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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-08-03 · 31 (3.8.1928) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
31 (3.8.1928)
Date
1928-08-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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und wir tüuncit ihnen nicht helfen. Schließlich '.verdcn sie j gegen ihren Willen ins Verderben gestoßen und beflecken die Reinheit des jüdischen Familienlebens, teils aus Armut, teils vom natürlichen Geschlechtstrieb gedrängt. Ich frage mich: Wie lange noch werden die Koryphäen der Orthodoxie die Hände in den Schoß legen, während es in ihrer Macht steht, diesen Unglücklichen zu helfen? Wann werden sie sich endlich ermannen, um diese Schande von der jüdischen Gemeinschaft abzuwenden? Unzählige Agunoth schreien in bitterer Not — und werden nicht gehört/' Aber auch in Polen ist die Frage der Einführung der obligaten Zivilehe nur eine Frage der Zeit, und dann droht dem ganzen jüdischen Eh er echt der Untergang (wie dies in Sowjetrußland bereits der Fall ist), wenn die berufenen Faktoren nicht rechtzeitig dieses Eherecht derartig umgestalten werden, daß es die Lebensinteressen der Frauen besser oder mindestens in gleichem Maße schütze, wie dies das Bürgerliche Gesetzbuch tut. Wer sein Vaterhaus liebt und darin bis an sein Lebensende zu wohnen strebt, wird daraus achten, die jeweils notwendig gewordenen Ausbesserungen rechtzeitig vorzunehmen, er wird darauf achten, daß die Reparaturen mit dem Baustil und der inneren Beschaffenheit seines Vaterhauses streng übereinstimmen und dessen „Geist" nicht alterieren. Aber wenn er aus schlecht verstandener Pietät die Ausbesserungen unterläßt, braucht er sich nicht zu wundern, wenn sein Vaterhaus langsam in Trümmer fällt oder ihm eines schönen Tages plötzlich über dem Kopf zusammenstürzt... Es wäre ungerecht, zu verkennen, daß alle die hier dargelegten Unzulänglichkeiten aus einer Quelle fließen, nämlich aus der heiligen Scheu vor der Ueberlieferung und der tiefen Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Trauungsaktes (Kidduschin), der selbst noch in seiner Karikatur geachtet werden soll. Aber es läßt sich! auch nicht leugnen, daß diese Ehrfurcht in ihrer übertriebenen und einseitigen Anwendung Zustände hervorgebracht hat, in denen Wohltat Plage, Vernunft Unsinn und Recht zum Unrecht geworden ist. Landaus „Bekenntnisse" weisen mutig und unerschrocken am eine schwärende Wunde am Leib des Judentums hin. Diese Stimmen werden nicht ungehört verhallen, zumal es unmöglich sein wird, die beiden Korrespondenten der Unsachlichkeit oder der Leichtfertigkeit zu zeihen. Das Buch steht auf einem sehr hohen Niveau. Beide Briefschreiber betrachten die Tinge des Judentums innerhalb eines verschiedenen Horizontes. Landau ist mit den edelsten Säften der westlichen Kultur gesättigt und hat es verstanden, zwischen dieser Kultur und dem überlieferten Judentum eine Synthese zu schassen. Sein Freund, der galizische Gaon, verbindet mit der gewissenhaften Verantwortlichkeit des Führers seiner Gemeinde eine allseitige und minutiöse Kenntnis der gesamten talmudischen und rabbinischen Literatur. Man folgt mit Genuß und Spannung ihrer Diskussion. Jenen Kreisen in Westeuropa, wo die Frauen sich in ihrem Rechte benachteiligt fühlen, weil sie in der Synagoge besondere Plätze einnehmen müssen, oder nicht zur Thora aufgerufen werden, eröffnet sich hier ein Einblick in eine Welt, wo um noch ganz andere Dinge gerungen werden muß... Vielleicht werden jene Glücklichen sich veranlaßt fühlen, ihren minder begünstigten Schwestern einiges Interesse zu widmen. Ableben des Luxemburger