Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 36 (7.9.1928)
- Date
- 1928-09-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MMMmleZMm Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich IR. 2.50 Einzelnummer 0.20. Sei freier Zusendung L Inland 0.25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Sezugsprei» im Mitgliedsbeitrage enthalten, »erantworll. Redakteur: Bruno woyda. Die «Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Ar ei lag. Redaktion und Geschüslsslelle: Berlin SW 48, Wilhelmstr. 147 Fernruf: Bergmann 3359, 3350 Postscheckkonto: Berlin NW 7. 137069 (Vereinigung für da» liberale Zudeutumt Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge uur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die l2gespaltene Nonparaillezeile 0.45 Goldmark, die Reklomezeile 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: »Jüdisch-liberale Zeitung- Inseratenabteilung: Berlin Sw 48, Wilhelmstrohe 147 (Bergmann: 3358-59), sowie sämtl. Annouceu-Lxpediüoa. ILr. 36 Berlin. 7. September 192S 8. Jahrgang Israel Zacobson zum Gedächtnis Von Joseph Kauffmann. Am 13. September jährt sich zum hundertsten Male der Tag, an dem ein bedeutender Mann, einer der wich^ tigstcn Vorkämpfer für die Erneuerung des Judentums, ein Organisator hohen Ranges, ein zielbewußter, energischer Führer, kurz ein Großer in Israel, aus dem Leben gerufen wurde, In einer Zeit, in der es an klugen und weitschauenden Fühjrern fehlte, in welcher der Einfluß einer plötzlich' einbrechen«- den Aufklärung die gebildeteren Juden zum Zweifel, zum Schwanken und zum fluchtartigen Abfall brachte, in welcher die berufenen Führer, die Rabbiner und Lehrer, ratlos und tatlos beiseite standen, war JsraelJacobson der einzige, der die Notlage erkannte und kühn und energisch handelte. Natürlich habe ich ihn nicht persönlich gekannt, aber wohl seine Witwe zweiter Ehe, Jeanette, geb. Cohen, gestorbell 1871, und seinen Schwager, den Geheimen Sanitätsrat Dr. Hermann Cohen, den langjährigen Vorsteher der hannoverschen Gemeinde und ständigen ärztlichen Berater meiner Eltern, der 1891 hochbetagt verschied. Mit seinen Enkeln bin ich zur Schule gegangen, sein Bild hing in meiner Jugend in vielen jüdischen Häusern Hannovers und der weiten Umgegend der Stadt. Noch in den 70 er Jahren des vorigen Jahrhunderts fand ich bei Wanderungen im Gebiete des Teutoburger Waldes, der Bückeberge und des Deisters in jedem jüdischen Hause Jacobsons Bild, aber auch das Napoleons I. und des Königs Jerome, wohl das beste Zeichen der Verehrung und Dankbarkeit, die ihm (und diesen beiden Fürsten) die durch seinen Einfluß aus Druck und Not befreiten Juden des ehemaligen Königreiches Westfalen bewahrt hatten. Außerhalb der Grenzen seines engeren Vaterlandes, der Gebiete dieses ehemaligen Königreiches, hatte man ihn lange Zeit nicht unbefangen beurteilt. Den Altfrommen galt er naturgemäß als ein Sünder, ein Acher, aber auch von den Aufgeklärten wurde er meistens unrichtig gezeichnet, selbst der bedeutende Forscher und Geschichtsschreiber Graetz betrachtete ihn aus schiefem Gesichtswinkel. Israel Jacobson wurde am 13. April 1769 in Halber st adt als Sohn wohlhabender Eltern geboren. Als Jüngling ließ er sich in Braunschweig nieder und entwickelte dort eine so gewandte und erfolgreiche geschäftliche Tätigkeit, daß er bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Jacobson war von stattlicher Gestalt, zeigte im Umgang Gewandtheit, in der Unterhaltung Geist und Witz. Er war von hinreißender Gemütlichkeit, voller glühender Phantasie, rascher Tätigkeit und kühnem Unternehmergeist, aber auch unerschöpflicher Aufopferungsfähigkeit. Von seinem Einkommen verbrauchte er 4000 Taler für sich und 24 000 für philantropische Zwecke. Der Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig lernte ihn kennen, fand Wohlgefallen an ihm und ernannte ihn zu seinem Hoffaktor und Finanzrat, als Nachfolger seines Schwiegervaters erster