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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-07-27 · 30 (27.7.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
30 (27.7.1928)
Date
1928-07-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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-schwestern aller Richtungen auch an den Lokalitäten der ' öffentlichen Tanzdielen. Gehören diese mit ihren tollen Jazzi bandmelodien auch zur „Kur"?! Mit anderen Worten: Weshalb brechen so viele j nichtliberale Juden den Stab über der Betä-! li.gung liberaler Juden, ohne vor ihrer eige- > nen Tür zu kehren? Warum machen sich unzählige i nichtliberale Juden in „Zurechtlegung" ihres Lebens einen! recht weitgehenden und sehr bequemen „Schulchan Aruch", den sie in überheblicher Moral an liberalen Juden-tadeln und in Grund und Boden kritisieren?! Oder sollten sich etwa die Nichtliberalen auch den Forderungen der Zeit anpassen und die Entwickelungsmacht unserer großen jüdischen Religion anerkennen? — Das wäre eine Errungenschaft, wertvoll genug, um sie in den Annalen unserer religiösen Gegenwartserlebnisse mit goldenen Lettern zu buchen. — Und wirklich! Ein Sichverlieren in tatenloser Trauer in der Zeit der „drei Wochen" zwischen den altgewohnten Trauertagen des siebzehnten Tammus und des neunten Aw gliche einer Verleugnung des prophetischen Ideals der bedeutendsten Gottesmänner, die dem Erziehungsgedanken unseres Lehrers Mose als Träger der monothe'lstischen Gottesidee durch die Jahrtausende bis heute siegreich einen Boden bereitet haben! Der Fall Zions liegt im lebendigen Fortschritt unserer Religion tief begründet als ein Prozeß, ohne dessen Durchführung unser Glaube eine heidnische Irrlehre geblieben wäre. Möge das Wort „Ki mizijaun teze ssauroh", daß nämlich von Zion das Gotteswort ausgehen mußte, um die beglückenden Aufgaben und Ziele des Messiasreiches nach den heiligen Gesetzen einer ewigen Aufbauarbeit dem Universum in freiheitlicher Erfüllung seiner heiligsten Sehnsucht zu stellen, nur recht tief verstanden werden! I^ZuMzral^Eduard^olz^H Wie bereits in der vorigen Nummer unseres Blattes kurz gemeldet, hat die Königsberger Synagogengemeinde und darüber hinaus die gesamte Königsberger Oeffentlichkeit einen überaus schweren Verlust durch das Dahinscheiden des verdienstvollen Vorsitzenden der Königsberger Gemeind?, Justizrat Eduard Holz, erlitten, oor nach kurzem Krankenlager im 69. Lebensjahr hier verstarb. Am 1. April ds. Js. noch konnte Justizrat Holz sein 40 jähriges Amtsjubiläum als Vorstandsmitglied der Königsberger Synagogengemeinde feiern. Aus diesem Anlaß ernannten ihn die Gemeindekörperschaften zum Ehrenvorsitzenden der Gemeinde. Auch um den Synagogenverband Ostpreußen, dessen Vorsitzender Holz gleichfalls war, hat er sich große Verdienste erworben, desgleichen um die Ortsgruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der er lange Zeit hindurch als stellvertretendes Vorstandsmitglied angehörte. Seit Gründung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden gehörte er dessen Rat an und arbeitete eifrig in ihm mit. Auch auf dem Gebiet der Wohltätigkeit zeichnete sich Eduad Holz aus. So stand er dem Verband für jüdische Wohlfahrtspflege und der Chewra Kadischa nahe, welch letztere ihn zu ihrem Ehrenmitgliede ernannte. Weiterhin leitete er den Israelitischen Studienförderungsverein. In religiöser Beziehung stand er durchaus aus liberalem Boden. Sein ältester Sohn Rechtsanwalt Dr. Siegfried