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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-09-07 · 36 (7.9.1928) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
36 (7.9.1928)
Date
1928-09-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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« Gebiet schreibe. Entscheidet man sich in dem Zweifel, in welchem einen der Verfasser beläßt, für die Annahme, daß es sich um ein Lehrbuch der jüdischen Geschichte handelt (wobei der stärkere Ton also zum mindesten auf die Volks>- äeschsichte zu legen wäre), so sind damit keineswegs alle Zweifel und Unklarheiten behoben. Denn alle Erörtermtgen, die dann um die Begriffe „Religionslehre", „liberal", „orthodox" usw. geführt werden, sind alsdann gegenstandslos. Wahrheit, die Bayer verlangt, Wissenschaft, Geschichte sind nicht liberal und nicht orthodox zu lehren) denn unter liberaler oder orthodoxer Wissenschaftlichkeit kann ich mir nicht das mindeste denken; ich kenne als einziges Kriterium dieser Begriffe nur das der Sachlichkeit. Meint der Verfasser aber doch ein betont religiöses Lehrbuch, so ist zu sagen, daß er in bezug auf die Stoffauswahl Forderungen ausstellt, die vom pädagogischen Standpunkte erstens an und für sich falsch sind, und zweitens oft einen Widerspruch bilden zu Bayers eigenen, in der Theorie aufgestellten Grundsätzen. Beispielshalber fordert er richtig, daß nach einer vorgenommenen Analyse des kindlichen Gedankenkreises der Unterricht des kleinen Kindes damit beginnen müsse, daß man an die bereits bekannten Vorstellungen des Kindes anknüpfe und ihm dann nur Einfaches und Verständliches biete. Welche Folgerungen zieht er aus dieser richtigen Theorie? Er verwirft die „schwierigen" Sagen der Stammväterzeit, will nicht Geschichten, sondern Geschichte, meint, daß mit Weglassung der Schöpfungs- und Stammvätersagen chronologisch vorgegangen werden soll (d. h. also, daß der erste Un^ terricht des kleinen Kindes mit der Geschichte des Volkes Israel in Aegypten beginnen soll?), und daß, da die Stammvätersagen aber auch „berührt" werden sollen, nie die richtige Deklarierung als Sage oder Wirklichkeit fehlen soll. Das Märchen genieße das Kind bewußt als Spiel und nicht als Wirklichkeit! Zu all dem ist zu sagen, daß hier das an und für sich gutgemeinte Streben nach liberaler Lehrbetätigung zu Fol- «gerungen kommt, die jeder pädagogischen Erfahrung ins Gesicht schlagen. Das Umgekehrte von all dem ist richtig. Das kleine Kind will keine Geschichte, denn es ist ja noch gar nicht fähig, pragmatisch und begrifflich zu denken, sondern es will allerdings Geschick) t e n, die anschaulich und konkret von Verhältnissen reden, für deren Verständnis historische, geographische und logische Denkvoraussetzungen nicht nötig sind. Gerade das Märchen ist seine Welt, denn es wendet sich an die Phantasie, und nur mit dieser nimmt das Kind zunächst auf. Ihm ist das Märchen Wirklichkeit, und es genießt es keineswegs bewußt als Spiel. Darum sind die Stammvätersagen nicht „schwierig", sondern der einzig gegebene Anknüpfungspunkt für den ersten Unterricht, — schildern sie doch vorzugsweise Familienverhältnisse, die dem Kinde nicht unbekannt sind, weil es die gleichen Beziehungen von zu Hause her kennt und weil es sich aü konkrete Persönlichkeiten halten kann, von denen aus der Weg ins Abstrakte allmählich geht. Das kleine Kind will absolut nicht wissen, was die „wissenschaftliche Forschung" zu all diesen Dingen sagt, und es ist für den Religions-- unterricht, den wir ja erteilen wollen, auch völlig gleichgültig, was sie dazu sagt. Im übrigen aber, wenn die Stammvätersagen „schwierig" sind (über die Weglassung der