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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-08-31 · 35 (31.8.1928) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
35 (31.8.1928)
Date
1928-08-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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gegeben, daß sie die mittelalterlichen Formen nicht mehr goutieren konnten, daß sie sich aus die Kultur der neuen Zeit umgestellt haben. Es ist selbstverständlich, daß sie in jener Zeit auf die ästhetischen Reformen »vcit mehr Wert gelegt haben, als ihnen ihrem tiefsten Sinn nach zukommt. Dennoch wird ein jeder, der einen ästhetisch einigermaßen befriedigenden Gottesdienst mitgemacht hat, zugeben, daß er ohne die Umgestaltung nicht denkbar und nicht möglich wäre. Wir müssen immer wieder daran festhalten, daß der Liberalismus uraltes jüdisches Gut ist, daß es immer wieder darauf ankommt, mit der Zeit und ihren Formen sich neu auseinanderzusehen. Daraus ergibt sich aber auch, daß wir uns weder unbedingt der Form unterwerfen, noch sie unbedingt ablehnen können. Das eine wie das andere ist verfehlt. Wir fordern im Gegenteil die persönliche Verantwortung. Cs kommt aus die Verantwortlichkeit an, die ich als Glied der Gemeinschaft des Judentums in mir trage. Daran gemessen sind die Formen Nebensache, und es ist durchaus richtig, daß es sich nicht lohnt, darüber zu verhandeln, ob diese oder jene Kleinigkeit innegehalten werden soll. Dr. Silverman, New D o r k, führt aus, das liberale Judentum macht einen Unterschied zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem. Das Judentum der Vergangenheit hat ein Maximum an Unwesentlichem verlangt, besonders der Talmud und der Schulchan Aruch. Das neue Judentum begnügt sich damit, ein notlvcndiges Minimum zu verlangen. Es kommt darauf an, worin dieses Minimum besteht. Das Liberale besteht darin, daß icder nach seinem Bedürfnis und nach seiner Lebensauffassung sein Judentum ausdrückt, durch Fasten, durch Gebet, durch Gottesdienst oder in anderer Weise. Glaube Mein genügt auch für den liberalen Juden nicht. Für ihn handelt es sich aber in erster Linie nicht um die Beobachtung von Ritusvorschriften, sondern um die Beobachtung der sittlichen Forderung. Wer in irgendeinem Punkte die sittliche Forderung verletzt, ist nicht Jude, und lvenn er auch außer dem Schmäh jisrocl die ganzen Gebete von Moses an betet. Dr. Mattuck, London, möchte nur eines von vielem aussprechen, was er gern sagen möchte. Bei aller Achtung vor den Ausführungen des Vorredners müsse er seine entgegengesetzte Meinung betonen. Es solle niemand aus diesem Saale gehen mit der Meinung, der Weltverband für religiös-liberales Judentum verlange nur ein Minimum an Judentum von dem Einzelnen. Der Weltverband für religiös-liberales Judentum verlange im Gegenteil ein Maximum an Judentum von jedem. Unser Judentum fordert die gesamte Persönlichkeit, das ganze Leben, — und das ist wohl das Höchste, was ein Mensch leisten und geben kann. Rabbiner Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M.: Ich habe das Gefühl, daß es unsere Aufgabe ist, das, was uns wohl alle in diesen Tagen hier bewegt, mit hinauszunehmen; wir wollen es denen bringen, die noch nicht zu uns gehören. Es gibt Tausende, die auf Botschaft warten, die wir ihnen zu bringen haben. Sie wollen — um dieses Wort zu gebrauchen — die Weltfrömmigkeit haben und haben sie vielleicht schon. Sie wollen sie auch bei uns hören und bei uns schm. Was ist diese Weltfrömmigkeit des Einzelnen? Es ist der ganze jüdische Mensch, von dem immer die Rede ist. Wir sind ganze jüdische Menschen; wir möchten die ganze Welt nicht nur umarmen, sondern — ich muß