Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 27 (6.7.1928)
- Date
- 1928-07-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschlands gab die Anregung zur Neugründung» es ersolgte vor kürzere: Zeit Besprechung im Kreise früherer Führer der Dortmunder neutralen Jugend. - Im Stillen setzte unter der von keiner Jugendbewegung erfaßten Jugend eine Propaganda von Mund zu Mund ein. — Am Dienstag, den 26. Juni, versammelten sich als Folge 40 junge Menschen. — Herr Lehrer Nußbaum, seit langen Jahren in der neutralen Bewegung führend tätig, begrüßte die Erschienenen, gab seiner Hoffnung Ausdruck, daß die neutrale Bewegung auch in Dortmund wieder Boden fasse und zu neuem Leben erwache. — Der Vertreter des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands, Herr Rabbiner Dr. Klein, der verdienstvolle Führer und Wiedererwecker des Bcrbandslebens, sprach hierauf vom Wesen und den Zielen des Berbands. — Er schilderte die tiefe Wirkung der Dresdener Tagung, wie dort viele Hunderte junger, jüdischer Menschen in höchster Begeisterung, hingerissen von den Ideen, zur Arbeit am Ziele der Schäftung des jüdisch eingestellten, gemeinschaftsverbundenen Menschen sich vereint hatten. - Die Diskussion, an der sich besonders die .Herren Rabbiner Dr. Appel und Tr. Kahn beteiligten, ergab den einstimmigen Willen, den Verein der jüdischen Jugend auf neutraler Grundlage wieder erstehen zu lassen. Eine Werbekommission, an der Spitze Herr Dr. Oskar Kahn, trat zusammen mit dem Ziele der Erfassung weiterer Kreise der jüdischen Jugend Dortmunds. Die offizielle Gründung soll im .Herbst dieses Jahres mit großer Kundgebung erfolgen. Dresden. (Staat und Gemeinde.) Durch Beschluß des Ausschusses des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes wurde eine ans dem Vorsteher Siegfried Pionkowski, Rabbiner Dr. Albert Wolf und einem noch zu benennenden Dresdener Lehrer bestehende Kommission eingesetzt, um sich zunächst mit dem vom sächsischen Ministerium für Volksbildung in seinem Verordnungsblatt veröffentlichten „Lehrplan für die Volksschulen", der im Gegensatz zur ausführlichen Behandlung des evangelischen und katholischen Religionsunterrichtes den jüdischen Religionsunterricht überhaupt nicht erwähnt. Zugleich wird sich die Kommission auf Grund eines von der Gemeinde Plauen beim Gemeindeverband gestellten Antrag mit den zuständigen staatlichen Körpersehasten ins Benehmen setzen, ob es möglich ist, die Kosten des israelitischen Religionsunterrichtes aus den Staat in dem gleichen Umfange zu übernehmen, wie der Staat für den Religionsunterricht per zwei staatlich anerkannten christlichen Religionsgemeinschaften Sorge trägt. — Aus eine Eingabe der hiesigen Gemeinde hat der Präsident des sächsischen Landesfinanzamtes zu Dresden die Finanzämter angewiesen, der Israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden auf Grund der in den .Haushaltungslisten über das Religionsbekenntnis geforderten Angaben in jedem Jahre ein Verzeichnis mit Namen, Stand und Wohnung der steuerpflichtigen Israeliten zugehen zu lassen. Düsseldorf. (Heine-Haus.) Die Düsseldorfer Stadtverwaltung plant, das Heine-Haus, Bolkerstraße 53, zur Erinnerungsstätte an den Dichter umzuwandeln. Die Wohnung der Eltern Heinrich .Heines soll in ihren früheren Zustand zurückversetzt werden. Keineswegs will man die Geburtsstätte des Dichters zu einer Art Museum ausbauen, vielmehr soll dem Heine-Forscher das Heine-Zimmer in der Stadr- und Landesbibliothek Vorbehalten bleiben. Die Anregung, zur Schaffung dieser Erinnerungsstätte