Holz ist stellvertretender Vorsitzender der Königsberger Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum und wirkt so im liberalen Sinne seines Vaters in der jüdischen Oeffentlichkeit. Besonders groß sind seine Verdienste um die Förderung des Friedens in der Gemeinde; der Anschluß der Separatgemeinde Adaß Jisroel an die Hauptgemeinde war im wesentlichen seiner Tätigkeit zu verdanken. Die Beamten der Synagogengemeinde verlieren in ihm einen warmen Freund und Förderer. Im öffentlichen Leben seiner Vaterstadt zeichnete sich Eduard Holz durch jahrzehntelange Mitarbeit in der Königsberger Stadtverordnetenversammlung aus; er gehörte den demokratischen und fortschrittlichen Fraktionen an. Auch an der Parteiarbeit nahm er regen Anteil und arbeitete im Aufsichtsrat der alt angesehenen Königsberger Hartungschen Zeitung mit. Seine Verdienste um die Oeffentlichkeit würdigten kürzlich bei seinem Jubiläum der Vertreter des Oberpräsidenten und Bürgermeister Dr. Goerdeler. Das Hinscheiden von Eduard Holz wird weit über den Kreis der Königsöerger und ostpreußischen jüdischen Gemeinden hinaus betrauert. * Die Trauerfeier. Die ungeheure Teilnahme, unter der Justizrar Eduard Holz am letzten Sonntage in Königsberg beigesetzt wurde, zeugte von der starken Liebe und Verehrung, die der Verblichene in weitesten Kreisen genossen hat. Für die Angehörigen der Familie, die Freunde des Hauses sowie die Amtsgenossen aus den jüdischen Gemeindekörperschaftcn und Organisationen sand zunächst eine kleine Feier im Heime von Eduard Holz statt. Diese wurde nach einer musikalischen Einleitung durch ein Terzett durch einen Traucrgesang von Ersten Kantor Dr. P i ck eröffnet. Danach sprach Gemeinderabbiner Dr. L c w i n tief empfundene Worte, in denen er Eduard Holz als Menschen >vie als Familienvater würdigte. Besonders ergreifend war es, als namens der Familie der älteste Sohn des Verblichenen, Rechtsanwalt Dr. Siegfried H o l z, der als Führer der jüdisch-liberalen Bewegung und als Mitglied der Repräsentantcnvcrsammlung im Sinne des Verstorbenen wirkt, das Wort ergriff und dem toten Vater den Abschiedsgruß zurief. Tie Teilnehmer dieser kleinen Trauerfeier geleiteten dann Eduard .Holz von seiner Wohnung aus auf den letzten Weg. In der Leichenhalle des jüdischen Friedhofes hatte sich eine außerordentlich große Menge von Leidtragenden angesammclt. um dem toten Führer die letzte Ehre zu erweisen. Neben den Vertretern der Behörden und der jüdischen Gemeinden und Korporationen aus der ganzen Provinz waren besonders die Kreise der Justiz, der Wirtschaft, der Politikv und der Wohlfahrtspflege stark vertreten. Unter den Erschienenen bemerkte man den Oberpräsidenten S i c h r als Vertreter der Provinz Ostpreußen sowie Stadtmedizinalrat Dr. Ian - k o w s k i als Abgesandten der städtischen Körperschaften. Die Feier in der Leichenhalle wurde mit einem Sologesang von Kantor W o l l - heim und einem Chorgesang eröffnet, worauf Gemeinderabbiner Dr. Lewin das Wort ergriff, um in ausführlicher Weise in formvollendeter Rede das Wirken Eduard Holz' in der Oeffentlichkeit zu schildern, der im besten Sinne des Wortes ein guter Jude und seiner Gemeinde ein treuer Vater gewesen sei. Er erinnerte an die tiefe Liebe zum Judentum und zur ostpreußischen Heimat, die den Verstorbenen auszeichncte. Noch vor kurzem habe er in voller Frische sein 40 jähriges Amtsjubiläum als Vorstandsmitglied der Gemeinde feiern und bald darauf die Tagung des Verbandes ostpreußischer