Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 35 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Höchste und Wertvollste erscheint, sieht er im Göttlichen ni nicht möglich, aus der Religion irgend einen Inhalt herauszudestillieren. Darüber muß sich gerade der Liberalismus klar sein. Die Orthodoxie kann sagen: So wie die Offenbarung in der Thora, in der Tradition formuliert ist, ist sie ein für allemal göttlich, das ist die Religion. Der Liberalismus hat in jedem einzelnen Falle die fortwährende Kontrolle: ist es noch göttlich? Für einen ernsthaften Orthodoxen ist es im Grunde genommen absolut inkonsequent, wenn er in der Heiligen Schrift, in der Thora irgendwelche Wertungsunterschiede macht. Das ganze Wort ist göttlich. Für ihn gilt das Wort für alle Zeiten, in Bezug auf Eherecht, Strafrecht oder sonst etwas. Steht es nun so, daß wir bloß dadurch, daß wir einen kulturellen erdhaften Inhalt unter dem Gesichtspunkt des Göttlichen sehen, als Religion empfinden, dann müssen wir uns als Juden fragen: Woher nehmen wir Juden diesen Inhalt? So komme ich dazu, Ihnen zu zeigen, wie hier aus unmittelbar liberal-religiösen Gründen die Frage jüdischer Volkhaftigkeit diskutiert werden muß. Es hat keinen Zweck, sich die Sache bequem zu machen. Welchen Sinn soll es haben, was sollen wir in der Religion verwirklichen, welchen Inhalt sollen wir der jüdischen Religion geben, wenn nicht dasjenige, was in der Geschichte an religiösen Voraussetzungen entwickelt ist? Ich spreche nicht von der Nation, ich spreche von diesen Voraussetzungen. Ich kann cs auch anders nennen. Es muß aber irgendwie eine außerhalb des Religiösen stehende jüdische Kulturgemeinschast — oder nennen Sie es, wie Sie wollen — in ihrer konkreten Erdhaftigkeit und Umgrenzung angenommen werden, wenn überhaupt jüdischer Liberalismus einen Sinn haben soll. Sonst gibt es eine allgemeine liberale Religion. Sie kann es auch geben, und sie steht vielleicht sehr hoch. Aber es hat dann keinen Sinn, von einem jüdischen Liberalismus zu sprechen. Der Liberalismus muß sich vor einer Festsetzung vor dem Statuarischen hüten, vor einer Verholzung. Eine solche Verholzung ging aus der Rede hervor, die gestern Lehmann gehalten hat. Das war eine Kodisizierung der Reform, dasselbe, waS der Schulchan Aruch vor 300 Jahren gemacht hat. (Beifall und Widerspruch.) Ganz abgesehen davon, daß er in einer durchaus orthodoxhaften Weise für seine Ansichten Autoritäten anführte, noch dazu falsch. Hermann Cohen wurde für die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag in Beschlag genommen. Cohen hat in einer Jugendschrift vielleicht ähnliche Gedanken geäußert. Wer ihn aber in seinem Alter zu kennen das Glück hatte, wird sagen: er war ein so bodenständiger, fester Jude, der die Heiligkeit des Sabbats, den Wert des am Sabbat zu begehenden Sabbats, so klar erkannt hat wie irgend jemand. In den äußeren Formen seiner Gedanken scheint er manchen in mancher Hinsicht den gegenwärtigen Ideen des Liberalismus nahezustehen, aber ttt seinem Gefühl ist dieser Mann so positiv jüdisch gewesen, wie man sich nur denken kann. Was sollen wir tun? Ich komme aus die Spur von Dicnemann zurück. Wir reden hier von religiösen Reformen, ob wir ein bißchen mehr deutsch oder ein bißchen mehr hebräisch haben. Was sind das doch für Kinkerlitzchen! Ich komme auf den Ausgangspunkt zurück. Es handelt sich wirklich um eine Lebensfrage der Religion, ob sie überhaupt wciterbestehen soll oder nicht. Es handelt sich darum, ob es in dieser- Welt, in diesen völlig mechanisierten, verwissenschaftlichen, versoziologisierten