Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-08-24 · 34 (24.8.1928) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
34 (24.8.1928)
Date
1928-08-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2613366-2613947-2613981--2831-2620348
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

S. Jahrgang Nummer 34 Beilage 24. August 1828 ^MrtMeraleZkitmi '■i Die Konsereur-öeralungen des Sonnlags Am Sonntag morgen fand zunächst der zweite offizielle Festgottesdienst statt, und zwar in der Synagoge der Jüdischen Reformgemeiude. Tiefer Gottesdienst sollte äußerlich und deutlich sichtbar bekunden, daß — wenn auch nicht alle Liberalen Reformer sind — die Reform ein Teil des Liberalismus ist und zu diesem gehört. Eine Sensation war es, daß eine Dame, Miß Honorable LilY Montag u, London, die Fe st predigt hielt. Das Gotteshaus wies eine geradezu beängstigende Füllt; von Besuchern auf. Miß Montagu, bekleidet mit lilafarbenem Talar und Barett — die ihr assistierenden drei Geistlichen der Reformgemeinde trugen schwarze Amtstracht — entwickelte in etwa halbstündiger deutscher Predigt die Gedanken des religiös-liberalen Judentums. Das liberale Judentum, so meint sie, sucht einen Ausgleich zu schaffen zwischen persönlicher Religion und Gemeinschaftsreligion. Es mag gewiß Menschen geben, die der Gemeinschaftsreligion nicht bedürfen, die ohne gemeinsames Gebet, ohne Ritus, ohne Synagoge im tiefsten von wahrer Frömmigkeit erfüllte Menschen sind. Aber sie sind selten. Und von 100 würden 99 ohne Gemeinschaftsreligion aller Religion überhaupt entbehren. Freilich, auch für diese kann die Gemeinschaftsreligion nicht alles sein. Ohne persönliche Religiosität ist sie nichts. Aber sie ist die S u b st a n z der persönlichen Religion, ihr Hintergrund, ihre Stütze. Jeder Jude sollte eine lebendige Variation der jüdischen Religion schaffen. Tann wäre ihm zugleich mit der Gemeinschaftsreligion jene persönliche Religion beschieden, die das ganze Leben und Handeln durchsetzt, die Persönlichkeit erzeugt. Die Referate Am Sonntag vormittag begann die Sitzung um 11-^ Uhr wiederum mit einem kurzen Gebet. Ten Vorsitz führt A. Leo Weil, Pittsburgh. Tas Generalreferat erstattete Rabbiner Dr. Leo Baeck» Berlin. Sein Thema lautete: „Die Botschaft des liberalen Judentums an den Juden von heute". Tr. Baeck führte etwa aus: Das Wort Botschaft wird im Deutschen oft mit „Predigt" gleichgesetzt. — Und heute heißt der Wunsch mancher Juden nicht: mehr Judentum, sondern: mehr Predigt, und man sagt dem liberalen Judentum nach, es sei das Judentum von Predigern. Allerdings müssen wir uns fragen: Was bleibt, wenn die Predigt fortfällt? — Prediger sind «zeitweise Professoren für Ethik und Soziales, zeitweise Demagogen gewesen. Tie Propheten aber besaßen etwas Geheimnisvolles; sie waren nicht Propheten, weil sie gepredigt haben, sondern sie haben gepredigt, weil sie Propheten waren. Keiner von ihnen war ein Redner. Wären sie Redner gewesen, so wären sie keine Propheten gewesen. Sie chatten Furcht vor sich selber; sie wollten nicht sprechen, aber sie mußten. Das griechische Wort „Martyrion" heißt zunächst nur „Zeugnis". Es ist das „Martyrium" der Propheten gewesen, dieser innere Zwang zum Zeugnisablegen. „Botschaft" heißt also nicht Predigt von Predigern. Es wäre nicht genug, bessere Prediger zu haben. Wahre „Botschaft" ist der Mensch selbst, seine ganze Persönlichkeit muß Bot-i schüft sein. Ter Mensch ist das Entscheidende. — Und zumal der Mensch im liberalen Judentum. Nur ein frommer, religiöser Mensch, der durch sich selbst Botschaft ist, kann Botschaft bringen. „Er spricht Wirklichkeiten; die anderen reden