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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-09-07 · 36 (7.9.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
36 (7.9.1928)
Date
1928-09-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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AachklSnge $ut liberalen Wellkonseren; für das religiöse Gefühl und die Andacht erweckt werden müsse. Er wollte aber auch die Erwachsenen zu neuem religiösen Leben führen, denn die alte Synagoge, „die Juden-« schule", hatte jede Anziehungskraft auf die Gebildeteren verloren. Der Gottesdienst „gewährte keine Andacht, keine Augenweide, keine Herzenslabung; die Gebräuche starr, die Töne betäubend, das Gebet kalt, herzlos, leere Gewohnheit, der Anblick betrübend". (Jost.) Er wußte, daß wohl für einzelne hervorragendere Geister Belehrung und Aufklärung genügen könne, um sie für neue Ideen zu begeistern, daß aber für alle anderen, für die große Masse, andere Einwirkungen erforderlich seien, nicht nur rein geistige, sondern auch sinnliche, dekorative, er war nicht Theoretiker, sondern Praktiker. In vielen kleineren Gemeinden des Königreiches wurde das Beispiel der Kasseler Schule und ihres Betsaales nachgeoHmt, soweit es die Mittel gestatteten. Ueberall entstanden Schulen und geordnete Gottesdienste, eine Orgel konnten sich nur wenige Gemeinden leisten. Eine Einrichtung fand allgemein Beifall und Nachahmung und hat sich vielerorts lange Jahre erhalten: die gemeinsame Konfirmation (Religionsweihe) von Mädchen und Knaben. Auch die feierlich und würdig gestalteten Feiern der Trauungen und Beerdigungen führten sich dauernd ein. Schon im Jahre 1807 hatte Jacobsons Schwager, Isaak Herz Samson in Wolfenbüttel eine der Seesener gleichartige Schule mit Gottesdienst eingerichtet. Auch diese besteht heute noch. Seinem Versprechen gemäß war Jacobsons Interesse für die Schule in Seesen ein unverändertes geblieben. Im Jahre 1809 begann er den Bau eines schönen Tempels hinter dem Schulhause, eine Orgel wurde mit eingebaut. Dieser Tempel wurde am 17. Juli 1810 eingeweiht in Gegenwart einer großen Zahl eingeladener Staatsmänner, Gelehrter, Künstler, Geistlicher, Schulmänner und Rabbiner. Die Feier machte auf alle Anwesenden einen gewaltigen Eindruck, besonders auch auf die Nichtjuden. Nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Herrschaft (1814) verzog Jacobson nach Berlin und setzte dort feine erfolgreiche Tätigkeit fort. Auch in Berlin herrschten damals in bezug auf Gottesdienst und Unterricht recht betrübende Zustände. Die Synagoge stand leer, regelmäßiger Religionsunterricht fehlte. Gottesdienst und häusliche Feiern, Trauungen und Beerdigungen erfolgten ohne jede Weihe und Ordnung, aber mit Unruhe und Lärm. Deutsche Predigten und Ansprachen kannte man nicht. Wohl wurden solche Mängel allseitig von den Gebildeten empfunden, aber es hatte sich bisher kein Helfer gefunden. David Friedländer und sein Kreis hatten andere reformatorische Bestrebungen. Jacobson erfüllten diese traurigen Zustände mit tiefem Schmerz und Bedauern. Er war nicht gewohnt, zu zaudern, und entschloß sich rasch zum Handeln. Er richtete in seinem Hause einen Privatgottesdienst ein, in derselben Art, wie die von ihm in Kassel geschaffene Einrichtung, denn öffentlicher, reformierter Gottesdienst wurde behördlich nicht gestattet. Die hebräischen Gebete wurden ohne' Textänderung würdig und mit korrekter Aussprache vorgetragen, hebräisch« und deutsche Gesänge wurden von OrgeMang begleitet. Da es geübte jüdische Organisten und Sänger nicht gab, mußte er auch nichtjüdische Kräfte heranziehen. Einen Hauptwerk legte er auf die Predigt, die er anfänglich selbst abhielt, bald aber fand er auch jüdische junge Gelehrte und Studenten, darunter den später berühmt gewordenen Dr. Leapold Zunz, die als Prediger bei seinen Gottesdiensten mitwirkten. Jacobson war überzeugt, daß er den gebildeteren Teil der Berliner Judenschaft durch schönen, geordneten Gottesdienst wieder zur Teilnahme an religiösen Feiern und