Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 26 (29.6.1928)
- Date
- 1928-06-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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8. Jahrgang Nummer 26 Liberalismus und Schule Wenn jüdische Menschen liberaler Weltanschauung sind, und wenn der Wunsch nach Erhaltung und Ausbau und die Notwendigkeit des Kämpfens für diese Anschauung Organisationen erzeugt, so scheint es eigentlich eine Selbstverständlichkeit Ul sein, daß ein Hauptarbeitsgebiet dieser Organisationen die Schule ist. Denn in den werdenden Menschen müssen Ideen gepflanzt werden, nicht erst in den schon gewordenen, nicht erst in den, der schon geistig wie körperlich zu Ende geformt. Zumal es sich in diesem Falle, im Falle der liberalen Erziehung nämlich um ein Zweifaches handelt: ein Ausreißen alter Denkart und ein Einpflanzen neuen Geistes. Es soll hier nicht über Ursachen, Konstellationen der geistigen Mächte und dergleichen meditiert werden. Ich möchte nur einmal unumwunden feststellen, daß die große Masse der liberalen Juden kaum etwas tut zur Erziehung ihrer Kinder in einem wirklich Liberalen Geist, in und zu einer liberalreligiösen Gedanken- und Ideenwelt. Ich weiß, es gibt liberale Jugendbünde. Aber einmal ist die Arbeit der Jugendbünde sekundär im Vergleich zur Schule, schon weil die Schule zeitlich vorangeht und die Grundlagen der Bildung legt, ferner besteht-Schulzwang und schließlich ist die Bildungsarbeit auch der besten Bünde nur eine sporadische und ergänzende. Ist es nötig, noch mehr anzuführen? Will jemand be st reiten, daß die liberalreligiöse Erziehung bereits in der Schule zu beginnen hat? So wirft sich denn die Frage auf, w a s zu geschehen hat, welche Wege zu beschreiten und welche Mittel anzuwenden sind. Mein Hauptvorschlag geht dahin, Schulbücher zu schaffen, die unserer Weltanschauung entsprechen. Es gibt heute noch kein liberales Schulbuch für den Unterricht in der biblischen und jüdischen Geschichte, d. h. keines, das für meine Begriffe konsequent liberal wäre. Entweder man benützt orthodoxe Lehrbücher, wie den Stern, Auerbach oder Bücher, die einen Konzessions-Liberalismus aufweisen. Auf diese Weise erzieht man aber weder Liberale noch Orthodoxe, sondern Menschen, die das eine nicht wollen und das andere nicht können, die haltlos zwischen den verschiedenen Weltanschauungen einherpendeln, ihr Judentum verachten, weil sie es nicht kennen gelernt, die so oder so auf die Passivseite unserer Bilanz gelangen. Diesem unwürdigen Zustand muß ein Ende gemacht werden. Zum Schluffe: Ohne auf die Details und fachlichpädagogischen Einzelfragen des Warum und Wie dieser Dinge einzugehen, habe ich in bewußter und gewollter Einfachheit des Ausdrucks auf einen Kernpunkt unserer liberalreligiösen Erziehungsarbeit hingewiesen. Ich erhoffe mir von diesem kurzen Artikel, daß er eine rege Diskussion entfesselt und schließlich dazu führen wird, daß die in Frage kommende Arbeit, nämlich die Schaffung geeigneter Unterrichts- und Lehrbücher, endlich praktisch in Angriff genommen wird. Der Verfasser dieses erbittet von allen Interessierten Meinungsäußerungen, Vorschläge allgemeiner und spezieller Art. Die Arbeit ist eine dringende und wichtige, denn noch ist das Gedanken- und Lehrgebäude unvollendet, noch fehlt die Erziehung von Grund auf, noch herrscht Unklarheit und deshalb Untätigkeit in der Masse unserer Bekennerschaft. Wer hilft mit? Jssi Bayer, Bingen. Tagung des Verbandes bayerischer israelMscher Gemeinden Annahme des Reichsvecbandsentwurfes. Ueber die Eröffnung der Tagung des Bayerischen Landesverbandes haben wir bereits in der vorigen Nummer ausführlich berichtet. Die sachlichen Beratungen der am 17. und 18. Juni in Bamberg ftattgefundenen Tagung begannen mit dem Bericht des Schatzmeisters des Verbandes, Ludwig Rosenzweig-Nürnberg, über