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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-08-24 · 34 (24.8.1928) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
34 (24.8.1928)
Date
1928-08-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Tation — die der Toller, Brecht und Bronnen oder Zuckmayer — im Aufsteigen war, ganz abzuschen von den modischen Ausschreitungen der, Nackttänze und der. mit Zoten überladenen Revuen, fanden sich doch etliche alte Weiber beiderlei Geschlechts, die an Schnitzlers „Reigen" das übliche, vom Gesetz vorgeschriebene „öffentliche Aergernis" nahmen und somit eine forensische „Cause celebre" ins Rollen brachten, die uns heute wie ein grotesker Anachronismus anmutet. Wenn wir heute das Repertoire der Reichshauptstadt und der großen Provinzbühnen betrachten und mit Staunen wahrnehmen, was alles an öffentlicher Stätte, selbst unter Zulassung Jugendlicher, geboten werden darf, so greifen wir uns schier fassungslos an den Kopf in dem Gedanken, daß dieser Monstroprozeß tatsächlich erst vor acht Jahren die öffentliche Meinung erhitzt hat. Und das resignierte, weit über die Dinge des Alltags erhabene Lächeln Arthur Schnitzlers selbst will auch uns ankommen angesichts der Wandelbarkeit künstlerischer und — moralischer Dogmen. Heutzutage würde jeglicher Backfisch, geschweige denn ein Jüngling, „der nicht mehr seine sechzehn Jahre hat", den Besuch des „Reigens" wegen mangelnder Pikanterie oder zu großer Harmlosigkeit schlechthin verweigern. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß die vorgeschrittene Jugend von heute gewohnt ist, kräftigere Ansprüche zu stellen. Arthur Schnitzler aber hat sich auf seinem Wege weder durch Freund noch Feind beirren lassen. Er blieb weiterhin der Dichter der Liebe und des Todes, und seine Künstlet schaft errang gerade in den letzten Jahren höchste Triumphe durch unvergleichliche Werke, wie z. B. die Novelle „Fräulein Else", die jedes Vorbildes und jeder Nachahmung spottend, in der Tat die von den Zionswächtern der Kunst geforderte „unerhörte Begebenheit" in sich schloß. Rings um dieses Kabinettstück einer über sich selbst hinausgewachsenen Kunst gingen andere, kaum minder bewunderungswürdige Arbeiten wie die „Komödie der Worte", die „Hirtenflöte", — ein pathetisches Pandämonium sinnlich-übersinnlicher Triebe — „Die Frau des Richters" oder letzthin seine „Traumnovelle" und sein „Spiel im Morgengrauen", wo abermals der Tod am Ende überschäumender Jugend, erdhafter Liebe und Triebe steht. Persönlich war es immer stiller und einsamer um den alternden Dichter geworden. Wie in seinen ergreifendsten Tragikomödien war es ein ewiges Scheiden und Meiden. Menschen, die das Leben zu einander gefügt, strebten auseinander, und immer traurigere Melodien entlockte der große Pan seiner Hirtenflöte. Von seiner Frau war Schmtzler seit langem gesetzlich geschieden. In ritterlicher Freundschaft besuchte er die Mutter seiner Kinder zuweilen in ihrer schöngelegenen Villa zu Baden-Baden. Ter einzige Sohn, der junge Heinrich Schnitzler, hatte sich in frühen Jahren den Brettern zugewandt, für die sein Vater schrieb, die seinem Vater aber trotzdem niemals die Welt biweuteten. Als einziger, mit aller Liebe und Sehnsucht dieses unverwüstlichen Romantikers umwobener Sonnenstrahl leuchtete in Arthur Schnitzlers vereinsamten