Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 35 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Seklions-Deratungeu »Gottesdienst" Die 1. Sektion ist den Fragen des Gottesdienstes gewidmet. Den Vorsitz hat Prof. Dr. Eldogen, Berlin. Referent ist Rabbi (9. H. Goldenson, Pittsbourgh. Sein Thema lautet: „Warum der Gottesdienst in der Synagoge umgestaltet werden m u ß." Das Bedürfnis, den Synagogengottesdienst zeitgemäß zu gestalten, geht nicht aus Willkür oder Leichtsinn hervor. Ebensowenig ist der Wunsch, das Ritual oder Zeremonial zu ändern, Ausdruck der Untreue gegen den Glauben oder Zeichen der Mißachtung bedeutsamer religiöser Werte. Im Gegenteil, wir glauben, baß überall dort, wo der Wunsch nach Reform auftritt, wiederkehrt und hartnäckig besteht, feine Betonung unleugbar geistiger Art ist. Es ist Zeit zu betonen, daß geistige Redlichkeit und intellektuelle Freiheit seelische Eigenschaften sind, die ebenso notwendig für das allgemeine Geistesleben sind wre jene Art Anhänglichkeit an die Tradition, die sich nicht stören läßt durch das Bewußtsein, daß das moderne Denken Folgerungen nach sich zieht. Wenn das Judentum in der modernen Welt leben und eine beachtliche Rolle in den Angelegenheiten des Menschengeschlechts spielen soll, so müssen seine Führer und Ausleger zu dem Versuch bereit sein, das für unsere Generation zu tun, was die Propheten in- Israel für die ihre taten. Die Synagoge unserer Zeit ist in eine neue und immer wachsende Welt gestellt, zu der der Jude gehört und gehören will. Jene Welt und diese Ansprüche sollten in seinen religiösen Bräuchen, seinem Zeremonial und seinen Gebeten bedacht werden. Der Mann, der draußen in der Welt für Universalismus eintritt, macht sich lächerlich, wenn er sein religiöses Sehnen in der Beschränktheit von Stammes- und Rassenbegriffen und Idealen ausdrückt. Der Mann, der draußen die Fortschritte der Wissenschaft vertritt, der die Resultate wissenschaftlichen Forschens und Denkens anerkennt, widerspricht seinen Aussagen, wenn er beim Gottesdienst Natur- und Geschichtsauffassungen lauscht, die sowohl primitiv wie überlebt sind. Der Mann, der betont, daß man in allen Dingen auf tiefen Gehalt und inneren Wert sehen muß, verrät entweder Unaufrichtigkeit oder einen Mangel an Verständnis, wenn er versteinerte Formen über den Anspruch auf Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit stellt. Ich möchte daher die Liturgie der Synagoge so umgewandelt haben, daß Männer und Frauen, die im 20. Jahrhundert leben und klug und nützlich an der Schaffung einer besseren und größeren Welt Mitarbeiten, mit ihren Glaubensgenossen ausrichtig und wahr deren können. Unsere Gebete brauchen und sollen nicht jene neumodische, vergängliche Idee des Tages ausdrücken, aber sie dürfen nicht den feinsten und edelsten Empfindungen der besten Köpfe unter uns widersprechen. Ich bin sicher, daß, wenn unser Versuch, unseren Gottesdienst mit der Welt, in der wir leben, in Einklang zu bringen einerseits! vom Gottesglauben, andererseits von sittlichem Verantwortlichkeitsgefühl für die Welt und die Judenheit erfüllt sein wird, unser Gottesdienst weiter sowohl jüdisch wie modern sein wird, und sein jüdischer Charakter würde bei einem immer größeren Kreis guter Männer und Frauen Anklang finden Nach Beendigung seines