Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 36 (7.9.1928)
- Date
- 1928-09-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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die entweder selbst den Jugendverbänden noch angehören oder die für die Haltung der Jugend nicht nur Verständnis haben, sondern auch die nötige Einfühlungsgabe besitzen. Weiter aber wird in der zeitlichen Abgrenzung der Kurse die Möglichkeit geschaffen, daß jeder in kurzer, aber intensiver Arbeit sich ein gewisses Stück jüdischer Bildung aneignen kann. Endlich ist durch den Zusammenschluß aller Bünde die Möglichkeit gegeben, daß hier in der Schule der „Lehrplan" die weitesten Ausmaße hat. So wird vom hebräischen Anfängerkursus bis zum hebräischen „Seminar" oder zur philosophischen Uebung etwa über eine Schrift Hermann Cohen's alles zu finden sein. Im Einzelnen soll heute nur vorweggenommen werden, daß das Hebräische natürlich eine wichtige Rolle in der Schule spielt, schon weil auf diesem Gebiet bisher am wo-, nigsten geleistet wurde. In einem acht Wochen dauernden Ansängerkursus wird man die Grundzüge der Grammatik, Schreiben und Lesen an Hand eines ganz leichten Textes erlernen können. Die übrigen Kurse für etwas und weiter Fortgeschrittene werden wahrscheinlich nur einen Monat dauern, d. h. einmal in der Woche einen Abend stattfinden. Auch Uebersichtskurse über jüdische Geschichte, in denen auch kurze Quellenbeispiele gegeben werden, obwohl sie nur sechs Wochen dauern und 12 Stunden umfassen, werden für viele von uns wichtig sein. Daneben aber werden diejenigen, die in ihrer Gruppenarbeit gewisse Grundkenntnisse von jüdischer Geschichte schon erlangt haben, in einem etwa einmonatigen Geschichtskurs sich eingehender mit gewissen Epochen der jüdischen Geschichte beschäftigen können. Es ist beabsichtigt, dort gerade die Zeiten zu betrachten, in denen das Judentum sich in der Auseinandersetzung mit der umliegenden Kultur befand. So bietet die Betrachtung dieser Zeit Anlaß zu Vergleichen mit unserer heutigen Zeit. Daß sich daneben Kurse über Bibel, Talmud, jüdische Literatur, Kunst und Philosophie finden werden, versteht sich von selbst. Es' ist auch beabsichtigt, jedenfalls einige weitere Kurse über politische und soziale Fragen der Gegenwart, soweit sie uns berühren, zu veranstalten. Was folgt für uns, wenn der Jli sich an dieser Arbeit regstens beteiligt? Die Jli-Arbeit kann sich mehr aus die Probleme konzentrieren, die die jeweils in ihm vereinigten Menschen als einzelne und als Gesamtheit angehen; sie wird von dem „Ballast" der Bildungsarbeit befreit und verliert dennoch durch die kurzfristigen Kurse nicht ihre Leute. Die „Schule der Jugend" gibt dem heute nicht berechtigten System der Vorherrschaft der Fahrt und der Heimabende um der Aussprache willen erst die Berechtigung, und sie gibt keinem einzigen von uns mehr die Ausrede, daß er keine Zeit habe, sich mit jüdischen Dingen zu beschäftigen. Jüdisch-liberale Weltkonferenz (18.