Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 33 (17.8.1928)
- Date
- 1928-08-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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s. Jahrgang Mmmer 33 1. Vellage ir.August1S2S JlldischOeraleZeitiW JtlllCtlillttl Von Hans rNargolius Persönliche Glaubenshaltung ist zunächst eine Sache des reinen Gefühls. Als solche entbehrt sie der festen begrifflichen Bestimmung. Erst indem ihr, äußerlich oder innerlich, Zweifel auftauchen, erst indem sich Widerstände gegen sie bemerkbar machen, wird sie, in der Auseinandersetzung mit anders geartetem Leben, ihrer Eigenart bewußt, gewinnt sie fest nmrissene Gestalt. Zwei Gegner sind es, mit denen ein liberales Judentum vor allem sich unterreden muß, um seiner selbst bewußt zu werden: der Mensch der jüdischen Geschichte — der religiöse Mensch der Gegenwart. Ist liberales Judentum noch wahres Judentum?, so fragt der Mensch der jüdischen Geschichte. Und gewiß, seine Frage ist nicht ohne weiteres unberechtigt. Liberales Judentum ist ja doch nicht bloße Freiheit von gewissen als überlebt erkannten Bräuchen und Sitten, doch nicht bloße Modernisierung religiöser Formen, sondern vorerst und zutiefst liberale Gesinnung, das heißt Freiheit der Toleranz, Freiheit freudiger Bejahung aller Religionen. Wir glauben nicht an die Vormachtstellung einer Religion vor allen anderen, glauben nicht an die ausschließliche Richtigkeit einer religiösen Lehre, der gegenüber alle anderen Irrtum und Abfall wären, glauben vielmehr, daß alle Symbole eines letztlich Unfaßbaren sind, alle: gleichermaßen in sich berechtigt und richtig und „wahr", alle: Wege zu Gojt.. Dies bedeutet den Bruch mit allem Dogmatismus im religiösen Leben. Aber bedeutet es nicht zugleich auch den Bruch mit jeder positiven Religion und also auch den Bruch mit der Anhängerschaft jüdischer Lehre? Wenn wir die Gleichberechtigung aller religiösen Symbole der Menschheit anerkennen, wenn wir im Pessach nicht anders als im Osterfest, im Fest der Weihnacht nicht anders als im Jaumhakippur Bilder eines heiligsten Glaubens sehen, wenn wir im Wort von Sinai und in der Predigt Buddhas und in den Lehren der Apostel gleichermaßen göttliche Stimme zu hören glauben, so bleibt uns doch die eine Stimme vor der anderen klarer und vertrauter, ein Bild deutlicher, als alle anderen, Zeugnis des Ewigen, und eine Lehre vor allen anderen uns gemäß. Wie sehr wir uns auch mühen und bemühen sollen, in allen Bildern des Unendlichen ein Wahres und Gutes zu sehen, wir können doch im Tiefsten uub im Ganzen immer nur mit einem Bilde leben, nur im Zeichen einer Lehre kämpfen, und wenn auch viele Wege zum Ziele führen, doch nur einen Weg als unseren zum Ziele gehen. Ob wir nun diesen oder jenen Weg für uns erwählen, ist Sache persönlicher Entscheidung. Wie immer diese Entscheidung fällt in irgendeinem Sinne ist sie jedenfalls notwendig auch für den, der religiösen Liberalismus 'will. Auch religiöser Liberalismus muß — zumindest seiner Grundhaltung nach — bestimmter religiöser Lehre verbunden sein. Er ist in nichts ein Bruch mit positiver Religion. Aber mehr als nur dies! Wenn religiöser Liberalismus positive Religioit und also auch die Anhängerschaft jüdischer Lehre von sich nicht ausschließt, die Religiott des Judentums ihrerseits fordert religiösen Liberalismus. Wahres Judentum i st Liberalismus ... „Und Gott sah, daß alles gut war." So heißt es in der Schöpfungsgeschichte, wie der Jude sie erzählt. Und in der Tat! Daß alles gut ist, dies macht die eigentlichste Ueberzeugung der jüdischeil Lehre aus, dies bestimmt ihr innerstes Wesen. Bon hier aus gesehen aber kann es in nichts einen eigentlichen Vorrang geben. Alles was ist, ist Werk und Zeugnis Gottes und als solches gut und als solches gleichberechtigt. In der Legende vom „Dybuk" findet sich eine eigentümliche Unterweisung. „Und einmal im Jahre, zu bestimmter Stunde, pflegen sich die vier größten Heiligtümer der Welt znsammenzusinden, nämlich am Vcrsöhnuugstage, wenn