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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-08-24 · 34 (24.8.1928) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
34 (24.8.1928)
Date
1928-08-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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>»»l».- ——.. Gokesblevste Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Gottesdienst am Freitag, den 24. August, abends 7.15 Uhr, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonsti. Sonnabend, dev 25. August, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Freitag, den 31. August, abends 7.15 Uhr, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonsti. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Anla der Cäcilienschule, Ritolsburger Platz): Jede« Freitagabend liberaler Eollesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. betbuch fein, das auf seine unerläßlichen Wesenheiten reduziert ist, und das im Ritus eine textliche Mannigfaltigkeit bietet, auf Grund deren das in seiner langweilenden Wirkung ewige Einerlei durch Abwechslung behoben sein und bei möglichster Abkürzung der einzelnen Gottesdienste eine innere, wesentliche Bereicherung darstellen würde. Das im Entstehen begriffene „Einheitsgebetbuch" ist für die sogenannten „Einheitsgemeinden" gedacht. Es wird sicher eine wesentliche Verbesserung der Zustände herbeiführen, auch schon deshalb, weil es mit einer ausgezeichneten Uebersetzung der hebräischen Gebetstexte in die deutsche Sprache ausgestaltet ist, und weil es der Reihe nach die einzelnen Gäete so aufführt, daß kein Herumblättern mehr erforderlich ist. Wenn aber die Aktivität der Gemeinde eine bis in die letzte Konsequenz hineingetragene sein soll, dann muß es so sein, daß die Gemeinde imstande ist, an dem Vortrag der einzelnen Gebetstücke teilzunehmen, und das führt dann zu einer Forderung, die in den letzten Jahrzehnten schon oft genug erhoben worden ist, das führt hin zu dem, was man unter dem bereits vielfach erörterten Thema versteht: „Der einstimmige Gemeinde gesan9." Ter einstimmige „Gemeindegesang" ist für den Gottesdienst unserer Zeit eine absolute Notwendigkeit. Seitdem man erkannt hat, daß es angebracht und gegenüber dem erwachenden ästhetischen Empfinden richtiger sei, den Gottesdienst in geordnete Bahnen zu lenken, ist im Vordergrund aller diesbezüglichen Erörterungen auch die Frage nicht mehr zum Stillstand gekommen, wie man sich zur musikalischen Ausgestaltung des Gottesdienstes zu verhalten habe. Es ist das große Verdienst Salomon <Sulzers, die vor dem 19. Jahrhundert liegende jüdische Musik erkannt, sie gesammelt und ausgeschrieben, vor «llen Dingen aber, sie von den Schlacken des Ghetto gereinigt zu haben. Es ist sein Verdienst und das unstreitige Verdienst seiner großen Mitarbeiter am „Schir-Zijon", zunächst für den Wiener Tempel, dann aber im Lause der Zeit für die Tempel beider Hemisphären musikalische Gottesdienste geschaffen zu haben, deren Partituren sich in jeder Beziehung sehen lassen konnten. Große, kunstvoll angelegte und auch ausgeführte.Chöre beherrschten den damaligen Geschmack am Gottesdienst. Das Publikum ließ sich bereit finden, die konzertierende Methode im Gottesdienste gutzuheißen, ohne zu ahnen, daß es seinen berechtigten Anspruch aus Aktivität damit preisgab. Die Folge davon war aber doch, daß schon Lewandowski, ein Zeitgenosse Sulzers, in Berlin, das starre Chorsystem seines Lehrmeisters verließ, um sich den einfackeren Formen des gottesdienstlichen Gesanges im Sinne des Gemeindegesanges zuzuwenden. Es fragt sich nun, was will der Gemeindegesang? — Bor allen Dingen will er die