihm emporsteigen, so daß im Augenblick des Betens kern Zwischenraum, nichts Trennendes zwischm uns und ihm mehr ist. So liegt ein wunderbarer Schatz im Gcket verborgen. Im Betm glätten sich des Lckms Wogen, und es kommt Äer uns wie stille heilige Sabbatruhe. Emporgehoben über uns, über unsre Kleinheit wie über unsern Hochmut, erscheinen wir uns selbst so klein, so groß! Der mge Horizont wird weit, mit höherem Maßstab messm wir das Lcken. von Rabbiner Dr. Gottschatt, Frankfurt a. Ri. ii. Herr, lehr mich Jude sein — Und wenn ich je dem Staub verfalle, In Kleinheit zu versinken drohe, In Sinnengier und Sklavensünde, Dann lehr mich Jude sein, Und mit erhabmem Feierton Beschwöre mich Prophetenrufen Und reiße mich mit Riesenstärke Hinauf, hinauf an deinen Thron. Herr, lehr mich Jude sein — Und wenn ich Bettelarme sehe. Dann schneide mir ihr Menschenjammer Mit Messern so scharf in das Herz, Daß mir der Schmerz den Atem nimmt. Dann lehr mich Jude sein, Und jenes Urworts Gottesschrecken Er dringe donnernd auch zu mir: Ajecko -Jude, wo bist du? Herr, lehr mich Jude sein — Und wenn ich herzerschüttert stehe, Weil frommes Beten Wahrheit wird, Und aller Leidenschaften Gluten Zum ew'gen Menschheitsbunde ringen, Dann lehr mich Jude sein. Laß mich nicht, stolz auf Väterworte, Nur frevelträg beiseite steh'n Und andre heil'ges Werk vollenden — Herr, lehr mich Jude sein. Und herzentflammt auch meinen Brand Hinschleudern in die Weltenglut, Auf daß ein Völkerfreudenfeuer Auch nmh das letzte Dunkel scheuche Und einmal noch dein Schöpfungswort Wie Sturm die Erde überbrause: „Es werde Licht — es werde Frieden — Und Schwerter pflügt zu Sichln um!" Herr, dazu lehr mich Jude sein. Auf dieser Höhe ist's eine Weile aus mtt aller Bangigkeit und Erdennot: die Kämpfe ruhn, die Lckensstürme sind beschwichtigt, und unser Herz wird wie ein stiller See, der des Himmels Antlitz widerspiegelt. Und das Gcket macht leicht. Wie leicht wird's uns doch schon ums Herz, wenn wir einem treuen Freund, einer zättlichen Mutter, einem liebenden Vater sagen können, was uns drückt und was unser armes Herze quält. Wir sind schon befreit, wenn wir unser schweres Herz ausschütten können. Und wenn Vater und Mutter uns verlassen haben, und wenn wir niemanden haben in der Welt, lebt uns kein Vater in der Höhe, der uns helfen kann und hilft, wo je ein Mensch voll Andacht zu ihm gebetet hat? Unwenn Felsenlasten auf unserm Herzen lägen, sie werden im herzlichen Gebet uns leicht. So ist das Beten Flucht aus der Vereinsamung in dieser Welt. Und das Gcket macht stark. Wmn es auch unser Geschick nicht wendet, so gibt es uns die Tapferkeit und Kraft, das schwerste Schicksal wie ein Held zu tragm. Im Beten gewinnen wir die Kraft der Gelassenheit und Ergckung in Gottes Willen. Im Beten erringen wir die Freiheit von Schicksalsmacht und Erdennot. Wir lernen 'die schweren Schickungen des Lckens als Boten Gottes anzusehen, gesandt, unser innres Auge für den höherm Sinn des Menschendaseins aufzuschließen. Wir lernen mit unsern frommen Ahnen zu jckem Leid zu sprechen: „Was Gott tut, das ist wohlgetan." Wir lernen des deutschen Dichters mahnend ernstes Wort verstehen: „Nicht an die Güter hänge dein Herz, die das Leben vergänglich zieren; wer besitzt, der lerne verlieren, wer im Glück ist, lerne den Schmerz." Wer im vergänglichen Glück den Sinn und Zweck des Menschenlebens sieht, der muß freilich glauben, daß das Lcken keinen Sinn habe, so oft ihm ein Glück zeckrochen, eine Hoffnung zertrümmert wurde. Lerne, daß das Menschendasein einen höheren Sinn habe. Daß sein Sinn nicht darin liege, ein ungetrübtes Anrecht auf Genießen und Glücklichsein zu gewähren, sondern daß das Lcken eine Aufgabe und eine Pflicht sei, eine besondere Aufgabe und Pflicht in Trauer und Freude, in Armut und Reichtum, in Gesundheit und Krankhett, in Lickesgemeinschast und Vereinsamung. , So wandelt uns das Gcket innerlich um. Die heilige Gottesnähe ducket nichts Unreines, nichts Unwahres. Es zeigt uns unsre eigene Schuck und schwäche und lehrt uns, uns secker anzuklagen, wo wir sonst Gott oder Schicksal angeklagt. Denn indem wir beten, wandelt sich jedes Wort des Gckets zu einem ewigen Spiegel der Wahrheit und der Klarheit, in welchem wir unsern inneren Menschen schauen.

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