Referates verliest Rabbi Goldenson in Ergänzung des Gesagten einen Auszug aus einem früher von ihm in Amerika gehaltenen Vortrag, der in einigem tiefer in die Fragen der Praxis hineinführt. In diesem heißt es: „Wenn das Judentum eine Zukunft haben soll, so muß es den Mut besitzen, nicht nur gewisse Dinge auszusprcchen, sondern Aenderungen in der jüdisch-religiösen Praxis vorzunehmen. Einer unserer alten Weisen ruft uns in den Sinn: „Die Welt ruht nicht nur auf Lehre und Wohltun, sondern auch auf dem Gottesdienst." Will eine Religion Lebenskraft haben und das Leben der Menschen im tiefsten Sinne des Wortes beeinflussen, so muß sie es den Menschen zunächst möglich machen, überhaupt Gottesdienst zu verrichten urb zweitens, ihn in Aufrichtigkeit zu verrichten. Wenn ich den letzten Punkt zuerst betrachten darf, so bin ich der Meinung, daß die Zeit gekommen ist, unsere Gebetbücher allen Ernstes zu prüfen und daraufhin zu betrachten, ob sie wirklich die Ueberzeugung des Durchschnittsbeters ausdrücken. Wenn Wahrheit und Aufrichtigkeit in der Welt der täglichen Beziehungen von Wichtigkeit sind, wie viel mehr Bedeutung haben sie in dem Augenblick, wo der Mensch seinen Schöpfer anredet und sich bestrebt, aus seinem Innern die verborgenen geistigen Kräfte und Quellen lebendig zu machen? Die Stunde des Gottesdienstes ist außerordentlich wertvoll, und nichts sollte von dem Beter ausgesprochen werden, was nicht die unumwundene Zustimmung seines besten und wahren Seins finden könnte. Will das Reformjudentum das Sittengesetz ernstlich als Leitmotiv einer universellen Mission aufnehmen, dann muß das Gebetbuch diesen Begriff unmittelbarer und klarer verdeutlichen. Unsere Gebete enthalten zuviel Partikularismus. Ich muß gestehen, daß ich jedesmal, wenn ich unter meiner Gemeinde eine Anzahl Nichtjuden erblicke, in meinem Gewissen unruhig werde, ivenn ich mir die Frage vorlegc, ob sie Anteil an den Gebeten haben können, die ich an den gemeinsamen Vater im Himmel richte. Das allein ist der wahre Beweis der Zulänglichkeit und des Wertes jedes öffentlichen Gottesdienstes. Gerade wenn wir mit Leuten in Berührung kommen, die nicht zu unserer Gemeinschaft gehören und versuchen, sie mit uns zu dem gemeinsamen Streben nach Veredelung des Lebens heranzuziehen, finden wir die wahre Gestalt unseres Denkens und Tuns heraus und sehen, wie partikularisch und ausschließlich es ist. In Verbindung mit unserem Gebetbuch mag es von Bedeutung sein, weiter darauf hinzuweisen, daß das Beten in der Umgangssprache uns ein schärferes Verständnis des Inhalts vermittelt als zu erlangen war, solange der Gottesdienst vollständig hebräisch gehalten wurde. .Hebräische Gebete nehmen einen zeremoniellen, eine Art symbolischen Charakter an, hinter dem das ausdrückliche Verständnis ihres Inhalts in den Hintergrund tritt; wenn aber die Gebete allgemein verständlich sind, tritt ihre Bedeutung als Zeremonie zurück und die Maßstäbe des Denkens, die Kategorien der Wahrhaftigkeit und des Wertes treten in den Vordergrund." Das Korreferat der Sektion hat Rrbbin Germain Levy, Paris. Das hebräische Wort für Gottesdienst, so führt er aus, awaudoh, ist stammverwandt mit dem Worte für Arbeit. Und in der Tat! Der Gottesdienst soll etwas Dynamisches sein. Er muß so gestaltet werden, daß er alle „Fakultäten" des