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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-08-24 · 34 (24.8.1928) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
34 (24.8.1928)
Date
1928-08-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Diese Fragen beantwortet der Referent wie folgt: Das Wesen des Liberalismus besteht in der Wahrung der unbedingten Freiheit der Idee, die, wenn sie cyuchi aus lokalen und zeitlichen Gegebenheiten entstanden ist, doch über alle lokalen und zeitlichen Gebundenheiten hinausgehoben werden muß ins Menschheitliche hinein, das ihr allein >die Ewigkeit verbürgen kann. Weder mythologische Vorstellungen, noch dogmatische Formulierungen dürfen die Idee fesseln, der in rein logischer Erkenntnis die Möglichkeit gegeben sein muß, sich gemäß dem Fortschritt des Denkens und der Kultur stetig zu entwickeln. Das Wesen des Judentums ruht in seiner Eigenart seiner rein geistigen, rein sittlichen Gottesidce. Der einigeinzige Gott, das höchste, alleinige sittliche Ideal. Daraus ergibt sich als einzige, der Idee entsprechende Gottesverehrung, die aus dem Herzen geborene sittliche Tat. Die einzigen religiösen Einrichtungen der jüdischen Gemeinde können daher nach der Anschauung des liberalen Judentums nur sein: 1. Lehrhaus, 2. Gotteshaus, 3. soziale Einrichtungen. Die Eigenart der sittlichen Idee des Judentums gegenüber Christentum und Buddhismus offenbart sich in der Idee der sozialen Gerechtigkeit. Das Lebensrecht des Knechtes und der Magd, des Armen und des Fremdlings, ihr unbedingtes Menschenrecht, ihr Recht auf Anteil an den Gütern der Gotteserde beherrscht die sittliche Gedankenwelt der Bibel und prägt sich in praktischen sozialen Forderungen aus. Wie andere Ideen des Judentums ist auch diese Idee, wenn auch unter äußerm Truck niemals vergessen, durch die Fülle äußerer Werkheiligkeit stark überwuchert worden. Es war das Verdienst des liberalen Judentums, daß sofort mit Beginn der großen Reformbewegung des 19. Jahrhunderts auch der Baum sozialer Gerechtigkeit wieder zu neuer Entfaltung kam. Neben dem modernen liberalen Gotteshaus, neben den neuen liberalen Lehrhäusern entstanden prachtvollesoziale Häuser und Einrichtungen, die fast durchweg von liberaler Seite gegründet wurden. Erfreuen sich diese sozialen Werke heute auch der Mitarbeit aller jüdischen Kreise, so daß sie sogar zu einem festen Bindemittel der jüdischen Gesamtheit geworden sind, so verbleiben dem liberalen Judentum doch auch heute noch besondere Aufgaben für die soziale Arbeit. a) Einmal muß die soziale Gerechtigkeit auch darin zur Geltung kommen, daß der Gewissenszwang aufhärt, der heute ausgeübt wird, indem bei allen sozialen Einrichtungen, wenigstens in Deutschland, Gottesdienst und Lebensführung allein nach streng orthodoxen und streng rituellen Forderungen geregelt werden. b) Die größte soziale Tat des Judentums, der Sabbat der Knechte und Mägde kann nur dann segensreich sein, wenn den wirtschaftlichen Verhältnissen Rechnung getragen wird und im Gotteshause und im Familienhause die Ruhe der Seele gesucht wird an dem Tage und in den Stunden, die die Arbeitsruhe ermöglichen. Das liberale Judentum in Amerika, England und andern Ländern, die Jüdische Reformgemeinde Berlin, die Vereinigung für das liberale Judentum sind hier bahnbrechend vorangeschritten. Aufgabe des liberalen Judentums ist es, in klarer Erkenntnis dieser