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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-08-31 · 35 (31.8.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
35 (31.8.1928)
Date
1928-08-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Dekorativen der Religion. Liberales Judentum als Ganzes wird beides in sich einschließen müssen, Autonomie und Rationalität des Glaubens. Nur dann wird seine religiöse Praxis durch und durch beseelte Wirklichkeit und zugleich wirkliches Leben sein! Hans Margolius. Verhandlungsberichle Am Montag, den 20. August 1928, waren die Verhandlungen des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum zunächst der Diskussion der Referate des Vortages gewidmet. Den Vorsitz führt Justiz» rat Dr. Blau, F r a n k f u r t a. M. Er leitet die Aussprache wie folgt ein: Alle vier Hauptredner sind der Anschauung, daß wie jeder Liberalismus so auch der jüdische sich auf das Recht des Individuums gründet, daß neben ihm, und nicht etwa sekundär, sondern ebenso primär wie das Recht des Individuums, das Recht der Gemeinschaft besteht. Im Liberalismus führt der Weg zur Gemeinschaft nur über das Individuum und sein Recht. Darüber sind sich alle unsere Redner und Führer klar. Verschiedenheit der Meinungen herrscht nicht über die Ziele, wohl aber über den Weg, über die wirkungsvollsten Maßnahmen in Vergangenheit und Gegenwart. Hier Klarheit zu schaffen und sich, wenn möglich, über einen gemeinsamen Weg zu verständigen oder, soweit das noch nicht möglich sein sollte, eine höhere Linie der Einheit zu suchen und, bis sie gefunden, jeden an den Erkenntnissen und Erfahrungen des anderen lernen zu lassen, — das ist der Zweck der Aussprache. Nach der Verlesung einiger geschäftlicher Mitteilungen und Begrüßungsschreiben erhält das Wort zur Geschäftsordnung George Goetz, Berlin: Zahlreiche Anfragen, die man an mich, zum Teil auch in meiner Eigenschaft als Generalsekretär der Vereinigung für das liberale Judentum, gerichtet hat, lassen erkennen, daß die in dem gestrigen Generalreferat gegen die Sozialdemokratie enthaltenen Aeußerungen mehr als dieser religiösen Problemen gewidmeten Versammlung erwünscht zum Gegenstand der Diskussion und auch der anschließenden Presseerörterungen gemacht werden sollen. Ich bitte daher das Präsidium um die Erklärung, daß dieser Teil des Generalreferats die private Meinung des Referenten darstellt und daß der Weltverband für religiös-liberales Judentum in parteipolitischer Hinsicht strengste Neutralität wahrt. Vorsitzender: Was Herr Goetz sagt, bedeutet meines Erachtens eine Selbstverständlichkeit. Alles was die Herren Referenten ausgesührt haben, bildet zunächst ihre Privatmeinung. Erst tvenn auf Grund dieser Reden von der Versammlung mit Majorität einheitliche Beschlüsse gefaßt werden, erst dann kann davon die Rede sein, daß es sich um die Anschauung der Versammlung handelt. Darüber kann kein Zweifel bestehen. Als erster Diskussionsredner erhält das Wort Herr Bernheim, L o u i s v i l l e. Er verliest ein umfangreiches Manuskript, das in dem Vorschlag gipfelt, eine große Laienorganisation des liberalen Judentums zu schaffen. Sein Manuskript enthält auch praktische Angaben darüber, wie diese Organisation zu gründen sei und wie die Mittel, die er sich sehr groß denkt, aufgebracht werden sollen. (Da der Redner die festgesetzte Redezeit von 10 Minuten erheblich überschreitet, wird er mehrfach unterbrochen; er kann die Verlesung seines Manuskriptes nicht beenden. Wir behalten uns vor, mit Rücksicht hierauf in einer späteren Nummer das gesamte Manuskript zu veröffentlichen. Die Red.) Rabbiner Dr. Galliner, Berlin, dankt Dr. Baeck für sein Referat und fährt fort: Daneben möchte ich Herrn Dr. Baeck noch einen