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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-07-27 · 30 (27.7.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
30 (27.7.1928)
Date
1928-07-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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W o l f f s o h n, Breslau. Man hat schon häufig dem Judentum vorgehalten, daß es in seiner grundlegenden Urkunde, dem alten Testament, nichts von einem Fortleben der Seele nach dem Tode erwähne und erst durch das Christentum und von diesem den Glauben an ein Jenseits ausgenommen habe. Jüdische und christliche Religionsgelehrte haben mit Recht diesen Standpunkt bekämpft und zum Beweise folgendes dargelegt. Es ist an und für sich schon ganz unmöglich, daß ein Volk von einer so hohen ethischen Kultur, wie es die Israeliten im Vergleich zu anderen gleichzeitigen Völkern waren, in dieser Beziehung nicht einmal auf einem Standpunkt gestanden haben sollte, den schon ganz niedrig stehende Negervölker einnehmen. Außerdem beweist schon die Stelle in Jakobs Sterbegebet „Auf Deine Hilfe, Ewiger, vertraue ich..daß dieser Patriach an eine Fortdauer der Seele imch dem Tode geglaubt hat. Ferner zeigen die Verbote der Totenbeschwörung die Annahme von einer Weiterexistenz der Geister der Dahingeschiedenen. Die erfolgreiche Beschwörung des Geistes Samuel durch das Wew von Endor im Aufträge Sauls ist ein weiterer Beweis. Freilich war in krassem und wahrscheinlich gewollten Gegensatz zur Religion der Aegypter keinerlei Totenkult geboten, keinerlei Schilderung des Totenreiches gegeben. Der Aufenthalt der Seele unmittelbar nach ihrem Abscheiden war die „Scheol", ein Ort düsteren Grauens. Wann und wie die Erlösung aus ihn stattfinden und die Seele aus diesem Schattenreiche zu einem jenseitigen Leben gelangen sollte, darüber verlautet nichts im alten Testament. Auch in den Psalmen ist immer nur von der furchtbaren „Scheo l" die Rede; irgendwelche Schilderung eines paradiesischen Jenseitslebens kann man aus keiner Stelle herauslesen. Daß man aber an das Vorhandensein eines solchen schon in den frühsten biblischen Zeiten glaubte, dürfte wohl aus der Schilderung des Todes von Henoch und vom Prophet Elia deutlich zu entnehmen sein. Beide nahm nach der Schilderung der Bibel der Ewige zu sich, ohne daß sie erst in das Schattenreich wandern mußten. Erst mit dem babylonischen Exil zeigt sich in dm biblischen Schriften, derm Entstehung um diese Zeit angenommen wird, eine Entwickelung des Jenseitsbegriffs im Judentum. Stellm im zweitm Jesaia, im Buche Daniel und noch mehr in Koheleth dmtm darauf hin, daß das Judentum sich die Art und Weise babylonischer und persischer Schilderung einer zukünftigen Welt etwas zu eigen gemacht hat. Allerdings immer unter Anwendung des jüdischm Begriffes von Gott als Weltmrichter und Erlöser. Und diese Entwickelung schöpfte dann weitere Kraft aus der Lehre vom Messias, den Jesaia prophezeit hatte. Im Buch der Makkabäer zeigt sich auch diese Auffassung ganz deutlich. Juda Makkabäus läßt für seine in der Schlacht gefallenen Brüder betm und Sühneopser darbringen. Später lehrten vor allem die Pharisäer in volkstümlicher Weise die körperliche Auferstehung und schilderten das Leben nach dem Tode in Bildem, die dem Begriff irdischer Glückseligkeit entsprachen. Andere Richtungen im Judentum vergeistigen diese Lehre durch mehr philosophische Anschauungen. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels am 9. Ab 3830 (70) wurde im Judentum die Lehre eines Jenseits noch mehr erweitert und befestigt. Man hat vom Christentum gesagt, seine Ausbreitung sei nicht so sehr und nicht so rasch durch die ihm innewohnende Ethik erfolgt, als durch die Lehre vom gestorbenen und wiedererstandenen Gott, der durch den Glauben an ihn dem einzelnen Menschen ein Weiterleben nach dem Tode und Belohnung in einem Jenseits verbürgt. Jedenfalls ist das Judentum auf diesem (wie wir gesehen) von ihm vorher nicht beschrittenen Wege lange nicht so weit geangen. Das talmudische Zeitalter brachte aber doch noch weitere Fortschritte in dieser Beziehung. Im allgemeinen lehrte der Rabbinismus (bis auf einzelne einschränkende Ausnahmen) göttliches Gericht (Belohnung und Be - strafung) und die Auferstehung der Toten zu einem nach irdischen Begriffen glücklichen Leben mit verschiedenen Rangstufen je nach der auf Erden bewiesenen Frömmigkeit; mit Tanzbelustigungen und Gaftmählern, bei denen „die Frommen mit dem Fleische des Lewiathan (des Riesenfisches) und mit Wein bewirtet werden, der aus seit Erschaffung der Welt bestehenden Trauben gekeltert war". Und während die Frommen im „Ga n eden", im Paradiese, solche Freuden genießen, erleiden die Sünder im „Gehinnom", in der Hölle, ihre Strafen. Auch die Verkörperung des Bösen durch den Satan trat mehr in Erscheinung. Die immer mehr verirdischte Auffassung vom' Jenseits hat Maimonid e s energisch bekämpft und den Grundriß eines rein geistigen Fortlebens nach dem Tode als einzig wahren aufgestellt. Nicht zuletzt deshalb wurden seine Schriften in den Bann getan; seine Gegner warfen ihm vor, daß er 'die Auferstehung des Fleisches leugne. Auch eine mehrfach erfolgende Wanderung der Seele nach ihrem Abscheiden durch mehrere Menschen in Form eines Neugeborenwerdens wurde angenommen. Man erklärte auch so das Leiden von Frommen Der Preußische Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden (Halberstadl) läßt durch die Jüdische Telegraphen-Agentur folgende Nachricht verbreiten: Der Entwurf eines Gesetzes über die Verhältnisse der Synagogengemeinden in Preußen ist gemäß den Beschlüssen der Verbandsversammlung vom 4. September 1927 der Regierung zur Kenntnis gebracht worden. Um ein einheitliches Vorgehen der gesamten preußischen Judenheit zu erwirken, war in wiederholten Verhandlungen einer gemischten Kommission beider Landesverbände ersucht worden, einen gemeinsamen Entwurf zustande zu bringen. Die letzte Verhandlung fand am 15. Juli ohne abschließendes Ergebnis statt und eröffnete Aussichten für eine Verständigung in wesentlichen Punkten. Dieser Verständigung sollte eine von unserem Verbände beantragte kleine Unterkommission dienen. Am 17. d. Mts. teilte aber der Berliner Landesverband mit, er habe seinen Entwurf unverändert der Regierung eingereicht. Infolge dieser überraschenden Mitteilung wurde nunmehr auch der diesseitige Entwurf dem Ministerium vorgelegt. Dazu wird uns vom Preußischen Landesverband mitgeteilt: und Gerechten und sagte, daß eben diese Seele einst in anderer menschlicher Gestalt gesündigt habe und nun dafür büßen müsse. Die Kabbalisten stellten sogar den Grundsatz auf, daß die Menschenseele auch durch Tiere, Pflanzen und Mineralien wandere. Seit Mendelssohn und noch mehr seit der Judenemanzipation, also seit ungefähr einem Jahrhundert, hat sich die Anschauung im Judentum über diese Dinge nicht wesentlich verändert. Seine Bekenner sind zum Jenseitsglauben je nach ihrer mehr oder weniger strenggläubigen Richtung eingestellt. Auf ostjüdischen Friedhöfen sieht man noch heute die Gräber besonders frommer jüdischer Menschen mit Papiecschnitzeln bedeckt, auf welche Leidende und Bedürftige ihre