Landesrabbiners Aus Luxemburg wrrd gemeldet, daß Herr Landrabbmer Dr. Samuel Fuchs am Sonnabend, den 21. Juli, plötzlich verstorben ist, nachdem er am Vormittag noch den Sabbatgottesdienst abgehalten hatte. Dr. Fuchs war 1876 m Ungarn geboren und hatte ferne theologischen Studien an oer Hochschule für die Wissenschaft des Juoentums rn Berlin abgeschlossen. In Luxemburg hat er 2b Jahre als Landes - rabbiner gewirkt und erfreute sich größter Liebe und Achtung in Stadt und Land, der Juden und Christen. Ber der Trauerferer rm Gotteshause sprach unser Gesinnungsfreund, Rabbrner Dr. David, aus Bochum; es hatten sich Vertreter des großherzoglichen Hauses, der Regierung und der Stadtuird Landbehörden erngesunden. Am Grabe sprach Herr Rabbiner Dr. Levy, Tredenhofen, der Luxemburger Gemeinoevorsitzende, R.-A. Bonn und der Luxemburger evangelische Hofpredrger. Alle Zeitungen des Landes haben dem Hingeschiedenen Nachrufe wärmster Verehrung und Lrebe gewidmet. Abschiedsfeier von Oberkantor Hermann Zivi Am Samstag, den 28. Juli, nahm im Rahmen des Gottesdienstes Herr Hermann Zivi Abschied von der Stätte seines Wirkens. Seit über 30 Jahren amtiert Herr Zivi in der Gemeinde Elberfeld, geachtet und geschätzt nicht nur von den Gemeindemitgliedern, sondern auch von den Lehrkörpern der Schulen, an denen er unterrichtete und darüber hinaus von der Bürgerschaft der Stadt Elberfeld, an deren 300-Jahrseier er sich vor einigen Jahren kompositorisch betätigte. Herr Zivi hat eine ganze Reche von synagogalen Gesängen neu vertont. Er hat dem Gottesdienst damit neue werbende Kraft verliehen. Eine festliche Versammlung füllte das Gotteshaus bis zum letzten Platz, als Oberkantor Zivi zum letzten Male seines Amtes waltete. Groß war die Menge seiner jetzigen Schüler, die ihrem Lehrer zu Ehren erschienen waren, größer bei weitem die der anwesenden ehemaligen Schüler, ein Beweis für die Beliebtheit, deren sich der Scheidende erfreut. Es erklangen die Zwischen Weisen beim Aus- und Einheben der Thora. An der Orgel saß Frau Erna Lewin-Zivi, die eigens aus Berlin herbeigeeilte Tochter Zivis. In seiner Predigt, die Rabbiner Dr. Norden an den Scheidenden richtete, betonte er die Verdienste, die er sich um die Gemeinde Elberfeld erworben hat. Verdienste als Lehrer und Kantor, Verdienste als Vorstandsmitglied der liberalen Vereinigung und des Mendelssohnvereins, sowie des Kantorenverbandes. Seinem Nachfolger kann kein besseres Willkommen zugerusen werden, als das, in den Fußtapfen seines Vorgängers zu wandeln. Wie Gott Mose sagte, daß er genug gewirkt habe und Josua zu seinem Nachfolger bestimmte, so hat nunmehr auch Herr Oberkantor Zivi genug geschafft und überläßt sein Tätigkeitsfeld einem anderen. Hervorragend war seine Tätigkeit auf dem Gebiete der Musik. Belebend wirkten seine Arbeiten aus dem Miete synagogaler Tonschöpfungen. Aber, und das ist das Bemerkenswerte und Schönste, die Kunst war ihm nicht Selbstzweck, sondern er ordnete sie stets dem Gottesdienste unter. Nachdem die Predigt beendet war, sang f + < t * Versammlungskalender Breslav. 31t „Abraham Geiger". Montag, den 6. August, 20.15 Nbr, zwangloses Beisammensein im Kurgarten, ttiirassierstratze. Bei schlechter Witterung im kleine« Saale. l* r Gottesdienste * Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden, Berlin, Schönhauser Allee 162. Nach Beendigung der baulichen Veränderungen in unserer Synagoge beginnt der regelmäßige Gottesdienst am Freitag, den 10. August. In der nächsten Zeit finden folgende Veranstaltungen statt: Freitag, den 10. August, abends 7.15 Uhr, Predigt, Rabbiner Dr. Salomonski; Sonnabend, den 11. August, vormittags 10 Uhr. Freitag, den 17. August: Festgottesdieust aus Anlaß der Weltkonferenz für das liberale Judentum; Sonnabend, den 18. August, vormittags 10 Uhr. Ueber die Gestaltung des Festgottesdienstes erfolgt noch eine besonder« Ankündigung. Bcrlin-Wilmcrsdorf-Schöneberg. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilienschule, Nikolsburger Platz): Ab 10. August wieder jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19,15 Uhr pünktlich. Freitag, den 10. August, Predigt: George Goetz. Der Gottesdienst an den hohen Feiertagen findet im Beba» Palast-Atrium, Kaiserallee Ecke Berliner Straße, statt. Kartenverkauf bei Dr. Alfted Caro, Motzstraße 39, Theaterkaffe K. D. W., Hermann Tietz, Leipziger Straße. Weitere Verkaufsstellen werden noch bekanntgegeben. der Scheidende selbst noch einmal die von ihm im Gottesdienst hermisch gemachten Weisen. Der Geist Hermann Zivis, der so ungemein befruchtend auf das geistige Leben unserer Gemeinde gewirkt hat, wird von seinem Nachfolger gepflegt werden, und Hermann Zivr selbst wrrd hoffentlich noch vrele Jahre der Gemeinde mit Mat und Tat zur Seite stehen. tz. W. Rheinischwestfälischer Rabbinerverband Die Jahresversammlung rheinisch-westfälischer Rabbiner, dre am 15. Jülr rn Köln unter Leitung von Dr. Steinthal (Münster) stattfand, wies wichtige Beratungsgegenstände und Referate auf. Der geschäftliche Teil brachte einen Bericht des Unterausschusses zur Schaffung von Rabbinatsbezirken. Es hat sich gezeigt, daß Ausnahme und Aussichten des im Einvernehmen mit dem Preußischen Landesverband unternommenen Werkes in beiden Provinzen und innerhalb dieser in gewissen Gegenden sehr verschieden sind. Zum Anschluß an Münster und Bielefeld sind 12, ja 15 Kleingemeinden bereit; in Krefeld, Köln, Bonn und Elberfeld haben sich in der Umgebung historische Beziehungen zur Rabbinergemeinde herausgebildet. Von anderen Städten (Dortmund, Bochum, Essen) konnte nichts unternommen werden; einmal, weil eine betonte Abneigung der in Frage kommenden kleineren Gemeinden vorhanden ist, sodann aber, weil von anderer, wohlbekannter Seite selbständig vorgegangen und die Arbeft durchkreuzt worden ist. Auf Antrag von Dr.Caro (Köln) wird beschlossen: Der Ausschuß wird beauftragt, unbeirrt die Bildung der Bezirke sortzusetzenf, jedoch vor Befragung der in Betracht kommenden Kleingemeinden Kompetenzkonflikte über die. Zuständigkeit der Rabbiner zu schlichten. Sodann werden Erlasse der höheren Behörden mitgeteilt: Landesfinanzämter genehmigen den Abzug von 7^2 Prozent vom Einkommen für Amtsaufwendung. Der Minister für Volksbildung bezeichnet (in der Verfügung vom 22. Mai d. Js.) jüdische Religionslehre als ordentliches Lehrfach und fordert Einholung der Genehmigung für alle im Religionsunterricht verwendeten Lehrbücher. Von interessierter Seite ist eine Statistik über die Minderheiten auf Konfessionsschulen eingeleitet; Tr. Rosen thal (Köln) hält eine Rundfrage an christliche Volksschulen zur Feststellung von mehr als jeweils 12 jüdischen Kindern für nützlich zup Beantragung neuer jüdischer Volksschulen. Ter Beschluß des Rechtsausschusses des Preußischen Landesverbandes, wonach eine gesetzliche Handhabe zum Schutze des Rabbinertitels nicht gegeben sei, bedarf von seiten des Allgemeinen Rabbiner-Verbandes der Nachprüfung?) Ein Antrag Dr. Samuel (Essen) wird angenommen: Der Rheinisch-westfälische Rabbinerverband möge fortan regelmäßig (außer in Jahren, in denen der Hauptverein tagt) neben der ordentlichen geschäftlichen noch eine wissenschaftliche Wintertagung halten; ebenso der Zusatzantrag Dr. Hahn (Essen): Für alle Fächer der rabbinischen Wissenschaft und Praxis sollen Referenten bestellt werden. Die Leitung des Rheinisch-westfälischen Rabbinerverbandes