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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-08-31 · 35 (31.8.1928) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
35 (31.8.1928)
Date
1928-08-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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s. Jahrgang Nummer 35 )ed sw> IMchÄemleZeikmg Beilage 31.Aug«st1S2S Verhandlungsbericht (Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) Die Schlußworte Rabbiner Dr. Lehmann, Berlin: Ich komme mit leeren Händen. Meine Notizen habe ich auf meinem Platz liegen lassen. Ich hätte aus das, was Herr Prof. Elbogen, Herr Dr. Wiener und andere Redner über und gegen die Reformgemeinde vorgebracht haben, allerlei zu sagen gehabt, auch auf das, was unser Vizepräsident, Herr R.-A. Stern, sagte. Ich hatte die Absicht, ganz friedlich und sachlich über diese Dinge zu sprechen. Nach den Worten unseres verehrten Dr. Seligmann, die aus tiefstem Herzen kamen, tue ich es nicht. Ein altes jüdisches Wort sagt: Worte, die aus dem Herzen kommen, gehen zu Herzen. Diese Worte sind mir und sicher auch meinen Freunden von der Reformgemeinde so zu Herzen gegangen, daß ich in dieser Stunde kein Wort der Entgegnung Vorbringen möchte, obwohl ich zunächst die Absicht dazu hatte. Ich habe gestern über Wahrheit und Gerechtigkeit gesprochen, Tr. Seligmann hat diesen beiden Worten zwei andere hinzugefügt: Liebe und Frieden. Und so sehen wir das schöne Wort des Propheten zur Wahrheit gemacht: Liebe und Wahrheit begegnen sich, Gerechtigkeit und Frieden küssen sich! — Wenn der Weltverband in diesem Geiste seine heutige Tagung nicht nur schließt, sondern in diesem Geiste weiterbesteht, dann wird sich in dem großen Werk, das zu vollbringen wir uns bemüht haben, auch das Schlußwort des Psalmisten erfüllen: Wenn so die Wahrheit aufsproßt von der Erde, dann wird .Heil erschaut vom Himmel! Dr. Philipson, Cincinnati: Dr. Philipson will allerlei zurückstellen, weil der Kongreß in einem so schönen Geist zu Ende geht, dank der Worte des Dr. Seligmann und der Antwort, die Dr. Lehmann gegeben habe. Im Weltverband solle man nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten. Auf einen einzelnen Punkt eingehend, sagt Dr. Philipson: Frau Ollendorf ist in der Sektion gebeten worden, in der morgigen Frauenversammlung darauf hinzuwirken, daß die Frauen das Ihrige in Bezug auf häusliches Leben und Erziehung tun, um dem liberalen Judentum aufzuhelfen. Wenn die Frauen Pflichten haben, so muß man ihnen auch Rechte gewähren. In dieser Beziehung haben vielleicht die Amerikaner eine Botschaft an die deutschen Juden. Was in amerikanischen Gemeinden geschehen ist, sollte auch in Deutschland möglich sein. Tie Gleichberechtigung der Frauen muß sich auch darin zeigen, daß sie mit den Männern in der Synagoge sitzt, daß man ihr in den Gemeindevertretungen Sitze einräumt, wie dies in Amerika der Fall ist: Geiger hat schon vor 80 Jahren vom Weib im Judentum geschrieben, und noch heute sind seine Forderungen nicht erfüllt. Schwierig ist die Sabbatfragc. Es ist zu bedauern, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse in vielen Fällen eine wirkliche Erfüllung des Sabbats unmöglich machen. Hier muß man zeitgemäß sein und fragen, was im Rahmen des Möglichen zur Erhaltung des Sabbat getan werden kann. Meines Wissens gibt es in Amerika nur eine einzige Gemeinde, die nur Sonntags Gottesdienst abhält. Alle anderen Gemeinden halten am Sabbat morgen Gottesdienste ab, daneben am Sonntag morgen für diejenigen, die am Sabbat nicht kommen können. Dieser Ausweg muß auch in anderen Gemeinden möglich sein. Rabbiner Dr. Baeck, Berlin: Es ist mir ein zwiefaches Bedürfnis. Zunächst möchte ich noch einen Namen nennen, der unter denen, die nicht mehr unter