Synagogengemeinden leiten können. Er schilderte weiterhin die menschlichen Vorzüge des Verstorbenen und gab der tiefen Trauer Ausdruck, die in weiten Kreisen der ostpreußischen Judeicheit herrscht. Namens des Vorstandes der Repräsentantenversammlung der Königsberger Jüdischen Gemeinde ries der stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes, Geheimer Medizinalrat Professor Dr. F a l k e n h c i in , dem Verewigten herzliche Worte des Dankes nach für alles, was Eouard Holz für seine Königsbergcr Gemeinde getan habe. Nach ihm sprach der stellvertretende Verbandsvorsteher des Verbandes der Synagogengemcinden Ostpreußens, Großkaufmann Arthur Cohn, namens der ostpreußischen Gemeinden den tiefen Dank für die aufopfernde Hingabe im Dienste der gemeinsamen Sache aus. Es folgte der Vertreter des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee- Berlin, der in packenden Worten der treuen Mitarbeit Holz' im Großen Rat des Preußischen Landesverbandes gedachte. — Für die -Deutsche Demokratische Partei sprach deren Landesverbandsvorsitzender Stadtarzt Dr. G e n tz e n, der des Wirkens von Eduard Holz innerhalb der Partei zum Wohle seiner Heimatstadt und zum Wohle des Vaterlandes gedachte. Eduard Holz habe manchen politischen Gegner, aber keinen persönlichen Feind gehabt. — Für den Aufsichtsrat und den Vorstand der Königsberger Hartungschen Zeitung, deren Aufsichtsratsmitglied der Dahingeschiedene war, sprach deren Chefredakteur und Direktor Dr. Hans Wolfs herzliche Worte des Abschieds. Als letzter Redner nahm der Breslauer Gemeindcrabbiner Dr. V o g e l st e i n das Wort, um als Freund und ehemaliger Mitarbeiter des Dahingeschiedenen, mit dem ihn eine 23 jährige gemeinsame Tätigkeit im Dienste der Königsbergs Jüdischen Gemeinde verbunden habe, von dem Freunde in ergreifender Weise Abschied zu nehmen. Nach einem Gesänge vom Ersten Kantor Dr. Pick und Chorgesang setzte sich der lange Trauerzug von der Leichenhalle zum Grabe in Bewegung, wo der Sarg in die Gruft gesenkt wurde und nach einsegnenden Worten von Gemeinderabbiner Dr. Lewin die Söhne des Verstorbenen das Kaddischgebet sprachen. Ferien-Arbeik in der Berliner Repräsentanz Die neue Altersversorgungsanstalt bewilligt. Ungewöhnliche Verhältnisse ersordern ungewöhnliche Maßnahmen. Der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde hat augenblicklich so weitgehende Pläne und Aufgaben, daß er sich veranlaßt sah, die Repräsentanten-Versammlung um Abhaltung einer Sitzung jetzt während der Sommerferien zu bitten. Natürlich konnte die Sitzung nur unter erschwerenden Umständen vor sich gehen: ein großer Teil der Liberalen Repräsentanten und auch der Stellvertreter ist verreist, so daß die liberale Fraktion nur durch sechs Personen vertreten war. Die konservative Fraktion war noch schlimmer dran: der konservative Repräsentant, Herr Moritz A. Loeb, ist ebenfalls verreist und als sein Vertreter erschien — infolge der konservativ-zionistischen Listenverbindung — der Volksparteiler Dr. Loeb. Die Volkspartei war, unter Zuhilfenahme von Stellvertretern, vollzählig. Für die Mittelpartei war lediglich eine Person, die Stellvertreterin Frau Eschelbacher, zur Stelle; Poale-Zion war wie gewohnt durch Dr. Oscar Cohn vertreten. Die unerwartete Einberufung in der Reisezeit hatte zu allerlei Gerüchten geführt: die benachteiligten Parteien fürchteten irgendeine Ueberrumpelung in irgendeiner prinzipiellen Frage. So hatte z. B. Herr Loeb — derselbe Herr Loeb, der im Juli 1926, als die Liberalen einschließlich des damaligen Vorsitzenden R.