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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-07-13 · 28 (13.7.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
28 (13.7.1928)
Date
1928-07-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Teppiche % Herpich| Berlin W. Leipziger Straße gegenüber dem Kriege versagt und das Recht verloren, der Jugenderziehung die Grundlage zu geben und, wie bisher, sie zu beherrschen. Die Schule — und der Staat als ihr oberster Leiter — müssen gegenüber der Jugend auch die ethischen und transzendenten Werte verwalten; hierbei denke ich z. B. an einen religiösen Moraluntcrricht wie in Frankreich. Auch die amerikanischen Verhältnisse geben zu denken; manche nordamerikanischen Staaten, in denen bekanntlich reges religiöses Leben herrscht, verbieten in der Schule sogar die Lektüre der Bibel. Die Anträge Nr. ... sind sür mich unannehmbar, da sie die Beibehaltung des Religionsunterrichts als Lehrfach voraussetzen.... Gegen private Volksschulen muß ich mich ausdrücklich aussprechen .. Heute gehören Sie nun dem Reichstag nicht mehr an. Wirten Sie als Repräsentant in der Berliner Jüdischen Gemeinde und fordern Sie dort — die Errichtung und den Ausbau jüdischer Schulen. Trotzdem die Sozialdemokratische Partei, der anzugehdren auch setzt noch stolz zu betonen Sie nicht müde werden, sich nun auch in der Praxis fortgescht für die Gründung weltlicher Schulen einsetzt. Ich will nicht davon sprechen, welche Gedanken in einem christlichen Deutschen entstehen müssen, wenn er Ihre Stellung zur jüdischen und zur christlichen Schule überprüft. Ich will auch nicht das vorstehend wiedergegebene Zitat oder gar Ihre gesamte Tätigkeit in der Nationalversammlung kritisch betrachten. Da ist vieles eine Frage des Geschmacks, über den sich ja bekanntlich nicht streiten läßt. Und schließlich liegt es mir fern, in diesem Brief das gesamte Problem der jüdischen Schule aufzurollen. Ich bin Gegner der Schaffung jüdischer Schulen, die nach meiner Ueberzeugung ein Rückwärts auf dem Wege bedeuten, den wir als Juden, als Deutsche, als Menschen zu gehen haben, die ich zudem für die Erhaltung des Judentums, offenbar im Gegensatz zu Ihnen, keineswegs als erforderlich ansehe. Nur an Ihr Wort will ich Sio erinnern: „Ich bin nicht in der Lage, außerhalb dieses Saales Sozialist zu sein und in diesem Saale nicht." Ist Ihr Verhalten in der Schulfrage nicht widerspruchsvoll? Sie werden zunächst darauf Hinweisen, daß die jüdische Schule, die Sie fordern, Ihres Erachtens keine Konfessionsschule darstellt, da Sie das Judentum nicht als religiöse, sondern als eine nationale Gemeinschaft ansehen. Sie können darauf verweisen, daß der zionistische Repräsentant Professor Loewe Ihnen in der letzten Repräsentantenversammlung durch den Zwischenruf „Cohn will doch keine Konfessionsschule" assistierte, als von liberaler Seite Prof. Dr. Türk in Ihrer Stellungnahme gegen die Konfessionsschule in der allgemeinen Politik und für die jüdische Schule in der Repräsentantenversammlung einen Widerspruch erblickte. Aber \)x nicht die Berliner Jüdische Gemeinde nach dem Statut, nach dem Gesetz, nach den Anschauungen und der Praxis der deutschen Behörden, des deutschen Volkes und der Mehrzahl ihrer Mitglieder heute eine Religionsgemeinde? Ist es da nicht gewiß, daß eine von ihr geleitete Schule als eine