Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 27 (6.7.1928)
- Date
- 1928-07-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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»Der Menschensohn" 3« dem Buch von Emil Ludmig. Bon Rabb. Dr. Gott sch alk, Frankfurt a. Main. ' (Schluß.) 3. Beurtettuug des Buches. So läßt Ludwig das Bild Christi an uns vorüberriehen, nicht genau nach dem einen oder anderen Evangelium!, sondern nach einer Mischung aus allen, schreibt also gleichsam ein fünftes. Und man hätte es noch eher so nennen rönnen, wenn er mehr Gleichnisse ausgenommen hätte. Dann würde vielleicht ein Christus für „die Gebildeten unter seinen Verächtern" neu erstanden sein, ein Christus, der dem Verstand kc ne Rätsel aufgibt, denn er ist nicht auferstanden, dessen „Wunder" nicht zu häufig sind und nur widerwillig getan. Aber es ist auch klar, daß dieser psychologisierte Christus gerade der Kraft des Originals, die Nacherzählung der Wucht des Eindrucks, den gerade die Ursprünglichkeit verleiht, entbehren müßte, wie sie dieses Buch .entbehrt. Ein religiöses Genie ist eben doch etwas anderes als das Genie eines Bismarck, Napoleon und selbst Goethe, obwohl hier 0 manche Aehnlichteit besteht. Ludwig betont, daß man , us an intuitiver Kraft gleichen müßte, wenn man Worte in seinem Sinne erfinden wollte. Aber um ein fünftes Evangelium zu schreiben, vier andere nachzuformen, muß man genau so intuitiv sein. Schon um den religiösen Stil zu finden. Ein religiöses Genie, das aus Erleben schafft, im Gefühl verankert ist, von der Schau lebt, den Seherblick hat, überwältigt wird, Leidenschaft ist in jedem Moment, im Lieben und Zürnen, im Weich- und Empörtsein, in einem Augenblick Welten überschaut, jedes Wort beinah anders meint als die „anderen", es anders fühlt als sie, bei dem alles auf den Ton, die Stimmung, die Miene ankommt, das stellt nun einmal keine langatmigen Ueberlegungen an, alles ist Blitz und Wurf und Schwung und nicht stilisierte Psychologie. Ludwig hat gewiß kein „schlechtes Buch" geschrieben. So gesagt, wäre es lächerlich. Aber vielleicht ist das gerade der stärkste Einwand, daß er ein — gutes, glänzendes Buch geschrieben hat, das ergreift, erschüttert, hinreißt, lebendigeji packende Situationen schildert. Aber ein Gemälde, welches später den Rahmen so gesprengt hat, wie das, in dessen» Mittelpunkt Christus steht, kann eben so nicht geschildert werden. Wenn überhaupt, dann durch sparsamste Worte — kurz, wuchtig, andeutend hingeworfen, wie es Barbusse» in seinem „Jesus" versucht oder durch Gemälde — die ja auch Ludwig angeregt haben und die er seinem Buch beiaegeben hat — vor allem aber durch Musik. Darauf weist auch schon Brunner hin. Vielleicht ist es bezeichnend für Ludwigs Einstellung, wenn er von „Verdunklung" spricht und damit den Kampf und den Ton der Leidenschaft meint, der an Stelle des Tons der Mebe tritt. Ach, diese Verdunklung ist ja ganz Helles Licht, sie verkleinert, sie entstellt, sie verfärbt ihren Helden nicht, sie ist der Ton der Gerechtigkeit, die man im Neuen Testament immer nicht finden will. Sie gehört dazu, sie gehört zu dem weichen und milden Mann, auch wenn man ihn so nie dargestellt hat. Es ist das Donnern und Grollen der Ewigkeit, das Pathos des Sittlichen, die Glut der — Liebe. Wie konnte Ludwig das übersehen und