Worte." Das liberale Judentum braucht fromme, religiöse Menschen, Menschen, die Botschaft sind. Und was bedeutet: „für Menschen von heute?" Soll die Religion umgestaltet werden für die Menschen von heute? Soll das Judentum zeitgemäß werden? — Das Wort „zeitgemäße Religion" ist ein Widerspruch in sich. Das Wesen der Religion ist, daß sie sich nicht dem Mo^, ment, der Meinung, der Mode anpaßt! Wir Juden sind nicht die Zeitgemäßen, wir sind die großen Nonconformisten! — Jahrhundertelang waren Absolutismus, Zarismus und Sklaverei zeitgemäß. Aber alle großen Befreier, alle, die der Menschheit Fortschritte gebracht haben, waren Nonconformisten, wurden Wohltäter der Menschheit, weil sie der Zeit widersprachen. Mensch von heute sein, heißt nicht, sich anpassen und sich unterwerfen dem Geist des Tages. Dies taten freilich die ersten Reformer des 19. Jahrhunderts, und gewiß, wären sie nicht gewesen, wären wir heute .nicht. Aber wären sie nicht gewesen, wäre die heutige Orthodoxie nicht. Das war die Schwäche jener Reform: der Wunsch, zeitgemäß zu sem. Befreite Menschen wollen modern sein. Es ist äußerlich wie innerlich an ihnen sichtbar. Sie aber tragen, die Sklaven von vorgestern, heute die neueste Mode von gestern! Es ist das gleiche Bild, daß sich in der Sozialdemokratie zeigt. Wie jene Reformer der neuesten Mode folgten, aber der neuesten Mode von gestern, so trägt auch die Sozialdemokratie die abgelegten Kleider der Bourgeoisie. Wir wollen nicht zeitgemäß sein; denn Religion ist bleibend und dauernd. Was bedeutet dann aber liberales! Judentum, was: für Menschen von heute, — wenn nicht: zertgemäßes Judentum? — Es bedeutet ein Judentum, das dre Geschichte begreift, und erkennt, was war, und was geworden ist, und was werden wird. Das 19. Jahrhundert bedeutete für die Juden den Eintntt tn die Welt; bis dahin hatten sie neben der Welt; gelebt, nun sollten sie in der Welt leben und doch nicht von der Welt sein. Im Ghetto war das Individuum nur ern Glied der Gemeinde. Nun nach der Befreiung aus dem Ghetto war diese Gemeinschaft gelöst. So wurde dem Juden die neue Aufgabe des 19. Jahrhunderts, als Individuum in der Welt zu leben. Und die geschichtliche Bedeutung des Liberalismus ist die Lösung dieser Aufgabe, die aber noch nicht vollendet, sondern erst begonnen ist. Das danken wir den Vätern der Reform; sie erkannten diese Aufgabe. Mer sie achteten nur auf das Ornament, das Dekorative des Judentums. Sie blieben dadurch Menschen des Ghetto. Sie achteten auf unwesentliche Nebenfragen und nicht auf das Problem des Judentums. Für uns wesentliche ist nicht das Ornament, sondern die Linie, nicht das Dekorative, sondern das Konstruktive; nicht, wie wir scheinen, sondern, was! wir sind. Und dazu gehört Größe der Gedanken. Was ist das Judentum, was bedeutet es für die Welt? Wenn man dekorativ erscheinen will, steht man doch nur vor dem Spiegel. Mer man steht vor dem Gewissen, wenn man sein will. Das Judentum muß den Spiegel verhüllen, es muß sein wollen. Der Mensch wird fromm, demütig, bescheiden, wenn er vor sein Gewissen tritt, wenn er die Geschichte erkennt, den neuen Auszug aus dem Ghetto in die Freiheit, den Eintritt in die Welt; dann kann er Botschaft seiner Religion an die Welt werden. Wir sind in die Welt eingetreten. Was ist liberales Judentum in der Welt? Ein Vergleich kann es sagen. Im siebenten Buche der Gesetze läßt Plato den Athenaios, der den neuen Staat gründen soll, zu den Dichtern und Schauspielern des Theaters, die in seinen Staat eintreten wollen, sagen — und das ist vielleicht das Jüdischste, was außerhalb des Judentums je gesagt worden ist —: „Ihr wollt in meinen Staat