damit auch zur Religion zurückführen könne. In der Tat fand seine Einrichtung großen Beifall, die Zahl der Teilnehmer wuchs rasch, so daß der verfügbare Raum zu klein wurde. Der Vater Giacomo Meyerbeers, Jakob Beer, stellte seine weit größeren Räume zur Verfügung, und der Gottesdienst wurde dorthin verlegt. Jedoch schon gegen Ende des Jahres 1815 verfügte die Regierung, auf Betreibung der Altfrommen, die Schließung des Betsaales. Der Gemeindevorstand, der die Wichtigkeit dieses Gottesdienstes erkannt hatte, beschloß, den Gemeindegottesdienst während des Umbaues der Synagoge in der Heidereuteraasse in Beers Räume zu verlegen, beziehungsweise den Jacobsonschen Gottesdienst für Gemeindeeinrichtuna zu erklären, es vergingen aber infolge der erforderlichen Verhandlungen fast zwei Jahre, bis der Betsaal wieder eröffnet werden konnte. Die altrabbinische Partei, die die Jacobsonschen Einrichtungen von vornherein mit größtem Argwohn betrachtet hatte, setzte nunmehr alle Hebel in Bewegung, um diesem reformierten Gottesdienste ein Ende zu bereiten. Ihren unermüdlichen Wühlereien gelang es endlich im Jahre 1823, den Erlaß einer königlichen Kabinettsordre herbeizuführen, durch die jede Aenderung des Kultus, selbst Predigten und Ansprachen bei Beerdigungen und Hochzeiten in deutscher Sprache als Sektenwesen für ganz Preußen untersagt wurden. Diese Verordnung war bis 1840 in Kraft. Damit war Jacobsons Bestrebungen ein Ende gemacht. Enttäuschungen und Aufregungen hatten seine geistige Kraft und körperliche Gesundheit untergraben, er kränkelte seit der Zeit. Nur fünf Jahre überlebte er den Zusammenbruch seines Lebenswerkes; am 13. September 1828 schloß er für immer die Augen. Dem rastlos für die Emanzipation und die geistige und sittliche Hebung seiner Glaubensgenossen tätig gewesenen Manne durfte von keinem feiner Freunde ein Nachruf am Grabe gesprochen werden! Erst bei der Eröffnung der N e u e n S y n a g o g e in der Oranienburger Straße im Jahre 1866 traten wieder Einrichtungen im Jacobsonschen Sinne ins Leben, wurde wieder ein Gottesdienst, wie er ihn gestaltet hatte, eingericktet. In der Zwischenzeit hatte sich aber das ereignet, was Jacobson verhindern wollte: eine wahre Flucht aus dem Judentum trat in den 20 er und 30 er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Berlin ein als eine Folge der altrabbinischen Intoleranz. Eine zweite Folge war die erschreckende Indifferenz, die unter der Judenschaft Berlins und anderer Großstädte Platz griff und die heute noH viele Söhne Israels beherrscht. Dick feit etwa 20 Jahren wieder eingetretene religiös-liberale Bewegung hat das Werk Jacobsons wieder ausgenommen und wird es weiter führen. Die vor wenigen Wochen stattgefundene Tagung des Weltverbandes für fortschrittliches Judentum hat den Beweis gebracht, daß die religiösliberale Bewegung mächtig erstarkt ist und in Ost und West, Nord und Süd weiteste Verbreitung gefunden hat. Laßt uns nicht vergessen, daß Israel Jacobson unter den Begründern des reformierten Judentums den ältesten Platz einnimmt! Ehre seinem Andenken! kritischer Epilog Von Bruno Wohda. Drei Wochen trennen uns nun von der Berliner Tagung des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum. Wir gewinnen Distanz. Und erkennen, da Inhalt und Form der Konferenz sich in unserem Bewußtsein zu scheiden baginnen, nun klarer, welcher Wert ihr beizumessen ist, welche Folgerungen für die Praxis sich aus ihr ergeben, aber auchwelche Mängel ihr anhafteten. Auch hierüber offen zu sprechen, scheint mir ein Gebot der Pflicht gegenüber der Sache, der wir dienen wollen, scheint mir zudem ein Zeichen vertrauender Stärke. Diese Konferenz war, so hieß es in dieser Zeitung bereits unmittelbar nach ihrer Beendigung, „kein Abschluß, sondern ein Beginn". Zur Fruchtbarmachung der gewesenen Konferenz und kommender Tagungen des liberalen Weltverbandes sollen diese Zeilen dienen. Sie sind, was für unsere jüdischen Gegner in Deutschland und für unsere liberalen Freunde im Ausland noch besonders betont sei, nur meine