von „neuer Deutung" alter Worte reden. Er sagt am Schluß, daß der Mann, der 30 Jahre lang nur gesungen habe, mit einem Schrei gestorben sei. Nur gesungen? So hat ihn doch Ludwig selbst nicht gezeichnet. Und doch, wenn man will, nur gesungen — aber dann gehört der dramatische Ton so zur Harmonie wie der lyrische. Und so werden ihm wohl auch Christen die „hochfahrende Exstase" verübeln, die wir auch -elbst ganz anders ansehen: als das geheimnisvoll übermächtige :raftgefühl der Gottbesessenen, in dem „Hochmut" nur Demut und hoher Mut. Einzelheiten sind demgegenüber belanglos. Nur eines: Ludwig treibt auch mit dem Wort Christus' Psychologie: „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen." Wir haben seine Deutung oben angeführt. Sie liegt nahe, aber sie paßt kaum in die Schilderung Ludwigs; vor allem jedoch hätte er sie nicht anführen sollen, weil dann die ganze Bedeutung Christus' und nicht zuletzt feines Todes in ern Nichts zusammenfiele. Entweder — oder. Und da er seinem Buch das Motto gibt „m hmus aetatts martyrum", so hat er mit dieser Deutung niemand ermutigt. Die Welt hat ja diesen Ton auch nie herausgehört. Daran hat wohl Renan gedacht, als er in seinem „Leben Jesu" schrieb: „Eine kurze Zeit sank ihm der Mut. Eine Wolke verbarg ihm das Antlitz seines Vaters. Er rang mit der Verzweiflung. Es graute ihn, für ein so erbärmliches Geschlecht zu leiden, und er brach in den Ruf aus: ..„Aber das Göttliche in chm gewann den Sieg.. Er erkannte, daß sein Tod das Heil der Welt bedeute." Vom jüdischen Standpunkt aus muß man es bedauern, daß Ludwig, der immerhin Hillel erwähnt, auf cie fromme Witwe hinweist, den Spruch vom Feindeöhaß der Juden fortläßt, doch wieder schlechthin vom Gott der Rache der Juden redet. Dies in einem Buche, das von dem Schwert Christi spricht, an das er ja auch mindestens gedacht hat, dres vor allem in einer Zeit, in der so viele Nichtjuden die Dinge endlich anders und gerechter beurteilen. Aber damit kommen wir zum Anfang zurück. Wir wollten ja nicht bloß ein Buch besprechen. Was man im einzelnen zu ihm auch lagen möge, die Christenheit oder besser die Jesuheit hat durch Ludwig eine glänzende Verherrlichung erfahren und das in 8 Sprachen aus einmal. Was haben wrr dazu zu sagen? 4. Christus als Judst. Liegt darin nicht erne indirekte Herabsetzung des Judentums? Sicher nicht, wenn man an die anfangs zitierten jüdischen Stimmen denkt/) Auch sie dienen mehr oder weniger, der Verherrlichung Christi, aber sie erhöhen damit nur den Juden m ihm. Wir billigen das, denn wie Nichtjuden duäh immer neue Bücher den Welt rühm Christi mehren, tragen Juden eine Weltschuld ab, die Juden seinerzeit gegen ihr Judentum aufgeladen, zum größtenteil sicher aus Unfähigkeit, einen Frommen wie Christus voll erfühlen zu können, zum Teil doch aber auch aus Unduldsamkeit und übertriebener Starrheit. Auch Grätz spricht ja von der „kaum faßbaren Peinlichkeit, die die Schule Schama'is für die Beobachtung der religiösen Gesetze zur allgemeinen Regel machte. Sie hat das pharisäische Prinzip auf die Spitze getrieben." Ach, hätten sie ihn gewähren lassen. Vielleicht wäre die Märtyrergeschichte des Judentums we- *) Vgl. noch Lazarus: „Welcher Dichter rühmt sich, ein höheres Ideal gefunden zu haben als in Chr. verwirklicht erscheint? Wo war je so viel Weisheit mit