Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-08-17 · 33 (17.8.1928) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
33 (17.8.1928)
Date
1928-08-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613947-2613980--2815-2620331
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

SCHOKOLADE P R A LI N E N 7-7> setzen, die für Zionismus und Nationaljudentum, auch ohne Diskussion über diese, keinen Platz läßt. Nicht als zerstreut lebende Glieder eines Volles kommen die Teilnehmer des liberalen Weltkongresses zusammen, sondern als Träger einer gemeinsamen Religion, einer einheitlichen Weltanschauung. Natürlich nicht als uniformierte Masse. Liberales Judentum nach einer einheitlichen Schablone, ohne Differenzierungen, wäre Tod — und das so oft totgesagte liberale Judentum lebt, wie dieser Kongreß zeigt. Trotz der Verschiedenheiten eint hier aber gemeinsamer religiöser Geist, nicht körperliches, nicht nationales Zusammengehörigkeitsgefühl. Was eint? Tie ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgebote der jüdischen Religion: „die Lehre von dem einigeinzigen, reingeistigen, heiligen Gott, dem Gott der Gerechtrgkeit und Liebe; die Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und der Unsterblichkeit seiner Seele, von seiner Kraft zun sittlichen Freiheit und seiner Bestimmung, zu immer höherer sittlicher und geistiger Vervollkommnung fortzuschreiten; die Lehre von der Gottestindschast aller Menschen und von der Bestimmung der Menschheit, dem messianischen Friedensideale durch Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe immer näher zu kommen." (Richtlinien, II.) Liberales Judentum, das bedeutet Erhaltung und Fortpflanzung, aber nicht von Sterbendem sondern von Ewigem. Bedeutet schöpferisches Ueberliesern, Glaube und Tat, Achtung des geschichtlich Gewordenen und bewußter Weiterbau an ihm und mit ihm. Liberales Judentum ist nicht Förderung jüdischer Wissenschaft, die ohne Verbindung mit dem Leben religiöses Erbgut seziert, und ist nicht Philosophastereri, die den Inhalt der jüdischen Religion so weit subjektiviert, daß schließlich der gemeinsame Kitt der jüdischen Gemeinschaft nur noch in dem Mysterium „jüdischer Mensch" gesunden werben kann. ra Ten religiösen Geist des liberalen Judentums gilt es, in die Wirklichkeit zu übertragen. Man sage nicht, wir sind zu wenige, wer richtet sich denn nach uns! Wer bei der Verwirklichung religiöser Ideen mit der Zahl paktiert, sein Handeln nach der Wahrscheinlichkeit des Erfolges bestimmt, der hat das Muß wahrer Religiosität noch nicht empfunden. Das Judentum war von einer mißgünstigen Umwelt Jahrhunderte lang aus den Winkel beschränkt. Es muß seine Gedanken setzt wieder der Welt mitteilen, muß das verzerrte Bild, das Andere von ihm zeichneten, korrigieren, muß die Religion von dem a»gehäuften Schutt befreien, damit sie um so klarer und heiter erstrahle. In dem schon erwähnten Artikel von Baeck wird diese Notwendigkeit wohl deutlich empfunden: „Durch das Gebot der Verantwortung für den Mitmenschen war grundsätzlich und voii Anfang an das Gebot der Mission gegeben, und sie hat in vielen Generationen ihre Apostel und die Fülle der Proselyten gehabt. Jahrhunderte der Bedrückung und Verfolgung, wie keine andere Gemeinde sie zu bestehen gehabt hat, haben die Gemeinde des Judentums dann von der Welt abzusperren gesucht; es war chr verwehrt, den Völkern zu predigen. Damals wurde es in ihr begriffen, daß das Dasein schon mit seinem Festhalten an sich selbst eine Botschaft, eine Mission sein kann. Durch das Leben, das sie in den Ihren hatte, sollte nun die Religion sich vor aller Welt verkünden. Es wurde das Gebot der Gebote, durch jeden Schritt, durch jede Handlung es darzutun, was das Judentum