geht auf einen Stadtverordneten der Zentrumspartei zurück, die bisher der Errichtung eines Heine-Denkmals in Düsseldorf durchaus ablehnend gegenüberstand. Essen. (Jugend tag.) Am 1. Juli fand in Essen die Tagung der jüdischen Jugend Westdeutschlands statt. Die Vereine des Rheinisch-Westfälischen Bezirksverbandes im Verband der jüdischen Jugendvereinc Westdeutschlands traten unter der Leitung des neuen Bezirksverbands-Vorsitzenden Dr. Julius Herzfeld-Essen zu einer Besprechung zusammen, in der neben den organisatorischen Fragen die Intensivierung der Arbeit im ganzen Bezirk und die Aufgaben der bevorstehenden Winterarbeit in regem Gedankenaustausch eingehend behandelt wurden. Besonders erfreulich waren die Mitteilungen der Jugendbünbe Recklinghausen, Duisburg, Hamborn und Essen, daß sie bestimmt mit der baldigen Errichtung eigener Heime rechnen dürfen. Am Nachmittag fand unter Leitung des Berbandsvorsitzenden Dr. Hahn in denn Räumen der Glückauf-Loge, Essen, eine Führer-Besprechung statt, an der sich 27 Vereine beteiligten. Das erste Referat „Soziale Arbeit und Jugendbund" von Rabbiner Dr. Eschelbacher- Düsseldors, wies praktische Wege für die soziale Mitarbeit der Jugendlichen. In der Aussprache wurde beschlossen, in jedem Verbandsvereine eine soziale Gruppe zu schaffen, die sich vor alllen .Dingen der Jugendlichen annehmen soll. Rabbiner Dr. Schönberger-Aachen wies in seinem Referat „Das religiöse Problem in der Jugendbundarbeit" auf die starken religiösen Ansätze hin, die in unserer Zeit liegen. Referendar Aribert de Jonge-Duisburg wies als Korreferent auf die geistigen und seelischen Hemmnisse, die sich der heutigen Jugend auf ihrem Weg zur Religion entgegenstellen, hin. Es folgte eine sehr lebhafte Aussprache. Die sehr eindrucksvoll verlaufene Tagung fand ihren Abschluß in einer Sitzung der Vorstandsmitglieder des Verbandes, in welcher die Programmpunkte der bevorstehenden Hauptvorftandssitzung eingehend besprochen wurden. Franksuri. (Eingemeindung.) Nach den vor kurzem erfolgten großen Eingemeindungen Frankfurts, die selbst Städte wie Nied und Höchst zur großen Mainmetropole schlugen, konnte es nicht ausbleiben, daß man auch im jüdischen Lager sich vor die Frag« gestellt sah, ob man nun nicht auch seinerseits dafür Sorge tragen wollte, daß die _ jüdischen kleinen Gemeinden endlich in die Großgemeinde Frankfurt ausgenommen würden. Ja, man erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß selbst Ortschaften wie Rödelheim und Heddernheim, die schon seit Jahrzehnten zu Frankfurt gehören, immer noch ihr religiöses Sonderleben führten. Nach der Volkszählung des Jahres 1925 wohnen in den jetzt emgem einbeten Orten nur 273 Juden, eine Zahl, die jedoch '311 «iedrig angesetzt sein dürfte, da sich in der Zwischenzeit diese Ziffer vermehrt hat. Die finanziellen Verhältnisse dieser Kleingemeinden waren natürlich nicht gerade glänzende. Wie so viele hatten sie bei tvesentlich höheren Steuersätzen kaum bewegliches Gut, und auch die Versorgung mit Religionsunterricht, Bestattungswesen und geistlichen Funktionen war vom Standpunkt des kultgewohnten Großstädters nicht immer einheitlich zu beurteilen. Trotz alledem hat natürlich die jüdische Großgemeinde Frankfurt um ihrer eigenen und vor allem ihres Glaubens Zukunft alles Interesse daran, diese kleinen Orte sich zu verbinden. In einer Sitzung der Gemeindevertreter kam dieser Standpunkt des mehrfachen zum Ausdrucks doch wurde auch darauf hingewiesen, daß die Gemeinde die finanziellen Verhältnisse der neu