Wünsche geschrieben, damit der Geist des Verstorbenen deren Erfüllung bei Gott befürworte. Für den orthodoxen und konservativen Westjuden zielt das „K a d dis ch gebet" und das „El mole rach am in" auf das himmlische Wohl des Verblichenen im Jenseits hin. Man lehnt auch in diesen Kreisen die Feuerbestattung nicht nur aus grundsätzlichem Festhalten am Ueberkommenen ab, sondern auch weil man glaubt, daß durch eine Verbrennung die Auferstehung des Fleisches (wie sie z. B. der Prophet Jecheskel in einer Vision schildert) unmöglich gemacht wird. Der liberale Jude wird in der Hauptsache nur an ein rein geistiges Fortleben der Seele glauben. Er wird sich nicht ausmalen wollen, und können, wie ein solches beschaffen und da nur sagen: „Jgnorabimus! Kein Sterblicher wird es je ergründen können!" Und der „Kaddisch", dieses schönste und ergreifendste Totengebet, bedeutet für ihn die Zurückrufung und Veranschaulichung des Bildes seiner Toten vor das geistige Auge; eines verklärten Bildes, das frei ist von allen Schlacken des irrenden und irdischen Menschenlebens. Warum dieses Thema gerade heute hier zum 9. Ab behandelt wird? Nun deshalb, well der Zeitpunkt zu denken gibt, von welchem an sich das Judentum stärker und eingehender mit der Lehre von einem Jenseits befaßt hat. Zunächst die Zerstörung des ersten Tempels und dann die mit der Zerstörung des zweiten verbundene endgültige Auflösung des jüdischen Staates. Gewiß haben äußere Einflüsse sehr stark eingewirkt; zunächst das babylonische Exil und dann die Zerstreuung der Juden unter die Völker der Erde. 'Babylon, Christentum und Zoroasterlehre traten mit ihren Begriffen von einem jenseitigen Leben an die einzelnen Juden heran, die nun nicht mehr wie vorher von Andersgläubigen abgeschlossen waren. Aber Israel in seiner Gesamtheit hat auch noch etwas anderes aus den beiden Tragödien der Tempelzerstörungen gelernt, namentlich aus der des 9. Ab. Es hatte gesehen, daß die Seele seines Volkes, seines Staatswesens, das doch eine vollkommene Theokratie war, unsterblich ist. Daß diese Seele sich viel klarer und schöner zeigte, nachdem der irdische Leib des sie umhüllenden, ja noch mehr verbergenden Staatswesens in Staub und Trümmer gefallen. Israel hatte erfahren die Wahrheit dessen, was seine Propheten ihm gekündet und was der letzte der jüdischen Propheten, Rabbi Jesus von Nazareth, mit den Worten hatte sagen wollen: „Mein Reich ist nicht von dieser W e l t!" Und weiter sah das Judentum, daß seine Seele auferstand, immer aufs Neue, in vielfacher Gestalt. In der neuen Art seinem Gotte zu dienen, ohne blutige Opfer, ohne ein Zentral-Heiligtum, nur durch Gebet, Gesinnung und Tat. Zum Teil auch in den beiden monotheistischen Eine Notiz des Halberstädter Bundes gibt uns Veranlassung zu folgender Erllärung: Die Einreichung des Entwurfes zum Judengesetz seitens des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden mußte, nachdem seine beiden Gremien, Verbandstag und Rat, sich dahin schlüssig geworden waren, nunmehr erfolgen. Das bedeutet aber keineswegs, daß der Landesverband die Verhandlungen mit dem Halberstädter Verband als beendet betrachtet. Im Gegenteil legt der Landesverband den größten Wert darauf, daß die vom Halberstädter Verband angeregte kleine Unterkommifsion ihre Arbeiten so bald wie möglich aufnimmt!, und hält nach dem Ergebnis besonders der letzten gemeinsamen Besprechung eine Verständigung zwischen beiden Verbänden durchaus für möglich. Dieser Erwartung ist seitens des Landesverbandes auch bei der Nachricht an den Halberstädter Verband über die Einreichung des Entwurfs