Ehe. Das Glück begünstigte ihn, und er brachte es bald zu einem' bedeutenden Vermögen. Das setzte ihn auch in den Stand, seine schon in der frühesten Jugend gefaßten Pläne zur Ausführung zu bringen. Er empfand es schmerzlich, daß ihm keine genügende allgemeine Schulbildung zuteil geworden war, daß er nur schwer durch Selbststudium die Lücken seiner Kennte nisse ausfüllen konnte. Er sah ein, daß Aufklärung und weltliche Bildung verbreitet werden müßten. Aber er schrieb keine Bücher urü> Aufsätze, berief nicht Versammlungen, um schöne Reden zu halten, sondern er handelte. Er wußte den Herzog für seine Absichten zu interessieren und erhielt; dis Erlaubnis, eine Bürgerschule zu gründen. Er wollte mit der Jugend anfangen, darum erklärte er: „Nur aus einem anfangenden und aufblühenden, nicht aus einem verblühten Menschenalter kann eine dauernde Umwälzung des Geistes hervorgehen." Diese Schule wurde in Seesen am Harz errichtet. Zum Bau und zur Erhaltung derselben hatte Jacobson ein Kapital von 100000 Taler gestiftet. Sie war für arme jüdische Kinder, die dort kostenlos Unterkunft, Kleidung, Ernährung und Unterricht erhalten sollten, bestimmt. Aber auch zahlende Schüler konnten, soweit Platz vorhanden war, dort Aufnahme finden, auch Nichtjuden. Die Schule wurde 1801 eröffnet und fand bald zahlreiche Schüler. Sie blüht noch heute — allerdings fehlt es ihr, zufolge der veränderten Zeitverhältnisse, sehr an Mitteln. Den Herzog hatte es interessiert, daß Jacobson seine Schüler besonders dem Handwerkerstände^ zuführen wollte. Er unterstützte diese Absicht auf das Kräftigste und war der erste Fürst, der zur Förden rung des Handwerks unter den Juden beigetragen hat< Er hatte Verständnis für Jacobsons Bemühungen, seine Glaubensgenossen von Vorurteilen, Mißachtung und Bedrückung zu befreien. Jacobson klagte ihm gegenüber über die schmäht uchen, drückenden Judenabgaben und beschränkenden Verordnungen. Die Folge der Unterredung war die Aushebung des Leibzolles für das Land Braunschweig durch das Dekret vom 23. 4. 1803. Auch in Baden, wohin Jacobson geschäftliche Beziehungen hatte, bemühte er sich um solche Aufhebung, die auch am 20. 1. 1804 erfolgte. Ein anderer großer Vorkämpfer der deutschen Judenheit, Wolf Breidenbach, arbeitete gleichzeitig mit Jacobson Ae Tagung der Landesverbönde Die Preffe-Abteilung des Preußischen Larrdesverbandes verbreitet folgenden Bericht: Bei der Beratung der jüdischen Landesverbände über den Verfassungsentwurf für den zu gründenden Reichsverband der deutschen Juden war in Nürnberg am 4. März 1928 beschlossen worden, zunächst in einer Reichsarbeitsgemeinfchaft die Kräfte des deutschen Judentums zu praktischer Arbeit zusammenzusassen. Nachdem die einzelnen Landesverbände ihre Zustimmung erteilt hatten, ist diese Arbeitsgemeinschaft zum ersten Male am 2. September d. I. um 10 Uhr in Berlin zusammengetreten. Die bedeutendsten Landesverbände und auch fast alle kleineren waren vertreten. Die Leitung lag bestimmungsgemäß in den Händen des Preußischen Landesverbandes, d essen Präsident, Kammergerichts rat Wolfs, der den Verhandlungen den Vorsitz führte. Er begrüßte die Erschienenen und wies auf die Bedeutung des Tages hin, an dem zum ersten Male die berufenen Vertreter aller deutschen Juden zur Beratung der ihnen gemeinsamen Angelegenheiten zusammengetreten sind. Tie Tagesordnung wies eine große Reihe wichtiger Punkte auf. Zunächst wurde über die Zukunft der drei Rabbrnersemrnare beraten, deren wirtschaftliche Lage durch die Wirkungen des Krieges und der Nachkriegszeit außerordentlich gelitten hat. Es erwies sich als notwendig, den Seminaren an Stelle der ihnen verloren gegangenen Einkünfte aus den Stiftungen usw. auf andere Weise eine gesicherte finanzielle Grundlage zu geben. Das gleiche trifft für die Lehrervorbereitungsanstalten zu. Tie Arbeitsgemeinschaft erklärte es als ihre erste und vornehmste Pflicht, durchs Zusammenwirken der Landesverbände