Bekenntnisschule begründet, betrachtet und geführt werden wird? Dennoch fordern Sie in der Repräsentantenversammlung die Errichtung jüdischer Schufen — und sogar Hand in Hand mu dem konservativen Repräsentanten Moritz A. Loeb. Nichts aber ist bei Ihrem Fordern zu vernehmen von der — von meinem Standpunkt aus paradoxen, von Ihrem doch aber ergentlich selbstverständlichen — "Bedingung, daß die zu errichtenden jüdischen Schulen weltliche Schulen sein müssen; denn die Forderung der weltlichen Erziehung ist ja nicht national begrenzt, sie gilt also auch für nationale Minderheiten. Nichts ist zu vernehmen von „religiösem Moralunterricht wie rn Frankreich", und die „amerikanischen Verhältnisse, bei denen in der Schule sogar die Lektüre der Bibel verboten ist, geben zu denken" Ihnen scheinbar keine Veranlassung mehr. Die „Beibehaltung des Religionsunterrichts als Lehrfach" wird von Ihnen jetzt nicht bemängelt, der jüdisch-ckonfessionellen Schule geben Sie offensichtlich vor der deutschen weltlichen Schule den Vorzug, und private Volksschulen sind jetzt für Sie wohl ganz akzeptabel. Darf ich Sie noch an einen anderen Vorgang erinnern. In der 40. Sitzung des Weimarer Verfassungsausschusses forderten Sie unter Bezugnahme auf eine der Reichsregierung und dem Ausschuß überreichte Petition der zionistischen Bereinigung nationale Minderheitsrechte für Juden in Deutschland. Ihr Antrag wurde selbstverständlich abgelehnt; Hugo Preuß, der damalige Reichsminister des Innern, wandte sich entschieden dagegen. Aus der Debatte verdienen die Ausführungen des sozialdemokratischen Abgeordneten Katzenstein! mit Rücksicht aus Ihren Zwischenruf in diesem Zusammenhang Beachtung. Er sagte: „Die Ausführungen des Herrn Dr. Cohn scheinen daraus hinauszugehen, daß den Juden, soweit sie sich als nationale Minderheit fühlen, trotzdem sie die deutsche Sprache reden, sogar das Recht zustehen sollte, eigene Schulen einzurichten. (Dr. Cohn: Nein, ich bin ja für Aufhebung der Konfessionsschule!) (Dr. Katzenstein fortfahrend:) Ich bin der Meinung, soweit die Zionisten sich entschließen können, in Konsequenz ihrer Auffassung die hebräische Sprache anzunehmen, würden sie eine fremdsprachige Minderheit darstellen. Im übrigen ist mir aus allen Schriftstücken und Ausführungen noch nicht klar geworden, inwieweit sie noch weiteren Schutz beanspruchen. Ihre Gefühle kann man ihnen nicht nehmen und weitere Gebräuche, soweit sie nicht religiöser Art sind, sind mir nicht bekannt." Sie sind mcht in der Lage, sagten Sie in der Berliner Repräsentantenversammlung, außerhalb dieses Saales Sozialist zu fein und in diesem Saale nicht. Soll dieses Wort mehr fein als eine fchöne Redensart, so sind Sie meines Erachtens der jüdischen Öffentlichkeit Aufklärung schuldig über Ihr Verhalten rn der Schulfrage. Eine Aufklärung, deren Weisheit nicht in der billigen Feststellung gipfeln darf, das Judentum und deshalb auch die jüdische Schule fei ein „Ding ganz eigener Art". Sie müssen Mitteilen, welche Bestimmung der deutschen Reichsverfassung die Grundlage Ihrer Forderung brldet; warum Sie diese Forderung in der Jüdischen Gemeinde und nicht bei den dafür zuständigen staatlichen Stellen erheben; wie die von Ihnen geforderte jüdische Schule geführt werden soll; wie sie sich mit der sozialistischen Forderung der weltlichen Erziehung verträgt; wie sie mit Ihrem