Notwendigkeit auf diesem Wege weiter fortzuschreiten. Die Nachmittagssthung Nach Schluß der Referate fand in den Räumen des Herrenhauses ein Mittagessen statt, bei dem weit über 400 Personen Gäste der „Vereinigung für das liberale Judentum" waren. Um 4 Uhr nachmittags trat die Konferenz in eine für vertraulich erklärte geschäftliche Sitzung ein ein. Ten Vorsitz führte Rabbi Dr. M a t t u ck - London. Lily Montagu erstattete den Geschäftsbericht: dieser gab ein umfassendes Md von der Tätigkeit des Weltverbandes seit seiner Gründung im Jahre 1926. Es folgte der Bericht des stellvertretenden Schatzmeisters. Hierauf wurde die Verfassung des Weltverbandes beraten. Der von Mr. A. Leo Weil-Pittsburg stammende, sorgfältig durchdachte Entwurf wurde einstimmig angenommen. Ferner gelangte der folgende Antrag von Rev. M. L. Perlzweig-London zur Annahme: Der Vorstand wird ermächtigt, sobald es die Mittel erlauben, eine Persönlichkeit zu verpflichten, die geeignet ist, in solchen Ländern, welche es wünschen, neue liberale Organisationen einzurichten. Auch soll zu diesem Zwecke ein onds geschaffen werden. — Weiter wird beschlossen, eine weimonatsschrift für die Wissenschaft des Liberalismus herauszugeben. Gedenkfeier für Bernhard Breslauer Im Rahmen der Weltverbandstagung veranstaltete die deutsche „Vereinigung für das liberale Judentum" eine Gedenkfeier für Bernhard Breslauer, ihren am 11. Februar d. Js. verstorbenen Gründer und Ehrenvorsitzenden. Obwohl diese Feier sich fast unmittelbar an die geschäft^ liche Sitzung des Weltverbandes anschloß, bot sie schon rein äußerlich ein gänzlich anderes Bild. Zwischen dem Baum- und Blumenschmuck, der den Saal zierte, gewahrte man ein Harmonium, im Saale sah man eine große Anzahl führender Persönlichkeiten der Berliner Judenheit, darunter wieder Vertreter der Gemeindekörperschasten: die Stühle der Ehrenreihe litten Angehörige des Verstorbenen eingenommen, unter ihnen R.-A. Dr. Walter Breslauer, der dem Vorstande der Vereinigung für das liberale Judentum angehörende Sohn Bernhard Breslauers, mit seiner Gattin. Wie ein bedeutsames Symbol wirkte es, daß das Präsidium unbesetzt blieb: der Pr äsidenten ft uhl war leer. Harmoniumklänge „Aases Tod" von Grieg, zu Herzen dringend gespielt von Alexander W e i n b a u m — zeigten an, daß aus dem Sitzungsein Andachtsraum geworden. Wilhelm F r i e dmanns klangvolle Stimme brachte das wehmutreiche „Herr, was ist der Mensch!" von Albert Keltermann zu Gehör, und dann stand Breslauers Nachfolger, der jetzige Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum, R.-A. Heinrich Stern, am Rednerpult. Er ließ die Gestalt unseres edlen, warmherzigen und tatfreudigen Führers Bernhard Breslauer noch eiitmal in all ihren Schönheiten und Besonderheiten vor dem inneren Auge der Teilnehmer erstehen. Ter volle Wortlaut seiner Gedenkrede soll später hier mitgeteilt werden. Als er geendet hatte, ertönte noch einmal Öberkantor Wilhelm Friedmanns prächtiger Bariton: von Alexander Weinbaums Meisterhand am Harmonium begleitet, trug er Hugo Wolfs Lied „lieber Nacht" vor; noch ein Harmonium-Nachspiel, und die eindrucksvolle Feier war zu Ende. Alle fühlten es: wenn auch Bernhard Breslauer sich während der letzten Jahre seines hohen Alters wegen ein wenig aus dem jüdischen Leben zurückgezogen Hatto, so waren es doch sein Geist und sein Wirken, die eine erdumspannende jüdisch-liberale Bewegung