Schöpfungssagen läßt sich natürlich eher reden): Wie steht es denn mit dem zweiten Buche der Thora? Entsprechen die Erzählungen vom brennenden Dornbusch, von den 10 Plagen, von der Teilung des Roten Meeres usw. usw. den Forderungen Bayers nach wissenschaftlicher Wahrheit, die von Anfang an, schon beim ganz kleinen Kinde, den Gesichtspunkt für die Stoffauswahl abgeben soll? Daß diese Erzählungen dem Kinde leichter eingehen, als die Stammvätersagen, muß erst noch bewiesen werden. — Ueber die Sprache eines Lehrbuches behauptet Bayer, daß sie einfach und klar sein müsse. Daran ist nichts auszusetzen. Wenige Zeilen darauf heißt es jedoch wieder (da das Lehrbuch auch auf dem Wege über die Sprecherziehung der Denkerziehung dienen will), „die Sprache eines Lehrbuches sei so kompliziert oder besser so „hoch" als möglich". Da es sich hierbei um eine rein pädagogisckMdaktische Frage Haridelt, sei darüber nicht debattiert; es sollte auch hier nur der Widerspruch angezeigt werden. Nach all dem kann man sich von den Plänen des Vei> fassers nur sehr schlecht ein Bild machen. Daß es bei fortgeschrittener Entwicklung des Kindes natürlich darauf ankommt, gegenüber dem im Hinde selbst auftauchenden Zweifeln und Fragen die Augen nicht zu verschließen, das ist ja selbstverständlich, und jeder liberale Religionslehrer steht da vor einer sehr prekären Ausgabe, der er aber gewachsen sein muß. Ich meine, daß diese Dinge viel stärker von der Persönlichkeit des Lehrers abhängen als von einem Lehrbuch. Es handelt sich ja zunächst wohl in der Hauptsache um bio Biblisch e Geschichte. Wenn daher die grundsätzliche Frage nach besonderen liberalen Lehrbüchern erörtert werden soll, so meine ich, daß es verkehrt ist, ein Lehrbuch über die Bibel zur Grundlage des Unterrichts zu machen, sondern daß diese Grundlage d r e Bibel selbst zu bilden hat. Wir wollen die Kinder mit der Bibel bekannt machen, nicht von der Bibel mit ihnen reden. Selbstverständlich muß es sich um eine für den Schulgebrauch hergerichtete Bibel handeln, aber diese Herrichtung kann nicht in einer „Deklarierung" der einzelnen Geschichten als Sage oder Wirklichkeit, überhaupt nicht in Meinungen und Erörterungen bestehen, — das alles ist die Ausgabe des Lehrers, nicht die Aufgabe des Lehrbuches. Wir wollen keine liberale und keine orthodoxe Bibel schaffen, sondern höchstens die von pädagogischen, nicht von weltanschaulichen Gesichtspunkten aus eingerichtete Bibel für den Schulgebrauch. Tie Schulbibel wird die beste sein, die sich am engsten an den Text der authentischen Bibel anschließt. Entsprechend dieser Forderung halte ich die von so bedeutenden Schulmännern wie A. Auerbach, Tr. Joseph Gutmann und M. Hauff besorgte Bearbeitung der biblischen Geschichten von Tr. I. Auerbach für den Schulgebrauch für weit vorzüglicher als die in den letzten Jahren insbe-, sondere in der Provinz stark verbreitete Bearbeitung von S. Müller („Ein Buch für unsere Kinder"), denn hierin hat Jssi Bayer recht, daß die „naivisiercnde" und „kindisierende" Sprachform gerade da nicht angebracht ist, wo es sich um die Erhaltung des urtümlichen Eigengewächses der biblischen Sprache handeln sollte. Im Lehrbuch! In der persönlichen Erzählung des Lehrers schauen die Dingo natürlich anders aus. Auch unter den zur Verfügung stehenden Lehrbüchern der nachbiblischen jüdischen Geschichte befinden sich einige, die allen Ansprüchen des Liberalismus durchaus zu genügen in der Lage sind. Denn, wie oben schon gesagt, ein Ge-« schichtslehrbuch ist um so besser, je sachlicher es ist. Gewiß ist Geschichte kein reines Lernfach, wie etwa Mathe^ matik, sondern ein Gesinnungssach; aber all das, was zur Pflege der Gesinnung, was