der Hohepriester ins Allcrhciligste hineingcht und dort den vsfenbülten, geläuterten Gottesnamen ausspricht." Aber! „Jede Stätte, von der ein Mensch den Blick zum Himmel erhebt, ist heilig, hochheilig. Jeder Mensch, den Gott nach seinem Eöcnbilde und nach seiner Gestalt geschaffen, ist ein Hohepriester. Jeder Tag im Menschenleben ist ein Versöhnungstao, und jedes Wort, das ein Mcnfth mit Einfalt redet, ist ein Gottesname." Alles Lebendige, jeder Ort und jede Stunde und jedes Wort ist „heilig dem Ewigen". So ist der Glaube der jüdischen Lehre. Es gibt keine ausgezeichnete Stelle, Gott zu bienen. Es gibt keine Scheidung von Priester und Laien. Und jeder Tag ist ein Tag des Herrn. Der Tempel ist letztlich nicht mehr als ein Sinnbild für das, was jedes Haus in Israel im Grunde ist, der Priester nicht mehr als ein Sinnbild für das, was jeder Jude im Grunde ist, der Sabbat nicht mehr als ein Sinnbild für das, was jeder Tag im Grunde ist. Und Israel? Letztlich nicht mehr als ein Sinnbild für das, was jeder Mensch im Grunde ist! Folgen wir diesem Gedanken in seine letzte Konsequenz hinein, dann gibt es auch nicht einen eigentlichen Vorrang religiöser Lehre vor anderen. Und die Lehre des Judentums Zur Beachtung! Das Büro der Vereinigung für das liberale Judentum bleibt vom 18. bis zum 21. August einschließlich mit Rücksicht auf die libetrale Weltkonferenz geschlossen. In dringendsten Angelegenheiten steht das im Herrenhaus eingerichtete Konferenzbüro am Sonntag, den 19. und Montag, den 20. August zur Verfügung. Der Einlaß ins Herrenhaus ist nur gegen die aus Namen ausgestellte Einlaßkarte gestattet, die zu jeder einzelnen Veranstaltung milgebracht werden muß. Soweit Einlaßkarten trotz Anforderns nicht mehr zugestellt worden sind, war das infolge der von der Polizei vorgeschriebenen Zahl nicht möglich. Eine Kartenansgabe im Herrenhaus ist ausgeschlossen. Nur der Besuch des Festgottesdienstes in der Neuen Synagoge, Oranienburger Straße, ist auch ohne Eintrittskarte zulässig. Zum Schluß noch eine Dille mil Rücksicht auf den im Herrenhaus zu erwartenden Andrang: Seid ruhig und nachsichtig! selbst ist nichts anderes als ein Sinnbild dessen, was alle wollen und sind. Nur in dem Einen freilich von ihnen verschieden: daß sie um dieses weiß, bloß Sinnbild zu sein, daß sie keinerlei dogmatische Vorrechte für sich kennt, daß sie im Grund ihres Wesens Liberalismus ist. So ist denn ein liberales Judentum ohne Zweifel wahres Judentum, ja eigentlich allein dem Geist der jüdischen Lehre völlig adäquat. Aber — ist liberales Judentum und also doch positive Religion heut und für uns noch religiöse Möglichkeit? Kann in der Bindung an bestimmte Konfession heut noch religiöses Leben wachsen?, so fragt der religiöse Mensch der Gegenwart. Und seine Frage hat ihren guten Grund. Frömmigkeit scheint uns heut nicht mehr Sache einer Gruppe von Menschen, nicht mehr Sache eines Volkes, eines Stammes, einer Gemeinde, sondern Sache jedes Einzelnen für sich. Jene Frühzeiten menschlicher Geschichte,! in denen ein Stamm, ein Volk, ganz von einem Gefühl > beseelt, auch in einer Ekstase, in einem Gebet sich finden konnte, sind einer Zeit gewichen, die einer unendlich differenzierten Menschheit das Leben gab, einer Zeit, in der ein jeder Einzelne, eine Welt in sich, seine eigene Frömmigkeit, sein eigenes Gebet sein eigenes religiöses Leben hat. Aber wenn dem so ist, so ist damit wohl jede Ortho j doxie als religiöse Möglichkeit für uns negiert, aber es ist doch in nichts ein religiöser Liberalismus unmöglich ge-! macht. Gemeinsames Gebet, gemeinsamer Gottesdienst im > eigentlichsten Sinne des Wortes ist in der Tat ein Nonsens für den religiösen Menschen der, Gegenwart. Aber wenn der Orthodoxie der Dienst im Gotteshause alles ist, wenn sie die Gebete der Gemeinde wörtlich nimmt, dem religiösen Liberalismus sind die Gebete seines Gottesdienstes — nicht anders als das Ganze jeder positiven Lehre — nur Symbole eines tieferen Gebets, eines tieferen Gebets, das ohne alle Worte