Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 35 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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sSnlichfeiten finden. Euch alle aber bitten tvir: daran, daß unsere Ruhe- und Festtage unserer jüdischen Gemeinschaft erhalten bleiben. Die Treue zum Judentum fordert Opfer. Aber chr Lohn ist eine Ruhe des Gewissens, das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht, die Festtgung und Erhöhung des Judentums. Im Geiste eng mit Euch allen verbunden, wünschen wir Euch den Segen der heiligen Tage. „Möge alle Sorge von Euch weichen; die Freude an Gott bleibe die Quelle Eurer Kraft!" Das Problem der jüdischen Wanderung vor der Interparlamentarischen Union Bei den Beratungen der Interparlamentarischen Union, die im Reichstagsgebäude zu Berlin eine vielbeachtete Tagung abhielt, wurden auch die Probleme der Ein- und Auswanderung eingehend erörtert. Hierbei führte der Führer der jüdischen Arbeiterpartei „Bund" in Lettland und Mitglied des lettländischen Parlaments, Meisel, u. a. aus: Das ganze Bestreben der Interparlamentarischen Union geht letzten Endes auf die Ausbildung des Gefühls und Bewußtseins des Weltbürgettums aus. Auch in der Lösung der Wanderungsprobleme sollte die Union von dieser universalen Idee nicht abweichen. Demgegenüber beruht die Resolution in der Wanderungsfrage auf der absoluten und unbeschränkten Souveränität jeder Nation in der Regelung von Jimnigrationsfragen; sie erhebt also zum Prinzip das Recht auf Verbot der Einwanderung. Für gewisse Teile der Menschheit ist die Freiheit der Einwanderung von besonderer Wichtigkeit. Dazu gehören auch die jüdischen Volksmassen Osteuropas, insbesondere die jüdische Arbeite^chast, die ich im lettländischen Parlament vettcttje und in deren Namen ich die Ehre habe, hier aufzutreten. Gerade im Leben der jüdischen Massen Osteuropas spielen sich jetzt schwerwiegende wirtschaftliche Prozesse ab, die den Charakter einer tiefgreifenden sozialen Umschichtung tragen mit für einen bedeutenden Teil dieser Massen die Uebersiedlung zu einer absoluten Notwendigkeit machen. Ich anetkenne die Notwendigkeit gewisser Begrenzungen, die gegen die Einführung von Arbeitern seitens der Arbeitgeber mit dem direkten Ziel, die Arbeitslöhne herabzudrücken, gerichtet find. Aber dessen ungeachtet muß von einer Versammlung, deren Beschlüsse in erster Reihe moralische Bedeutung haben, ein Prinzip proklamiert werden, das dem fottfchnittlichen modernen Bewußtsein entspricht, und das kann nur das Prinzip der internationalen Regelung der Wanderung und die Freiheit der Aus- und Einwanderung fein. Wir müssen an dem Gedanken festhalten, daß nicht nur ein Teil der Welt einem bestimmten Volke gehött, sondern daß die ganze Welt die Heimstätte der ganzen Menschheit ist. Bei der Abstimmung wurde im Gegensatz zu den Ausführungen Meisels die Resolution der Wanderungskommisiiion angenommen, die nicht eine internationale, sondern nur eine zwischenstaatliche Lösung der Wanderungssrage vorsieht, in der Weise, „daß die Staaten zeitweilige Verträge abschließen, die geeignet sind, entgegengesetzte Ansichten zu versöhnen und die nnrtschastlichen und sozialen Bedürfnisse des Auswanderers sicherzustellen." Tiefe Vertrüge sollen besonders folgende Fragen regeln: 1. Einrichtung von Austu nstsstellen; 2. Zulassung der Auswanderer; 3. Schutz, des Auswanderers; 4. Regelung des Gesundheitspolizeiwesens, der Wohnungsverhältnisse usw.; 5. Anwendung der Sozialgesetzgebung des Einwanderungslandes auf den Eingewandetten; 6. Naturalisation: 7. Militärische Dienstleistung. Tie Landesgruppen werden ausgefordert, ihren Parlamenten diesbezügliche Maßnahmen vorzuschlagen. Ter Vertreter der Bereinigten Staaten, Andrew I. 