Welt, in der wir stehen, die, wie cs scheint, die gesamte Breite der Seele mit Welthastcm besetzt hat, überhaupt möglich ist, daß wir — ich meine das ganz wortwörtlich — die göttliche Offenbarung in uns noch hören. Ich versiehe das in einem so massiven, handfesten Sinn, wie ein alter jüdischer Prophet cs verstanden hat. Stehen wir so, glauben wir daran, gibt es ein Göttliches, das immer zu uns spricht, so werden wir mit allem übrigen sehr leicht fertig werden. Pros. Dr. Elbogen, Berlin: Wir bilden uns ein, die Majorität der westlichen Juden zu bilden. Warum können wir nichts zustande bringen, warum leisten wir so relativ wenig? Es wird ja soviel darüber geklagt, daß die liberalen Forderungen in den Gemeinden nicht durchgehen. Ja, weshalb? Weil hinter den liberalen Forderungen kein energischer Wille steht! (Sehr richtig!) Wir bilden uns ein, fortschrittlich zu sein und kommen doch immer wieder mit alten Ladenhütern. Was vielleicht vor 80 Jahren gut war, wird heute wiederholt. Ich habe es bedauert, daß ich gestern von Dr. Lehmann dasselbe gehört habe, was ich vor 30 Jahren von ihm gehört habe. Tie ganze Wissenschaft ist an ihm vorübergegangen. Ich hatte von ihm erwartet, daß er mit seinem warmen sozialen Herzen von der Not der Zeit sprechen würde und den Forderungen, die sie an die Menschen stellt. Nichts davon hat er gesagt, er hat sich mit lauter Kleinigkeiten beschäftigt, die gar nicht die Weltkonferenz betreffen, sondern die Berliner Gemeinde. Das Unglück ist. daß man es in vielen Kreisen des deutschen Liberalismus für eine Tugend hält, die Parole auszugeben: Los von der Tradition, los vom Jüdischen) Je weniger jüdisch, desto liberaler meint man zu sein! Darauf möchte ich ganz offen sagen: Lassen Sie uns paar Leute, die wir die Tradition halten wollen, ruhig die Tradition halten, solange wir die Tradition nicht als autoritatives Gesetz auslegen, sondern als etwas, was uns innerlich wertvoll und teuer ist. Eine kleine Illustration! Am Sonnabend stellte sich in der Synagoge ein Herr in den Gang, um der Predigt zuzuhören. Er hat niemanden gestört und niemand weh getan. Nach fünf Minuten kam der Schammcs der Synagoge und redete ihn an. Der hat alle gestört! (.Heiterkeit.) Der Herr ging aus der Synagoge heraus, er hat von der Predigt und dem Gottesdienst nichts mehr gehabt. — Bei uns ist es genau dasselbe. Lassen Sie uns unsere Zeremonien und Traditionen halten, solange wir sie für wertvoll halten! Sorgen Sie aber mit uns für etwas, anderes! Wenn wir sagen, daß das jüdische Zeremonialgesetz und die alten jüdischen Traditionen für uns ihren Wert verloren haben, was bieten wir als Ersatz dafür? Wofür soll unsere Jugend sich opfern? Wofür soll sie sich einsetzen, wenn wir ihr nicht sagen: Dafür müßd ihr sittlicher, innerlicher, religiöser, frömmer werden. Das ist ein Ideal, das wir haben müssen. Solange wir das nicht haben, ist nichts damit gewonnen, daß >vir einfach gegen die Tradition predigen. Gegenüber der Glorifizierung der Berliner Reformgemeinde muß ich doch die offene Frage stellen: Welches religiöse oder soziale Werk hat die Reformgemeinde außer dem Gottesdienst in den 80 Jahren nun wirklich geleistet? Nichts, absolut nichts! (Widerspruch.) Nicht einmal eine deutsche Bibel hat sie geschaffen. Selbst die Propheten sind bis vor wenigen Jahren in der Reformgemeinde nicht einmal vorgelesen worden. Und wenn Dr. Lehmann von der Schrift redet, — wer hat denn die Schrift bewahrt? Doch nur die Juden mit ihrer Tradition! Man kann doch über das alte Judentum nicht so reden, wie Lehmann es getan hat, daß