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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-07-13 · 28 (13.7.1928) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
28 (13.7.1928)
Date
1928-07-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch- * liberaler Zugendvereine Deutschlands * Monatliche Beilage zur Züdifch-liberalen Zeitung Verantwortlicher Schriftleiter: Werner van der Zyl Berlin NW 87. Vrückenallee 5,11 Erfahrungen aus Arbeitsgemeinschaften Von Dora Edinger, Frankfurt a. M. Gruppen, die etwas miteinander tun, — fei es musizieren, Theaterspielen oder irgend ein bestimmtes Wissensgebiet" durcharbeiten, werden viel eher zu einer Gemeinschaft, als wenn sie nur passiv Vorträge oder andere „Anregung gen" aufnehmen; es bildet sich ein ganz anderes Gefühl der Gemeinschaft, man kennt sich besser, und so haben denn unsere Jugeridvereine gern die Arbeitsgemeinschaft in ihr Programm ausgenommen. Wenn man aber jüdisches Wissen als Ziel hat, was kann dann das Thema einer Arbeitsgemeinschaft sein? Einmal: hebräischlernen; darüber hat man sich an dieser Stelle ausführlich ausgesprochen; und zweitens „Jüdische Geschichte". Geht man nach den Jahresberichten unserer Gruppen, so zeigt sich dafür ein starkes Interesse: unsere Mitglieder haben also durchaus das Bedürfnis, sich aus dem Gewesenen über das eigene Sein klar zu werden und treten daher nicht mit wissenschaftlich-objektiven, sondern durchaus mit persönlichen Fragen an dies Wissensgebiet heran. Wie soll der Leiter einer Gruppe sich, vorbereiten? Welche Hilfsmittel hat er — airgenommen, daß er nicht irgendwelche besondere Fachkenntnrsse bereits erworben hat, sondern, daß er mit seiner Gruppe seminaristisch arbeiten, chr nichts vordozieren will? Nun scheint es von grundsätzlicher Bedeutung zu sein, wie alt die Teilnehmer sind, um sich für eine mehr oder weniger wissenschaftliche Methode zu entscheiden, schon, weil ja bisher bis zum Studium der früheren jüdischen Geschichtsquellen zu allererst sehr große Sprachkenntnisse nötig waren. Seit wir aber das Quellenwerk von Dr. Julius Höxter (Verlag I. Kanffmann, Frankfurt a. M.) haben, von dem die wichtigsten Teile bereits vorliegen, fallen diese Bedenken fort; ich möchte jeder Gruppe, auch solchen mit Teilnehmern von 12—14 Jahren schon, raten, sich an dies Buch zu wagen und die Quellenbearbeitungen (an erster Stelle wohl immer noch Grätz, dann Elbogens „Geschichte der Juden seit dem Untergang des jüdischen Staates" (Sammlung: „Aus Natur und Geisteswelt", Teubner), Dubnow und für jugendliche Teilnehmer auch Elbogens „Gestalten und Momente" (Welt-Verlag), die freilich in methodisch nicht einwandfreier Weife Quellen und Bearbeitungen nebeneinander bringen!) nur daneben heranzuziehen. Eine große Schwierigkeit gilt es freilich gleich am Anfang ' zu überwinden: dies Buch ist für den Schulunterricht geschrieben, d. h. es fehlt die „Gebrauchsanweisung"; der Leser, der nicht schon einmal in die Quellenkunde eingeführt wurde, kann nicht den vollen Gewinn aus dem Studium des so wertvollen Werkes ziehen: darum soll im folgenden versucht werden, dem Leiter solch einer jugendlichen Arbeitsgemeinschaft über jüdische Geschichte einige Umwege zu ersparen. Zunächst würde ich raten, mit dem (zuerst erschienenen) 3. Teil zu beginnen, weil wahrscheinlich dessen Inhalt für den Beginn eines solchen Quellenstudiums am besten geeignet ist. Möglichst jeder, oder doch wenigstens jeder zweite Teilnehmer sollte ein Exemplar des Buches haben, damit nicht vor-, sondern wirklich gemeinsam gelesen wird. Die methodische Vorbemerkung zeigt dann, wie man dies Buch in doppelter Weise, sachlich oder chronologisch, durcharbeiten kann; mir scheint, diese zweite Weise wird für Anfänger viel förderlicher sein. Und nun beginnen die großen