Verhalten im Verfassungsausschuß der Deutschen Nationalversammlung in Einklang zu bringen ist. Und Sie werden zumindest Sie Feststellung, daß die von Ihnen geforderte jüdische Schule von der des Herrn Loeb völlig wefensverschieden ist, nicht Dritten überlassen dürfen, sondern selbst zu treffen haben. Ich richte diesen Brief an Sie, obwohl die Forderung der jüdischen Schule nicht nur von Ihnen, sondern schon wiederholt von zionistischen Sozialdemokraten erhoben und von Ihnen vielleicht nur übernommen worden ist. Ihre parlamentarische Tätigkeit als sozialdemokratischer Abgeordneter dürfte das rechtfertigen. Ihre Acußerung wird nicht nur für mich, nicht nur sür liberale Juden, nicht nur für jüdische Sozialdemokraten von Interestc sein. In vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener Bruno Woyda. Der Jude in der deutschen Dichtung (Aus einem Vortrag) von Jakob Picard. Ein verehrter und bedeutender Dichter jüdischen Blutes unserer Zeit sagt in einem seiner früheren Bücher: „Ich atme in der deutschen Sprache. Ihr Wort und Rhythmus machen mein innerstes Dasein aus." Damit hat er in kurzem nichts mehr und nichts weniger geäußert, als die Bejahung der Heimats-, der Daseinsberechtigung des Juden in den Ländern des deutschen Sprachgebietes. Denn die Sprache, unsere Sprache, das Mittel dichterischen, literarischen Schaffens, ist eigentlich das Beweismittel dafür, daß wir mit gutem Rechte uns deutsche Juden, jüdische Deutsche nennen, Deutsche in jedem geistigen, überpolitischen Sinn, der den ganzen Zauber dieses Wortes ausmacht. Sie eben, als Ausdrucksform des Gefühls eines Volkes, rechtfertigt naturrechtlich unser Dasein in diesem Lande. Daß wir die großen Dichter, daß wir Walther, Ekkhardt, Hölderlin, Gottfried Keller in ihrem Wesen so erfühlen und ihre Schöpfungen uns so ergreifen, wie die anderen nicht-jüdischen Deutschen, beweist in weit höherem Maße unser Verwachsensein mit allem, was als Symbol des Wortes „deutsch" gilt, als die Tatsache, daß rational in der Verfassung uns die gleichen Rechte wie den anderen zugesichert sind. Warum ist dem so, warum fühlen wir uns, trotz aller Störungen von außen, letzten Endes doch mit unserer Umgebung so verbunden? Weil seit Mehr als eineinhalb Jahrtauseitt» die Geschlechter unserer Vorfahren dieses Land bewohnt haben, weil ihre Gebeine zwischen seinen Bäumen auf den Hügeln und zwischen den giebeligen alten Häusern zur Ruhe gebettet wurden, weil sie Jahrhunderte lang, in schwerer Mühsal den Zwangsberuf ausübend, auf seinen Straßen gewandert sind, weil sie da ihre frommen Feste gefeiert haben, gebunden an die Jahreszeiten dieser Landschaft: das Pesach beim ersten Blühen der Frühlinge und das Sukkoth, wenn die Früchte ihres Landes reif warm, damit sie die Hüttm schmückten und das Lichterfest in seinen schweren Wintem; und weil unsere Großväter unter dichem Himmel am Neumond ihre Gebete zu den Siemen sprachen — Steme, wie sie nur unter diesem Himmelsstrich sind, denn jedes Land hat seine eigenm — in den schneeigen Winternächten oder an den warmen Juniabenden, die in ihnen ganz andere Gefühle, wecken mußten, als es ihren Glaubensgenossen in anderen Zonen, andern Ländern gfchah — und als letzten, aber nicht leichtesten Gmnd nmne ich die Leiden, die übet sie gingen in all den Jahrhunderten um sie selber und um dieses Land; denn Leid bindet wohl mehx als