die Finanzgebahrung des Jahres 1927 und den Haushaltsplan 1928. Der Haushaltsplan für 1928, der eine Summe von Mk. 574041,70 betrifft, wurde genehmigt. Der Betrag für Siedlungsbestrebungen des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten wurde auf 8000 Mk. (statt wie ursprünglich vorgesehen 5000 Mk.) erhöht. Gelegentlich dieses Punktes stellte die zionistische Fraktton den Antrag, dem Keren Hajessod einen Betrag zu bewilligen. Als jedoch die liberale Fraktton erklärte, zu diesem erst in der Debatte gestellten Antrag keine Stellung nehmen zu können, wurde der Antrag für dieses Mal zurückgenommen. Brückheimer- Marktbreit trat für die Bestrebungen der Jugendbewegung ein. Rabbiner Dr. Baerwald-Münchm wies auf die Gefahr hin, daß die Organisierung der Wohlfahrtspflege zu einer Mechanisierung sichre, und betonte mit Nachdruck die Notwendigkeit einer Erziehung der Hilfsbedürftigen. Das größte Interesse wandte sich naturgemäß dem Punkte „Reichsarbeitsgemeinschast und Reichsverband" der Tagesordnung zu, über welchen Justizrat Dr. Hommel-Schweinfutth am 2. Tage der Verhandlungen. berichtete. Der Referent hob die wichtigsten Punkte des Berfassungsentwurfs des Reichsverbandes hervor. Der Reichsverband entsteht durch Zusammentritt der Landesverbände. Die Selbständigkeit der Landesverbände wird durch Zusammengehörigkeit zum Reichsverband nicht berührt. Der Verband ist eme religiöse Körperschaft. Eine seiner wichtigsten Ausgaben ist die Förderung von Unterrichts- und anderen gemeinnützigen Anstalten. Die Organe des Verbandes sind Rat und Tagung (Vertretern ersammlung). Die Mitglieder von Rat und Tagung werden von den Organen der Landesverbände delegiert. In dm Angelegenheiten, in denen die Tagung zuständig ist, ist gemeinsamer Beschluß von Rat und Tagung notwendig. Insbesondere hat die Tagung die erforderlichen Mittel zu bewilligen. Der Bttmrs wird auf die Landesverbände umgelegt, und zwar nach der Seelmzahl der Verbände. Umlagen dittfen zunächst nur bis zu 1 Mark auf dm Kopf erhoben werden. Zum Schutz der Gewissensfreiheit besteht ein Vetorecht in religiösen Fragm. In der Abstimmung wurde der Entwurf vom Rate einstimmig, von der Tagung mtt überwältigender Mehrheit gegen 4 Stimmen angenommen. Gleichzeittg erhielt das Präsidium des Rates die Ermächtigung, zu Abänderungsvorschlägen anderer Landesverbände Stellung zu nehmen, soweit es sich um grundsätzliche Fragen handelt. Damit hat der Bayerische Vellage 29. Juni 1928 Ae Wsch-liberale Veltlonserev; Delegierte der Bereinigten Staaten von Amerika. In Nr. 22 dieses Blattes vom 1. Juni veröffentlichten wir die Namen der 17 Delegierten, welche die Union of American Hebrew Congregations (Amerikanische Vereinigung für das liberale Judentum) zur Delegiertentagung nach Berlin entsendet. Wir sind nunmehr in der Lage, .auch die Namen der von der Central Conference o f AmericanRabbis nach Deutschland delegierten 18 Rab» biner bekanntzugebm: Dr. Edward N. Calisch, Richmond, Ba.; Dr. H. G. Enelow, New $or! City; Dr. Leo M. Franklin, Detroit, Michigan; Dr. Maurice H. Harris, New Bork City; Dr. Jacob H. Kaplan, Miami, Florida; Rabbi Charles Levi, New Dork City; Dr. Gerfon B. Levi, Chicago, Illinois; Rabbi Joseph Leiser, Helena, Arkansas; Rabbi David Lefkowitz, Dallas, Texas; Rabbi Jsaac Marcuson, Macon, Georgia; Dr. Julian Morgenstern, Cincinnati, Ohio; Dr. David Philipson, Cincinnati, Ohio; Dr. William Rosenau, Baltimore, Maryland; Dr. Joseph Silverman, New Bork City; Dr. Samuel Schulman, New Dork City; Dr. Nathan Stern, New Bork City; Dr. Louis Wolsey, Philadelphia, Pa.; Rabbi Martin Zielonka, El Paso, Texas. Delegierte von Frankreich. Die Union Liberale Jsraelite wird folgende Persönlichkeiten zur jüdisch-liberalen Weltkonferenz nach Berlin delegieren: Rabbin Louis Germain Levy; Salvador Levi; Edouard