diesen Ausdruck gebrauchen — wir möchten die ganze Welt vcrjüdischen, im höchsten Sinne. Uns überwältigt auch heute das Wort Jesaias, daß wir die Sünden der Welt tragen, daß wir die Krankheit der Welt heilen sollen. Tun wir das, so sind wir ganze jüdische Menschen. Dann stellt sich auch bei uns jenes andere ein, was man immer bei uns nicht sieht und nicht sehen wiN, jener Klal, der viel wichtiger ist als der, der uns immer entgegengehalten wird: der Klal der Begeisterung, der durch uns alle gehen muß, der von Kanada bis hierher und noch viel weiter reicht. Haben wir diesen Klal der Begeisterung, so kommen wir auch zu dem, was man bei uns ebenfalls nicht sehen will: der Verwirklichung des Judentums. Wir haben in dem gestrigen Referat vom Ornament und dem, was dazu gehört, vernommen. Ich habe dabei daran gedacht, daß doch jene ganz großen klassischen liberalen Gestalten dieses Ornament und seine Aenderung in Verbindung mit ihrer ganzen inneren religiösen Einstellung gebracht haben. Ich war tief, tief betrübt, daß heute vormittag der Kollege Wiener uns, die wir hierher gekommen sind, um uns zu erheben und zn kräftigen, gefragt hat: wie lange wird es dauern, dann wird cs überhaupt keine Religion mehr geben, seht Euch um! — Ich bedauere, daß er nicht hinzugefügt hat — was natürlich in ihm lebt —, daß wir die Religiosität neu ausbauen müssen, daß er sich nicht gerade auf den Mann berufen hat, der nicht eigentlich zu uns gehört, der das Wort sprach: Die jüdische Religiosität ist kein Gegenstand von bloß besonderer Würde, die jüdische Religiosität ist der Gegenstand, ist die Aktualität überhaupt! Der das gesagt hat, war Martin Buber. In diesem Sinne bedauere ich, daß wir diese Zweifelsfrage gehört haben, die natürlich ehrlich gemeint war. Die Frage: Kann sich Gott denn in uns offenbaren, ja tut er es überhaupt? — beantworte ich in aller Demut, in aller Bescheidenheit, in allem Zittern und Zagen natürlich, damit: Jawohl, er spricht, er hört, er lebt, er wirkt, es gibt keinen Zweifel! Rede, Gott, wir, deine Knechte, wir hören dich! Rechtsanwalt Dr. Galliner, Berlin: Drei Probleme wurden hier aufgerollt, von denen insbesondere in den letzten Jahren wiedev die Rede ist: die Frage der Irrationalen, die Frage des Klal- Gedankens und die eminent wichtige und praktische, leider nur gestreifte Frage: Woher nehmen wir die Formen unseres Gottesdienstes, überhaupt die Formen, in denen wir unsere Religion erleben wollen? Diese dritte Frage ist die allerbedeutsamste Frage innerhalb des liberalen Judentums. Ich bedauere, daß diese Frage nicht in derjenigen Ausgiebigkeit behandelt werden konnte, die notwendig gewesen wäre. Ich bedaure, paß ich nicht die Freude wendig gewesen wäre. Ich bedaure, daß ich nicht die Freude gehabt habe, zu hören, wie Herr Dr. Wiener sich die Dinge vorftellt. Ich weiß, was er geschrieben hat, und habe es erst gestern wieder gelesen. Wenn wir darüber eine Aussprache hätten berbeiiühren können, so würden ihm viele in unserem Kreis wohl gesagt haben, daß man die Formen auch nach der Heimat gestalten kann, in der sich der einzelne wohlfühlt. Wenn wir vom Klal-Gedanken sprechen, so müssen wir liberale Juden klar erkennen, was dieser Klal-Gedanke uns bedeutet Ich bin Herrn Rabbiner Dr. Gottschalk dafür besonders dankbar, daß er uns diesen Gedanken mit voller Klarheit vor Augen geführt hat. Ich habe diese Klarheit gerade bei dem Vorsitzenden unserer Vereinigung, unserem lieben Rechtsanwalt Heinrich Stern, vermißt. Von wem stammt denn die Betonung des Irrationalen? Gerade von unserem verehrten Dr. Baeck! Es ist ganz eigenartig: Dr. Baeck hat erst vor wenigen Tagen geschrieben, daß für den Liberalismus die