einzugemeindenden Orte zum Gegenstand sorgfältigster Untersuchung zu machen ^lbe. Die grundsätzliche Frage, ob, da nach geltendem Recht alle in r^cankfurt ansässigen Juden ohne weiteres Mitglieder der israelitischen Gemeinde sind, die Neu-Eingemeindeten mithin schon jetzt Mit- Wieder der Gemeinde Frankfurt sind, wurde eigentlich nicht gelöst. man mehr der Ansicht zu sein, daß diese Bestimmungen ^^iung korporativer Rechtsverhältnisse beabsichtigen. J®** schließlich hören, sind nun in den letzten Tagen mit Rödelheim Verhandlungen eingeleitet worden, die nach rhrem bisherigen Verlauf die Lösung der noch strittigen Fragen zu bringen versprechen. Hamburg. (Repräsentantenversammlung.) In der Sitzung des Repräsentanten-Kollegiums der Deutsch-Israelitischen Gemeinde am 19. Juni 1928 wurde «ine reichhaltige Tagesordnung erledigt. Das Kollegium stahm zunächst einen Antrag des Vorstandes betr. Beitritt zur Arbeitsgemeinschaft an, zu der sich die jüdischen Landesverbände bis zur Verfassung des Reichsverbandes der deutschen Juden vereinigen wollen. Ebenso fand der Antrag des Vorstandes, dem Verband der Jüdischen Gemeinden Schleswig-Holsteins als außerordentliches Mitglied unter Zahlung eines Jahresbeitrages tow RM. 1000,— beizutreten, die Billigung der Repräsentanten. Ome längere Debatte knüpfte sich an einen von den zionistischen Mrtglltt>ern gestellten Antrag, der eine Aenderung des Wahlrechts Repräsentanten-Kollegium bezweckt. In Hamburg besteht das - Verhältniswahl mit dem Recht der Stimmenhäusung rnner^rlb einer Liste. Durch dieses Recht wird dem Wahlberechtigten die Möglichkeit gegeben, bestimmend auf die Reihenfolge der Wahlkandidaten innerhalb einer Liste einzuwirken. Der Antrag will dieses System durch das System der gebundenen Listen ersetzen, außerdem das Wahlalter von 25 Jahren auf 21 Jahre herabsetzen sowie das Wahlgeheimnis durch besondere Bestimmungen sichern. In der Diskussion erklärte sich Herr Dr. Fränkel grundsätzlich gegen die Ersetzung des heutigen Wahlsystems durch die gebundene Liste, weil er es für zweckmäßig hält, daß der Wähler nicht nur die Partei, sondern auch innerhalb der Partei die ihm am meisten geeigneten Persönlichkeiten bestimmen könne. Wohl ließe sich über die Modifizierung der Stimmenhäufung sprechen. Dieser Ansicht wurde auch von anderen Rednern beigepflichtet. Es wurde dem Anträge der Antragsteller 'olgend beschlossen, in einer gemischten Kommission die Frage prüfen zu lassen. Nachdem alsdann dem Vorstand die Ermächtigung erteilt war, für das Hebräische Theater Habimah RM. 1000,— gegebenenfalls zu bewilligen und der Mittclstandshilse ein Betrag von RM. 5000,— nachbewiiligt war, wurde in die Beratung des Haushaltsplans für die Zeit vom 1. Juli 1928 bis zum 30. Juni 1929 eingetreten. Der Haushaltsplan schließt ab auf der Einnahme- und Ausgabeseite mit RM. 1240 925, - und zeigt somit eine erhebliche Steigerung gegenüber dem Voranschläge für das Jahr 1927, welcher an Einnahmen und Ausgaben den Betrag von je RM. 954 698,— vorsah. In der Generaldebatte wurde von Herrn Osscnburg darum ersucht, daß in Zukunft daran gedacht würde, Rücklagen zu machen. Herr Dr. Fränkel wies daraus hin, daß die Möglichkeit bestände, daß die Kultusverbände in den nächsten Jahren mit erhöhten Anforderungen an die Gemeinde herantreten würden; dadurch würde eine Einschränkung anderer Ausgabe-Positionen eintreten müssen. Herr Alexander Levy bemerkte, daß die Kultusverbände nicht das Recht hätten, ihre finanziellen Bedürfnisse durch ein System der Besteuerung ihrer Mitglieder zu