Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 27 (6.7.1928)
- Date
- 1928-07-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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»WWW M Aus Loustantin Brunner« Tagebuch Die nachfolgenden Abschnitte sind dem neuen Werk des Philosophen Constantin Brunner „Aus meinem Tagebuch" (Verlag Gustav Kiepenheuer) entnommen, das in der aufgelockerten Form tagebuchmäßiger, scharf pointierter Bemerkungen, kleinerer und größerer Aufsätze über die mannigfaltigsten Gegenstände die große Fruchtbarkeit der Brunnerschen Denkprinzipien bezeugt und einen leichten Zugang zu ihnen bietet. Heine. Das tleinsinnige Geschwätz über die Bedingnisse und Abhängigkeiten bedeutender Geister, denen diese Bedingnisse und Abhängigkeiten doch immer unwesentlich und zufällig Weiten; daher sie vielmehr zu betrachten wären nach ihrer Unabhängigkeit von allem äußerlich Erscheinenden und nach den Bedingungen, welche durch sie für die Menschenwolt neu auftommen, nach dem Positiven ihrer Originalität. Solche Betrachtung freilich gelingt nur Geistern ihresgleichen. Das Ekelhafteste in dieser Welt der moralischen Kritik ist die Regel, nach der sie allererst versucht mit der geistigen Originalität eines Mannes fertig zu werden dadurch, daß sie seinen moralischen Charakter antastet. Man hat das auch an Goethe probiert, davon weiß die heutige Welt nicht mehr; aber Heine gegenüber geht es fort, ja in gewissen Kreisen glaubt man ihn bereits begraben, weil man so viel Schaufeln Dreck auf ihn geworfen, und man lacht dort nur noch über „Chajim Bückeburg"; wie er übrigens nicht wirklich geheißen hat. Aber wenn sein eigentlicher Name so gewesen wäre (die Frau in der Beichte hat dem Priester, der sie nach ihrem Namen frug, geantwortet: „Mein Name ist keine Sünde!"); und als wenn man in diesen Kreisen zu lachen verstünde! Heine lacht besser, er lacht am besten; und so wird er ganz gewiß zuletzt lachen. Aber wahrlich, es ist nicht nur seine göttliche Lachlust. Wie tuet wert immerhin ein Mann wie Heine ist, kann man sich nahe bringen durch die Vergegenwärtigung, daß ganz Amerika keinen Dichter und Schriftsteller von seiner Kraft und Wirksamkeit hervorgebracht hat. Ich war jüngst wieder einmal in meinem lieben Kommersbuch so recht zu Hause, in diesem Buch unserer Romantik; aber das edelste uno das deutscheste Lied darin bleibt doch die Loreley von Heine in Silchers Komposition. Die Tiefe des deutschen Geistes lebt in unseren Märchen und Sagen und in unserer Sprache. Nirgendwo so wie hier hat unsere Sage ihre Sprache pnd ihre Melodie. .. Die Lügner, die uns einreden wollen, Herne ser kem deutscher Dichter und nichts als ein Jude. Tie Diebe, die Diebe am Vaterland! Heine ist ein ganzes Stück Deutsches Vaterland. Der Judenhaß und die Lüge. Am Judenhaß also trägt die Schuld der Haß, der in den Menschen so leicht aufregbare Menschenhaß. Er sitzt aus, der Judenhaß, auf „den Andern", von denen die ungeheure geschichtliche Sünde begangen wurde und von ihrer vielen noch fortgesetzt begangen wird, sich — ohne Land und ohne Staat! — als ein Volk zu betrachten. Solch ein Volk- Nichtvolc unter den Völkern — das entfesselte diese ganz tiefe Bosheit der Lüge; es existiert nun in aller Welt eine Literatur und ein Reden gegen die Juden, als wäre jedes Wort vocher in der Hölle glühend gemacht worden. Nur durch Änderung der Verhältnisse und durch die wirkende Macht der Tatsachen ist Besserung möglich und Rückgang der Lüge; fortschreitender Sieg der Wahrheit — das ist eine Phrase, die keinerlei Anwendung findet. Es ist mit dem Wahrheitssinn zu schlimm bestellt! Man denke nur an die „zwei Wahrheiten" der Vernunft und des Glaubens, des Aberglaubens; daran mag man sichs deutlich machen und sehen, daß es durchaus im Stil der Menschheit und ihrer besten und gebildetsten Gesellschast. Auch über die Juden gibt es die Wahrheit der Vernunft, wonach sie Menschen find gleich den übrigen Menschen, nicht weniger „moralisch" und nicht weniger begabt; aber allzu viele halten an der Wahrheit des Glaubens, der Lügenwahrheit, derzufolge die Juden kaum als Menschen geltm können. Man lügt dabei nicht bewußt, bewußt nicht viel mehr als sonsthin, vielmehr es geht wie bei der Religion und ist bte