anderen Dank aussprechen. Zum ersten Male ist in einem Buch, in dem die Religionen der Erde behandelt worden sind, das Judentum« von einem Juden dargestellt, von Dr. Baeck. So hat er Mission ausgeübt. Das ist die Mission, die wir an erster Stelle zu führen haben. Dank sei auch Herrn Prof. Dr. Elbogen und Dr. Baeck für ihre Mitarbeit an dem großen Nachschlagewerk „Die Religion in Vergangenheit und Gegenwart". Mir tut es weh, wenn ich ständig höre, welche Fehler die früheren Reformer gemacht haben. Sie haben ihren scharfen Tadel in den Geschichtsbüchern bekommen, neuerdings wieder von dem Historiker Dubnow. Aber mir will es doch scheinen, als ob man in unseren Tagen gerade den Heroismus dieser Reformer verkennt. Es gehört mit zum liberalen Juden, Ehrfurcht zu haben vor jedem Heroismus. Es waren auch Heroen, die für eine Reform des Judentums eingctreten sind; sie haben es in vollkommener Selbstlosigkeit getan, sie haben gearbeitet und sich gemüht, sie sind beschimpft »vorden und werden es bis auf den heutigen Tag. Es gehört nicht zu den Seltenheiten, auch in unseren Tagen nicht, daß ein Kind gefragt wird: Wo besuchst du die Schule? Antwort: Die Schule der Rcformgemeinde. Die Erwiderung ist: Schon halb getauft! (Pfui!) Derartiges muß ein für allemal ein Ende haben. Ich komme nun zu einzelnen Forderungen. Vor allen Dingen handelt es sich bei uns heute um die Gleichstellung der Frau. Sie wissen, es gibt in unseren deutschen .Häusern keine Weihcstunde bei der Geburt eines Mädchens; unsere Mädchenkonfirmation hat in Deutschland fast aufgehört, vor allem in der größten Gemeinde Deutschlands. Nur in einer Gemeinde ist sie wirkungsvoll und wird in einem Umfange beobachtet wie in keiner anderen Synagoge, — das ist in der Reformgemeindc. Sic wissen, wie unsere Frauen heute berufen sind, auf allen Gebieten des religiösen Lebens mitznarbeiten. Und da ist heute in einer großen Gemeinde beschlossen worden, die Frauen im Gotteshaus wieder hinter das Gitter zu stellen. Das darf nicht fein im deutschen Land. Da sollten alle Frauen zusammenstehen und sagen: nein, auch um der anderen Frauen willen leiden wir das nicht. Es spricht dabei auch mit, daß toir die Folgen dessen auf uns nehmen müssen, daß wir in eine neue Kultnrgemeinschaft cingetreten sind. Der Kollege Baeck sagte: wir sind, nachdem die Mauern des Ghetto gefallen sind, in die Welt eingetreten. Ich weiß nicht, ob er nicht auch das andere gemeint hat: wir sind auch in die Volkse gemeinschast cingetreten. (Bravo!) Darum legen wir liberalen Juden alles ab, was uns von dieser Volksgemeinschaft trennen muß. (Bravo!) Es handelt sich hierbei ganz besonders um die Erziehung der Jugend. Trennen wir unsere jüdische Jugend nicht von den anderen! Halten wir sie zusammen, damit sie sich gegenseitig kennen und schätzen lernen! (Bravo!) Das Wort: Ehre Vater und Mutter! soll bestehen bleiben in alle Ewigkeit. Heute heißt es aber auch: Ihr Eltern, ehret eure Kinder! Wir haben am vorigen Sabbat, am 11. August, in unseren Gotteshäusern der deutschen Verfassung gedacht, der freiesten Verfassung, die es vielleicht unter den Kulturvölkern gibt. Dort steht: Einig in seinen Stämmen! So verschieden die deutschen Juden von den englischen sind, die englischen von den französischen: Wir sind doch einig in unserer jüdischen Seele, in Freiheit und Gerechtigkeit von dem Willen beseelt, dem inneren und äußeren Frieden zu dienen! Das ist unsere Ausgabe. Mögen dann einst an unsere Stelle unsere Kinder treten! Dr. Schulman, New Bork: Ich danke Gott, daß er mich am Leben erhalten hat, daß ich in dieser Stadt, in der ich, vor 45 Jahren studiert habe und die, was Denken, Fühlen und Empfinden, was Anhänglichkeit an deutsche Kultur und deutschen Geist