uns sind, durch einen Zufall nicht genannt wurde, den Namen eines Mannes, der mit dem Liberalismus in unserer Stadt untrennbar verbunden ist, der diesen Tag noch hätte erleben sollen, den Namen von Benzion Kellermann, (Beifall) eines Mannes, dessen Denken in seinem Gewissen und seinem Charakter wurzelte, der in mancher Beziehung ein Starrer war, aber, weil sein Denken aus seinem Wissen kam, ein Verstehender gewesen ist und der, wenn er unter uns hätte sein können, als Verstehender hier gewesen wäre. Das Andere ist ein Wort des Dankes an alle, die sich mit meinem Referat besaßt haben, an die, welche so gütige Worte der Anerkennung gefunden haben, des DankeH ganz ebenso an die, welche es ergänzt und weitergeführt haben, des Dankes ebenso für die, welche es in der Diskussion kritisiert haben. Darf ich meinen Dank dadurch darbringen, daß ich ganz kurz den Versuch mache, das, was es mich gestern drängte. Ihnen auszusprechen, wieder in Form und Gestalt zu führen. Das Erste ist: Alles Judentum ist ein großes Ernstnehmen. Die Juden sind — das hat Heinrich Heine einmal gesagt — immer die ernsten Männer, die ernsten Frauen gewesen. Jüdischer Liberalismus kann nur im Ernstnehmen leben, damit man nicht sagen könne: Man tut, was man will und ist liberal. Unseren Liberalismus sollen wir ernst nehmen, Persönlichkeit, selber Botschaft sein. Nicht aus einer Schwäche der Religiosität kann der Liberalismus hervorkommen, sondern nur aus einer Starke der Frömmigkeit, aus einer Kraft der Religiosität, so daß wir, wie es Dr. Montcfiore einmal sagte, dadurch, daß wir liberale Juden sind, ganz Juden sind, noch mehr als die andern. Die anderen — sie haben es in mancher Beziehung leichter. Wir denken hoch von der Orthodoxie, wir würden sie in unserem Gesamtjudentum nie missen wollen. Aber dem Orthodoxen macht der Schulchan Aruch vieles leichter, nur scheinbar schwerer: er hat die fertige Antwort, er hat die fertige Entscheidung; er weiß in jeder Stunde, was er tun soll und wie er es tun soll^ Liberal zu sein ist so viel schwerer. Man kann vielleicht ein Orthodoxer sein, ohne daß man Persönlichkeit ist, liberal kann man es nie sein. Nur ein Maximum an Frömmigkeit kann den Liberalismus leben lassen. Das Zweite! Wir stehen hier, ohne daß es vielleicht die Meisten wissen, gewissermaßen aus historischem Boden. Dieses Haus hier, Leipziger Straße 3, steht auf dem Grund und Boden, auf dem das Haus Abraham Mendelssohns stand. Wer davon hört, erinnert sich vielleicht an das „Leben der Familie Mendelssohn" von Hensel und vielleicht an die Briefe des Onkels Bartholdy. Diese Lockbriefe aus dem Judentum heraus sind erfolgreich geworden. In ihnen ist immer gesagt: Judentum — ist das denn etwas Zeitgemäßes? Wollt ihr zeitgemäß sein, dann müßt ihr fortgehen vom Judentum! — Der Apostat hat immer so viel vom Zeitgemäßen zu sprechen gewußt. Deshalb ist das Zweite das, daß gerade wir Liberalen uns immer wieder daran gemahnen und gemahnen lassen, daß alle Religion ein großes Wunder gegen das Bestehende ist, ob das Bestehende nun heißt: Sklaverei, ob es hieß: Tortur, ob Götzendienst, ob Gleichgültigkeit gegen die Armen und Bedrückten. Wenn das Bestehende der Religion in ihrer letzten Forderung nicht entsprach, dann mußte die Religion dem widersprechen. Ohne diese Kraft des Widerspruchs gibt es keine Religion. Wir beten: laß uns die Welt in Gottesreich umwandeln. Sollen wir etwa den Text ändern und sagen: daß wir Gottesreich nach der eben bestehenden Welt umgestalten wollen? Das wäre zeitgemäß! Aber wir dürfen es nie sein, wir dürfen es nie abdizieren, nicht abdanken vor uns selbst, wir müssen bleiben die großen Reformisten, die den Geist immer dem Schicksal entgcgenstellen, die das Messianische entgegenstellen dem, was gerade besteht, die an