'Montague, machte Vorbehalte und enthielt sich schließlich der Stimme. Vorbereitungen zum Weltfriedenskongreß der Religionen Vom 12. bis 14. September 1928 wird in Gens eine vom Verband der Kirchen für Weltfrieden einberufene Vorkonferenz des Wcltsrledenstongresses der Religionen tagen. Der britische Reichsrabbiner Tr. Hertz wird eine der Sitzungen leiten. Die Konferenz wird Programm, Ott und Zeit des Weltfriedenskongresses der Religionen bestimmen. Vortrag Jakob Wassermanns Ter Dichter Jakob Wassermann wurde von der Deutscher Bereinigung für staatswissenschaftliche Fortbildung, die in diesem Jahre in Bad Rttchenhall tagen wird, eingeladen, einen Bortrag über das Judentum zu halten. Die Tagung dauert vom 26. August bis 16. September und wird das soziale und politische Leben im Deutschland der Gegenwatt zur Darstellung bringen. «Eine Reise durch Palästina" Kultur- und Reisesilm in 6 Akte«. Unter dieser Ueberschrift wird von der Palästina-Film-Gesellschaft eine, wie «s in der Ankündigung heißt, „objektive Darstellung der heiligen Stätten, Einwohner, Kultureinrichtungen, Landschaften usw." gezeigt. Der Film ist ohne jedes System planlos zusammengestcllt. Die Photographien sind miserabel. Wer an der Vorführung dieses langweiligsten und altmodischsten aller Filme über Palästina interessiert sein mag, wissen wir nicht; die Zuschauer zedenfalls nicht! Und die Zionistische Organisation ebenfalls nicht; sie steht diesem Machwerk, wie sie ausdrücklich feststellt, gänzlich fern. : *: Versammlnngskalender ★ Breslau. Jü „Abraham Geiger". Montag, den 3. September, 20.3« Uhr: Zwangloses Beisammensein im Kurgarten, Kürassierstraße. Bei ungünstigem Wetter im tleinen Saale.;* Gottesdienste Berliu-Nordeu. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Gott am Freitag, den 31. August, abends 7.15 Uhr, Predigt: P I. Friedländer. Sonnabend, den 1. September, vormittags 1 Gottesdienst. Freitag, den 7. September, abends 7.15 Uhr, Rabbiner Dr. Salomonfki. esdienst rofessor 0 Uhr, stredigt: Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilienfchule, Nikolsburger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 31. Angust, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Freitag, den 7. September, Predigt: Rabbinats-Kandidät Swarfensky. im Einvernehmen mit allen anderen Kultusgemeinden unseres seit dem Friedensvertrage von St. Germain ach so kleinen Vaterlandes beschlossenen Schttttes die nötige volle Aufklärung erlangen. Insbesondere muß immer und immer wieder mit Nachdruck betont werden: Es ist nicht eine Gnade, um die die Wiener Kultusgemeinde die österreichische Bundesregierung bitten will, sondern es handelt sich um unser! gutes, im Verfassungsgesetz anerkanntes Recht, dessen Verwirklichung im Interesse unserer Gemeinschaft zu verlangen wir nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet sind. Ter Wiener Kultusvorstand kann jedenfalls seinen Beschluß als ttne wirkliche Aktiv post seiner bald dem Ende sich nähernden Mandatsperiode ansehen und deklarieren. Ta der Beschluß mit Stimmenttnhelligkeit, also ohne Unterschied der sonstigen parteimäßigen Einstellung zustande kam, so darf sicherlichdiese Aktion nicht einseitig dem Erfolgkonto einer einzelnen Partei gutgebucht werden. Und doch wird von den Jüdischnationalen der Versuch gemacht, die Aktion der Gesamtheit des Kultusvorstandes zugunsten ihrer Partei auszuschroten und den Sachverhalt so darzustellen, als ob der einmütige Schtttt der Gemeinde dem Verdienste dieser Minoritätspartei znzuschreiben wäre. Davon kann aber in Wirklichkeit keine Rede fein. Nicht die jüdischnationale Minberheitspartet war es, welche die Initiative zu dem so wichtigen Schtttte