Gefahr bestehe, daß er über dem Zukünftigen, dem rein Menschlichen, dem Ewigen die Gegenwart vergesse. Und er ist es wiederum, der seit einigen Jahren bewußt immer das Irrationale betont. Das ist im Grunde kein Gegensatz, es ist eigentlich eine Ergänzung, es ist etwas, was man im Zusammenhang aussprechcn muß. Ich hätte deshalb gewünscht, Herr Dr. Baeck hätte in seinem Referat auch das Zweite betont, was er geschrieben hat. Das Irrationale steckt in uns, es ist etwas, was kein Mensch leugnen kann und leugnen wird. Der Gedankengang von Dr. Lehmann ist zum Teil falsch dahin aufgefaßt worden, daß er meine, nur aus Vernunft könne man Religion schaffen. Es ist einmal ein schönes Wort gesprochen worden: Aus Vernunft allein hat noch niemand etwas Vernünftiges geschaffen, aus Verstand allein hat noch niemand etwas Verständiges geschaffen, es muß das Herz, die Seele hinzukommen! — Wer Dr. Lehmann heute hat sprechen hören, hat gewußt, daß die Seele dabei war, daß die Liebe zu Gott da war. Und das ist das, was uns heute und in Zukunft immer und ewig verbindet! zu uns, wir wollen in Frieden und Freundschaft auscinandergehcn! Rabbiner Dr. Rordea, Elberfeld: Heute vormittag sind über die Reformgemeinde einige Worte gesprochen worden, die nicht recht freundlich klangen. Ich halte das nicht für richtig. Denn die Einladung in die Synagoge der Reformgemeinde, die wir angenommen haben, hat uns Klarheit darüber verschafft, daß sie Fleisch von unserm Fleisch, Bein von unserm Bein ist! (Bravo!) Gewiß, es ist der linke Flügel des Judentums. Aber er ist mehr von dem Klal-Gedanken erfaßt als der rechte. Das sehen wir in Berlin. Die Reformgemeinde nimmt niemand aus, der nicht zugleich zur Hauptgemeinde gehört. Die Adaß-Gemeinde dagegen hat sich abgesondert und betrachtet die Reformgemeinde gleichsam als zu einer andern Konfession gehörig. Auch mir ist der Gottesdienst der Reformgemeinde etwas Fremdes, ich habe ihn gestern erst zum zweiten Male gehört. Aber ich habe sehr genau darauf geachtet, daß besonders auch der Chor Melodien gebracht hat, die mir von meiner Berliner Studienzeit bekannt sind, die ich aber sonst nicht gehört habe. Man ist uns entgegcngekommen. ' Soll man die Reformgemeinde nun abstoßen? Das Hauptproblem aller Probleme, die Tragödie unter den Tragödien des Judentums ist die Sabbatsrage. Man hat den Vertreter der Reformgemeinde scharf angegriffen. Wer ihm richtig zugehört hat, mußte erkennen, daß er aus einem tief religiösen Gemüt gesprochen hat. Er will den Sabbat nicht vernichten, er will genau das Gegenteil. Freilich, er zeigt den radikalen Weg. Die deutschen Juden sind bisher aus den verschiedensten Gründen nicht bereit, diesen Weg zu gehen. Es sind geschichtliche und Gesühlsmomente, es ist der Stolz und die Selbstachtung; man sagt sich: die Kirche hat vor eineinhalb Jahrtausenden den Sabbat verpönt und einen anderen Wochentag genommen, wir könnten der Kirche nicht nachlaufen. — Aber darüber muß man sich klar sein: Mit dem Sabbat sieht es bei uns traurig aus. Der Handwerker muß in seiner Werkstatt arbeiten, der Kaufmann seinen Geschäften nachgehen, der Rechtsanwalt sich im Gerichtssaal und in seinem Büro aufhalten, der Arzt seine Praxis versehen. Man macht uns immer den Vorwurf, wir wirkten nur negativ. Wir dürfen uns auch Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands der Resormgemeinde gegenüber nicht negativ verhalten und einfach erklären, daß wir die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag ablehnen. Wir müssen etwas Positives tun, und wenn cs auch nur etwas Halbes ist. Ein Halbes oder ein Dreiviertel ist besser als nichts. Wir müssen uns des Sabbats mehr annehmen. Ich bitte besonders