Hause die von dem Vater vergötterte und zu holder Lieblichkeit erblühte Tochter Lilly. Mit der ganzen Großmut seiner Seele schenkte Schnitzler dieses unschätzbare Kleinod seines Hauses und seines Herzens dem Manne, der aus der Fremde gezogen kam, um dies „Blümlein Wunderhold" zu pflücken. Wenn man Schnitzflers gesamte Werke, von der „Liebelei" über den „Einsamen Weg" oder das „Weite Land" bis zu „Fräulein Else" oder „Spiel im Morgengrauen" heute unter dem Gesichtspunkte unerbittlichen Geschehens und Geschicks ansieht, so muten sie alle wie eine beklemmend dunkle Prophetie an. E? ist, als habe Schnitzlers Sein und Wirken sich erfüllt „nach dem Gesetz, nach dem er angetreten". Warum sonst hätte der Tich»- ter überall dort, wo Hände sich inbrünstig ineinanderschlamgen und Lippe sich auf Lippe schmiegte, insgeheim den Genius mit der gesenkten Fackel gesehen? Es ist nun vollends still und einsam um ihn geworden. Seine einzige Gefährtin blieb die Kunst. Er brauchte zwar nicht erst die Gabe des Leids zu empfangen, um zum Skalden zu werden. Und dennoch glauben wir, daß Schmerz und Trauer nur neue unvergleichliche und unvergeßliche Melodien aus diesem Dichter-Märtyrer hervorlocken werden. Gilt doch für ihn und seinesgleichen ohnedies das Wort: „Denn Dulden ist das Erbteil seines Stammes". * Anmerkung der Redaktion: Nach dem heutigen Artikel unterbrechen wir die Aussatzreihe „Jüdische Köpfe", die in einem späteren Zeitpunkt wieder fortgesetzt werden wird. Die Redaktion. * Aus den Gemeinden * Berlin. (Vom preußischen Landesvcrbanb.) Amtlich. Die immer zahlreicher an den preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden herantretenden Gesuche um Gewährung von Baubcihilsen habe es erforderlich gemacht, daß die Prüfung dieser Anträge nicht nur nach finanziellen, sondern auch nach technischen und künstlerischen Gesichtspunkten vorgenommen wird. Seit einigen Monaten wird, soweit es notwendig erscheint, regelmäßig auch der zuständige Provinzial- Konservator um seine gutachtliche Aeußerung gebeten. Der Landesverband geht dabei von dem Gedanken aus, daß für denselben Geldbetrag, wenn er richtig verwandt wird, oftmals wertvoller gebaut werden kann als es bei falscher Anwendung der Beihilfe der Fall wäre. Deswegen wird auch den Gemeinden zur Pflicht gemacht, die von dem Provinzial-Konservator geäußerten Anregungen genauestens durchzuführen. Der Landesverband will durch dieses Vorgehen erreichen, daß die groben Verstöße gegen künstlerische Baugestaltung in Zukunft möglichst vermieden werden. Erfreulicherweise finden diese Maßnahmen auch das volle Verständnis der Mitgliedsgemeinden. Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß der Landesverband mit Aufmerksamkeit den z. Z. dem preußischen Landtage vorliegenden Gesetzentwurf über den Schutz der Denkmäler verfolgt. Dieses Gesetz wird auch für die jüdische Religionsgemeinschaft in verschiedener Hinsicht von Bedeutung sein. Hierüber wird später, nach Inkrafttreten des Gesetzes, das Nähere gesagt werden. Berlin. (Eine Novelle Arnold Zweigs für die Jüdische Altershilfe.) Arnold Zweig hat eine Novelle „Alter Mann am Stock" beendet und sie der Jüdischen Altershilfe Groß-Berlin in freundlicher Weise zur Verfügung gestellt. Die Jüdische Altershilfe Groß-Börlin, deren Arbeit dem Dichter die Anregung, gegeben hat, wird diese Novelle, die