der jüdischen Wohltätigkeit jeder sittliche, jeder religiöse Inhalt gefehlt habe. (Dr. Lehmann: Das habe ich nicht gesagt!) — Doch, leider, daß das Sittliche, das Religiöse nicht zur - Geltung komme. Ein offenes Wort an unsere amerikanischen Freunde! Hier in Deutschland erstirbt man in der Verehrung für Amerika. Amerika hat sicher lehr viel geleistet. Aber ich frage — und Dr. Schulman hat dies eigentlich vorhin schon verneint —: Ist das amerikanische Judentum im Durchschnitt — ich spreche nicht von den auserlesenen Führern — wirklich so sehr viel besser, so viel geistiger, so viel frommer als wir oder die alten Juden? Leider nicht. Dr. Morgenstern verneint es auch. Sie sehen, der Hauptpunkt liegt in dem, was daeck gestern angedeutet hat: nie fertig sein, sondern immer an sich arbeiten, immer mit sich kämpfen! Mensch sein, heißt Kämpfer sein, Jude sein, heißt erst recht Kämpfer sein und liberaler Jude tausendmal, jeden Tag von neuem am sittlichen und innerlichen Menschen arbeiten. Prof. Dr. Morgenstern, Cincinnati, knüpft an den Bortrag des Herrn Dr. Baeck an. Der Wert von Baecks Rede liegt vor allem darin, daß sie zum eigenen Denken anregt. Die erste Frage, die aufsteigt, lautet: was ist die grundlegende Aufgabe des liberalen Judentums in der Welt? Die Aufgabe der Orthodoxie besteht darin, die Vergangenheit in die Gegenwart und in die Zukunft hinein zu verewigen. Die bloß Zeitgemäßen wollen nur Gegenwart formen. Die Aufgabe des liberalen Judentums aber ist es, aus der Vergangenheit heraus in der Gegenwart eine Zukunft zu formen, so daß zwischen Vergangenheit und Zukunft eine lückenlos« Kette besteht. Ist wirklich das besondere Kennzeichen des Judentums ein für allemal die Abweichung von allen Anderen? Ich weiß nicht, ob ich Dr. Baeck darin richtig verstanden habe. Im Judentum sind ständig zwei Strömungen vorhanden gewesen, die partikularistische und die universalistische. Beide sind von Zeit zu Zeit wechselnd worden. Zur Zeit herrscht wohl die universalistische Richtung. Heute kommt es im Rahmen dieser universalistischen Richtung auf die persönliche Individualität an. Die beiden Strömungen der jüdischen Geschichte müssen von uns zu einer Harmonie geeint werden. Wenn der liberale Jude in sich den besonderen Willen zum Frieden, zur Gerechtigkeit, zur Redlichkeit, zur Brüderlichkeit im Judentum und in der Menschheit empfindet, dann besitzt er liberales Judentum und kündet von seiner Botschaft. Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin: Mir ist gestern hier, und dort gesagt worden, daß man in der Vormittagsaussprache keine Antwort gefunden, nichts Positives mit sich genommen habe. Sind wir dazu zusammengekommen, um Antworten zu formulieren? Nach meinem Dafürhalten sind wir zu zwei Dingen zusammengekommen. Erstens soll einer den anderen kennen lernen, soll jeder an der Ani schauung des anderen die eigene prüfen. Dazu hatten wir reichlich Gelegenheit, und darum danke ich auch Dr. Lehmann für das Wort, das er gestern sagte. Wir haben hier Männer von rechts und links, Männer des deutschen Liberalismus und Männer des amerikanischen Liberalismus. Und doch fühlen wir uns einig als liberale Juden; das ist das Große an dieser Konferenz, daß sie dadurch, daß wir von Ost und West hier zusammengekommen sind, das jüdische Gemeinschaftsgefühl in uns gestärkt hat, daß wir nicht um Geld und Geldeswert miteinander für unsere Ideale gerungen haben. Und nun nur wenige Einzelheiten! Das Wort von dem „Zeitgemäßen" hat Dr. Schulman auf das zurückgeführt, was wohl auch von Dr. Baeck damit gemeint war. Die wechselnde Mode kann