Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 30 (27.7.1928)
- Date
- 1928-07-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Kit des gelobten Landes gedacht hatte, in denen auch nur ein schwacher Wunsch nach einer Wiederherstellung der früheren Zustände, nach einem Wiederaufbau des Tempels erklungen war; im Gegenteil, dif babylonischen Schulhäupter hatten eine Auswanderung nach Palästina geradezu als eine Sünde hingestellt. Jehuda Halevi war der erste, in dessem religiös-schwärmerischen Dichterherzen die Heiligsprechung des 1000 Jahre vor seiner Zeit zerstörten Tempels und des verwüsteten Landes Israel neu erstand. Nur dort sah er die Möglichkeit, im Sinne Gottes leben und wirken zu können, nur auf den Trümmern Jerusalems glaubte er höchste Erhebung zu Gott finden zu können, nur dort wünschte er zu altern und zu sterben. Diese Sehnsucht wurde von seiner Mitwelt nicht verstanden, seine Freunde suchten ihn auS seiner Schwärmerei herauszureißen, aber ihr Widerspruch, ihre nüchternen Bedenken, prallten wirkungslos ab. Jehuda Ben Samuel Halevi ist im Jahre 1086 im christlichen Altkastilien geboren, der Ort seiner Geburt ist unbekannt. In diesem Teile Spaniens stand die Wissenschaft bei weitem nicht aus der hohen Stufe, wie in dem arabischen Andalusien; dort blühten die Lehranstalten, dorthin trieb Wissensdurst den Knaben. In der berühmten Talmudschule zu Lucena erwarb er sich seine Kenntnisse, nicht nur talmudische, sondern auch in allen weltwissenschaftlichcn Zweigen, dort erwarb er vorzügliche Kenntnis der hebräischen und arabischen Sprache, dort erstanden im Kreise seiner Studicngcnosscn seine reizenden Jugendgedichte. Aber dort vollendete er auch seine Ausbildung für seinen erwählten Beruf als Mediziner. Nach Vollendung seiner Studien ließ er sich in Toledo nieder und wurdebald ein vielbeschäftigter und allgemein beliebter Arzt, aber auch ein schnell zu großem Ansehen gelangender Dichter und dann Führer und Leiter seiner Glaubensgenossen, Günstling und Ratgeber der Krone. Seiner Studienzeit entstammen wohl seine Wein- und Liebeslieder, seine Gesänge an Freunde und Genossen. Einige schöne Lieder mögen diese Periode beleuchten: „Er sah mir liebend in die Augen, Und ich hielt kosend ihn umfangen, Und in dem Spiegel meiner Augen Sah ich sein eigen Bild gefangen. Da küßt er mir die dunklen Augen Und küßte sie so heiß und wild. Der Schelm! Er küßte nicht die Augen, Er küßte nur sein eigen Bild!" * „Ihr Wort — ein Zauber, Ihr Geist — ein Wunder, Ihr Blick — ein Feuer, Mein Herz — der Zunder!" * „Ich bin dir mehr als Sonnenglanz; Ich bin dir mehr als Blumenkranz. Der Sonne fehlt's an Strahlen nicht, Allein sie bietet nimmer Dust! Die Blumen würzen süß die Lust, Jedoch sie senden nimmer Licht. Nur ich, Geliebter, ich allein Dir spende Dust und Hellen 'Schein Und leb' als Sonne und als Blume In deines Herzens Heiligtume." « „Begeisterung quillt mir aus dem Kruge Hebt mich empor aus Liedes Schwingen. O süße Lust bei jedem Zuge! Die Lippe schlürft, der Mund muß singen. Vertraulich ruf ich ihn und leise, Und freundlich neigt er mir die Lippen, Und gibt mir wunderbare Speise Bon seinem süßen Mund zu nippen. Euch, lieben Freunden, zwar ist bange. Ich könnt ein Trunkenbold gar werden. Ihr fragt besorgt: wie lang, wie lange Willst du noch trinken hier auf Erden? So wißt, ich Hab im Krug, ihr Besten, Ein Wunderelexier gefunden, Das macht all menschlichen Gebresten Und macht mich täglich neu gesunden. Wie sollt ich nun den Krug nicht ehren, Aus dem mir Edens Freuden winken, Und weil's die Jahre nicht verwehren, Will ich noch lange, lange trinken!" Er scheint cs „nach Studentenart" doch etwas arg getrieben zu haben, denn