persönliche Ansicht; als solche nur können sie gewertet werden, nicht aber als Auffassung irgendeines liberalen Gremiums. * Warum gibt es, wie ich aus Gesprächen feststellte, Einige, und ich bekenne mich zu ihnen, denen die Konferenz „noch nicht genügte"? In denen sie vielleicht sogar die Empfindung einer gewissen Depression hervorrief, da sie fühlen, daß ein wesentlicher Teil ihrer Erwartung unbefriedigt blieb, wenn nicht gar enttäuscht wurde. Nichts wäre nach meinem Dafürhalten verfehlter, als wenn die, die so fühlen, nun in dumpfer Resignation abseits stehen blieben. Ihre tiefe Verbundenheit mit dem liberalen Judentum bürgt dafür, daß ihre Kritik nicht negieren, sondern bejahen, nicht hemmen, sondern fördern, nicht abbauen, sondern aufbauen wird. Und wenn ich als erster von ihnen hier dieser Auffassung Ausdruck gebe, so geschieht es, um aufzurufen. Aufzurufen zur Arbeit, zum Mitschaffen an der Errichtung des Baues, den w i r liberales Judentum nennen. Zwei Quellen hat unser Gefühl des Unbefriedigtseins. Die erste kommt aus der Tiefe der gedanklichen Grundlage des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum. Die Erörterung religiöser Probleme ist gewiß stets erfreulich, urrd das Ringen nach göttlicher Wahrheit stete Aufgabe des Einzelmenschen und jeder Menschengemeinschaft. Also natürlich auch des Weltverbandes. Doch hier müßte sich zeigen, daß die Grundeinstellung seiner Mitglieder im Wesentlichen Gemeinsamkeit aufweist. Nicht etwas Negatives — etwa die Ablehnung der Orthodoxie — kann das Fundament des liberalen Judentums, den Untergrund der Arbeit seiner Weltorganisation bilden, nur Gemeinsamkeit des eigenen religiösen Weltbildes im Grundsätzlichen vermag das Bestehen eines religiösen Sonderverbandes zu rechtfertigen. Hier aber ist der tiefste Grund unserer quälenden Unruhe. Margolius hat in dem in voriger Woche veröffentlichten Leitartikel gewiß Recht mit der Feststellung, die Kontferenz habe gezeigt, „liberales Judentum ist zunächst bestimmte Gesinnung des Glaubens, nicht bestimmte Praxis synagogaler Institutionen", er hat gewiß Recht, wenn er eine Entscheid dung zwischen den gegensätzlichen Meinungen, zwischen rationaler und autonomer Religion ablehnt. Der Einzelne hat zu ringen, hat sich zu entscheiden. Er hat Anspruch, darauf, daß feine Entscheidung respektiert wird, daß man seiner Ueberzeugung Achtung zollt. Das alles ist selbstverständlich. Aber darum handelt es sich nicht. Es handelt sich darum, daß heute das Fundament des liberalen Judentums durch einen tiefen Riß in zwei Teile geborsten ist. Nicht von Nuancierungen spreche ich, man tut beiden Teilen Unrecht, wenn man die Dinge so sieht. Ich spreche davon, daß ein Haus nicht auf einem geborstenen Fundament stehen kann, daß zwei kleine, festgegründete Häuser mir sinnvoller erscheinen, als ein großes Haus auf geborstenem Fundament, in dem zu wohnen niemand letzte Befriedigung bereiten dürfte, das wohnlich einzurichten sinnloses Bemühen wäre, das der Menschheit als Schmuck zu zeigen undenkbar wäre. Um noch konkreter zu sprechen: Die religiösen Grundanschauungen — der Deutlichkeit halber seien die Extreme genannt — von Wiener und Lehmann weichen voneinander so stark ab, daß von einer gemeinsamen religiösen Grundlage nicht mehr gesprochen werden kann. Beide haben, das sei nochmals betont, Anspruch auf Achtung ihrer Ueberzeu- .gung, beide sind geschlossene Persönlichkeiten, über deren Meinungen zu richten niemandem zusteht, beide sind aber auch Menschen, die ehrlich genug fein dürften, einzugestehen, daß ihr religiöses Weltbild nur durch ein Negatives sich als „liberales Judentum" zusammenfindet: durch die durchaus verschiedenen Motiven entspringende Ablehnung der Orthodoxie im Judentum. Dr. Wiener — er beschäftigt uns hier selbstverständlich nicht als Einzelpersönlichkeit, sondern als Repräsentant eines Teils des heutigen liberalen Judentums — hat in einer Diskussionsrede seinen Standpuntt klargelegt, der ja auch aus seinem sonstigen Wirken, insbesondere aus der Schrift „Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma", bekannt ist. Mit einer Ehrlichkeit und Klarheit, die sich wohltuend von den so oft nach vielen Seiten schön-schillernden Reden Anderer unterscheidet. Sein Gedankengang sei möglichst mit seinen eigenen Worten wiedergegeben: Das religiöse Prinzip des Ltteralismus besteht nicht darin, irgendetwas mit der wissenschaftlichen Wahrheit in Uebereinstimmung zu bringen. Was mit wissenschaftlicher Wahrheit übereinstimmt, gehört in die Wissenschaft. Der Satz von dem einzig-einen Gott wird ein Satz der Wissenschaft wie irgendein Satz vom Atomgewicht, wenn wir Nachweisen, daß Gott einzig-einig und nicht drei-einig ist. Die Wissenschaft ist atheistisch. Wir haben es in der Religion mit ganz anderen Dingen zu tun, mit dem ungeheuerlichen Glauben, daß wir in einem permanenten Wunder doch etwas anderes erleben als die zu konstatierenden und in Regeln zu bringenden Tatsachen der Wirklichkeit. Wir haben uns zunächst einmal tief darin einzufühlen, daß es ein Weltüberlegenes, ein absolut Anderes gibt, demgegenüber Kultur, Wissenschaft, Leben, ja sogar Ethik und Moral etwas Diesseitiges sind, ein Religiös^ Göttliches, von dem wir überhaupt nur wissen, daß es das absolut Wertvolle ist, das, sobald wir es irgendwie zu gestalten suchen, immer unseren Händen entschwindet. Das ist das religiöse Prinzip. Der Sinn des Liberalismus ist kein Inhalt, er ist eine Methode. Wir müssen in jedem Augenblick sagen: als etwas anderes, als irgendeine welthafte Größe, als irgendetwas Kosmisches, als etwas wissenschaftlich Kontrollierbares, spricht Gott zu mir in einer offenbarungshaften Weise. Indem ich religiös bin, bin ich zunächst völlig herausgestellt aus dem Leben, aus allem, was Leben und Kultur ist. Es kann keine Religion geben, ohne im Innersten der Kultur gegenüber indifferenten Wert. Hat Dr. Wiener so die Prinzipien des religiösen Liberalismus, wie er sie sieht, klargelegt, so geht er nun an die Frage nach dem Wesen des jüdischen Liberalismus. Zwischen diesem Teil seiner Ausführungen und dem allgemeinen Teil scheint mir ein gewaltiger Sprung zu liegen? doch darauf will ich hier nicht eingehen. Nur der Vollständigkeit halber sei gesagt, daß er nun „eine außerhalb! des Religiösen stehende jüdische Kulturgemeinschaft in ihrer konkreten Erdhaftigkeit und Umgrenzung" annimmt, aus der sich der Inhalt der Mischen Religion bestimmt. Der Auffassung Wieners steht die religiöse Anschauung der Mehrheit im liberalen Judentum völlig konträr gegenüber, und ich sehe nicht die gemeinsame religiöse Plattform der beiden Richtungen. Die Wiener gegenüberstehende Meinung wurde auf der Konferenz wohl am klarsten von Dr. Lehmann vertreten und kam noch besonders deutlich zums Ausdruck in dem Begrüßungsschreiben der Union of American Hebrew Congregations. Es ist die Auffassung, die ihre bisher bedeutendsten Repräsentanten in Hermann Cohen und Benzion Kellermann gehabt haben dürste. Zur Kontrastierung von der Wienerschen Anschauung fei sie so wiedergegeben: Die Souveränität der Vernunft gebietet die Einheit der Kultur, gebietet, dem Begriff der Religion im System der Philosophie einen Platz anzuweisen. Nur ein Judentum ist ^istenzberechtigt, das mtt den Grundgedanken der reinen Vernunft aufs innigste verwoben ist. Es gibt keine zwiefache Wahrheit, eine für das Göttliche, eine andere für das Menschliche.*) „Was wäre, was würde die Religion, wenn sie von anderen Quellen sich wollte entspringen, sich wollt« auch nur speisen lassen als von denen, die den Born der Wahrheit bilden? Was wäre, was würde die Religion, wenn sie nicht mehr Wahrheit sein sollte, sein wollte? Und wie könnte sie anders ihren Anteil an der Wahrheit gewinnen und behaupten als durch den Anteil an der Philosophie?" „Wenn die Intuition dem Denken der Erkenntnis entgegengestellt wird, so hat darauf schon Mephisto geantwortet: verachte nur Vernunft und Wissenschaft. Die Vernunft ist die Vernunft der Wissenschaft. Und wenn anders die Religion auf Vernunft beruhen soll, so kann es für sie keine anders Unterlage geben als die Wissenschaft, und kein anderes Instrument und Organ als die Erkenntnis. Die Prediger der Intuition braucht man nicht erst an ihren Früchten zu .