nicht im Buchhandel erscheint/ ihren Freunden und Mitgliedern überreichen. Das Nachwort schrieb Professor Dr. Albert Einstein. Berlin. (Berufung.) Harry Torczyner von der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums hat eine Einladung zu Vorlesungen von dem Jewish Institute of Religion in New-Pork erhalten. Berlin. (Jugendtreffen.) Am 2. September 1928 findet auf dem Jugendland Brieselang bei Nauen das 2. Jugendtreffen' der jüdischen Jugendbünde Berlins, die im Landesausschuß der jüdischen Jugendbünde Berlin zusammengeschlossen sind, statt. Das Treffen, an dem all« Richtungen innerhalb der jüdischen Jugend beteiligt sind, sieht u. a. vor: Sportwettkämpse um Wanderpreise, die von den großen jüdischen Organisationen und Zeitungen gestiftet worden sind, ferner eine Singerast mit Liederwertkämpfen und eine Feierstunde mit Sprechchor, Fahrtenorchester usw. Danzig. (W e l t k o n f e r e n z des M i s r a ch i.) Am Sonntag, den 19. August, wurde im Schützenhaus zu Danzig die Konferenz des Weltverbrndes der Zionistischen Partei Misrachi eröffnet bei Anwesenheit von 140 Delegierten, davon 17 Rabbinern und einer fthr großen Zahl von Ehrengästen. 35 o/0 der Delegierten gehören den Jugendorganisationen des Misrachi an. Das Schützenhaus ist festlich dekoriert. Vom Dache wehen die Flagge des Freistaates Danzig und die zionistische blau-weiße Fahne. Die Tribüne des Saales ist mit zionistischen Farben und dem Bilde Theodor Herzls geschmückt. Der Eröffnungssitzung wohnt auch das Diplomatenkorps bei. Die Eröffnungsrede hält im Namen des Organisationskvmitees Direktor Heidenfeld. Das Präsidium übernimmt sodann der Präsident des Weltmisrachi, Rabbi Meir, Berlin, der zuerst hebräisch und dann deutsch spricht. Nach der Begrüßung von Delegierten und Gästen hält er eine großangelegte Programmrede, die mit großer Spannung angchört wird. Im Namen des Danziger Senats begrüßt Senator Jewelowsky die Weltkonserenz. Hierauf halten Begrüßungsreden Legationsrat Ritter im Namen des polnischen Generalkonsulats, Justizrat Sander im Namen der Jüdischen Gemeinde von Danzig, Rabbiner Segalowitz im Namen des Rabbinats und Dr. Sega! im Namen der Danziger Zionistischen Organisation. Nach der Wahl des Präsidiums hält Rabbiner Gold eine Programmrede in jüdischer Sprache. Hieraus werden weitere Begrüßungen verlesen. Dresden. (Ein jüdischer Sportplatz.) Der dem Sportverein „Bar Kochba" vom Rat der Stadt Dresden pachtweise überlassene, 13 000 Quadratmeter große Platz aus dem Gelände des Ostrageheges ist dank der unermüdlichen Schaffenskraft der Bar Kochbaner und mit finanzieller Hilfe der Israelitischen Religionsgemeinde innerhalb Jahresfrist zu einer Spielplatzanlage ausgestaltet worden, die allen sportlichen Ansprüchen im weitesten Maße genügen dürfte. Da vereinbarungsgemäß der neue Sportplatz nicht nur den Mitgliedern des Bar Kochba, sondern allen Kreisen der Dresdner jüdischen Bevölkerung regelmäßig zur Verfügung gestellt werden muß, wird die am 14. Oktober stattfindende Eröffnungsfeier, entsprechend der Bedeutung, die der Uebergabe des ersten jüdischen' Sportplatzes in Dresden zukommt, einen besonders festlichen Charakter tragen. Frankfurt a. M. (Lohnschiedsspruch in der jüdischen Gemeinde.) In der vom Verband der Gärtner und Gärtnereiarbeiter beim hiesigen Schlichtungsausschuß anhängig gemachten