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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-08-17 · 33 (17.8.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
33 (17.8.1928)
Date
1928-08-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IöbjfchÄeraleZelliU Organ -er Vereinigung für -as liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich M. 2.50 Einzelnummer 0.20. Bei frGler Zusendung i. Inland 0.25 Aür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten, veraulwortl. Redakteur: Bruno Voyda. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag. Redaktion und GeschüstssteNe: Verlin SW 48. Wilhelmstr. 147 Aernruf: Bergmann LASS, LSSS!> Nachdruck sämtlicher Original-Veiträge Postscheckkonto: Verlin NW 7. 137060 h nur mit vorheriger Genehmigung der (Vereinigung für da» liberale Judentum»!j Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonparaillezeile 0.45 Goldmark, die Reklomezeile 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung" Jnseratenabteilung: Verlin Sw 48. Wilhelmstrahe 147 (Bergmann: 3358-59). sowie sämtl. Annoncen-Lxpedittoa. Nr. 33 Berlin. 17. August 1928 S. Jahrgang Lek liberalen Welllonserenz zum GmK I. Ein talmudisches Wort sagt, daß man den Gerechten keine Denkmäler zu errichten braucht, weil ihre Worte und ihr Wirken ihr Andenken sichern. Der Sinn, der aus diesem Worte spricht, ist ein Bekenntnis zum Geiste, ein Widerspruch gegen den Ungeist der Zeit, der so oft die Ursache der Errichtung prunkhaster Paläste, prunkhafter Denkmäler bildet. Würden nur Denkmäler das Andenken sichern, längst wäre das Judentum vergessen. Doch es lebt, weil es etÄg wirkender Geist, Gottesgeist, ist. Nicht zu jedem, der auf Friedhöfe geht, sprechen Pie Steine. Nur wer Wille und Wissen, Gefühl und Verstand mitbringt, dem offenbaren sie den Sinn des Geschehens«, den: sagen sie, wie der Geist der Ewigkeit sich ist Menschen der Zeit und in Formen der Zeit zu verwirklichen suchte. Wer die drei jüdischen Friedhöfe Berlins in solcher Gesinnung aufsucht, dem erzählen sie nicht zuletzt auch von dem Sinn des Judentums, von dem Weg, den es ging, und dem Weg, den es gehen muß, von der Stellung, die das Judentum in der Menschheit einnahm, und der Haltung, die die Menschheit dem Judentum gegenüber bekundete. Große Hamburger Straße 26, fast symbolhaft verdeckt durch ein jüdisches Altersheim und eine jüdische Schule, der älteste jüdische Friedhof Berlins. Von den verwitterten Steinen kündet einer von dem Mann, mit dem die Geschichte des liberalen Judentums der Neuzeit beginnt: Moses Mendelssohn, der bewußt die Mauern überstieg, die die kulturelle Abgeschlossenheit der Juden verursachten, der die Notwendigkeit erkannte, den ewigen Geist des Judentums mit den Anschauungen der Neuzeit in Einklang zu bringen, der an den Mauern Berlins noch den Zoll entrichten mußte und als erstes jüdisches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin die ewige Ruhe fand; Moses Mendelssohn, der uns Heutigen in seinen Anschauungen säst konservativ erscheint, und der dennoch so liberal war, daß, die ewig verketzernde Orthodoxie ihn als „Moses Dessauer" verspottete. daß ein deutscher Rabbiner den Bann gegen seine Uebersetzung der Bibel in die hochdeutsche Schriftsprache veranlaßte, daß der Preßburger Rabbiner Mose Sopher verkündete: Lasset Euch niemals ein in die verderbliche Gemeinschaft mit den Uebeltätern, den Neuerungssüchtigen, welche um unserer vielen Sünden willen sich von dem Ewigen und seinem Gesetz entfernt haben! Wohnt nicht in deren Nähe und verbindet euch mit ihnen auf keine Weise. Tie Bücher des Rabbi Mose aus Dessau rühret nicht an!" Unweit von dieser ältesten jüdischen Begräbnisstätte Berlins, in der Schönhauser Allee 23, der zweite jüdische Friedhof. Tie große Zahl bekannter Namen kennzeichnet den Entwicklungsgang des Judentums, der Judenheit. Leopold Zunz