befriedigen, wie dies seines Wissens in Aussicht genommen sei. Herr Dr. Spritzer bat, von der Einsetzung eines Rücklagekontos für das kommende Etatsjah: abzusehen, da dies nur für die Zeit einer wirtschaftlichen Prosperität in Betracht kommen könne. Es folgte dann eine Besprechung der einzelnen Positionen. Der Etat wurde alsdann mit einigen Aenderungen genehmigt. Hannover. (Repräsentantenversammlung.) Einen breiten Raum in der Sitzung des Repräsentantenkollegiums vom 28. Juni nahm die „Aussprache und evtl. Beschlußfassung über den letzten Verhandlungsbericht des Provinzialverbandsausschusses am 10. d. M." ein. Gegen einen Teil der in der Sitzung vom 10. Juni aufgestellten „Ausführungs- und Uebergangsbestimmungen" wird Sturm gelausen, hauptsächlich gegen Artikel 8: „Gegen solche Beschlüsse, soweit sie den Gottesdienst und das Kultuswesen betressen, steht dem Landrabbiner innerhalb eines Monats ein Einspruchsrecht zu, welches aufschiebende Wirkung hat. Auf den Einspruch hin ist die betreffende Angelegenheit innerhalb der Gemeinde unter Zuziehung des Landrabbiners erneut zu behandeln. Kommt es nicht zu einem übereinstimmenden Beschluß zwischen der Gemeinde und dem Landrabbiner, so entscheidet ein Ausschuß, der aus fünf jüdischen Mitgliedern besteht. Die Gemeinde und der Landrabbiner ernennen je zwei Mitglieder. Die vier Mitglieder wählen den Vorsitzenden. Können sie sich über die Person des Vorsitzenden nicht einigen, so wird der Vorsitzende durch den Oberpräsidenten der Provinz Hannover ernannt. Der Ausschuß entscheidet endgültig mit Stimmenmehrheit. An diese Entscheidung sind beide Teile gebunden. Sie dürfen die Durchführung der Entscheidung nicht verhindern. Der Landrabbiner ist aber nicht verpflichtet, persönlich bei der Ausführung der Entscheidung mitzuwirken, soweit sie seinen religiösen Anschauungen widerspricht." , Herr Dr. Paul Goldschmidt: Dieser Artikel 8 sei ein Armutszeugnis. Er sei auch gegen einen erneuten Beschluß, der die Beibehaltung der Landrabbinate in zeitgemäßer Form bewirke. Herr Rudolf Herzberg: Die Landrabbinate seien unzeitgemäß. Durch bas 1842 geschaffene Gesetz seien Landrabbinate in Hannover, Hildesheim, Emden und Stade eingerichtet worden. Stade würde heute von Hiidesheim aus kommissarisch mitverwaltet. Damals seien im gesamten Bereich des Königreichs Hannover 669 steuerzahlende Juden gewesen, davon in der Stadt Hannover 101. Heute seien es 12—13 000 Inden, davon wohnen in Hannover etwa 5500, davon sind ca. 1600 Gemeindemitglieder. Hildesheim habe etwa 650, Emden etwa 900, Göttingen etwa 650, Osnabrück, das zum Landrabbinat Emden gehört, etwa 900 jüdische Seelen. So hätten ftch die Verhältnisse gewandelt. Die Kämpfe zwischen Hildesheim und Göttingen, aber auch die zwischen Emden und Osnabrück seien bekannt. Nachdem viele Kleingemeinden eingegangen bezw. zu Zwerggemeinden geworden seien, bestände für die Gemeinde Hannover keine Verpflichtung mehr, die Landrabbinate ausrechtzuerhalten. Das Armenwesen, das nicht dem Rabbiner unterstellt ist, befinde sich heute auf vorbildlicher Höhe, da es von ehrenamtlich tätigen gewissenhaften Herren und tüchtigen Beamten verwaltet würde. Das Beispiel anderer Gemeinden lehre, daß auch im Schulwesen mehr geleistet werden würde, wenn man es den Landrabbinern entzöge. — Dieser Artikel 8 mache die Gemeinden von Zufallsentscheidungen abhängig. Zwischen Landrabbiner und Gemeinde dürfe sich kein rein zufälliges Gremium drängen. Die Verhandlungen des Provinzialausschusses hätten gezeigt, daß die Landrabbiner einen