Gemeinde aktivieren, er will sie befähigen, da, wo sie im Gottesdienst zum Schweigen verurteilt ist, aus der aufgezwungenen Reserve herauszutreten und die Gebet- und Gesangstücke abwechselnd mit dem Kantor vorzutragen. Er will sie aber auch befähigen, den Konnex zwischen den Betenden herzustellen und eine Seelenstimmung zu schassen, tiie den Menschen emporhebt über die niederen Sorgen des Alltags. Und in der Tat gibt es kaum etwas Schöneres und Erhebenderes als eine zu gemeinsamem Gottesdienst versammelte singende Gemeinde. Ihr muß daher immer Gelegenheit gegeben sein, sich an dem Bortrag der Gebete zu beteiligen, und wenn es unseretn heufigen Gefühl nicht mehr entspricht, daß diese Beteiligung durch ungeordnetes Mitsingen und wüstes Schreien geschehe, so muß durch eine systematische Unterweisung, mit der Religionsschule beginnend, dahin gewirkt werden, daß ein würdiger einstimmiger Gemeindegesang innerhalb des Gottesdienstes platzgreise. Die Gemeinden dürfen sich dieser Erkenntnis nicht länger mehr verschließen, wenn sie nicht den Vorwurf auf sich laden wollen, daß sie die Zeit mit ihren gottesdienstlichen Forderungen nicht verstanden haben. Wenn nun die für das „Einheitsgebetbuch" gefundene Formel sich bestimmungsgemäß auswirken, und wenn die Einheitlichkeit des jüdischen Gottesdien st es dadurch herbeigeführt werden soll, so gehört dazu notwendigerweise auch ein „Einheitsgesangbu ch". Es darf nicht sein, daß im Gottesdienst profane Lieder gesungen werden, und es darf ebensowenig sein, daß man in einem jüdischen Gottesdienste protestantische Choräle singt. Es muß vielmehr so sein, daß unser ganzer Gottesdienst auch in seiner musikalischen Struktur jüdischen Charakter trägt. Traditionelle Melodien sind daher besonders zu berücksichtigen. Es soll damit nun nicht gesagt sein, daß der mehrstimmige Chorgesang restlos verschwinden müsse. Durchaus nicht. Bei besonders hervorzuhebenden Gelegenheiten, sei es an Sabbaten oder an Festtagen, wird er sehr wohl am Platze sein; im allgemeinen aber wird es doch wohl zweckerttsprechend und richtig sein, wenn der mehrstimmige Chorgesang die Ausnahme, und wenn der einstimmige Gemernd ege sang die Regel bleibt. Deutsche und hebräische Gesänge müssen jüdisch sein; d. h. es muß diejenige Form des Chorals und der Responsorien geschaffen werden, die dem Inhalt der Texte entspricht, und denen man nicht den Vorwurf machen kann, daß sie aus einem fremden Lager stammen. Das Judentum hat sich bis auf den heutigen Tag den gesunden Optimismus der Lebensbejahung bewahrt. Seine Rabbiner halten keine weltverlorenen, rührseligen Predigten, und keinem Menschen fällt es ein, ob irgendeines unbegreiflichen Weltenschmerzes in Schluchzen und Weinen zu verfallen. Demgemäß muß auch die gottesdienstliche jüdische Musik gestaltet sein. Sie muß die Lust am Leben atmen und verbreiten, sie muß, wie der Text, lebendig sein; denn nur dann, wenn Text und Musik sich inhaltlich decken, nur dann wird man sagen können, daß der „Gemeindegesang" das Aktivitätsprinzip innerhalb des Gottesdienstes günstig beeinflußt, und daß die aufbauende Kraft des Judentums dadurch gefördert und gewährleistet wird. Wi che Kraft Arthur Schnitzler Von DorisWittner. Arthur Schnitzler, um dessen Haupt gegenwärtig ein trauriger Glorienschein menschlichen Märtyrertums seinen blassen Heiligenschein webt, wurde, obzwar ein echtbürtiger und echtblütiaer Wiener, mit Fug vor etwa zwei .Jahren in die Preußische Dichterakademie gewählt. Denn nur wenige, besonders begnadete Mitglieder der jungen Korporation haben für das deutsche Schrifttum in so schöpferischem, bereicherndem Sinne gewirkt, wie dieser Sohn