Klage gegen den Vorstand der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. wegen Bezahlung der jüdischen und gesetzlichen Feiertage erging unterm 10. August folgender Schiedsspruch: „In den zwischen den Parteien abzuschließenden Tarifvertrag wird folgende Bestimmung ausgenommen: Für die in der Zeit von Montag bis Freitag fallenden jüdischen Feiertage, die nicht mit den gesetzlichen Feierragen zusammenfallen, werden 50 Prozent des Lohnes bezahlt, den der Arbeiter verdient hätte, wenn gearbeitet worden wäre." Zu diesem Schiedsspruch gab der Vorsitzende Landgerichtsdircktor Dr. Krekels nachfolgende Begründung: Von der Israelitischen Gemeinde werden auf dem israelitischen Friedhof neun Arbeiter beschäftigt. Samstags wird dort nicht gearbeitet. Die an den Samstagen ausfallende Arbeitszeit wird auf die übrigen Wochentage umgelegt, so daß von Montag bis Freitag je zehn Stunden gearbeitet wird. An den in die Zeit von Montag bis Freitag fallenden jüdischen Feiertagen wird nicht gearbeitet, so daß die Arbeiter an diesen Tagen einen Lohnausfall haben. Gegenüber dem Verlangen der Arbeitnehmer, sie dafür voll zu entschädigen, hat der Vorstand der Israelitischen Gemeinde sich vergleichsweise bereit erklärt, in den abzuschließenden Tarifvertrag eine Bestimmung auszugehmen, wonach für die jüdischen Feiertage, die nicht mit gesetzlichen Fkiertagen zusammenfallen, 50 Prozent des Lohnes den Arbeitern gezahlt werden sollen. Der Schlichtungsausschuß hat diesen Vergleichsvorschlag als angemessen und billig erachtet. Hannover. (7 0. Geburtstag.) Am Mittwoch, den 22. August, beging der 1. Vorsitzende der Synagogengemeinde Hannover, Herr Kommerzienrat Joseph Berliner, seinen siebzigsten Geburtstag. Seit 1920 steht der Jubilar an der Spitze der Gemeinde und' hat sein schweres Amt in mustergültiger Weise verwaltet. Galt es doch, die Schicksale unserer Gemeinschaft durch die Fährnisse der Nachkriegszeit sicher zu führen und oft als unüberwindlich erscheinende Hindernisse mutig und tatkräftig zu bewältigen. Keine Mühe scheuend, hat er es verstanden, das Ansehen der altehrwürdigen Gcmejnde nach allen Seiten aufrechtzuerhalten, den Frieden und die Einheit zu wahren und stets neue unaufschiebbare Arbeiten siegreich durchzuführen. — Auch im bürgerlichen Leben erfreut sich der Jubilar großen Ansehens. Er gründete im Jahre 1881 die Firma I. Berliner Telephonsabrik und im Jahre 1900 die Deutsche Grammophon A.-G. und die Hackethal-Draht-Gesellschaft. — Die Dankbarkeit dem Jubilar gegenüber wird die Gemeinde durch Festakt und Festgottcsdienst bezeugen. Ueber diese Veranstaltungen werden wir berichten. Heilbronn. (Jubiläum.) Oberlehrer I. Krämer beging unter lebhafter Anteilnahme vieler Freunde das Jubiläum seiner 25 jährigen Tätigkeit als Lehrer und Kantor der hiesigen Gemeinde. Hildesheim. (Berufung eines ersten Kantors.) Nach fast 33 jähriger ersprießlicher Amtstätigkeit als Lehrer und erster Kantor unserer Gemeinde ist Herr Bach in den Ruhestand getreten. Als seinen Nachfolger beries die Gemeindeverwaltung Herrn Josef Tichaucr aus Militsch in Schlesien. Kassel. (Vcrbindungsliste für die Gemeinde wählen.) Der gegenwärtige Stand der Wahlvorbereitungen zum 9. September läßt mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, daß eine von Vertretern der Liberalen Vereinigung, des Centralvercins, der