nachfolgende Zeilen zeigen, daß ihm seine Genossen ernste Vorwürfe gemacht haben: „Sah vierundzwanzig Jahre noch nicht scheiden Und soll den süßen Wein schon meiden?" Als die Studienzeit beendet, nimmt er schwermütig Abschied von seiner Liebsten: „So müssen wir uns trennen! Weile, Daß ich den Blick noch in dein Auge senke. Vergiß die Tage unsrer Lust nicht, Liebste, Wie ich der Nächte deiner Huld gedenke. Im Traum erscheinet mir dein Bild, O, sei auch du im Traum mir mild! Wenn einst gestorben, werd' ich doch vernehmen Von dir den Tritt, das Rascheln des Gewandes, Mit Licbesglut erwid'r ich aus dem Grabe Den Gruß, nicht mit dem Hauch des kalten Landes. Nimm hin mein Leben, nimm, befiehl, Verlängert's nur dein Lebensziel. Nicht hör' ich mehr die Stimm' aus deinem Munde, Doch tönt sie mir aus meines Herzens Grunde. So zieht dir nach die Seele, meine Glieder, Ein Schattenbild nur, hier verweilend. O, eine bald dem Leib die Seele wieder, O, kehr zurück, o komme eilends wieder." An einen 'seiner Freunde sind folgende Verse gerichtet: „Aus! Zieh'n wir nach den Gärten mit dem Weine, Der heißer Liebe Funken sprühet! Noch kalt, so lang er in der Hand, doch innen Da lodert's hell, wie Feuer glühet. Nun steigt er sonnig auf aus ird'ner Flasche, Wir fangen ihn uns ein in helle Gläser, So wandeln wir durch kühle Schattengänge, Beim würz'gen Duste frischer Gräser. Indes; wir fröhlich unfern Umgang halten, Will auch die Erde frohe Lust genießen; Sie lächelt, wenn die Regentropfen weinen, Die einzeln auf sie niederfließen. Sie freut der Tränen sich aus ihrem Antlitz Gleich reichgewirktem Perlenschleier, Und fröhlich lauscht sie, wenn die Schwalben zwitschern, Die Turteltaube girrt nach ihrem Freier. Jungfräulich jubelt sie der jungen Blätter Als dienten sie zum dust'gen Kranze, Und alles hüpft in zierlicher Bewegung, Als ging's zum frohen Reigentänze. Erquickend säuseln frische Morgenlüfte, Mit Wohlgeruch den Lieben tränkend, Es scherzt der Wind, die Myrte hauchet Düste, Wie ferner Freuden mild gedenkend. Der Palmen Wipfel rauschen vor Entzücken, Vernehmen sie der Vögel Liebeslieder. So hebt, so neigt sich die Natur, sich schmückend, Daß Isaaks würdig sie erscheine. Hörst du ihr Wort? Es lautet: Freudig strahl' ich, Weil ich mit Isaak mich vereine!" Als er dann in Toledo sich eine gesicherte Stellung geschaffen hatte, ging er ganz zur religiösen Poesie über, zur Krone seiner Lyrik. Die Harfen, die die einst vertriebenen Tempelsänger an die Trauerweiden der Bäche Babylons gehängt hatten, erklangen von neuem. Dreihundert Hymnen, Lob- und Büßlieder hat Jehuda Halevi für alle Freuden- und Trauertage des Synagogenjahres gedichtet, die die sefardischen Gebetbücher in großer Anzahl, die unsrigen nur in kleiner Auswahl enthalten. Mit welcher Andacht lauschen wir bei Beginn des Neilah-Gottesdienstes am Versöhnungstage in den Berliner Synagogen dem herrlichen „Joh schimmcho", das in der Uebersetzung Geigers lautet: „Gott, ich hab's in mir vernommen, Gläubig treu will ich Dir dienen, Will nicht fragen, will nicht grübeln, Dich zu meistern mich erkühnen, Bist mein Hort, mein , starker Schutzfels, Bist ein Licht, das All durchdringend. Also preist Dich jede Seele, So mein Herz auch, Dir lobsingend. Wer ergründet den Verborg'nen? Doch in seiner Gnadensülle Läßt herab er sich zum Sohne, Zeigt sich ihm in hcil'gcr Hülle. Und es schau'n ihn die Propheten Als Gestalt nicht, nicht im Bilde, Nur als König, hocherhaben, Groß an Weisheit, voll von Milde.". Tief religiös ist ein Morgcngebet: „Bevor Du mich geschaffen, Hast Tu mich schon gekannt; Ohnmächtig bin ich, kraftlos. Verstößt mich Deine Hand. Kann ich noch aufrecht wandeln. Kehrst Du Dich