mit herbeigeführt hatten und auch auf dieser Tagung wirksam waren. Festabend im Alossehaus Am Sonntag abend bewirteten Herr und Frau Hans Lachmann-Mosse sämtliche Delegierte und auswärtigen Gäste, insgesamt an fünfhundert Personen, im Mosse-Haus am Leipziger Platz, das die berühmten Kunstsammlungen der Familie Mosse beherbergt. Tie Elite des Judentums aller Länder war hier versammelt. Voller Bewunderung betrachteten die Teilnehmer die zum Teil einzigartigen Kunstschätze, die hier von sinnigem Verständnis und Feingefühl gesammelt und gruppiert wurden. Im obersten Stockwerk des Palais war an kleinen runden Tischen zum Souper gedeckt. Erlesene Speisen und Getränke, die festlichen Räume und das Zusammensein so vieler, trotz aller sprachlichen Verschiedenheiten auf das gleiche geistige Ziel gerichteter Menschen schufen eine Atmosphäre froher Geselligkeit. C l a u d e G. M o n t e f i o r e dankre in deutscher Sprache dem Ehepaar Lachmann-Mosse für die großartige Bewirtung, worauf Hans L a ch m a n n - M o i s e englisch erwiderte. Es sprachen noch A. Leo Weil und Sanitätsrat P e y s e r. Bis in die späte Nacht hinein blieb man in froher Geselligkeit beisammen. Am Montag, 20. August, nahm die Konferenz ihren Fortgang. Ueber die Diskussion und die Sektionsberatungen werden wir in der nächstwöchigen Nunlmer dieses Blattes ausführlich berichten, ebenso auch über die Potsdam-Fahrt, die am Dienstag, 21. August, den gesellschaftlichen Abschluß der Konferenz bildete. Leo Tolstoi und das Judentum Zum hundertjährigen Geburtstag des Dichters. Es kann in diesen Tagen der Tolstoifeiern dem jüdischen Deutschen nicht gleichgültig sein, wie der große russische Epiker und Weise über die jüdischen Traditionswerte gedacht hat. Sein Einfluß aus die deutsche Kultur und Dichtung ist heute noch wirksam. Als Tolstoi vor 15 Jahren auf seiner tragischen Flucht aus Jasnaja Poljana die Augen für immer schloß, war für die erwachsene europäische und russische Vorkriegsgeneration ein Künstler und Prophet dahingegangen, von dessen lebendiger, machtvoller Wirkung wir uns heute kaum ein Bild zu machen vermögen. Wir lesen zwar aus Thomas Manns Feder ein Bekenntnis zu dem verehrten Meister seiner Jugend, wir lesen, daß ein Dichter vom Range Rollands aus den Stürmen seiner Jugend keinen anderen Ausweg wußte, als sich in seinen Nöten an Tolstoi zu wenden. Aber wie der Prohhet von Jasnaja Poljana dem seelischen Leben Tausender und Abertausender im Zeitalter des Materialismus eine neue Richtung gegeben, wie oft seine Schriften in Menschenschicksale eingegriffen haben, das entzieht sich heute bereits unserem Bewußtsein. Wir dürfen natürlich von Tolstoi bei feiner Stellungnahme zum Judentum keine Antworten auf die brennenden aktuellen Fragen unseres heutigen jüdischen Lebens verlangen. Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß hier der alte Tolstoi spricht, der nicht über zeitliche Erscheinungen philosophiert, sondern der in dem rationalen Trieb seiner Natur den ewigen überzeitlichen Gehalt des Judentums erfassen will. Wir hören hier die Worte des alten Tolstoi, der nach einer stürmischen Jugend, nach äußeren, glanzvollen Erfolgen als Dichter, von einem religiösen Erlebnis erfaßt wird, dessen ungeheure Stärke und Wirkung auf die Gesamtpersönlichkeit eine Ausnahme in der Geschichte der modernen Religiosität bildet. Es war ein durchaus prophetisches Erlebnis im