rein materiellen Standpunkt verträten. So hätte sich Hildesheim nur unter der Bedingung bereit erklärt, auf das Landrabbinat zu verzichten, wenn die 1500 von Göttingen gu zahlenden Mark sichergestelll würden. Im übrigen sei er, Redner, überzeugt, daß der Preußische Landesverband die Einrichtung der Landrabbinate nicht billigen lvürde, wenn im ganzen übrigen Landesverband sonst kein einziges Landrabbinat bestände. Herr Dr. Schleisner: Falls eine Einigung nicht erzielt würde, k. önne die Gemeinde Hannover lt. Artikel 3: „Gemeinden mit eigenem Rabbiner können aus dem Landrabbinate ausscheiden usw." aus dem Landrabbinate austreten, schon damit Hannover nicht gezwungen würde, den kleinen Gemeinden seinen Willen aufzudrängen. Im Augenblick, wo Hannover aus dem Landrabbinate austrete, sei es unabhängig. Herr Dr. Schwarz: Es müsse einer Gemeinde auch möglich sein, mal etwas gegen den Willen des Rabbiners zu beschließen. Die Gemeinden könnten nicht ganz auf ihr Mitbestimmnngsrecht in Kultusangelegenheiten verzichten. Nach längerer Aussprache, an der sich fast alle Herren beteiligen, bringt Herr Max Halberstadt folgenden Antrag zur Beratung: „Bei Meinungsverschiedenheiten entscheidet endgültig eine Kommission, die besteht aus einem Mitglied des Gemeindevorstandes, drei Repräsentanten und drei Gemeindemitgliedern." Da aber fünf Herren des Kollegs durch Reise verhindert sind, an der heutigen Sitzung teilzunehmen, wird beschlossen, das Protokoll schnellstens fertigzustellen, es sämtlichen Mitgliedern des Kollegs zuzustellen und in einer für den 3. Juli einzuberufenden Repräsentantensitzung die Angelegenheit erneut zu beraten und über die Frage der Landrabbinate zu beschließen. Für heute erklärt sich das Kolleg außerstande, in einer solch schwerwiegenden Frage, wie es die Erhaltung oder Abschaffung der Landrabbinate sei, bei Abwesenheit von fünf Kollegmitgliedern entscheidende Beschlüsse zu fassen. Damit wird die fast vierstündige Sitzung geschlossen. Hannover. (Um die Landrabbinate.) Am 1. Juli d. I. fand in den Raumen der Synagogengemeinde Hannover eine gemeinsame Sitzung von Vertretern der Synagogengemeinden Hildesheim und Göttingen statt, an der als Beauftragter des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden dessen Generalsekretär, Dr. Charig, teilnahm. Den Vorsitz führte Herr Kommerzienrat Berliner, der l. Borsitzende der Synagogengemeinde Hannover. Ferner nahm an der Besprechung noch Herr R.-A. Dr. Schleisner, Hannover, teil, der Mitglied des Großen Rats des Preußischen Landesverbandes ist. — Es handelte sich um die Schlichtung des Streits zwischen den Synagogengemeinden Hildesheim und Göttingen, der anläßlich der letzten Einziehung des Landrabbinatsbeitrages entstanden war. Alle Anwesenden waren sich darüber einig, daß der Ausgang der zwischen den Gemeinden Hildesheim und Göttingen entstandenen Unstimmigkeiten über den Beitrag zur Landrabbinatstasse nur aus der Hannoverschen Judengesetzgebung zu erklären ist. Beide Gemeinden stellten fest, daß eine Zuspitzung der Verhältnisse in der Art, wie sie eingetreten war, nicht von ihnen gewollt ist. Die beteiligten Gemeindevorstände haben mit dem Hinaustragen der Angelegenhett an die Oeffentlichkeit nichts zu tun. Im Verlauf der Sitzung wurden auch Wege gefunden, die hoffentlich eine Wiederholung unliebsamer Ereignisse ausschließen werden. Somit ist der Frieden zwischen Hildesheim und Güttingen wieder hergestellt. (Wir veröffentlichen diese „amtliche" Mitteilung der Pressestelle des Preußischen Landesverbandes, trotzdem