ergttffen hat, sondern gerade die liberale Mehrheits - Partei im gegenwärtigen Wiener Kultusvorstande war es, von welcher der Antrag zur Aktion ausging und der es auch gelungen war, eine solche für das zu erreichende Ziel bestimmt wertvolle Stimmeneinhelligkeit zu erzielen. Die Mehrheitspartei unterläßt es zwar mit Recht, den Beschluß als ihren Erfolg oder als chren Triumph auszwposaunen. Es wird von chr jedoch keineswegs außer Acht gelassen werden, in der Begründung des Einschreitens sich rechtlich und wesentlich auf unser Verfassungsgesetz zu stützen, welches im Einklänge mit dem alten Staats - grundgesetze in Artikel 7 anordnet: Alle Bundesbrüder sind vor dem Gesetze gleich. Vorrechte der Geburt, des Geschlechtes, des Standes, der Klasse und des Bekenntnisses sind ausgeschlossen. Es kann und soll sich daher unser Anspruch auf eine Btttragslttstung für die Bedürfnisse der österreichischen Kultusgemeinden in der Hauptsache nur auf unser soeben zitiertes vollkommen klares und striktes Bundesgesetz, ganz und gar jedoch nicht ans den uns Oe st er reichern oktroyierten Staatsvertrag von St. Germain stützen. Abgesehen nämlich davon, daß dieser Friedensvertrag in jedem Oesterreicher ohne Unterschied des Glaubensbetennt nisf es die Erinnerung an die tiefste Demütigung unseres Vaterlandes wach ruft, genügt ein Blick für den Sachkundigen, um die kritische Bestimmung des Staatsvettrages als einen sogenannten Kautschuk-Paragraphen zu ertennen. Der maßgebliche Absatz, Artikel 68 des Friedensvertrages lanttt: „In Städten und Bezirken, wo ttne verhältnismäßig (?) beträchtliche Anzahl österreichischer Staatsangehöttger wohnt, die einer Minderheit nach Rasse, Religion oder Sprache angehören, wird diesen Minderheiten von allen Beiträgen, di« etwa (?) für Erziehung, Religions- oder Wohltätigktttszwecke aus öftentlichen Mitteln in den Staats-, Gemeinde- oder anderen Budgtts ausgeworfen werden, ttn angemessener (?) Teil zu Nutzen und zur Verwendung gesichert." Hierzu konlmt, daß nicht etwadie ei nzelneMi ritz erheit eines Glaubensbekenntnisses, welche sich für beschwert erachttt, beim Völkerbund um Abhilfe einzufchrelten legitimiert ist, sondern gemäß Attikel 69 nur ein Mitglied des Völkerbundsrates, also ein ausländischer Staat, welcher sich unserer österreichischen in ihrem Rechte vettüvzten Mindechttt anzunehmen berttt wäre. Und für ttn solches Linsengericht, wie es uns der Fttedensverrrag sozusagen nur rein platonisch und akademisch, nicht praktisch und grttsbar bittet, sotten wir uns uns unseres staatsgrundgefetzlich gewährleisteten, btt energischer und beharrlicher Betreibung auch wirklich durchsetzbaren Rechtes der Gleichberechtigung entäußern? Nie und nimmer! Gleichberechtigung, nicht MivderheUsrechke! Wir haben vor einiger Zeit ttne Meümng der jüdischen Telegraphen-Agentur wiedergegeben, nach der Wiener Kultusvorstand eine Staatssubvention gefordert hat. Die nachfolgenden Ausführungen unseres Wiener Mitarbeiters Oskar Hirschseld enthalten nähere Einzelheiten über diesen vielbeachteten Schritt. Die Redaktion. _ Die Jüdisch-liberale Zeitung" hat vor einiger Zeit Jta-Berichl über den mit Stimmeneinhelligkeit gefaßter lmchtigm Beschluß des Wiener Kultusvorstandes „bezü< Einschreitens um Bundesbeiträge für die Zwecke der Kul gemeinde" veröffentlicht. Der Leser dürfte durch den du Korrespondenzstil schwerlich über die kardinale Bedeutui Jüdische Gelehrte auf dem Fünften Orientalistentag in Bonn Vom 21. bis 25. August fand in Bonn der Fünfte Onentalistentag statt. Zum Kongreß waren Orientalisten und Alttestamentler aus verschiedenen Zentren Deutschlands, sowie auch Hollands, der Tschechoslowakei, Palästtnas, Aegyptens, Persiens und Amettkas