für die Weckung und Stärkung der Fähigkeit, entwicklungsgeschichtlich zu denken, notwendig ist, hat wiederum der Lehrer hinzuzugeben; das Lehrbuch sei sachlicher Geschichtsbericht, am besten Quellenbuch, denn es soll ja nur eine Grundlage abgeben, auf die der Schüler sich stützt; keineswegs kann und soll es die begeisterte und begeisternde Lehrer-Persönlichkeit ersetzen. Auch hierbei ist an dem sonst sehr verwendbaren, verbreitetsten Lehrbuch für jüdische Geschichte in Charakterbildern von S. Müller eines auszusetzen: Unsere heutige Jugend ist hart und sachlich eingestellt; sie lehnt Lehrbücher, die allzu b e g e i st e r t Persönlichkeiten und Lehren des Judentums darbieten, ab, weil sie die Absicht fühlt und verstimmt wird. Ein heutiger Gymnasial-Primaner lächelt über zu dick aufgetragene Begeisterung und z u starken Schwung, — aber auch schon in Tertia zeigt sich dieses Lächeln — Auswirkung der „neuen Sachlichkeit" einer Generation, die „Stahlbad", Inflation und den steilen Aufstieg des Sports hinter sich hat. Aber das sind pädagogische Erwägungen, die mit der Frage nach besonders gestalteten liberalen Lehrbüchern nichts zu tun haben. Auf einem Gebiete allerdings fehlt ein liberales Lehrbuch, und seine Schaffung wäre dringend zu wünschen: das wäre eine brauchbare, im religiös-liberalen Sinne gestaltete, systematische Reliaionslehre als Grundlage für den Unterricht in den Oberklassen der höheren Schulen. Es ist an der Zeit, daß von einer oder mehreren autoritativen Persönlichkeiten (am besten von einem Rabbiner, der sowohl die notwendigen pädagogischen Fähigkeiten und Erfahrungen besitzt, als auch den Mut, mit aller Klarheit liberaler Geistigkeit Ausdruck zu verleihen) ein solches Lehrbuch geschaffen wird. Es würde einem dringenden Mangel abhelfen, und ich glaube, daß es von den interessierten Kreisen freudig begrüßt werden würde. Zusammenfassend ist zu dm Ausführungen Jssi Bayers zu sagen, daß man sich demnach unter liberalen Lehn-, büchern — abgesehen von der Religionslehre — nur schlecht etwas vorstellen kann und daß ein solches > Lehrbuch erst vorliegen müßte, damit man sein Urteil eventuell revidiert. Manches von dem, was Bayer vorträgt, ist in der Theorie richtig, in den praktischen Folgerungen falsch, — die richtige Theorie oft so selbstverständlich, daß man etwas grundsätzlich Neues in seinen Erkenntnissen und Forderungen nicht erblicken kann. Es ist daher sehr schwer zu sagen, ob hier eine dringende Aufgabe des Liberalismus erfüllt wird. Wenn seine Anregung zu einer Diskussion über dieses 'Themq aber zu dem Ziele führt, daß eine liberale Religionslehrq für den Schulgebrauch geschaffen wird, so war es auf jeden Fall nicht zwecklos, die Frage nach liberalen Lehrbüchern anzüschneiden. BUCHERSCHAU -1 Kalender der Talmud Thora Knesseth Israel Die Talmud Thora Knesseth Israel zu Berlin, die in früheren Jahren schon wiederholt einen Kalender herausgab, läßt in diesem Jahre einen besonders reichhaltigen und schön ausgestatteten Wochen-Abreiß-Kalender erscheinen, der neben wertvollen historischen Notizen zahlreiche Angaben für das tägliche religiöse Leben enthält. Der Reinertrag dieses Kalenders, der auch äußerlich durch seine Form und praktische Anlage für jedes jüdische Haus wertvoll ist, dient zur Erhaltung der Talmud Thora Schule. Interessenten können ein Exemplar desselben durch das Büro der Talmud Thora Knesseth Israel, Berlin C. 54, Linienstraße 19, Tel. Norden 3480, erhalten. I Werbt neue Mitglieder! jüdische Reform-Gemeinde Plütze-uermlstungen za den hohen Feiertagen Für die Gottesdienste im Gotteshaus Johannisstr. 16, im Logenhaus Joachimsthalerstr. 13 und Logenhaus Kleiststr. 