Menschen, Wollen, Gefühl und Einbildungskraft, in sich zusammcufaßt. Er soll eine dynamische Disziplin, er soll zugleich Wahrheit und Andacht sein. Es ist fehlerhaft, so meint Rabbin Germain Levy, alle Gebete hebräisch zu geben. Aber cs ist nicht weniger fehlerhaft, für alle die Landessprache zu fordern, die dem Ausdruck des Alltäglichsten dient. Das Hebräische muß dem Gottesdienst erhalten bleiben. Es soll in ihm gleichsam das Poetische und Mystische repräsentieren. Und es soll zugleich dazu dienen, die Zusammengehörigkeit mit allen Juden der Welt lebendig fühlbar zu machen. Aber gewiß! nicht alle hebräischen Gebete find beizubehalten. Viele, die unserem Glauben und Empfinden nicht mehr entsprechen, sind zu streichen. So müsse etwa, darin stimmt der Redner mit Goldenson überein, die Adoratiou zugunsten einer „Meditation personelle" zurückgedrängt werden. Die Predigt, so meint er weiter, muß jüdisch und zugleich modern sein. Sie darf nicht allzulange Zeit in Anspruch nehmen. Die Musik soll eine große Rolle spielen, aber nicht eine zu große. Die Synagoge darf nicht zum Konzertsaal werden. Nach Rabbin Germain Levy nimmt als erster Diskussionsredner Rabbiner Dr. Seligman«, Frankfurt a. Main, das Wort. Er berichtet zunächst von einigen persönlich gemachten Erfahrungen aus der Frankfurter Gemeinde. Eine weitgehende Aenderung und Verdeutschung der Gebete, wie sic unter seiner Leitung in Frankfurt versucht wurde, so erzählt er, habe sich auf die Dauer nicht bewährt. In dem Referat von Goldenson vermißt er eine scharfe Scheidung zwischen persönlichem Gebet und Gemeinschaftsgebet. Das persönliche Gebet sollte für uns immer deutsch, das Gemeinschaftsgebet — Ausdruck des Zusammenhangs mit ganz Israel — vorwiegend hebräisch sein. Die Thoravorlesung müßte stets zugleich in deutscher Uebertragung gegeben werden. Aber vor allem!, so meint er, alle Reformen am Judentum nützen nichts, wenn wir nicht zuerst uns selbst reformieren!.. Im Gegensatz zu Dr. Seligmann tritt R.-A. Dr. Gattin» im wesentlichen für einen Gottesdienst in der Landessprache ein. Nicht die hebräische Sprache, sondern die Muttersprache ist die heiligste Sprache für uns. Auch er glaubt freilich, daß wir doch „auch" hebräisch im Gottesdienst verwenden sollten: als ein Zeichen der Erinnerung und Pietät... Der nächste Redner will der Versammlung ein persönliches Erlebnis erzählen. Der Sekretär der amerikanischen Gesandtschaft, sagt er, habe ihn hier nach dem Grund seines Berliner Aufenthalts gefragt. Er habe ihm von der Konferenz des Weltverbandes für liberales Judentum Mitteilung gemacht, und nun, weiter nach dem Wesen des liberalen Judentums gefragt, die Grundsätze des jüdischen Liberalismus zu erläutern versucht. Da habe der Sekretär ihm mit Freude erklärt, er sei, obwohl Christ von Geburt, nach dem, was er gehört, im Grunde seines Herzens Jude; er glaube nicht an die Göttlichkeit Jesu, er glaube an einen einzig-einigen Gott. Rabbiner Dr. Samuel, Essen, bemerkt, daß auch am Gottesdienst in Essen viele Christen teilnchmen. Er rät zu größerer Pietät gegenüber dem Erbe der alten jüdischen Gebete. Eine Auswahl des Besten aus ihnen tue not. In einigem freilich mögen gewiß auch Aenderungen erforderlich. Aber eine so weitgehende Anpassung an den Stand der Wissenschaft glaubt er ablehnen zu müssen. Wenn es im