Memelsdorf; Mme. Memelsdorf; Professor Theodore Reinach; Mme. Eugene Simon. Dek-ierte von England. Von der Jewish Religious for the Advanccm en t of Liberal Judaism werden die nachgenannten Damen und Herren als Delegierte erscheinen: Leslie Edgar; The Hon. Mrs. Franklin; Michael Franklin; I. H. Hersch, Cambridge; Maz Herz; Mrs. Lionel Jacob; Lionä Jacob; Louis P. Jacobs, Hove; Miß C. P. LewiSß Rabbi Dr. Mattuck: Simon D. Mayer; The Hon. Lily H. Montagu, I. P.; The Hon. Marian Montag»; C. G. Montefiore M. A., D. D.; The Rev. M. L. Perlzweig; Leon Rees; Samuel M. Rich. Teilnehmermeldungen. Bei der Delegiertentagung des Weltoerdandes für religiös-liberales Judentum am 18. bis 21. August ln Berlin find alle Mitglieder der Bereinigung für das iwerale Judentum als Gäste herzlich willkommen. Wir bitten unsere Ortsgruppen und Einzelmitglieder in Berlin und im Reiche, sich recht zahlreich zu beteiligen. Da für die angemeldete« Gäste besondere Eintrittskarten ausgegeben werden, ersuchen wir um baldige Meldung, damit alle Vorbereitungen getroffen werdm können. Unsere Berliner Mitglieder und Freunde bitten wir um Bereichellung von Privatquartieren und nehmen diesbezügliche Mitteilungen dankbar entgegen. Bereinigung für das liberale Judentum e. L., Berlio SW 48, Wllhelmstraßr 147. Landesverband als erster der deutschen Landesverbände den Entwurf angenommen. Bis zum Inkrafttreten der Verfassung des Reichsverbandes ist eine Reichsarbeitsgemeinschaft der Landesverbände vorgesehen. Den weiteren Inhalt der Beratungen bildeten Gehalts¬ und Pensionsfragen. R.-A. Flaschner-München, der Syndikus des Verbandes, referierte über die verschiedenen Abänderungen der Besoldungsordnung, welche in Anpassung an das Bayerische Beamten-Besoldungsgesetz vom 20. April 1928 notwendig geworden sind. UÄer die Uebernahme der Alters- und Hinterbliebenenversorgung für die nichtreichsdeutschen Beamten auf den Verband referierte Justizrat Dr. Elias Strauß-München. Für die nichtreichsdeutschen Beamten ist die Uebernahme der Versorgung durch den Bersorgungsverband bekanntlich nicht möglich. Für solche Beamte übernimmt der Verband die Versorgung auf Antrag der betreffenden Gemeinde. Oberlehrer Stoll-Würzburg berichtete über die Ergänzung der Gehalts- und Versorgungsbezüge der jüdischen staatlichen Volksschullehrer durch den Verband. Die in dieser Richtung vorliegenden Entwürfe wurden angenommen. Die Schaffung einer Bezirksgemeinde-Ordnung, die die Tagung wegen weiterer Vorarbeiten dieses Mal noch nicht beschäftigen konnte, wurde durch einen Antrag gefördert, wonach der Verband die Rabbiner-Konferenz ersucht, Vorschläge zur Neueinteilung der Rabbinatsbezirke zu machen. In der Abschlußsitzung der Tagung wurden soziale Fragen behandelt. Dr. Friedrich Ollendorf, der Geschäftsführer der Zentralwohlfahrtsftelle der deutschen Juden in Berlin, sprach in fesselnder Weise über „Probleme der jüdischen Wohlfahrtspflege". Ueber die Wohlfahrtsarbeit des Verbandes berichteten die Beamttnnen des Wohlfahrtsamtes des Verbandes Frl. Dr. Strauß und Frl. Katzenstein. Ueber die Siedlungsfrage refetterte R.-A. Dr. Alfred Werner-München, Vorsitzender der Ortsgruppe München des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Dr. Werner legte die Notwendigkeit einer Berufsumschichtung der deutschen Juden unter Heranziehung der Selbstmord- und Geburtenstatistik der deutschen Juden dar. Er betonte insbesondere, daß es dem Frontbund fernliege, zu experimentieren; es komme nicht darauf an, Leute aus sicheren Existenzen herauszureißen, sondern zunächst die bereits ausgebildeten jüdischen Landwirte, die wegen der bekannten Verhältnisse keine Unterkunft finden könnten, unterzubringen. Es wurde der Beschluß gefaßt, Rat und Präsidium des Verbandes zu ermächtigen, zu weiterer intensiver Bearbeitung der Siedlungsfrage die erfoärerlichen