ruht hier, der die Reformbewegung des'Judentums mit der Wissenschaft des Judentums einte, der, wie der Grabstein kündet, „ausgezeichnete, in seiner Generation einzigartige Mann, der mit seinem Lichte die Augen seiner Gemeinde erleuchtete, alle Geistesschätze Israels zu erkennen", durch dessen Tod „der Purimtag aus einem Festtag zum Trauertag wurde". Und hier auch ruht Abraham Geiger, der die „Reform der Anschauung" bauen half und sein Wort „Aus der Vergangenheit schöpfen, in der Gegenwart leben, für die Zukunft wirken" in seinem eigenen Schaffen verwirklichte. Ruht Samuel H o l d h e i m, der erste Prediger der Berliner Jüdischen Reformgemeinde, der die Scheidung vollzog zwischen dem, was ewige Wahrheit der jüdischen Religion, und dem, was der einstige Staat des Judentums, die Existenz einer jüdischen Nation bedingte und der dadurch, wie es in einem Nachruf heißt, „für die Veredelung des Judentums" wirkte. Ruhen Männer, deren Kämpfen und Siegen für die Emanzipation des deutschen Judentums ihr Andenken wach hält, die die politischen Geschicke ihres erkämpften Vaterlandes mitgestalteten: David Friedländer, Major Burg, Ludwig Loewe, Eduard Laster und Ludwig Bamberger, um nur wenige zu nennen. Und der jüngste Friedhof Berlins, in Weißensee, erzählt schon durch seine räumliche Ausdehnung von der Entwicklung des Berliner Judentums. Unter den Tausenden und Abertausenden, die hier die letzte Ruhe fanden, künden zahllose Namen von der Entwicklung des Judentums: Lewandowski und Steinthal, Franzos und Karpeles, Kellermann und Cob lenz, Lilienthal und Breslauer. Und unter ihnen Hermann Cohen, dessen Werk restlos auszuschöpfen die Aufgabe unserer Gegenwart zu bilden scheint. Derer zu gedenken, die hier genannt wurden, die Tausende im Geiste zu überblicken, die das Judentum so gestalten halsen, daß die „Taufe als Entreebillett in die europäische Kultur" ihren Wert verlor, scheint uns Pflicht und Recht in einem Augenblick, in dem sich aus allen Teilen der Welt die Führer des liberalen Judentums in Berlin versammeln, um hier vom 18. — 21. August die Tagung des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum abzuhalten. Denn in ihrem Geist zu arbeiten, der das beglückende Erbe der Jahrtausende als kostbaren Besitz der kommenden Generationen erhalten wissen wollte^, ist Sinn und Aufgabe dieser Tagung. Wir wissen nicht, wie das Judentum heute aussehen würde, wenn in ihm wider den Geist und die Notwendigkeiten der Zeit jene obgesiegt hätten, die immer nur rückwärts zu blicken vermögen, diq aus mangelndem Vertrauen in die ewige Wahrheit des Judentums oder aus mangelndem Selbstvertrauen in jedem Fortschritt einen Schritt in den Abgrund befürchten. Aber wir zweifeln, daß dann heute in Berlin eine jüdisch-liberale Weltkonferenz stattiinden würde. II. Tie Forderung Abraham Geigers „Aus der Vergangenheit schöpfen, in der Gegenwart leben, für die Zukunft wirken" muß wieder zum Leitmotiv des liberalen Judentums werden. Ueberblickt man das geistige Bild der Judenheit der Gegenwart, so muß man die erschreckende Feststellung machen, daß ihr Denken nahezu ausschließlich mit der Frage ihrer Vergangenheit, ihres Ursprungs, ihrer Abstammung, ihrer Tradition ausgefüllt ist; die Frage ihrer geistigen! Zukunft nimmt im Denken der Judenheit heute nur einen recht geringen Platz ein. Und doch: das Wohin des Judentums sollte mehr Beachtung finden als das Woher der Judenheit Selbst wenn es richtig wäre, daß die Judenheit der Gegenwart eine Gemeinschaft gemeinsamer Abstammung, eine Gemeinschaft des Blutes sei, wäre damit das letzte gesagt? Ist nicht die wesentliche Frage die, ob auch die Judenheit der Zukunft eine Blutsgemeinschaft, oder ob sie nicht viel-» mehr eine Ueberzeugungsgemeinschaft, eine Gemeinschaft der Träger der jüdischen Religion sein soll? Tatsächlich ist in der Praxis ja heute schon die Frage