ihr sachlicher Inhalt — wie das leider bei den „amtlichen" Berichten dieser Stelle sehr häufig der Fall ist — äußerst unbefriedigend ist. Die Oeffentlichkeit interessiert es recht wenig, welche Persönlichkeiten im Aufträge der in Frage kommenden Stellen an derartigen Besprechungen teilnehmen. Weit wichtiger wäre , ihr ein« Mitteilung über die Wege, „die hoffentlich (!) eine Wiederholung unliebsamer Ereignisse ausschließen werden". Die Red.) Ibbenbüren. (Erneute Friedhofsschändung.) In Ibbenbüren in Westfalen ist der jüdische Friedhof zum dritten Male von Verbrechern heimgesucht worden. Nachdem einmal Schulknaben, das zweitemal Soldaten Grabsteine auf dem einsamen Friedhof der kleinen Gemeinde während des Krieges beschädigt hatten, sind nun am 24. Juni fünf Grabsteine, darunter ein Kindergrab, umgeworfen und teilweise zerstört worden. Die Polizeiverwaltung, die sofort mit aller Energie die Verfolgung der Täter ausgenommen hat, hat eine Belohnung von 50 Mark, die, wie wir hören, in den nächsten Tagen noch beträchtlich erhöht werden soll, auf ihre Ergreifung ausgesetzt. Dies ist der 57. Fall der Schändung jüdischer Friedhöfe, der bekannt wird. Landrberg (Warthes. (Jubiläum.) Sein 40jähriges Dienstjubiläum kann am 1. Juli der Bote der hiesigen Synagogen-Gemcindc, Gustav Ney, begehen. Dem pflichtgetreuen Jubilar wurden an seinem Ehrentage von der Synagogen-Gemeinde und von den Vorstandsmitgliedern Geldbeträge überreicht, und auch von Mitgliedern der Gemeinde wurden ihm Geschenke zuteil. Potsdam. (S y n a g o g e n j u b i l ä u m.) Bor kurzem waren es 25 Jahre her, daß die hiesige neue Synagoge ihrer Bestimmung übergeben wurde. — Da von einer besonderen Feier aus dem Anlasse abgesehen worden war, gedachte Rabbiner Dr. Schreiber dessen im Rahmen einer Freitag-Abend-Predigt. Gedachte vor allem seines so früh verewigten Vorgängers Rabbiner Dr. Kälter (Danzig), der damals dem Hause die Weihe gegeben, sowie der zum Teil schon dahingcgangenen Generation, die in Glaubenstreue und Opserfreudigkeit es errichtet hat. — Der monumentale rote Sandsteinbau, dem an hervorragenden Architekturen so reichen Stadtbilde sich äußerlich anpassend, zeigt auch im Innern die hier vorherrschenden Formen des Barock. — Der Ritus der auch den fremden Besucher anziehenden Andacht ist ein gemäßigt liberaler (mit Orgel). — Zacharias Schönberger, bis 1906 hier vorbildlich als Kantor wirkend, hat die musikalischen Grundlagen des Gottesdienstes geschaffen. Sein Nachfolger, Guttmann, ein Schüler Birnbaums aus Königsberg, wahrt pietätgemäß altüberkommenes Gut, ohne dabei die neuzeitliche Fortentwicklung des Synagogengesanges aus dem Auge zu verlieren. Würzburg. (Todesfall.) Ein geachtetes Mitglied der Kultusverwaltung, Herr Moritz Saalheimer, ist aus dem Leben geschieden. Die Gemeinde beklagt seinen Heimgang tief und dankt ihm für die wertvollen Dienste, die er seit 1921 als Mitglied des Vorstandes im Interesse des Gemeindewohls und gemeinnütziger Einrichtungen geleistet hat. Seine große Herzensgute, sein unermüdliches selbstloses Wirken und seine Hilfsbereitschaft sichern ihm für alle Zeiten ein ehrendes Gedenken in den Herzen der vielen Freunde, die von aufrichtiger Trauer von seiyem Heimgang erfüllt sind. Hanns Heinz Ewers, Ameisen, König Salomo und der Talmud Bon ©. Weisels. Hanns Heinz Ewers ist als Dichter unter die Wissenschaftler gegangen und hat im Berlage von Georg Müller in München ein Buch „Ameisen" erscheinen lassen, Has Dichtung und Wissenschaft in sich vereinigt. Zur strengen Wissenschaftlichkeit