Mythologie, der man nun heute glaubt. Bis jetzt sieht es noch nicht aus, als ob die Allgemeinhell hinsichtlich der Juden aus der Mythologie heraus könnte und aus das Niveau der Wahrheit. Dennoch ist der Anfang vom Ende da, und es gibt bereits Aufgeklärte, die aber natürlich (man denke an die ersten Aufgeklärten über die Religion und an die heutige liberale Theologie) allergrößtenteils noch im Aberglauben befangen sind. Man erlebt sein blaues Wunder an „Philosemiten", wie die angesteckt sich zeigen von den „Antisemiten"! Sie kennen diese Sache, das Leben dieser Lebendigen nicht, über welche sie gerecht urteilen möchten; sie haben deren Leben, das Leben unschuldiger Menschen in einer Gesellschast, die gegen sie von Vorurteil und Haß erfüllt sich zeigt und ihnen mithin einen wichtigen Teil der Bedingungen entzieht, unter denen der Mensch in seiner verhältnismäßigen Freiheit leben kann, — sie haben ein Leben von solcher Art nicht erlebt, nicht empfunden durch und durch. Wenn irgendwo, so ist hier wahr, daß man empfunden haben müsse, worüber man urteilen will. Jeder hat sein Leben und bleibt im Grunde gleichgültig gegen ein derartiges Unrecht und Unglück, wovon seinesgleichen und also auch er selber nicht bedroht werden kann. Bei äußerst Wenigen ist das anders. Dies Zeugnis mutz ich FriÄrich Nietzsche geben: in der ganzen modernen Menschheit hat sich kaum ein anderer so selbstlos aufgeregt und derart echt aus dem reinsten Gewissen heraus empört gleich ihm über die Tiefheit und Mächtigkeit der Schiefheit und Ungerechtigkeit im Judenurteil und Judenhaß. Daß die Juden ihrerseits auszüklären und die Wahrheit zu verbreiten suchen, ist selbstverständlich, wie sollten sie anders; aber man steht eben ihnen gegenüber gar nicht auf dem Niveau der Wahrheit, sondern Mythologie und Lüge ist gegen sre los; und fehlt Klarheit über die geschichtliche und politische Macht der Lüge und über den Geschwindigkeitsunterschied zwischen Wahrheit und Lüge. Die Lüge hat schon die Runde gemacht, während die Wahrheit sich noch die Schuhe anzieht; und ehe noch der Wahrheit die Berichtigung einer Sache gelungen, ist inzwischen schon die Lüge'mit zchn neuen Sachen rundum. STOliWERCI^ ’&illh."% iDohlSchmajzkcnd L nahrhaft. * Sprechsaal » Für diese Rubrik übernimmt die Schristleitung lediglich die preßgesetzlich'e Verantwortung. Gegen Palliöre Bon George Goetz. Der alte Ghettogeist lebt noch. Da hat ein belgischer Minister einen Ausflug nach Palästina gemacht; er äußert sich lobend, und schon find gewiffe Kreise am Werk, ihn wie eine Jahrmarkts-Attraktion von Ort zu Ort zu sichrem Aehnlich machte man es vor nicht allzu langer Zeit mit einem General. Und eine gewisse jüdische Presse gibt und gab die Vorträge in derart epischer Breite und in so sensationeller Aufmachung wieder, wie es mit Vorträgen von Glaubensgenossen nie geschieht: „Seht, ein leibhaftiger General, ein wirllicher Minister äußern sich über uns mit Wohlwollen!" — Und wie in der Politik, so im Reich des Geistes: der Christ Aime Palliere äußert sich wohlwollend, und schon wird ihm in Frankreich, da er Theologe ist, eine jüdische Kanzel zur Verfügung gestellt, in Deutschland sein Buch^) über Gebühr propagiert — und all dies „unbesehen", wie es im Kaufmanns-Deutsch heißt: weil er uns lobt, ist er §u loben, so will es der Ghettogeist, der, atavistisch^ uns un Blut rumort. — Wir müssen es Hugo Spiegler danken, daß er nicht unbesehen mitlobte, daß er sich Palliere angesehen und ihn alsdann nicht gelobt hat?). Und wenn unser sonst so kritischer und eigenwilliger Dr. Gott schall der allgemeinen Bezauberung derart erlegen ist, daß er für Pa'lliere eine Lanze bricht), so scheint weitere Erörterung bringend geboten In dem von Baeck verfaßten Vorwort heißt es: „Nichts von einer Darstellung oder auch nur Darbietung des Ich 1) Aime Palliere: „Das unbekannte Heiligtum", Verlag „Der Heine-Bund", Berlin 1927. 2) Bergt. „Jüdisch-liberale Zeitung" Nr. 20 vom 18. Mai bs. Js. 3) Bergt. „Jüdisch-liberale Zeitung" Nr. 24 vom 15. Juni ds. Js. SAISON. S in fast allen Abteilungen PREISE TEILWEISE I HERABGESETZT BIS ZUR* HÄLFTE HER HAHN leipziger Str.. JUexonderpiotz, Frankfurter Allee, Bene-AMance-Str., UDniersitorfer Ar.. Brunnenstr., i, Chuusseesir., Andressstr.