-21. VIII. 1928.) Sektion „Jugend". Auf der Weltkonferenz für Merales Judentum wurden vielfach Fragen behandelt, an denen gerade die Jugend fehr interessiert ist. Eine kurze Zeit nur wurde ihr selbst zur Verfügung gestellt zur eignen Aussprache. Trotzdem in dieser Diskussion eine große Anzahl junger Menschen sprach und man immer sagt, daß gerade diese so sehr verschieden sind, so war doch bei allen Rednern etwas Einheitliches zu finden: Toleranz gegenüber den andern Richtungen und Wille zur gemeinsamen Arbeit mit ihnen. Das Referat hatte Ludwig Lewin (Jli-Berlin): Biel hat man hier schon über das liberale Judentum geredet, und doch stehen wir noch längst vor der Frage. Ein liberales Judentum können wir nur auf dem Weg von unserer Einstellung zurück zum Judentum gewinnen. Hier müssen wir auf einer Stufe stehen bleiben, auf der wir uns ein Judentum, nämlich das liberale, aufbauen. Uns dieses Judentum zu schaffen, und dann den Zusammenhang mit ihm zu wahren, ist unsere Aufgabe. Diese Aufgabe wird uns vielleicht leichter fallen als der vorigen Generation, weil einige Eigenschaften in der heutigen Jugend stärker ausgeprägt sind als bei der früheren: vor allem Gemeinschaftssinn und mehr gefühlsmäßige Einstellung zur Religion. Der Beweis hierfür ist das Verlangen nach gemeinsamen Fahrten einerseits und Gottesdiensten und Freitag-Abend-Feiern andererseits. Nicht als jüdische Jugendbewegung — wenn wir Jugendbewegung in ihrer ursprünglichen Bedeutung nehmen — können wir uns bezeichnen, denn diese ist tendenzlos. Wir aber haben eine Tendenz: ein liberales Judentum zu schaffen. So gehen wir über die „Jugendbewegung" hinaus, ohne aber auf ihre Eigenschaften zu verzichten: Ehrlichkeit, Kameradschaft, Gemeinschaftssinn. Diese Mittel, denn das sind sie uns in unserer Arbeit, sind dann die Brücke zur Jugend im allgemeinsten Sinn. — In der Jugend ist der Wille zur Religiosität. Unsere Aufgabe ist es, diesen Willen nur zu erwecken, die Menschen nicht „gläubig" zu machen, sondern ihnen das Judentum zu zeigen. Es hat keinen Zweck, jungen Menschen einiges, das Wertvolle, beizubringen: man soll ihnen möglichst vieles nahe bringen: sie selbst wollen das Wesentliche entdecken. Das ist der Weg, ein liberales Judentum zu schaffen. Wir im Jli haben diesen Weg beschritten: Gemeinsame Arbeit in Bibel, jüdischer Geschichte und jüdischer Philosophie lehren uns das Judentum kennen, unser Gottesdienst, unsere Freitag-Abendseiern lassen dem Gefühlsmäßigen Raum, gemeinsame Fahrten fördern Gemeinschaftssinn und Kameradschaft. Auch über jüdische Sitten und Gebräuche wird gesprochen, und besonders bei dieser Gelegenheit ist die Verschiedenheit der links- und rechtsliberalen groß und wertvoll, da man auf diese Weise viel kennen lernt. — Noch andere Jugnwbünde gibt es, deren Arbeit sich teilweise mit der unseren berührt, in erster Reihe „die Kameraden", die „D.J.J.G." und der „Verband jüdischer Jugendvererne"^ Noch fehlt uns der Zusammenhang mit ausländischer jüdischer Jugend. Dieser muß gesucht werden, denn durch ihn kann viel mehr als durch einzelne Bünde geschafft werden; und ein Gemeinsames eint ja die Jugend aller Länder, der Idealismus. Au dieses Referat schloß sich die Diskussion unter Leitung von Professor Morgenstern an. Ms erstes teilt er mit, daß uns, durch die Ausdehnung der vorher stattgefundenen Sitzungen, nur noch eine Stunde Zeit bliebe. Dies bedeutete bei der Zahl der bereits gemeldeten Diskussionsredner eine Redezeit von 4 Minuten. — Als erster sprach Rabbiner Perlzweig (London). Er betrachtet es als unsere Aufgabe, nicht jüdische Mission zu trerben, sondern den Menschen den Stolz