Vorkehrungen zu treffen. Zum Schluß der Tagung dankte S. A. Weil-München dem Präsidium des Verbandes für die geleistete ersprießliche Arbeit und der israelitischen Kultusgemeinde Bamberg für die bewiesene Gastfreundschaft und die ausgezeichnete organisatorische Vorbereitung der Tagung. Dr. M. Spanier zu feinem 75. Geburtstag (2.3nli 1928) Ein günstiger Wind weht mir in dem Augenblicke, da ich mich anschicke, unserem hochverehrten Freunde, Dr. M. Spanier, zu seinem nahenden 75. Geburtstage Gruß und Glückwunsch zu bieten, ein Blatt der „Vossischen Zeitung" auf den Schreibtisch, in dem sich ein Aufsatz mit der Ueberschrist „Tin Fünfundachtzigjähriger" aus der Feder des Franffurter Berichterstatters des genannten Blattes, Ernst Klein, befindet. Dieser Auffatz> der zu Ehren des Freiherrn Maximilian Benedikt von Goldschmidt-Rothschild geschrieben ist (letzterer vollendete in diesen Tagen sein 85. Lebensjahr), hebt mit den Worten an: „Ist es ein Glück und ein Geschenk, wenn einer das biblische Alter: um ein Jahrfünft mit der Aussicht überschreitet, daß der Weg weiter führt ins zehnte Jahrzehnt hinein?" Und diese seine Frage beantwortet der Verfasser des Aufsatzes dahin, daß, wenn der Jubilar sich einer solchen Frische rühmen dürfe, wie der erwähnte Freiherr, das „Geburtstagskind", man ihn wohl zu seinem 85. Geburtstage beglückwünschen dürfe. Frage und Antwort kann man mit gutem Gewissen auf unser Geburtstagkind, das jüngere von beiden, beziehen, dem diese Zeilen gewidmet sind, vielleicht sogar mit größerem formellen Rechte, da, streng genommen, das biblische Alter, was der unseres Wissens aus dem geistlichen Stande hervorgegangene Schreiber jenes Artikels sicher weiß, 70 Jahre beträgt, und nur, wenn es hoch kommt (nach der bekannten Uebersetzung Luthers), 80. Unser Jubilar darf nun in ungetrübter Frische des Geistes und wohl auch der Körpers seinen 75. Geburtstag begehen. Ein Grund für uns, den wettgedehnten Kreis seiner Freunde und Gönner und Verehrer, sich seiner in Dankbarkeit zu erinnern und seiner mannigfachen Dienste und Verdienste um unsere Gemeinschaft zu gedenken. Es wird kaum einen - aufmerksamen - Leser dieser Zeitung (oder der früheren „Allgemeinen Zeitung des Judentums") geben, dem nicht der Name Dr. M. Spanier geläufig wäre, ebensowenig wie es einen guten liberalen Juden geben wird, der nicht von Dr. M. Spaniers Arbeit für das liberale Judentum gehört und gelesen hätte. Weit über den Kreis seiner beruflichen Wirksamkeit — er war in Magdeburg 35 Jahre lang als hauptamtlich angestellter Religionslehrer tätig, übrigens als der erste seines Zeichens in dieser Eigenschaft in der genannten Synagogengemeinde, — hat Dr. Spanier eine reiche und reichgcsegnete schriftstellerische und rednerische Propaganda für die Ziele des Judentums in der Auffassung entfaltet, zu der wir uns bekennen. Besondere Leistungen Hai der Jubilar auf dem jüdischpädagogischen Gebiete vollbracht, und zwar schon zu einer Zeit, wo das hernach vielfach bestellte Geistes- und Arbeitsfeld noch ziemlich brach lag. So hat er bereits im Jahre 1830 ein „Quellenbuch für den Unterricht in jüdischer Geschichte und Literatur" veröffentlicht, das wohl in mancher Hinsicht eine Vorstufe für das neuere, in mehreren Bänden beresis vorliegende Höxtersche Quellenwerk darstellt, ein knappes Jahrzehnt darauf „Moses Mendelssohn als Pädagoge" sowie kurz nachher „Die jüdische Ethik und Herbarts fünf ethische Ideen". Gemeinsam mit dem — leider bereits Heimgegangenen — E. Ftanter hat Spanier den „Wegweiser für den jüdischen Religionsunterricht" herausgegeben, der gute Lehrproben und Aufsätze gebracht hat. Es ist zu bedauern, daß diese Zeitschrift, von der nur vier Hefte erschienen sind, eingegangen ist. Wie in Schrift, so hat Dr. Spanher auch wiederholt in bedeutsamen Borträgen sein Können auf jüdisch-pädagogischem