die Zukunft immer appellieren und sagen: Beginne jetzt, Zukunft zu schaffen. Nicht um das Zeitgemäße handelt es sich, sondern um die Geschichte. Wir wollen begreifen, daß jetzt eine große gewaltige Zeit des Judentums begonnen hat. Man möchte mit Reuchlin sagen: Es ist eine Lust, in ihr zu leben! Neue Zeit hat im Judentum begonnen, nicht zeitgemäße Zeit, aber neue Zeit. Wieder geboren ist das Judentum, Renaissance des Judentums hat begonnen. Das begreifen, — das ist Liberalismus. Man hat es lange nicht begriffen. Man hat es nicht begreifen können. Hatten wir damals zur Zeit der Männer des ersten Geschlechts der Reformer gelebt, wie David Philipson den Ausdruck gebildet hat, wir hätten es auch nicht begriffen. Wir können heute vieles verstehen, weil eben die Geschlechter vor uns gewesen sind, weil sie uns weitergeführt haben. Neue Zeit hat für uns begonnen. Für uns — und es ist ein eigenes Zusammentreffen — und gleichzeitig für den vierten Stand, den Stand, dem der Sozialismus den Weg weisen will. Es ist kein Zufall, daß die Führer des Sozialismus Juden gewesen sind. Es ist nicht nur deshalb so, weil, wie man oft gesagt hat, im Judentum seit jeher das soziale Empfinden lebt. Gewiß, das ist richtig, aber vor allem doch darum, weil auch für diesen vierten Stand die neue Zeit zusammen mit der unseren begonnen hat. Wir sind Schicksalsgenossen. Die Arbeiter und wir Juden sind Schicksalsgenossen auch darin, daß wir jeder in seiner Art dasselbe getan haben, vielleicht tun mußten, daß sie und wir die abgelegten Gewänder anderer angelegt haben. Darf ein Persönliches gesprochen werden? Ich habe bisweilen auf Bitten deutscher Arbeiter in sozialistischen Kreisen gesprochen. Ich habe ähnliches gesagt, wie das, was hier leider mißverstanden worden ist. Die Arbeiter sind zu mir gekommen und haben gesagt: wir danken Ihnen, Sie haben Recht, es ist so und es ist so gewesen! — Ein Führer der sozialistischen Jugend, zu dem ich vor zwei Jahren im engeren Kreise dasselbe sagte, hat mir die Hand gedrückt und mir recht gegeben. Es ist heute im Sozialismus besser geworden; wir Juden empfinden es dankbarer noch als alle die anderen. Man hat heute ein Einsehen, dort beginnt sich heute religiöses Leben zu regen Neues auch dort, Wiedergeburt! Und nun das Letzte!, die Frage der Aufgaben in der Welt! Wir können in der Welt nie für uns allein sein, wir müssen der Welt etwas zu sagen haben. Anderen können wir erst dann etwas sagen, wenn wir zuerst uns selbst etwas gesagt haben. Wir brauchen die großen Gedanken, wir müssen uns erheben über das Kleinliche, in dem die Menschen selber kleinlich lverden. Kleinliche Menschen stehen unter der Welt, nicht einmal in der Welt. Wir wollen uns über die Welt erheben: große Gedanken, — das ist es, was wir brauchen! Große Gedanken vom Judentum! Unser Judentum als Judeirtum der großen Gedanken, — das ist liberales Judentum. Das wird es fein Leser, die verreisen können sich die „Jüdisch-liberale Zeitung“ auf kurze oder längere Zeit ins Bad oder in die Sommerfrische nachsenden lassen Der Nachsendungsantrag ist bei dem zuständigen Postamt zu beantragen. Es ist dringend ratsam, die Ueberweisung möglichst acht Tage vor der Reise zu bestellen. oder es wird nicht sein! Wir sind in einer Zeit der Wiedergeburt. Wiedergeburt bedeutet immer: reine Gedanken, reines Empfinden und große Gedanken. Nur das Große ist rein, nur das Reine ist groß! Neu geboren, wicdcrgeboren, erneut' werden — das steht in der Bibel, mit dem Reinen sind die großen Gedanken verbunden. Ein reines Empfinden und Denken schaffe in mir, Gott, und einen Geist, der stark ist, weil er groß ist an Neuem in seinem Innern! Das ist liberales Judentum. Das Reine und Große, — wer das hat, der ist eine Botschaft. Wenn irgendeines uns hier