betrisst, meine zweite Heimat geworden ist, — daß ich in dieser Stadt diese Stunde erlebt habe, in der der Weltverband für religiös-liberales Judentum tagt. Bevor ich mit ein paar Bemerkungen zur Sache komme, sei cs mir deswegen gestattet, dankbar auszudrücken, was ich persönlich dem deutschen Judentum, was ich überhaupt deutscher Kultur zu verdanken habe. Die Rede unseres Kollegen Dr. Baeck war inspiriert von tiefem jüdisch-religiösem Empfinden, getragen von deutschem Denken und gekrönt von griechischer Harmonie und Schönheit. Dr. Baeck hat vor allen Dingen die Antithese von Wohnen und Leben betont. Er meinte, daß die Juden, als sie im Ghetto waren, in der Welt ' wohnten und daß sie, als die Glocken der Emanzipätion schallten, in der Welt zu leben ansingen. Ja, daß ist in der Tat so eine pointierte Antithese, der Schlüssel zu der ganzen Frage. Ich möchte hinzufügen: wenn der Jude durch die Emanzipation zu leben iangesangen hat, dann ist die Neuerung nicht nur Mode, sondern Lebensbedingung! (Bravo!) Denn dem Fische ist das Wasser nicht Mode, sondern Lebensbedingung. Sollen wir in der westlichen Welt leben, dann müssen wir die Bedingungen für das Leben unserer ewigen Wahrheiten entdecken und sie wieder erneut kleiden, nicht aus Modesucht, sondern aus einer dringenden Notwendigkeit heraus. Und damit sind wir schon im inneren Heiligtum der Frage. Ich komme nun zu der wundervollen derben, offenen Rede unseres verehrten und lieben Freundes Claude Montefiore. Er hat etwas gesagt, was uns zu denken gibt. Leben in der Religion ist innerlich gebunden an unsere Denkresultate, an unsere innersten Ueberzeugungen. Was sind nun die verschiedenen Gefahren, vor denen der Liberalismus steht? Die erste große Gefahr ist die, daß, wenn die Kluft zwischen offizieller Theorie und Praxis so weit geht, daß sie den Eindruck einer Hohlheit macht, die Jugend einen ungerechten Schluß auf ein« nicht richtige und ungenügende Offenheit ziehen wird. Ich sage nicht, daß bei uns keine Gefahren sind. Wir in Amerika haben vielleicht zuviel Liberalismus im technischen Sinne des Wortes, nicht Liberalismus aus Freiheit des Temperaments, der Vernunft, sondern Liberalismus als eine konkrete geschichtliche religiöse Bewegung. Das Judentum ist in manchen Kreisen der Reformpartei verwässert und farblos geworden. Dagegen kämpfe ich. Andererseits werden in Deutschland die Konsequenzen nicht so schnell gezogen. Das amerikanische Judentum hatte in Jsaac Wise eine Persönlichkeit für die Resormbotschaft, von einem wahren Pioniergenie, von gediegener Kraft, inspiriert von prophetischer Beredsamkeit, von umfassender Gelehrsamkeit. Die Errungenschaften des amerikanischen Judentums sind auf «inen Mann zurückzuführen, der nicht wartete, der nicht rechnete, der nichts fürchtete, auf einen Mann, der das Bann er hoch hielt. Was sind nun die Probleme? In erster Linie: Autorität! Ich leide an dem Bedürfnis nach Logik. Andacht ist gut, Inspiration ist gut, aber was ich bei diesen Zusammenkünften am meisten suche, ist eine Klärung der Gedanken. Das liberale Judentum der ganzen Welt muß wissen, was das Problem ist. Wo steckt jetzt in einer Religionsgemeinschaft Autorität? Im menschlichen Leben muß doch irgendwo ein Platz für Autorität sein, sittliche Autorität, verkörpert in Institutionen. Ich werfe diesen Gedanken hin, denken Sie daran! Das Charakteristikum des Judentums ist es ja, daß Gesetze und Normen bestehen. Du sollst — du sollst nicht. W i r haben vielleicht zu viel abgcschafft, S i e vielleicht zu wenig. Aber immer bleibt doch die Frage: worin können wir das Wesentliche des Judentums für den modernen Menschen ausdrücken? Frau Paula Ollendorf, Breslau: Im Namen der deutschen jüdischen Frauen ohne Unterschied der