Freude. — So lckt der Rhythmus dieses Landes in uns allen. Selbstverständlich: ich vergesse nicht das andere Wesen, das in uns lebt: das jüdische. Wie sollte ich, wer könnte es leugnen. Mer wer kann bestimmt sagen, das eine sei stärker als das andere? Sie durchdringen sich beide, ergänzen sich beide und machen aus uns den Menschen, der eines doppelten Reichtums teilhaftig ist. Dostojewski schrieb einmal in einem wichtigen Aufsatz über die Judenfrage ungefähr: Nehmt dem Russen oder Deutschen sein Russen- oder Deutschtum, so wird ihm nichts mehr bleiben; nehmt aber einem russischen oder deutschen Juden das Russische oder Deutsche, so bleibt ihm immer noch als Halt das Jüdische. Der Jude ist zwiefach gesichert. So haben wir im jüdischen Deutschen einen Menschen, der trotz äußerer und innerer Hindernisse immer an der Kultur dieses Landes teilgenommen hat, selbstschaffend oder ausnehmend, was um ihn war. Und dies trifft besonders für den künstlerisch gearteten Juden zu, wie denn die Einfühlungsfähigkeit des Künstlers überhaupt größer ist, als bei den andern Menschen. Das wird bewiesen gerade auch durch die Teilnahme an der Kultur der deutschen Gaue. Selbst in der schlimmsten Zeit der Geschichte der Juden in Deutschland, vom 14. bis 17. Jahrhmrdert, hat dieses Mitleben nicht aufgehört zu sein. Nicht nur sprachkünstlerisch haben Juden Schöpferisches geleistet, auch in bildender Kunst finden wir durch das ganze Mittelalter Zeugnisse ihres Schaffens, das sich in seinen Stilelementen immer den Werken anlehnte, die die Glücklicheren außerhalb des Ghettos schufen. Und bezeichnend ist, day wir gerade in den Werken jüdischer Dichter nicht nur der neueren Zeit unverhältnismäßig wenig Stoffe aus dem speziell jüdischen Erlebens- und Kulturkreis finden. Es ist bedeutsam. Im Gegenteil sind es früher fast stets Nichtjuden gewesen, die Fabeln der jüdischen Geschichte (des jüdischen Mythos) behandelten; erst in neuester Zeit finden sich, ganz zweifellos durch die zionistische Gedankenwelt bewegt, häufig jüdische Stoffe auch von jüdischen Dichtern gestaltet. Es darf jedoch nicht behauptet werden, daß dieses Fehlen jüdischer Stoffe im jüdisch-deutschen Schrifttum seinen Grund hatte in einer Absicht; vielmehr erscheint es mir so, daß sich eben der jüdische Dichter in Deutschland über das Zufällig-Stoffliche hinaus künstlerisch-formal in erster Linie als Deutscher fühlte; es kam ihm gar nicht in den Sinn, jüdische Stoffe, spezifisch jüdisches Gefühlserleben zu gestalten; die historischen Elemente seines Stammes reiften ihn weniger, als der Gefühlskreis, den eben das Land ihm gegeben hatte, und als die Sprache, mit der er seinen Alltag lebte. Das Primäre war eben der Drang, deutsche Rhythmen zu bilden, deutsch zu singen. Wie hätte es auch anders sein können, da sie doch keine jüdische Sprache des Alltags hatten und eben nur den deutschen Sprachmythos erlebten. Selbst unter den heute von jüdischen Dichtern aus irischen Stoffen geschaffenen Wecken finden wir kaum eines, das gelöst wäre aus den n.ythischen, den urtümlichen jüdischen Quellen heraus; ich könnte hier vielleicht nur eines nennen, das in etwa zu diesem Ziele auch nur strebt»: es« ist Beer Hoffmanns bedeutendes Werk „Jaakobs Traum". Meist schassen sie Bildungsliteratur im guten Sinn. Sie sehen alle Tränen Bon Rabb. Dr. Gottschalk, Frankfurt a. Main. Eine