erschienen. Es sind u. a. auch Referate aus den Gebieten der Bibel-Forschung, der hebräischen Sprachforschung, über Ausgrabungen in Palästina, Alttestamentlicher Theologie und Religion Alt-Israels gehalten worden. Als Festgabe der „Zeitschttst für Alttestamentliche Wissenschaft" zunr 5. Deutschen Onentalistentag in Bonn erschien ein Wett von Prof. Kahle „Die hebräischen Bibelhandschnften aus Babylonien" mit Faksimiles von 70 Handschriften. Von den jüdischen Gelchtten, die dem Onentalistentag in Bonn bttwohnten, sind zu erwähnen: Prof. E. Mittwoch (Berlin), Prof. I. Matton (Berlin), Rabbiner Dr. Jacob (Dortmund), Prof. I. Morgenstern (Cincinnati), Dr. I. Rabrn (Breslau), Prof. I. Scheftelowitz (Köln), Prof. L. Lewy (Gießen). Tagung des 17. internationalen Orientalistenkongresses in Oxford Am 27. August begann in Oxford die Tagung des Internationalen Orientalistenkongresses. Der Kongreß wird sich mit verschiedenen Fragen des Alten Testamentes, der hebräischen, arameischen und rabbinischen Studien befassen. Zahlreiche jüdische Gelehrte aus Deutschland, Palästina, den Vereinigten Staaten und anderen Ländern sind zu den Beratungen eingetroffen. Die 7. Sektion des Kongresses wird sich ausschließlich mit Themen jüdischer Wissenschaft befassen. In dieser Sektion wird Dr. Daiches über die Bedeutung des Wortes „Am haarez", Prof. Dahuda über den Ursprung der hebräischen Sprache, I. Cohen über die semitischen Werba, Pere Matton über das Jerusalem der prähistorischen Zeit, Dr. Saloman Zeitlin über den slavonischen Josephus und Jossipon, Prof. Amzalak über die portugiesische hebräische Grammatik, Reuben Levy aus Cambridge über Joseph und Zuleika, Prof. Albright über die Eroberung Canaans, Prof. Eisfeldt über die semitische Auffassung und Benennungen Gottes Vorträge halten. Auf dem Kongreß werden ferner über jüdische Themen Prof. I. Levey, Dr. Hirschfeld, Dü. Morgenstern, Dr. Jacob, Dr. Kaminka u. a. m. Referate halten. Von deutschen Teilnehmern, die unter Führung des Preußischen Kultusministers Dr. Becker, der ja von Haus aus Orientalist ist, zum Kongreß eingetroffen sind, sind zu erwähnen: Littmann (Tübingen), Horovitz (Frankfurt), Wreszinski (Königsberg )u. a. m. Im Mittelpunkt der ersten Vollsitzung stand als erster Vortrag, dem die längste Zeitdauer aller Kongreßvorträge zugebilligt war,d as Referat des Orientalisten A. S. Hahuda (Heidelberg), der bis vor kurzem eine Professur an der Universität Madrid bekleidet hat. An der Hand eines großen Tatsachenmaterials legte Dahuda die Beziehungen zwischen der Sprache des Pentateuch und dem Aegyptischen dar. Seit langer Zeit streiten sich die Bibelkritiker über das Alter des Pentateuch, und die allgemeine Ansicht geht dahin, daß der Pentateuch aus einer viel späteren Zeit stammt als aus der Zeit Mosis. Aahuda geht nun von rein sprachlichen Gesichtspunkten aus, ohne sich auf bibelkritische Fragen einzulassen, und beweist, daß der Stammdialekt von Kanaan, den die nach Aegypten eingewanderten Israeliten gesprochen haben, sehr zahlreiche ägyptische Elemente an Lehnwörtern und Aegyptizismen aller Art in Ausdrücken, Redensarten, formelhaften Sätzen usw. aufweist. Iahuda gelangt zu dem Ergebnis, daß dieser Dialekt unter dem Einfluß der hochentwickelten ägyptischen Sprache während des Aufenthaltes der Israeliten in Aegypten (etwa 15. bis 13. Jahrhundert vor Christus) in raschem Anstieg seine Entwicklung zu der literarischen Sprache des Pentateuch genommen habe, und schließt dann daraus, daß der Pentateuch nur um die Zeit des Auszuges der Israeliten aus Aegypten entstanden sein kann. Bei seiner sprachlichen Untersuchung des Pentateuch stellt Dahuda unter anderem fest, daß zwar der Rahmen der Genesissagen und