strengen Sinne des Wortes. Tolstoi fühlte in sich ein göttliches Gebot, eine religiöse Aufgabe erfüllen zu müssen: Seinen Leib und seine Seele zu Werkzeugen des göttlichen Willens zu machen und die göttliche Forderung der brüderlichen Nächstenliebe in die Realität des Lebens umzusetzen. Tolstoi war auf dem Gebiet der jüdischen Tradition kein Unberufener. Er hat seiner rationalen Natur gemäß versucht, sich mit allen Religionen kritisch auseinanderzusetzen, bevor er seinen eigenen Weg beschritt. Zu diesem Zwecke hat er als reifer Mann sich bei einem Rabbiner Sprachkenntnisse angeeignct, die ihm ein Quellenstudium des alten Testaments" und des Talmuds gestatteten. Neben diesem Motiv trieb ihn das soziale Ethos, das Mitgefühl mit den verfolgten russischen Juden zu einer Auseinandersetzung mit dem Geist des Judentums. Zunächst suchte Tolstoi die Wesenheit des Judentums in seiner historischen Erscheinung zu erfassen. Er wirft zu diesem Zwecke die naiv klingende Frage auf: Was ist denn das, ein Jude? und beantwortet sie in folgen.- den Ausführungen: „Euch kommt diese Frage wunderlich vor, wie es scheint. Wir wollen einmal sehen, was für eine Art von besonderem Geschöpf der Jude ist, den alle Herrscher und alle Nationen geschmäht und bedrückt, getreten und hingeschlachtet haben — und trotzdem ist er noch immer lebendig —, der es niemals fertig brachte, sich verführen zu lassen durch alle möglichen irdischen Güter, die seine Unterdrücker und Verfolger ihm ständig anboten, damit er seinen Glauben wechsele und seine eigne jüdische Religion aufgebe? Ter Jude ist das geheiligte Wesen, welches vom Himmel herab das ewige Feuer brachte und damit die ganze Welt erleuchtete. Er ist die religiöse Quelle und der Born, aus welchem die übrigen Völker ihren Glauben und ihre Religion geschöpft haben." Alsdann weist Tolstoi nach, daß die 'jüdische religiöse Gemeinschaft zum Hüter des Prophetismus ausersehen ist und schließt seine Ausführungen mit den schlichten Worten: „Der Jude ist ewig, dauernd wie die Ewigkeit selber." Tolstoi faßt die Judenheit eindeutig als religiöse Gemeinschaft aus, der innerhalb der europäischen Kultur die Verwirklichung bestimmter ethisch-religiöser Ziele zugewiesen ist. Aus diesem Grunde lehnt er den Zionismus mit seinem Ideal eines jüdisch-nationalen Staates als eine Verirrung, als eine Umbiegung des religiösen Weges ins Politisch- Nationale ab. Allerdings haben bei seiner schroffen Ablehnung der zionistischen Gedanken sein Anarchismus und seine Antipathie gegen jedes moderne Staatswesen eine nicht unbeträchtliche Rolle gespielt. Das zweite Problem, mit dem sich Tolstoi innerhalb der jüdischen Tradition auseinandersetzt, ist die Frage der Bedeutung des Judentums für den Fortschritt der Menschheit. Hier ist es wichtig, zu betonen, daß der alte Tolstoi im Gegensatz zu Rousseau stets eine große Ehrfurcht vor dem rationalen Wissen des Menschen gehabt hat. Nur dort, wo er glaubte, daß die Beschäftigung mit der Wissenschaft das religiöse und ethische Gewissen einzuschläfern droht, nur dort, wo er befürchtete, daß das Wissen lediglich zur Macht über den Mitmenschen mißbraucht wird, hat er — oft in all zu schroffer Form — dagegen Stellung genommen. Dort aber, wo die rationale Kultur religiösen und ethischen Zielen dient, wie im alten Israel, erfährt sie die restlose Bewunderung Tolstois. „Der Jude ist der Pionier der Kultur. Die