nicht unsere Sache sein. Aber das Hineinstellen in das Leben ist unsere Sache. Das ewige Ringen zwischen Lehre und Leben ist mit das Wesentlichste unserer Tätigkeit. Dr. Baeck hat auch von dem Ornamentalen gesprochen, das zu stark hervorgehoben werde. Nur schlagwortartig will ich sagen: Ornamental ist es vielleicht heute geworden; es mag heute als Kinkerlitzchen erscheinen, wenn man sich um etwas mehr oder weniger Deutsch streitet. Aber daß es heute fast wie etwas Selbstverständliches und Nebensächliches geworden ist, das danken wir dem Ringen derer, die diese Dinge früher, als sie noch etwas Wesenhastes waren, mit sich abgemacht und es uns deswegen leicht gemacht haben, über diese Oberfläche in die Form selbst hineinzugehen. Herrn Dr. Lehmann möchte ich doch sagen, daß bei dem, was er gesagt hat, mein Herz etwas rebelliert hat. Ich bin kein Philosoph und kein Theologe und kann nicht mit den scharfen Waffen der Philosophie und Theologie kämpfen. Ich glaube aber, daß die Vernunft nicht der alleinige Richter sein darf, wo die Religion spricht. Nach meinem Dafürhalten soll nicht nur das Unwägbare in uns das religiöse Gefühl erzeugen, sondern es soll mit Richter sein über das, was Religion ist. Meines Erachtens ist gerade das Irrationale das, was uns Menschen heute das innere Feuer gibt, etwas, was man nicht ausdividieren kann, etwas, was man entweder hat oder nicht hat. Deswegen kann darüber eigentlich gar kein Streit sein. Der eine fühlt und der andere überlegt, und beide müssen innerlich mit sich fertig werden. Dr. Lehmann sprach von den eigentlichen Fortschritten, von der Stellung des Sabbats, des Deutschen usw. Darüber ausführlich zu sprechen, hieße einen neuen Vortrag halten. Ich will nur folgendes betonen: Wir können nicht nur nach der individuellen Frömmigkeit und nach der Logik des Einzelnen gehen. Wenn wir wirklich das Wort „Religionsgemeinschaft" nicht als Phrase für antizionistische Volksversammlungen bereithalten wollen, sondern wenn wir es innerlich fühlen — und ich als A- und Antinationalist fühle es aufs stärkste — müssen wir auch religiöse Gemeinschafts- Handlungen haben, an der jeder Jude der Welt teilnehmen kann. Es ist die schwere Aufgabe und ich glaube die Botschaft des Liberalismus, den Ausgleich zwischen der Gemeinschaft und der individuellen Frömmigkeit zu finden. Jede Generation muß diese Ausgabe neu auf sich nehmen. Darum glaube ich, daß der Sabbat nicht mit der sozialen Logik zu ergründen ist, sondern daß er, selbst wenn nur wenige von uns ihn heute tatsächlich halten können, dochj ettvas ist, was wir in der ganzen Welt als gemeinschaftlich fühlen und erleben, und wenn wir ihn im Monat oder im Halbjahr auch nur einmal feiern, an diesem einen Male gibt er uns aber das Gemeinschaftsgefühl wieder. Und tvenn ich am Freitag abend die Hättd aus das Haupt meines Kindes lege und weiß: heute abend benscht in der ganzen Welt jeder Vater sein Kind, dann loeiß das Kind, warum es Jude ist. Im einzelnen mag es selbstverständlich jeder im Hause in bezug auf Ritus und Formen nach seinem Gewissen halten. Daneben aber müssen wir die großen Gemeinschastshandlungen der jüdischen Gemeinschaft aufrecht erhalten. Denn wir liberalen Juden, wir a- und antinationalen Juden halten auch den Gedanken des K'lal jisroel hoch. Dr. Goldenson, Pittsburgh, sagt, er leite den Begriff des liberalen Judentums aus dem Wesen des Judentums ab. Er finde schon in der Bibel die Erörterung des Gegensatzes zwischen Orthodoxie und Liberalismus. Es kommt darauf an, zu wissen, welches unsere Ideen sind und was sie von uns verlangen. Die