eintreten, ihr Dichter der Dramen und Tragödien, ihr Schauspieler der Dramen und Tragödien? In unseren Staat wollt ihr eintreten? —- Uns aber dünkt, wir selbst sind die Dichter dieses Dramas, dieser schönsten besten Tragödie! Wir selbst sind die Dichter der Tragödie!" Damit fagt uns Plato, was die Botschaft ist: In der Welt leben, heißt, die Last der Welt tragen, heißt Dichter der Tragödie sein! Tie Kraft haben, Widerspruch zu sein; wer sie nicht hat, kann kein Jude in der Welt sein. Orthodox zu sein, dazu gehört nur der Gehorsam gegen das Gesetz. Ein Liberaler aber kann nur sein, wer sagen kann: „Wir sind die Dichter der Tragödie!" Wir, die Nonconformisten der Welt, für die wir leben. Im Talmud ist eine Stelle — sie wäre Blasphemie, wenn sie nicht im Talmud stände — in der von der Gesetzgebung auf dem Berg Sinai gesprochen wird. Als die zwei Tafeln geschrieben waren, die zweiten Tafeln, hielt Gott sie von der einen, und Mose von der anderen Seite. Und Gott wußte, Israel würde wieder sündigen, und wollte die Tafeln behalten. Da ergriff Mose die Tafeln und entriß sie Gott, um sie Israel zu geben. Und die Hand Moses war stärker als die Hand Gottes, und Gott sprach: „Heil wird immer sein über der Hand, die stärker ist als meine!" Das ist das Wort des liberalen Judentums. Mag das Leben der Juden im Ghetto äußerlich hart < gewesen sein; geistig hatten sie es leicht. Mögen unsere orthodoxen Brüder die Kraft der Askese haben; wir liberalen Juden haben die schwerere Aufgabe: mit Gott um die Tafeln zu ringen, daß sie uns gehören und uns zum Segen werden. — Wir müssen begreifen: wir sind die Dichter des Dramas. Das Judentum ist das Drama in der Welt, das ewige Drama. Nur wer das begreift, darf sprechen, darf Botschaft (fein. Nur mit dem Willen zum Heroismus kann einer ein Apostel werden. So können wir einmal die Apostel des Judentums sein, jeder von uns, der liberale Jude, dem sein Judentum ein Maximum an Judentum ist — in Frömmigkeit, in der Größe des Gedankens und im Bewußtsein seines Judentums in der Welt. Tas ist liberales Judentum. Das bedeutet seine Botschaft an den Menschen von heute, daß der liberale Jude mit dem Willen zur Tragödie, zum Heroismus, zum Maximum des Judentums hinausgehe, der Welt die Botschaft des Judentums zu sein. Wenn dieser Tag einst kommt, wird Gott sein Wort von neuem sprechen können: „Heil sei der Hand, die stärker ist als meine!" * Mit starkem Beifall von der Versammlung begrüßt, tritt sodann Claude <5. Montefiore ans Rednerpult. Sein Referat, betitelt: „Tie Bedeutung des liberalen Judentums für das religiöse Leben", enthält etwa folgende Gedankengänge: Was bedeutet „religiöses Leben?" Ist es ein Teil des Lebens (wie „Geschäftsleben", „Familienleben") oder versteht man darunter das Leben als Ganzes — so daß der Sinn wäre „ein Leben, das religiös gelebt wird?" „Sittliches Leben" bedeutet immer „ein Leben, das sittlich gelebt wird" oder „ein Leben, das gelebt wird in Sittlichkeit"; steht es mit der Bezeichnung „religiöses Leben" ebenso? Die Antwort ist: religiöses Leben bedeutet beides, das Ganze und den Teil, das heißt es fordert a) die Ganzheit des Lebens und b) einen bestimmten Teil von ihm'. Die Religion fordert, daß alle Menschen ein religiöses Leben führen sollen, ganz gleich, was für einen Beruf sie haben. Dieser Vortrag jedoch richtet sich, allgemein gesprochen, an die Gebildeten, wohl gemerkt, nicht an die Gelehrten» Die Bedeutung der Bezeichnung „ein religiös gelebtes Leben" ist: a) Ein besonderer Antrieb, der dem menschlichen Leben hinzugefügt ist; b) eine besondere Note, ein besonderes Plus, das hinausgeht über das durchschnittliche oder gewöhnliche „gute" Leben. Das besondere religiöse Leben, für welches eine gewisse Spanne Zeit notwendig ist (und so einen Teil des Lebens bildet) schließt Gebet nnb Gottinnigkeit und öffentlichen Gottesdienst sowie alle religiöse Zeremonien und Sitten ein. Die Beziehung dieser Auffassung vom religiösen Leben zu dem weiteren Begriff ist zu besprechen. Das religiöse Leben erhält seine Färbung durch die besondere Eigenschaft der Religion (in der Bedeutung, in der das Wort m diesem Vortrag gebraucht ist), nämlich daß Religion (anders wie Schönheit, Pflicht oder Wissen) eine lebendige Persönlichkeit als Objekt oder Subjekt fordert. Dieses Ideal ist (für den Gläubigen) nicht durch Menschen geschaffen, wenn auch durch Menschen entdeckt. Religion und religiöses Leben bedeuten Beziehungen zu einer höchsten Persönlichkeit, die in höchstem Maße lebendig ist. Die Menschen in den westlichen Ländern werden nicht einfach in eine allgemeine theistische Gemeinde hineingeboren, sondern in die jüdische oder christliche. Es bedeutet einen unendlichen Vorzug (für das religiöse Leben), daß man hineingeboren wird und ein Mitglied wird in einer geschichtlichen Religion, wie Judentum oder Christentum sind. Es ist außerordentlich unwahrscheinlich, daß ein orthodoxer Jude ein reiner und leidenschaftlicher Theist wird, wenn er aufhört, ein orthodoxer Jude zu sein. Daraus allein schon« ergibt sich die ungeheure Bedeutung des liberalen Judentums für das religiöse Leben, weil es erstens der einzigreligiöse Gegensatz zum orthodoxen Judentum ist und zweitens das orthodoxe Judentum für die Juden des Westens mehr und mehr unannehmbar wird. Kein anderes, nicht religiöses Ideal, so vorzüglich es an sich auch sein mag, kann die Stelle des orthodoxen Judentums in der Schaffung des religiösen Lebens ersetzen. Nur Religion kann die Stelle von Religion einnehmen. Es werden kurz die Gründe zusammengefaßt, weshalb das orthodoxe Judentum nach seinem Glaubensinhalt und seiner Gestalt, nach Lehre und Brauch für die westlichen Juden mehr und mehr unannehmbar und unmöglich und von ihnen vernachlässigt wird. Die Unannehmbarkeit und Vernachlässigung des orthodoxen Judentums ist nicht auf eine „Klasse" oder auf die „Gebildeten" beschränkt. Daraus ergeben sich ernste Konsequenzen. Das liberale Judentum ist in hohem Maße notwendig, um dem weit verbreiteten Jndifferentismus und Atheismus (und zwar handelt es sich um theoretischen und praktischen Atheismus) entgegenzuwirken. Das liberale Judentum ist die einzige Chance für das Judentum und für das religiöse Leben der Juden des Westens. Tas stellt eine Aufgabe von ungeheurer Bedeutung dar. Tie Sache selbst hat eine ganz außerordentliche Wichtigkeit. Das liberale Judentum allein besitzt die Kraft, erfolgreich die Schwierigkeiten zu lösen, die uns bekümmern. Darum wollen wir an das liberale Judentum und an Gott glauben. * Tas nächste Spezialreferat hält Rabbiner Dr. David Philipfon-Cincinnati über „Religiöses Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft". Seine Ausführungen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Da wir uns hier in der Hauptstadt des Landes zusammenfinden, das die Wiege des liberalen Judentums war, zollen wir unseren Tribut den deutschen Pionieren, und namentlich dem Führer unter allen, Abraham Geiger; seine große Leistung, seine Einstellung gegenüber dem gemeindlichen Judentum liegt in Traditionen begründet, die in den Worten aus^ gesprochen sind: „Was der Geist der Geschichte, in welchem Gott sich offenbart, beseitigt und begraben hat, kann keine menschliche Kunst auferwecken und wieder lebendig machen." Seine Unterscheidung zwischen dem Geist der