Konservativen, bcr Jüdischen Volkspartei und der Jüdischen Mittclstandspartei aufgestellrc Gemcinschafts- oder Verbindungsliste mit neun Kandidaten aus den genannten Parteien als aussichtsreicher Wahlvorschlag in Frage kommt; nur von ostjüdischer Seite, soweit sie in der Jüdischen Volkspartei nicht beteiligt ist, dürste noch mit einem Separatvorschlag gerechnet werden. In besonderen Mitgliederversammlungen der Liberalen Vereinigung und des Centralvereins einerseits und der Jüdischen Mittelstandspartei andererseits wurde die Kandidatenliste bekannt gegeben und deren Berücksichtigung und tatkräftige Unterstützung angelegentlich empfohlen. Trotzdem manche Partei die von ihr erhoffte weitgehende Berücksichtigung aus dieser Verbindungsliste noch nicht gefunden hat> dürfte bei reger Beteiligung aller Wahlberechtigten mit einem Sieg dieser Liste zu rechnen sein. Die von den einzelnen Parteien bestellten Wahlausschüsse werden darüber wachen, daß das zur Vermeidung des Wahlkampfes vereinbarte Kompromiß auch loyale Berücksichtigung findet. Kassel. (Gründung einer Mittelstandspartei.) Im weiteren Verlauf des Wahlkampfes hat sich hier zur Wahrung der Interessen des Mittelstands, der Gewerbetreibenden und Handwerker eine Wirtschasts- oder Mittetstandspartei gebildet, die Sonnabend abend im Hotel Meier ihre erste Versammlung abhielt. Die zum vorbereitenden Ausschuß gehörenden Herren Wolf und Köhler gaben einleitende Ausführungen über Aufgabe und Zweck der zu gründenden Partei, die auch im Zusammengehen mit bereits bestehenden Organisationen der Wahrnehmung der Interessen des Mittelstandes dienen will. Der Versammlungsleiter berichtete über die zu diesem Zweck gepflogenen Verhandlungen mit der Jüdischen Bolkspartei und dem Centralverein. Die Herren Dr. Kugelmann und Karl Gotthelft gaben hierzu ergänzend« Erklärungen ab, und die Versammlung erklärte sich grundsätzlich auch mit den zur Herbeiführung einer Einheitsliste führenden Bestrebungen einverstanden. Die formelle Gründung der Mittelstandspartei wurde beschlossen; dem Vorstand gehören die Herren Wolf, H. Kaufmann, Köhler, A. Heinemann und M. Vogel an. Mehr als 100 Damen und Herren traten der neu geschaffenen Partei bei.; Königsberg. (Ein christlicher Vorkämpfer gegen den Ä n t i f« m i t i s m u s gestorben.) An den Folgen eines Straßembahnünfülls. verstarb hier der kommissärisch« Gemeindevorsteher und Kurdirektor des Seebades Rauschen, Hermann Stark. Der Verewigte gehörte zu den bekanntesten politischen Persönlichkeiten der Provinz Ostpreußen. In Pommern geboren, war Stark zuerst als Lehrer im Kreise Rummelsburg in Seehof tätig, wo er wegen seiner freiheitlichen Anschauungen von der damaligen königlichen Regierung gemaßregelt wurde. Darauf wandte sich Stark der Politik im Hauptberuf zu, war als Redakteur in Stolp in Pommern tätig, um dann als Parteisekretär der Fortschrittlichen Volkspartei nach Königsberg zu gehen. Bei Kriegsbeginn machte sich die Militärverwaltung seine große Organisationsgabe nutzbar und übertrug ihm die Leitung der Militärpolizei in Wilna. Nach dem Kriege wählte ihn die ostpreußische Deutsche Demokratische Partei zu ihrem Generalsekretär. Während der Putschzeit beries man ihn ins Oberpräsidium, später wurde er Gaugeschäftsführer des Reichsbanners Schwarz-Rot- Gold und vor Jahresfrist übernahm er das Amt des