fehlt diefem Buche nur die Dosis Langeweile, durch die man sich ansonsten in naturgeschichtlichen Werken durchackern muß, wenn man Kenntnisse einsammeln möchte, um das Wissen zu bereichern. In Hanns Heinz, Ewers' wissenschaftlichem Werk gibt es keine leerlaufenden Strecken, die das Gähnen begünstigen; das Buch „Ameisen" besitzt den seltenen Vorzug, daß es gründlich ist, wie manches andere auch, und dennoch kurzweilig, wie kaum ein zweites auf diesem oder ähnlichem Gebiete. Es war Ewers möglich, die zwei ungleichen, einander widerstrebenden Elemente, Gründlichkeit und Kurzweil, durcheinander zu mischen, weil Her auch als Wissenschaftler den Dichter nicht verleugnet. Nicht nur die beigefügten humoristisch-poetischen Entrefilets, ebenso die als Zwischenspiele eingeschobenen prachtvollen Novellen nicht allein — sondern auch die eigentlichen Kernteile des Werkes, die Schilderungen vom Leben und Treiben ^der Ameisenvölker, sind fast durchgängig ein vortrefflicher, reizvoller und fesselnder Lesestoff. Alles in allem: ein Buch, wo man es ausschlägt, da ist es interessant. Mit emsigem Fleiß, wie es sich wohl für einen Bewunderer der Emse geziemt, hat Hanns Heinz Ewers jahrzehntelang für sein Ameisenbuch Material gesammelt. Er .hat Nester gebaut, Ameisenhaufen ausgegraben, Beobachtungen angestellt, Erfahrungen gesammelt und obendrein eine Unmenge von Büchern gelesen, die von allen möglichen Arten und Gattungen der Ameise handeln. Bis in die entferntesten und entlegensten Literaturwinkel ist Ewers den Spuren der Ameise nachgegangen. Er hat alles zusammengetragen, was von den ältesten Gelehrten bis zu den jüngsten Forschern über dieses wunderbare Völkchen der Insekten gesagt worden ist. Wie gewissenhaft Hanns Heinz Ewers die Literatur über die Ameise durchforscht hat, ist daraus zu ersehen, daß er nicht nur den bekannten Ausspruch König Salomos, sondern sogar ein „Gutachten" des Talmud Wer die Ameise anführt. Nun, das Zitat aus den Sprüchen Salomos nimmt mich nicht weiter wunder. Ich weiß von Ameisen nicht viel jzrnd kann zur Not gerade noch den Omeis von der Emse unterscheiden; aber ich weiß, daß jedem Ameisenforscher der Spruch des weisen Salomo geläufig ist. Ich habe noch keinen Schriftsteller gefunden, der in einem Artikel über den Stil nicht Buffons „Le styl c'est l'homme" angeführt hätte; und ich habe noch keinen Gelehrten gesunden, der in einem Buch übe» Ameisen nicht König Salomos Mahnruf: „Geh zur Ameise, du Fauler, siehe ihre Weise an und lerne!" zitiert hätte. Anders aber ist es beim Talmud. Der Talmud ist heute noch ein fremdes, ungekanntes, für manchen ein mit sieben mal sieben Siegeln verschlossenes Buch, und die Stellen, die von den Ameisen handeln, liegen darin so versteckt, daß selbst ein gewiegter Rabbi und Talmudkenner nur selten zu ihnen gelangt. Wenn nun Hanns Heinz Ewers diese verborgenen Stellen aus dem Talmud zitiert, so beweist es, wie gesagt, mit welchem Emsenfleiß er aus alten Schriftwerken alles auf die Ameise Bezügliche zusammengetragen hat. Bon zweierlei Art sind die Zitate, die Hanns Heinz Ewers beibringt; entweder enthalten sie Belege, die seine eigenen Beobachtungen bestätigen, oder sie enthalten Jrrtümer, die er berichtigen will. Es versteht ftch bei Hanns Heinz Ewers nahezu von selbst, daß er kein Blatt vor (den Mund nimmt und selbst dem Weisesten aller Menschen eine weise Lehre erteilt. König Salomo sagt: „Gehe hin zur Ameise, du Fauler, siche ihre Weise an und lerne! Ob sie wohl keine Fürsten, noch Hauptmann noch Herrn hat, bereitet