Einfalt gepaart, wo ging so hohe Kraft mit so tiefer Demut Hand in Hand. Wenn alle Weisen dahin strebten, den irdischen Menschen zum Himmel em-or zu bringen, wollte er den Himmel zur Erde bringen." * Versammlungskalender * Brerltw. Ilt „Abraham Seiger". Bis auf Weiteres jede« Montag, abeuds 8.15 Uhr, zwangloses Beifammeufei« im Kurgarte«, Lürassierstraße (bei ungünstigem Wetter im Saals. Ueber Ausflüge am Svuutag erteile« Auskunft: Ludwig Freund, Xeudorfstraße 37, Fernsprecher 33320, und Alfred Berger, Augustastraßr 67, Fernsprecher 37754. Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendgemeinschast. 17. und 31. Juli, 20.30 Uhr, EsHrrsheimerlandstraße 29: Sartenabendr. 4. August: Cafes Fraueuhvf Svmmersest. Goltesdieaste * } BerUn-Rordm. Liberale Synagoge Norden <im Auerbachsche« Waisenhaus, Schön» Hauser Allee 162 a): Wegen baulicher Beräuderungeu bleibt die Synagoge ab 3. Juli geschlossen. Der Gottesdienst beginnt wieder am Freitag, den 10. August 1928. Beelin-Wilmersdorf-Schöueberg. Liberale Synagoge Wilmersdorf flu der Aula der Cäcilienfchule, Rikolsburger Platz): Ab. 3. Juli bleibt die Synagoge geschlossen. Der Gottesdienst beginnt wieder am Freitag, den 10. August 1928. Der Gottesdienst an den hohen Feiertagen findet im Bebra-Palast- Atrium, Kaiserailee Ecke Berliner Straße, statt. Plätze zu Mk. 3,—, 5,—, 8,—, 10,—, 12,— und 15,— bei Dr. Leo Caro, Motzstraße 39; Theaterkasse K.D.W. und Hermann Tietz, Leipziger Straße. Weitere Berlaussstellen werden noch betanntgegeben. Niger umfangreich geworden, und man hätte erreicht, was man verhindert hat und so zu erreichen glaubte: eine jüdische Weltreligion. Aber sie tonnten es nicht, wie sie es nie gekonnt. Ja hört man nicht heut noch tatsächlich den Ausspruch: „Ein Christ ist mir lieber als ein liberaler Jude?" Und will man nicht einmal, um den Prozeß Christi zu verstehen, Nachlesen, was Geiger vor etwa 100 Jahren bet seiner Uebersiedlung von Wiesbaden nach Breslau, nach ferner Proberede und nach seinem Amtsantritt erlebte? Wegen „offener Verletzung des Sabbaths" („Aehrenrausen"!) sollte er entlassen sein, so verbreitete man eine pure Verleumdung Und nach seiner Antrittsrede wandte man sich an oie Behörde und verklagte seine mangelnde „Gläubigkeit" und betonte, daß die „Neuerer sich zu den Zwecken revolutionärer Bewegung mißbrauchen lassen". (Juda aus Galiläa!) Und warum? Weil man ihn stumm machen wollte. Gerger mußte sich verteidigen und sprach von „boshafter Feigheit, niedriger Täuschungssucht, tiefer Unwissenheit, fanatischer Bigotterie". Und nach dem Amtsantritt wieder eine Schrift von ö0 (!) Seiten, in der Geiger die Verletzung einer Reche äußerer Dinge vorgeworfen werden und dann: „Wenn die oissentierende Gesinnung des Herrn Dr. Geiger zur Kenntnis der obersten Behörde (Pilatus!) gekommen sein würde, hätte ich nicht nötig gehabt. . /' Und dagegen Geiger: „Gehn wrr weg von diesen Heuchlern („Weh euch, ihr Pharisäer, ihr Heuchler!") und Lügnern, dre nichts von Religion, nichts von Wahrheit und Aufrichtigkeit, nichts vom Judentum, nichts von seiner Geschichte, nichts von Wissenschaft und nichts von seiner Humanität wissen." „Es ist schaudererregend, wenn man diese Verworfenen so recht enthüllt." „Ich kenne die Leute, die. . mit Heuchlern, Klüglingen, Jndifferentisten gern einen Bund schließen." „Nicht