im Innern des Einzelnen lebt. Unser Gottesdienst im Haus der Gemeinde ist uns nur Hinlenkung zu dem tieferen und eigentlichen Gottesdienst, den jeder für sich selber hält. Und wiederum zeigt sich auch hier gerade der Geist der jüdischen Lehre vor anderen dem Geist des religiösen Liberalismus im tiefsten verwandt. Der Auffassung des Judentums ist von jeher das Bethaus zugleich das Lehrhaus der Gemeinde gewesen. Damit aber ist in der Tat mit äußerster Prägnanz das bezeichnet, was uns selbst vor Augen steht. Gäret ist uns nicht mehr Sache der Gemeinde, das Tiefste unserer Frömmigkeit bleibt in der Sphäre persönlichen Lebens beschlossen. Jeder Einzelne steht unmittelbar zu seinem Gott. Die Gemeinde des Gotteshauses aber ist allein Gemeinschaft der Lehre, Gemeinschaft einer allgemeinsten metaphysischen Grundüberzeugung, Gemeinschaft einer Theorie, die wohl eine Praxis religiösen Lebens anzuregen vermag, doch eben selbst nicht religiöse Praxis ist. Religiöse Praxis ist nicht in den Gebeten der Gemeinde, sondern allein, bei Gelegenheit ihrer, im Innern jedes Einzelnen für sich. Unsere Tempel sind uns nichts als Lehrhäuser des Glaubens. In die Hand der Schüler ist es gegeben, auf ihre Weise wirklich zu machen, was hier nur allgemeine Lehre ist... Aber allerdings, wenn so das religiöse Leben der Gemeinde a u f g et e i l t erscheint in eine Vielzahl mannigfaltiger Glaubensweisen der Einzelnen, es bleibt doch gewiß, daß in all dieser Mannigfaltigkeit z u t i e f st ein Hoffen und Wünschen lebendig ist, ein Glauben und eine Meinung von Gott, daß alle letztlich sich treffen in einem unsichtbaren Tempel des Ewigen. Diesem Tempel, in dem ~~ unendliche Mannigfaltigkeit persönlichen Lebens — jeder Einzelne für sich steht und aus sich lebt und doch mit jedem anderen im ticjfften verbunden ist, die Glieder der Gemeinde in tieferer Gemeinsamkeit sich wiederlinden, in dem zuletzt die Menschen aller Religionerr sich vereinen, diesem Tempel des Ewigen gilt unser Wunsch u n d Wille. Jüdische Kunstausstellung im Herreuhause Während der Dauer der Welttagung stellt die Firma I. Kauffmann (Frankfurt a. M.) in den Räumen des .Herrenhauses eine besonders wertvolle, wegen der Einzigartigkeit zahlreicher in ihr enthaltener Stücke bedeutsame Sammlung antiker jüdischer Kunstdenkmäler aus, die der Beachtung der Kongreßteilnehmer empfohlen sei. Israel Jacobsons Werk (Ein Mahnruf an das liberale Judentum.) Am 13. September ds. Js. fährt sich der 100. Todestag Israel Jacoosons, an dem Die jüdische Oefsentlichkeit weit über die Grenzen unseres deutschen Vaterlandes hinaus seiner Verdienste um das Judentum dankbar gedenken wird. Wir brauchen hier nicht hervorzuheben, welche Bedeutung dieser außergewöhnlichen, kraftvollen Persönlichkeit in der Geschichte der deutschen Judenzeit beizumesfen ist. An der Schwelle einer treuen Zeit hat Israel Jacobson Großes geleistet und durch fernen Weitblick und durch seine erstaunliche Tatkraft uns Wege gezeigt und geebnet, die wir noch heutzutage gehen. Die Abschaffung des entwürdigenden Leibzolles in verschiedenen Ländern ist ihm zu verdanken; die volle bürgerliche Gleich stell'.rng der Juden hat er im damaligen Königreich Westfalen als Erster in Deutschland durchgesetzt. Er hat zum ersten Mate in der Geschichte der deutschen Juden eine Gesamtorganisation der Gemeinden in einem großen Teile Deutschlands durchgeführt, die jüdischen Erementarschulen organisiert, bas erste jüdische Lehrerseminar irr Kassel begründet und die erste „Industrieschule", die nach ihm genannte Jacobsonschule in Seesen, gestiftet, die ursprünglich bestimmt war, jüdische .Handwerker und Landwirte heranzubiideu, die sich später aller- LOESER & WOLFF Einige sehr empfehlenswerte hochwertige Erzeugnisse: Ich schlage alles “'•ufcer,relrach In diE5er 15 Pf. Donna Lucia dIelnDeu,;chland:T'ei!;!ser=ud''’eZl90zS 20 Pf. BOy Kor\/^-,rr^.n^r>fip> Oi -iäIFS* m. St. Ffilix lind HftVflnn hervorragende Qualität m. Si. 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