einzupflanzen, Jude zu sein. Die Jugend hierzu zu erziehen, hat man in England mehrere Wege eingeschlagen. Um schon die Kinder dem Judentum zurückzugewinnen, bezw. zu erhalten, hat man Elternabende eingerichtet, auf denen man durch Vorträge und Diskussionen den Eltern (und durch sie den Kindern) unsere Ideen nahe bringt. Für die Jugend werden ebenfalls Abende mit Referaten und Aussprachen abgehalten. Gegen den Gottesdienst, den sich die Jugend alleine schafft, wendet man sich dort aber, denn dadurch würde es der Jugend zu bequem gemacht, sie lernt kein Hebräisch mehr urw findet sich nicht mehr in den allgemeinm Gottesdienst hinein. Außer jüdischen Bereinigungen gibt es noch etwas in England, was wir hier nicht kennen: monotheistische Vereinigungen, in denen ebenfalls in unserem Sinne gearbeitet wird. — Rabbiner Silbermann (New-Aork) machte den Kongreßteilnehmern schwere Borwürfe, daß man uns nur eine Stunde für unsere Fragen, die die wichtigsten wären, ließ. Dies allein wäre bezeichnend für die Art, in der man die Jugend stets behandelt und zurückgesetzt hätte. Und daß die Andern in dieser einen Stunde nicht einmal dabei wären, sondern Referate über „Gottesdienst" und „häusliches Leben" anhörten, wären nur eine Folge davon. Hätte man die Jugend von jeher mehr zu Worte kommen lassen, so wären diese Erörterungen jetzt überflüssig. Die Klage über irreligiöse Jugend sei ganz unberechtigt. Denn die Jugend von sich aus ist religiös. Wenn sie sich anders entwickelt, so ist das nur die Schuld Irreligiöser Eltern. Wohl gibt es eine Zeit in der Entwicklung des jungen Menschen, meistens die Jahre zwischen 15 und 21, in denen er allen religiösen Dingen skeptisch gegenübersteht und sie völlig ablehnt, aber sie ist wirklich nur eine Uebergangszeit, in der man ihnen möglichst das Wesen des Judentums nahe bringen sollte. Am Ende dieser Stufe findet die Jugend dann zurück zur Religiosität und das „Heilig, heilig, heilig" wird von chnen allen dann anerkannt. — Ludwig Hermann (Jli-Frankfurt, Mannheim) forderte dazu auf, Anschluß mit der ausländischen auch anders konfessionellen Jugend zu schließen. Denn einer unserer Haupttriebe müßte der Pazifismus sein; die Worte Walther Rathenaus sollten für uns ständig gelten: „pace, pace, pace." — Rabbiner Elk (Stettin) sprach über jüdische Erziehungsarbeit, die in der Schule oder anderen äußeren Einflüssen einsetzen müßte. Denn noch gibt es kein jüdisch-liberales Heim. Unterstützt werden sie in ihrer Arbeit durch jüdische Märchen, Theaterstücke, Lieder und Spiele. — Eine Entgegnung auf die Worte von Ernst Heinrich Seligsohn (Jli-Berlin) am vorigen Tage, bildete die Rede von Dr. Hoffmann (Jli-Frankfurt). Er fühlte nicht den Riß, den E. H. S. zwischen Judentum und Deutschtum manchmal empfände. Bildlich ausgedrückt betrachtet er Deutschtum als Vertikale, Judentum als Horizontale, deren Bereinigung sehr wohl möglich wäre, und im Jli-Frankfurt auch gefunden wäre. — Martin Goldener (Berlin) vermißt auf der ganzen Tagung, wie auch sonst im Leben, Taten und Verwirklichung. Als Beispiel für die Starrheit der Formen führt er das Gebet am Eingang jeder Sitzung und das fehlende Tischgebet am Ende der gemeinsamen Mahlzeiten an. Der heutigen Jugend ginge es nicht nur um das Wissen, sondern auch um den Glauben. Diesen Geist, den