bedeutet, was es verlangt und was es gewährt. Das alte Wort von der „Heiligung des göttlichen Namens" wurde in dieser Forderung neu. Ein Zeuge der Religion zu sein, Tag für Tag, das wurde jetzt der Sinn dieses Wortes. Das ganze Mittelalter hindurch bis an den Beginn des vergangenen Jahrhunderts, das wieder den Raum zu geben ansing, währte jene Einengung und Einschließung." Fast will es scheinen, als ob die Wirkungsmöglichkeiten und Notwendigkeiten des liberalen Judentums in der Gegenwart nur ut Amerika erkannt werden. Der Weg, den unsere Freunde in den Vereinigten Staaten gehen, wird sichet in Deutschland nicht im gleichen Tempo beschritten werden, ja er wird nicht ernmal von allen Liberalen als der rechte anerkannt werden. Tie Ehrlichkeit und Konsequenz aber, die sich dort im offiziellen jüdischen Leben der Resormgemeinden zeigt, verdient Bewunderung. Sie haben das „Religwnsgefetz" — mit Recht bezeichnet Rabbiner Tr. Seligmann diesen Ausdruck als eine contradictio in adjecto —. überwunden, auch die Rabbiner, und diese brauchen deshalb auch nicht, wie ihre Kollegen tn einigen anderen Ländern, sich abzumühen mit „Interpretationen" des Religionsgesetzes, bis sich ein genehmer Sinn ergibt. Man denke nur daran, daß vermutlich kaum ein einziger jüdischer Reform r a b b i n e r seine jetzigen Lebensgewoynheiten beibehalten dürste, wenn er in einer jüdischen Anstalt Deutschlands Aufnahme finden wollte, und man wird den Abstand zwischen dem offiziellen Judentum Deutschlands, auch dem liberalen, und dem Reformjudentum der Vereinigten Staaten ermessen können. Man denke nur daran, daß in dem Satzungsentwurf des Reichsverbandes der Jüdischen Gemeinden eine Bestimmung vorgesehen ist, nach der Anstalten nur subventioniert werden dürfen, wenn sie nach dem Religionsgesetz geführt werden, und vergleiche damit die Verhältnisse in den Bereinigten Staaten, in denen nicht ein überaltertes Religionsgesetz, sonbern der religiöse Geist des Judentums entscheidet. V. Abraham Geigers Wort „Aus der Vergangenheit schöpfen, in der Gegenwart leben, für die Zukunft wirken" muß wieder Geltung im liberalen Judentum erhalten. Dem dient auch die Tagung des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum. Wir grüßen diese Tagung in unferm deutschen Vaterland und hoffen, daß sie ein Markstein auf dem Wege des liberalen Judentums werden wird/ eine Auelle neuer Anregungen für jeden Teilnehmer, ein Antrieb zur Vertiefung der Erkenntnis des einig-einzigen Gottes und zur Verbreitung der göttlichen Wahrheit. Bruno Woyda. Amerika und wir Von Rabbiner Dr. Georg Wilde. Magdeburg In Athen wurden römische Gelehrte erwartet. Oestlich von der Akropolis, der schönen, vom römischen Kaiser Hadrian erbauten Stoa, harrte man der Gäste. Denn längst war Griechenland eine römische Provinz geworden. Der römische Feldherr Mummius hatte 14ö v. Ch. G. der griechischen Unabhängigkeit ein Ende bereitet. Mummius war noch ein Barbar; aber doch schleppte er schon Kunstwerke nach Rom, auch wenn er den Schissern sagen ließ, was durch ihre Nachlässigkeit zerbrechen würde, müßten sie wieder neu Herstellen lassen. Immer stärker wurde Roms Macht, immer größer sem Reichtum, immer sichtbarer sein Wille, Mittelpunkt und Herr der Welt zu sein; Rom sollte alles besitzen, was es Begehrenswertes aus Erden gab. Bald feierte kein römischer General mehr, aus dem Osten kommend, einen siegreichen Einzug, bald kam kein Statthalter mehr in die Heimat, kein reicher Römer mehr nach Italien zurück, ohne Kunstwerke mitzubringen. Nicht neue Tempel und öffentliche Paläste mußten sie verherrlichen, sondern auch Privat-Häuser und Landgüter zieren. Aber noch dienten die Kunstwerke nur der Eitelkeit, einer Mode gewordenen Bildung, dem Erobererstolz. Mer