jüdische Legende erzählt: „Als Aham und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden, waren sie sehr betrübt. Gott aber sprach: Kommt her und nehmt aus meinem Schatze eine Perle mit, und diese Perle heißt die Träne. Und wenn euch nun in eurer Zukunft Sorgen und Leid oas Herz beschweren, soll euch die Träne von der Wange rinnen und soll euch euer Herz erleichtern. — Seitdem aber hat sich dre Träne fortgeerbt aus Kind und Kindeskinder." Also die jüdische Legende. Sovrel die Träne auch schon besungen wurde — sie auch noch religiös zu erklären und als Gabe Gottes selber hinzustellen, blieb dieser Legende Vorbehalten. Uns aber mag das Anlaß sein, den letzten — religiösen — Sinn der Träne aufzuspüren — der Träne des Glücks und der des UnglMs. Es gibt so viele Momente im Leben, in denen das Maß der Freude so groß ist, daß alle Worte dafür zu schwach. Wir ringen und rurgen, und doch, wir verstummen. Wir fühlen das herrliche, köstliche Glück — das Glück eines Wiedersehens, einer Erfüllung, das Glück vor allem aber der Liebe. Wir sind so voll aller Seligkeit, so schön, so schön ist alles um uns! Wohin wir sehen, da lacht es uns an, wohin wir hören, klingt es und singt es, und in uns selber jubelt und jauchzt es, und tausend Lieoer möchten wir singen — und nicht ein einziges ringt sich los. Wir können den Menschen, der uns beglückt, nur anschauen mit einem trunkenen Auge, wir können nur stammeln „Du, ach Du" — bis schließlich statt aller Lieder und Worte ein Tränenstrom unser Inneres spiegelt. Ist das nun weichliches, schwächliches Wesen, das nur für Kinder und Jungfrauen paßt? Und nur für Frauen und Altgewordene? Nein, unsere Tränen gehören zu uns wie unser Denken und unser Gefühl. Sie sind die zweite Art unserer Sprache, nur viel geheimnisvoller und tiefer. Sie gleichen in ihrer letzten Wirkung der, welche unser Schweigen hervorbringt. Es gibt nun einmal Dinge im Leben, die sich ganz einfach nicht aussprechen lassen. Sie sind viel zu zart und gar nicht greifbar. Sie ruhen so tief in unserer Seele, daß Sprache sie mcht erfassen kann. Ein Dichter vermöchte es allenfalls oder ein wirllicher Meister der Töne. Und doch, wenn es einmal gelänge — das Glück, das sie damit kennzeichnen wollen, wir müssen es in unserem Innern fühlen, sonst bleiben uns Worte und Töne stumm. Wir müssen Tränen zu weinen wissen, aber auch Tränen zu deuten verstehen. Wir müssen fühlen, wie in dem Tropfen, welcher in unserem Auge ausglänzt, eine ganze Welt sich aussprechen will — eine Welt von Liebe, eine Welt von Glück. Soll sreilrch unsere Träne so wirken, müssen wir sparsam mit ihr umzugehen lernen. Soll sie wirklich die letzte Tiefe spiegeln, müssen wir tiefe Tränen weinen, nicht leicht gerührt und mcht weinselig sein, nein, müssen uns wirklich ergreifen lassen: von einem Wort, von einem Buch, von der sinkenden Sonne, von einem Menschen, von Andacht, von Bildern, kurz, von Gott selbst. Und Tränen von einer so tiefen Art, sie ziemen sich nicht bloß für Mädchen und Frauen, nein, sind auch eine Zierde des Mannes. Man sagt, es ist furchtbar, wenn Männer weinen. Aber man dentt dann nur an Schmerz. Ich sage, herrlich sind Männertränen, weit sic ein Zeichen tiefsten Gefühls, ein Zeichen der Weichheit im edlen Sinn, ein Zeichen der Schönheit des Seelengrundesein Zeichen der Kindlichkeit reinster Art, ein Zeichen der