Unwissenheit war im damaligen Palästina mehr verpönt, als sie heutzutage selbst im zivilisierten Europa ist. In jenen Zeiten, in welchen Tod und Leben eines Menschen für nichts galten, sprach sich Rabbi Akiba offen gegen die Todesstrafe aus, die noch heute als eine mit der höchsten Kultur vereinbare Art der Bestrafung gilt." — „Der Jude ist auch der Pionier der Freiheit", urteilt Tolstoi weiter über den sozialethischen Geist des Judentums. „Selbst in jenen alten Tagen, da das Volk noch in zwei verschiedene Klassen, in Sklaven und Herren, geteilt war, selbst vor so langer Zeit hatte Moses Gesetz verboten, eine Person länger als 6 Jahre in der Sklaverei zu halten." Die letzte und persönlichste Frage, die Tolstoi an das Judentum richtet, ist die Frage nach seinem Gehalt an Menschenliebe und Toleranz. Für Tolstoi war die soziale Liebe das letzte Kriterium, der höchste Wert, durch den sich der Mensch dem Göttlichen näherte und der die höchste Bestimmung des Menschen auf Erden bedeutete. Alle Träger religiöser Ideen und alle Verfechter nationaler Ideale konnten vor seinem prüfenden Auge nicht bestehen, wenn sie in ihrem Eifer das menschliche Ethos der Brüderlichkeit vergaßen. Und, daß Tolstoi das Judentum nicht nur mittelbar, sondern aus den Quellen kannte, beweist seine Antwort auf diese Frage: „Ter Jude ist das Symbol bürgerlicher und religiöser Toleranz." „Liebe den Fremdling und den Ausländer, weil du selbst ein Fremdling im Lande Aegypten gewesen." Und das wurde in so weit zurückliegenden und wilden Zeiten gesagt, als der Hauptehrgeiz der Rassen und Nationen darin bestand, einander zu erdrücken und zu versklaven. Was religiöse Toleranz betrifft, so ist der jüdische Glaube nicht nur weit entfernt von dem bekehrungssüchtigen Geist, sondern im Gegenteil gebietet der Talmud den Rabbinen, jeden, der freiwillig kommt, die jüdische Religion anzunehmen, zu belehren und ihm klar zu machen, welche Schwierigkeiten ihm aus ihrer Annahme erwachsen würden und dem zum Uebertritt Geneigten vor die Seele zu führen, daß die Gerechten aller Nationen ihren Anteil haben am künftigen Leben. Einer so hohen und idealen Toleranz können sich nicht einmal die Moralisten unserer Tage rühmen." Zusammenfassend kann man sagen, daß Tolstoi im Judentum diejenigen Werte fand, zu denen er sich selbst in heroischer Weise als Dichter und Mensch durchgerungen hatte. Auf dieser inneren Verwandtschafr beruht seine Verehrung und Sympathie für das Judentum. Es braucht am Schluß dieser Ausführungen nicht betont zu werden, daß Tolstoi den Antisemitismus scharf verurteilte und ihn als persönliche Bedrohung empfand. Niemals hat er in dem Antisemitismus ein geistiges Problem, sondern immer eine Verirrung gesehen und ihn als „eine wahnsinnige Leidenschaft, geboren aus den niedrigsten Perversitäten der menschlichen Natur" bezeichnet. A. Kaplan, .Hamburg. Emheitsgebetbuch und Gemeiudegesaug Eine Denkschrift von Oberkantor Hermann Zivi, Elberfeld. Es gibt nichts auf der Welt, was sich in Permanenz erklären könnte, ohne zu versteinern. Das gilt für die Künste sowohl wie für die Wissenschaften, und das gilt nicht minder auf dem Gebiete der Religion. Lebendige Religiosität kann nicht stumpfsinnig nachbeten, was frühere Geschlechter für ihre Zeit im Sinne eines gottgefälligen Lebenswandels für richtig erkannt haben, sondern sie wandelt das Alte, Ueberkommene aus innerer Nötigung mit Verstand