Frau Ollendorf, in der übermorgen stattsindenden Frauenversammlung unsere Frauen daraus hinzuweisen, in dieser Beziehung mehr zu tun als bisher, daß sie ihre Kinder, die leider am Sabbat die Schule besuchen müssen, veranlassen, wenigstens die Schularbeiten nicht am Sabbatnachmittag, sondern am Sonntag zu machen, daß sie selbst am Sabbat in ihren Häusern keine geräuschvollen Arbeiten vornehmen, daß sie alles Mögliche tun, um die häusliche Feier zu pflegen, daß sie den Freitag-Abend in irgendeiner Form festlich ausgestalten. Rechtsanwalt Stern sprach davon, daß er am Freitag seinen Sohn segne. Er tut es. Aber wie wenige halten an diesen ewig schönen Gebräuchen fest! Unsere alten Gelehrten haben sich vor 2000 Jahren liberal gezeigt, als sie ein wichtiges Thora-Gebot aufgehoben, in dem sie bestimmten, der Tag des schmetternden Tons, des Schofarblasens solle, wenn er aus den Sabbat falle, kein Tag des Blasens sein. In diesem und im nächsten Jahr wird er auf den Sabbat fallen. Mögen unsere Frauen und Mütter daraus achten! Nicht nur der uns ins Gewissen reden. Wenn wir die Reformen der Amerikaner und die Berliner Reformen für uns nicht als gültig und richtig anschen, so sollen wir wenigstens positiv alles tun, um den Sabbat zu bewahren. Ich meine nicht die äußere Heiligung des Sabbat mit Lichtanzünden usw., sondern das, was der Seele etwas gibt. Wir müssen unsere Kinder zu einem Geschlecht erziehen, das religiöser ist als wir, das wieder mehr das Bedürfnis empfindet, der Seele einen Tag der Ruhe zu geben. Ich schließe mit Worten des Propheten Jesaia: Indem wir den Sabbat wollen und ihn vor Entweihung schützen, schützen wir unsere Hand, Böses und Unreligiöses und Ungöttliches zu tun. Rabbiner Dr. Seligmann, Frankfurt a. M.: Herzlich habe ich mich der Worte meines Vorredners gefreut. Seine Worte überheben mich der Notwendigkeit, manches von dem zu sagen, was ich sagen wollte. Es liegt mir am Herzen, daß diese so erhebende zweitägige Versammlung von einem so hohen Niveau nicht in irgendeiner Richtung in einem Mißton ausklingt. Die Worte des Kollegen Dr. Lehmann haben heute einer ganzen Reihe von Rednern Veranlassung zu starken Erwiderungen gegeben. Ich persönlich bin mit vielem von dem. was er sagte, nicht einverstanden. Aber wir liberalen Rabbiner in Deutschland haben uns von ganzem Herzen gefreut, als Dr. Lehmann als der erste der Reformrabbiner, die an einer der Reformgemeinden angestellt sind, den Weg zu der Vereinigung der liberalen Rabbiner in Deutschland gesucht hat. Wir arbeiten mit ihm zusammen in herzlichstem Einvernehmen und haben ihn als einen maßvollen, tiefreligiösen und herzcnsgütigen Menschen kennen gelernt, dem das Judentum in seiner Weise ebenso ans Herz gewachsen ist wie uns allen. Vom Persönlichen abgesehen, möchte ich nun einiges über unser Verhältnis zur Reformgemeinde sagen. In der Breslauer Rabbinerversammlung vom Jahre 1846 ist das Wort gefallen: Die Ehe, die auf der Rabbiner-Versammlung in Frankfurt a. M. ein Jahr zuvor geschlossen worden ist, ist in Breslau geschieden worden. — Ich darf vielleicht feststellen: Diese Ehe ist bei dem Gottesdienst, den die Reformgemeinde gestern veranstaltet hat und zu dem sie uns alle eingeladen hat, wieder geschlossen worden. (Beifall.) Wir waren gestern auf dem wunderbaren Fest des Herrn Lachmann-Mosse. Er hat mich mit herzlichsten Dankesworten empfangen. Er sagte mir: Ihre Pessach hagada hat die meisten Häuser der Reformgemeinde wieder dem Seder-Abend gewonnen. Die Reformgemeinde sucht, insbesondere seitdem Herr Kollege Lehmann an ihrer Spitze steht, aber auch schon vorher unter Lewin, immer mehr den Weg zu Ganz-Israel. Wollen wir uns dessen nicht herzlich