ab von mir? Ich denke, und Du lenkest, Nur Du bist Stütze mir! Zur Gnadenstunde fleh ich, O GOTT, zu Dir empor, Erhör' mich! Deine Liebe Ist mir ein festes Tor: Ermunt're mich zu wallen Früh morgens in Dein Haus, Und Deinen Namen sprech ich Dort segnend, Ew'ger, aus!" Einen Uebcrgang zu den Zionsliedern finden wir in folgendem kurzen Gedicht' „Sonn' und Mond in heller Pracht Leuchten fort zu ew'ger Wacht, Bilder sind's von Israel, Das besteht als Gottesmacht. Gottes linke Hand vertrieb's, Gottes Rechte nimmt's in Acht. Ewig, ein Naturgesetz, Dauert es wie Tag und Nacht." Seinen höchsten Wunsch, das gelobte Land auszusuchen, brachte er endlich zur Erfüllung. Er hatte die Mitte der fünfziger Jahre bereits überschritten, als er sich von seiner einzigen Tochter und von seinen geliebten Enkeln losriß und die Reise antrat. Widriger Winde, heftige Stürme trieben sein Schiff an die ägyptische Küste. Die Schauer dieser Reise beschreibt er im „Seesturm", einem herrlichen Gedicht, von dem ein Teil lautet: „Es brüllen di« Wellen und rollen In wechselnder Mächtigkeit über die Fläche. Der Himmel dunkelt, es schäumen die Wasser. 2« Tiefe entsteigend, Zerschellen die Wellen gegeneinander. Es siedet und brodelt, es zischt und heult. Und keine Macht bezwinget die gewaltigen Massen. Doch jählings brechen sie zusammen, Es teilt sich der Gischt Zu Schlünden hier, zu Bergen dort. Das schwache Schiff wird bald hinab, hinauf geschleudert Mein Augo sucht die Helfer. Wo sind sie? Da wendet sich mein Herz zu Ihm, Der Israel durchs Meer geführt, Ich rufe zu Gott, doch fürchte ich. Daß meiner Sünden wegen ihm mein Gebet mißfalle." Bon Aegypten kommt er über Arabien endlich nach Damaskus und Tyrus, dort verliert sich seine Spur. Jerusalem hat er wahrscheinlich nicht erreicht. Die Sage berichtet, daß er an den Toren Jerusalems unter den Hufen eines Sarazenenrosses sein Leben ausgehaucht habe, nachdem er im Anblick der heiligen Stadt sein berühmtes Zionslied beendet hatte. Dieses oft übersetzte Lied, u. A von Mendelssohn, Herder, Heller, lautet in Seligmanns Uebertragung in seinem ersten Teil: Zion, hast du keine Grüße für die armen, fernen Lieben, Die, zerstreut in allen Landen, inniglich dir treu geblieben? Ueber Länder, über Meere grüß' ich dich mit stillem Sehnen, Und ich weine um dein Elend ungestillte, heiße Tränen. O, daß ich sie weinen könnte dort in deinen heil'gen Hainen! Wie der Uhu schaurig klaget, wollt' ich um dein Unglück 'weinen. Doch wenn ich in seligen Träumen schaue deinen Aufgang wieder, Sollen wie Triumpfgesänge rauschen meine stolzen Lieder. Meiner Sehnsucht Schwingen tragen mich zu euch, ihr heiligen Orte, Wo sich einst den frommen Vätern aufgetan die Himmelspforte, Wo von Gottes heiliger Nähe Erd' und Himmel war umflossen. Wo nicht Sonne, Mond und Sterne, sondern Gott sein Licht ergossen, Meine Seele schwillt vor Sehnsucht nach dem Lande der Propheten. Gottesstadt und Thron des Königs — jetzt von Fremdlingen zertreten, Pilgern möcht' ich zu den Stätten, wo den Sehern Gott erschienen, Pilgern möcht' ich heißen Herzens zwischen heiligen Ruinen, Daß mein armes Herz gesunde — o, daß ich doch Flügel hätte. Auf der Sehnsucht Flügeln eilt'ich, mit dem Sturmwind um die Wette, Um auf deinen heiligen Boden hinzusinken mit Entzücken. In allen Synagogen der Welt erklingt heute noch dieses Lied am 9. Ab, dem Gedenktage der beiden Zerstörungen Jerusalems. Jehuda Halevi war aber nicht nur Dichter, sondern auch hervorragender Denker und Religionsphilosoph. Sein herrliches Buch K u s a r i oder richtiger A l - C h a s a r i, das er in reinster arabischer Sprache geschrieben, während seine Gedichte hebräisch verfaßt sind, ist ein