und Gemüt in das um, was für den religiösen Juden Leben bedeutet. Die Gemeinschaft derer, die so nach lebendiger Religion verlangen, ist wahrlich groß genug, um sie in einer Einheit zusammenzufassen, gegenüber denen, die überlieferungsmäßig ihr ganzes Leben unter die Kontrolle toter Buchstaben stellen. „Religion" muß lebendig sein, lebendig im Inhalt wie in der Form. Abgestorbene Gedanken gehören ins Grab, und Formen, die uns nichts mehr bedeuten, sind ihre stummen Zeugen. Aus dieser Erkenntnis heraus ist man seit geraumer Zeit bestrebt, die Einheit des deutschen Judentums auf religiösem Gebiete durch ein „Einh eitsg eb etbuch" für Gottesdienst, Schule und Haus zusammenzufassen. Unter der Führung des beide Sprachen meisterhaft beherrschenden Frankfurter Rabbiners Tr. Seligmann, sowie unter der Assistenz zweier adäquater Berufsgenossen, des Berliner Professors Dr. Elb ogen von der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und des Breslauer Rabbiners Dr. Vogel st ein ist die Frage der hebräischen Originalwie die der deutschen Uebersetzungs-Texte in ganz vorzüglicher Weise gelöst worden, und es ist dem allein nur richtigen Gedanken vollauf Rechnung getragen, daß man verstehen soll, was man betet, urch daß das, was man nicht verstehen soll, auch nicht in einer unverstandenen Sprache gesagt werden darf. Ein guter Kenner und begeisterter Anhänger des Judentums, ein Mann, der eine lange Reihe von Jahren hindurch an der Spitze der badischen Judenheit gestanden hat, der bekannte Geheimrat Dr. Mayer in Karlsruhe, macht mit großer Einsicht und mit ebenso großem Recht darauf aufmerksam, daß in den Orgelsynagogen die Gottesdienste an den meisten Sabbaten und ebenso an den drei Wohlfahrtsfesten inhaltlich und gesanglich so einförmig sind, daß moderne Menschen das ebensowenig mehr vertragen, wie etwa die Wiedereinführung der allen Piutim. Nicht minder, und in demselben Maße unerträglich, leiden an Gleichförmigkeit und Wiederholungen auch die Gottesdienste an Rausch-haschonoh und Jaum-Kippur, und es besteht die einfache Tatsache, daß die Entwicklung der Dinge eine Richtung angenommen hat, die mit der Aktivierung der Gemeinde im Sinne eines zeitgemäßen Gottesdienstes nicht mehr vereinbar ist. Früher, als die wirtschaftlichen Verhältnisse bei weitem nicht so angespannte und zugespitzte waren, wie sie es heute sind, da konnte man es verstehen, daß es Gottesdienste gab, die sich durch einen Vormittag stundenlang hindurchzogen, ohne daß der Besucher eines solchen Gottesdienstes zu dem Bewußtsein gelangte, daß dieses ewige Drehen und Wenden ein und desselben Gedankens auf dre Dauer ermüdend und langweilig sein müsse. Man konnte es auch verstehen, daß sich der Gottesdienst in Formen vollzog, denen gegenüber nur ein unverbrauchtes Nervensystem die Geduld bewahren konnte. Heute geht das einfach nicht mehr. Unsere Ansprüche an den Gottesdienst sind andere geworden, und sie sind es geworden durch den Zwang einer unabweisbaren, inneren Notwendigkeit. Und wo bleibt bei alledem die so ^ringend nötige Aktivität der Gemeinde? — Sie wird syftemarisch abgetötet, bis es schließlich dahin kommt, daß aus Furcht vor unerträglichen Gottesdiensten kein Mensch mehr in die Synagoge geht. Zweckentsprechend und dem Begriff eines jüdischen Gottes- ' dienstes in höchstem Maße dienlich kann daher nur ein Ge-

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