an die Staatsregierung Ausdruck gegeben worden. Durch diese Kontroverse zwischen den beiden Gemeindeverbänden erfährt die Oeffentlichkeit die bedeutungsvolle Tatsache, daß der Gesetzentwurf, an dem seit Bestehen des Preußischen Landesverbandes gearbeitet wird, nunmehr der Preußischen Regierung eingereicht worden ist. Tochterreligionen. In aller: edlen Menschheitsbestrebungen durch die Jahrhunderte hindurch bis in die allerjüngste Jetztzeit, die dem vernünftigen Pazifismus eine vernünftige äußere Form und Wirksamkeit zu geben ernstlich bemüht ist. In der Tatsache, daß die wahre Wirkung jüdischen Geistes für die Menschheit und befruchtend für die einzelnen Kulturen sich nur dann erweisen kann, wenn das jüdische Individuum sich politisch und bürgerlich in sein Vaterland eingefügt hat. Und wenn wir liberalen Juden einen national-jüdischen Aufbau von Palästina bekämpfen, so geschieht solches auch aus dem Grunde, weil wir an eine körperliche Auferstehung auch in dieser Beziehung nicht glauben. Sie hat noch niemals, noch bei keinem Volk den alten Geist aufs neue hervorgchracht oder auch nur gestärkt. Wir greifen nur ein Beispiel heraus, das alte Hellas und das neue Griechenland. Und auch bei der „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk" können wir nach derm fast 10 jährigen Bestehen erkmnen, daß alle Mängel, die dem Begriff Staat anhaftm, bei ihr vorhanden. Daß aber (bei aller Anerkmnung des Idealismus einzelner Persönlichkeiten) von einer Veredlung der jüdischm Allgemeinheilsseele durch das nme Erez jisroel und in ihm nicht viel zu merkm ist. Wir sehen, daß die Juden auch fem vom Boden des gelobten Landes wieder zum Ackerbau zurückkehren und aus heimischem Erdreich nme physische Kräfte schöpfen können. Und wenn die Seele des Judmtums, seine Ethik und seine Gesinnung z. B. in Rußland und Littauen nm auferstehen und unter diesen Völkern wirken sott, so kann dies nur geschehen, wenn die Juden dieser Länder politisch und bürgerlich völlig in ihnen aufgehen, wmn sie „zum Salz auch dieser Teile der Erde werden". Das ist die Lehre, die wir aus der Zerstörung des zweiten Tempels ziehen. So ist der 9. Ab für uns nicht nur der Todestag des jüdischen Staates, sondern in eigentlichem und hauptsächlichem Sinne das Unsterblichkeitsfest, die Auferstehungsfeier der Seele unseres Judentums. — «Schabbos vachamu" — der Sabbat des «Trostes" — Eine Betrachtung. — Von Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Berlin-Lichtmberg. Schmeichelnd klingen sie an unser Ohr — die herrlichen Lieder der Kurkapelle in der Morgenstunde von 7—81/2 Uhr auf der Promenade des Kreuzbrunnens in Marienbad; mittags an der „Waldquelle" ertönen lustige Weisen, und abends von 6—7 Uhr vernimmt man ein buntes Durcheinander von lachender ittib melancholischer Musik. — — — Es ist die Zeit der sogenanntm „drei Wochm" zwischen dem siebzehnten Tammus und dem nmnten Aw, in denen man streng genommen eigentlich aus dem Gefühl der dumpfen Trauer über die Zerstörung Jerusalems und den Fall des einstigm Heiligtums alle Stätten des Musikgetriebes meiden sollte. Und doch erblickt man nicht nur an dm Bezirkm der „Brunnen", aus dmen man Heilung schöpft, unsere Glaubmsgmossen und beruhigt daher leicht sein „Gewissen" mit der Erwägung, daß die „Kur"-Musik in jedem Falle erlaubt sei. Sondern man sieht unsere Glaubensbrüder und Meldungen über die liberale Wellkonserenz befinden sich in der Beilage. mmmmmmmmmBmmmmmBmmammammmmmmmmmmmmmmmmmmBtammammmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm

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