freuen und unsere Tore weit öffnen? Die Resormgemeinde hat den Weg gesunden zur Vereinigung des liberalen Judentums in Deutschland und zu diesem Weltverband. Wir wollen uns doch herzlich freuen, wenn diejenigen, die auf anderem Wege sind als wrr — und diese „wir" gehen ja doch so verschiedene Wege — ihrer Jüdischkeit einen besonderen Ausdruck geben. Die Reformgemeinde ist nicht eine ethische Gesellschaft — so darf man die Worte des Herrn Dr. Lehmann nicht verstehen —, sondern eine tief von Jüdischkeit durchdrungene Gesellschaft. Ich möchte ein bekanntes Zitat wiederholen: Seit dem Aufkommen der Reform hat die christliche Mission unter den Juden schlechte Geschäfte gemacht. — Die Reformgemcinde hat es in Jahrzehnten fertig gebracht, daß nicht ein einziger Jude sich in Berlin hat taufen lassen, — nach einer entsetzlichen Zeit des Abfalls. Mein Freund Prof. Elbogen hat in einer Nummer der „Jüdischen Rundschau", die unserer Konferenz gewidmet ist, einen Artikel geschrieben „Laßt uns Brücken bauen!" Ich freue mich darüber, ich freue mich, daß versucht wird, von dort aus Brücken zu bauen. Wir wollen Brücken bauen, wenn sie zu uns gelegt werden; wir wollen zu der Reformgemeinde Brücken bauen wie sie Rabbiner Dr. Wolf, Dresden: Wenn Brücken geschlagen werden sollen, dann muß doch einmal ausgesprochen werden, daß diese Brücken nur dann geschlagen werden können, wenn auch dem, was in uns lebt, Verständnis entgegengebracht wird. In diesen zwei Tagen haben wir um das Wesen des Liberalismus gekämpft und gerungen, und doch ist es vielleicht noch nicht so deutlich ausgesprochen worden, daß es jeder, der nicht zu uns gehört, auch unbedingt verstehen muß. Ein kleines Beispiel! In irgendeiner Gemeinde wird ein Krankenhaus gebaut. Man hat sich darüber gestritten, ob man gestatten soll, daß die alten Kranken dort hinauf gefahren werden. Wir Liberalen müssen einem solchen Streit widersprechen. Es geht nicht an, daß die Halacha, die Vorschrift, die Menschlichkeit, die Moral unterdrückt. Der alte Fromme ist in seinen vier Ellen glücklich. Er lebt darin. Aber diese vier Ellen der Halacha sind doch für das Judentum etwas Beengendes. Es muß aus ihnen heraus. Es handelt sich nicht nur darum, daß wir den alten Menschen beistehen. Gewiß, das muß ein jeder Mensch tun. Wo es sich um Großes handelt, kann man vielleicht sogar über die Bequemlichkeit der Menschen hinwegsehen. Aber das Judentum ist etwas, was sich nicht so einengen darf. Wir können es nicht dulden, daß auch Gott in diese vier Ellen der Halacha hineingestcllt wird uüd nicht mehr herauskommen kann. Wir müssen Gott aus unserem Herzen heraus empfinden. Er ist der Liebende, der Barmherzig«, der durch sein Gebot den Menschen nicht wehe tun will und dessen Gebot die Menschlichkeit niemals unterdrückt. Liberales Judentum heißt nicht Aufgeben dessen, was gewesen ist, sondern' ganz und gar dort stehen, wo das Judentum, in das wir hineingeboren sind und aus dem wir herauskommen, uns hingestellt hat. Wir müssen fordern, daß das Gesetz der Religion unsere Gewissen nicht vergewaltigt, daß es uns nichts vorschreibt, was wir vielleicht als unmoralisch, der Menschlichkeit Hohn sprechend, empfinden. Liberalismus bedeutet eben, daß wir die Religion, das Judentum, daß wir Gott von allen Hemmnissen, von allen Ketten befreien, die das religiöse Empfinden einengen. Wenn Brücken geschlagen tverden sollen, dann müssen wir verlangen, daß man anerkennt: Hier kämpft religiöses Gewissen, kämpft religiöser Wille um Geltung und Anerkennung. Wenn dies anerkannt wird, wird das Judentum einheitlich sein. Dann werden wir mitten im Judentum stehen und daran arbeiten, daß es weiter lebt. Frau Bertha