Richtung, ohne Unterschied der politischen Ueberzeugung darf ich aussprechen, daß wir stolz sind, daß Miß Montagu zu uns gehört, daß wir wehmütig sind, weil ein so langer -Weg uns von ihr trennt, daß wir dankbar sind, daß sie da ist, daß sie uns Vorbild und Beispiel ist, daß sie uns in ihrer gesamten Lebensführung und Lebensauffassung, in Lehre und Leben zeigt, daß es nur einen Maßstab gibt, den Maßstab, den der verehrte Herr Vorredner mit dem Wort „Autorität" gekennzeichnet hat, daß es einen Maßstab gibt: Autorität geleitet durch Wahrheit. Ihr Wesen ist Wahrheit, und daß sie dieses Wesen ausdrückt in Wort und Schrift, in Leben und Lehre, dafür danken wir ihr. Die amerikanischen Frauen schreiten auf drei Wegen vorwärts. Sie haben große liberale Gemeinschaften gegründet. In jeKer jüdischliberalen Gemeinde besteht eine liberale Schwesternschaft. Die Frauen gehören zusammen, sie bilden den großen Teil der Gemeinde, der gewisse Aufgaben hat. Sie sorgen dafür, daß die Gotteshäuser besucht sind. Sie haben die Synagoge wieder modern gemacht. Der zweite Weg ist für uns ebenfalls außerordentlich wichtig. Sie sorgen dafür, daß es kein erreichbares jüdisches amerikanisches Kind gibt, das nicht Religionsunterricht hat. Bei uns gibt es dagegen eine ungeheure Menge nach Religionsunterricht hungernder Mütter und Kinder, deren Hunger nicht gestillt wird, vor allem in den kleinen Gemeinden, in den auseinanderliegenden kleinen Orten. Trotz aller Bezirksverbände, trotz aller von oben herab dirigierten Lehrer usw. fehlt der Religionsunterricht, den die jungen Kinder am meisten brauchen. In Amerika geben ihn die Frauen. Sie werden von den Rabbinern für den Religionsunterricht an den jüngsten Kindern geschult. Ich gebe der Vereinigung, die uns diese unvergeßliche Tagung veranstaltet hat, die Ausgabe zur Erwägung, Sommerschulen dieser Art einzurichten — um diesen Ausdruck von den politischen Parteien zu entnehmen — zur Schulung der jungen Frauen und Mütter für den ersten Religionsunterricht ihrer Kinder. Ein Drittes, was ich auch nur kurz berühren kann, ist ein bestimmtes Gebiet der sozialen Arbeit. Ich meine die Zusammenfassung der sozialen Arbeit in den Gemeindeheimen, in den Jugendheimen. Es gibt keine liberale Gemeinde in Amerika, in der nicht neben der Synagoge das Heim der Gemeinde -steht. (Beifall.) Gründen auch wir liberale Jugendheime, in denen der Jugend der liberale religiöse Geist eingepflanzt wird, wo der Geist der Gemeinschaft lebt, wo ein wirklich demokratischer jüdischer Geist gepflegt wird. Das ist die dringendste, die brennendste Frage. Oberregierungsrat Dr. Ignaz Friedman, Budapest, betont, daß er weder im Namen eines ungarischen Verbandes noch im Namen seiner Freunde zu sprechen berechtigt ist, sondern nur seine eigenen Empfindungen ausdrücke. So wie Ungarn im ganzen Mittelalter das Bollwerk zwischen Christentum und Osmanentum war, ist es heute im jüdischen Leben das Bollwerk zwischen Ost- und Westjuden. Ungarn war für das Judentum immer wieder die Ressource, weil cs der Hort der Orthodoxie war. Ich bin nicht orthodox, darf aber doch betonen: ohne Orthodoxie hätten wir nicht die Tradition als etwas Kompaktes, Festes, ohne Orthodoxie hätten wir keine organischen Gebilde. Die Rede von Dr. Baeck verdient nach meiner Ansicht an jeder Gemeinde, in der jüdisches Leben vorhanden ist, jcbcr jüdischen Gemeinde auf dem Kontinent wie in Amerika verbreitet zu werden. Der ganze Ausbau, die ganze Logik der Rede war richtig. Fort mit dem Geruch des Ghettos! Als uns unser Gott aus der Knechtschaft herausführte, da hat er auch gesagt: ich bin der Gott der Freiheit! Heraus aus dem Ghetto, heraus aus oer Sklaverei! Aber dieser Gott hat auch Forderungen an uns gestellt, und diese 