richtige Ausfassung des liberalen Judentums entsteht aus der richtigen Anwendung dessen, was wir in der Bibel über die Lebensmoral finden. Der Geist des Liberalismus liegt im Ethischen, in dem zuverlässigen Instinkt der Unterscheidung von Recht und Unrecht. Er vertveist aus das Beispiel, wo Abraham auf Treue und Gerechtigkeit geprüft wird, auf die Geschichte von Sodom und Gomorha, wo er Goit heraussordert um der wenigen Gerechten in der Stadt. Dorr liegt die Wurzel der Idee des liberalen Judentums; sie besteht in der Auffassung der Welt als einer moralischen Ordnung, mit der wir unser Leben und unsere Lebensauffassung in Einklang zu bringen haben. (Die Redezeit wird nunmehr auf 3 Minuten beschränkt.) Bruno Woyda, Berlin: Ich habe den Eindruck, daß die Stimmung gestern für die Resormgemeinde war, daß sie heute gegen die Resormgemeinde ist. So einfach, wie es sich einige der Vorredner gemacht haben, können die Dinge aber nicht betrachtet werden. Wenn z. B. gesagt wurde, Dr. Lehmann habe gestern in feinem Referat dieselben Forderungen gestellt wie vor 30 Jahren, so liegt die Schuld doch nicht nur bei ihm, sondern auch bei denen, die in diesen 30 Jahren noch keine Möglichkeit zur Verwirklichung dessen, was die Resormgemeinde fordert, gegeben haben. (Sehr richtig!) Wenn weiter gesagt wurde, der Vater, der am Freitag abend die Hand auf den Kops seines Kindes lege, fühle sich mit allen jüdischen Vätern der Welt verbunden, — ich glaube, diese Verbundenheit können wir auch an einem anderen Tag der Woche empfinden, weil sie nicht aus dem Tag, sondern aus dem Geist entsteht, weil sie Verbundenheit in dem Ewigen, das uns eint, darstellt. (Beifall und Widerspruch.) Das liberale Judentum in Deutschland achtet nicht genügend den Grundsatz der Gewissensfreiheit. Wenn wir daran denken, daß heute noch keiner unserer amerikanischen Freunde aus einer Resormgemcinde — und sei er der größte Rabbiner und Gelehrte — in einer jüdischen Anstalt Deutschlands Aufnahme finden könnte, ohne daß er seinen Lebenswandel und seine religiöse Ueberzeugung völlig änderte, so sollte uns das doch veranlassen, eine Aenderung des jetzigen Zustandes herbeizusühren. Wir wollen keinen Schulchan Aruch; ich will nicht, daß derjenige, der das Religionsgesetz für verbindlich ansieht, gezwungen wird, seine Ansicht auszugeben. Aber wir haben die Pflicht, auch die Ueberzeugung derjenigen zu achten, die das Religionsgesetz nicht mehr als Bestandteil der jüdischen Religion betrachten. Wenn gesagt wird: ihr Reformgemeindler wollt den Sabbat auf den Sonntag verlegen und dergl. mehr, — ich möchte annehmen, daß ein Sonntag, der mit jüdisch-religiösem Geist gefüllt wird, wenn er jede Woche Beachtung findet, besser ist als ein Sabbat, dem nur in halbjährlichen Abständen Beachtung geschenkt wird, als ein Sabbat, der heute nicht mehr die genügende Beachtung finden kann, weil die wirtschaftlichen Verhältnisse es nicht gestatten. Es ist bedauerlich, daß heute die sozialen Fragen nicht mehr von religiösen Gesichtspunkten aus gelöst werden, daß die sozialen Fragen heute unter Selbstausschaltung des Judentums in Angriff genommen werden. Wir sind stolz darauf, daß wir der Welt den Sabbat gegeben haben; was tun wir aber heute in den praktischen Fragen, die im sozialen Leben eine Rolle spielen? Der Achtstundentag und die, Sozialversicherung, Fragen der Bevölkerungspolitik und die Abschaffung der Todesstrafe, Bodenrecht und Recht auf Arbeit, alle, diese t Stouavero^ I iDohlSchmucltcnd nahrhaft. Fragen müßten aus religiösem Geist heraus in Angriff genommen und mit religiösem