zusammenschließen kann, so ist cs dies, daß wir in uns dies schaffen lassen und einander darin helfen. Rein und groß unser Judentum, — das allein kann liberales Judentum sein! Claude G. Montcfiore, London: Ich muß einiges kritisieren, was Dr. Baeck gestern in seinem Referat ausgesührt hat. Dr. Baeck sprach von der Höhe, auf der er stand, mit einiger Geringschätzung über die, die so viel Aufmerksamkeit „dem Dekorativen" zuwenden. Wir können diese Frage des Dekorativen nicht leicht nehmen, schon deshalb nicht, weil es in allen Ländern Theoretiker gibt, die das „Entweder—oder" formulieren und weil darin sehr ernstliche praktische Probleme begründet sind. Entweder wir sind noch Juden, wenn wir das ganze Religionsgesetz brechen, oder das Judentum geht mit dem Bruch des Religionsgesetzes verloren. Viele brechen mit dem Religionsgesetz und denken, sie haben nun mit dem Judentum gebrochen. Hier müssen wir sagen, daß das Wesentliche des Judentums nicht in den Ritus- und den Zeremonialvorschriften zu sehen ist. Wir dürfen die Frage des Dekorativen nicht leicht nehmen; darunter fallen die Fragen aller Gebräuche, aller Zeremonien, auch die Frage, was wir Juden tun sollen, wenn eine Proselytin zu uns kommen will und eine Scheu vor der Mikwe hat, oder wenn ein Proselyt zu uns kommen will und die Beschneidung scheut. Sollen wir es verlangen, oder sollen wir dessen entraten? Wir wollen halten, was schön ist, und das sowohl in unserem Privatleben wie in unserem öffentlichen Leben. Ich denke, wir haben auch gestern in der Reformgemeinde gesehen, daß sie zu halten versucht, was schön ist. Tie Frage nach der Bedeutung des „Dekorativen" berührt auch das Problem der Autorität. Der Pentateuch sagt: Du sollst die Arbeit um ihrer selbst willen lieben, und gleichzeitig sagt er, du sollst kein Gewand tragen, das aus Leinen und aus Wolle hergestellt ist. Das Eine ist göttlich, das Andere aber weder göttlich noch verbindlich. Biele sagen, beides ist göttlich, beides ist von Gott gegeben. Wir aber müssen einen Unterschied zwischen diesen beiden Vorschriften machen. Das ist vielleicht eine sehr schwierige Entscheidung, das eine müssen wir befolgen, das andere nicht. Wir müssen unser Gewissen prüfen, um herauszufinden, was verbindlich ist und was nicht. Ich glaube, daß die Frage des Dekorativen weit wesentlicher im liberalen Judentum ist, als viele vielleicht nach dem Referat von Herrn Dr. Baeck gedacht haben. Die großen Gedanken des Judentums müssen herrschen. Nunmehr schließt der Vorsitzende, Justizrat Blau, die Versammlung, indem er auf die Gedanken über Jüdischkeit, die er in der Montofiore-Festschrift niedergelegt hat, verweist und Gott dankt, daß er ihm und die Teilnehmer der Konferenz diesen Tag hat erleben lassen. Hierauf erfolgt Wiederwahl der Vorstandsmitglieder durch Akklamation. Nach Schluß- und Dankesworten von R.-A. Stern, Dr. Philipson (Cincinnati) und Claude G. Montcfiore ist die Konferenz des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum beendet. * Ausflug nach Potsdam Als Abschluß der Tagung fand am Dienstag, den 21. August, ein Ausflug nach Potsdam statt, den die Vereinigung für das liberale Judentum durch die großzügige Hilfe von Herrn Bankdirektor Kleemann mit Unterstützung der Potsdamer Gemeinde veranstaltete. An ihm beteiligten sich neben dm deutschm Delegierten zahlreiche; ausländische Töilnehimer der Konferenz. Acht große Rundfahrtautos brachten die Teilnehmer nach Wannsee, wo ein Sonderdampfer bereitlag. Auf ihm wurde das Mittagessen eingenommen. Bon der Glienicker Brücke brachten die Autos die Gäste zur dortigen Synagoge, in der eine kurze Feier stattfand. Orgelvortrag von Prof. Becker leitete die feierliche Zusammenkunft ein, ein Psalm, von Oberkantor G u t m a n n vorgetragen, begrüßte die