der Donaustadt,!der vorgeschobensten Bastion gen Osten, in der vielfältige Rassen — die deutsche, die romanische, die slawische — zusammenflossen und vielleicht eben darum dem Charakter der von uns allzeit mit Liebe und Sehnsucht umfangenen Metropole zu einer besonders verführerischen Eigenart verhalsen. Man hat oft und viel über den Begriff des '„Oesterreichers" gestritten; man hat ihm Wohlwollen oder Abneigung entgegengebracht, und die konsequentesten Denker gelangten dahin, den Begriff als solchen überhaupt zu negieren. Vielleicht auch mit Recht, da der Repräsentant eines Nationalitätenstaates (mit zehn oder zwölf Kronländern) statt eines Nationalstaates kaum je einen einheitlichen, organisch gefügten Photographien von der Weltkonferenz Tas Atelier Elite, Leipziger Straße 119-20, teilt uns mit, baß von ben am Eröffnungsabenb der Konferenz gemachten Aufnahmen noch Abzüge in Größe 18X24 ä Mk. l,— zu haben sind. Ebenso sind von El. G. Montesiore und Miß Montagu noch Bilder u Mk. 1,— und Mk. 3,— vorrätig. Gleichzeitig meist das Atelier Elite daraus hin, daß Bilder der von ihr aufgenommenen prominenten Persönlichkeiten der Konferenz in ihren Schaukästen zur Ausstellung kommen. Typus darzustellen vermochte. Und dennoch, wenn auch ethnologisch ein Unsinn, eine contradictio-in-adjecto: körperlich, geistig, seelisch und moralisch hat es ihn trotzdem gegeben und gibt es ihn noch heute, den vielumstrittenen, viel befehdeten, scheinbar nicht existenten „Oesterreicher". Niemand hat das in schöneren, klareren und überzeugenderen Worten zu beweisen gewußt, als der Auch-O esterreich er Felix Salten in seinem mit Herzblut geschriebenen Buch: „Das österreichische Antlitz". Denn gerade jene vermeintlichen Mängel, die in den Augen des pedantischen und unerbittlichen Volks-, Sprach-, Stammes- und Geschichtsforschers dem Oesterreicher anhasteten oder überhaupt den Garaus machten, lieben ihm in jedem vielleicht weniger buch- und buchstabengelehrten Sinn seine besondere Eigenart und seine individuellen, unnachahmlichen Vorzüge. Künstler würden sich ruhig zu dem freudig bejahenden Wort: „Reize" versteigen. Denn gerade, daß der besagte „Oesterreicher" ein „sujet mixte" war, aus deutscher Herbheit, Kühle, Willenskraft und Selbstbeherrschung sowie aus romanischer Formbegabung, musischer Trunkenheit und leichterer, beschwingterer, gleichsam tänzerischer Lebensauffassung, zu guterletzt aber auch aus slawischer Weichheit und Verträumtheit, Versonnenheit und Versponnenheit, nebst einer gegenstandslosen, um alle Dinge und Ereignisse des realen Lebens schwebenden Wehmut, gab seinem Wesen jene letzte subtile Verfeinerung, jene etwas moribunde Zartheit, die jungen, einheitlichen, gegen fremde Einflüsse abgeschlossenen Völkern fehlt, und die doch vielleicht der letzte Extrakt, die „fine sleur" der.Menschheit schlechthin sind. Und von diesen großen Volksverführern, Rattenfängern wider Willen war Arthur Schnitter, der Dichter, einer der verführerischsten, gefährlichsten. Im Jahre 1862 geboren, einer wohlangesehenen Wiener Patrizierfamilie entsprossen, wandte sich der früh erwachende Arthur vorerst dem in seinem Hause traditionellen, voni Vater und Bruder erfolgreich geübten ärztlichen Berufe zu. Aber er erkannte bald, daß die exakte Wissenschaft ihn unbefriedigt ließ, und so wechselte er, nachdem er zuvor noch den medizinischen Doktor in Ehren bestanden, schweifend und sehnsüchtig von Anatomie und Hörsaal zum lockenden, weil noch in ferner Hoheit schimmernden Parnaß hinüber. Heute steht er auf der Spitze des heiligen Berges und weiß wohl am tiefsten und inbrünstigsten, wie heiß und schwer Her Passionsweg