Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 35 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Tie Tage der Konferenz sind vorüber. Blicken wir noch einmal zurück auf die Arbeit, die in ihnen geleistet wurde, so kommt uns jene Stelle des Talmuds in den Sinn, von der Tr. Baeck in seinem Referat zur Tagung erzählte. Als die zweiten Tafeln der Gesetzgebung geschrieben waren, „hielt Gott sie von der einen und Mose von der anderen Seite. Und Gott wußte, Israel würde wieder sündigen, und wollte die Tafeln behalten. Ta ergriff Mose die Tafeln und entriß sie Gott, um sie Israel zu geben." „Das ist das Wort des liberalen Judent u m s." Und in der Tat! Wieder urrd wieder war denn auch in den Referaten und Diskussionen dieser Tagung davon die Rede: Zu ringen mit dem Göttlichen, danach ist Israels Name, dies ist seine Bestimmung. Nicht ein fertig Gegebenes will das Judentum sein, sondern eine Ausgabe für seine Bekenner. So hörten wir wieder und wieder. Und mehr als dies! Der Geist dieser Worte war lebendig fühlbar in der Arbeit der Tagung selbst! Und das war wohl auch das Erfreulichste und Schönste in ihr: daß hier jener alte Geist des Judentums sich wiedergeboren zeigte, jener alte Geist des Judentums, der nicht einfach hinnimmt, was ihm gesagt ist, sondern zweifelt und wägt und kämpft und ringt und mit starker Hand die Tafeln des Gesetzes sich selbst zu schaffen sucht. Es wurde mit Offenheit gesprochen, allen Zweifeln Raum gegeben, nichts zu vertuschen und abzumildern gesucht, in Wahrhaftigkeit um Erkenntnis gerungen. Und dieses war vielleicht gewichtiger und bedeutsamer als alle eigentlichen Resultate der Diskussion, durfte doch der Kamps der Meinungen und das Suchen der Wahrheit uns so in höherem Grade ein „Resultat" bedeuten, als alle festen und eindeutigen Bestimmungen, die zu erzielen waren. Aber freilich: es fehlte aber auch nicht an solchen Bvstimmungen, es fehlte keineswegs an gewissen eindeutigen Resultaten der Ueberlegung. 2. Zweierlei vor allem, so scheint mir, hat diese Tagung ein für allemal sestgelegt. Liberales Judentum schien oft nicht mehr zu bedeuten als den Willen einer Modernisierung überlebter Riten und Bräuche, als den Willen einer äußeren Neugestaltung des Gottesdienstes. Daß damit das Wesen des liberalen Judentums in nichts getroffen ist, das dürste nun vor aller Webt zu klarer Erkenntnis gekommen sein. Liberales Judentum ist in erstem Betracht eine Sache bestimmter religiöser Ges i n n u n g: in erstem Betracht nicht auf das „Dekorative", sondern auf das „Konstruktive" der Religion gerichtet, wie Dr. Baeck präzisierte, nicht eine Angelegenheit einzelner Reformen, sondern eine Sache des g a n z e n Menschen, eine ewige Möglichkeit religiösen Lebens. 3. Liberales Judentum ist zunächst bestimmte Gesinnung des Glaubens, nicht bestimmte Praxis synagogaler Institutionen. Was aber macht den Inhalt dieser Gesinnung aus? Auch darüber — und dies macht das zweite sicheret Resultat der Konferenz — dürfte nunmehr prinzipielle Klarheit geschaffen sein. Liberales Judentum ist Ausgleich zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen persönlicher Religion und Gemeinschaftsreligion, wie Lily Montagu sagte. Liberales Judentum bejaht die Rechte des Individuellen im Religiösen, fest überzeugt davon, daß nur in der Tiefe der Persönlichkeit wahrhaft religiöses Leben sich entfalten kann. Aber es glaubt zugleich, daß dieses Leben nur möglich ist auf dem Grund und Boden religiöser Gemeinschaft, nur möglich als Blüte am Stamm eines festen, größeren Ganzen- So ist, wie Dr. Philipson meinte, „Freiheit in der „Bereinigung" das Motto des liberalen Juden, — daß ein jeder „eine lebendige Variation des Judentums" werde, wie das Wort von Lily Montagu war, die Aufgabe seiner religiösen Bemühung. 4. Aber allerdings, wenn darüber Einstimmigkeit erzielt werden konnte, was liberales Judentum ist und will, — über die Möglichkeit seiner Existenz in der Zeit und die Verwirklichung seines Willens blieb es vorerst bei einer Diskussion der Meinungen. Die Frage der Verwirklichung religiös-liberalen Judentums — das ist vor allem das Problem des Gottesdienstes der Gemeinde. Im Vordergrund steht die Erörterung der Sprache des Gebets. Aber der Gegensatz der hebräischen und der Landessprache, der hier zutage tritt, ist tatsächlich mehr als ein bloßer Streit der Sprachen. Er besagt zugleich den Gegensatz des Irrationalen und Rationalen, wie Falkenberg es betonte, — des Poetischen, des