wichtiges Denkmal seiner philosophischen Weltanschauung, ist heute noch nicht vergessen. In diesem Buche bezweckt er, die Angriffe der Philosophie gegen die Religion, speziell des Judentums, abzuwehren, die Religion selbständig der Philosophie gegenüber zu stellen. Das Buch hat einen geschichtlichen Hintergrund. Schon etwa 150 Jahre vor Jehudas Geburt war die Kunde nach Spanien gekommen, daß der König des Chazarenreiches, im Süden Rußlands, mit einem großen Teil seines Volkes zum Judentum übergetreten sei. Jehuda Halevi läßt diesen König Bulan sich zunächst mit einem Philosophen über die Fragen, die sein Denken bewegen, unterhalten. Dessen Ausführungen behagen ihm aber nicht. Dann befragt er einen christlichen und einen muselmanischen Geistlichen; aber auch deren Ansichten kann er, obwohl er ihnen in Vielem zustimmt, nicht voll beipflichten, zumal ihm ausfällt, daß beide sich auf Israels Geschichte beziehen. Er wendet sich an einen jüdischen Gelehrten, und die Unterhaltungen mit diesem füllen den größten Teil des Werkes aus. Der Jude nimmt zuerst Stellung zur Philosophie, dann geht er auf die Religion, besonders die jüdische, über, die er nun in allen Einzelheiten erläutert, und deren Tradition und Entwickelung er darlegt. Der König ist von den Unterhaltungen so bewegt und überzeugt, daß er den Entschluß faßt, das Judentum voll und ganz anzunehmen. Der Lehrer will nun den König verlassen, um seiner Sehnsucht nach Palästina Folge zu geben, er läßt sich auch von dieser Absicht, trotz allen Zuredens des Königs nicht abbringen. In diesem Lehrer schildert natürlich Jehuda Halevi sich selbst, seine Ansichten und Ueberzeugungen, sein Denken und seine Wünsche. Jehuda Halevi ist das Vorbild aller edlen Geister seines Stammes geworden, auf ihn ist der Bibelvers angewendet worden: „Hüte dich, den Leviten zu verlassen", um sein Andenken zu ehren und zu bewahren. Rätsel-Auflösung aus voriger Rümmer Israelitischer Gottesdienst in Frankfurt/M. Liberaler Ritus: Hanptsynagoge. Freitag, d. 27. 7., abds. 7. Sonnabend, d. 28. 7., morg. 9, nachm. 4, Ausgang 9.10. Wochcngottesdienst: morg. 7.30, nachm. 4. Synagoge an der Königsteiner Straße. Freitag, d. 27. 7., abds. 7 Predigt. Sonnabend, d. 28. 7., morg. 9. Wochengottesdienst: morg. 7.30, abds. 7. Konservativer Ritus: Synagoge am Börneplatz Freitag, d. 27. 7., abds. 7.35. Sonnabend, d. 28. 7., Frühgottesdienst 6.30, morg. 8, nachm. 4.30, Ausgang 9.10. Wochengottesdienst: morg. 6.15, nachm. 7.15. Synagoge Bockenheim. Freitag, d. 27. 7., abds. 7.30. Sonnabend, d. 28. 7., morg. 8.45, nachm. 4, Ausgang 9.10. Wochengottesdienst: morg. 6.30. Israel. Krankenhaus Gagernstr. 36. Freitag, d. 27. 7., abds. 7.35. Sonnabend, °d. 28. 7., morg. 8, nachm. 4. Diaiarartaiiea leier Art Renovierung von Wohnungen, fiestiiansionaien, Fassaden etc. Robert Butheim W50,KulmbaGherstr.7 Fernsprecher: LUtzoui 6260 Kostenanschläge gratis 1 Ter ein für Feuerbestattung in Berlin von 1874, e. T. verm. kostenlose Feuerbestattung Annahme W 35, LfltzowstraBe 44, Telephon: Lfitzow 960-61 und Charlottenburg, Kantctr. 154 a Ecke Fasanenstraße, Telephon: Steinplatz 1835 II WM tzi mar. II Keine Reuaa» ist larerl i A Die krbte iVelllroiiterenr liberaler Jütten (Reden, Diskussion, Beschlüsse) Gründungsversammlung der World Union for Progressive Judaism London, 10.—12. Juli 1926 Preis: Im Buchhandel Mk. 1.80 für Mitglieder der Vereinigung, die bei uns direkt bestellen Mk. 1- Uereiniounp ior das liDeraie Judentum E.U. Berlin SW 48, Wilhelmstraße 147 Verlag: Bereinigung für das liberale Judentum e. B., Berlin SW. 48. Verantwortlicher Redakteur: i. B. George Goetz, Berlin-Halensee. — Druck: Hermann Wegner & Co., Berlin-Mariendorf.