'Forderungen dürfen wir nicht auf einmal zerreißen. Ein wenig möchte rcy mich mit der 'Reformgemeinde befassen, die in Ungarn ganz fremd ist. Ich möchte besonders die amerikanischen Brüder bitten, meine Worte nicht mißzuverstehen. Ich anerkenne ihre Bestrebungen. Wenn wir aber einen Weltverband wollen, so können wir ja gewisse Länder nicht auslassen. Wenn wir das nicht tun wollen, so müssen wir auch dem dort Gott sei Daiik noch starken organischen Judentum Rechnung tragen. Ich spreche hier meine eigene Ansicht aus, aber in meiner Heimat wird sie noch viel schärfer vertreten. Dieses Judentum hat eine gewisse Befürchtung, einem solchen Verband anzugehören. Jemand bat einmal in einem öffentlichen Blatt, man solle doch ungarisch beten. Er enthielt darauf die Antwort: Lieber Herr X., Sie wünschen, ich möge ungarisch beten, weil Sie nicht hebräisch können. Ich kann hebräisch; lassen Sie mich doch hebräisch beten, ich fürchte, Sie werden nicht einmal 'ungarisch beten! (Heiterkeit.) Ich gehe weiter: Man mag in der Nationalsprachc beten, es hat ja nicht viel Sinn und Zweck, etwas zu sagen, was man eventuell nicht versteht. Aber wir müssen dann auch die Liturgie danach einrichten. Andererseits möchte ich Sie bitten, alles daran zu setzen, daß auch in der Reformgemeindc der Sabbat gehalten wird. Vergessen wir doch nicht: es ist alte jüdische Ueberlieferung! Eine Anekdote! Es kommt der Vater zu seinem Sohn am Sabbat und sagt: Warum rauchst du, hast du vergessen, daß heute Sabbat ist? — Nein! — Hast du vergessen, daß man am Sabbat nicht rauchen darf? — Nein, ich habe vergessen, daß ich Jude bin! I. H. Hirsch, Cambridge: Es besteht wohl Einigkeit darüber, daß es keinen eigentlichen Sachverständigen für Religion gibt. Der Laie wie der Theologe müssen begreifen, was in die religiöse Tiefe geht. Man braucht nicht nur eine Verbindung der Reformgemeinden zu einer gesamten liberalen Organisation, sondern es must an der Erreichung eines Zustandes geschaffen werden, bei dem jeder Jude mit. den Liberalen, mit den Fortschrittlichen geht. Der Liberalismus ist kein Sektierertum. Es ist nicht richtig, wie es geschehen ist, Bekenntnis und Praxis in einen Gegensatz zu einander zu stellen. Dies birgt eine gewisse Gefahr in sich. Es ist natürlich, daß die Praxis meist hinter der Forderung zurückbleibt. Aber ma nicht das ^....J auf das herunterschrauben, was man praktisch erfüllt, sondern man soll sich bemühen, die Praxis auf die Höhe des Bekenntnisses zu erheben. Im Gegensatz zu Claude Montefiore glaube er, daß cs doch noch sehr viel Menschen mit einer persönlichen Gottesvorstellung gibt, die im Sinne religiöser Bindung in Ewigkeitsgedanken zu leben vermögen. Der Liberalismus soll nicht nur für die Aelteren und Reifen, sondern auch für die Jugend da sein. Deswegen ist von besonderer Wichtigkeit, zu wissen, welches die Sehnsüchte und Träume gerade der Jugend in Bezug auf den Liberalismus sind. Rabbiner Dr. Dienemann, O s f e n b a ch, knüpft an die Rede von Dr. Baeck an; er fühle das Bedürfnis, sie in einem Punkte weiterzuführen, weil es möglich ist, daß der eine oder andere irgend etwas nicht gefunden hat, was er suchte, was er also vermißt, und weil deshalb die Tendenz und das Ziel der Rede bei ihm nicht zur vollen Geltung kommen könnte. Zu den Worten Dr. Baecks wird die Frage zu stellen sein: Wieso lautete eigentlich das, was Baeck sagte, „die Botschaft des liberalen Judentums"? Ist denn das nicht die Botschaft des, Judentums überhaupt? Das gesamte Judentum ist gegründet auf dem Anderssein, auf dem Heroismus des Sich-Auseinandersetzens. Ist denn nicht alles, was Baeck sagte, im vollen Umfang auch von der Orthodoxie zu sagen? Sie steht doch genau so in der Welt von heute! Jeder Orthodoxe