Schwierigkeiten: was kann man etwa mit den Bemerkungen der karolingischen Reichsannalen tun? So, wie sie hier stehen, sagen sie in chrer lapidaren Kürze dem jugendlichen Leser noch garnichts; im Gegenteil, er wird von der scheinbaren Trockenheit und Dürftigkeit der Quelle zu unwissenschaftlicher und phantasievoller Quellenbearbeitung sich zurücksehnen; es muß hier m. E. ein Vertiefen in den Begriff der „Quelle" an sich vorangehen. — Als Hilfsmittel dafür. möchte ich dem Gruppenleiter die (in der Sammlung Göschen erschienene) „Einleitung in die Geschichtswissenschaft" von Bernheim dringend empfehlen. Der Leiter, wenn er selber für seinen Stofs ernsthaft interessiert ist, muß sich die Mühe machen, die Kapitel über „Quellenkunde" einmal für sich durchzuarbeiten und dann seinen Mitarbeitern zu erklären; also etwa den Unterschied zwischen dem „Ueberrest" und der „Tradition", die Methoden der Edition, wodurch er allein erst fähig ist, die „Quellennachweise" des Werkes von Höxter zu lesen. Wenn diese Vorarbeit geleistet ist, kann man an die Interpretation der Quellen gehen (wobei die nicht-chronologische Gruppierung leichter zur Erreichung wirklichen Wissens um die Vorgänge der Vergangenheit führt). Und dann soll, wenn nun irgend etwas „gewußt" wird, möglichst die Bearbeitung (s. o.) zum Vergleich' herangezogen werden: nun ist man im Stande, die Bearbeitung an Hand der Quelle zu prüfen und wird hierbei bald zur Erkenntnis kommen, wie jede Bearbeitung unbewußt subjektiv auswählt und interpretiert. Hat man seine Gruppe einmal methodisch soweit geschult — meiner Erfahrung nach gehört dazu nichts als ausdauernder Wille —, so kann man sehr gut auch einmal zu dem oben erwähnten Werk von Elbogen greifen; man kann gerade an dessen — methodisch bedenklicher — Ver? mischung von Quellen und Bearbeitungen — die Festigkeit des bereits bearbeiteten Wissens nachprüfen. Es liegt hier alles in der Hand des Leiters; er kann es — je nach Können und Wollen seiner Mitarbeiter — mehr oder weniger wissenschaftlich gestalten — ein Gewinn wird sich bestimmt ergeben: solch eine Studiengruppe wird chre Kenntnisse viel fester besitzen, als wenn sie den bequemeren Weg gewählt hätte, gemeinsam ein Buch über jüdische Geschichte zu lesen oder Vorträge darüber anzuhören, ohne selbsttätig gewesen zu sein. — Bericht über eine Studiengruppe Vor 3 Jahren bildete sich die Arbeitsgemeinschaft Judentum und Christentum. Die Ursache, der äußere Anstoß, war der Wunsch, die Unkenntnis christlicher Dinge in unserm Kreis ein wenig zu verringern; also etwa so, daß man den Text der Passionsmusik verstchen konnte und das stoffliche irgend einer kunstgeschichtlich bekannten Darstellung — wie Das Jli-Programm Berlin. Heimabende: Aellerengruppe (Fühkeriv Ellen Littmann, Charlottenburg 5, Königsweg 9). 13. Juli, 8 Uhr, Freitagabendfeier bei Hans Rosenberger, Steglitz, Friedrichsruher Straße 56. 16. Juli: Heimabend um 8 Uhr bei Ruth Littmann» Grohmannstraße 52. — Fahrten: 15.—16. Juli: 2-Tagesfahrt. Führung Hilde Hamburger, Dahlem, Sachs-Allee 6. Weitere Fahrten werden noch verabredet. Setzt Euch untereinander in Verbindung. Breslau. Vorsitzender: Rabbiner Dr. Halpersohn, Breslau 13, Moritzstraße 50. Briesadresse: Alfred Berger, Breslau 13, Auguftastraße 67, Fernsprecher 37754. Bis auf weiteres finden allwöchentlich Montag, abends von 8.15 Uhr ab, Zusammenkünfte im Kurgarten, Kürassierstratze (bei ««günstigem Wetter im Saale), statt. Zahlreiches Erscheinen und Einführung von Gästen erbeten. Mitglieder, die Interesse a« Wanderungen und Ausflügen am Sonntag haben, wollen sich mit Ludwig Freund, Neudvrfstratzr 37, Fernsprecher 33320, oder Alfred Berger, Auguftastraße 67, Fernsprecher 37754, in Verbindung setze». Zeit und Ort. unserer Zusammenkünfte sind aus dem Verfammlungskalender der