unverfälschten Natur. Und tuU man die äußere Wirkung erkennen, die solche Tränen Hervorrufen, dann schaue man in das Auge der Menschen, die solche Tränen zu weinen vermögen. Alkes, was sic nur in sich tragen, es hat dem Auge die Färbung gegeben. Man könnte schon weinen über das Auge — so rein' und so wohl, daß es sich nun ziemte, Jüdisches zu behandeln, und wählen so ihre Stoffe; aber mir scheint, diese Wahl geschieht nicht durchweg aus innerem Drang eben, sondern meist aus rationalen Gründen. Gerade eine gewisse Art von jüdischhistorischen Romanen von heute erweist dies. Es kommt also nicht daraus an, nur jüdische Stoffe zu wählen, um eine jüdische Literatur zu schaffen, vielmehr müssen diese Stoffe jüdisch im Innersten geschaut und gestaltet werden. Aber die Gestaltung wie das Erleben ist hier meist nicht anders, als wir es bei den nichtjüdischen Dichtern der Länder, in denen Juden historisch gewachsen sind, finden. Um deutlicher zu werden, möchte ich hier ein Beispiel der bildenden Kunst anführen: ein Zeichner, wie der verstorbene Lilien, ist, obwohl er fast stets jüdische Stoffe nahm, weit entfernt davon, jüdische Kunst zu geben; er hat ganz die fade, sentimentale Linie einer gewissen Art von deutschen Zeichnern, die die deutsche Mythologie für Familienzeitschriften verflacht haben. Ich nenne hier etwa seinen Zeitgenossen Franz Stassen, dem er in geradezu komischer Weise gleicht. Ebenso gibt es jüdische Schriftsteller, zu denen man Gegenstücke in der nichtjüdischen deutschen Literatur finden kann. Es gibt heute keine nurjüdische Kunst. — Wie nun ist die spezifische Art des jüdischen 'Dichters und Schriftstellers? Es ergibt sich, daß die Inhalte sich in der Tat kaum unterscheiden von den Werken der nichtjüdischen Dichter — wobei ich unter Dichter kurz den verstehe, der Gefühltes durch Mittel des Wortes mit den Symbolen der Welt in gehobenen Rhythmen zur Anschauung bringt. Es soll nicht geleugnet werden, daß eine gewisse Art abstrakter Dialektik manchen jüdischen Schriftstellern eignet, aber nur Schriftstellern und nicht den Dichtern, welch erstere überall eben, nicht nur unter den Juden, abstrakter Formulierungen sich bedienen; da es aber lange unter uns weniger Dichter als Schriftsteller gab — Dichter, die das heilige Leben gestalten, während die Schriftsteller es besprechen — was leicht zu erklären ist aus der langen talmudistisch-eingeengten, anschauungsfremden Geistigkeit, so zeigte sich dem oberflächlichen Blick ein falsches Bild, und man vergaß, daß wir einst das „hohe Lied" geschaffen haben. — Ein jüngerer Wiener Dichter hat einmal ein wenig paradox, aber doch wahr gesagt: „Was vor den europäischen Revolutionen sich im Ghetto als Wunderrabbiner, Talmudjünger und Jrrlehrer aneinander aufgerieben hätte, offenbart sich nun seit einem Jahrhundert immer wieder als radikale Kunst." Tatsache ist auch — man wirft es uns sogar vor, obwohl es ein Lob ist —, daß unverhältnismäßig viele Juden sich künstlerischem Schaffen hingeben. Die Gründe sind leicht zu erkennen: auf der eineu Seite eben die viele Geschlechter währende Erziehung zu einer, wenn auch begrenzten Geistigkeit in bestimmter Form, und auf der anderen ein lange zurückgedämmtes 6 ühl der Freiheit und des Auftriebes; und eben diese beiden Ursachen hatten zur Folge — zusammen

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