10 tägl. von 9—1 Uhr im Büro Johannisstr. 16. Für die Kleiststr. und Joachimsthalerstr. am Sonntag, d. 9. Sept. vorm, von 10—1 Uhr, am Mittw. d. 12. Sept. nachm, von 5—7 Uhr ind Joachimsthalerstr. 13. Preise nach Lage der Plätze von 3—25 M. Einlasskarten für den Jugendgottesdienst unentgeltlich. Liberale Synagoge Wilmersdorf Gottesdienst an den hohen Feiertagen (abends und vormittags) Beba-Palast „Atrium“ Kaiserallee Plätze zu 3, 5, 8, 12 und 15 M. erhältlich an den Theaterkassen Hermann Tietz, Leipziger Strasse und Kaufhaus des Westens, Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Burgstrasse 26, sow. jed. Freitag vor Beginn der Abendgottesdienste in der Cecilienschule. In unseren Gottesdiensten besteht keine Trennung der Geschlechter. Familien ist daher Gelegenheit zur gemeinsamen Teilnahme an der Andacht gegeben. aiinutntral« Willi. Papelbaum Berlin N 54* Rosenthalerstraße 36 Telefon: Norden 9289 versendet gegen Nachnahme Reine Gänseliesen . Pfd. 2.— Dickes Hautfett . Pfd. 1.50 la Gänseschmalz, in Dosen z. 5 n. 8 Pfd. Pfd. 2.20 jüdische Gemeinde Berlin Gemeinckemitglieckern, die für Synagogen und Vetsäle noch Eintrittskarten benötigen, ist in der jetzt stattfindencken freihändigen Vermietung Gelegenheit gegeben, aus den vorhandenen Pestbeständen persönlich Auswahl zu treffen. Schriftliche Kartenbestellungen können jetzt nicht mehr entgegengenommen werden. Kartenausgabestellen: für Synagogen: Oranienburger Straße 29 (Hofeingang), für die im Westen Groß-Berlins gelegenen Betsäle außer Philharmonie und Beethovensaal: Fasanenstraße N r. 7 9/80 — nur bis 12. September, für die übrigen Betsäle nebst Philharmonie und Beethovensaal: Oranienburger Straße 30, Repräsentantensaal — nur bis 12. September. Dienststunden: wochentägl. (außer Sonnabend) 9—1, Sonntags 9—12 Uhr. Frühzeitiges Erscheinen wird im Hinblick auf den zu erwartenden Andrang im eigenen Interesse empfohlen. Die verfügbaren Betsaalplätze sind innerhalb der gleichen Preislage um so günstiger gelegen, je früher die Mietung erfolgt. Z. Zt. sind noch verfügbar: Neue S y n.: nur Herrenplätze; Syn. Kaiserstr.: Herrenpl. in allen, Damenplätze in höheren Preislagen; Syn. Levetzowstr.: Herren- und Damenpl. in höheren Preislagen; Syn. Kottbuser Ufer: Herren- und Damenpl. in allen Preislagen. Für die anderen Synagogen sind nur noch ganz geringe, für fast alle Betsäle dagegen noch genügende Kartenbestände vorhanden. Verzeichnis der Betsäle sowie alles Nähere siehe Bekanntmachung im Gemeindeblatt und Synagogenaush'ang. Berlin, im September 1928. Vorstand der Jüdischen Gemeinde. Israelitischer Gottesdienst in Frankfurt/TN. Liberaler Ritus: Hauptsyuagoge. Freitag, d. 7. 9., abds. 6.45. Sonnabend, d. 8. 9., morg. 9, nachm. 4, Ausgang 7.45. Wochengottesdienst: morg. 7.30, nachm. 4. Synagoge an der Königsteiner Straße. Frestag, d. 7. 9., abds. 7, Jugendgottesdtenst Rabb. Tr. Lazarus. Sonnabend, d. 8. 9., morg. 9. Wochengottesdienst: morg. 7.30, abds. 7. Konservativer Ritus: Synagoge am Börneplatz Freitag, d. 7. 9., abds. 6.30. Sonnabend, d. 8. 9., Frühgottesdienst 6.30, morg. 8, nachm. 4.30, Ausgang 7.45. Wochengottesdienst: morg. 5.45, nachm. 6.30. Sonntag, d. 9. 9., morg. 5.30. Synagoge Bockenheim. Freitag, d. 7. 9., abds. 6.30. Sonnabend, d. 8. 9., morg. 8.45, nachm. 4, Ausgang 7.45. Wochengottesdienst: morg. 6. Israel. Krankenhaus Gagerustr. 36. Freitag, d. 7. 9., abds. 6.30. Sonnabend, d. 8. 9., morg. 8, nachm. 4. 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Ü., Berlin SW. 48. - Verantwortlicher Redakteur: Dipl.-Jng. B r u n o W o y d a. Berlin NW. 23. - Druck: Hermann Wegner & Co., Berlin-Mariendors.

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