nicht nur die Werte der toten Künstler bringt man nach Rom, sondern auch die lebenden Künstler und Gelehrte. Manche als Sklaven, wie den Geschichtsschreiber Polybius, den stoischen Philosophen Panätius, andere freiwillig kommend, vom Geld, von der Macht, vom Einfluß Roms angezogen. Tie Bücherschätze Griechenlands wandern nach Rom. Sulla bringt die Werke des Aristoteles nach Rom, läßt Abschriften von ihnen Herstellen. Lucullus, sprichwörtlich geworden für Lebenskunst, hat in seinem Palaste auch eme Bibliothek, die er durch griechische Gelehrte verwalten läßt. Büchersammeln wurde in Rom eine Modesache, so daß schon zu Augustus' Zeit in jedem vornehmen Haufe ein Bibliothekszimmer ebenso unentbehrlich schien als eine elegante Badeeinrichtung. Schauspieler wurden in Rom nicht sehr geschätzt, aber sie erhielten Honorare, wie ste das arme Griechenland nie zahlen konnte. So erhielt der Schauspieler Roscrus erne jährliche Besoldung von mehreren hunderttausend Mark nach unserem Gelbe. Je weniger man die idealen Werte des Stückes und des Spieles zu schätzen wußte, desto mehr mußte die Ausstattung von unerhörter Pracht sem. In einem Stück wurden mehrere Tausend vergoldete Schilde vor dem Publikum vorübergetragen, ganze Züge von Reiterei und Fußvolk zogen über die Bühne? Tie Wissenschaften sollten ihren Sitz nach Rom verlegen. Pompejus läßt medizinische Schriften durch einen Freigelassenen aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzen. Eine medizinische Lehranstalt wird schon von Augustus in Rom gegründet und zunächst mit griechischen Gelehrten besetzt. Das bekannteste Werk über Geographie wird von dem Griechen Slrabo in Rom geschrieben. Cicero studiert in Griechenland. Bald wird es Mode, auf ein Semester oder mehrere zum Studium nach Athen zu gehen. Rom vergaß nicht, was es Griechenland schuldete. Noch Marc Aurel, der Philosoph aus dem Kaiserthron, errichtete eine Universität in Athen, daß es noch einmal emporölühte, ehe es ganz zusammenbrach.' Monatelang weilte Kaiser Hadrian dort, Athen mit wunderbaren Bauten verschönernd. In seiner Stoa harrten griechische Gelehrte der Allkunst der Römer. Sie warteten wie etwa die schon verarmteil Besitzer eines alten Schlosses auf ihre Vettern, die draußen in der großen Welt leben; beide heimlichen Stolz im Hetzen tragend; die einen, daß sie noch immer in der Stammburg sitzen, die anderen, daß sie die Zukunft und das Zukunftsland haben. Tie einen sich freuend, Träger ihres Namens noch auf der Stammburg zu finden, die anderen sich freuend, daß ihr Naine mit ihnen nicht erlöschen, sondern durch die Vettern zu neuen Ehren gebracht werden wird. So sprachen ste sorgend und hoffend von der großen Vergangenheit, von der immer kleiner werdenden Gegenwart griechischen Geistes, von ferner Bedeutung, von seiner Zukunft im Geistesleben Roms. Wird Rom den griechischen Geist erhalten, pflegen, weiter entwickeln können? Sind für Rom nicht Schwert und Gold die wahren Güter? Ist der Gladiator nicht der umjubelte Volksheld, der Philosoph aber llur em Luxussklave des Reichen? Griechenland wird klein, Rom wird groß. Wird der griechische Geist mit Rom wachsen oder mit Athen sterben? Wir warten auf die Amerikaner. 