-A. Heinrich Stern zur ersten Weltkonferenz nach London gefahren waren, als stellvertretender Vorsitzender die Repräsentanz einberief, um die Pläne der damals in der Mehrheit befindlichen Liberalen während deren Abwesenheit zu durchkreuzen — jetzt merkwürdigerweise aus dem Bad ein Schreiben nach Berlin gerichtet, mit dem er gegen die Einberufung während der Ferien protestierte! (Es ist eben etwas anderes, ob man eine Sache tut oder sie erleidet.) Auch der Liberale Moritz Rosenthal hatte aus Tirol solchen Protest geschickt, aber er erinnerte sich offenbar noch der Vorgänge von 1926, während Herr Loeb sie vergessen zu haben scheint. Nun, die Befürchtungen waren diesmal erfreulicherweise überflüssig. Eine einzige Angelegenheit, die ein besonderes Streitobjekt zwischen den Parteien bildet, wurde laut Uebereinkunft im Ausschuß bereitwilligst von der Tagesordnung abgesetzt; das ganze übrige bedeutungsvolle Programm wurde in Ruhe und Sachlichkeit verhandelt. Zu Eingang der Sitzung wurde des verstorbenen J.-R. Holz (Königsberg) gedacht, zu dessen Ehren sich die Versammlung erhob. Frau Eschelbacher wurde als Jubilarin begrüßt. Sodann gelangte das Einladungsschreiben der Vereinigung für das liberale Judentum zur T eilnahme an der Jüdisch-liberalen Weltverb a n d s t a g u n g zur Verlesung. Die Versammlung beschloß, dieser Einladung Folge zu leisten und als ihre Vertreter Herrn Geh. San.-Rat Dr. Julius Stern und Frau Dr. Ernestine Eschelbacher zu benennen. Wichtigster Punkt der Tagesordnung: die IV. Alterversorgungsanstalt. Man unterhielt sich darüber, ob die alten Leute am Sabbat zu dem im dritten Stock geplanten Betsaal mit dem Fahrstuhl fahren dürfen (Prof. Loewe, Volkspartei), und ob die Küche wegen ihrer Dünste nicht statt wie nach dem Plan im Keller in einem Obergeschoß liegen müßte (Frau Hamburger, liberal); die Summe von einer Million Mark für den Bau der Anstalt in Schmargendorf wurde einstimmig bewilligt. Die Anstalt soll spätestens im Herbst 1929 ihrer Bestimmung übergeben werden und wird baulich den Charakter eines Wohnheims tragen. Als Dringlichkeitsantrag wurde eine Vorlage betreffs Bau einer Mädchenschule in der Auguststraße behandelt. Die jetzige Unterbringung der Mädchenvolksschule in der Kaiserstraße ist, da teilweise sogar eine Schulbaracke auf dem Hof benutzt werden muß, höchst notdürftig und Abhilfe dringend nötig. Die vom Vorstand für den Neubau beantragten Mk. 520000,— wurden einstimmig bewilligt, „nicht ohne innere Hemmungen", wie der Vorsitzende, Dr. Klee, im Hinblick auf das gewaltige Anwachsen des Gemeinde-Budgets bemerkte. Die Vorstandsvorlage wegen Erhöhung der Beerdigungsgebühren wurde von der Versammlung in einerderartig stark modifizierten Weise angenommen, daß der Beschluß einer Ablehnung oder doch Vertagung gleichkommt. Bewilligt wurde u. a. die Errichtung einer Kantine in den durch Fortzug des Preußischen Landesverbandes freigewordenen Räumen. Sie soll dem Personal der Gemeinde, nach Möglichkeit aber auch den Mitgliedern der Repräsentantenversammlung an den oft bis nach Mitternacht dauernden Sitzungsabenden dienen. Schließlich wurde auch eine Reihe von Subventionsanträgen bewilligt, darunter 1000 Mark für die Hechaluz. Eine Debatte entspann sich um das Gemeindeblatt, von dem, und zwar von Rednern aller Fraktionen, gesagt ' wurde, '.es zeige sich immer deutlicher die -Notwendigkeit der Anstellung eines Redakteurs. Alles in allem eine nach