minder verdient jene Gelehrsamkeit die Geißel, die. . sogleich mit ihrem Geschrer bereit rst: „Es ist eine Mizwo, es steht geschrieben." Diese ist ein wahrer Fluch des Judentums." — Es ist zweifellos, daß nur der liberale Jude, der sein Judentum kennt und die Juden in ihm, Christus ganz gerecht werden wird. Wenn Herford fragt, woher die Gegnerschaft zwischen Christus und den Pharisäern, wenn er selbst ein Pharisäer gewesen sein soll, — er muß vrelmchr ern Am harrez sein, — dann kennt er wohl die Kategorien des Judentums ausgezeichnet, übersteht auch aus ferner Tendenz zu einer neuen Gerechtigkeit gegen uns nicht, daß sich Christus nur gegen den unvollkommenen Teil der Pharisäer gewandt hat, den es damals gab und heute noch gibt, und an den ich natürlich auch hier nur denke, und der \a schon im Talmuv von den guten Pharisäern gegeißelt wird, vergißt aber, daß es auch liberale — unvollkommene und weniger unvollkommene Pharisäer — gab und gibt. Und da diese Juden auch Wissende sein können, so war eben Christus kein Am harrez, sondern ern tiefreligiöser, liberaler Pharisäer, der Mose und die Propheten vor allem kannte, in ihrem Geiste predigte und im Geist eines Hillel und eines Sirach, der aber daneben auch verstand, die alten Worte in neuer Form darzubieten, die uns Juden als Midrasch geläufig ist. Er war in Gott und deshalb Gott in ihm, und so sind seine Aeußerungen über sein Verhältnis zu Gott aufzusassen, alles als Bild und als Symbol, alles ein Stammeln für fein Gefühl einer göttlichen Sendung. Ganz prophetisch. „Ich sende Dich" — „Ich werde mir Dir sein." „Bevor ich Dich bildete, Hab ich Dich erkannt." Das sagt doch der Prophet, der Gott auch „Vater" nennt, auch aus sich — also aus göttlicher Kraft. Urrd alle die Christus damals nachfühlten, ungefähr nachfühlen konnten, sahen ihn so, als Propheten, als Menschen in Gott. Vollkommen und übermenschlich war auch er nicht. Durchaus übertrieben darum, wenn Ludwig ihn die ganze Mitwelt überragen läßt. Auch er flucht dem Feigenbaum, auch er kennt einen Herrn, „der zornig wird" und die Sernen „den Pernigern überläßt". Und als er vor dem Hohenpriester einen Streich bekommt, hält auch er die andere Backe nicht hin. Das N. T. weiß nichts davon. Und als sich drc Heidin an ihn wendet, ist er entweder rm ini Anfang mehr klug als fromm, da er sie abweist oder in die Menschheitstendenz der Bibel noch lange nicht eingedrungen. Und dem Tode, dem Opfertode, sucht er zu entgehen, solange es möglich. Esfft als es zum Aeußersten kommt, erwacht der Held in ihm. (Den Verzweiflungsruf am Kreuz dagegen: „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen "kwerden wir nicht werten wollen; vielleicht war es schon eine Axt Fieberrus. Und andere Lesarten lauten ia auch anders. Aber auch auf die Zurückweisung der Mutter und der Familie überhaupt werden wir nicht Hinweisen. Auch vom „Lewi" sagt ja Mose: „Der zu Vater und Mutter spricht, ich Hab sie nicht gesehen, seine Brüder nicht kennt, von feinen Söhnen nichts weiß. Denn sie wahren dein Wort und hüten deinen Bund." Es handelt sich eben nicht um fein leichtfertiges „Hassen", sondern um jenen gewalkigen Verzicht auf Eigenglück und jenes Boranstellen des Ideellen, wre es sich ber allen Großen findet. Man denke an Jeremias Klage, man denke an Ibsens „Brand". Grade in orefem Punkt