Ueberlieferung und einzelnen Ueberlieferungen. Diese Philosophie der Reformbewegung ist noch auf die gegenwärtigen Verhältnisse anwendbar und drückt das Wesen des religiösen Lebens der Gemeinschaft aus!. Wie in allen gestifteten Religionen gibt es diese zwei Auffassungen, die während der ganzen geschichtlichen Zeit im Judentum nebeneinander bestanden haben. Man vergleiche auf der einen Seite eine Ausführung wie die von Rabbi Levi über den individuellen Charakter der zehn Gebote (Jalkut Simeoni von Exodus 20, 2), die seelenvollen Ergüsse der Psalmisten und die Predigten der Propheten (vergl. Jeremiah 31, 29, 36, Hesekiel Kap. 18 und Deuteronomium' 24, 16) über persönliche Verantwortung und auf der anderen Seite den Gemeinschaftscharakter des alten Judentums, whe er sich manifestiert im Priestertum, im Opferwesen und der Synagoge und in der Auffassung, daß das Volk Israel und nicht der Einzelne von Gott auserwählt sei. Die gemeindliche Auffassung wurde im Judentum vorherrschend. Der Gemeinschaftscharakter wird auch durch den Ziddur bekundet, der eine Gemeindeliturgie darstellt. Ter Protest des persönlichen religiösen Bedürfnisses fand seinen Aufdruck im Tachnun. Die Neigung des mittelalterlichen Judentums zum Gemeindlichen; die Regelung des jüdischen Lebens durch den Schulchan Aruch, ein Symbol dieser Tendenz. Tie Techinot (14. bis 18. Jahrhundert) Ausdruck der Persönlichkeitsreligion. Der Chassidismus zeigt einen weiteren Fall des Protestes der Religion des Individuums gegen die starre Gesetzlichkeit offiziell kodifizierten Judentums. So völlig verschieden sie auch in ihrer Entwicklungsrichtung sind, hat doch der gleiche Antrieb zum Chassidismus wie zum Jüdisch. Liberalismus geführt, nämlich die Sehnsucht des religiösen Lebens der Persönlichkeit nach geistigem Ausdruck und geistiger Nahrung. Der j üdische Liberalismus ist die Behauptung des Rechtes auf das selbständige Urteil der Persönlichkeit gegenüber den Forderungen der verschanzten Autorität. Die Leibeigenschaft des Individuums gegenüber der Gemeinschaft; von dieser Leibeigenschaft hat der jüdische Liberalismus das Individuum befteit. Rabbinische Verkündungen der Unverletzlichkeit der traditionellen Autorität und die Proteste der liberalen Führer; die Freiheit der Auslegung. Aber da dies nur die eine Auffassungsseite der Religion ist, mußte auch der jüdische Liberalismus dem Geist der Gemeinschaft Rechnung tragen, der sich in dem bekannten talmudischen Spruch ausdrückt: „Gib Gemeinschaft oder den Tod". Die moderne gemeindliche Synagoge; Mittelpunkte der Gemeinschaft, Schwesterschaften, Brüderschaften und andere Organisationen. Dient diese Tendenz zur Vergemeinschaftung einer Stärkung geistiger Kraft? Oder birgt sie geistige Armut? Gefahren der Ueberorganisation. Das wahre Verhältnis zwischen dem religiösen Leben des Individuums und der Gemeinschaft in der liberalen Bewegung; ihre gegenseitige Verpflichtung; „Freiheit in der Vereinigung" sollte das Motto des liberalen Judentums sein. * Als letzter Spezialreferent sprach Rabbiner Dr. Joseph .Lehman«, Prediger der Jüdischen Reformgemeinde zu Berlin, über den „Einfluß des liberale« Judentums auf die soziale Arbeit". Das Thema zergliedert er in folgende fünf grundlegende Fragen: 1. Was bedeutet Liberalismus? 2. Was bedeutet liberales Judentum? 3. Was bedeutet der soziale Gedanke innerhalb des Jdeenkomplexes des liberalen Judentums? 4. Welches waren die besonderen Leistungen des liberalen Judentums auf dem Gebiete der sozialen Arbeit? 5. Welche besonderen Aufgaben hat heute noch das liberale Judentum auf diesem Gebiete?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.