in Anstalten zur Heranbildung der Rabbiner und Lehrer zu erhalten. Sie vertrat die Anschauung, daß hierfür eine Aufwendung von einer Reichsmark für den Kopf der jüdischen Bevölkerung notwendig sei. Es wurde beschlossen, die Landesverbände aufzufordern, die nötigen Beträge so weit möglich in ihren nächsten Haushaltsplan einzustellen und die Aufbringung etwaiger Fehlbeträge durch eine zu diesem Zwecke zu begründende Organisation herbeizusühren. Die am Nachmittage mit einem sehr interessanten Bericht des Oberlehrers Stoll-Würzburg eingeleitete Sonderberatung über die Vorbereitungsanstalten für Lehrer mußte am Schluß der Sitzung vertagt werden, weil sich herausstellte, daß diese nach mehreren Gesichtspunkten schwierige Angelegenheit einer weiteren eingehenden Erörterung bedarf. Diese soll in der nächsten Sitzung der Arbeitsgemeinschaft stattfinden. Scho:: jetzt wurde es als erforderlich bezeichnet, daß diejenige Landesverbände, in deren Bezirk die Heranziehung des Staats zu der ihm obliegendm Bezahlung der vollen Kosten für den Religionsunterricht an den staatlichen höheren Lehranstalten noch nicht erfolgt ist, die entsprechenden Anträge bei den Unterrichtsverwaltungen schleunigst einreichen. Tie Gefahren, welche dem gesamten Judentum durch die immer von gewissen Seiten begonnene Agitation gegen das Schächten drohen, gaben zu einer längeren Aussprache Anlaß, bei der die Pflicht der Landesverbände, den Angriffen auf diese religiöse Institution geschlossen entgegenzutreten, allseitig anerkannt wurde. Von den weiteren Gegenständen der Tagesordnung sind noch als besonders wichtig die folgenden hervorzuheben: Tie Bestrebungen zur Gründung einer )üdr'schen Arbeitertolonie, durch welche die überaus notwendige Wandersürforge produktiv gestaltet werden soll, sind zu unterstützen. Tie Arbeitsgemeinschaft erklärte sich mit der Beschäftigung Arbeitsloser, insbesondere auch entlassener Strafgefangener, in einem zu gründenden landwirtschaftlichen und gärtnerischen Betriebe einverstanden und forderte die Landesverbände zur Förderung dieses Unternehmens auf. Tie von der statistischen Sektion der Akademie für die Wissenschaft des Judentums unternommene Bearbeitung d er letzten Volks- und Berufszählung wird für sehr bedeutungsvoll erachtet. Die Arbeitsgemeinschaft Hält ihre Unterstützung durch die Landesverbände, ferner die Einrichtung von statistischen Büros in den größeren Gemeinden mit einheitlichen Zählkarten für notwendig. Ter Preußische Landesverband hat wegen der Einrich? tung ritueller Speifestellen eine Umfrage an die jüdischen Gemeinden in solchen Städten, wo sich eine Universität oder eine Hochschule befindet, gerichtet. Im Anschluß hieran erklärt es die Arbeitsgemeinschaft für wünschenswert, daß in solchen Städten, in denen ein Bedürfnis dafür vorliegt, durch ischafsung von mensae academicae oder ähnlichen Einrichtungen den Studenten Gelegenheit gegeben werde, für billiges Geld koscheres Essen zu erhalten. Die inhaltreiche Sitzung wurde um 7i/2 Uhr abends geschlossen. und wohl in Verbindung mit ihm für die Aufhebung des Leibzolles in den süddeutschen vielen Kleinstaaten, ebenfalls mit Erfolg. Der Schule in Seesen war ein Betsaal angegliedert. In diesem fanden wohlgeordnete Gottesdienste statt, mit hebräischen und deutschen Gebeten und Gemeindeliedern. Der Herzog Karl Wilhelm Ferdinand wurde in der Schlacht bei Auerstedt schwer verwundet und seines Augenlichtes beraubt. Er konnte nicht nach Braunschweig zurückkehren und starb nach einigen Monaten in Ottensen bei Hamburg. Seine Abwesenheit benutzte die braunschweigische Kaufmannschaft, um ihre feindselige Stimmung gegen den Andersgläubigen zum Ausdruck zu bringen. Sie lehnte es ab, Jacobsons Sohn in die Kaufmannsgilde aufzunehmen. Das kränkte Jacobson so sehr, daß er sich entschloß, Braun-- schweig zu verlassen und seinen Wohnsitz nach Kassel zu verlegen. Bei seinem Fortgang aus Braunschweig richtete er ein tiefempfundenes