ist Christus recht prophetisch. Und m dem Wort vom „Schwert", das er bringt, sehen wir gewiß keine Kciegsandrohung. Wenn er die Familie gegeneinander werfen will, so ist das offenbar jener höchste Geisterkampf, der wieder das Persönliche zurückstellt. Auch hier kennen wir ähnliches. Mose ist es, der nach der Errichtung des goldenen Kalbes den Kamps gegen Bruder, Nächsten und Verwandten befiehlt und Hort sogar mu dem wirklichen Schwert.) Er war darin freilich nicht „fchlechter" als seine Vorbilder, die den Gott der Liebe singen, aber daneben und zuweilen auch vom Gott der Strenge sprechen, des Zorns, der „Rache" uno sich von dieser Anschauung — denn es war doch nur ihre Anschauung — beeinflussen lassen. „Wer sich rächtwird Rache vom Herrn erfahren" — „Nimm Dich nrcht des Sünders an, gib nicht dem Gottlosen," singt oerselbe Sirach, der auch den Satz kennt, „Es hält ein Mensch gegen den anderem Zorn fest und wlll vom Herrn Heilung erfahren?" (Aus solchen Gegensätzen läßt sich — vielleicht — auch das Rätsel lösen vom Feind, den der Jude hassen soll." So wörtlich und schroff steht es in der Tat nirgends, aber es gab eben die „Unvollkommenen", die Sätze wie den von Sirach als Richtschnur kündeten!) Wir haben ja umsomehr Veranlassung, Licht und Schatten in dieser Weise auf beiden Seiten gleichmäßig zu verteilen, als heute von christlicher Seite auch gegen uns immer mehr so verfahren wird. Schon Renan nannte zwar die Worte Philos ein Echo des Evangeliums, muß aber jedenfalls „feine herrlichen Grundsätze der Liebe zu Gott, der Barmherzigkeit, der Ruhe in Gott" rühmend anerkennen. „Viele Männer, vor allem Hillel, hatten erhabene, fast evangelische Lehren verkündet." Und rn neuerer Zeit erklärt es König für eine ungeschichtliche Tatsache, daß die „reine Religion erst mit Christus begonnen habe," Bolz nennt Jeremia das wahre Abbild Jesu, Wergl fordert auf: „Machen wir gut, was frühere Zeiten an Schuld gehäuft," Kittel erklärt: „Keiner, der den Talmud wirklich kennt, und der Wahrheit die Ehre gibt, kann leugnen, daß immer wieder ganz echte Töne reinen sittlichen Strebens hereinklingen. Immer wieder Gedanken, dre noch den Geist des alten ethischen Prophetismus in sich tragen, von dem eben auch das Spätjudentum herkam." Wenn aber Kittel meint, daß das Judentum lebenswirllich sei und deshalb die absichtlich lebeusunwirklichen Aussprüche Christi ablehnen müsse, so ist demgegenüber Hac - nack lehrreich: „Die Sittenregeln der Bergpredigt, welche dem Christen gelten, der da weiß, daß er hier keine bleibend:' Stätte hat, können nicht ohne weiteres auf die Völker übertragen werden, dre die Erde bebauen und bewachen sollen." Harnack macht deshalb einen Unterschied zwischen Krieg und Krieg und Pazifismus und Pazifismus. Den Verteidigungskrieg nennt er heilig. Den anderen verfemt er. Und auch rm „Wesen des Christentums" hatte Harnach ja immerhin zugeben müssen: „Gewiß, das was Jesus verkündigte, das war auch ber den Propheten, das war sogar in der jüdischen Ueberlieferung seiner Zeit zu finden, selbst die Pharisäer hatten es." Und ebenso gegenüber dem Ausspruch Kittels schon Renan: „Wenn die Christen, anstatt die Juden mit blindem Hasse zu verfolgen, mit jener Denkweise gebrochen hätten, die ihrem Herrn den Tod gebracht hat, wievielmchc hätten sie sich um die Menschheit verdient