würde es sich verdammt verbitten, wenn man ihm sagte, er stünde noch nicht in der Welt. Ist denn nicht in der Orthodoxie zum mindesten derselbe Heroismus wie auch im Liberalismus, oft vielleicht noch mehr? Fehlt dem einen oder dem anderen nicht ein Wort von der Botschaft des liberalen Judentums, also von der Auseinandersetzung mit Ritus und Gesetz? Zwei Antworten gibt es hierauf. Die erste wäre die. Findet jemand, daß das nicht die Botschaft des liberalen Judentums, sondern die Botschaft des Judentums überhaupt war, — gut, so ist es sehr schön! Denn wenn wir bei dem, was wir als liberale Juden sprechen, die Empfindung haben: das ist das ganze Judentum —, so ist das die richtige Empfindung. Dann gehen wir von der Tatsache aus, daß unsere Auffassung vom Judentum für uns einfach die einzig mögliche ist. Die zweite Antwort! Ich weiH ganz genau, daß der eine oder andere eine Auseinandersetzung mit dem Zeremonialgesetz, mit dem Gesetz vermißt. Das ist der knifflichste Punkt. Dazu sage ich jetzt folgendes. Ich finde, Baeck hat recht gehabt, wenn er diese Frage nicht berührt, sondern sie ganz unserem Nachdenken überlassen hat. Er hat die schöne Stelle von Mose zitiert, der mit der Kraft seiner Hand Gott die Tafeln entrissen hat und nun selber kämpfen mußte. Das ist ja unsere Aufgabe, das heißt ja in die Welt hineingestellt sein: mit der Welt ringen und kämpfen. Es soll jeder einzelne um seine Stellung zum Zeremonialgesetz kämpfen. Es ist nicht unsere Aufgabe, darüber einen neuen Kodex zu geben und zu sagen: das ja, das nicht! Wir würden überhaupt einen schweren Fehler begehen, wenn wir über diese Sachen zuviel redeten. Die Orthodoxie macht sich vom Ritus abhängig und vom Gesetz, sie findet darin ein Zentrum, positiv. Wenn auch wir unsere ganze Kraft darauf konzentrieren, über diese Fragen zu reden, so machten wir uns genau so davon abhängig und stellten Gesetz und Ritus genau so in den Mittelpunkt, — nur negativ. Wir begehen dann genau denselben Fehler, indem wir den Blick von dem Wichtigsten ablenken. Die persönliche Auseinandersetzung ist eben Sache des einzelnen, das muß jeder mit seinem Gewissen abmachen. Die Botschaft des liberalen Judentums in der Welt zu verkünden, den Menschen eine neue Form der inneren Religiosität zu geben und aus dieser Religiosität heraus zu den großen Fragen Stellung zu nehmen, nicht zu den Ritusfcagen, sondern zu den Fragen der Weltpolitik, den Fragen der Auffassung des Arbeitsrechts und des sozialen Lebens, — dazu aus dem eigenen Wissen und aus jüdischem Gefühl Stellung zu nehmen und aus seinem eigenen Dasein in die Arbeit der Welt die Botschaft des Judentums hineinzutun, — das ist die Aufgabe, die man zu leisten hat! Das aber kann der liberale Jude dann in einem viel größeren'Umsang, weil eben die Ritual- und Zeremonial-Forderung für ihn nicht so wichtig ist, daß er soviel darüber redet. Rabbiner Dr. Wiener, Berlin: Sind wir nicht hierher gekommen, um uns die Prinzipien des religiösen Liberalismus überhaupt klar zu machen? Ich glaube: Ja! Und da handelt cs sich doch wahrscheinlich darum, uns zu fragen: Gibt es einen besonderen jüdischen Liberalismus, so muß dieser doch zunächst einmal in Beziehung zu dem religiösen Prinzip überhaupt gesetzt werden. Ich meine, daß der wichtigste Gegensatz doch nicht zwischen Orthodoxie, zwischen Judentum und Christentum besteht, sondern, wenn es irgendeine brennende Zeitsrage gibt, so ist es lediglich die Frage: Religion oder nicht Religion? Wir sind heute in der Kulturentwicklung dahin gekommen, daß wir im Tiefsten unserer Seele aufpflügen müssen, ob überhaupt die überkommenen Religionen — und mögen sie Jahrtausende bestände^ haben — in den nächsten Jahrhunderten, vielleicht schon im allernächsten