Mystischen, des Symbolischen auf der einen Seite, des real Gemeinter, des Verständlichen, des Wahren auf der anderen. Es geht gewiß nicht an, so zeigte auch die Diskussion in der Sektion, die dem Problem des Gottesdienstes gewidmet war, das eine auf Kosten des anderen zu eleminieren. Eine Verbindung wird notwendig sein. Aber über die Art dieser Verbindung herrscht noch Zweifel und Unstimmigkeit. Vorerst freilich, wie ich glaube, eine Unstimmigkeit, die noch an der Oberfläche hastet. Der letzte Sinn des Problems ist noch nicht llar und deutlich zutage getreten. Versuchen wir ihm nachzugeyen und die Erörterungen der Diskussion weiterzudenken! Der Gottesdienst bedarf des Poetischen und Symbolischen. Dabei wird es im Grunde belanglos sein, in welcher Sprache es zu uns spricht. Nur daß es im HÄräischen gegeben ist, dagegen, wenn in der Landessprache gewollt, es nicht bei bloßer Uebersetzung des Inhalts hebräischer Gebete bleiben darf, sondern kongenialer Umdichtung oder neuer religiöser Poesien und Reflexionen bedarf. Ob aber nun in der Landessprache oder im Hebräischen, in jedem Falle wird es hier notwendig sein, das „symbolische" Gebet als solches deutlichst kenntlich zu machen, es llar und offen zu bezeichnen: als bloß „poetisch", als bloßes Symbol unaussprechlichen Gefühls. Der Gottesdienst aber bedarf zugleich des Rationalen, des „Wahren". Auch hier wird die Sprache prinzipiell gleichgültig sein, wennschon die Landessprache hier zumeist das Gegebene sein dürfte. Mer auch hier ist bloße Uebersetzung als allgemeines Mittel unzureichend. Durch Uebersetzung werden alte Gebete nicht rationaler, durch barbarische Aenderung in Einzelheiten wohl ihrer „Poesie" entkleidet, aber darum noch nicht zu „Wahrheit" für uns. Wir brauchen neue „Gebete". Rabbi Goldenson forderte „Selbstbetrachtung", Rabbiner Germain Levy die „medidation personelle". Damit ist in der Tat die Richtung bezeichnet, in der unser Weg zu gehen hat. Wenn in der Diskussion der Settion Gottesdienst über den mangelnden Erfolg gottesdienstlicher Reformen gellagt werden mußte, so vielleicht allein darum, weil die Reform nicht Reform genug gewesen ist. Uebersetzte Orthodoxie mag an sich verdienstlich sein. Und die Tat der jüdischen Reformgemeinde Berlin, deren Gottesdienst wir im Verlauf der Tagung besuchen konnten, hat ihre unschätzbaren Verdienste. Aber sie ist noch nicht Liberalismus. Liberales Judentum hat nicht not, auf die alten Gebete Verzicht zu leisten, sofern es sie in das rechte Licht, des Symbols zu setzen weiß. Aber es hat zugleich die Pflicht, neue Gebete zu schaffen: Meditationen, die Wahrheiten fittb aus dem Geist unserer Frömmigkeit. Aber freilich, damit ist noch nichts über die Verbindung dieser beiden Elemente, des Rationalen und des Irrationalen, noch nichts über das Mehr oder Weniger des einen und des anderen gesagt. Wir konnten versuchen, das Problem des Gottesdienstes in einigem aufzullären. Eine allgemein verbindliche Lösung war der Diskussion der Tagung versagt. Sie bleibt es auch uns. Und vielleicht ist dies notwendig so. Vielleicht, daß die letzte Lösung hier allein Sache rein persönlicher Entscheid düng ist. 5. Sache persönlicher Entscheidung, das aber ist ohne Zweifel auch jenes andere Problem, das die Tagung bewegte, ohne hier seine Lösung zü finden, —i ohne eine allgemeine Lösung finden zu dürfen: die Frage nach der Möglich k e i t des liberalen Judentums im Geist der Zeit. Wie ist liberales Judentum, wie ist Religion möglich heut und für uns? Wie ist, so lautet die zweiselirde Frage der Gegenwart, in dem Weltbild, das uns maßgeblich ist, Platz für den Glauben? Und wieder stehen die Meinungen gegeneinander. Da sind zunächst die, die die Wissenschaft der Zeit freudig bejahen und die die Religion, die sie bekennen, nisit den Resultaten der Forschung in Einllang zu bringen wünschen. Wahrheit kann Wahrheit nicht widersprechen, so glauben sie. Und was Gott im Licht der Vernunft uns offenbart, kann dem nicht abträglich sein, was der religiöse Glaube in uns zutiefst verlangt. Nur Aeußerlichkeilen und nebensächliche Dinge in den Dokumenten unseres Glaubens können der Wissenschaft zum Opfer fallen. Der letzte Grund des Religiösen bleibt unangetastet. In diesem bleiben wir eins mft dem Bekenntnis der Väter, bleibt der Glaube selbst über allen Fortschritt der Zeiten erhaben: ewige Wahrheit. Wo aber in seinen Zeugnissen Gedanken und Bilder sind — und dies können nur Gedanken, und Bilder der Oberfläche