gemacht." Und endich Herford in seltnem bekannten Buch: Die Pharisäer mußten sich gegen Christus wenden, sie glaubten die Religion in Gefahr. Wenn Christus feinen Lehren gemäß gehandelt hätte, hätte er seinen Feinden helfen müssen. Das Judentum empfand nicht die Notwendigkeit der Erlösung. Ein totes Judentum wäre ein verhängnisvolles Unheil für das Christentum geworden. Was das Judentum auch von Christen erfahren, „es lebt unbesiegt und unbesiegbar". Der vorurteilslose Liberale wird grade eine Annäherung aus dem Boden des Jesutums, denn nur darum handelt es sich natürlich, herzlich begrüßen müssen und zu fördern bemüht fein. Die Arbeit hierfür bringt nicht erst die Zeit des Messias, sie ist es schon. Oder wird durch solche Arbeit unsererseits der Ruhm der Christenheit gemehrt und uns durch uns selbst der Boden entzogen? Ich denke, im Gegenteil. Indem wir den Riß zwischen Jesutum und Christentum immer weiter ausreißen und den „Christen" Jesus seinem Boden zurückgeben, dem Judentum, zwingen wir den ehrlichen Christen immer wieder, uns kennen zu lernen und sich auf sein Eigenteil — Christentum — wosern er dort bleiben will, zurückzuziehen. Einst ging von einem Juden ein Judenchristentum aus — weshalb könnte heute nicht von Juden ein Christenjudentum ausgehen, d. h. könnten nicht Christen für das Judentum durch Aufklärung gewonnen werden. Mer wir sollten diese Arbeit nicht bloß theoretisch — defensiv oder offensiv — leisten, sondern auch praktisch. Schaffen wir — oder bester redigieren wir doch — eine nachb lblis che Bibe l. Teilarbeiten gibt es genug hierfür. Schaffen wir ein Ganzes. Ohne Kommentar, aber ans die reinste Religion und Ethik beschränkt. Apokryphen und Pfeudopigraphen, Mischna und Talmud und Midrasch und Philo, vielleicht auch Bachjas „Herzenspflichten" und die „Sütenlehrer" sollten in bester Auswahl die Quellen Win. Auch Märtyrerbiographien sollten nicht darin fehlen. Das wäre dann wirklich ein 5. Evangelium, aber ein jüdisches. Denken wir aber auch an unsere Bibel Eine Bibel für Schule und Haus und Synagoge — angefüllt nur mit reiner Religion, ohne Kriegs- und Siegesgeschrei, ohne Archäologie und ohne Opfer, ein Buch, das man ohne Kommentare versteht, ein Buch der gebändigten Leidenschaft, der bcherrschten Sprache, des geläuterten Fühlens wäre ein Zeichen geläuterten Judentums, ein Ausdruck entschiedenen, innerlichen, nicht bloß äußerlichen Fortschritt- Willens. Wäre ein Spiegel aber auch für das Jesutum. Seien mr freilich auch sonst konsequent. Zitieren wir nicht bloß immer Verse, die den Menschheitsgedanken verherrlichen; ferern wrr nicht bloß in jedem Jahr Ruth, die den Menschheitsgedanken des Judentums verkörpert, die ohne jede Zeremonie Jüdin wurde, die die Stammutter des Messias ist; feien wir nicht bloß stolz auf den Noachismus, der ein Judentum auf rein geistiger Grundlage lehrt, rein religiös, ohne Satzung und Brauch, liberaler also als jeder Liberalismus und der so dem Nichtjuden den Weg ins Judentum öffnet — sondern handeln wir auch danach. Lehnen mr uns immer wieder und wieder auf gegen die unglückliche Belebung des jüdischnationalen Gedankens. Empfangen wir den Nichtjuden, der zu uns will, in freiestem Geist und nicht mit begrenztem Liberalismus. Dienen wir dem Judentum um der Menschheit willen, der Menschheit um des Judentums willen.