war, den er (Passionsweg in zweifachem Sinne der Leidenschaft und des Leidens) zurückgelegt hat. Es mag um die Jahre 89 bis 90 des vorigen Jahrs Hunderts gewesen sein, da erregten innerhalb Wiens 'und weit über die Gemarkung der verbündeten Kaiserstadt hinaus kurze dramatische Dialoge, die in dem sogenannten „Anatol- Zyklus" zusammengefaßt waren, Beachtung, Aufsehen, Sensation, und nicht zu vergessen, die Entrüstung aller gesinnungstüchtigen, sittenstrengen Bürger diesseits und jenseits der schwarz-gelben Pfähle. Wieso? Warum? Weil hier mit einer unendlichen Zartheit (aber allerdings auch Zärtlichkeit), Grazie, Behutsamkeit und jeglichem Mangel an Heuchelei jene Dinge behandelt wurden, die man zwar in aller Welt tut, aber von denen man dazumal in guter Gesellschaft noch nicht sprach. Voll souveräner Willens- und Gewissensfreiheit hatte Schnitzler die heiklen Fragen vom Entstehen und Vergehen des Lebens und der Liebe behandelt. Er hatte das unverzeihliche Verbrechen begangen, die verhüllten Bilder von Eros und Hymen restlos zu entschleiern. Gewiß doch: man wußte wohl aus Volksliedern, die Bursch und Mädel sangen, ohne sich viel dabei zu denken, daß Scheiden und Meiden wehtue. Und wenn man nicht mehr Bursch und Mädel war und den eigenen Nachwuchs vielleicht schon das weniger überzeugende als überzeugte Märchen vom Klapperstorch lehrte, so ging man selbst in die Salon- und Ehebruchsdramen Pariser Imports, unterhielt sich zwei Stunden hindurch fürbaß und kehrte alsdann heim, befriedigt darob, daß solche Ruchlosigkeit eben nur an der Seine gedieh, daß man selbst io viel besser war, und tat in der weiteren Folge so etwa wie Arthurl Schnitzler eben in seinem Anrtol-Zyklus, von allen guten Göttern des „cant" verlassen, geschildert hatte. „Niemand lügt sovielwie der Entrüstete" hat Friedrich Nietzsche einmal gesagt. Nun: die Wogen schlugen damals haush^h über den jungen Arthur herein. Was nicht hinderte, daß jedermann (und jedes Weiblein erst recht) die kleinen zierlichen Bände kaufte und verschlang. Und da die Wahrheit nicht aufzuhalten ist, so fraß sie sich auch durch den Pfefferkuchenberg der deutsch-österreichischen Entrüstung hindurch, und bald wagte es die eine oder andere mutige junge Bühne, die harmlosesten der „Anatol"-Skizzen aufzuführen. Der Dichter, unbekümmert um die Stürme, die ihn umbrandeten, dichtete unterdessen munter weiter und griff mit Vorbedacht immer etwas brenzligere Fragen an. In dem großen Roman: „Der Weg ins Freie", der uns eigentlich in unserer Eigenschaft als Juden nicht nur Anregungen, sondern auch manche beherzigenswerte Lehre zu schenken hat, bemächtigte er sich beispielsweise des Problems des scheinbar gleichberechtigten Juden innerhalb der antisemitisch verseuchten Wiener guten Gesellschaft. Und er, der die Gegensätze, Reibungen und tödlichen Kränkungen, die „zwischen den Rassen" ausgetragen wurden, nicht nur vom Hörensagen kannte, sondern sie in seinem eigenen tausendjährigen Blut schmerzhaft fühlte, er teilte mit salomonischer Weisheit die Wiener Juden seiner Blütezeit in zwei große Gruppen ein: in die eine, die immer in der Frucht lebt, bei ihrer sorglich verhehlten und durch reichliche Assimilierung überzuckerten Abstammung meuchlings ertappt zu werden, und in die andere, die jedem Neutralen und Unbefangenen ungefragt sofort mit dem fatalen Bekenntnis zur eigenen Rasse ins Gesichtspringt, und durch diese pnangebrachteBekennerwut (die von stolzem Bekennermut ebenso weit entfernt ist wie die Verleugnungsmethode) den arglosen Partner nur in eine unmotivierte Verlegenheit versetzt. Jahre um Jahre sind über diesen brennenden Zeit- und Streitfragen, wie