Falkenberg, Berlin: Der Schofarton dieser Kon ferenz ist in unser Ohr und Irnser Herz gedrungen, und wir wollen unsere Empfindungen und Gedanken in die Tat umsetzen. Wir liberalen jüdischen Frauen in Deutschland wollen nicht warten, wir wollen nicht rechnen, wir wollen nichts fürchten, wir wollen handeln. Wir wollen in den liberalen Vereinen die heilige Kleinarbeit tun, die teils wegen ihrer Veranlagung, teils wegen Zeitmangels nicht Sache der Männer sein mag. Wir hätten wohl schon mehr erreicht, wenn wir uns früher auf diese Aufgabe besonnen hätten. (Sehr richtig!) Wir Frauen haben zweierlei zu tun. Wir müssen lernen, müssen jüdisches Wissen erwerben, und wenn wir das getan haben, wollen wir uns auch mit dem jüdischen Leben in der Gemeinde beschäftigen. Wir wollen dann unser Wissen weitcrgeben und vermöge des Wissens in jedem Kreise, in dem wir stehen, für das liberale Judentum werben. Vor allem aber wollen wir im häuslichen Leben, in dieser Keimzelle des Lebens überhaupt, jüdisches Leben pflegen. Dieser Mittelpunkt kann nur dadurch wachsen, blühen und gedeihen, daß wir Frauen unser Hau§ wieder zu einem wahrhaft jüdischen machen. (Bravo!) Tausende von jüdisch-liberalen Frauen sind da, wir wissen es. Aber sie sind zaghaft, weil sie eben nicht um ihr Judentum wissen, sie trauen sich nicht hervor. Darum wollen wir alle zusammenstchen, wer wollen nicht andere bekämpfen und andere herabsctzen, sondern dazu Helsen, daß die Abscitsstehendcn hervortreten, mit Ruhe und Würde, aber auch mit, Kraft und sagen: Auch wir sind da. Dr. Hosfmann, Frankfurt a. M.: Ich möchte nur einen Wunsch wiederholen, den ich schon in der Sektion für Jugend ausgesprochen habe. Es war soeben von der Kleinarbeit die Rede. Wir alle haben in der Jugend nicht die Zeit, die gesamte Bibel, die gesamte jüdische Geschichte bis zur Gegenwart aus den Quellen zu lernen. Ich möchte dem Vorstand die Anregung geben, eine An thologie der Bibel und der jüdischen Geschichte bis zur Gegenwart hcrauszngeben. Damit würde der 'Weltverband für religiösliberales Judentum den Müttern und der Jugend etwas Greifbares in die Hand geben, um jüdisch-liberal arbeiten zu können. (Fortsetzung des Verhandlungsberichtes in der Beilage.) Kalendarium f die Zeit v. Z. 9. b. 8. 9. 28 September 1926 Ab 5688 Sonnabend 1 16 Wochenabschnitt: ki ßowo Haftarah: Jesaia 60, 1—21 Sabbat-Ausgang: 7,41 Uhr Sonntag 2 17 Montag 3 18 Dienstag 4 19 Mittwoch 5 20 Donnerstag 6 21 Freitag 7 22 Sonnabend 8 23 Wochenabschnitt: Nizzowim-Wajjelech Haftarah: Jesaia 61, 10—11; 62,1—12; 63, 1—9 Sabbat-Ausgang: 7.24 Uhr Israelitischer Gottesdienst in Frankfurl/At. Liberaler Ritus: Hauptsynagoge. Freitag, d. 31. 8., abds. 6.15, Jugendgottesdienst Rabb. Dr. Lazarus. Sonnabend, d. 1. 9., morg. 9, nachm. 4, Ausgang 8. Wochengottesdienst: morg. 7.30, nachm. 4. Synagoge an der Königsteiner Straße. Freitag, d. 31. 8., abds. 7, Predigt Rabb. Dr. Seligmann.. Sonnabend, d. 1. 9., morg. 9. Wochengottesdienst: morg. 7.30.. abds. 7. Konservativer Ritus: Synagoge am Börneplatz Freitag, d. 31. 8., abds. 6.45. Sonnabend, d. 1. 9., Frühgottesdienst 6.30, morg. 8, nachm. 4.30, Ausgang 8. Wochengottesdienst: morg. 6.15, nachm. 6.45. Synagoge Bockeuheim. Freitag, d. 31. 8., abds. 6.45. Sonnabend, d. 1. 9., morg. 8.45, nachm. 4, Ausgang 8. Wochengottesdienst: morg. 6.30. Israel. Krankenhaus Gagernftr. 36. Freitag, d. 31. 8., abds. 6.45. Sonnabend, d. 1. 9., morg. 8, nachm. 4. Verlag: Bereinigung für das liberale Judentum e. Iß., Berlin SW. 48. — Verantwortlicher Redakteur: Dipl.-Jng. B r u n o W o y d a, Berlin NW. 23. — Druck: Hermann Wegner Lc Co., Berlin-Mariendorf.

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