Pateriarchenerzählungen zu 20 v. H. babylonisch sei, während der Inhalt vieler dieser Erzählungen dem ägyptischen Legenden- und Vorstellungskreis entstamme. Insbesondere klärt Aahuda scheinbare Widersprüche in der Sintsluterzählung auf. Die Darstellung der Sintflut als Regensturz ist dem babylonischen Vorstellungskreis entnommen, während die im zweiten Monat ansteigenden Fluten, die eine große Ueberschwemmung veranstalteten, zeitrechnungsmäßig genau mit Beginn uiü> Dauer der Ueberschwemmung des Nils während eines Jahres übereinstimmten, also in Aegypten entstanden sein müssen. Die ausführlichen Ergebnisse seeiner Forschungen behandelt Aahuda in einem Buch über „Die Sprache des Pentqteuch in ihren Beziehungen zum Aegyptischen", das firn! Laufe des nächsten Monats in Berlin erscheinen wird. (Jtttt * Aus den Gemeinde« * Berlin. (8 0. Geburtstag.) Der angesehene und beliebte Ehrenvorsitzende der Chcwra Kadischa Groß-Berlin, Herr Eduard Wischnitz, begeht Sonnabend, den 1. September, das Fest seines 80. Geburtstages. Der ehrwürdige Jubilar, der sich infolge seiner hervorragenden Charaktereigenschaften und seiner menschenfreundlichen Gesinnung innerhalb der Berliner Judenheit aller Richtungen der größten Wertschätzung erfreut, wird zweifellos Gegenstand mannigfacher Ehrungen sein, die verschiedene Organisationen und seine zahlreichen Freunde ihm an diesem Tage entgcgenbringen werden. Die Chewra Kadischa wird dem Ehrentage ihres verdienstvollen Ehrenvorsitzenden eine höhere Weihe dadurch verleihen, daß sie in dankbarer Anerkennung der Liebestätigkeit des Jubilars ttne seinen Namen tragende Wohlfahrtsstiftung errichtet, ferner wird die Krankenfürsorge der Chewra an Stelle eines Banketts Lebensmitteln und Brennmaterialien in größerem Umfange an verschämte Bedürftige, insbesondere an vereinsamte, alte Frauen und Männer an diesem Tage zur Verteilung bringen. Diese Art der Ehrung wird wohl die schönste und wirksamste Kundgebung für diesen gütigen Menschen sein, der erfüllt ist von dem beglückenden Bewußtsein, daß selbstlose Hingebung an die Gesamtheit das eigene Leben verschönt und lcbenswert Berlin. (Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal verstorben.) In der Nacht von Montag zu Dienstag verschied in Berlin nach schwerem Leiden im 74. Lebensjahre Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal. Er wurde 1855 geboren, bekleidete zuerst das Rabbineramt in Köthen (Anhalt), dann in Rogascn (Posen), später in Prcußisch-Stargard. 1907 kam er nach Berlin, wohin er zum Rabbiner der Oranienburger Vorstadt (Verein „Ohel Jakob") berufen worden war. Später wurde er von der Berliner Jüdischen Gemeinde zum akademischen Religionslehrer bestellt, auch lehrte er Mischna an der Präparandie der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Er veröffentlichte Schriften über Mischna und Tosefta, die kleinen Propheten, über Homurabi und griff seinerzeit in den von Professor Delitzsch heraufbeschworenen Bibel- und Babel-Streit ein. Er veröffentlichte auch eine Schrift „Schiller und die Bibel". In weiteren Kreisen bekannt wurde sein Werk „Jesus und die Rabbinen". — Sein Sohn ist der Rabbiner in Berlin-Lichtenberg, Dr. Arthur Rosenthal, der den Lesern dieses Blattes aus zahlreichen Veröffentlichungen bekannt ist. — Die Beisetzung erfolgte am Mittwoch nachmittag auf dem Friedhof Weißensee zu Berlin unter zahlreicher Beteiligung. Berlin. (Opferstockdiebstahl auf einem Friedhof.) In der Nacht zum Sonntag wurde aus dem alten jüdischen Friedhof in der Lothringer Straße ein Opserstock von noch unbekannten Dieben völlig ausgeplündert. Wieviel ihnen in die Hände gefallen ist, steht noch nicht fest, doch scheint die Kassette etwa 100 Mark enthalten zn haben.