Geist durchtränkt werden. Wir haben vor kurzem eine allgemeine Tagung der Rabbiner Deutschlands gehabt. Zum ersten Male hat man dort diese Dinge ernstlich erörtert. Man muß dann aber auch den Muthaben, nicht einfach das Religionsgesetz zu interpretieren und zu erforschen, wie diese oder jene Bovschrift vor tausend Jahren diese Dinge geregelt hat, sondern man muß diese Dinge aus jüdischem Geist heraus entscheiden. (Beifall.) Ich hätte noch vieles zu den Fragen zu sagen, die Dr. Wieneu angeschnitten hat. Ich achte jede Ueberzeugung. Ich weiß, daß Dr. Wiener eine Auffassung vom Judentum vertritt, die der meinen mindestens ebenso entgegengesetzt ist wie die orthodoxe Auffassung. Wir wollen uns im liberalen Weltverband darüber nicht im Zweifel sein, daß die Auffassung Dr. Wieners, daß die jüdische Religion sich gewollt mit einer bestimmten Minderheit bescheidet, und zwar mrt einem fest umgrenzten Stück Menschheit, das durch Stammesverwandtschaft sich geeint weiß, nicht die Auffassung ist, die wir liberale Juden in unserm Herzen tragen. Wir glauben, daß unsere religiösen Wahrheiten von jedem Menschen erkannt werden können und sollen, ganz gleich, ob er jüdischer Abstammung ist oder nicht. (Sehr richtig!) Gestern wurde in einem Referat von der Sozialdemokratie gesagt, sie trage die abgelegten Kleider der Bourgeoisie. Gestatten Sie mir, als Sozialdemokrat und als religiöser Sozialdemokrat dazu etwas zu sagen! Man sollte von der Sozialdemokratie nicht nur sehen, was einem mißfällt, man sollte in der Oeffentlichkeit auch betonen, was die Sozialdemokratie getan hat, um die Not und das Elend der werktätigen Massen zu heben. (Sehr richtig!) Man sollte auch versuchen, der Tatsache gerecht zu werden, daß die Sozialdemokratie: jetzt immer mehr religiösen Geist in sich ausnimmt, daß sich ein Bund religiöser Pfarrer, ein Bund religiöser Sozialisten gebildet hat. Wir sollten uns aus dieser Bewegung nicht ausschalten; wir sollten nicht nur von den abgelegten Kleidern der Bourgeoisie, die sie trage, sprechen. Wir sollten begrüßen, daß Ideen, die ja auch uns beseelen, auch von dieser Stelle verwirklicht werden. Dr. E. H. Seligsohn, Berlin: Ich will nur einen Teilausschnitt aus dem Bild geben, das heute einem großen Teil der liberalen jüdischen Jugend Deutschlands bezüglich des liberalen Judentums vorschwebt. Wir empfinden in dem heutigen liberalen Judentum zwei große Lücken. Die eine davon möchte ich mit dem Wort bezeichnen: Mangel an innerer Aktualität. Ich meine damit, daß unsere jüdische Seele zu den Fragen, die heute die Menschheit und uns in unserem Privatleben beschäftigen, zu wenig sagt. Denken Sie an alle die Fragen, die heute die Wissenschaft, die insbesondere die Politik und vor allem auch die Pädagogik beschäftigen! Was haben wir als Juden dazu gesagt oder dazu zu sagen? Wenn Dr. Wiener vorhin davon sprach, daß die Wissenschaft gewissermaßen ein Feind der Religion sei, so muß ich ihm darauf antworten: ich wundere mich über diese Aeußerung; Dr. Wiener weiß wahrscheinlich ebenso wie ich, daß sich heute in der Wissenschaft in dieser Beziehung ein Wandel vollzogen hat, daß die Wissenschaft die Grenzen wissenschaftlichen Erkennens immer deutlicher herausstellt, gerade auch in diesem Punkt. (Zuruf: Das hat auch Dr. Wiener gesagt!) Die zweite Lücke ist die: Wir haben das Bedürfnis, unserem Leben einen jüdischen Jnnenranm zu schaffen. Es gibt dafür kein Organ. Man kann uns nicht damit kommen, daß man sagt, im Judentum seien gewisse Grundideen lebendig. Wir wollen das Judentum in seiner Vielfältigkeit selbst kennen lernen und