Zeitung zu ersehen. Ab 1. Juli ist der Beitrag für das 3. Quarta! fällig. Wir bitten um pünktliche Einzahlung des Beitrages von 2,50 Mark auf Postscheckkonto Breslau Nr. 17443, Alfred Berger. Spenden sind für die Propagandaarbett sehr erwünscht. Frankfurt a. M. Sonntag, den 15. Juli: Jugendgruppe: Radtour nach Dreieichenhain. Treffpunkt: 3 Uhr Sändhof. Dienstag, den 17. Juli, 20.30 Uhr, Eschersheimer Landstraße 29: Gartenabend. Samstag, den 21. Juli, 17 Uhr, Königsteinrrstratze 30: Jugendgruppe: Anläßlich Tischo b'aw: Mar Eundersheim: „Trauer und Freude im Judentum". Sonntag, den 22. Juli: Taunuswanderung. (Näheres Kurt Beck, Oberwg. 52.) Dienstag, den 24. Juli, 20.45 Uhr, Königsteinerstraße 30: Anläßlich Tischo b'aw: Mar Gundersheim: „Jüdische Trauer und ihre Ausdrucksformen in Vergangenheit und Gegenwart". Samstag, den 28. Juli: Jugendgruppe: „Gvethestätten in Frankfurt-Süd". Treffpunkt: Wendelsweg, 17 Uhr. Sonntag, den 29. Juli: Jugendgruppe: Radtour nach Wilhelmsbad. Treffpunkt: 15 Uhr Ostbahnhof. Dienstag, den 31. Juli, Eschersheimer Landstraße 29: Gartenabend. Samstag, den 4. August, nach Einbruch der Dunkelheit: Sommerfest im Frauenhof, Niederrad. Magdeburg. Der Jli-Magdeburg veranstaltet im Juli Ausflüge, Radtouren, Nadfahrten und andere Zusammenkünfte im Freien. Näheres: Jüdisches Wochenblatt. Außerdem soll bei genügender Beteiligung eine Fahrt zur Press« nach Köln in den 4-Wochen-Feri«u stallfinden. Wellkonferenz des liberalen Judentums Die Weltkonferenz des liberalen Judentums findet in Berlin vom 18. bis 21. August statt. Wer von über 16jährigen bereit ist, zu helfen (Speisen herumzureichen usw.), melde sich bitte sofort bei Betty Markus, Hermsdorf, Albrechtstraße 10. Je mehr sich melden, desto besser ist es. Vergeht nicht, daß es sich um eine Repräsentationspflicht des Jli handelt! > Mitteilungen für die nächste Nummer der Jtt-Zeitung bis 15. August an Werner van der Zyl, Berlin NW 87, Brükkenallee 5, II. z. B. des Hundertguldenblattes. Man begann nun die einfachsten und am leichtesten zugänglichen Quellen zu lesen und fing einmal mit dem Marcus-Evangelium in der Lutherüb erseüung an. Doch schon die ersten Sätze gaben Anlaß, Ziel und Methode zu klären und im Fortschritt des gemeinsamen Lesens wiederholte sich das oft; bald erkannten wir, wie unmöglich es uns war, „objektiv" zu bleiben; es ging u m uns, um unsere Sache; es galt, prinzipielle Unterschiede in langen Auseinandersetzungen klar ins Licht zu rücken; immer wieder wurde es nötig, vom griechischen Text auf den dahinter vermuteten Urtext zurückzuschließen, und vor allem war es der Begriff des Messianismus, der uns viele Stunden scheinbar unserer eigentlichen Beschäftigung fernhielt. Dann tauchten neue Probleme auf: die Entstehung der Synagogengebete, später das große und uns bisher unbekannte Gebiet der Pseudoepigraphik. Am meisten aber lockte es uns, die Citate aus der Septuaginta aus dem „Christlichen" sozusagen „ins Jüdische zurückzuübersetzen" und wir bedauerten oft, daß sich nur gelegentlich einmal ein christlicher Mitarbeiter einfand. Stofflich haben wir nur ein sehr geringes Wissensgebiet erobert: wir haben nach Marcus das Mathäusevangelium gelesen und sind nun bei den ersten Lucaskapiteln. Damit ist uns wohl etwa der Inhalt der ältesten christlichen Gemeindetradikion bekannt; der petrinischen sowohl wie der paulinischen. Methodisch haben wir ein wenig vergleichende Quellenkunde gelernt und etwas von der Arbeit eines Herausgebers und Uebersetzers, wenn wir vom Luthertext aus uns mit dem griechischen und dem der Vulgata mühten. So haben wir wissenschaftlich vielleicht soviel erreicht, wie eine Durchschnittsprima etwa gelernt haben könnte. Garnicht abschätzbar aber ist, was wir „jüdisch" an Wissen zugenommen haben! Es wurde uns — bei jedem