beantwortet; wird doch ins Judentum, in die jüdische Gemeinschaft ausgenommen, wer sich zur jüdischen Religion bekennt, — wer wohl vermöchte einen Menschen in eine Blutsgemeinschaft aufzunehmen? Scheidet doch aus der Judenheit aus, wer sein religiöses Bekenntnis wechselt. Voll stimmen wir dem New Uorker Rabbiner S ch u l m a n zu, der in dem Referat, das er im Jahre 1926 bei der Gründung des Weltverbandes in London hielt, ausführte: „Wir sind eine K'nesseth Jisroel, eine Gemeinschaft, in der jedes menschliche Wesen willkommen ist, die aber verwurzelt ist in der bestimmten historischen Realität Israel. Wenn wir das Wort Synagoge so auffassen, sind wir sehr zeitgemäß... Gleichzeitig widersetzen wir uns bei dieser Auffassung der größten sittlichen Gefahr, die das moderne Denken irreführt. Wir verwerfen damit die Rassentheorie und jeden Nationalismus, der im Blut begründet ist. Wir sehen die jüdische Eigenart nicht als eine des Blutes an, denn wir glauben überhaupt nicht an die Schicksalsmacht des Blutes. Wir sind überzeugt, daß die jüdische Eigenart auf Ideen beruht. Wir betrachten uns als eine Synagoge, die fähig ist zu leben und dazu bestimmt ist, unter den Völkern zu leben. Gleichzeitig nehmen wir an dem nationalen Leben der Völker teil, zu denen wir gehören. Wir sind der Meinung, daß nicht Blut, sondern Ideen einen Volksgeist schaffen, und wir find ferner der Meinung, daß Ideen die treibende Kraft in der Religion sind. Gedanken scheiden, aber verbinden auch Menschen — Blut hingegen ist eine unüberbrückbare Trennung. Daher sagen wir, daß wir Juden der Religion nach sind, und daß die Abstammung für niemand ein Hindernis ist, unsere Religion anzunehmen und ein Glied der Familie Israel zu werden." Gewiß geht die Formel Judenheit Religionsgemeinschaft nicht restlos auf, doch in welcher Religionsgemeinschaft wäre das bei einer analogen Gleichung der Fall? Ueberall finden sich solche, die aus Pietät, Tradition, Indifferenz in der Gemeinschaft verbleiben, in die sie hineingeboren wurden, ohne nach ihrer Überzeugung hineinzugehören. Ueberall auch hat die Geschichte Eigenwerte der Gemeinschaft geschaffen. In einer auch in Deutschland viel beachteten Abhandlung über „Jüdischkeit" hat der Präsident des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum^ Claude G. Montefiore, die Elemente, die dieses Wort im Sinne des liberalen Judentums füllen sollen, bezeichnet. Da heißt es: „...So ist Jüdischkeit eine Verbindung. Der Hauptbestandteil ist Glaube, Gläubigkeit; fester Glaube, feste Gläubigkeit. Dann kommt zweitens jenes Gefühl, jene Zuneigung für eine Geschichte, eine Vergangenheit — mit ihrem Leid, ihren' Freuden, ihren Leistungen, ihrer Ausdauer; sodann drittens, wenn auch vielleicht schwer von dem zweiten zu unterscheiden, ein Bewußtsein der Zugehörigkeit zu ejner Körperschaft, einer Gesellschaft, einer Gemeinschaft und der Stolz auf diese Zugehörigkeit. Es ist nicht der Stolz einer Rasse, sondern dev einer Gemeinschaft. Welcher vernünftige Mensch würde sich einen Deut darum kümmern, ob er seine Abstammung auf Srlomon zurückführen könnte oder ob alle seine Urgroßväter und Urgroßmütter Proselyten waren? Die Gemeinschaft ist wirklich und groß, die Rasse ist locker, wahrscheinlich sogar unwirklich und bedeutungslos. Ich bin nicht sicher, ob ich zu meinem dritten Punkt nicht noch einen vierten hinzufügen sollte, nämlich, daß für gute Jüdischkeit, für wirksame und wertvolle Jüdischkeit, für eine Jüdischkeit, bei der das Element des Stolzes rein und demütig ist, nicht aber billig und arm, auch etwas Phantasie, etwas Vision erforderlich ist: Glaube oder ein Wunsch oder ein Streben nach einer Zukunft, so gut wie die bloßen Erinnerungen und Interessen an der Vergangenheit." Das macht die Jüdischkeit des liberalen Judentums. Und nicht jene umfangreiche „wissenschaftliche" Phraseologie, die „dem