Ton und Inhalt erfreuliche - Sitzung mit sachlicher Arbeit und positiven Leistungen. Als . wichtigstes, von allen Parteien begrüßtes Ergebnis: die Altersversorg'-.ngsanstalt. Zugendtagung in Mannheim Die Jugendgemeinde Mannheim hatte auf den 21. und 22. Juli d. Js. die gesamte organisierte jüdische Jugend Deutschlands zu einem Jugendtag nach Mannheim einberufen. Es sollte sich hier erweisen, ob die von der Jugendgemeinde Mannheim propagierten und teilweise schon in die Tat umgesetzten Ideen für die gesamte jüdische Jugend als Forderung erhoben werden können. Diese Jugendgemeinde, welche vor wenigen Jahren von Rabbiner Dr. Grünewald ins Leben gerufen wurde, von ihm geleitet and mit impulsiven Ideen durchtränkt wird, hat den meisten andern Jugendorganisationen eines voraus: Sie begann nicht mit Theorie und Leitsätzen, sondern von vornherein mit der positiven Leistung. Tie Leitsätze kristallisierten sich erst nach und nach auf Grund, der hier gemachten praktischen Erfahrungen. So ist es Dr. Grünewald gelungen, fast aus allen jenen hiesigen Kreisen, die in der Peripherie jüdischen Bewußtseins sich bewegen, um sich zu sammeln, sie zur Entfaltung ihres jüdischen Bewußtseins und ihrer Kräfte zu bringen und bis heute an sich zu fesseln. Was vielen Skeptikern unmöglich schien, wurde hier zur Tat. Somit hatte Dr. Grünewald wohl das Recht, seine Ideen über „Jüdische Lebensgestaltung" der gesamten j üdischen Jugend hier vorzutragen. Vertreten waren die verschiedensten Gaue Deutschlands, bis hinein nach Litauen; es waren hier Vertreter der neutralen Bünde, der national, orthodox und liberal gerichteten Verbände in allen ihren Schattierungen. S i e g b e r t S t a h l, ein Sprößling der hiesigen Jugendgemeinde, stellte folgende „Gemeinsame Forderungen jüdischer Jugend": 1. Das Wahlrecht innerhalb der jüdischen Gemeinde beginnt mit dem 20. Lebensjahr und ist unabhängig von irgendwelcher Karenzzeit. 2. Die Errichtung von Jugendheimen ist Ausgabe der Gemeinden. 3. Bei Schaffung von Jugendheimen, Gestaltung des Jugendgottesdienstes etc. ist die Jugend mitbestimmend heranzuziehen. 4. Der Religionsunterricht ist nach Grundsätzen moderner Pädagogik umzugestalten. 5. Jüdische Aufbauwerke, wie der Aufbau Palästinas, Bauernsiedlungen im Galuth, sollen nicht Sache einer Partei, sondern des gesamten Judentums sein. Die Aussprache ergab jedoch, daß es heute noch nicht möglich ist, die verschiedensten Anschauungen, die zu btefen Thesen laut wurden, unter einen Hut zu bringen. Manche der Thesen wurden bereits in der Diskussion abgelehnt. Es wurde auch mehrfach die Auffassung vertreten, daß es nach dem Mannheimer Beispiel wohl berechtigt sei, die Jugend bis zum 15. oder 16. Jahre tendenzlos zur positiven Arbeit anzufeuern, daß aber dann im reiferen Alter die Weltanschauung jedes einzelnen ihr Recht fordert und zum Zusammenschluß Gleichgerichteter drängt. So war es hier nicht möglich, auf einer gemeinsamen Linie sich zu einen und obige Resolution wurde vorerst zurückgestellt. Trotzdem war für jeden Teilnehmer der Tag befruchtend: Er zeigte die große Verantwortung, die die Jugend in sich fühlt, die jüdische Gemeinde der Gegenwart, die sich vielfach nur als einen Verwaltungsapparat betrachtet, zu einer wahren, religiösen Gemeinschaft umzuaestalten, ausgestattet mit allen kulturellen und religiösen Institutionen, die inneres, pulsierendes Leben zu entwickeln geeignet sind. Diese neue jüdische Gemeinde, deren beste Kräfte aus der Jugendbewegung