Glauben an Gott, zu pflegen, ser die „Schule der Jugend", in der sich die Bünde des gesamten Reichsausschusses für jüdische Jugendverbände, ohne Rücksicht auf die Richtung, zusammenfinden sollen, geschaffm. Betty Markus (Jli-Berkin) bedauerte die Art der Liberalen, sich ständig in der Defensive zu fühlen, und aus ihr heraus zur Offensive zu schreiten. Die jüdische Jugend hätte den Willen zur Gemeinsamkeit und könnte nicht dort mitschaffen, wo dem Gedanken der Toleranz ständig entgegengearbeitet würde. Der Beifall, mit dem die Reden ausgenommen wurden, zeigte, daß die Anwesenden, und das war nicht nur Jugend, mit den. hier geäußerten Gedanken einverstanden waren. Alles in Allem war es ein Zeugnis des Willens zur Religiosität und gemeinsamen Arbeit. Hilde Hamburger. Zu dem Buche „Die Revolution der modernen Jugend" des Jugendrichters Lindsey Es handelt sich in diesen Zeilen nur um eine lose und skizzenhafte Aneinanderreihung von Gedanken. Denn ich glaube nicht, daß man die angeschnittenen Probleme in einem so großen und bunt zusammengewürfelten Kreis, wie es die Leser der „Jli-Mrtteilungen" sind, energisch zu Ende diskutieren kann. Es erscheint mir wichtig, vorweg zu sagen, wer Ben b. Lindsey, der Verfasser der Bücher: „Die Revolution der modernen Jugend" und „Die Kameradschaftsehe", ist. Er ist Richter des Jugend- und Familiengerichts in Denver in den Bereinigten Staaten von Nordamerika. Vor ihn werden also alle Fälle gebracht, in denen Jugendliche mit dem Gesetz in Berührung kommen oder auch in Berührung zu kommen drohen, ferner alle Fälle, in denen Familienfachen vor Gericht kommen, vor allen Dingen also Scheidungsklagen. Es ist darum verständlich und dankbar zu begrüßen, wenn Lindsey seine langjährigen Erfahrungen der Allgemeinheit zugänglich macht und versucht, Mittel zu zeigen, wie die Menschen vor den traurigen Vorkommnissen zu bewahren sind, die sie vor seinen Richterstuhl führen. Da sich seine Vorschläge vielfach auch auf die Regelung unserer Lebensverhältnisse anwenden lassen, müssen wir zu ihnen Stellung nehmen. Sein Rezept ist einigermaßen einfach. Wir könnten es mit dem Worte „Aufklärung" bezeichnen. Er behauptet, die Schwierigkeiten der Jugend bestünden vorwiegend auf sexuellem Gebiet: die jungen Leute lieben sich (was nach seiner Beschreibung mehr im leiblichen als im seelischen Sinne zu verstehen ist) und stoßen dabei auf die Vorurteile der Alten. Sie kehren sich jedoch nicht daran, sondern tun — natürlich heimlich —, was sie gut dünkt; und wenn es zu spät ist, das bedeutet in den von ihm geschilderten Fällen meist, wenn ein Kindchen unterwegs ist, sind sie ratlos und kommen zu ihm. Seine Hilfe besteht darin, die Vernichtung des keimenden Lebens zu verhüten und das Kind nach der Geburt unterzubringen. Diese Hilfe ist ausgezeichnet; sie läßt sich nur von dem Grundsatz leiten, nicht ein junges, unschuldiges Leben unter der Handlungsweise seiner Erzeuger leiden zu lasten. — Was er als die Not der Jugend ansieht, ist zumindest sehr einseitig gesehen. Zunächst schon deshalb, weil er nur von rem Teil der Jugend spricht, den man als den „bürgerlichen" bezeichnen könnte. Für den Proletarier bestehen die Konflikte, die er schildert, gar nicht. Das unehelich« Kind steht für ihn auf derselben Stufe wie das eheliche, so daß der proletarische