Lied von der Nacht heißt: „Nun ruhen alle Wälder, ...es schläft die ganze Welt", so ist uns dies seit der Entdeckung Amerikas gewiß nicht mehr wissenschaftliche Wahrheit. Aber wer wollte darum das Lied geändert wissen: „es schläft die halbe Welt"? — Der wahre Liberalismus, so meint er, soll sich vor allem zeigen im Wandel der religiösen Anschauungen selbst. Nun erhält wieder ein ausländischer Delegierter das Wort. Er legt Wert darauf, daß die Kette der Tradition aufrecht erhalten werde. Eine Angleichung des Gebets an die Wissenschaft erscheint auch ihm nicht unbedingt notwendig, werde ja doch auch außerhalb des Gotteshauses im täglichen Leben keineswegs immer auf die Erkenntnisse der Wissenschaft Rücksicht genommen... Lehrer Falkenberg macht aufmerksam darauf, wie notwendig es geworden sei, sich hier beim Eintreten in die praktische Arbeit mit den Dingen abzugeben, die in der Diskussion des Vormittags von prominenter Seite als „Kinkerlitzchen" bezeichnet wurden. Die Frage der Gebetsprache sei in der Tat von wesentlicher Bedeutung für die Gestaltung des Gottesdienstes. Das Hauptproblem des Gottesdienstes, so meint er, ist die Verbindung des Irrationalismus mit dem Rationalen. Das Erste, was not tut, ist unbedingte Wahrheit. Darum sind viele Gebete, die unserem Empfinden nicht mehr entsprechen, zu streichen. Aber auch ein modernes Gebetbuch allein ist unzureichend. Neben ihm ist die Einführung von „Eperzitien" erforderlich. Und noch Eines, so sagt er, sei von Wichtigkeit. Wir müssen für die Synagoge zu werben suchen, wir müssen Besucher „keilen", wie studentische Verbindungen es tun. Wir dürfen nicht warten, bis sie zu uns kommen. Zum Schluß erhält eine ausländische Delegierte das Wort. Sie wünscht die Aufmerksamkeit auf die Tausende zu lenken, die dem Hebräischen völlig fremd gegenüberstehcn, die ganz außerhalb der Synagoge leben und die für sie zu gewinnen sind. Sie will im Gottesdienst neben der Predigt vor allem auch der Belehrung eine gewichtige Stelle gesichert haben. Damit ist die Diskussion cheendet. Pros. Dr. Elbogen schlägt der Sektion vor, dem Vorstande einen Antrag einzureichen, durch dessen Annahme jedes auf der Welttagung vertretene Land beauftragt wird, eine Sektion für Gottesdienst zu bilden, die die Arbeit bis zur nächsten Konferenz so fördert, daß in gemeinsamer Sitzung wirkliche praktische Resultate erzielt werden können. Die Versammlung erklärt sich mit der Einreichung dieses Antrages einverstanden. Daraus wird die Sitzung der Sektion geschlossen. H. M. * »Häusliches Leben" In der zweiten Sektion werden die Fragen der jüdisch-religiösen Gestaltung des häuslichen Lehens behandelt. Lily H. Montag« referiert über das Thema „W ie kann die Lehre des liberalen Judentums durch das Haus zur Anwendung gebracht werden?" Die Botschaft des liberalen Judentums, die wir in das häusliche Leben bringen sollen, besteht, so führt sie aus, darin, daß die Gottesidee in das Haus verpflanzt und in allem menschlichen Geschehen offenbart werden muß. Dies kann am besten mittels der Liebe geschehen, die Eltern und Kinder verbindet. Wenn man Gott finden will, so muß man ihn gemeinsam suchen. Die Kinder müssen dabei mithelfen. Eltern können und sollen, selbst wenn sie es könnten, ihren Kindern eine fertige Religion übermitteln. Sie sollten sie nur spüren