sein, — die mit den Ergebnissen moderner Forschung kollidieren, da muß vor allem anderen der Witte zur Wahrheit uns leiten. Da muß notwendig fallen, was unserer Meinung nicht mehr entspricht. Da darf kein Aesthetizismus, keine Pietät, keine Dogmentreue uns länger beengen. So suchen sie einen Ausgleich von Religion und Wissenschaft. So wollen sie eine im edelsten Sinn rationale Religion. Auf der anderen Seite aber stehen die, die da glauben, daß Religion und Wissenschaft nichts miteinander zu tun, auch aufs strengste voneinander zu scheiden sind. Die Wissew schaft kann, so meinen sie, „immer nur atheistisch" sein. Ihren Resultaten die Ueberzeugungen des Glaubens anpassen wollen, heißt die Religion verflachen, ja sie letztlich zugrunde richten. Solche Anpassung aber ist auch keineswegs notwendig. Die Wissenschaft ist nur eine Attidüde des menschlichen Geistes zur Welt, neben der gleichberechtigt und gleichrichtig in sich der religiöse Glaube des Menschen steht. Wissenschaft und Religion sind zwei verschiedene Weisen, mft der Welt fertig zu werden, zwei verschiedene Arten der Welterfassung, zwei „Methoden" des Geistes, wie Dr. Wiener in der Diskussion der Konferenz formulierte. Zwei Methoden, die nebeneinander bestehen können, ohne sich irgendwie zu stören. Religiöse „Wahrheit" ist unabhängig von wissenschaftlicher Wahrheft, wissenschaftliche Wahrheit unabhängig von religiöser „Wahrheit". Dem Leben der Religion bleiben die Resultate der Forschung belanglos, und keine Entdeckung der Wissenschaft kann den Dokumenten des Glaubens einen Buchstaben rauben. Die Geschichte und Entwicklung der Religion hat ihr Gesetz für sich. Die Autonomie des Glaubens ist die Forderung des Tages, eine „religiöse" Religion das Ziel . . . Kann hier entschieden werden zwischen den gegensätzlichen Meinungen, entschieden werden zwischen rationaler und autonomer Religion? Zwei Typen menschlicher Geisteshaltung stehen einander gegenüber. Und jeder von chnen hat Recht für sich, ia Recht für den Menschen als solchen. Denn der Mensch ist in der Tat ein anderer, wenn er betet, ein anderer, wenn er Wissenschaft treibt — ein anderer als Gläubiger und ein anderer als Forscher. Aber er ist doch zugleich auch bemüht, lener Spaltung des Geistes entgegen die große Einheit zu suchen, Glauben und Forschen in Einllang zu bringen. Jene Zwecheit ist ihm so notwendig wie dieser WUle zum Einssein. Nach dem, was im Einzelnen über wiegt, bestimmt sich fern besonderes Sein: unaufhebbar, das Echos s e in e r religiösen Persönlichkeit. Hier endet die Möglichkeit jeder allgemeinen Entscheidung. 6. Liberales Judentum ist — so war gesagt — freudige Belahung der Persönlichkeit im religiösen Leben. So scheint uns geradezu einer sachlichen Forderung genüge getan, wenn im Plenum der Versammlung die Vertreter verschiedener Richtungen zu Worte kamen, wenn Probleme gestellt und verhandelt wurden, deren endgültige Lösung doch persönlicher Entscheidung von Mensch zu Mensch verbleiben muß. Wie iminer diese Entscheidung fällt, das „Plenum" des liberalen Judentums hört und umfaßt sie alle als notwendige Variationen der Individuen. Und dies ist, gerade im Hinblick aus das Grundprobleml der Religion, mehr als nur theoretische Notwendigkeft, zugleich in höchstem Maße bedeutungsvoll für die Praxis des religiösen Lebens. 7. Eine religiöse Praxis, die ausgebaut wäre allein im Gedanken einer „nationalen" Religion, verfiele nur allzuleicht einer Ueberschätzung der einzelnen Tat vor dem Ganzen der inneren Gesinnung. Eine religiöse Praxis, die ausgebaut wäre allein im Gedanken einer „autonomen" Religion, verfiele nur allzuleicht einer Ueberschätzung der Gesinnung vor den Forderungen der Wirklichkeit. Es war gewiß kein Zufall, daß gerade die Verfechter einer „autonomen" Religion aus dieser Tagung die Bedeutung der Gesinnung nachdrücklichste betonten, über dem „Konstruktiven" aber die praktische Wichtigkeit des „Dekorativen" unterschätzten, wie Claude Montesiore rm Schlußwort mit Recht hervorheben mußte. Es war gewiß kein Zufall, daß umgekehrt die Verfechter einer „rationalen" Religion, weniger um jenes Konstruktive der religiösen Gesinnung bemüht, doch auch allein den Forderungen des Tages gerecht zu werden suchten. Diese Forderungen sind keineswegs nebensächlich, wie man einem ihrer besten Verfechter, wie man Dr. Lehmann in der Diskussion vorwersen wollte. In der Tat! Liberales Judentum als Ganzes wird bei dem gerecht werden müssen, dem Konstruktiven wie dem