Anwesenden, die sich in dem stilvollen, bis auf den letzten, Platz gefüllten Gotteshaus eingefundm hatten. Im Namen der jüdischen Gemeinde Potsdam hielt dann Rabbiner Dr. Schreiber eine Begrüßungsansprache, in der er darauf hinwies, daß in der Potsdamer Synagoge seit fast 100 Jahren der Geist des religiösen liberalen Judentums lebendig sei. Er gab ein Bild von der Entstehungsgeschichte des Gotteshauses, oas mit Unterstützung Friedrich des Großm gebaut worden ist, und wies dann auf den über dem Altar angebrachten preußischen Adler hin, der vor zwei Jahrzehnten als Zeichen der Tantbarieit für die preußischen Könige bei der Erneuerung der Synagoge angebracht worden fei. Der vielgeschmähte Potsdamer Geist ist nicht immer identisch mit dem in der Welt verrufenen Potsdamer Geist. Der Potsdamer Geist, wie ihn die Potsdamer Judm erlebten, ist der Geist von Einfachheit und Strenge, Ordnung und Gesetzmäßigkeit, von Arbeit und Fleiß, Freude am Guten unb Schönen. Eine Rezitation, tief empfunden von Frau Edith Herrn st adt-Oettingen gesprochen, und Orgelklänge gaben den ffftlichen Minuten den Ausklang. Es folgte eine Besichtigung der Potsdamer Sehenswürdigkeiten. Auf der Dampserrückfahrt nach Wannsöe dankte Miß Montagu Herrn Dir. Kleemann für den schönen Absch-uß der Tagung. Rabbi Silvermann dankte der Potsdamer Gemeinde in Erwiderung auf eine Ansprache, die Stadtrat Zielenziger gehalten hatte. Tie Potsdamer Gemeinde verteilte noch ein besonderes Erinnerungsbuch. — äußere Gestaltung des Ausfluges war der „Elite-Autofahrt G.m.b.H." übertragen worden, deren erstklassige Organisation sich hervorragend bewährt hat. * Zusammenkunft im Jüdischen Frauenbund Einen würdigen Ausklang fand die Jüdisch-Liberale Weltkonserenz in dem Gescllschastsabend, den der Jüdische Frauenbund, Ortsgruppe Berlin, den auswärtigen Delegierten der Konferenz bot. Die beiden Säle des Frauenklubs waren überfüllt. Um der Versammlung den Charakter einer Lehr- und Lernstunde zu geben, hatte man auf eine besondere Ausschmückung verzichtet. lieber den Verlauf der Zusammenkunft berichtet uns Professor Wölbe: Frau Martha Falkcnberg leitete die Versammlung mit gewohnter Sicherheit und Herzlichkeit. Zuerst sprach Lily Montagu. Sie bezeichnete die Konferenztage als „die glücklichsten ihres Lebens". Hier, im Frauenbünde, stelle sie zu ihrer Freude fest, daß religiöse Arbeit und soziale Hilsstätigkeit imstande seien, für alle Parteien innerhalb der Judenheit eine gemeinsame Plattform, zu schassen. Soziale Arbeit ist auch heilig, wie das Leben selber heilig ist. Leider entziehen sich viele Juden und Jüdinnen diesem Dienst an ihrer Glaubensgcmcinde, weil sie innerhalb der interkonfessionellen Verbände arbeiten. Niemand wird gegen eine solche Charitas etwas einzuwcnden haben; wenn aber Hilfsbedürftige unseres Glaubens nicht von uns betreut werden, sind sie häufig genug verlassen! Bei aller Anerkennung der den Glaubensgenossen gewidmeten Liebestätigkeit, vermißt Lily Montagu bei dieser manchmal die jüdisch-religiöse Grundlage. Religion muß nicht neben dem Liebeswerk einhergehen: unser Leben, unsere Fürsorge muß selber Religion sein! Seit 32 Jahren widmet sich diese edle Frau dem Dienst an den jungen Mädchen der englischen Hauptstadt, und dieses Jahr ist es das erste Mal — die Redncrin stellt dies mit leisem Bedauern fest! —, daß sie ihre Ferienerholung nicht mit ihren Pflegebefohlenen (800 sind es!) teilen kann. Sie arbeitet nicht für sie allein, sie arbeitet vor allem mit ihnen; ein Gefühl der Freundschaft verbindet sie mit ihnen. Ein so herzliches, vertrauensvolles Entgegenkommen seitens der Leiterin weckt Liebe und bereitwilliges Ausnehmen der guten Saat, die sie in die Herzen streut — auch der unentbehrlichen religiösen Unterweisung. Die Kennzeichnung sozialer