lassen, was die Religion ihnen selbst bedeutet und wie sie in ihrer großen Liebe die Kinder an dem Besten, was sie besitzen, teilnehmen lassen möchten. Deshalb müssen wir den Eltern als erste Pflicht auserlegen, das Judentum erst einmal für sich selbst zu entdecken. Wir müssen ihnen die alte Lehre von dem einen Gott nahebringen — von der Einheit der Menschheit — von der Kraft der Vereinigung zwischen Mensch und Gott — von der Mission Israels — von dem jüdischen Unsterblichkcitsglauben. Danach müssen wir ihnen mit der ganzen Kraft unserer Seele sagen, daß sie sich dem Gott ihrer Väter wieder nähern müssen, dem Gott, der sich in all diesen Lehren offenbart hat, und der der Gott des Universums ist. Wenn das Judentum eine Wahrheit für sie tverden soll, so müssen ist. Wenn das Judentum eine Wahrheit für sie werden soll, so müssen sie ihr Leben aus eigener Kraft dem göttlichen Sein cinvcrleiben. Wenn Gott i st, haben wir eine Standarte in der Arbeit wie im Spiel. Wenn Gott ist, existieren Liebe, Gerechtigkeit, Schönheit und Wahrheit in höchster Vollendung und cs lohnt die Mühe, sie um ihrer selbst willen zu erreichen. Wenn Gott i st, können und müssen wir an etwas glauben, das schöner ist als das, was unser Geist beweisen, was unser Auge schauen kann, und wir und unsere Kinder müssen uns aufmachen, jenes Etwas zu suchen. Wenn Gott i st, können wir uns ihm nahen, indem wir seinen Geist erfassen, können wir das Wesentliche im Leben suchen und uns abwenden vom Niederen und Gemeinen. Wir können und müssen das Gute in unserm Nächsten gelten lassen, die Möglichkeit des menschlichen Heroik mus, den Antrieb zu menschlicher Vollkommenheit anerkennen. Seht Ihr nun, welchen Erziehungssaktor dieses Verbundensein mit dem Ewigen birgt? Und alles hängt davon ab, ob die Eltern durch die Stärke ihres eigenen Glaubens dieses Verbundensein vermitteln. Jetzt gehen Materialisten aus vielen sog. jüdischen Häusern hervor und, wenn sic in die Religionsschule kommen, ist es zu spät, ihren Standpunkt zu ändern. Wir müssen die Eheschließungen idealisieren, wenn wir das Heim wieder vergeistigen wollen. Das Gebet sollte in das jüdische Familienleben einbezogen werden. Aber cs ist von grundsätzlicher Bedeutung, daß das Gebet aufrichtig sei und das Bemühen des menschlichen Herzens zeige, mit dem unendlichen Geist der Liebe in Kontakt zu kommen. Wenn wir den Eltern etwas über die Stellung und die Aufgabe der Zeremonien im häuslichen Leben sagen, müssen wir ihnen gleichzeitig klar machen, daß diese Zeremonien sinnlos sind, wenn sie nicht von Generation zu Generation den Forderungen des jeweiligen Lebens angcpaßt werden. Die häuslichen Bräuche sind nur so lange wertvoll, als sie eine weihevolle Atmosphäre im Hause schaffen, und das können wir nur, wenn die Eltern selber mithelfen, den Anpassungsprozeß zu vollziehen. Sic müssen ständig bemüht sein, die Lehren, welche die Bräuche enthalten, auf ihr häusliches Leben anzuwcnden. Diese Verschmelzung des religiösen Ideals mit der Wirklichkeit ist wichtig, weil die Gleichgültigkeit, die wir Juden heutzutage so beklagen, zum Teil auf die Tatsache zurückzuführen ist, daß das Judentum im Hause so oft als Aeußerlichkeit betrachtet wird. Civ. richtig bega Freitagabend, der den verschiedenen Familienmitgliedern Gelegenheit gibt zusammenzukommen