-erkennen; sie enthüllen sich genugsam in ihrer Aussaat, bei der sie die Pflugschar der Erkenntnis nicht sowohl verschmähen, als vielmehr mißbrauchen. Die Verächter der Wissenschaft sind die schlimmsten Feinde der Religion." „Der Gottesbegrifs entsteht für die Religion im natürlichen primitiven Zusammenhänge mit dem Denken. Und seine geschichtliche Entwicklung vollzieht sich in der Lebendigkeit dieses Zusammenhanges, der sich immer genauer zu dem mtt der Logik, wie sie in der vereinigten inneren Geschichte vor, Wissenschaft und Philosophie entsteht, entwickelt. O h n e Z u - sammenhang mit der wissenschaftlichen Logik gibt es keine Religion von geschichtlichem Charakter. Die Mystik bildet nur Seitenwege der Religion. Und ohne den Idealismus der Hypothesis gibt es keine Wissenschaft und keine wissenschaftliche Logik; daher dürste ohne sie auch keine Religion zu erwarten sein! Die Intuition jedoch vermag keine Logik zu schaffen. Sie ist. nicht nur ein Seitenweg, sie ist ein Abweg des wissenschaftlichen Denkens." Hier ist also für das religiöse Erlebnis, wie es Dr. Wiener als Wesen der Religion empfindet, gar kein Platz, hier kann von der Anerkennung eines „göttlichen Prinzips, welches mit irgendeiner Wissenschaft gar nicht zu vereinbaren ist", keine Rede mehr sein. Gott ist nun nicht mehr ein Undenkbares, er ist der Garant der Verwirllichung des Sittengesetzes. Nun besteht nicht mehr das Religiös-Göttliche ohne Verbindung mit der Ethik. Ethik und Gottesgedanke stehen in einem unauflöslichen Wechselverhältnis zueinander. „Gott lieben, heißt in der Tat nichts anderes, als bis zur Innigkeit sich bewußt machen der Verbindung die zwischen Ethik und Religion in den Begriffen Gott und Mensch besteht." # Man glaube doch nicht, daß es sich hier nur um theoretische Divergenzen handelt, die für die Tätigkeit des Weltverbandes ohne Belang sind. Die Fundamente sind verschieden, und die Fundamente bestimmen wesentlich die Bauten, die auf ihnen errichtet werden können. Die Folgerungen, die sich für die Praxis aus den Anschauungen ergeben, hindern gemeinsames Wirken, verdammen zur Unfruchtbarkeit. Wiener rettet sich vor dem Verlieren im Mystizismus, indem er — nicht ganz logisch nach meinem^ Empfinden, doch das steht aus einem anderen Blatt — seiner Religion, damit sie eine jüdische werde, einen durch das jüdisch« Volkstum bestimmten Inhalt gibt. Es ist durchaus folgerichtig,!wenn er von „der nie vom Stammesgefühl abtrennbaren Religiosität" spricht, wenn er etwas Wesentliches darin sieht, „daß die jüdische Religion sich gewollt mit einer bestimmten Minderheit bescheidet, und zwar mit einem fest umgrenzten Ststck Menschheit, das durch Stammesverwandtschast sich geeint weiß." Es ist ganz selbstverständlich, daß er die traditionelle Form für verbindlich hält, daß er auf di« Parole der Toleranz, die Dr. Dienemann geprägt hatte, antwortete: „Das geht nicht. Wir stehen auf dem Boden einer jahrtausendealten Tradition." Noch deutlicher sagt er es in der Schrift „Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma": „Das Zeremonialgesetz spricht es fast ausnahmslos selber aus, daß es als symbolische Hindeutung auf religiöse Wahrheiten und auf entscheidende Momente in der Geschichte des Gottesvolkes verstanden sein will. Gleichwohl gestattet es keine Abschwächung und keinen Ersatz." Und weiter: „Wenn aber tatsächlich für Thora und Talmud und für das an ihnm orientierte religiöse Bewußtsein praktisch die Unverbrüchlichkeit des ganzen Gesetzes, trotz der theoretischen Erwägung feiner einstmaligen Ueberwindung im messianischen Zeitalter, gleich einem Axiom gilt — so drückt sich darin nur der eminqnt aktive, auf Wirksamkett und Bewährung ausgehende Cha- *) Die folgenden Zitat« sind der Schrift von Hermann Cohen: „Der Begriff der Religion im System der Philosophie" entnommen«

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