Vers beinah! — klar, wie stark unsere Umwelt — von den Sprachbildern bis zum Stoff der Kunstwerke, die uns als selbstverständlichster Kulturbesitz gehören, — durchsetzt ist mit den Elementen, die wir hier in ihren Urformen finden. Fühlten wir unser Anders-, unser Besonderssein früher nur von uns aus, so wurde uns in unserm Kreis, in unserer Arbeit, mehr und mchr klar, wo Christentum das Kind einer Form nachbiblischen Judentums ist, und wo es etwas ganz anderes, etwas absolut und prinzipiell verschiedenes sein will, und ist. Dieses Wissen, das wir, auf langen Um- und Abwegen, so nebenher und scheinbar unbeabsichtigt, aber sicher und unverlierbar, in unserm kleinen Kreis gewannen, scheint mir so wichtig und bedeutend, daß ich hier und mit so großen Worten davon zu reden mich getraue; so wichtig, daß ich auf diese Weise noch um neue Mitarbeiter zu werben versuche, so beglückend, daß ich anderen ähnlich bescheidenen und ungelehrten Gruppen rate: versucht es einmal wie wir — auch Ihr werdet — sicher wieder in anderer und vielleicht viel zweckmäßigerer Weise — zu Gewinnen kommen, die Ihr im Anfang noch garnicht erhoffen konntet! Vom Bibellesen Von Ernst Heinrich S e l i g s o h n. Hans Löwenberg hat im Juniheft des „Morgen" zu der Frage, ob jüdische» Jugend Bibellektüre treiben soll, Stellung genommen. Er führt ungefähr folgendes aus: Menschen im Alter von 14 bis 18 Jahren seien durch die scheinbar widerspruchsvolle Verbindung von Ehrlichkeit und Verschlossenheit gekennzeichnet. Weil sie ehrlich sind, versuchen sie alle Fragen, die sich vor ihnen auftun, nach bestem Vermögen zu Ende zu denken. Da sie aber noch keine feste Meinung hätten, könnten sie in kurzen Abständen mit der gleichen Sicherheit entgegengesetzte Behauptungen aufstellen. Weil fie diese Unsicherheit fühlen (und weil, wie ich hinzufügen möchte, sich in dieser Zeit das Bewußtsein des eigenen Ich bildet und nach Einsamkeit verlangt), werden sie nach außen verschlossen und versuchen, ihre wahre Meinung durch Reden und Taten, die ihrer Meinung gerade entgegenstehen, zu verdecken. Die religiöse Haltung ist nun in diesem Alter noch gar nicht entwickelt. Tagesftagen, Fragen der Ethik stehen im Vordergrund. Darum soll die systematische Bibellektüre zugunsten der Beschäftigung mit Philosophie und jüdischer Geschichte auch dann eingestellt werden, wenn es sich um Arbeitsgemeinschaften handelt, die wie bei uns im Jli von Jugendsührern geleitet werden. Denn abgesehen von der Gefahr des Dilettantismus droht dem Jugendführer diejenige des Rationalismus. Der Führer ist schon zu stark über die geistig-seelische Haltung der Jüngeren hinausgewachsen, fodah er in seine Gruppe gerade bei der Behandlung der Bibel religiöse Fragen hineinträgt, die im Innern des Jüngeren noch schlummern und noch nicht vorzeitig geweckt werden, dürfen. Werden sie zu früh geweckt, so kann leicht aus der religiösen Anlage die atheistische Haltung erwachsen, in die der Jugendliche aus dem Bedürfnis nach Widerspruch und Verschlossenheit sich rettet. Soweit Hans Löwenberg. Wenn er recht hätte, müßten gerade wir als Jli einen wesentlichen Teil unserer Arbeit» aufgeben. Ich kann diesmal nur andeuten, was man gegen seine Ausführungen (die zum mindesten als Aufforderung zur Besinnung und zur Prüfung unserer Arbeit von euch gelesen werden sollten) Vorbringen kann. Ich will einmal von seiner allgemeinen Charakterisierung des Pubertätszeitalters, die ja dem von Spranger und der modernen Jugendpsychologie gezeichneten Bild ungefähr entspricht, ausgehen: d. h. Ehrlichkeit, scheinbare Inkonsequenz und Verschlossenheit. Aber dabei wird vergessen, daß gerade der Mensch dieses Alters angesprochen werden will. Wer zum ersten Mal sein Selbst fühlt, der fühlt seine „hierkulischen" Kräfte, die die Welt meistern sollen und