und sich miteinander zu freuen, ist eine Quelle wahren Glücks. Die Symbole sind voll geistigen GlRalts ,das traditionelle Gebet kann verkürzt und den Wünschen Familie angcpaßt werden. Kein Wort braucht gesprochen zW^erden, das nicht mit modernen Gedanken in Einklang steht. So kann die Familie wenigstens einmal in der Woche zusammen beten und gemeinsam freudig den Sabbat begrüßen. Die Treue zum Judentum wird in den Häusern gepflegt, in denen die Bräuche wegen ihrer Innerlichkeit gehalten werden. Aber mehr noch ist erforderlich. Die Kinder müssen zu dem Gefühl erzogen werden, daß ihr jüdischer Beitrag zur geistigen Schatzkammer der Welt erforderlich ist. Und sie müssen vom jüdischen Standpunkt aus das jüdische Leben betrachten, wenn sie versuchen, die Probleme zu lösen, die die Welt bedrücken. Die Welt ist immer noch für den Krieg. Die Juden predigen das Friedensideal, da sie an die Verbundenheit von Gott und Mensch glauben. Menschliche Wesen werden noch unterdrückt, der Armut, Unwissenheit und Sünde prcisgegeben. Der Jude hat die Heiligkeit der menschlichen Freiheit zu künden. Bei dem ruhmreichen Vormarsch der Demokratie ist der Einzelne oft in Gefahr, nicht beachtet zu werden. Der Jude hat die Heiligkeit jedes menschlichen Wesens aufrecht zu erhalten. Die Gefahr, daß soziale Reformen aus Zwcckmäßigkeitsgründen unterbleiben, den Wunsch, Verbesserungspläne der Menschen eigennützig auszubeuten, muß der Jude bekämpfen, da er an die Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden glaubt. R.-A. Stern folgt mit dem Korreferat, in dem er praktische Beispiele von religiösen Feiern des Hauses anführt. Er gibt die Anregung, einen Wegweiser zu schassen, in dem alle Symbole für Sabbat und Feste zusammengestellt und erläutert werden sollen. An der Diskussion beteiligen sich Frau Hamburger, Schiss, Hoffman n, F a l k e n b e r g und Dr. S ch u l m a n, New-Pork. Dieser fordert mit der ihm eigenen hinreißenden Beredsamkeit, daß die jungen Eltern, auch wenn sie zunächst noch Lernende sind, doch konsequent in ihrem Hause mit ihren Kindern jüdisch leben sollen. Die Sabbat-, die Festabende dürfen durch keine noch so große Lockung von außen (bedeutendes Konzert oder dergl.) anders als im Hause mit der Familie gefeiert werden. Er schließt sich der Forderung von Miß Montagu und R.-A. Stern an, daß überall Arbeitsgemeinschaften für Erwachsene eingerichtet werden sollten, um hier den Suchenden, die jüdisches Wissen erwerben wollen, Gelegenheit dazu zu geben. Bewundernswert war die Uebersetzung des Referates, des Korreferates und der Diskussion ins Deutsche bzw. ins Englische durch Frau Paula Ollendorff. Temperamentvoll und geistreich gab sie statt einer trockenen Uebertragung Lebendiges und Interessantes, so daß alle Anwesenden ihr aufs wärmste dankten. Es wurden dann folgende Resvilllivnen angenommen: Die Sektion „Häusliches Leben" beschließt, dem Governing Body folgende Resolution zu unterbreiten: 1. Wir betonen, daß zu einem lebendigen Judentum im Haus symbolische Betätigungen notwendig sind und wünschen, daß eine Auswahl alter Symbole, die dazu geeignet find, neu belebt, andere, wenn möglich, neu geschaffen werden. 