Sondercharakter der jüdischen Gemeinschaft Ewigkeitswerte verleiht" — wie es der mutigste, zu früh verstorbene Berliner Rabbiner unserer Generation, Dr. Benzion Kellermann, einmal ausdrückte — die „Gott zu dem Behüter und Beschützer einer partikulariftischen Gemeinschaft herabwürdigt". Weil der Begriff „Stamm" weder in unserem Sprachgebrauch eindeutig festliegt, noch es eine wissenschaftlich allseitig anerkannte Begriffsbestimmung des Stammes und der Stamm es kennzeichen gibt, weil heute die Irrlehre in weiten Kreisen gilt, nicht nur in jüdischen, daß den körperlichen auch seelische Rasseneigenschaften entsprechen, und daß auch diese unveränderlich und unaufhebbar sind, findet man jetzt auch so häufig — im Gegensatz zu dem sittlich-religiösen Pathos der israelitischen Propheten — einen höchst unbesonnenen Radikalismus in der Beurteilung von Stammesuwd Volkscharakteren. Der Materialismus, der aus dieser Auffassung spricht, der alle geistigen Vorgänge auf Stammeszugehörigkeit oder Blutzusammensetzung zurückführt, der gar spekuliert, der Gott des Judentums könnte zwar Gott für alle sein, doch in Wirklichkeit bleibt er Gott für Israel allein, ist eine Bankerotterklärung wahrer Religiosität. Religion sprengt ihrem Wesen nach volkliche und blutsmäßige Bande. Das Band, das den Einzelnen mit der Gemeinde verbindet, hat in dem kürzlich erschienenen Werke „Die Religionen der Erde" Rabbiner Dr. Baeck in einem Aufsatz der Abteilung „Weltreligionen" über „Das Judentum" klar geschildert: „Wie alle Religiosität ist die des Judentums Religiosität des Individuums; ihm wird gegeben und von ihm gefordert. Aber jedes Individuum wird durch seine Religion mit einer Gesamtheit verbunden, mit der Gemeinde derer, welche die gleiche Religion wie es ihr eigen nennen. Zu dem Verlangen, welches das Individuum erfüllt, daß die Religion ihm ein Besitztum sei, tritt so das weitere hinzu, daß sie das Besitztum der Gemeinde von Geschlecht zu Geschlecht bleibe. In aller Religion, wenn sie nicht die des Einsiedlers nur sein will, macht sich dieses Bedürfnis der Gesamtheit geltend. Was geeignet ist, sie zu erhalten, wird ein Teil der Sorge und der Forderung und dann der festen Tradition. Zu der Religiosität des Individuums kommt so, wenn dies Wort gebraucht werden darf, die Religion der Gemeinde, der Kirche." Dieser Artikel sollte bei denen, die sonst auf des Meisters Worte schwören und meiner:, daß nicht durch die Pflege des Geistigen, sondern nur durch ein jüdisches Palästina und Betonung von „Stammesmerkmalen" der Fortbestand des Judentums gewährleistet wird, Beachtung finden. III. Aus dem Geist jüdischer Religiosität müssen die Fragen, die hier im vorigen Abschnitt gestreift wurden, beantwortet werden. Die — leider auch notwendigen — Debatten über Zionismus, sogenannten Weltanschauungsdiskussionen und neuesten Zeitungsauseinandersetzungen über die soziologische Struktur der jüdischen Gemeinschaft haben bisher die Lösung nicht gebracht und werden sie vermutlich auch in Zukunft nicht brmgen. Deshalb ist es erfreulich, daß bei den liberalen Weltverbandstagungen grundsätzlich die Erörterung des Pro und Contra des Zionismus nicht zugelassen wird. Verständlich freilich, daß schon bei den Beratungen in London im Jahre 1926 diese Bestimmung Zionisten unbequem war, begreiflich auch, daß das deutsche Organ der Zionisten aus Anlaß der jetzigen liberalen Weltkonferenz in einer Sondernummer die Verknüpfung von liberalem Judentum und jüdischem Nationalgefühl erörtern zu müssen glaubt. Wenn der Weltverband für religiös-liberales Judentum als Grundlage und Wesen seiner Tätigkeit die jüdische Religion ansieht, wenn er seine Aufgabe darin erblickt, jüdische Religiosität zu verbreiten und zu vertiefen, dann dürfte sich eine Auffassung vom religiösen Judentum heranbilden oder durch-

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