die deshalb die Welt suchen, und der fühlt zugleich die Verlassenheit, in der es keinen Halt zu geben scheint und die den Halt doch! so erwünscht sein läßt. Soll da Jugenderziehung beiseite stehen aus Scheu vor der Verschlossenheit des jungen Menschen? In einem sehr aufschlußreichen Aufsatz in der „Kreatur" hat einmal Marie Luise Euckendorff die Unsicherheit moderner Pädagogen gegeißelt, die in der — berechtigten — Erkenntnis von dem Eigenleben der Jugendlichen den Kampf ums Leben und um Lebenshaltung dem unsichersten -er Menschen selbst überlassen, anstatt helfend einzugreifen. Aber diese Hilfe dark nicht wie in früheren Generationen als Befehl und Muß erscheinen. Sie soll nur d a s e i n, damit der Jugendliche, wenn er sie haben will, ergreifen kann. Auf Bibelkurse (vorwegnehmend) angewandt, bedeutet dies: der Führer soll nicht junge Menschen zu religiöser Einstellung „zwingen" oder auch nur zur Aussprache darüber veranlassen. Aber er soll sich dabei so rein und ganz geben, wie er nun einmal ist, damit der Jüngere sieht, daß es zwar auch derartige Menschen gibt. Ob der Jüngere den Weg des Führers geht, steht nicht mehr in des Führers Macht. Aber der Führer darf das, was er für gut und richtig in seinem gereifteren Alter erkannt hat, dem Jüngeren als ein Stück „Welt", als eine Lösungsmöglichkeit im Lebenskampf zeigen. Hans Löwenberg glaubt, daß junge Menschen sich mit religiösen Fragen zunächst nicht beschäftigen. Ich muß gestehen, daß ich mir ein so allgemeines Urteil nicht erlauben würde. Ich kenne gewiß Menschen — und vielleicht gehört dazu ein Teil der jüngeren Jligeneration — die den Antrieb zum Fragen und Suchen aus den Ereignissen des Tages erhalten und ganz Gegenwart-bezogen bleiben. Aber es gibt genug andere — gerade auch unter unseren Jüngsten!^ Im Gegenteil: ich möchte meinen, daß die Frage, ob irgendetwas unter das Prädikat „Gut" oder „Böse" zu bringen ist, weniger interessant erscheint als die Fragen nach Werden und Verbehen. Schließlich gibt aber Hans Löwenberg selbst zu, daß junge Menschen gegen religiöse Feiern nichts haben. Das zeigt deutlich die wahre Lage: das religiöse Gefühl wird hinter (oder in) einer Tat verborgen. Aber das Gefühh ist da und verlangt nach Ausdruck. Was folgt daraus für das Bibellesen? Soll man es wirklich aus den von Hans Löwenberg angeführten Gründen verneinen? Mir scheint: kein Lebensalter ist so empfänglich für Bibellektüre. Man darf nur nicht Bibel lesen, um „Probleme zu wälzen" oder um eine recht „anregende Diskussion" zu erzielen — was vielfach bei unseren Jliführerrr Ziel zu sein scheint. Aber man lasse zwei Führer sprechen: den Text und den Führer, der ja schon sagen kann, was! er zum Text meint. Ich gebe Hans Löwenberg zu, daß die Gefahr besteht, in Jüngere Probleme hineinzutragen, die noch nt ihnen schlummern. Aber ich glaube nicht an die von ihm gekennzeichneten Folgen, daß sich der Jugendliche den angerührten Fragen abwendet. Denn die Neigung, Atheist zu werden, auch nur quasi-Atheist wie H. L. meint, ist eine diesem Alter überhaupt eigentümliche. Sie ist aus dem Bestreben, „zu Ende" zu denken und alles, wie als wenn es noch keiner richtig gedacht hätte, neu zu denken, geborene, Werden religiöse Fragen im Jugendlichen angeregt, die ihm noch nicht bewußt waren, so wird er sie entweder nicht verstehen oder sich vielleicht in frühreifer Art mit ihnen beschäftigen. Dabei ist aber nicht zu übersehen, daß diese Gefahr bei Dingen geistiger Natur dadurch gemildert wird, daß dem Jugendlichen die Aufzeigung des „Erhabenen", wenn auch noch schwer Begreifbaren immer Hau in seinen sonstigen Nöten zu werden vermag. (Dies allzu frühe Hineintragen von körperlichen Problemen scheint mir demgegenüber eine viel größere Gefahr.)

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