2. Wir fordern, daß das häusliche Leben, besonders die Erziehung der Kinder, wieder unter religiöse Gesichtspunkte gestellt, und daß zu diesem Zweck Richtlinien geschaffen werden, die für die liberalen Juden der ganzen Welt gleich seien und dadurch eine gewisse autoritative Kraft erhalten sollen. * (Der Bericht über die Sektion „Jugend" befindet sich in der Jli-Bei!age der nächsten Nummer.) Dr. Vaeck zum Sachverständigen im Kultusministerium bestellt Der Preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung hat an Stelle des verstorbenen Justizrats Lilienthal zum Sachverständigen für jüdische Angelegenheiten den Rabbiner Dr. B a eck -Berlin bestellt. Eine Sitzung der Reichsarbeitsgemeinschaft Tie von den deutschen Landesverbänden bis zur endgültigen Konstitution des Reichsverbandes der deutschen Juden provisorisch gebildete Reichs-Arbeitsgemeinschaft tritt am Sonntag, den 2. September zu einer Tagung zusammen!. Auf der Tagesordnung stehen u. a. Beratungen über gemeintsames politisches Vorgehert zum Zwecke des Schächtschutzes, über Subvention der Rabbinerseminare, der Lehrer-Vorbereitungsanstalten, der Zentralwohlfahrtsstelle. Von der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge liegt ein Gesuch um Be^ willigung einer Subvention zur Begründung einer jüdischen Arbeitskolonie vor. Ferner soll sich die Sitzung mih den Vorarbeiten für die Herausgabe einer Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland befassen und über Neubesetzung und Erhaltung des Lektorats für jüdische Wissenschaften an der Universität Gießen beraten. Tie Berichterstattung für die einzelnen Punkte ist den Vertretern der Landesverbünde Preußens, Bayerns, Württembergs, Badens und Hessens übertragen. An die deutschen Inden! Der Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland bittet uns um Veröffentlichung des folgenden Ausrufs. Bald werden Rosch Haschonoh und Jom HatippurujM zürn GoUeshame rufen und zu stiller Feier in den jüdischen Häusern. Aber ihr Ausruf zur Besinnung, zur Einkehr und Umkehr findet in unserer Mitte nicht mchr überall Gehör. Mancher ist gleichgültig, mancher ist seinen Brüdern und dem Gott seiner Väter fremd geworden. Andere sind unter der Last der Arbeit erdrückt. Die Zeit scheint dahin zu sein, da die geschlossenen Geschäfte der jüdischen Kaufleute an Sabbaten und Festtagen, am Rosch Haschonoh und Jontz Hakippurim du stummes aber eindringliches Bekenntnis zu Gott und zum Judentum vor aller Welt Megten. Aus dieser Unfähigkeit, unsere heiligen Tage zu feiern, sprechest Not und Druck der jüdischen Seele. Unsere Verantwortung, unsere Sorge bewegt uns deutsche Rabbiner zu einem ernsten Wort an die deutschen Juden. Genug des Leids, daß so vielen von uns der Sabbat, dieser Qnellpunkt unseres Familienlebens, die Wurzel der edelsten! Tugenden unserer Gemeinschaft, der Tag unserer Seele, das Wahrzeichen unseres Glaubens, verloren gegangen ist. Sollen nun auch die ehrsurchtgebietenden Tage dem Materialismus mehr und mchr zum Opfer fallen? Die „Tage der Umkehr" nahen. Möchte ein jeder dien Willen und den Weg finden, die heiligen Tage ganz und ungeschmälert zu feiern. Möchte jeder jüdische Geschäftsinhaber seine Angestellten von jeder Arbeit an den hohen Tagen befreien. Möchten die Treuesten der Treuen, denen es ein tiefes Bedürfnis ihres Herzens ist, der religiösen Pflicht gemäß Sabbate und Feste zu feiern, weitherziges "Verständnis bei allen in Betracht kommenden jüdischen Per-