1918 ist Deutschland besiegt worden; die siegreichen europäischen Staaten aber sind auch die Besiegten. Nur Amerika ist Sieger geblieben. Europa scheint seine Provinz zu werden. Industrie und Handel, Gold und Anleihen sind Amerikas Legaten, die dem Feldherrn folgen. Kunstwerke und Bücher, Gelehrte und Schauspieler wandern nach Amerika. Nie wiederholt sich rn der Geschichte das ganz gleiche Bild. Amerika ist nicht Rom, Europa nicht Griechenland, Deutschland nicht Athen. Aber für den Ausschnitt geistigen Lebens, der uns am Herzen liegt, drängt sich uns doch der Vergleich auf. Jüdische Wissenschaft ist in Deutschland entstanden, jüdisch religiöser Fortschritt hat zuerst hier seine Gelehrten, seine Anstalten, feine Gemeinden gefunden. Von hier aus kam dieser Stern geistigen Lebens nach Amerika. Deutsche Juden wanderten um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in großer Zahl nach Amerika, bildeten dort vorwärtsstrebende eigene Gemeinden. Um nur einige Namen zu nennen: der aus Rußland geflüchtete Dr. Max Lilienthal, von deutschem Ursprung und deutscher Bildung wird 1815 Oberrabbiner der drei deutschen Judengemeinden in New dort. Reformen nach deutschem Vorbild werden auch in anderen Synagogen eingefuhri. Er schuf die erste „Hebrew Union School". Isaak Mayer Wise, Sohn eines Lehrers zu Steingrub in Böhmen, seit 1851 Rabbiner in Cincinnati, gründet das Blatt „The Jsraelite". Er wird Präsident der Central Conferenz der amerikanischen Rabbiner. David Einhorn, Rabbiner in Baltimore, war vorher Landesrabbiner von Mecklenburg. Ter Philosoph der Bewegung ist Samuel Hirsch, der seine Bücher in deutscher Sprache schreibt. „Die ganze amerikanische Reform beruht ausschließlich auf deutscher Grundlage." In einem Hörerverzeichnis des Breslauer Jüdisch-theologischen Seminars finden sich 12 Namen von Männern, die später in Amerika als Professoren oder Rabbiner wirkten. Biele amerikanische Rabbiner, die Breslau nie gesehen, werden dennoch Frankel, Graetz, Bernays, Joel, Zuckermann, Rosin usw. als ihre Lehrer ansehen, oder Schüler dieses ersten deutschen Rabbinerseminars als Lehrer gehabt haben wie: Bacher, Buchler, Elbogen, Gaster, Güdemann, Maybaum, Schwarz. Der Orden Bne-Brith darf auch hier erwähnt werden, der 1813 in New sljork von einem deutschen Juden gegründet worden. Vom Ende des vorigen Jahrhunderts an wuchs aber das jüdische Leben in Amerika über seine deutschen Grundlagen hinaus. Theologische Lehranstalten wurden mit beneidenswerten Mitteln geschaffen und erhalten. Der Strom russischer Juden lieferte Millionen Menschen für jüdische Gemeinden, wie sie die Erde bisher kaum gesehen. Die „jüdische Enzyklopädie" ist ein Beweis von jüdischer Gelehrsamkeit und geistigem Leben in Amerika. Aber noch werden viele Mitarbeiter durch deutsche, durch europäische Schulung gegangen sein. Noch werden wir alle Rabbiner, die aus Amerika hierher kommen, als unsere Vettern grüßen können, weil sie oder ihre Eltern aus Europa stammen, weil sie oder ihre Lehrer durch deutsche Bildung gegangen sind. Grüßen wir sie, wie der altersschwachgewordene Ritter im deutschen Lied: „Sohn, da hast du meinen Speer". Auch ohne Pessimist zu sein, kann man ernst in die Zukunft des s n We-inresiAuranr Leipziger Sir. 117-18 - Zentrum 9991-93 (gegenüber dem ehemaligen Herrenhause) WeinPToßhandlung ::: Stadtküche Hochkultiviert* Küche. Erlesene Weine zu mäßigen Preisen Wir sind preiswert, das beweist dieser Auszug unserer Speisen - Karte Königin Pastetchen mit feinem Ragout » , , - 0.80 Kalbsrippchen mit Butternudeln.. . . 1.55 Makkaroni und Schinken m. Parmesan überbacken 1.55 Jungschweinsrücken mit Rotkohl ....... 2.00 Roastbeef engl, mit gern. Salat 2,60 Kalbsteak mit Niere vom Grill, pom. frites . . 3.00 Rehrücken, Sc. Creme, gern. Kompott. . . . * 3.25 Frische Artischocke m. Sauce Hollandaise . . * 2.25 5 Krebsschwänzchen auf Krebsragout. . . , 1.75 Original Tiroler Strudel.. 0.75 Abends Konzert des Kammer-Trios Jan Starikow Privat'Speisezimmer bis zu 40 Personen Don’t forget to call at for all travel facilities, shipping of baggage, cashing of Travelers Cheques and Letters of 55 Charlottenstrasse Corner of Jägerstrasse Credit American Express Company m. b. H.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.