Arbeit ais eines Dienstes an Gott zeugte von einer in heutiger Zeit leider seltenen kindlichen Frömmigkeit: „Wer für Gott arbeitet, der hat eine Botschaft Gottes zu verkünden; und wer sie kündet, der lehre vor allem jüdisches Leben, jüdisches Empfinden." Lily Montagu und ihre Schwester pflanzen jüdischen Geist in die Herzen ihrer Pslegebesohlenen in den „Settlements"; wie nachher von Besucherinnen dieser Heime aus Grund eigener Anschauung des „Henriquez-Settlement" bestätigt wurde, stellen diese so ziemlich das Großartigste dar, was auf charitativem Gebiete geschaffen werden kann! Selbstverständlich werden hier auch jüdische Männer betreut. Miß Montagu bezeichnet solche Ledigenheime als eine vitale Lebensnotweudigkeit der Juden, um der Mischehe, dem Austritt und namentlich der Gleichgültigkeit zu steuern. Besonders den Arbeitslosen steht das „Settlement" offen, denn diese Enterbten des Schicksals sind in der Millionenstadt von den schwersten seelischen Gefahren umlauert: sehr leicht gerät dabei ihre Verbundenheit mit Gott und Gottesdienst ins Wanken. „Gott" und „Für Gott" — das ist der Leitspruch, unter welchem Lily Montagu kämpft und — wie ihre Leistungen zeigen — auch siegt. Frau Rabbiner D r. L e f k o v i t s aus Dallas (Texas) grüßte die Versammlung im Namen der Frauenvereine der amerikanischen Gemeinden („Temple-Sisterhoods"). Mit Staunen — und vielleicht mit leisem Neide — hörten die Anwesenden den Bericht über die großartigen Leistungen der jüdischen Frauen in Amerika. Diese errichten Studentenheime, für die sie jährlich ca. 130 000 Mark ausgeben. Das Internat am „Hebrew Union College", d. h. am Rabbinerseminar, in Cincinnati, mit Schwimmbad, Turnhalle, Bibliothek ufw., ist ihr Werk. Sie unterhalten Religionsschulen, Bibelklassen (namentlich für Erwachsene), Diskussionsklubs. Was diesen Sistcrhoods glänzend gelang, ist die Heranziehung von jüdischen Frauen aller Stände zur Mitarbeit, so daß der bei uns üppig wuchernde „Kastengeist" in Amerika ganz unbekannt ist! „Aus der Gemeinde ins Haus, aus dem Hause in die Gemeinde", das ist die Losung ihrer Charitas, Wird ein jüdisches Kind geboren, stellt sich sogleich der Frauenverein beratend und — nötigenfalls — unterstützend ein. Alljährlich überzeugt sich der Verein am Geburtstage des Kindes von dessen Gedeihen; und wenn es das schulpflichtige Alter erreicht, wird es zunj Besuch der Religionsschule eingeladen. Jedes jüdische Kind soll nicht bloß allgemein-kulturell, sondern vor allem jüdisch beeinflußt werden. Dieser Einfluß wirkt sich in dem tiefen Glauben aus, mit dem das neugewonnene Bundesmitglied an der Religion der Väter hängt — auch wenn Vater und Mutter innerlich längst die Brücken zur Vergangenheit hinter sich abgebrochen haben mögen. Zur größten Ueberraschung der Zuhörer teilte Frau Dr. Lefkovits mit. daß das jüdische Leben in Amerika längst verdorrt wäre, hätten die jüdischen Frauen nicht immer wieder die Flamme der religiösen Begeisterung angesacht! Neben der Synagoge schassen sie „Centers" jüdischen Lebens: ist der Tempel die Andachtsstätte der Gesamtheit, so stellt das Center den religiösen Mittelpunkt für den Einzelnen dar. Feiertage werden hier gemeinsam begangen; Kinder lernen hier?eten; hier kommen die altehrwürdigen Bräuche wieder zu ihrem Recht. Alle Borträge wurden von Frau Paula Ollendorf ins Deutsche übertragen. Diese wackere Vorkämpferin der jüdischen Frauen knüpfte an die fesselnden Darlegungen die eindringliche Mahnung: „Ihr müßt wieder mehr Juden werden! Laßt Euch vom Judenhaß nicht beirren: er ist ein Weg für uns, immer besser zu werden und unserer hohen Sendung getreu zu bleiben. Gebt Euern Glaubensgenossen Freude. Freude ist ein Weg zu Gott. Keep smiling!"

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