sie sich in einem seiner Epoche weit vorangeeilten Dichterhirn und Herzen spiegelten, verstrichen. Arthur Schnitzlers Kunst am Worte aber ward immer liebevoller, erlesener, wie von jeglicher Erdenschwere befreit. Im ganzen deutschen Reiche schrieb kaum ein anderer Dichter ein so gepflegtes, graziles, über den Menschen und Dingen gleichsam schwebendes Deutsch. Dergleichen kannte man allenfalls in Frankreich oder Italien, wo die Erziehung zur künstlerischen Form durch jahrhundertealte Tradition Gesetz war. Es blieb auch gleich, welche Kunstgattungen Arthur Schnitzler gelegentlich bevorzugte; die tänzerische Seele seiner Schöpfungen blieb all seinen Werken — mochten es Romane, Dramen oder die von ihm besonders geliebte und meisterlich beherrschte Form der Novelle sein — zu eigen. Die Stoffe aber, denen er seine inkommsensurable Kunst angedeihen Heß, pendelten stets zwischen den beiden Polen: lebenerzeugenda Liebe und — Tod, Entstehen und Vergehen hin und her. Vielleicht war das ein biologischer Atavismus des selbst zum Mediziner bestimmt Gewesenen, der einer Familie angesehener Aerzte entstammte. In seinem ausschließlich «in der Sphäre zwischen Tod und Leben spielenden „Professor Bernhardi" packte er wieder mit kühner Hand die Tagessrage der konfessionellen „Zuständigkeit" am Sterbebett an und entfachte durch seine milde gütige Toleranz, die Schwester der echten Charitas, wieder einmal die Empörung einer ebenso engstirnigen wie subalternen Widersacher- Gemeinde. Sie ließ ihn kühl. Konnte ihn kühl lassen, denn er wußte es besser. Zu der eigenen beruflichen Anschauung des Heilkundigen gesellte sich in Schnitzler immer mehr und mehr jene letzte künstlerische Intuition, die ihn in der Ueberzeugung stärkte, daß Liebe und Tod vielleicht seltsame, aber keineswegs seltene Schlasgenossen sind. In zahllosen Variationen hat Arthur Schnitzler die „ars amandi" eines etwas dekadenten und degenerierten Zeitalters äbgewandelt. Er hat um Wahn und Wähnen aller Liebenden gewußt; mochten seine Gestalten noch vor der Schwelle der Erfahrung, mitten im knospenden „Frühlingserwachen" stehen, oder mochten sic schon abwärts den „Einsamen Weg" oder den „Weg des Todes" — wie er sie oftmals genannt — in Schatten und Dämmerung schreiten. Er hat nichts ungesagt gelassen, hat keine noch so heimliche Nuance vergessen. Jedoch dieser Dichter, der eitel Nerv und Seele, eitel Verständnis und Duldsamkeit war, sagte alles mit so hauchfeiner Zärtlichkeit, daß einem auch das Absurdeste selbstverständlich ward. Absurd dagegen erscheinen mußte unserer rauh und roh gewordenen Gegenwart, die längst verlernt hatte, irgendwann oder irgendwie eine Milderung zu wahren; der vielmehr nicht Grobes grob genug, nichts Nacktes nackt genug sein konnte; die längst alle Feigenblätter auf den Kehrichthaufen einer angeblich überholten Ethik geworfen hatte; daß just diese Gegenwart in selbstverspottender Scheinheiligkeit vor acht Jahren Arthur Schnitzler den hochnotpeinlichen Prozeß machen konnte, weil eine junge Bühne es untere nommen hatte, ohne Wissen und Wollen des Dichters die letzte Szene des Anatol-Zyklus, den „Reigen" aufzusühren. Schnitzler hat eben dieses Dramolet seinerzeit ausdrücklich von der Bestimmung für das Theater ausgeschlossen und nur in einem Privatdruck einigen wenigen Freunden zugänglich gemacht. Trotzdem, nachdem längst Wedekind mit seiner „Büch'se der Pandora" oder seinem „Schloß Wettern stein" die Schaubühne und die Schaulustigen genugsam abgehärtet haben sollte; und nachdem bereits eine neue Gene- Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands

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