studieren. Man soll uns nicht sagen: ihr findet die fertigen Wahrheiten bei den Propheten, im Gesetz und in den Geboten vor. Wir wollen selbst entdecken, wir wollen uns die Entdeckerfreude und das Entdeckenkönnen Vorbehalten. Wenn wir die gesamte jüdische Geschichte und sämtliche Werke jüdischen Geistes vorurteilslos betrachten, so werden ,wir immer wieder jüdischen Geist finden, an Punkten, von denen wir es vielleicht gar nicht ahnten. Bei dem Talmud-Zitat von Dr. Baeck ging cs mir so. Was sich uns dann eröffnet, ist viel groß-» artiger und ergreifender als manches andere, was wir tagtäglich als Ideal des Judentums vorgesetzt bekommen. * Nach kurzer Geschäftsordnungsdebatte wird beschlossen, nunmehr die Mittagspause eintreten zu lassen. Das Mittagessen wurde wiederum von der „Vereinigung für das liberale Judentum" veranstaltet. Anschließend fanden zunächst die Sitzungen der Sektionen statt, über die wir an anderer Stelle dieses Blattes berichten. Um 5.30 Uhr werden die Verhandlungen im Plenum wieder ausgenommen. Zunächst wird über den Verlauf und die Ergebnisse der Sektionsberatungen berichtet. Darauf wird die Diskussion des Vormittags fortgesetzt. Rabbiner Dr. Bogelstein, Breslau, dankt Dr. Baeck für ein Referat, das er „erläutern" tvolle, weil er gestern und heute wiederholt die Erfahrung gemacht habe, daß die Referate von einer recht großen Anzahl von Hörern nicht ganz richtig verstanden worden sind. Es ist das nicht sonderlich befremdlich. Denn sie mußten in kurzer, knapper Form die großen Gedanken und Empfindungen zugespitzt wiedergeben. Es kommt uns nicht entscheidend darauf an, die Verschiedenheit von der Orthodoxie oder irgendeiner anderen Auffassung zu betonen, sondern positiv herauszustellen, was unser Judentum ist und womit wir es bekunden. Baeck hat gleich das spezifisch Liberale, die religiöse Verantwortlichkeit des Einzelnen mit allem Nachdruck in den Vordergrund des Liberalismus gestellt. Es handelt sich nicht um ein Mehr oder Weniger von Formen, sondern Liberalismus kann nur da wirklich sein, wv er aus der Tiefe der Seele» herauskommt, wo die ganze Persönlichkeit unter den religiösen Gedanken gestellt ist, wo sich die Religion im gesamten Leben, in allem Tun äußert. Dr. Wiener hat heute gerade dieses persönliche Erleben, dieses persönliche Erfaßtsein betont. Aber dann wirft sich freilich die Frage auf, wodurch wir dann Juden sind. Da ist eÄ eben wieder die Verbindung zwischen dem Individuum und der Religionsgemeinschaft, dem Individuum und seiner Geschichte. Wir Juden find nicht nur verstandesmäßig an die Gemeinschaft gebunden, aus der wir stammen, unsere Geschichte verbindet uns mit der Vergangenheit, wir fühlen das Persönliche und Geschichtliche in uns und müssen es fühlen. . Von vielen ist die Forderung Baecks sehr stark mißverstanden worden, daß das Judentum und die Religion nicht zeitgemäß sein sollen. Man sägt, gerade der Liberalismus will doch das Judentum zeitgemäß umgestalten. — Es bedarf keiner Ausführungen, daß es sich nicht darum handelt, daß das Judentum gegen die Zeit, gegen die Anschauungen, Ideen und Formen der Zeit Vorgehen JoM, daß dach Judentum keine Modesache ist, die mit Frühjahr und Herbst sLch waydelt, sondern daß sich der ewige Gehalt unserer Religion iotmer wieder in entsprechend neue Formen kleidet. Daraus ergibt sich die Stellung zu den äußeren Formen der Religion. Hi« Väter der Reformen haben wohl manche Fehler begangen; es ist ganz selbstverständlich, wir begehen auch solche Fehler. Aber es tvar gewiß kezn Fehler, sondern war durch die geschichtliche Notwendigftit