Gemeindevorstehers und Kurdirektors in Rauschen. Jederzeit hat Stark sich aufs allcrentschiedenste gegen den Antisemitismus eingesetzt. Sein starkes Gefühl für Freiheit und Gerechtigkeit duldete es nicht, daß man die Juden beschimpfte und sie unterdrückte. Die völkische Bewegung fand in ihm daher eine ihrer entschiedensten Gegner. In Wort und Schrift hat er stets die Schäden nachgewiesen, die durch das Hakenkreuzlertum dem Vaterlande entstanden sind. Noch im letzten Winter hat er sich in einer Reihe von Centralvcreinsversammlungen besonders gegen das verwerfliche Mittel des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Boykotts gegen die Juden eingesetzt. Die Einäscherung der Leiche fand unter zahlreicher Beteiligung unter Teilnahme von Vertretern der Behörden, der Demokratischen Partei, des Reichsbanners und des Centralvereins statt. Das Andenken dieses edlen und gerechten evangelischen Mannes tvird von der ostpreußischen Judenschajt stets in Ehren gehalten werden. Liebstadt (Ostpk.). (Todesfall.) Hier verstarb nach schwerer Krankheit der Vorsteher unserer Synagogen-Gemeinde, der Kaufmann Simon Schulz, im 76. Lebensjahre. Der Verstorbene hat die Leitung der Gemeinde über 30 Jahre zur vollsten Zufriedenheit der Gemeindemitglieder geführt und sich um die Synagogenverwaltung große Verdienste erworben. Sein Hinscheiden wird von der Gemeinde tief beklagt. Marktbreit. (Todesfall.) Ter frühere Vorsteher und Ehrenvorsitzende der hiesigen Gemeinde, Herr S. Weinberg, ist nach längerer schwerer Krankheit verschieden. Die Gemeinde beklagt den Heimgang dieses trefflichen Mannes, der drei Jahrzehnte an ihrer Spitze stand und mit seltener Umsicht, Gewissenhaftigkeit und Treue alle ihre Institutionen gefördert hat. Die Beisetzung fand unter starker Beteiligung aller Bevölkerungskrcise statt. Rabbiner Dr. Wohlgemuth schilderte das ersprießliche Wirken des Heimgegangenen, Lehrer Brückheimer widmete ihm in besonderer Gedenkfeier ehrende Worte. Nordhausen. (Persönliches.) Zwei verdiente Mitglieder der hiesigen Gemeinde, die Herren Collin und E. Neuseld, begingen kürzlich unter lebhafter Anteilnahme aller Gemeindemitglieder ihren 75. bezw. 70. Geburtstag. .Herr Collin war viele Jahre als Schatzmeister und Vorsteher den Gemeindeinteressen ein treuer und eifriger Sachwalter. Herr Neufeld hat sich oft ehrenamtlich als Vorbeter an den hohen Feiertagen betätigt und seine bewährte Arbeitskraft gern in den Dienst der Ausgestaltung des Chewrawesens gestellt. — Nachdem das hiesige Krematorium eröffnet ist, hat die Gemeindeverwaltung für diejenigen Mitglieder, die Interessenten der Feuerbestattung sind, auf dem jüdischen Friedhof nach Angaben des Stadtgartcndirektors Roscheid einen Urnenhain anlcgen lassen. Schlüchtern. (Jubiläum.) Unter Anteilnahme der ganzen Gemeinde und vieler Gäste beging der erste Vorsteher unserer Gemeinde, Herr Jakob Rothschild, sein 25 jähriges Amtsjubiläum. In der festlich geschmückten Synagoge fand eine würdige Feier statt, die von Chorgesang umrahmt war. Nach einer Begrüßungsansprache des Herrn A. Sichel feierte Lehrer Berlinger den Jubilar als den allezeit um seine Gemeinde besorgten Führer. Landrat Dr. Müller betonte Rothschilds Bemühungen um das harmonische Zusammenleben der Konfessionen, der Bürgermeister des Ortes überbrachte die Glückwünsche der Stadtvertretung und