Gebiete, um nicht zu sagen: seine Meisterschaft, erwiesen. Zu mehreren Malen hat er auf den großen Tagungen der jüdischen Lehrervereine den Berbandsvortrag gehalten, z. B. über die Frage: „Welche Anforderungen müssen an die jüdischen Lehrer und Lehrerbildungsanstalten gestellt und von beiden erfüllt werden?" (veröffentlicht in der vom Verband der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche herausgegebenen Denkschrift „Zur Frage der Lehrerbildung", ebenso einen — mit großem Beifall aufgenommenen — Vortrag: „Die Bedeutung der Bibel für die religiös-sittliche Bildung der Jugend". Auch die anderen Vorträge, die er in Vereinen, Verbänden, Logen und ähnlichen Organisationen gehalten hat, sind über den Kreis der Zuhörer hinaus, für die sie zunächst bestimmt waren, in die weitere Oefsentlichkeit gedrungen. Im Aufträge der Großloge für Deutschland des U.O.B.B. leitete er bis zum Ausbruch des Weltkrieges, wo er sein Erscheinen einstellen mußte, den monatlichen „Wegweiser für die Jugendliteratur". Bon seiner Gemeinde Magdeburg, die man dank der festen Verwurzelung in ihr wohl seine zweite Heimat nennen darf, erhielt er den Auftrag, ihre Geschichte zu schreiben, eine Aufgabe, die er ohne nennenswerte Vorarbeit — lediglich Güdemann, der Rabbiner dieser Gemeinde von 1862—1867 war, um nachher einem ehrenvollen Ruft nach Wien zu folgen, hatte ein Büchlein „Zur Geschichte der Juden in Magdeburg" verfaßt — mit einer tabellarischen Darstellung in Angriff nahm, um sie später mit der „Geschichte der Juden in Magdeburg" zum Abschluß zu bringen. Nach seiner vor etwa einem Jahrzehnt erfolgten Versetzung in den Ruhestand hat unser Jubilar gleichwohl nicht geruht, sondern, immer der Alte, der Unermüdliche — emsig und unverdrossen gewirkt und, wie er es in seiner bescheidenen Art heißt, „Lesefrüchte" auf den verschiedensten Geistesgesilden gesammelt und sie in Beziehung zu Judentum und Judenhcit gesetzt. Mit besonderer Betonung sei da seine hingebungsvolle Arbeit für das „Jüdische Wochenblatt für Magdeburg und Umgegend", das Ürgan der dortigen Gemeinde, erwähnt, dessen leitender Redakteur er eine Zeit lang war, und dessen literarischen Teil er heut noch versorgt. Diese Würdigung des Lehrers und Gelehrten, des Schriftstellers und Schriftleiters, des Vortragenden und Geschichtsschreibers wäre aber ganz unvollständig, gedächte sie auch nicht des — um es gleich zu sagen — vorzüglichen Menschen, der Persönlichkeit. Schließlich empfangt doch alles Schaffen Wert und Wirkung von dem Schaffenden her, der hinter dem Schaffen steht, ja, über dem Schaffen steht. Und wenn, nach einem Worte des Talmuds, Gott das Herz verlangt, so werden wir für die Würdigung einer echtenrechten Persönlichkeit Charakter verlangen dürfen und müssen. Eine solche Persönlichkeit, einen solchen Charakter verehren wir in unserem Fünfundfiebzigjährigen. Wir schätzen an ihm die Gradheit seines Lebensweges, die Schlichtheit und Wahrhaftigkeit seines Wesens, dieses Einssein von Lehre und Leben, dieses ungebrochene „Ganzsein mit dem Ewigen, Deinem Gotte", wie die Lehre Israels es heischt. Wir erkennen und, was mehr ist, wir anerkennen in ihm den treu-und warmherzigen, selbstlosen Freund, der wie selten einer Freundschaft z» pflegen weiß, dem Gutsein ein Teil des Frommftins bedeutet, der im wahren Sinne des Wortes ein „guter Jude" ist und das heißt ein guter Mensch. Bon Abraham lesen wir, daß Gott ihn im Alter von 76 Jahren berief und zu seinem Werkzeuge erkor. Unser Jubilar hat seine Berufung schon vorher erhalten und ausgeübt. Wir wünschen ihyr aber, daß jetzt, wo er in das Berufungsalter Abrahams einteitt, sich seine Kraft erneuere und verjünge und noch lange Jahre Vorhalte, ihm und den Seinen zur Befriedigung und dem Judentum und der Menschheit zur Ehre und zum Nutzen! Rabbiner Dr. Halpersohn - Breslau.