geht für die folgenden zwei Jahre auf Dr. Klein (Düsseldorf) über; hinzugewählt in den Vorstand wird Dr. Rosenthal (Köln). Der Ausschuß für Rabbinatsbezirke wird gebildet von Herren Dr .Kober (Köln), Dr. Rosen - thal (Köln), Dr. Levy (Bonn), Dr. St ein thal (Münster). Nach der Mittagspause folgen die angekündigten Referate; Nur das für den Schluß vorgesehene „Zur religi 0 nsphilosophischen Lage" wird mit Zustimmung des Referenten (Dr. Hahn) als erstes der nächsten Tagung Vorbehalten. Zu seinem Thema „T e f i l l 0 - S ch i u r i m" führt Dr. Rosenthal aus: er hat nicht nur aus den modernen Werken von Berliner, Elbogen u. a. viel für seine saübatlicheni Lehrvorträge über das Gebetbuch entnehmen können; er verweise auch auf das über 60 Jahre alte Werk Abodas JisroeL des bekannten Masoreten S. Baer, das heute noch volle Beachtung verdiene. Sowohl die sachlichen wie die sprachlichen Erläuterungen hätten sichtlich das Interesse der zahlreichen Zuhörer gefunden; er glaube manches für die Reinheit der Texte und die tiefere Auffassung bekannter Ge¬ *) Wie erinnerlich, wurde der Forderung, daß der Rabbinertitel gesetzlich geschützt werden müsse, in diesem Blatte zum ersten Mal öffentlich erhoben. Bergl. Jüdisch-liberale Zeitung, Nr. 48, vom 2. Dezember 1927: „Rabbiner-Ausbildung und Rabbiner-Titel" von George Goetz. Der Verfasser hat damals dfe in seinem Artikel erhobenen Forderungen dem Rechtsausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden in Form eines Antrages eingereicht. Nachdem der Rechtsausschuß die Verwirklichung zurzeit nicht für möglich hält, greift hier die rheinisch-westfälische Standesorganisation der Rabbiner diese Forderung mit Energie wieder auf. Die Schrifüeitmrg. STOIiWERO< F' ‘Billig. tDohlSchmedicud, nahrhaft. bete gewirkt zu haben. Z. Bi wußte Redner aus der auffallenden Reihenfolge der Verse Zidkos scho zedek eine kurze Lehre von Gottes Gerechtigkeit im Weltall und im Menschenleben abzuleiten. Dr. Kober (Köln) sprach sodann über „Neuerscheinungen zur Geschichte der deutschen Juden". Einleitend würdigte Redner die zum Abschluß gediehene Weltgeschichte des jüdischen Volkes von Simon Dubnow, deren Stärke im Gebiete der polnisch-russischen Geschichte und in der Darstellung der neuesten Zeit liegt, während Graetz' Monumentalwerk seinen streng wissenschaftlichen Charakter schon durch die eindringenden Noten behält. Dick Heimatgeschichte der deutschen Juden haben Rosenthal (Baden), Krakauer (Frankfurt), Wachstein (Eisenstadt im Burgenland) besonders bereichert, doch haben auch die Judenschaften in Nordhausen, Worms, Dyhernfurt, Mainz, der Ostmark neue Bearbeiter gefunden. Ferner ist in dankenswerter Weise auf das kulturhistorische Material in den Responsen des R. Meir v. Rothenburg hingewiesen worden. Dr. Eschelbacher (Düsseldorf) behandelte einen Sonderfall des talmudischen Eherechts: Die Lösung einer kinderlosen Ehe nach zehnjährigem Bestehen. Ihm ist es gewiß, daß hierbei ein Interesse der Frau vorliegt, die inbetreff ihres Zeugnisses, ihres Heiratsgutes usw. günstiger als sonst gestellt ist. Der Sinn der Bestimmung ist aus dem für den Talmud feststehenden, vornehmsten Zweck der Ehe zu entnehmen; dem Manne soll die Möglichkeit gegeben werden, in einer neuen Ehe der Verpflichtung, Nachikommenschaft zu erzeugen, zu entsprechen; auch die Frau soll die Möglichkeit haben, von einem andern Gatten Kinder als Stütze ihres Alters zu bekommen. In eindringender Erörterung der betreffenden Quellen (insbesondere Jebamoth 64 a) macht der Referent noch auf interessante Differenzen der Auffassung in Palästina und Babel nach der ethischen und der biologischen Seite hin aufmerksam. Tr. Samuel (Essen) sprach als letzter Referent über den Dienst des Rabbiners an der Jugend nach neuen Grunds ätz e n. Im Widerstreit der Motive, pädagogisches Interesse an der Jugend um ihrer selbst willen oder Selbsterhaltungstrieb der älteren Generation, haben wir uns für das erstere zu entscheiden. Nur dann werden wir den Zugang zur Seele der modernen Jugend finden und Ersprießliches in der Jugendpflege, Jugendbewegung und Jugendfürsorge leisten. Die Pflege, die am Zögling von frühester Kindheit bis zum Abschluß der Reife arbeitet, beginnt mit unserer Mitwirkung beim Kindergarten und mündet in die Arbeit innerhalb der Jugendvereine und -bünde. Die Tatsache, daß der neutrale Jugendbund in Dresden 1928 wieder einen Rabbiner an die Spitze berufen hat, ist ein Symbol dafür, daß nicht nur die rel. Richtungen (Aguda, Misrachi-Jugend, Jli), sondern die umfassendste Jugendorganisation fest auf dem Boden des Judentums steht und dessen ewige Worte gern durch Kenner und Künder der Religion sich vermitteln läßt. Die jüdische Jugendbewegung (Kameraden, Kadimah, J.J.W.B.) ist von den gleichen Kräften wie die allgemeine, besonders freideutsche beherrscht: Abkehr vom Rationalismus, vom kapitalistischen Geist und der Oberflächenkultur; Frontstellung gegen starre Bevormundung durch Familie, Schule, Gesellschafts- Neigung zu neuen, edleren Formen, zur Romantik des Manderns, zur Natur. Unser Dienst muß hier vom Vertrauen zur neuen Jugend getragen sein; keine Lehrhaftigkeit, kein Autoritätsstreben, sondern Anerkennung des Prinzips der Freiwilligkeit und jegliche Hilfe bei selbständiger Erarbeitung jüdischer und allgemein menschlicher Werte. Was die Jugendfürsorge betrifft, die die körperlich oder seelisch kranken, ge* sährdeten oder abnormen Zöglinge im Auge hat, so hat der Rabbiner sich aller gesetzlicher Handhaben und der Faktoren der freien Wohlfahrtspflege zu bedienen, um vorbeugend!zu wirken, und der Verwahrlosung und Kriminalität nach Kräften zu steuern. Es zeugte für das besondere Interesse an dem von. Dr. Samuel gewählten Gegenstand, daß sich an sein Referat eine mehr als einstündige Erörterung knüpfte, in der fast alle Konferenzmitglieder und namens der Gäste Frau Konrektor Loeb (Köln) das Wort nahmen. Tie gesamte religiös-sittliche und politisch-soziale Lage der jüdischen Jugend und die für den Rabbiner sich ergebenden Aufgaben wurden beleuchtet. Wohl gingen die Ansichten über wichtige Einzelprobleme (Gottesglauben, sexuelle Not, Sozialismus) weit auseinander; doch überwog die Hoffnung, daß die schwerste Krisis überwunden sei und eine vom Vertrauen zur Jugend und sozialem Verständnis getragene Mitarbeit nicht ohne Frucht bleiben könne. Im Anschluß an die Tagung erfolgte ein kurzer, aber durch die persönliche Führung von Dr. Kober äußerst anregender Besuch der jüdischen Sonderschau der Pressa. Hilfe der Sowjet-Union bei der jüdischen Kolonisation in Rußland Die Sowjetregierung hat — wie in einer Sitzung von Komzet mitgeteilt worden ist — viereinhalb Millionen Rubel aus staatlichen Fonds zu Zwecken der jüdischen Kolonisation im Jahre 1929 bewilligt. Komzet beschloß in der gleichen Sitzung, im Jahre 1929 statt 10000 nur 8000 jüdische Fa-- mitten auf dem Lande anzusiedeln. Bei einer Ansiedlung von — wie im ursprünglichen Plan vorgesehen — 10 000 Fa-- mitten hätte die Sowjetregierung 15 Millionen Rubel ausgeben müssen, da die ausländischen jüdischen Organisationen „Agro-Joint", „Jca" und „£>*" zu dieser Summe nur vier Millionen beigesteuert hätten. Bei der Ansiedlung von mu 8000 Familien verteilen fi«' die Ausgaben so, daß die ' Regierung nur 41/2 Millionen Rubel ausgibt.

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