hob auch die Bewährung des Jubilars in 30 jähriger Zugehörigkeit zur Stadtverordneten-Versammlung hervor. Den Dank und die Anerkennung des Vorsteheramts der Israeliten in .Hanau übermittelte Herr Lion Goldschmidt, während für die dankbare Gemeinde Synagogenvorsteher Oppenheimer sprach und ein sinniges Geschenk überreichte. Der Jubilar dankte seinerseits sichtlich bewegt für alle ihm bereiteten Ehrungen. Stuttgart. (Tressen der jüdischen Jugendvereine.) Am 19. August fand in Stuttgart das 2. süddeutsche Treffen der jüdischen Jugendvereine statt. Wie im Vorjahre war eine sehr große Anzahl Jugendbündler zusammen gekommen. Der Berthold Auerbach- Verein in Stuttgart hatte mit der Unterstützung sämtlicher jüdischer Körperschaften Württembergs dieses Treffen vorbereitet. Der Vormittag war sportlichen Wettkämpfen gewidmet, die auf dem Sportplatz der Stuttgarter Sportfreunde in Degerloch ausgetragen wurden. Weit über 100 Teilnehmer an den Wettkämpfen aus .Heilbronn, Nürnberg, Konstanz, Karlsruhe, Bamberg, Hall, Eßlingen, Heidelberg, Ulm, Wiesbaden, München, Stuttgart usw. bewiesen ihre sportliche Tüchtigkeit. Rabbiner Dr. Cohn-Stuttgart begrüßte namens des Württembergischen Landesverbandes die auf dem Sportplatz Erschienenen. In der Gesamtbewertung siegte, wie im Vorjahre, der Berthold Auerbach-Verein Stuttgart. Der Nachmsttag des Treffens war einer Tagung im oberen Museum gewidmet, der über 400 Teilnehmer beiwohnten. Nach einem Klavicrvortrag begrüßte Dr. Walter Einstein die Vertreter der jüdischen Organisationen und die Vertreter des Verbandes im Namen des Berthold Auerbach-Vereins. Der Präsident des Israelitischen Obcrrates, Herr Regierungsrat Dr. Nördlinger, sowie die Vertreter des Vorsteheramtes der Stuttgart-Loge, der Z.O.G., des C.-V., des Vereins jüdischer Lehrer Württembergs, und des Vereins „Jüdisches Lehrhaus" überbrachten den Jugendbündlern Grüße und Ausdruck der Sympathie ihrer Organisationen. Im Mittelpunkt der Tagung stand das Referat von Herbert Felsenthal-Düsseldorf, des 2. Vorsitzenden des Jugcndverbandes, über „Jüdische Jugend, der Einzelne und die Gesamtheit". Der Redner unterzog die Neutralitätsidee einer feinsinnigen Prüfung. Es gelte wirkliche Erziehungsarbeit zu leisten, die einmütiges Zusammenstehen aller Kräfte i.m Verband voraussetze. Dem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Referat schloß sich eine kurze Aussprache an. Den Abschluß der Tagung bildete die Preisvertcilung an die Sieger aus den Wettkämpfen. Stuttgart. (7 0. Geburtst-g.) Herr Louis Hirsch, der Vizepräsident des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, begeht um 19. August die Feier seines 70. Geburtstags. Louis Hirsch ist in der sozialen Fürsorge Württembergs hervorragend tätig und hat sich insbesondere bei der. Ausarbeitung der neuen Verfassung große Verdienste erworben. Er ist überall mannhaft eingetreten, wo es galt, die gekränkte Ehre des Judentums zu verteidigen. Kalendarium s. die Zeit v. 25. 8. b. 1. 9. 28 August 1928 Ab 5888 Sonnabend 25 9 Wochenabschnitt: ki ßeze Haftarah: Jesaia 54, 1—10 26 Sabbat-Ausgang: 7.57 Uhr Sonntag 10 Montag 27 11 Dienstag 28 12 Mittwoch 29 13 Donnerstag 30 14 Freitag 31 15 September 1928 Sonnabend 1 16 Wochenabschnitt: ki ßowo Haftarah: Jesaia 60, 1—21 Sabbat-Ausgang: 7,41 Uhr

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