herauswachsen sollen, biete dann nach Auffassung der Jugend beste Gewähr für den Fortbestand des sonst in Westeuropa versinkenden Judentums. Und daneben zeigte die Mannheimer Tagung noch, daß die jüdische Jugend nicht geführt werden kann durch Ideen und rein geistige Kräfte, sondern daß mit einem Kraftvollen, zielbewußten Führer die ganze Institution steht und fällt. Die Mannheimer Jugend hat dies in der Tat bewiesen. St. Amschau Stammesgemeinschaft oder Religionsgemeinschaft? (Die Neger-Juden u n d d a s „Jüdische V o l k".) In der heutigen Zeit herrscht eine ungerechtfertigte Abneigung gegen theoretische Klärung von Problemen. Wenn man beispielsweise in einem theoretischen Vortrag dartut, daß das Judentum Religion ist und die jüdische Gemeinschaft daher (unbeschadet dessen, was sie in alten Zeiten gewesen sein mag) als Religionsgemeinschaft aufzufassen ist, so werden unweigerlich superkluge Debattenredner ausstehen, etwas von oben herab die „graue Theorie" des Referenten abtun und alsdann mit flammendem Pathos über die „biologische Struktur des jüdischen Menschen, wie wir ihn aus der Erfahrung kennen", sprechen. Glücklicherweise gibt es für jede richtige Theorie immer die dazugehörigen Erfahrungstatsachen. Wie wenig die Erfahrungstatsachen für einen einheitlichen jüdischen Stamm oder gar für ein jüdisches Volk sprechen, wie wenig wir von einem durch einheitliche biologische Struktur charakterisierten „jüdischen Menschen" etwas erfahren, wie sehr wir im Gegenteil immer von der rassischen und biologischen Mannigfaltigkeit der „Juden", d. h. der Anhänger der jüdischen Religion erfahren, wie sehr dennoch die Theorie vom alleinigen Bestehen einer jüdischen Religionsgemeinschaft durch die Erfahrungstatsachen bestätigt wird, dazu diene folgender Beitrag aus dem „Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz" (Nr. 28 vom 13. Juli) als Beleg: „Der letzte Ncgerkongres; in New Port hat die Aufmerksamkeit auf die in New dsork bestehende Synagoge der schwarzen Juden gelenkt. In New Port lebt eine ansehnliche Zahl jüdischer Neger, die in dieser Synagoge vereinigt sind. Ihr Nabbiner, Jesaja A. Ford, der gegenwärtig an der Spitze der den Namen „Beth Benei Abraham" (Haus der Söhne Abrahams) führenden Synagoge steht, wurde von dem Mitarbeiter des „Morning Journal" ausgesucht und über die Gemeinde der schwarzen Juden ausgefragt. Rabbi Jesaja Ford erzählte: Ich bin in Westindien geboren, mein Vater Thomas und meine Mutter Elisabeth waren beide Juden. Mein Vater trat dann zum Christentum über, kehrte jedoch vor nicht langer Zeit infolge meines Einflusses zum Judentum zurück. Meine Mutter blieb eine gute Jüdin und erzog mich auch in jüdischem Geiste. Sie bestellte für mich einen Juden aus Aegypten, der mich im hebräischen Schrifttum unterrichtete. Im Jahre 1910 kam ich nach Amerika und da ich als Komponist und Musiker unter den Negern einen guten Namen habe, wurde ich von der Universal Negro Jprovement Association zum Musikdirektor bestellt. Ich nahm die Gelegenheit tvahr und gründete Bibelkurse für Neger und hielt Vorträge über die Ethik des Judentums. Diese meine Kurse und Vorträge hatten großen Erfolg, bis ein christlicher Missionar es durchsetzte, daß ich an der weiteren Abhaltun,^ solcher Vorträge gehindert wurde. Die Aufgabe unserer Synagogengemeinde ist, die Lehre des traditionellen Judentums zu verbreiten und im Geiste des jüdischen Glaubens und der Tradition zu wirken."

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