Jugendliche deswegen jedenfalls nicht mit den Eltern in Konflikt gerät (höchstens wegen der finanziellen Seite dieser Angelegenheit). Vielleicht dagegen gerät er mit sich selbst wegen seiner Handlungsweise in Konflikt; aber das ist bei den von Lindsey geschilderten Fällen nicht so. Lindsey sucht diesen Konflikt auch gar nicht in dem Jugendlichen hervorzumfen, es 'ei denn, daß es aus Gründen der Nützlichkeit geboten er- 'cheint. Und damit sind wir da angelangt, wo unsere Kritik an dem ansetzt, was Lindsay geschrieben hat. Worüber er nicht geschrieben hat, ist die Revolution der Jugend, die sich aus ihren Schwierigkeiten gegenüber Kultur und Wirtschaft und deren Ethos ergibt; und die sind mindestens ebenso stark und häufig wie ihre sexuellen Schwierigkeiten. Lindsey hat also genau genommen nicht über die Revolution der modernen Jugend geschrieben, sondern über die Revolution eines Teils der modernen Jugend auf sexuellem Gebiet. Die Zustände, über die Lindsey schreibt, sind ungefähr folgende. Auf den höheren Schulen und Universitäten und im Geschäft sind Jungen und Mädchen (etwa zwischen 16 und 25 Jahren) zusammen. Es ist ganz natürlich, daß zwischen beiden eine Anziehung stattfindet. Wird sie vertraulicher, so lädt der Jüngling seine Dame zu einer Autotour ein (offenbar ist in Amerika der Besitz eines Autos sehr verbreitet), auf der es mehr oder minder schüchtern zu Zärrtlichkeiten kommt, die das Maß dessen, was etwa beim Tanz erlaubt ist, durchaus nicht zu überschreiten brauchen. Zu einer solchen Autotour gehört aber (trotz der „Trockenlegung!") eine Flasche mit Schnaps. Das löst dann die letzten Hemmungen. — Das hört sich nun sehr einfach, geradezu grausam an. Daß es sich aber in Wirklichkeit so oder ähnlich verhält (auch bei uns), werden uns die Juristen oder die sonst einmal der Sitzung eines Gerichtshofes für Alimentenklagen zugehört haben, bestätigen. Die Wirklichkeit ist tatsächlich so, und an uns ist es, sie zu ändern. — Daß man dafür sorgen soll, die diesen Verbindungen enfftammenden Kinder nicht unter ihrer Herkunft, für die sie doch nichts können, leiden zu lassen, eischeint mir selbstverständlich; leider ist es das aber noch nicht überall. — Diese Zustände erregen das Mißfallen der älteren Generation und führen deshalb zu Heimlichkeiten und Angst bei der Jugend. Lindsey behauptet nun, man müßte den Dingen, wie sie sind, ins Auge sehen, dann würden die Heimlichkeiten aufhören und die Zustände würden gesünder. Ich bezweifle das sehr stark: es handelt sich hier um Dinge, die derart persönlich erlebt werden, daß sie jeder normal empfindende Mensch geheim hallen wird. Aber selbst wenn die Heimlichkeit aufhört, werden die Zustände dann wirklich gesünder werden? Ich behaupte: nein. Denn soll das Liebe stin, wo die Menschen unter der Wirkung eines Rauschgiftes, des Alkohols, ihrer Sinne nicht mehr mächtig, chrem Triebe folgen? Man stellt naturwissenschaftlich den Nahrungstrieb und den Geschlechtstrieb in eine Reihe; mit Recht. An dieser Nebeneinanderstellung läßt sich sehr gut erläutern, was ich meine. Habt ihr z. B. schon mal einen Affen eine Apfelsine verzehren sehen? Er zerfleischt sie, wir sagen: er „frißt". Bon uns Menschen behaupten wir, wir „essen".' Wir bezeichnen den in dieser Berhaltunasweise liegenden UnterschiH mit dem Worte „Kultur". Ich könnte auch andere Beispiele bringen. Schließlich „kultivieren" wir heute ganze Teile der Natur; wir treiben Bodenkultur, Körperkultur, usw. ustv. Nur eins zu kultivieren, bedenken wir allzuwenig: den Geschlechtstriüb. Wir Juden sollten das am allerbesten wissen. Bedeutet nicht jeder Segensspruch, jede religiöse Verrichtung zugleich die Kultivierung eines Stückes unseres Lebens? Unsere Lehre kennt auch eine sexuelle Kultur, trotz der Vielweiberei des Orients; ja, gerade sie ist der Gegenstand zahlreicher Gesetze.-— Allein der Begriff der Kultur reicht für diesen Lübensbezirk nicht aus: Kultur drückt das Verhalten des Menschen zur Sache aus, Liebe ist das Verhallen von Mensch zu Mensch. Darum ist Liebe mehr als nur Triebbefriedigung. Gewiß ist auch Lindsey dieser Ansicht, aber leider tritt er dafür nicht ernergisch genug ein und wirkt zu wenig in diesem Sinne auf seine Jugend. Er spricht nur als Praktiker von der Triebbefriedigung und ihren Folgen. Er begeht damit den Fehler, der m. E. unserer Zeit das Gepräge gibt: er überbetont das Körperliche vor dem Geistigen. In dem Verhallen zweier (und mehrerer) Menschen zueinander waltet nicht nur Kultur, herrscht, herrscht viel mehr noch Verantwortung für einander und gegen sich selbst. Davon nun finden wir bei Lindsey nichts, weder ist sie vorhanden, noch fordert er sie. Ja, in einem Punkte fordert er sie: in dem Eintreten für die Konsequenzen. Mer ist das verantwortungsbewußtes Handeln, wenn Menschen im Rausch handeln und selbst nachher noch nicht zu übersehen imstande sind, was sie angerichtet haben? Wo der Fehler liegt, ist leicht zu sagen: in der Erziehung. In der Schule sängt's an; im Büro, in der Universität, im Schundroman, rm Kiffchfilm geht's weiter; im Leben bewährt sich's. Die Lehrer machen womöglich mit: beim Zotrnreißen- Man beschmutzt sich selbst, und das ist verantwortungslos gegen das Bessere im Menschen. — Ich wäge nicht zu entscheiden, ob es eine allgemeine Grenze der Verantwortung und des Handelns gibt. Mer ein jeder muß wissen, wo seine Grenze liegt, wie weit er für sich und den andern Verantwortung tragen kann. Erst dann darf er den andern mit in seinen Kreis ziehen. Davon erwähnt Lindsey nichts; auch in seinen Gesprächen mit Jugendlichen, die er wrüdergibt, findet sich nichts dergleichen, außer wo es sich um Verantwortung aus wirtschaftlichen Motiven, etwa um Unterhaltungspflichten, handelt. Ich verstehe Lindsey in dieser Einstellung: mit dieser Seite der Angelegenheit hat er vorwiegend zu tun, also vernachlässigt er andere, wie etwa rein ethische, Gesichtspunkte. Unverzeihlich finde ich diese Unterlassung nur deshalb, weil er Jugendrichter, also vorwiegend Erzieher ist, weil er ferner dieses Buch vom Standpunkt des Erziehers zu schreiben beabsichtigte. Der Erzieher muß Werte als erstrebenswert vor den Zu-Erziehenden setzen und muß ihn anlerten, sie zu verwirklichen. Das tut Lindsey nicht. Vielleicht fühlt er sich als Jurist und zu sehr naturwissenschaftlich eingestellter Mann dazu nicht imstande. Dann hat er seine Aufgabe verkehrt anfgefaßt, und wir müssen erklären, daß fern Buch unseren Ansprüchen nicht genügt. . Hans Löwenberg!..' *) Nicht zu verwechseln mit Kultur ist Zivilisation. Die Zivilisation des Geschlechtslebens ist sehr weit gediehen (Raffinement).