Dankschreiben an seinen schwer verwundeten Landesherrn. Die Schwester desselben, die Fürstin Auguste Dorothea, Aebtissin zu Gandersheim, veranstaltete ihm zu Ehren ein glänzendes Abschiedsfest, und die Universität in Helmstedt ernannte ihn wegen seines hervorragenden philantropischen Wirkens zum Doktor philosophiae honoris causa, eine Auszeichnung, die bis dahin keinem Juden zuteil geworden war. Die Juden des braunschweigischen Landes sahen ihn mit tiefstem Bedauern scheiden; er versprach ihnen, auch ferner Freund und Schützer zu bleiben. Das Versprechen hat er gehalten. Schon vorher hatte Jacobson eine Schrift erscheinen lassen: „Les Premiers Pas de la Nation juive vers le bonheur sous les auspices du grand Monarque Napoleon", in welcher er den Besieger Europas aufforderte, einen Central-Borstand, in Art des einstigen Synhedrions, für die europäische Juden-- heit zu errichten. Die Schrift erschien zwar anonym, aber es unterliegt kaum einem Zweifel, daß Jacobson ihr Verfasser war. Es gab keinen anderen Juden, der mit so schnellem Scharfblick den Gang der Ereignisse hätte voraussehen könnest. Die Anregung fiel auf fruchtbaren Boden. Schon im Juli 1806 berief Napoleon eine jüdische Notabelnversammlung nach Paris, der er eine Anzahl Fragen vorlegen ließ, die sämtlich zu feiner Zufriedenheit beantwortet wurden. Nwpoleon besahl dann die Errichtung eines Synhedrions und von Konsistorien für die französischen Juden. Am 1. Dezember 1807 wurde, dann das Königreich Westfalen unter Jerome Bonaparte errichtet. Wieder dürfte es Jacobsons Einfluß zuzuschreiben sein, daß bereits am 12. Januar 1808 ein Dekret des neuen Königs erschien, durch welches alle Juden des Königreichs für Bollbürger erklärt wurden, jede Sonderbesteuerung der Juden abgeschafft, jede Beleidigung derselben, sogar durch Gebrauch des Wortes „Schutzjude", verboten wurde. Wieder auf Jacobsons Anregung erschien am 31. März 1808 ein weiteres Dekret, in dem die Errichtung eines Konsistoriums, in Art der französischen, angeordnet wurde. Dieses Konsistorium sollte aus einem Präsidenten — natürlich Jacobson —, drei Rabbinern, zwei weltlichen Mitgliedern und einem Sekretär bestehen. Zu rabbinischen Mitgliedern wurden die stockfrommen Rabbiner Loeb Meyer Berliner, Mendel Steinhardt und Simon Kreker ernannt; weltliche Mitglieder waren Schuldirektor David Fraenkel aus Dessau und Jerome Heinemann, Jacobsons Sekretär, als Sekretär fungierte Staatsrat Merkel (kein Jude). Das Konsistorium hatte die Ausiicht und Beschlußfassung über alles, was die Ausübung der Religion betraf, also Über Verwaltungsangelegenheiten, Synagogen, Gottesdienst und Religionsunterricht. Jacobson war seinen Kollegen im Konsistorium geistig weit überlegen, sie fühlten das und fügten sich willig seinen Vorschlägen. Die Rabbiner kannten nur ihre talmudischen Wissenschaften, es fehlte ihnen noch jede weltliche Bildung, die weltlichen Mitglieder teilten vollkommen seine Ideen, die aber auch in der Hauptsache auf dem Boden der religiösen Überlieferung blieben. Zunächst wurde eine jüdische Elementarschule, nach dem Muster der Seesener, eingerichtet, in ihr aber auch ein nach Jacobsons Ideen modernisierter Gottesdienst. Dieser war vorwiegend hebräisch, mit Einfügung von deutschen Gebeten und Liedern. Aus den Schülern wurde ein gutgeschulter Chor gebildet, und dieser, für die damalige Zeit eine überraschende und für viele erschreckende Neuerung, von Orgelklang begleitet. Die Mitglieder des Konsistoriums, sowohl Jacobson wie auch die drei Rabbiner, predigten abwechselnd. Jacobson hatte klugerweise den Saal recht geräumig bauen lassen. Der Zudrang Erwachsener zu den an Freitag Abenden und Sonw abend Vormittagen stattfindmden Gottesdiensten wurde bald so bedeutend, daß der Raum kaum ausreichte. Jacobson war es bewußt, daß Lernen und Wissen nicht genügten, um eine neue religiöse Jugend heranzuziehen, daß auch der Sinn für das Schöne und Anziehende und damit