Jahrhundert weiter existieren werden. Im Gegensatz zu Dr. Lehmann sage ich: das religiöse Prinzip des Liberalismus besteht nicht darin, irgend etwas mit der wissenschaftlichen Wahrheit oder etwas derartigem in Uebereinstimmung zu bringen. Was mit wissenschaftlicher Wahrheit übcreinstimmt, gehört in die Wissenschaft, und wenn Sie Nachweisen, daß Gott einzig-einig und nicht einzigdreieinig ist, so ist der Satz von dem einzig-einen Gott ein Satz der Wissenschaft wie irgendein Satz vom Atomgewicht oder etwas ähnlichem. Religion ist doch etwas ganz anderes. Man muß sich der absoluten Andersartigkeit desjenigen, was uns überhaupt religiöses Gut übermittelt, klar werden, der ungeheuerlichen Forderung — mau fragt sich, ob die Menschheit das noch ertragen kann —, die an uns gerichtet ist, ein absolut Anderes, ein göttliches Prinzip anzuerkennen, welches mit irgendeiner Wissenschaft gar nicht zu vereinbaren ist. Die Wissenschaft ist atheistisch, und mit Gottes Hilfe wird sie atheistisch bleiben. Wir haben es in der Religion mit ganz anderen Dingen zu tun, mit dem ungeheuerlichen Glauben, daß wir in einem permanenten Wunder doch etwas anderes erleben als die zu konstatierenden und in Regeln zu bringenden Tatsachen der Wirklichkeit. Wir haben uns zunächst einmal tief darin einzufühlen, daß es ein Weltüberlegenes, ein Absolut Anderes gibt, demgegenüber Kultur, Wissenschaft, Leben, ja sogar Ethik und Moral etwas Diesseitiges sind, ein Religiös-Göttliches, von dem wir überhaupt nur wissen, daß es das absolut Wertvolle ist, das, sobald wir es irgendwie zu gestalten suchen, immer unseren Händen entschwindet. Das ist das religiöse Prinzip. Der Sinn des Liberalismus ist kein Inhalt, es ist eine Methode. Wir müssen in jedem Augenblick — und namentlich, tvenn wir in eine historische Religion hineingestellt sind — sagen: als etwas anderesals irgendeine welthafte Größe, als irgend cttvas Kosmisches, als etwas wissenschaftlich Kontrollierbares, spricht Gott zu mir in einer offenbarungshaften Weise. Indem ich religiös bin, bin ich zunächst völlig herausgestellt aus dem Leben, aus allem, was Leben und Kultur ist. Gerade wir Juden sind von einem gewissen Kulturübermut erfüllt. Es kann keine Religion geben, ohne im Innersten —< ich will nicht sagen: die Kultur ablehnenden, aber doch ihr gegenüber indifferenten Wert. Das ist das Wesentliche. Was bedeuten dann besondere Religionen? Das ist die ungeheure Schwierigkeit, vor die wir gestellt sind. Franziskus von Assisi war gewiß ein religiöses Genie, überhaupt die Heiligen der katholischen Kirche oder auch Luther. Es kann natürlich auch im Polytheismus eine tiefe Religiosität stecken. Aber die Sache ist doch die — und damit kommen wir von der Schwierigkeit des liberalen Prinzips zum liberalen Judentum, und darin stimme ich mit dem zweiten Teil der Rede von Dienemann nicht überein —: Es kann nicht gesagt werden, daß jeder einzelne es mit Tradition und Leben so halten soll, wie er es für richtig hält. Das geht nicht. Wir stehen auf dem Boden einer Jahrtausende alten Tradition. Wir müssen uns zunächst fragen: ist das religiöse Prinzip etwas inhaltlich überhaupt zu Fassendes, ist es nicht überhaupt nur das Erlebnis des Ueberseienden, des Göttlichen? Jetzt komme ich zur Deutung des Liberalen. Der Liberalismus befindet sich im Gegensatz zur Orthodoxie, indem er sagt: alles, was der Mensch als einen religiösen Inhalt deutet, alles, was Kultur, was Ethik oder sonst etwas ist, kann nur aus rein innerwMichenaus menschlichen Größen geschöpft sein. So sind die 10 Gebote und ihre Formulierung etwas absolut Menschliches. Der Liberalismus ^gt: alles, was ihm selbst in seinem innerweltlichen Leben als das

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